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Mittwoch, 25. Oktober 2006
3 -> Der Ewige von Alnilam
cymep, 18:14h
[...Fortsetzung von gestern]
Unverzüglich erschien das Gesicht von Admiralin Hers, einer farbigen Terranerin in den frühen Fünfzigern, auf dem Monitor seiner Arbeitskonsole. Sie wirkte sehr ernst. „Captain Lennard, spreche ich auf einem sicheren Kanal?“
‘Was ist denn jetzt passiert?’ dachte dieser und wies den Computer an: „Computer, Verschlüsselungsalgorithmus auf höchste Sicherheitsstufe einstellen.“
Nach einem Moment des Zögerns erklärte der Hauptcomputer schlicht: „Verbindung steht, Sicherheitspriorität Alpha Eins.“
„So, Admiralin Hers, ich denke, ich kann es nun riskieren, Ihnen gleichfalls einen guten Tag zu wünschen.“
Hers Ausdruck zeigte kurz Verärgerung, doch dann entspannte sie sich wieder. „Gut, vielleicht haben Sie Recht mit Ihrer Bemerkung und ich bin wirklich mit der Tür ins Haus gefallen. Es gibt jedoch einen triftigen Grund dafür. Wir haben nämlich gerade eben eine Funk-botschaft aufgefangen, die auch Sie in Erstaunen versetzen wird.“
Hers Mühe beim Erklären Ihres Anliegens weckte Lennards Interesse; die Admiralin war nämlich wirklich stets ein sehr direkter Mensch, wie sie gerade selbst zugegeben hatte. Wenn sie also in dieser Angelegenheit nicht sofort mit der Sprache herausrückte wie sonst üblich, musste es etwas äußerst Delikates sein. „Eine Botschaft welcher Art?“
Die Frau auf dem Bildschirm suchte nach Worten. „Es ist wohl so etwas wie eine Grussbotschaft oder ein Versuch, Kontakt aufzunehmen.“
Kontakt mit uns? Meinen Sie eine unbekannte Spezies?“
„Nicht so schnell, Captain! Es ist offensichtlich, dass der Absender keine Ahnung hatte, wen die Botschaft erreichen würde... oder ob sie überhaupt jemanden erreichen würde. Zudem wurde der erkennbare textliche Inhalt in dreiundzwanzig verschiedenen Sprachen ausgesandt.“
Bordarzt Stern schaltete sich ein: „Verzeihen Sie mir diesen Einwand, Sir, aber ist das nicht naheliegend bei solch einer Kontaktbotschaft? Wenn ich mich an die Aussendung der al-lerersten Voyager-Sonden erinnere...“
Hers schnitt ihm brüsk das Wort ab. „Das weiss ich selbst, Lieutenant. Was an dieser Sache so ungewöhnlich ist, ist die Tatsache, dass jede einzelne dieser Sprachen sich vollkommen von allen anderen in der Sendung verwendeten unterscheidet. Der Hauptcomputer der Werftanlage hat mehrere Minuten benötigt, nur um festzustellen, dass der Inhalt aller Botschaften identisch ist.“
„Sie scherzen!“ entfuhr es Lennard. Der Hauptcomputer einer Sternenbasisanlage war einer der fortschrittlichsten Rechner im ihnen bekannten Teil des Universums, ein Gebilde, das etwa fünfzehn Meter durchmass und auf der Station zwölf Decks in der Höhe einnahm. Er bestand aus einer Vielzahl von Nanoprozessoreinheiten, die in isolinearen optischen Speicher-chips zusammengefasst waren. Die Funktionsweise dieses Gerätes war identisch mit der der drei Hauptrechenwerke an Bord der Aldebaran, jedoch waren seine Kapazitäten ungleich grösser. Der Computerkern wurde in ein schwaches Subraumfeld gehüllt, ähnlich einem Warpfeld für den Überlichtflug. Durch diese minimale Raum-Zeit-Verzerrung konnte eine Datenverarbeitungsgeschwindigkeit im Inneren des Kerns erreicht werden, die weit über der Lichtgeschwindigkeit lag. Allein der Gedanke, eine solche Maschine würde länger als einen Sekundenbruchteil für die erfolgreiche Verarbeitung irgendwelcher Daten benötigen - und mochte die Aufgabenstellung noch so komplex sein - überstieg seine Phantasie bei Weitem.
„Und das bei einer inhaltlichen Gesamtlänge von nicht einmal einer Seite Übersetzung“, fügte Hers hinzu.
„Das müssen Sie mir bitte genauer erklären,“ verlangte Lennard, „was hat der Universaltranslator bei seiner Analyse verifiziert?“
„Zunächst einmal, dass jede der vorkommenden Sprachen keinerlei Ähnlichkeit mit einer der anderen dort verwendeten aufweist. Die vokabularen, grammatikalischen und allgemein denkmusterbedingten Unterschiede sind derart gravierend, dass mit völliger Sicherheit gesagt werden kann, dass diese Sprachen von verschiedenen Arten auf verschiedenen Welten entstanden sein müssen. Verstehen Sie? Im Vergleich dazu muten Finnisch, Mongolisch und Sulawesi wie drei leicht verschiedene Dialekte ein- und derselben Sprache an.“
„Demzufolge hat unser unbekannter Absender schon vielfältigen Kontakt mit raumfahrenden Rassen gehabt“, schloß Lennard.
„Und welche Rassen waren das?“ fragte Stern impulsiv.
Etwas verlegen antwortete Hers: „Nun... bis auf eine Ausnahme, keine uns bekannten Lebensformen.“
„Allmählich verstehe ich gar nichts mehr“, musste Lennard eingestehen.
„Um es kurz zu machen: der Hauptcomputer hat keine bestehenden oder historischen Referenzen über irgendwelche Ähnlichkeiten mit uns bekannten Kommunikationsmustern feststellen können. Der Universaltranslator hat sogar eine Notiz angeführt, dass er nur aufgrund der ausreichenden Länge des Textes eine zuverlässige Übersetzungsmatrix aller Muster anfertigen konnte.“
„Es gibt also in der gesamten Föderation keinerlei Informationen über diese ganzen Sprachen oder deren Herkunft? Das klingt wirklich sehr phantastisch“ meinte Stern.
„Bis auf die eine Aufnahme, die ich erwähnt habe. Und die läßt den Schluss zu, dass alle Kulturen, welche diese Sprachen hervorgebracht haben, schon vor Urzeiten untergegangen sein müssen - und zwar schon vor so langer Zeit, dass sämtliche Spuren von ihnen verlorengegangen sind... bis auf den einen vagen Hinweis.“
Lennard wollte wissen: „Worum handelt es sich denn dabei?“
„Eine der Proben stimmt zu sechsundsiebzig Prozent mit einer Inschrift überein, die vor zwölf Jahren bei einer archäologischen Ausgrabung auf Alpha Centauri VI in der Wand eines tempelähnlichen Gebäudes gefunden wurde. Dieses Artefakt stellt übrigens bis zum heutigen Tag den einzigen Beweis von intelligentem Leben auf dieser Welt dar. Es war in einer Halbwüste unter zwanzig Metern Sand verschüttet und wurde mit neuesten Methoden zur Altersbestimmung auf etwa 260’000 Jahre datiert.“
„Mein Gott!“ Stern war fasziniert von dem Gedanken. „Es gab also vor einer Viertelmillion Jahren eine raumfahrende Kultur in unserem Nachbarsystem, die der Unbekannte gekannt haben muß. Was meinen Sie, haben diese Wesen vielleicht auch die Erde besucht?“
„Schon möglich. Allerdings ist diese Funkbotschaft der erste Beweis überhaupt, den wir dafür haben, daß die Bewohner dort jemals Kontakt interstellarer Art hatten. Womöglich hat der Absender auch sie besucht und nicht sie ihn.“
„Dann hätte er keine Mitteilung schicken müssen“, widersprach Lennard. „Es hat vielmehr den Anschein, als könnte er nicht - oder nicht mehr - von seiner Heimatwelt wegreisen und wollte deshalb durch seine Botschaft auf sich aufmerksam machen. Dabei fällt mir gerade ein: könnte es nicht sein, daß wir die meisten dieser Kulturen nicht kennen, weil sie weit ausserhalb des Föderationsgebietes oder gar in einer anderen Galaxie leben? Wenn diese Wesen eine ähnlich fortgeschrittene Technologie wie beispielsweise die Borg besitzen oder noch weiterentwickelt sind, wäre es doch denkbar, daß sie diese Entfernungen in einer passablen Zeitspanne zurücklegen könnten.“
Hers zog spöttisch einen Mundwinkel hoch. „Dann wäre diese Botschaft sicher nicht mit Lichtgeschwindigkeit ausgesandt worden. Was glauben Sie, Captain, von wem er sich wohl in zehn- oder auch hunderttausenden von Jahren eine Antwort erhofft?“
„Oh!“ Nach einem Moment betretenen Schweigens wollte er wissen: „Wenn die Botschaft mittels konventioneller Funkwellen gesendet wurde, müßte man sie doch lokalisieren können?“
Zustimmend nickte Hers: „Das ist korrekt. Wir haben den Ursprung auch bereits ermittelt. Und jetzt halten Sie sich fest: sie stammt aus dem Alnilam-System.“
„Was? Das liegt doch mitten im Föderationsraum!“ entfuhr es Stern.
„Das stimmt“, bestätigte die Admiralin wiederum, „es wurde am Anfang des Jahrhunderts während der grossen Erforschungsmissionen jenseits des Gourami-Sektors von einem der Excelsior-Schiffe kartographiert und als unbewohnt sowie als völlig unbewohnbar für Sauerstoffatmer eingestuft. Weder die Föderation noch sonst eine uns bekannte Intelligenz unterhält irgendwo in diesem System Einrichtungen ziviler oder militärischer Art. Sämtliche Flug-routen führen in weitem Bogen um Alnilam; es gibt nicht einmal Subraumfunk-Relais-stationen in interstellarer Nähe.“
„Das System ist also völlig isoliert und wird von allen gemieden. Das hat doch sicher einen bestimmten Grund“, mutmaßte Lennard.
„In der Tat, das Muttergestirn Alnilam selbst nämlich“, kam postwendend die Antwort. „Mir liegen hier einige Daten vor, die diesen Umstand wohl mehr als ausreichend erklären. Alnilam besitzt nur etwa den dreissigfachen Durchmesser der Sonne, zählt aber zu einem der heissesten und hellsten Sterne im uns bekannten Universum. Sie weist wahrscheinlich die grösste Masse, mit Sicherheit aber das größte Gravitations- und Magnetfeld aller katalogisier-ten Fixsterne auf. Der Teilchenstrom dieses Gestirns, der sogenannte Sonnenwind, stört Funk- und auch Subraumsignale noch Lichtjahre entfernt. Bei Ausbrüchen der elektromagnetischen Feldlinien auf der Sonnenoberfläche werden die sechs Planeten des Systems schön regel-mäßig von unvorstellbaren Mengen an Röntgen- und Gammastrahlung geradezu sterilisiert. Deshalb nahm man damals wohl auch an, dass eine Suche nach Leben dort wenig bringen würde und ist deshalb entsprechend oberflächlich vorgegangen. Außerdem spielte der Zeitfaktor ebenfalls eine nicht unwichtige Rolle; das Schiff konnte nicht allzulange im System verweilen, weil die Schutzschilde keinen ausreichenden Schutz vor der Sonnenstrahlung boten.“
Stern keuchte verblüfft auf. „Sie meinen, die natürliche Sonneneinstrahlung war so stark, dass sie die Schilde eines Schiffes der Excelsior-Klasse überforderte?“
Hers wandte ein: „Diese Mission liegt schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, vergessen Sie das nicht, Doktor. Heutzutage sind die Schilde eines einfachen Personen-Shuttles des Typs 7 bereits stärker als die einer Excelsior der ersten Stunde.“
„Ja, der Fortschritt der Technik ist unaufhaltsam“, meinte Stern philosophisch.
„Mich wundert, dass bei dem starken Sonnenwind und dem Magnetfeld Alnilams diese Nachricht überhaupt so weit vorgedrungen ist“, äusserte Lennard.
„Wir halten das auch für reines Glück“, stimmte Hers ihm zu, „denn bei diesen Bedingungen ist die Chance, einen interstellaren Funkspruch erfolgreich abzusetzen, wirklich astronomisch klein.“
„Und was werden Sie jetzt unternehmen?“
Hers lächelte: „Sie meinen, was werden Sie unternehmen?“
„Wir?“ entfuhr es Lennard verdutzt. „Aber wir liegen doch noch mindestens drei Tage am Dock. Gibt es...?“
„Sie sind das einzige verfügbare Raumschiff mit der erforderlichen Sensorenausrüstung in diesem Sektor. Die Wartung an der Aldebaran umfasst lediglich Modifikationen aller Computersysteme, wenn ich richtig informiert bin. Da allein schon die Hauptsysteme dreifach redundant sind, können die beiden Computertechniker ihre Arbeit genauso gut während Ihrer Mission fortsetzen. Das Alnilam-System ist schliesslich nur einundzwanzig Lichtjahre von hier entfernt; außerdem ist mir zu Ohren gekommen, dass Ihre Besatzung nichts gegen einen Auftrag, der etwas Spannung und Abwechslung bietet, einzuwenden hätte.“
„So?“ Lennard verdrehte verzweifelt die Augen. Gab es denn gar nichts, was man in dieser verflixten Sternenflotte geheimhalten konnte?
[Fortetzung folgt morgen...]
Unverzüglich erschien das Gesicht von Admiralin Hers, einer farbigen Terranerin in den frühen Fünfzigern, auf dem Monitor seiner Arbeitskonsole. Sie wirkte sehr ernst. „Captain Lennard, spreche ich auf einem sicheren Kanal?“
‘Was ist denn jetzt passiert?’ dachte dieser und wies den Computer an: „Computer, Verschlüsselungsalgorithmus auf höchste Sicherheitsstufe einstellen.“
Nach einem Moment des Zögerns erklärte der Hauptcomputer schlicht: „Verbindung steht, Sicherheitspriorität Alpha Eins.“
„So, Admiralin Hers, ich denke, ich kann es nun riskieren, Ihnen gleichfalls einen guten Tag zu wünschen.“
Hers Ausdruck zeigte kurz Verärgerung, doch dann entspannte sie sich wieder. „Gut, vielleicht haben Sie Recht mit Ihrer Bemerkung und ich bin wirklich mit der Tür ins Haus gefallen. Es gibt jedoch einen triftigen Grund dafür. Wir haben nämlich gerade eben eine Funk-botschaft aufgefangen, die auch Sie in Erstaunen versetzen wird.“
Hers Mühe beim Erklären Ihres Anliegens weckte Lennards Interesse; die Admiralin war nämlich wirklich stets ein sehr direkter Mensch, wie sie gerade selbst zugegeben hatte. Wenn sie also in dieser Angelegenheit nicht sofort mit der Sprache herausrückte wie sonst üblich, musste es etwas äußerst Delikates sein. „Eine Botschaft welcher Art?“
Die Frau auf dem Bildschirm suchte nach Worten. „Es ist wohl so etwas wie eine Grussbotschaft oder ein Versuch, Kontakt aufzunehmen.“
Kontakt mit uns? Meinen Sie eine unbekannte Spezies?“
„Nicht so schnell, Captain! Es ist offensichtlich, dass der Absender keine Ahnung hatte, wen die Botschaft erreichen würde... oder ob sie überhaupt jemanden erreichen würde. Zudem wurde der erkennbare textliche Inhalt in dreiundzwanzig verschiedenen Sprachen ausgesandt.“
Bordarzt Stern schaltete sich ein: „Verzeihen Sie mir diesen Einwand, Sir, aber ist das nicht naheliegend bei solch einer Kontaktbotschaft? Wenn ich mich an die Aussendung der al-lerersten Voyager-Sonden erinnere...“
Hers schnitt ihm brüsk das Wort ab. „Das weiss ich selbst, Lieutenant. Was an dieser Sache so ungewöhnlich ist, ist die Tatsache, dass jede einzelne dieser Sprachen sich vollkommen von allen anderen in der Sendung verwendeten unterscheidet. Der Hauptcomputer der Werftanlage hat mehrere Minuten benötigt, nur um festzustellen, dass der Inhalt aller Botschaften identisch ist.“
„Sie scherzen!“ entfuhr es Lennard. Der Hauptcomputer einer Sternenbasisanlage war einer der fortschrittlichsten Rechner im ihnen bekannten Teil des Universums, ein Gebilde, das etwa fünfzehn Meter durchmass und auf der Station zwölf Decks in der Höhe einnahm. Er bestand aus einer Vielzahl von Nanoprozessoreinheiten, die in isolinearen optischen Speicher-chips zusammengefasst waren. Die Funktionsweise dieses Gerätes war identisch mit der der drei Hauptrechenwerke an Bord der Aldebaran, jedoch waren seine Kapazitäten ungleich grösser. Der Computerkern wurde in ein schwaches Subraumfeld gehüllt, ähnlich einem Warpfeld für den Überlichtflug. Durch diese minimale Raum-Zeit-Verzerrung konnte eine Datenverarbeitungsgeschwindigkeit im Inneren des Kerns erreicht werden, die weit über der Lichtgeschwindigkeit lag. Allein der Gedanke, eine solche Maschine würde länger als einen Sekundenbruchteil für die erfolgreiche Verarbeitung irgendwelcher Daten benötigen - und mochte die Aufgabenstellung noch so komplex sein - überstieg seine Phantasie bei Weitem.
„Und das bei einer inhaltlichen Gesamtlänge von nicht einmal einer Seite Übersetzung“, fügte Hers hinzu.
„Das müssen Sie mir bitte genauer erklären,“ verlangte Lennard, „was hat der Universaltranslator bei seiner Analyse verifiziert?“
„Zunächst einmal, dass jede der vorkommenden Sprachen keinerlei Ähnlichkeit mit einer der anderen dort verwendeten aufweist. Die vokabularen, grammatikalischen und allgemein denkmusterbedingten Unterschiede sind derart gravierend, dass mit völliger Sicherheit gesagt werden kann, dass diese Sprachen von verschiedenen Arten auf verschiedenen Welten entstanden sein müssen. Verstehen Sie? Im Vergleich dazu muten Finnisch, Mongolisch und Sulawesi wie drei leicht verschiedene Dialekte ein- und derselben Sprache an.“
„Demzufolge hat unser unbekannter Absender schon vielfältigen Kontakt mit raumfahrenden Rassen gehabt“, schloß Lennard.
„Und welche Rassen waren das?“ fragte Stern impulsiv.
Etwas verlegen antwortete Hers: „Nun... bis auf eine Ausnahme, keine uns bekannten Lebensformen.“
„Allmählich verstehe ich gar nichts mehr“, musste Lennard eingestehen.
„Um es kurz zu machen: der Hauptcomputer hat keine bestehenden oder historischen Referenzen über irgendwelche Ähnlichkeiten mit uns bekannten Kommunikationsmustern feststellen können. Der Universaltranslator hat sogar eine Notiz angeführt, dass er nur aufgrund der ausreichenden Länge des Textes eine zuverlässige Übersetzungsmatrix aller Muster anfertigen konnte.“
„Es gibt also in der gesamten Föderation keinerlei Informationen über diese ganzen Sprachen oder deren Herkunft? Das klingt wirklich sehr phantastisch“ meinte Stern.
„Bis auf die eine Aufnahme, die ich erwähnt habe. Und die läßt den Schluss zu, dass alle Kulturen, welche diese Sprachen hervorgebracht haben, schon vor Urzeiten untergegangen sein müssen - und zwar schon vor so langer Zeit, dass sämtliche Spuren von ihnen verlorengegangen sind... bis auf den einen vagen Hinweis.“
Lennard wollte wissen: „Worum handelt es sich denn dabei?“
„Eine der Proben stimmt zu sechsundsiebzig Prozent mit einer Inschrift überein, die vor zwölf Jahren bei einer archäologischen Ausgrabung auf Alpha Centauri VI in der Wand eines tempelähnlichen Gebäudes gefunden wurde. Dieses Artefakt stellt übrigens bis zum heutigen Tag den einzigen Beweis von intelligentem Leben auf dieser Welt dar. Es war in einer Halbwüste unter zwanzig Metern Sand verschüttet und wurde mit neuesten Methoden zur Altersbestimmung auf etwa 260’000 Jahre datiert.“
„Mein Gott!“ Stern war fasziniert von dem Gedanken. „Es gab also vor einer Viertelmillion Jahren eine raumfahrende Kultur in unserem Nachbarsystem, die der Unbekannte gekannt haben muß. Was meinen Sie, haben diese Wesen vielleicht auch die Erde besucht?“
„Schon möglich. Allerdings ist diese Funkbotschaft der erste Beweis überhaupt, den wir dafür haben, daß die Bewohner dort jemals Kontakt interstellarer Art hatten. Womöglich hat der Absender auch sie besucht und nicht sie ihn.“
„Dann hätte er keine Mitteilung schicken müssen“, widersprach Lennard. „Es hat vielmehr den Anschein, als könnte er nicht - oder nicht mehr - von seiner Heimatwelt wegreisen und wollte deshalb durch seine Botschaft auf sich aufmerksam machen. Dabei fällt mir gerade ein: könnte es nicht sein, daß wir die meisten dieser Kulturen nicht kennen, weil sie weit ausserhalb des Föderationsgebietes oder gar in einer anderen Galaxie leben? Wenn diese Wesen eine ähnlich fortgeschrittene Technologie wie beispielsweise die Borg besitzen oder noch weiterentwickelt sind, wäre es doch denkbar, daß sie diese Entfernungen in einer passablen Zeitspanne zurücklegen könnten.“
Hers zog spöttisch einen Mundwinkel hoch. „Dann wäre diese Botschaft sicher nicht mit Lichtgeschwindigkeit ausgesandt worden. Was glauben Sie, Captain, von wem er sich wohl in zehn- oder auch hunderttausenden von Jahren eine Antwort erhofft?“
„Oh!“ Nach einem Moment betretenen Schweigens wollte er wissen: „Wenn die Botschaft mittels konventioneller Funkwellen gesendet wurde, müßte man sie doch lokalisieren können?“
Zustimmend nickte Hers: „Das ist korrekt. Wir haben den Ursprung auch bereits ermittelt. Und jetzt halten Sie sich fest: sie stammt aus dem Alnilam-System.“
„Was? Das liegt doch mitten im Föderationsraum!“ entfuhr es Stern.
„Das stimmt“, bestätigte die Admiralin wiederum, „es wurde am Anfang des Jahrhunderts während der grossen Erforschungsmissionen jenseits des Gourami-Sektors von einem der Excelsior-Schiffe kartographiert und als unbewohnt sowie als völlig unbewohnbar für Sauerstoffatmer eingestuft. Weder die Föderation noch sonst eine uns bekannte Intelligenz unterhält irgendwo in diesem System Einrichtungen ziviler oder militärischer Art. Sämtliche Flug-routen führen in weitem Bogen um Alnilam; es gibt nicht einmal Subraumfunk-Relais-stationen in interstellarer Nähe.“
„Das System ist also völlig isoliert und wird von allen gemieden. Das hat doch sicher einen bestimmten Grund“, mutmaßte Lennard.
„In der Tat, das Muttergestirn Alnilam selbst nämlich“, kam postwendend die Antwort. „Mir liegen hier einige Daten vor, die diesen Umstand wohl mehr als ausreichend erklären. Alnilam besitzt nur etwa den dreissigfachen Durchmesser der Sonne, zählt aber zu einem der heissesten und hellsten Sterne im uns bekannten Universum. Sie weist wahrscheinlich die grösste Masse, mit Sicherheit aber das größte Gravitations- und Magnetfeld aller katalogisier-ten Fixsterne auf. Der Teilchenstrom dieses Gestirns, der sogenannte Sonnenwind, stört Funk- und auch Subraumsignale noch Lichtjahre entfernt. Bei Ausbrüchen der elektromagnetischen Feldlinien auf der Sonnenoberfläche werden die sechs Planeten des Systems schön regel-mäßig von unvorstellbaren Mengen an Röntgen- und Gammastrahlung geradezu sterilisiert. Deshalb nahm man damals wohl auch an, dass eine Suche nach Leben dort wenig bringen würde und ist deshalb entsprechend oberflächlich vorgegangen. Außerdem spielte der Zeitfaktor ebenfalls eine nicht unwichtige Rolle; das Schiff konnte nicht allzulange im System verweilen, weil die Schutzschilde keinen ausreichenden Schutz vor der Sonnenstrahlung boten.“
Stern keuchte verblüfft auf. „Sie meinen, die natürliche Sonneneinstrahlung war so stark, dass sie die Schilde eines Schiffes der Excelsior-Klasse überforderte?“
Hers wandte ein: „Diese Mission liegt schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, vergessen Sie das nicht, Doktor. Heutzutage sind die Schilde eines einfachen Personen-Shuttles des Typs 7 bereits stärker als die einer Excelsior der ersten Stunde.“
„Ja, der Fortschritt der Technik ist unaufhaltsam“, meinte Stern philosophisch.
„Mich wundert, dass bei dem starken Sonnenwind und dem Magnetfeld Alnilams diese Nachricht überhaupt so weit vorgedrungen ist“, äusserte Lennard.
„Wir halten das auch für reines Glück“, stimmte Hers ihm zu, „denn bei diesen Bedingungen ist die Chance, einen interstellaren Funkspruch erfolgreich abzusetzen, wirklich astronomisch klein.“
„Und was werden Sie jetzt unternehmen?“
Hers lächelte: „Sie meinen, was werden Sie unternehmen?“
„Wir?“ entfuhr es Lennard verdutzt. „Aber wir liegen doch noch mindestens drei Tage am Dock. Gibt es...?“
„Sie sind das einzige verfügbare Raumschiff mit der erforderlichen Sensorenausrüstung in diesem Sektor. Die Wartung an der Aldebaran umfasst lediglich Modifikationen aller Computersysteme, wenn ich richtig informiert bin. Da allein schon die Hauptsysteme dreifach redundant sind, können die beiden Computertechniker ihre Arbeit genauso gut während Ihrer Mission fortsetzen. Das Alnilam-System ist schliesslich nur einundzwanzig Lichtjahre von hier entfernt; außerdem ist mir zu Ohren gekommen, dass Ihre Besatzung nichts gegen einen Auftrag, der etwas Spannung und Abwechslung bietet, einzuwenden hätte.“
„So?“ Lennard verdrehte verzweifelt die Augen. Gab es denn gar nichts, was man in dieser verflixten Sternenflotte geheimhalten konnte?
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