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Montag, 6. November 2006
ST1.16 : Deep Space? Nein !
cymep, 12:40h
[... auf ausdrücklichen und dringenden Wunsch eines anonymen Fans, hier gleich die Fortsetzung von gestern ;-) ]
„Nach meinen Berechnungen noch zehn Sekunden, Sir“, liess der Wissenschaftsoffizier von der Nachtschicht verlauten. Lennard nickte ihm nur stumm zu und beobachtete weiterhin mit dem gesamten Rest der Brückenoffiziere den Hauptmonitor, der auf vorderen Ausblick geschaltet war.
Nachdem die Frist verstrichen war und sich nichts regte, stieg die Spannung bis zu einem fast unerträglichen Masse an. Manche fingen an, verhalten mit ihren Platznachbarn zu murmeln.
„Wieso geht das so lange?“ fragte Stern auf seinem Behelfssitz neben der Counselor mehr sich selbst als jemanden bestimmten.
„Dafür kann es viele Gründe geben“, erwiderte Kall leise. „Wir sollten die Hoffnung nicht allzuschnell aufgeben.“
Wie zur Bestätigung öffnete sich das Wurmloch plötzlich und entliess die Sonde in den normalen Raum, wo sie Kurs auf die wartende Aldebaran nahm, um von einem Traktorstrahl eingefangen und zurück an Bord genommen zu werden.
Auf der Brücke brandete Applaus auf, während die Sonde mit den letzten Treibstoffreserven in ihre Richtung manövrierte.
„Lieutenant, beginnen Sie sofort mit der Auswertung der Daten, sobald eine Verbindung zum Datenspeicher der Sonde hergestellt wurde“, befahl Lennard.
„Jawohl, Captain“, bestätigte der kleinwüchsige Humanoide von Antares, der erst seit ihrem Aufenthalt auf den dortigen Werften an Bord war. Er begann fieberhaft an der Wissenschaftskonsole zu arbeiten, um seinem neuen Captain möglichst schnell ein Ergebnis präsentieren zu können. Stirnrunzelnd studierte er seine Anzeigen, nur um dann ungläubig aufzukeuchen.
„Captain, das ist phantastisch!“ platzte es aus ihm heraus, bevor er sich besann und die vielen ungnädigen Blicke der übrigen Brückenoffiziere auffing.
„Sie wollen uns etwas mitteilen, Lieutenant?“ herrschte Leardini ihn autoritär an.
Kleinlaut kam die Antwort: „Ja, Sir. Verzeihen Sie. Es ist wegen der Daten...“
„Was ist damit?“ wollte Lennard wissen.
„Den Messungen der Sonde nach befindet sich das andere Ende des Wurmloches noch immer im Indrani-System. Dazu besteht eine fast einhundertprozentige Wahrscheinlichkeit, daß sich das Sol-System nur etwa dreissig Lichtjahre davon entfernt befindet.“
„Sie machen Witze!“ Stern war der erste, der einen Kommentar dazu abgab; den Rest verstand man bei dem Durcheinandergerede auf der Brücke nicht mehr.
„Ruhe!“ rief Lennard, worauf es still wurde und sich die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtete. „Legen Sie eine Sternenkarte der näheren Umgebung des Indrani-Systems auf den Hauptschirm.“
Einen Moment später erschien die annähernd dreidimensionale Darstellung auf dem Hauptschirm. Lennard studierte sie kurz und meinte nachdenklich: „Es hat auch in unserem Sonnensystem Veränderungen gegeben, wie mir scheint. Nun, ich würde sagen, wir sehen uns das einmal vor Ort an. Meinungen?“
„Du willst ernsthaft durch das Wurmloch in den Gamma-Quadranten fliegen?“ Stern wollte seinen Ohren nicht trauen.
Leardini seufzte: „Doktor, wann begreifen Sie endlich, dass es keinen Gamma-Quadranten mehr gibt? Die Milchstrasse ist ein Müsli geworden, wenn Sie mit diesem Vergleich mehr anfangen können.“
„Verbindlichsten Dank“, grollte Stern unter verhaltenem Gekicher der Brückencrew.
„Dem Dominion würde das jedenfalls nicht sonderlich gefallen, wenn sie wüssten, dass wir einmal quasi Nachbarn im All sein werden. Wenn keiner weitere Anmerkungen hat, werde ich nun die Besatzung informieren. In... sagen wir, dreissig Minuten setzen wir Kurs auf das Wurmloch.“
*****
Nach einer hektischen halben Stunde, in der die Mannschaft vorbereitet worden war und sämtliche wissenschaftliche Teams ihre Posten bezogen hatten, um ja nichts von den folgenden Momenten zu verpassen, steuerten sie langsam auf die Position zu, bei der das Wurmloch lag.
Kall warf immer häufiger Seitenblicke auf Stern, der sich krampfhaft an seinem Sitz festkrallte. Da sie seine Gefühle ebenso wie Gedanken empfangen konnte, war sie im Moment wohl die einzige, der sein Unbehagen auffiel, da der Rest der Crew gebannt auf den Hauptschirm starrte. Sie zögerte eine Sekunde, legte ihm dann aber doch beruhigend die Hand auf den Unterarm. Er zuckte leicht zusammen, als er ihre Berührung spürte.
„Oh, Counselor, warum haben Sie das nicht schon früher gesagt?“ raunte er ihr vertraulich zu und grinste dabei. „Ich konnte ja nicht ahnen...“
Sie unterbrach ihn sanft: „Warum überspielen Sie ihre Sorge, David? Das ist etwas völlig Normales; schliesslich sind Sie noch nie durch ein Wurmloch gereist.“
„Sorge? Ich? Jetzt übertreiben Sie aber ein wenig!“ empörte er sich.
Sie schmunzelte. „Der korrekte Terminus wäre wahrscheinlich: ‘Sie haben die Hosen voll.’ Ich wollte es nicht sagen, aber Sie lassen mir keine andere Wahl.“
Er grinste halb verlegen, halb draufgängerisch: „Na, solange Sie ihr kleines, zartes Händchen da lassen, wo es ist, kann mir ja nichts passieren.“
Kall machte ein bedauerndes Gesicht. „Doktor, warum verstecken Sie Ihre Zuneigung hinter solchen Sprüchen? Warum lassen Sie sich nicht einfach einmal gehen und zeigen, was wirklich in Ihnen vorgeht?“
Stern konnte nicht anders, als die Schiffsberaterin fassungslos anzustarren. Dann schlich sich ein Ausdruck in sein Gesicht, der seine Kapitulation anzeigte. „Okay, Sie haben recht. Wie lange wissen Sie es schon, Sam?“
Sie schmunzelte und wurde tatsächlich etwas verlegen. „Spielt das denn eine Rolle?“
„Ich finde schon“, beharrte er. „Wissen Sie, ich denke immer, Sie sind noch so jung und erfrischend, und haben trotzdem schon so viel Lebenserfahrung. Sie können die Gefühle und sogar Gedanken anderer Leute lesen, wann immer Sie wollen... herrje, ich hoffe, Sie haben nicht alles von dem mitbekommen, was mir manchmal bei Ihrem Anblick durch den Kopf geht.“
„Ich werde mich schon melden, wenn es mir zu wüst wird, keine Sorge.“ Sie lachte leise auf und liess seinen Arm los. „Und jetzt seien Sie ein großer Junge und fliegen Sie mit uns da hindurch, okay?“
Er erwiderte ihr Lächeln und sah dann wieder nach vorne.
Lennard hatte einiges von diesem Zwischenspiel aus dem Augenwinkel beobachtet und beugte sich nun zu Leardini herüber, um ihr zuzuflüstern: „Ich habe allmählich das Gefühl, daß unsere Lage die...hm...’Verbundenheit’ unter der Besatzung in nie gekanntem Maße fördert.“
„Nun, solange es nicht ausartet, soll es mir recht sein,“ befand Leardini.
Dann, wiederum ohne sichtbares Vorzeichen, öffnete sich der gigantische Sternenschlund direkt vor ihnen, um Sie nur einen Lidschlag danach zu verschlingen.
Als sich die Öffnung der Raum-Zeit-Anomalie wieder schloss, hatte es den Anschein, als sei die Aldebaran nie wirklich dagewesen, so schnell und unvermittelt war sie verschwunden.
*****
Die Durchquerung hatte subjektiv nur einige Sekunden gedauert, für die meisten Besatzungsmitglieder auf der Brücke hingegen schien die Zeit stillgestanden zu haben. Bevor jemand etwas dazu äussern konnte, waren sie auch schon hindurch und traten wieder in den Normal-raum ein. Erneut klatschten mehrere Offiziere Beifall.
„Das ist sicherlich auch eines der Anzeichen dafür, dass bislang nie etwas Aufregendes auf un-seren Missionen geschehen ist“, meinte Lennard halblaut zu Leardini.
„Ich glaube, das wird sich mit der Zeit geben - jetzt, da unsere Welt mit Wundern, Kuriositäten und Abenteuern angefüllt ist“, erwiderte sie nicht ohne eine Spur Zynismus in der Stimme.
„Wow! Das war... unbeschreiblich!“ Stern konnte seinen Gefühlen gar keinen Ausdruck über das eben Erlebte verleihen. „Ich glaube, so ungefähr muß ein Elektron in einem supraleitenden Stromkabel die Welt um sich herum sehen.“
Kall lachte und erwiderte: „Das ist bestimmt die originellste Beschreibung, die ich je über eine Wurmlochdurchquerung gehört habe.“
Leardini ging nun bereits wieder zur Tagesordnung über. „Bitte Positionsbestimmung, Conn.“
Vakuf meldete pflichtgetreu: „Wir befinden uns im Indrani-System, 18’963 Lichtjahre von unserer letzten Position entfernt. Bis zum Zentralgestirn des Sol-Systems sind es dreiunddreissig Lichtjahre. Soll ich Kurs setzen?“
„Jawohl, Lieutenant. Warp neun. Ops, führen Sie einen Langstreckenscan des Indranisystems durch, während wir es durchfliegen. Vielleicht gibt es hier irgendwelche Hinweise, die uns von Nutzen sein könnten.“
„Aye, Sir.“ Während die Sterne auf dem Hauptmonitor sich in schillernde Lichtstreifen verwandelten und von der Bildschirmmitte aus schnell nach aussen rückten, um dann auseinanderzuschiessen und vom Raumschiff zurückgelassen zu werden, aktivierte Darrn die Sensorenphalanxen.
„Was wird uns auf der guten alten Erde nur erwarten?“ Als Leardini dies sagte, machte sie einen sehr nachdenklichen Eindruck auf Lennard, der fast schon ein Gefühl der Beklommenheit bei ihm erzeugte.
Als Warren auf ihn zukam, wurde er wieder seiner Umgebung gewahr. Sie trat zu seinem Sessel und fragte bedrückt: „Können Sie mir eine Frage beantworten, Captain?“
„Um was geht es, Rosalie?“
„Ist es Ihnen denn nicht aufgefallen? Niemand hat auch nur ein Wort über die Raumstation verloren, die vor der bajoranischen Wurmlochseite war.“
Lennard seufzte. „Sie meinen Deep Space Nine? Sehen Sie, alles ist so unvorstellbar... anders hier. Konstellationen sind nicht mehr wiederzuerkennen, sämtliche Zivilisation scheint verschwunden zu sein... da scheint es fast schon, nun, überflüssig zu sein, nach einem künstlich geschaffenen Himmelskörper zu fragen. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, doch mir war noch nie so stark die Vergänglichkeit von allem, wirklich allem Weltlichen so bewusst wie jetzt.“
Mit gesenktem Kopf antwortete Warren: „Sie haben natürlich recht, Captain. Es ist nur... ich habe einen Bruder, der auf Deep Space Nine stationiert war. Es macht mich einfach traurig, dass das hier alles verschwunden ist, mitsamt ihm.“
„So dürfen Sie das nicht sehen. Er hat wahrscheinlich sein Leben ganz normal gelebt; wir sind es, an denen alles vorbeigegangen ist“, warf Lennard ein.
„Nicht sehr tröstlich. Bitte entschuldigen Sie mich.“ Warren wandte sich rasch ab und verliess die Brücke.
„Oh je, das war wohl nicht gerade diplomatisch. Stefania?“ Lennard hatte sich zu seiner Ersten Offizierin umgedreht und bemerkte nun, dass diese ihn ausgesprochen unfreundlich ansah.
„He, sie wird schon darüber hinwegkommen.“ Er musterte verduzt ihr erbostes Gesicht.
„Sie ist erst wenige Tage an Bord und du nennst sie schon beim Vornamen? Erklär’ mir das“, zischte sie ihm zu.
Er wollte etwas antworten, sah jedoch, wie Kazuki sie von seiner Sicherheitsstation aus aus dem Augenwinkel beobachtete. Deutlich vernehnlich sagte er darauf: „Commander, bitte folgen Sie mir in meinen Bereitschaftsraum. Counselor, Sie haben die Brücke.“
Nachdem er aufgestanden war und Kall mit fragendem Blick und einem bestätigenden „Aye,Sir“ das Kommando übernommen hatte, geleitete Leardini ihn in seinen Raum. Es war wie eine kleine Erlösung, als sich die Tür hinter ihnen schloss.
Noch ehe sie etwas von sich geben konnte, begann er: „Hören Sie mir bitte gut zu, Stefania. Wir müssen ein wenig vorsichtiger sein, auch wenn es uns nicht leichtfällt. Ich weiss, dass Sie Ihr Temperament nicht immer im Zaum halten können. Auch das ist etwas, das ich an Ihnen so mag. Aber gerade jetzt können wir es uns nicht erlauben, dass die Mannschaft über unser Verhältnis zueinander tratscht. Ich will uns keinesfalls verleugnen, aber ich denke, dass man sich erst allmählich daran gewöhnen muss. Und was Rosalie Warren angeht...“
Er nahm sie in die Arme und küsste sie.
„Wenn man sechs Stunden lang zusammen in einem kleinen Computerkontrollraum intensiv zusammenarbeiten muß, kann es vorkommen, daß die eine oder andere Höflichkeitsfloskel auf der Strecke bleibt“, beendete er seine Erklärung, hielt sie jedoch weiter im Arm.
Sie sah ihn mit grossen Augen an und antwortete ernst: „Mit so einem Gefühlsausbruch gerade von dir hätte ich nicht gerechnet. Du weisst ja gar nicht, was du mir damit beweist.“
Sie legte ihren Kopf an seine Brust und hielt ihn fest umarmt. Er stand da mit ihr im Arm und hatte ihren Duft in der Nase, während er durch das schmale, mannshohe Fenster aus transparentem Aluminium die Sterne draussen vorbeiziehen sah. Diesen Moment wollte er am liebsten festhalten und nie vergehen lassen, doch die Zeit war das grösste Problem, das sie hatten.
„Also, Nummer Eins, wollen wir unseren Dienst weiterführen?“
Sie lächelte und löste sich von ihm. „Wie so oft haben Sie es wieder einmal geschafft, mich in meine Schranken zu verweisen und zu Gehorsam und Disziplin zu motivieren.“
„Nach Ihnen. Und tun Sie wenigstens so, als hätte meine Moralpredigt etwas bewirkt.“ Er erlaubte sich sogar, ihr beim Hinausgehen einen übermütigen Klaps auf den Hintern zu geben.
*****
„Achtung, da kommen Sie“, wisperte der Fähnrich vom Sicherheitsdienst zum Wissenschaftsoffizier, als sich die Tür zum Bereitschaftsraum öffnete.
„Das ging aber nicht lange“, bemerkte dieser schmunzelnd beim niedergeschagenen Gesichtsausdruck der Ersten Offizierin. Als hinter ihr der Captain mit äusserst selbstgefälliger Miene und autoritär hinter dem Rücken verschränkten Händen auftauchte, verbreiterte sich das Schmunzeln zu einem Grinsen, sodass er sich abwenden musste, um nicht laut herauszuprusten.
Als der Fähnrich noch hinzufügte: „Die hat ihr Fett fürs erste weg“, wurde es schier unerträglich für ihn.
*****
Es dauerte nicht mehr lange, bis sie den Randbezirk des Sonnensystems erreichten. Vakuf wollte wissen: „Welchen Kurs soll ich setzen, Captain?“
„Ist das nicht logisch für Sie, Conn?“ versetzte Lennard und fing sich damit einen beleidigten Seitenblick von Leardini ein.
„Ich wollte lediglich das Protokoll einhalten, Sir“, wurde er darauf von der Steueroffizierin belehrt.
„Können Sie mir sagen, ob die Erde noch da ist, wo sie sein sollte?“ forschte der Captain gereizt nach.
Völlig ungerührt betätigte Vakuf einige ihrer Armaturen; wahrscheinlich übernahm sie gerade Daten der Fernsensorik. „Jawohl, Captain, ein Himmelskörper, auf den die Spezifikation der Erde in etwa zutrifft, umkreist Sol an dritter Stelle.“
„Nehmen Sie Kurs darauf und senken Sie die Geschwindigkeit auf Warp vier. Ich bin derart laxe Formulierungen von Ihnen nicht gewohnt, Mrs. Vakuf. Was bitte wollen Sie mit ‘in etwa’ andeuten?“
Die Vulcanierin räusperte sich: „Damit wollte ich in diplomatischer Form andeuten, dass sich auch in Ihrem Heimatsystem einiges geändert hat, Sir.“
„Oh, ich weiss Ihre Einfühlsamkeit durchaus zu schätzen“, bemerkte Lennard in einem Tonfall, der das Gesagte Lügen strafte, „aber bitte nennen Sie uns jetzt die festgestellten Spezifikationen.“
„Sonne gelben Typs, Durchmesser 1’548’000 km, Oberflächentemperatur knapp 5’000 ° C. Neun Planeten...“
„Einen Moment, Lieutenant. Die Sonne ist um einiges grösser, aber auch kälter geworden. Welchen Einfluss hat das auf ihre Wärmeabgabe?“ Lennard war momentan noch zu fasziniert, um überhaupt zu realisieren, was er da nachfragte.
Die beiden Veränderungen gleichen sich fast aus. Ich messe 98,8 % der früheren Energiemenge. Dennoch...“
„Verzeihung, haben Sie eben neun Planeten gesagt, Vakuf?“ unterbrach Leardini ungewohnt höflich. „Es fehlt einer?“
„Korrekt, Commander. Dafür registriere ich zwei Asteroidengürtel, beide zwischen Erde und Jupiter. Der äußere befindet sich in der gewohnten Position, der innere ungefähr in der ehemaligen Marsumlaufbahn.“
„Der Mars! Was kann das bewirkt haben?“ Kazuki war der Schock deutlich ins Gesicht geschrieben; Lennard fiel ein, dass der Sicherheitschef einmal erwähnt hatte, früher eine Zeitlang in einer der Marskolonien gelebt und viele Freunde mit Aufnahme des aktiven Dienstes in der Sternenflotte dort zurückgelassen zu haben.
„Das muß eine kosmische Katastrophe gewesen sein. Vergessen Sie bitte nicht, dass wir noch immer nicht wissen, wie weit in der Zukunft wir uns befinden. Das alles ist unter Umständen nur der natürliche Verlauf der Dinge.“ Man merkte auch Lennard allmählich an, wie selbst er darum bemüht war, die Fassung zu bewahren.
Nun verstanden einige, was in der Bajoranerin vorgegangen war, als sie ihre geliebte Heimat derart verfremdet vorgefunden hatte.
Leardini sah über ihre Schulter und fragte zaghaft: „Wie sieht es mit der Erde aus? Veränderungen?“
Der diensthabende Wissenschaftsoffizier schluckte, als er seine Anzeigen ablas: „Die Umlaufbahn verläuft fast 76’700 km weiter entfernt von der Sonne. Die Neigung der Erdachse zu ihrer Umlaufbahn ist um etwa zehn Grad auf dreiunddreissig Grad angestiegen und... unglaublich!“
„Machen Sie es nicht so spannend!“ fuhr Leardini ihn an.
Stotternd berichtete der Fähnrich: „Die Erdachse ist um neunzehneinhalb Grad verschoben, Commander. Der Nordpol liegt am Rande des Mittelsibirischen Berglands und der Südpol in der Nähe des Mount Jacksons, im Palmerland auf der antarktischen Halbinsel. Der Planet weist erheblich vergrösserte Polkappen auf und...“
Der junge Mann fasste sich ein weiteres Mal. „Es befinden sich zwei Satelliten im Erdorbit.“
„Sie machen Witze!“ Lannard schoss förmlich aus dem Kommandantensessel heraus.
„Ich fürchte nicht, Captain. Der eine ist unser guter, alter Mond, aber der andere... ein unregelmässiger Körper, Länge der grössten Achse 912 km, Masse etwa ein Viertel des Erdmondes. Der Zusammensetzung nach könnte es ein Fragment des Marses sein, wahrscheinlich dessen Kernes. Er umkreist die Erde in 178’000 km Entfernung auf fast derselben Ebene wie der Mond. Dessen Umlaufbahn hat übrigens einen Radius von nur 305’000 km.“
„Das muss ich erst einmal verkraften,“ ächzte Leardini.
„Ich glaube, das begreife ich erst, wenn ich es mit eigenen Augen sehe. Wie lange noch bis zur Erde, Mrs. Vakuf?“
„Wir können in etwa zwei Minuten unter Warp gehen und in einen niedrigen Orbit gehen. Ich muss eine neue Umlaufbahn errechnen, da durch den zweiten Mond die Schwerkraftverhältnisse im Raum um die Erde erheblich verändert sind und dadurch der Standardorbit nicht mehr anwendbar ist.“
„In Ordnung. Haben wir schon Sichtkontakt?“
„Sichtkontakt bei maximaler Vergrösserung möglich, Captain“, bestätigte der Fähnrich.
„Sicht nach vorne auf den Hauptschirm“, befahl der Captain und lehnte sich gespannt vor.
Zuerst war nur ein kleiner Punkt zu sehen, der sich jedoch bei ihrer hohen Annäherungsgeschwindigkeit schnell vergrößerte. Dann teilte er sich in einen größeren und zwei kleinere Flecken auf. Lennard hielt den Atem an, als er seine Heimatwelt erblickte. Trotz aller Veränderungen, vor allem der grauen ‘Kartoffel’, welche zwischen Erde und Mond im All schwebte, hatte er gleich das Gefühl, dass das dort sein Heimatplanet war. Sie näherten sich aus einem schrägen Winkel von Süden her, sodass er eine riesige Eisfläche ausmachen konnte, die fast eine halbe Hemisphäre ausfüllte.
„Mein Gott, Kyle, sehen Sie sich das an!“ Leardini blieb bei dem unerwarteten Anblick der Mund offenstehen.
Unter den für die Erde typischen Wolkenmustern waren zwei Kontinente erkennbar. Lennards Meinung nach musste es sich bei ihnen um Afrika und Südamerika handeln, obwohl offensichtlich einiges nicht mit ihnen in Ordnung war. Der unterste Teil Südamerikas schien in der südlichen Polkappe zu stecken. Ganz Patagonien war mit Eis überzogen, das Kap Hoorn existierte nicht mehr. Entlang der Anden zog sich die Vergletscherung weit nach Norden hinauf. Lennard sagte tonlos: „Ich hoffe nur, wir haben keine Argentinier oder Chilenen an Bord. Diesen Anblick möchte ich ihnen ersparen.“
„Sie haben den Rest der Erde noch nicht gesehen, Captain“, erinnerte Vakuf ihn.
„Vielen Dank, Lieutenant“, entgegnete Leardini zynisch.
„Ich würde sagen, wir steuern zunächst San Francisco an, da sich dort der Sitz der Föderation befindet... ich meine, befand... wie auch immer.“ Erzürnt über sich selbst und das Komische, das diese Lage nur noch befremdlicher machte, winkte er ab.
„Sie erwarten aber nicht wirklich, dort unten etwas zu finden, oder?“ In Kazukis Stimme klang unverhohlener Pessimismus mit.
„Ich verkneife mir jegliche Spekulationen, Mr. Kazuki. Ich möchte, dass Sie das Aussenteam ebenfalls begleiten, welches zu den Koordinaten des ehemaligen San Francisco herabbeamen wird. Und nehmen Sie bitte auch eine Kamera mit, um uns direkt Aussenbilder zu liefern.“
Nachdem Leardini ihr Aussenteam zusammengestellt hatte und auf dem Weg in den Transporterraum war, begab Lennard sich zur Ops-Konsole und sah Darrn über die Schulter. „Haben Sie die Koordinaten von San Francisco ermitteln können?“
„Jawohl, Sir. Sie befinden sich auf einer Landmasse, die in etwa dem Bundesstaat und der Halbinsel Kalifornien entspricht und dreihundert Kilometer westlich des Nordamerikanischen Kontinents liegt. Stimmt etwas nicht, Sir?“ Der Klingone sah den Captain befremdet an, da der ihn mit offenem Mund anstarrte.
„Sie können fragen, Mr. Darrn. Ich möchte Ihr Gesicht sehen, wenn wir Klingon finden würden und Ihre Heimatwelt derart verfremdet wäre, dass Sie sie kaum noch erkennen würden.“
„Verzeihen Sie bitte, Captain, das war eine dumme Frage.“
Lennard seufzte auf. „Schon gut, Mr. Darrn. Sobald wir in den Orbit eingetreten sind und die ersten paar Umkreisungen gemacht haben, würde ich gerne eine aktuelle Karte der Erde haben.“
„Aye, Sir. Ich werde alles Nötige veranlassen.“ Sofort begann Darrn mit den zuständigen Stellen zu kommunizieren, um die gewünschte Karte zu erstellen.
„Aussenteam bereit zum Runterbeamen“, meldete Leardini über Interkom.
„Dann ‘mal los, Nummer Eins.“
Eine ganze Zeit lang war fast nichts zu hören, dann ließ Leardini sich vernehmen: „Aussenteam an Brücke. Wir stehen hier in einer wunderschönen natürlichen Parklandschaft mit Blick auf den Ozean. Weit und breit keine Spur von Menschen oder irgendwelche Anzeichen von Zivilisation. Sollen wir die Kamera einrichten?“
„Bitte. Sie stehen übrigens mitten in der Innenstadt von San Francisco - geografisch gesehen.“
Nach einer Sekunde des Schweigens meinte Leardini: „Man braucht wirklich eine Menge Fantasie, um sich das vorstellen zu können. So, wir sind soweit.“
„Auf den Hauptschirm“, befahl Lennard. Es erschien das idyllische Bild einer wild wuchernden, üppigen Vegetation, die ein flaches Hügelland vollständig überwachsen hatte.
„Um es mit einer terranischen Formulierung auszudrücken, Captain: es steht kein Stein mehr auf dem anderen.“ Vakufs Bemerkung war wohl nicht gerade sehr feinfühlig, dafür entsprach sie aber sehr wohl der Wahrheit.
Lennard sah zu Boden und sagte leise: „Nun wissen wir es wohl definitiv, dass wir uns in einer weit entfernten Zukunft befinden. Nur wie weit, das gilt es nach wie vor herauszufinden. Ich möchte gerne auf meinen Heimatort herabbeamen. Hat sonst noch jemand Lust, sich die Erde anzusehen?“
Es meldeten sich drei Besatzungsmitglieder, denen ein Transporterraum genannt wurde, in welchem sie sich einfinden sollten. Lennard übergab die Brücke an Vakuf und begab sich ebenfalls dorthin.
*****
Das erste, was Lennard sah, als er sich rematerialisierte, war das Meer vor ihnen. Es war zur Zeit Nacht auf Neuseeland oder dem, was aller Wahrscheinlichkeit nach einst Neuseeland gewesen war, doch die gespenstische Szenerie der beiden hochstehenden Monde spendete mehr als ausreichend Licht. Es war schon mehr als unheimlich, neben dem vertrauten Vollmond den riesigen, dunklen und unförmigen Felsklumpen am Sternenhimmel hängen zu sehen.
„Das ist ... falls wir je einen Weg finden, in unsere eigene Epoche zurückzufinden, sollten wir eine Aufzeichnung über das hier mitnehmen. Denn ansonsten wird uns das niemand glauben.“
Lennard warf der Frau, die diese Bemerkung gemacht hatte, einen erbosten Seitenblick zu und sah sich dann erschüttert, aber doch auch fasziniert um. „Der Mond scheint näher an der Erde zu sein als früher, er scheint viel größer und heller zu scheinen.“
Lennard betrachtete sich den Erdenmond zum ersten Mal genauer. Bislang hatte er ihm nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit gewidmet angesichts der vielen Veränderungen der Erde. Nun merkte er, dass sich das Aussehen des Trabanten durchaus geändert hatte und nicht, wie der erste Schein einen Glauben machte, das einzige Unveränderte war. Er schien in der Tat heller, aber vor allem deshalb, weil die ursprünglich sichtbaren Mare, dunkle Tiefebenen auf der erdzugewandten Seite des Mondes, praktisch nicht mehr existierten. Sie waren einer Vielzahl von neuen Kratern gewichen, die wohl das Resultat einer massiven Bombardierung mit kleinen Gesteinsbrocken sein mussten. Was immer den Mars zerstört und der Erde einen zweiten Satelliten beschert hatte, trug auch die Verantwortung für das derzeitige Antlitz des Mondes.
„ Sehen Sie sich diesen Baum an. Sieht das nicht seltsam aus?“ Lennard gesellte sich zu den anderen, die eine wirklich fremdartig anmutende Pflanze umstanden. Zweifellos war dies hier eine Art, die zu ihrer Zeit noch nicht existiert hatte. Man konnte nur den Umriss im Gegenlicht der beiden Monde erkennen, dieser allein war jedoch bizarr genug. Der Baum - wenn es wirklich einer war - war nur wenige Meter hoch und besass eine breite, wie plattgedrückt erscheinende Baumkrone und knapp darüber eine kleinere Ausgabe selbiger. Das skurrilste jedoch war der Stamm. Er war an seiner Basis breit genug, um einem ausgewachsenen Urwaldriesen Konkurrenz zu machen und lief etwa einen Meter über dem Boden in viele armdicke Unterteilungen aus, die vom Zentrum des Stammes weg in die Erde liefen. Dadurch wirkte er wie ein Sumpfgewächs, obwohl die Ausläufer hier aus massivem Holz waren, wie sie herausfanden. Sie stellten des weiteren fest, dass von jedem dieser Ausläufer ein sehr dickes, komplexes Wurzelwerk in Bodennähe, teilweise sichtbar, bis zu zehn Meter kreisförmig vom Stamm weg ausgebildet war.
„Das muss doch etwas zu bedeuten haben; die Natur hat diese Pflanze sicher nicht zufällig hervorgebracht.“ Einer von Lennards Begleitern überlegte angestrengt, was es mit dieser Entdeckung auf sich haben mochte.
Lennard klopfte auf einen der Ausläufer. „Das Holz hier ist unglaublich hart, fast schon wie Stein. Und das Aussehen lässt darauf schließen, daß diese Pflanze offenbar sehr großen Naturkräften ausgesetzt wird. Man könnte fast meinen, sie stemmt sich mit aller Kraft in den Boden.“
Die junge Frau in ihrer Gruppe leuchtete ausserhalb des Wurzelgeflechtes den Boden ab. „Die Erde hier ist mit Rissen und Spalten durchzogen, aber nur ausserhalb des Wurzelwerkes. Vielleicht gibt es an diesem Hang hier Erdbewegungen, der der Baum entgegenwirken will, indem er sich förmlich in den Hang krallt.“
„Das halte ich für unwahrscheinlich“, widersprach Lennard. „Dann wäre dieser Baum ja eine Mutation oder ein Lebewesen, das seine Lage erkannt hat und sich aktiv zur Wehr setzt.“
„Vielleicht ist diese Spezies etwas ähnliches wie ein ‘Piersols Reisensder’ auf Marcos XII. Dieser Baum wandert allerdings nicht frei umher und nimmt Nährstoffe aus Gewässern auf, sondern hat sich im Gegenteil fest im Boden verankert wie ein normaler Baum auch.“
„Guter Einwand. Hm, er sieht fast schon unheimlich aus im Mondlicht.“ Lennard sah empor und überlegte. „Der Mond ist fast voll und überschneidet sich bald mit dem zweiten Satelliten. Könnte es sein...?“
Das war das letzte, woran Lennard sich erinnern konnte, bevor er das Bewusstsein verlor. Halt, da war ein Crewmitglied, das plötzlich an ihm vorbeiflog. Er fühlte sich mit einem Mal fast schwerelos und fiel dann, bevor er hart aufschlug und in eine dichte Dunkelheit getaucht wurde.
[ich weiß, der harte Aufschlage auf der Realität schmerzt, aber Du musst bis morgen auf Kapitel 6 warten...]
„Nach meinen Berechnungen noch zehn Sekunden, Sir“, liess der Wissenschaftsoffizier von der Nachtschicht verlauten. Lennard nickte ihm nur stumm zu und beobachtete weiterhin mit dem gesamten Rest der Brückenoffiziere den Hauptmonitor, der auf vorderen Ausblick geschaltet war.
Nachdem die Frist verstrichen war und sich nichts regte, stieg die Spannung bis zu einem fast unerträglichen Masse an. Manche fingen an, verhalten mit ihren Platznachbarn zu murmeln.
„Wieso geht das so lange?“ fragte Stern auf seinem Behelfssitz neben der Counselor mehr sich selbst als jemanden bestimmten.
„Dafür kann es viele Gründe geben“, erwiderte Kall leise. „Wir sollten die Hoffnung nicht allzuschnell aufgeben.“
Wie zur Bestätigung öffnete sich das Wurmloch plötzlich und entliess die Sonde in den normalen Raum, wo sie Kurs auf die wartende Aldebaran nahm, um von einem Traktorstrahl eingefangen und zurück an Bord genommen zu werden.
Auf der Brücke brandete Applaus auf, während die Sonde mit den letzten Treibstoffreserven in ihre Richtung manövrierte.
„Lieutenant, beginnen Sie sofort mit der Auswertung der Daten, sobald eine Verbindung zum Datenspeicher der Sonde hergestellt wurde“, befahl Lennard.
„Jawohl, Captain“, bestätigte der kleinwüchsige Humanoide von Antares, der erst seit ihrem Aufenthalt auf den dortigen Werften an Bord war. Er begann fieberhaft an der Wissenschaftskonsole zu arbeiten, um seinem neuen Captain möglichst schnell ein Ergebnis präsentieren zu können. Stirnrunzelnd studierte er seine Anzeigen, nur um dann ungläubig aufzukeuchen.
„Captain, das ist phantastisch!“ platzte es aus ihm heraus, bevor er sich besann und die vielen ungnädigen Blicke der übrigen Brückenoffiziere auffing.
„Sie wollen uns etwas mitteilen, Lieutenant?“ herrschte Leardini ihn autoritär an.
Kleinlaut kam die Antwort: „Ja, Sir. Verzeihen Sie. Es ist wegen der Daten...“
„Was ist damit?“ wollte Lennard wissen.
„Den Messungen der Sonde nach befindet sich das andere Ende des Wurmloches noch immer im Indrani-System. Dazu besteht eine fast einhundertprozentige Wahrscheinlichkeit, daß sich das Sol-System nur etwa dreissig Lichtjahre davon entfernt befindet.“
„Sie machen Witze!“ Stern war der erste, der einen Kommentar dazu abgab; den Rest verstand man bei dem Durcheinandergerede auf der Brücke nicht mehr.
„Ruhe!“ rief Lennard, worauf es still wurde und sich die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtete. „Legen Sie eine Sternenkarte der näheren Umgebung des Indrani-Systems auf den Hauptschirm.“
Einen Moment später erschien die annähernd dreidimensionale Darstellung auf dem Hauptschirm. Lennard studierte sie kurz und meinte nachdenklich: „Es hat auch in unserem Sonnensystem Veränderungen gegeben, wie mir scheint. Nun, ich würde sagen, wir sehen uns das einmal vor Ort an. Meinungen?“
„Du willst ernsthaft durch das Wurmloch in den Gamma-Quadranten fliegen?“ Stern wollte seinen Ohren nicht trauen.
Leardini seufzte: „Doktor, wann begreifen Sie endlich, dass es keinen Gamma-Quadranten mehr gibt? Die Milchstrasse ist ein Müsli geworden, wenn Sie mit diesem Vergleich mehr anfangen können.“
„Verbindlichsten Dank“, grollte Stern unter verhaltenem Gekicher der Brückencrew.
„Dem Dominion würde das jedenfalls nicht sonderlich gefallen, wenn sie wüssten, dass wir einmal quasi Nachbarn im All sein werden. Wenn keiner weitere Anmerkungen hat, werde ich nun die Besatzung informieren. In... sagen wir, dreissig Minuten setzen wir Kurs auf das Wurmloch.“
*****
Nach einer hektischen halben Stunde, in der die Mannschaft vorbereitet worden war und sämtliche wissenschaftliche Teams ihre Posten bezogen hatten, um ja nichts von den folgenden Momenten zu verpassen, steuerten sie langsam auf die Position zu, bei der das Wurmloch lag.
Kall warf immer häufiger Seitenblicke auf Stern, der sich krampfhaft an seinem Sitz festkrallte. Da sie seine Gefühle ebenso wie Gedanken empfangen konnte, war sie im Moment wohl die einzige, der sein Unbehagen auffiel, da der Rest der Crew gebannt auf den Hauptschirm starrte. Sie zögerte eine Sekunde, legte ihm dann aber doch beruhigend die Hand auf den Unterarm. Er zuckte leicht zusammen, als er ihre Berührung spürte.
„Oh, Counselor, warum haben Sie das nicht schon früher gesagt?“ raunte er ihr vertraulich zu und grinste dabei. „Ich konnte ja nicht ahnen...“
Sie unterbrach ihn sanft: „Warum überspielen Sie ihre Sorge, David? Das ist etwas völlig Normales; schliesslich sind Sie noch nie durch ein Wurmloch gereist.“
„Sorge? Ich? Jetzt übertreiben Sie aber ein wenig!“ empörte er sich.
Sie schmunzelte. „Der korrekte Terminus wäre wahrscheinlich: ‘Sie haben die Hosen voll.’ Ich wollte es nicht sagen, aber Sie lassen mir keine andere Wahl.“
Er grinste halb verlegen, halb draufgängerisch: „Na, solange Sie ihr kleines, zartes Händchen da lassen, wo es ist, kann mir ja nichts passieren.“
Kall machte ein bedauerndes Gesicht. „Doktor, warum verstecken Sie Ihre Zuneigung hinter solchen Sprüchen? Warum lassen Sie sich nicht einfach einmal gehen und zeigen, was wirklich in Ihnen vorgeht?“
Stern konnte nicht anders, als die Schiffsberaterin fassungslos anzustarren. Dann schlich sich ein Ausdruck in sein Gesicht, der seine Kapitulation anzeigte. „Okay, Sie haben recht. Wie lange wissen Sie es schon, Sam?“
Sie schmunzelte und wurde tatsächlich etwas verlegen. „Spielt das denn eine Rolle?“
„Ich finde schon“, beharrte er. „Wissen Sie, ich denke immer, Sie sind noch so jung und erfrischend, und haben trotzdem schon so viel Lebenserfahrung. Sie können die Gefühle und sogar Gedanken anderer Leute lesen, wann immer Sie wollen... herrje, ich hoffe, Sie haben nicht alles von dem mitbekommen, was mir manchmal bei Ihrem Anblick durch den Kopf geht.“
„Ich werde mich schon melden, wenn es mir zu wüst wird, keine Sorge.“ Sie lachte leise auf und liess seinen Arm los. „Und jetzt seien Sie ein großer Junge und fliegen Sie mit uns da hindurch, okay?“
Er erwiderte ihr Lächeln und sah dann wieder nach vorne.
Lennard hatte einiges von diesem Zwischenspiel aus dem Augenwinkel beobachtet und beugte sich nun zu Leardini herüber, um ihr zuzuflüstern: „Ich habe allmählich das Gefühl, daß unsere Lage die...hm...’Verbundenheit’ unter der Besatzung in nie gekanntem Maße fördert.“
„Nun, solange es nicht ausartet, soll es mir recht sein,“ befand Leardini.
Dann, wiederum ohne sichtbares Vorzeichen, öffnete sich der gigantische Sternenschlund direkt vor ihnen, um Sie nur einen Lidschlag danach zu verschlingen.
Als sich die Öffnung der Raum-Zeit-Anomalie wieder schloss, hatte es den Anschein, als sei die Aldebaran nie wirklich dagewesen, so schnell und unvermittelt war sie verschwunden.
*****
Die Durchquerung hatte subjektiv nur einige Sekunden gedauert, für die meisten Besatzungsmitglieder auf der Brücke hingegen schien die Zeit stillgestanden zu haben. Bevor jemand etwas dazu äussern konnte, waren sie auch schon hindurch und traten wieder in den Normal-raum ein. Erneut klatschten mehrere Offiziere Beifall.
„Das ist sicherlich auch eines der Anzeichen dafür, dass bislang nie etwas Aufregendes auf un-seren Missionen geschehen ist“, meinte Lennard halblaut zu Leardini.
„Ich glaube, das wird sich mit der Zeit geben - jetzt, da unsere Welt mit Wundern, Kuriositäten und Abenteuern angefüllt ist“, erwiderte sie nicht ohne eine Spur Zynismus in der Stimme.
„Wow! Das war... unbeschreiblich!“ Stern konnte seinen Gefühlen gar keinen Ausdruck über das eben Erlebte verleihen. „Ich glaube, so ungefähr muß ein Elektron in einem supraleitenden Stromkabel die Welt um sich herum sehen.“
Kall lachte und erwiderte: „Das ist bestimmt die originellste Beschreibung, die ich je über eine Wurmlochdurchquerung gehört habe.“
Leardini ging nun bereits wieder zur Tagesordnung über. „Bitte Positionsbestimmung, Conn.“
Vakuf meldete pflichtgetreu: „Wir befinden uns im Indrani-System, 18’963 Lichtjahre von unserer letzten Position entfernt. Bis zum Zentralgestirn des Sol-Systems sind es dreiunddreissig Lichtjahre. Soll ich Kurs setzen?“
„Jawohl, Lieutenant. Warp neun. Ops, führen Sie einen Langstreckenscan des Indranisystems durch, während wir es durchfliegen. Vielleicht gibt es hier irgendwelche Hinweise, die uns von Nutzen sein könnten.“
„Aye, Sir.“ Während die Sterne auf dem Hauptmonitor sich in schillernde Lichtstreifen verwandelten und von der Bildschirmmitte aus schnell nach aussen rückten, um dann auseinanderzuschiessen und vom Raumschiff zurückgelassen zu werden, aktivierte Darrn die Sensorenphalanxen.
„Was wird uns auf der guten alten Erde nur erwarten?“ Als Leardini dies sagte, machte sie einen sehr nachdenklichen Eindruck auf Lennard, der fast schon ein Gefühl der Beklommenheit bei ihm erzeugte.
Als Warren auf ihn zukam, wurde er wieder seiner Umgebung gewahr. Sie trat zu seinem Sessel und fragte bedrückt: „Können Sie mir eine Frage beantworten, Captain?“
„Um was geht es, Rosalie?“
„Ist es Ihnen denn nicht aufgefallen? Niemand hat auch nur ein Wort über die Raumstation verloren, die vor der bajoranischen Wurmlochseite war.“
Lennard seufzte. „Sie meinen Deep Space Nine? Sehen Sie, alles ist so unvorstellbar... anders hier. Konstellationen sind nicht mehr wiederzuerkennen, sämtliche Zivilisation scheint verschwunden zu sein... da scheint es fast schon, nun, überflüssig zu sein, nach einem künstlich geschaffenen Himmelskörper zu fragen. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, doch mir war noch nie so stark die Vergänglichkeit von allem, wirklich allem Weltlichen so bewusst wie jetzt.“
Mit gesenktem Kopf antwortete Warren: „Sie haben natürlich recht, Captain. Es ist nur... ich habe einen Bruder, der auf Deep Space Nine stationiert war. Es macht mich einfach traurig, dass das hier alles verschwunden ist, mitsamt ihm.“
„So dürfen Sie das nicht sehen. Er hat wahrscheinlich sein Leben ganz normal gelebt; wir sind es, an denen alles vorbeigegangen ist“, warf Lennard ein.
„Nicht sehr tröstlich. Bitte entschuldigen Sie mich.“ Warren wandte sich rasch ab und verliess die Brücke.
„Oh je, das war wohl nicht gerade diplomatisch. Stefania?“ Lennard hatte sich zu seiner Ersten Offizierin umgedreht und bemerkte nun, dass diese ihn ausgesprochen unfreundlich ansah.
„He, sie wird schon darüber hinwegkommen.“ Er musterte verduzt ihr erbostes Gesicht.
„Sie ist erst wenige Tage an Bord und du nennst sie schon beim Vornamen? Erklär’ mir das“, zischte sie ihm zu.
Er wollte etwas antworten, sah jedoch, wie Kazuki sie von seiner Sicherheitsstation aus aus dem Augenwinkel beobachtete. Deutlich vernehnlich sagte er darauf: „Commander, bitte folgen Sie mir in meinen Bereitschaftsraum. Counselor, Sie haben die Brücke.“
Nachdem er aufgestanden war und Kall mit fragendem Blick und einem bestätigenden „Aye,Sir“ das Kommando übernommen hatte, geleitete Leardini ihn in seinen Raum. Es war wie eine kleine Erlösung, als sich die Tür hinter ihnen schloss.
Noch ehe sie etwas von sich geben konnte, begann er: „Hören Sie mir bitte gut zu, Stefania. Wir müssen ein wenig vorsichtiger sein, auch wenn es uns nicht leichtfällt. Ich weiss, dass Sie Ihr Temperament nicht immer im Zaum halten können. Auch das ist etwas, das ich an Ihnen so mag. Aber gerade jetzt können wir es uns nicht erlauben, dass die Mannschaft über unser Verhältnis zueinander tratscht. Ich will uns keinesfalls verleugnen, aber ich denke, dass man sich erst allmählich daran gewöhnen muss. Und was Rosalie Warren angeht...“
Er nahm sie in die Arme und küsste sie.
„Wenn man sechs Stunden lang zusammen in einem kleinen Computerkontrollraum intensiv zusammenarbeiten muß, kann es vorkommen, daß die eine oder andere Höflichkeitsfloskel auf der Strecke bleibt“, beendete er seine Erklärung, hielt sie jedoch weiter im Arm.
Sie sah ihn mit grossen Augen an und antwortete ernst: „Mit so einem Gefühlsausbruch gerade von dir hätte ich nicht gerechnet. Du weisst ja gar nicht, was du mir damit beweist.“
Sie legte ihren Kopf an seine Brust und hielt ihn fest umarmt. Er stand da mit ihr im Arm und hatte ihren Duft in der Nase, während er durch das schmale, mannshohe Fenster aus transparentem Aluminium die Sterne draussen vorbeiziehen sah. Diesen Moment wollte er am liebsten festhalten und nie vergehen lassen, doch die Zeit war das grösste Problem, das sie hatten.
„Also, Nummer Eins, wollen wir unseren Dienst weiterführen?“
Sie lächelte und löste sich von ihm. „Wie so oft haben Sie es wieder einmal geschafft, mich in meine Schranken zu verweisen und zu Gehorsam und Disziplin zu motivieren.“
„Nach Ihnen. Und tun Sie wenigstens so, als hätte meine Moralpredigt etwas bewirkt.“ Er erlaubte sich sogar, ihr beim Hinausgehen einen übermütigen Klaps auf den Hintern zu geben.
*****
„Achtung, da kommen Sie“, wisperte der Fähnrich vom Sicherheitsdienst zum Wissenschaftsoffizier, als sich die Tür zum Bereitschaftsraum öffnete.
„Das ging aber nicht lange“, bemerkte dieser schmunzelnd beim niedergeschagenen Gesichtsausdruck der Ersten Offizierin. Als hinter ihr der Captain mit äusserst selbstgefälliger Miene und autoritär hinter dem Rücken verschränkten Händen auftauchte, verbreiterte sich das Schmunzeln zu einem Grinsen, sodass er sich abwenden musste, um nicht laut herauszuprusten.
Als der Fähnrich noch hinzufügte: „Die hat ihr Fett fürs erste weg“, wurde es schier unerträglich für ihn.
*****
Es dauerte nicht mehr lange, bis sie den Randbezirk des Sonnensystems erreichten. Vakuf wollte wissen: „Welchen Kurs soll ich setzen, Captain?“
„Ist das nicht logisch für Sie, Conn?“ versetzte Lennard und fing sich damit einen beleidigten Seitenblick von Leardini ein.
„Ich wollte lediglich das Protokoll einhalten, Sir“, wurde er darauf von der Steueroffizierin belehrt.
„Können Sie mir sagen, ob die Erde noch da ist, wo sie sein sollte?“ forschte der Captain gereizt nach.
Völlig ungerührt betätigte Vakuf einige ihrer Armaturen; wahrscheinlich übernahm sie gerade Daten der Fernsensorik. „Jawohl, Captain, ein Himmelskörper, auf den die Spezifikation der Erde in etwa zutrifft, umkreist Sol an dritter Stelle.“
„Nehmen Sie Kurs darauf und senken Sie die Geschwindigkeit auf Warp vier. Ich bin derart laxe Formulierungen von Ihnen nicht gewohnt, Mrs. Vakuf. Was bitte wollen Sie mit ‘in etwa’ andeuten?“
Die Vulcanierin räusperte sich: „Damit wollte ich in diplomatischer Form andeuten, dass sich auch in Ihrem Heimatsystem einiges geändert hat, Sir.“
„Oh, ich weiss Ihre Einfühlsamkeit durchaus zu schätzen“, bemerkte Lennard in einem Tonfall, der das Gesagte Lügen strafte, „aber bitte nennen Sie uns jetzt die festgestellten Spezifikationen.“
„Sonne gelben Typs, Durchmesser 1’548’000 km, Oberflächentemperatur knapp 5’000 ° C. Neun Planeten...“
„Einen Moment, Lieutenant. Die Sonne ist um einiges grösser, aber auch kälter geworden. Welchen Einfluss hat das auf ihre Wärmeabgabe?“ Lennard war momentan noch zu fasziniert, um überhaupt zu realisieren, was er da nachfragte.
Die beiden Veränderungen gleichen sich fast aus. Ich messe 98,8 % der früheren Energiemenge. Dennoch...“
„Verzeihung, haben Sie eben neun Planeten gesagt, Vakuf?“ unterbrach Leardini ungewohnt höflich. „Es fehlt einer?“
„Korrekt, Commander. Dafür registriere ich zwei Asteroidengürtel, beide zwischen Erde und Jupiter. Der äußere befindet sich in der gewohnten Position, der innere ungefähr in der ehemaligen Marsumlaufbahn.“
„Der Mars! Was kann das bewirkt haben?“ Kazuki war der Schock deutlich ins Gesicht geschrieben; Lennard fiel ein, dass der Sicherheitschef einmal erwähnt hatte, früher eine Zeitlang in einer der Marskolonien gelebt und viele Freunde mit Aufnahme des aktiven Dienstes in der Sternenflotte dort zurückgelassen zu haben.
„Das muß eine kosmische Katastrophe gewesen sein. Vergessen Sie bitte nicht, dass wir noch immer nicht wissen, wie weit in der Zukunft wir uns befinden. Das alles ist unter Umständen nur der natürliche Verlauf der Dinge.“ Man merkte auch Lennard allmählich an, wie selbst er darum bemüht war, die Fassung zu bewahren.
Nun verstanden einige, was in der Bajoranerin vorgegangen war, als sie ihre geliebte Heimat derart verfremdet vorgefunden hatte.
Leardini sah über ihre Schulter und fragte zaghaft: „Wie sieht es mit der Erde aus? Veränderungen?“
Der diensthabende Wissenschaftsoffizier schluckte, als er seine Anzeigen ablas: „Die Umlaufbahn verläuft fast 76’700 km weiter entfernt von der Sonne. Die Neigung der Erdachse zu ihrer Umlaufbahn ist um etwa zehn Grad auf dreiunddreissig Grad angestiegen und... unglaublich!“
„Machen Sie es nicht so spannend!“ fuhr Leardini ihn an.
Stotternd berichtete der Fähnrich: „Die Erdachse ist um neunzehneinhalb Grad verschoben, Commander. Der Nordpol liegt am Rande des Mittelsibirischen Berglands und der Südpol in der Nähe des Mount Jacksons, im Palmerland auf der antarktischen Halbinsel. Der Planet weist erheblich vergrösserte Polkappen auf und...“
Der junge Mann fasste sich ein weiteres Mal. „Es befinden sich zwei Satelliten im Erdorbit.“
„Sie machen Witze!“ Lannard schoss förmlich aus dem Kommandantensessel heraus.
„Ich fürchte nicht, Captain. Der eine ist unser guter, alter Mond, aber der andere... ein unregelmässiger Körper, Länge der grössten Achse 912 km, Masse etwa ein Viertel des Erdmondes. Der Zusammensetzung nach könnte es ein Fragment des Marses sein, wahrscheinlich dessen Kernes. Er umkreist die Erde in 178’000 km Entfernung auf fast derselben Ebene wie der Mond. Dessen Umlaufbahn hat übrigens einen Radius von nur 305’000 km.“
„Das muss ich erst einmal verkraften,“ ächzte Leardini.
„Ich glaube, das begreife ich erst, wenn ich es mit eigenen Augen sehe. Wie lange noch bis zur Erde, Mrs. Vakuf?“
„Wir können in etwa zwei Minuten unter Warp gehen und in einen niedrigen Orbit gehen. Ich muss eine neue Umlaufbahn errechnen, da durch den zweiten Mond die Schwerkraftverhältnisse im Raum um die Erde erheblich verändert sind und dadurch der Standardorbit nicht mehr anwendbar ist.“
„In Ordnung. Haben wir schon Sichtkontakt?“
„Sichtkontakt bei maximaler Vergrösserung möglich, Captain“, bestätigte der Fähnrich.
„Sicht nach vorne auf den Hauptschirm“, befahl der Captain und lehnte sich gespannt vor.
Zuerst war nur ein kleiner Punkt zu sehen, der sich jedoch bei ihrer hohen Annäherungsgeschwindigkeit schnell vergrößerte. Dann teilte er sich in einen größeren und zwei kleinere Flecken auf. Lennard hielt den Atem an, als er seine Heimatwelt erblickte. Trotz aller Veränderungen, vor allem der grauen ‘Kartoffel’, welche zwischen Erde und Mond im All schwebte, hatte er gleich das Gefühl, dass das dort sein Heimatplanet war. Sie näherten sich aus einem schrägen Winkel von Süden her, sodass er eine riesige Eisfläche ausmachen konnte, die fast eine halbe Hemisphäre ausfüllte.
„Mein Gott, Kyle, sehen Sie sich das an!“ Leardini blieb bei dem unerwarteten Anblick der Mund offenstehen.
Unter den für die Erde typischen Wolkenmustern waren zwei Kontinente erkennbar. Lennards Meinung nach musste es sich bei ihnen um Afrika und Südamerika handeln, obwohl offensichtlich einiges nicht mit ihnen in Ordnung war. Der unterste Teil Südamerikas schien in der südlichen Polkappe zu stecken. Ganz Patagonien war mit Eis überzogen, das Kap Hoorn existierte nicht mehr. Entlang der Anden zog sich die Vergletscherung weit nach Norden hinauf. Lennard sagte tonlos: „Ich hoffe nur, wir haben keine Argentinier oder Chilenen an Bord. Diesen Anblick möchte ich ihnen ersparen.“
„Sie haben den Rest der Erde noch nicht gesehen, Captain“, erinnerte Vakuf ihn.
„Vielen Dank, Lieutenant“, entgegnete Leardini zynisch.
„Ich würde sagen, wir steuern zunächst San Francisco an, da sich dort der Sitz der Föderation befindet... ich meine, befand... wie auch immer.“ Erzürnt über sich selbst und das Komische, das diese Lage nur noch befremdlicher machte, winkte er ab.
„Sie erwarten aber nicht wirklich, dort unten etwas zu finden, oder?“ In Kazukis Stimme klang unverhohlener Pessimismus mit.
„Ich verkneife mir jegliche Spekulationen, Mr. Kazuki. Ich möchte, dass Sie das Aussenteam ebenfalls begleiten, welches zu den Koordinaten des ehemaligen San Francisco herabbeamen wird. Und nehmen Sie bitte auch eine Kamera mit, um uns direkt Aussenbilder zu liefern.“
Nachdem Leardini ihr Aussenteam zusammengestellt hatte und auf dem Weg in den Transporterraum war, begab Lennard sich zur Ops-Konsole und sah Darrn über die Schulter. „Haben Sie die Koordinaten von San Francisco ermitteln können?“
„Jawohl, Sir. Sie befinden sich auf einer Landmasse, die in etwa dem Bundesstaat und der Halbinsel Kalifornien entspricht und dreihundert Kilometer westlich des Nordamerikanischen Kontinents liegt. Stimmt etwas nicht, Sir?“ Der Klingone sah den Captain befremdet an, da der ihn mit offenem Mund anstarrte.
„Sie können fragen, Mr. Darrn. Ich möchte Ihr Gesicht sehen, wenn wir Klingon finden würden und Ihre Heimatwelt derart verfremdet wäre, dass Sie sie kaum noch erkennen würden.“
„Verzeihen Sie bitte, Captain, das war eine dumme Frage.“
Lennard seufzte auf. „Schon gut, Mr. Darrn. Sobald wir in den Orbit eingetreten sind und die ersten paar Umkreisungen gemacht haben, würde ich gerne eine aktuelle Karte der Erde haben.“
„Aye, Sir. Ich werde alles Nötige veranlassen.“ Sofort begann Darrn mit den zuständigen Stellen zu kommunizieren, um die gewünschte Karte zu erstellen.
„Aussenteam bereit zum Runterbeamen“, meldete Leardini über Interkom.
„Dann ‘mal los, Nummer Eins.“
Eine ganze Zeit lang war fast nichts zu hören, dann ließ Leardini sich vernehmen: „Aussenteam an Brücke. Wir stehen hier in einer wunderschönen natürlichen Parklandschaft mit Blick auf den Ozean. Weit und breit keine Spur von Menschen oder irgendwelche Anzeichen von Zivilisation. Sollen wir die Kamera einrichten?“
„Bitte. Sie stehen übrigens mitten in der Innenstadt von San Francisco - geografisch gesehen.“
Nach einer Sekunde des Schweigens meinte Leardini: „Man braucht wirklich eine Menge Fantasie, um sich das vorstellen zu können. So, wir sind soweit.“
„Auf den Hauptschirm“, befahl Lennard. Es erschien das idyllische Bild einer wild wuchernden, üppigen Vegetation, die ein flaches Hügelland vollständig überwachsen hatte.
„Um es mit einer terranischen Formulierung auszudrücken, Captain: es steht kein Stein mehr auf dem anderen.“ Vakufs Bemerkung war wohl nicht gerade sehr feinfühlig, dafür entsprach sie aber sehr wohl der Wahrheit.
Lennard sah zu Boden und sagte leise: „Nun wissen wir es wohl definitiv, dass wir uns in einer weit entfernten Zukunft befinden. Nur wie weit, das gilt es nach wie vor herauszufinden. Ich möchte gerne auf meinen Heimatort herabbeamen. Hat sonst noch jemand Lust, sich die Erde anzusehen?“
Es meldeten sich drei Besatzungsmitglieder, denen ein Transporterraum genannt wurde, in welchem sie sich einfinden sollten. Lennard übergab die Brücke an Vakuf und begab sich ebenfalls dorthin.
*****
Das erste, was Lennard sah, als er sich rematerialisierte, war das Meer vor ihnen. Es war zur Zeit Nacht auf Neuseeland oder dem, was aller Wahrscheinlichkeit nach einst Neuseeland gewesen war, doch die gespenstische Szenerie der beiden hochstehenden Monde spendete mehr als ausreichend Licht. Es war schon mehr als unheimlich, neben dem vertrauten Vollmond den riesigen, dunklen und unförmigen Felsklumpen am Sternenhimmel hängen zu sehen.
„Das ist ... falls wir je einen Weg finden, in unsere eigene Epoche zurückzufinden, sollten wir eine Aufzeichnung über das hier mitnehmen. Denn ansonsten wird uns das niemand glauben.“
Lennard warf der Frau, die diese Bemerkung gemacht hatte, einen erbosten Seitenblick zu und sah sich dann erschüttert, aber doch auch fasziniert um. „Der Mond scheint näher an der Erde zu sein als früher, er scheint viel größer und heller zu scheinen.“
Lennard betrachtete sich den Erdenmond zum ersten Mal genauer. Bislang hatte er ihm nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit gewidmet angesichts der vielen Veränderungen der Erde. Nun merkte er, dass sich das Aussehen des Trabanten durchaus geändert hatte und nicht, wie der erste Schein einen Glauben machte, das einzige Unveränderte war. Er schien in der Tat heller, aber vor allem deshalb, weil die ursprünglich sichtbaren Mare, dunkle Tiefebenen auf der erdzugewandten Seite des Mondes, praktisch nicht mehr existierten. Sie waren einer Vielzahl von neuen Kratern gewichen, die wohl das Resultat einer massiven Bombardierung mit kleinen Gesteinsbrocken sein mussten. Was immer den Mars zerstört und der Erde einen zweiten Satelliten beschert hatte, trug auch die Verantwortung für das derzeitige Antlitz des Mondes.
„ Sehen Sie sich diesen Baum an. Sieht das nicht seltsam aus?“ Lennard gesellte sich zu den anderen, die eine wirklich fremdartig anmutende Pflanze umstanden. Zweifellos war dies hier eine Art, die zu ihrer Zeit noch nicht existiert hatte. Man konnte nur den Umriss im Gegenlicht der beiden Monde erkennen, dieser allein war jedoch bizarr genug. Der Baum - wenn es wirklich einer war - war nur wenige Meter hoch und besass eine breite, wie plattgedrückt erscheinende Baumkrone und knapp darüber eine kleinere Ausgabe selbiger. Das skurrilste jedoch war der Stamm. Er war an seiner Basis breit genug, um einem ausgewachsenen Urwaldriesen Konkurrenz zu machen und lief etwa einen Meter über dem Boden in viele armdicke Unterteilungen aus, die vom Zentrum des Stammes weg in die Erde liefen. Dadurch wirkte er wie ein Sumpfgewächs, obwohl die Ausläufer hier aus massivem Holz waren, wie sie herausfanden. Sie stellten des weiteren fest, dass von jedem dieser Ausläufer ein sehr dickes, komplexes Wurzelwerk in Bodennähe, teilweise sichtbar, bis zu zehn Meter kreisförmig vom Stamm weg ausgebildet war.
„Das muss doch etwas zu bedeuten haben; die Natur hat diese Pflanze sicher nicht zufällig hervorgebracht.“ Einer von Lennards Begleitern überlegte angestrengt, was es mit dieser Entdeckung auf sich haben mochte.
Lennard klopfte auf einen der Ausläufer. „Das Holz hier ist unglaublich hart, fast schon wie Stein. Und das Aussehen lässt darauf schließen, daß diese Pflanze offenbar sehr großen Naturkräften ausgesetzt wird. Man könnte fast meinen, sie stemmt sich mit aller Kraft in den Boden.“
Die junge Frau in ihrer Gruppe leuchtete ausserhalb des Wurzelgeflechtes den Boden ab. „Die Erde hier ist mit Rissen und Spalten durchzogen, aber nur ausserhalb des Wurzelwerkes. Vielleicht gibt es an diesem Hang hier Erdbewegungen, der der Baum entgegenwirken will, indem er sich förmlich in den Hang krallt.“
„Das halte ich für unwahrscheinlich“, widersprach Lennard. „Dann wäre dieser Baum ja eine Mutation oder ein Lebewesen, das seine Lage erkannt hat und sich aktiv zur Wehr setzt.“
„Vielleicht ist diese Spezies etwas ähnliches wie ein ‘Piersols Reisensder’ auf Marcos XII. Dieser Baum wandert allerdings nicht frei umher und nimmt Nährstoffe aus Gewässern auf, sondern hat sich im Gegenteil fest im Boden verankert wie ein normaler Baum auch.“
„Guter Einwand. Hm, er sieht fast schon unheimlich aus im Mondlicht.“ Lennard sah empor und überlegte. „Der Mond ist fast voll und überschneidet sich bald mit dem zweiten Satelliten. Könnte es sein...?“
Das war das letzte, woran Lennard sich erinnern konnte, bevor er das Bewusstsein verlor. Halt, da war ein Crewmitglied, das plötzlich an ihm vorbeiflog. Er fühlte sich mit einem Mal fast schwerelos und fiel dann, bevor er hart aufschlug und in eine dichte Dunkelheit getaucht wurde.
[ich weiß, der harte Aufschlage auf der Realität schmerzt, aber Du musst bis morgen auf Kapitel 6 warten...]
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