Mittwoch, 8. November 2006
ST1.18 : Die Entdeckung der Langsamkeit...
[... Fortsetzung von gestern]

„Befinden uns im Endanflug auf die fragliche Stelle. Funkanfragen noch immer negativ.“ Kall sah beunruhigt zu Leardini hinüber, die neben ihr im Shuttle sass.
„Wir sollten ganz sicher gehen. Vielleicht ist er nicht mehr in der Lage, sich über grössere Entfernungen mittels Funksignalen zu verständigen.“ Offenbar war Leardini nicht gewillt, so schnell aufzugeben. „Können Sie denn nichts von seiner Anwesenheit spüren?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher,“ gestand die Betazoidin zögerlich ein, „Es ist etwas da, aber nur wie ein weit entferntes Echo. Angesichts der immensen Stärke, mit der ich die Präsenz des Ewigen bei unserem ersten Kontakt gespürt habe, ist das sicher kein gutes Zeichen.“
Nun konnte man durch die Frontfenster die Senke erkennen, in welcher sie den Ewigen vorgefunden hatten. Der Hang, an welchem sich das Wesen damals befunden hatte, lag momentan in tiefem Schatten, sodass man nichts von ihm erkennen konnte. Kall schwenkte auf einem ebenen Stück Boden den Bug zu besagter Stelle hin und setzte das Shuttle so sanft auf, daß man praktisch nichts davon spürte.
„Da wären wir,“ bemerkte die meisterhafte Pilotin.
Leardini spähte angestrengt mit zusammengekniffenen Augen durch das transparente Aluminium der Fenster hinaus. „Können Sie einen Lichtstrahl auf die Felswand richten, an der der Ewige sich befinden müßte?“
Nur einen Moment nach ihrer Frage leuchtete ein starker Scheinwerfer am Bug auf und tastete den Hang vor ihnen ab. Leardini hatte auf einmal einen Kloss im Magen.
„Nichts.“
Sie flüsterte es leise vor sich hin, doch die bedrückende Stille im Shuttle liess es deutlich hörbar für alle Insassen werden.
Stern, der es sich nicht hatte nehmen lassen, wieder beim Kontakt mit dem phantastischen Lebewesen dabeizusein, sagte plötzlich: „Sehen Sie sich ‘mal das an. Diese Löcher im Hang an der Stelle, wo er früher... hing.“
Alle sahen ihn ob seiner unglücklichen Wortwahl befremdet an, worauf er es vorzog, seinem Kommentar nichts mehr hinzuzufügen. Kall sah hinaus und rief: „Er hat recht! Sehen Sie sich das nur an.“
Sie hatte eine tiefe Einhöhlung im Gestein mit dem Lichtstrahl erfasst, die eindeutig unnatürlich aussah. Entschlossen ging Leardini zum Behälter mit den Raumanzügen. „Das sehen wir uns an. Kazuki, Kall, Stern, Sie kommen mit mir; Vakuf, Sie bleiben hier und führen Scans der Umgebung durch.“
In relativ kurzer Zeit hatten sie sich für ihren Spaziergang auf der Mondoberfläche bereitgemacht. Leardini betrat die staubbedeckte Felseinöde als erste und musste gleich ihre Helmscheinwerfer einschalten, da es wesentlich dunkler war als bei ihrem ersten Treffen. Sie sah hinauf zum Sternenhimmel und begriff, woran das lag. Beim letzten Mal war Alnilam V mit seinen drei inneren Monden hoch am Himmel gestanden und hatte das Licht der Sonne reflektiert. Diese natürliche indirekte Beleuchtung fehlte zur Zeit, da Fafnir gerade in der sonnenfernsten Position stand und somit nichts als das schwarze All mit seinen Sternen zu sehen war, was diese Hemisphäre des Satelliten in Dunkelheit hüllte.
„Commander, ich habe eine erste Abtastung der Felswand abgeschlossen. Die Ergebnisse werden Ihnen nicht gefallen.“ Als Vakufs Stimme in ihrem Helmlautsprecher erklang, drehte Leardini sich unwillkürlich zum Shuttle um und sah, wie gerade Kall aus der kleinen Luftschleuse heraustrat und sie gleich wieder verschloss, damit der nächste des Aussenteams hindurch konnte.
„Lassen Sie hören, Lieutenant Commander.“ Sie bewegte sich mit kleinen Sprüngen auf die fragliche Stelle zu, unterstützt von der geringen Schwerkraft auf diesem Himmelskörper.
„Es gibt sechs dieser Einhöhlungen an der Stelle, wo sich die Hauptmasse des Ewigen befand, jeweils drei übereinander. Die beiden Gruppierungen liegen etwa vier Meter auseinander, mit einem vertikalen Abstand von einem Meter. Sie bilden tatsächlich drei horizontale Paare zueinander, wenn man im Geiste drei gerade Linien zieht. Sie sind allesamt annähernd rund, besitzen einen Durchmesser von gut zwei Dezimetern und sind einen guten halben Meter tief. Es bleibt leider kein anderer Schluss, als...“
„Ich muss mir das ansehen. Gehen Sie zur Seite, Doktor!“
Kazuki, der als letzter durch die Schleuse gegangen war, drängte sich an Stern vorbei und hastete, so schnell das angesichts der Umweltbedingungen möglich war, zu Leardini an die massive Felswand heran.
Er blieb fassungslos stehen und sah sich die unterste der drei linken Höhlungen an. Sie war annähernd zylindrisch und verlief in einem steilen Winkel von oben rechts nach unten links in den Fels hinein. Kazuki stiess sich nun vom Boden ab und schwebte langsam ein Stück nach oben, wo er einen Blick in das nächsthöher gelegene Loch warf.
„Das sind eindeutig Einschüsse von Energiewaffen. Volle Disruptorentladungen von einem leichten Romulaner oder Klingonen, würde ich sagen.“
„Klingonischer Bird of Prey,“ schaltete sich Vakuf nun ein. „Drei Breitseiten in einem Anflug. Die Spuren sind sehr alt, aber unverkennbar.“
Leardini sank auf die Knie und schrie beinahe mit bebender Stimme: „Diese Barbaren! Wie konnten sie nur so etwas Ungeheuerliches tun? Der Ewige war eine völlig friedliebende und für sie ungefährliche Kreatur. Das darf einfach nicht geschehen sein.“
Kall erschien neben ihr und zog sie wieder auf die Füsse. Trostspendend redete sie auf sie ein: „Das Leben kann manchmal wirklich grausam sein, Stefania. Wir müssen uns wohl mit dem abfinden, was hier geschehen ist. Die Klingonen dachten wohl, daß sie sicherstellen müssten, dass sie die Einzigen mit diesem Schatz an Wissen bleiben würden. Der Ewige ahnte wahrscheinlich nicht einmal, wie ihm geschah, als sie auf ihn zugeflogen kamen. Er...“
Kall brach ab und sah auf. „Da stimmt etwas nicht. Ich spüre etwas... etwas Gewaltiges...“
' Ich wollte nur sichergehen, was eure Absichten angeht. Aber ihr seid es wirklich. ’ Diese Stimme, die sich direkt in ihren Gedanken bildete...
Ein hochfrequentes Sirren erfüllte den Äther um sie herum. Dann begann die Stelle, wo der ‘Rumpf’ des Ewigen gewesen war, zu leuchten. Das schmerzhaft grelle Licht breitete sich aus, nahm eine konkrete Form an und verharrte in dieser, während es ständig schwächer wurde. Unmittelbar vor ihnen befand sich die ihnen vertraute Gestalt, mit seinen Armen fest an der Felswand verankert und scheinbar von den Zeiten unberührt.
Leardini lachte vor Glück auf. „Ich bin so froh, dich wiederzusehen. Wir dachten, diese grausamen Klingonen hätten es geschafft, dich zu töten. Wie hast du ihren Angriff nur überstehen können?“
' Diese Rasse war in der Tat nicht besonders freundlich mir gegenüber. Sie kamen in der Absicht, meine Existenz durch den Einsatz gerichteter Energieentladungen vorzeitig zu beenden. Was für ein abscheulicher Gedanke! Ich wäre nicht mehr in der Lage gewesen, die siebenundneunzig Begegnungen mit anderen Rassen durchzuführen und meiner Existenz einen Sinn zu geben.
Nun, als ich ihrer Kommunikation ihr Vorhaben entnommen hatte, habe ich mich in eine andere Dimensionsebene begeben, und zwar in dem Moment, in dem sie auf mich geschossen... stimmt dieser Ausdruck? Gut... als sie auf mich geschossen haben. Sie nahmen dann wohl an, dass sie Erfolg gehabt haben und sind abgezogen. Danach wartete ich noch solange, bis ihre Zivilisation mit Sicherheit untergegangen war, und kam dann zurück in dieses Universum. Das war eigentlich im großen und ganzen das aufregendste Ereignis in letzter Zeit. Seitdem hatte ich nur noch friedfertige Begegnungen, allerdings mit keiner euch bekannten Art mehr. Wolltet ihr mich nicht noch einmal besuchen kommen? ’
„Uns ist etwas dazwischengekommen; deshalb sind wir auch erst jetzt hier. Ich erkläre es dir gleich. Aber wieso hast du dich denn vor uns verborgen?“ fragte Leardini neugierig.
' Ich habe die Energiespur, die euer Gefährt hinter sich herzieht, entdeckt und mich dabei an mein unerfreuliches Erlebnis erinnert. Ihr seid die Einzigen, die je so ein ähnliches Antriebssystem oder auch solche Energiefrequenzen zur Kommunikation benutzt haben wie jene bösartigen Klingonen. Da unser Kontakt schon so lange zurückliegt, war ich mir nicht mehr sicher, was auf mich zukommen würde. Deshalb habe ich mich zurückgezogen, bis du, Commander Stefania Leardini, mir eure wahren Absichten gezeigt hast. ’
Kazuki bemerkte versonnen: „Könnt ihr euch das vorstellen: über einhundertundzwanzig Kulturen, verteilt über Jahrmillionen, von denen keine einzige die Technik des Impulsantriebs oder des Funkverkehrs benutzt hat? Sie müssen alle irgendwelche anderen Lösungen gefunden haben. Unvorstellbar!“
„Es tut mir leid, dass wir unser Versprechen nicht eingehalten haben, dich nochmals zu besuchen, aber wie du gleich hören wirst, aus gutem Grund...“ Leardini erzählte ihm alles in einer knappen Zusammenfassung der Ereignisse, eingeschlossen dem Unfall des Captains, was erklärte, warum nicht er auch diese Expedition anführte.
Während ihrer Erklärungen beugte sich Stern zu Kall hinüber und berührte mit seinem Plexivisier das ihre, wodurch er mit ausgeschaltetem Mikrofon mittels der Schallschwingungen von Helm zu Helm mit ihr reden konnte. „Unser Freund scheint gewachsen zu sein, seit wir ihn das letzte Mal gesehen haben, meinen Sie nicht auch, Sam?“
„Um etwa die Hälfte, würde ich sagen. Ich bin froh, daß wir ihn unbeschadet angetroffen haben. Als wir die Einschüsse fanden, habe ich bereits das Schlimmste befürchtet.“
„Nun ja, er wird wohl etwas unbequem am Felsen hängen, mit den sechs Löchern an seinem Rücken.“
Kall lachte leise. „Sie sind ein ganz schöner Spinner, David. Irgendwie mag ich das an Ihnen.
Was mich allerdings nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass er seit uns weitere siebenundneunzig Besucher hatte. Wenn Sie berücksichtigen, dass zwischen unserer und der davorliegenden Begegnung etwa eine Viertelmillion Jahre verstrichen ist und das als Durchschnittswert nehmen, kommen Sie auf einen höchst unerfreulichen Wert.“
„Jetzt malen Sie doch nicht gleich den Teufel an die Wand, so krass wird es schon nicht werden. Sicherlich ist das eine ungewöhnlich hohe Zeitspanne und die anderen Kontakte liegen nicht derart weit auseinander.“
' Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Doktor David Stern. Es ist schon bald nach eurer Ära ziemlich ruhig geworden im mir bekannten Universum, sodass die euch bekannte Zeitspanne eine der kürzesten Pausen zwischen zwei Kontakten war. ’
„Wie konnten Sie uns zuhören?“ fragte Kall verblüfft.
' Wenn ihr in euren Schutzhüllen sprecht, nehme ich die Schwingungen wahr, in die ihr das Medium versetzt, mit dem sie gefüllt sind. Auf solch kurze Entfernungen geht das nebenbei, auch wenn ich gleichzeitg Leardini zuhöre. ’
„Die Schallwellen innerhalb unserer Anzüge? Das ist faszinierend.“ Stern schwieg daraufhin; er fühlte sich wohl ein wenig ertappt, wie ein Schüler, der mit seinem Nachbarn redet, während der Lehrer der Klasse etwas erzählt.
Leardini endete nun mit ihren Ausführungen: „...und so dachten wir, dass uns Ihr phänomenales Zeitgespür vielleicht weiterhelfen kann, da wir eventuell in unsere Epoche zurückgelangen könnten, wenn wir nur wüssten, wie weit wir in die Zukunft geschleudert worden sind. Uns ist es leider mit unseren technischen Mitteln nicht möglich, einen Anhaltspunkt zu finden.“
' Das sollte eigentlich kein Problem sein. Ich gehe recht in der Annahme, dass ihr für euer Vorhaben eine genaue Angabe braucht? ’
„So genau es geht. Erinnern Sie sich denn noch an unsere Zeitmasse?“
' Sekunde, Minute, Stunde, Tag, Woche, Monat, Jahr, wenn meine Daten über eure Kultur korrekt sind. Um eine genaue Angabe machen zu können, sollte ich vielleicht nochmals eine Zeittaktvorgabe von eurem Mutterschiff erhalten, etwa eine Minute lang wie beim letzten Mal. Wie genau sind eure Zeitmesser? ’
Sie sind exakt bis auf eine Planck’sche Zeiteinheit, die 1,3 x 10-43 Sekunden entspricht. Die Wochen und Monate müssen Sie allerdings nicht unbedingt berücksichtigen, da sie nicht zwingend relevant für diese Angabe sind.“
' Gut, ich bin bereit. ’
„Alnilam, habt ihr alles mitbekommen?“
„Hier Wuran, Commander. Beginnen mit Senden der Zeitimpulse.“ Kurz darauf erklangen exakt sechzig Sekundenzeichen in den Kopfhörern der Aussenteammitglieder.
' So, nun lasst mich kurz nachdenken...ja, ich habe die Zeitspanne ermittelt. ’
Erstaunt entfuhr es Leardini: „Oh, das ging ja wirklich schnell. Wuran, sind Sie bereit zur Aufzeichnung?“
„Positiv.“
' Ich habe die Zeit vom ersten Mal aus ermittelt, und zwar von dort an, als ihr mir das Zeitsignal gesendet habt. Es sind 246’ 433’012 Jahre, 249 Tage, neunzehn Stunden, eine Minute und dreissig Sekunden... genau...jetzt! ’
„Wow, das ist... wirklich... genau!“ rutschte es Stern heraus.
Danach trat eine beklemmende Stille ein.
Ein knisterndes Geräusch erfüllte Leardinis Helmlautsprecher; sie wandte sich nach dem Urheber des Tones um und entdeckte Kall, die fassungslos auf den Hintern geplumpst war. Sofort war Stern zur Stelle und half ihr mit auffälliger Aufmerksamkeit wieder hoch.
„Hab’ ich denn ‘was Falsches gesagt, Sam?“
Kazuki sah Leardini an und bemerkte tonlos: „Wenn das stimmt, haben wir ein Problem.“
„Das erklärt so einiges,“ meinte Stern, „etwa, warum wir uns nicht mehr so gut zurechtgefunden haben. Die Galaxie muß sich inzwischen zwei- bis dreimal um sich selbst gedreht und sich dabei so stark verändert haben.“
„Sie scheinen es endlich verstanden zu haben, Doc.“ Diese übertrieben nette Stimme konnte nur Leardini gehören.
„Oh, verbindlichsten Dank, Commander,“ antwortete der Bordarzt ironisch.
„Die gewaltigen Veränderungen, die wir gesehen haben... das ist eine so entfernte Zukunft, dass wir sie uns nie hätten vorstellen können!“ Kazuki klang versonnen.

[in weniger entfernter Zukunft geht's weiter ...]

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