Samstag, 11. November 2006
ST1.21 : KriegsVögel der Opfer
[... Fortsetzung von gestern]

Sie wurden zum dritten Mal förmlich von der Sonne ausgespuckt, als sie ihren nahen Vorbei-flug vollendet hatten und von beinahe Warp zehn wieder auf Unterlichtgeschwindigkeit verlangsamen. Lennard war diesmal einer der ersten, die wieder zu sich kamen. Sofort rief er al-le ihm über seine Konsolen in den Armlehnen seines Platzes zugänglichen Informationen üb-er den Betriebszustand der Aldebaran ab.
„Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung. Conn, haben Sie die Klingonen geortet?“
Vakuf fragte einige Informationen ab und antwortete: „Positiv, Captain. Der Sternzeit nach befinden wir uns etwa eine Viertelstunde nach dem Beginn unseres Irrfluges. Der klingonische Bird of Prey bewegt sich mit Warp vier aus dem System heraus, dem Anschein nach auf einen Rendezvouspunkt zu. Ausserdem...“
Als die Vulcanierin stockte, fragte Lennard missmutig: „Was noch, Gora?“
„Ich... ich habe die Aldebaran lokalisiert. Sie... wir...“
„Wir haben jetzt keine Zeit für solche Phänomene. Lassen Sie der Geschichte ihren Lauf und programmieren Sie einen Abfangkurs auf die Renegaten mit Warpfaktor Neun Komma Sechs.“ Er konzentrierte sich auf seine Statusdisplays des Schiffes.
„Kurs programmiert und eingegeben.“
„Beschleunigen.“ Nun sah er über die Schulter zu Kazuki. „Sämtliche Phaserbänke laden, alle Photonentorpedos bereitmachen und vorderen sowie hinteren Torpedolauncher der Kampfsektion bestücken. Haben wir noch Zeit für eine Ebene-Zwei-Diagnose bis zum Feindkontakt?“
„Leider nicht, Captain, einige Minuten fehlen. Sollen wir auf Warp neun hinabgehen?“ wollte Vakuf wissen.
Er überlegte kurz. „Nein, begnügen wir uns mit einer Ebene-Drei-Diagnose. Das Aufhalten des Zieles hat momentan oberste Priorität.“
„Wie lange bis zum Ziel?“
„Dreiundvierzig Minuten, Captain,“ ließ Kazuki verlauten.
„Wir bleiben auf Alarmstufe Rot und in voller Gefechtsbereitschaft bis zum Erreichen des Zieles,“ ordnete Lennard an.
„Captain, kann ich Sie kurz sprechen?“ fragte Leardini mit ernster Miene.
Ein wenig überrascht sah er auf sie hinab. „Sicher, Commander.“
Er wies auf die Tür zu seinem Bereitschaftsraum, worauf sie sich erhob und zielstrebig auf diese zusteuerte. Er folgte ihr und sagte noch über die Schulter, bevor er ihr nacheilte: „Mr. Darrn, Sie haben die Brücke. Informieren Sie mich bitte über jede Veränderung des Zielobjektes.“
„Aye, Sir,“ bestätigte der klingonische Operationsoffizier und ging auf den Kommandosessel zu. Es war nicht ersichtlich, ob er deshalb so erstaunt war, dass Leardini ihn ausgerechnet jetzt vertraulich sprechen wollte oder darüber, dass er ihm in dieser Lage das Kommando übertrug.



Kaum hatten sich die Türen leise zischend hinter ihm geschlossen, als sie mit in die Hüften gestemmten Fäusten fragte: „Was ist los, * Kyle*?“
„Das wollte ich auch gerade fragen,“ entgegnete er ein wenig ungnädig, „wie wohl jeder auf der Brücke.“
„So kenne ich dich gar nicht. Du willst sie einfach abknallen, stimmt’s?“
Mit einem Anflug von Ärger erwiderte er: „So salopp darfst du das nicht sehen. Ich weiss selbst, dass wir sie nach Vorschrift zuerst einmal zur Aufgabe auffordern müssen. Dies hier ist aber keine gewöhnliche Situation; von unserem Handeln hängt die Zukunft der freien Galaxis ab. Du hast selbst gesehen, dass es eine solche bald nicht mehr geben wird, wenn wir den Ablauf der Ereignisse nicht korrigieren, und zwar hier und jetzt.“
„Steht uns das zu? Ich meine, haben wir das Recht...“
„Von dir hätte ich diese Art Gewissensbisse nicht erwartet, Stefania. Ich könnte dich ja ver-stehen, wenn...“ Lennard winkte ab und setzte erneut an. „Sieh’ mal, es ist doch so: etwas ist hier schiefgelaufen. Der Ewige hatte ganz bestimmt nicht im Sinn, die aggressivste Rasse mit dem ausgeprägtesten Bedürfnis nach Eroberungen exklusiv mit der Technik zu versorgen, die ihnen eben das ermöglicht. Wir haben erfahren, was passieren wird, wenn wir nichts unter-nehmen. Es genügt nicht, sie nur zu entern und die samte Besatzung in Gewahsam zu nehmen, ganz davon abgesehen, dass sie sich nie ergeben werden. Es gibt zu viele Möglichkeiten, wie sie die Informationen dennoch weiterschmuggeln könnten. Wir müssen das einhundertprozentig ausschliessen können.“
„Wer sagt dir, dass sie die Daten nicht bereits weitergegeben haben?“
„Alnilam. Die Strahlung der Sonne erzeugt derart starke Interferenzen, dass sie unmöglich ein gerichtetes Signal absenden können. Zudem können sie keine speziellen Vorkehrungen für eine solche Aktion getroffen haben, da sie ursprünglich nur einen Aussenagenten retten sollten und nicht so etwas Wichtiges vorhatten.“
Nachdenklich setzte Leardini sich auf die Kante von Lennards Schreibtisch. „Das stimmt so nicht, * Kyle*. Er hatte das Signal nach unserer Begegnung mit dem Ewigen abgesandt, als er bereits von unserer Entdeckung wusste. Er kann ihnen davon berichtet haben, als er sie um seine Rettung bat.“
„Du hast recht. Ausserdem muß der Bird of Prey die meiste Zeit in unserer Nähe gewesen sein, um so schnell zur Stelle zu sein. Der Schläfer ist demnach kein Selbstmordattentäter und die Zerstörung eines Galaxy-Schiffes ist ihnen wichtig genug, um Entsatz für den Täter zu organisieren. Vielleicht steckt da noch mehr dahinter, als wir ahnen.“
Leardinis Züge wurden grimmig und entschlossen. „Deine Ansicht war vielleicht doch nicht so abwegig. Sie palanen etwas grösseres als... den Umsturz des Hohenrates von Klingon. Und dank uns werden sie das nun in die Tat umsetzen können. Wir müssen sie aufhalten.“
Unverwandt sah er sie an. „Wolltest du mir nicht eigentlich ins Gewissen reden?“
„Schon gut, du hast gewonnen. Wir werden tun, was getan werden muss... auch wenn es mir nicht unbedingt gefallen wird.“
„Glaubst du denn, mir macht das Spass? Ich wäre wohl kaum in dieser Position, wenn ich ein schiessfreudiger Cowboy wäre.“
Sie lächelte verschmitzt. „Ich stelle mir gerade vor... das müssen wir mal auf dem Holodeck ausprobieren, wenn wir das hier überstanden haben. Ich glaube, Doc Stern hat da ein Programm, das uns...“
Er blockte hastig ab: „Das kannst du gleich wieder vergessen! Ich hasse diese Ära.“
Dann wandte er sich der Tür zur Brücke zu. „Also, können wir, Commander?“



Sie waren noch nicht lange zurück auf der Brücke, als sie vom klingonischen Schiff entdeckt wurden. Darrn, der wieder an der Ops saß, meldete: „Bird of Prey beschleunigt auf Warp sieben und tarnt sich. Wir verlieren seine Ortung.“
„Das macht nichts,“ entgegnete Lennard. „Wir setzen uns hinter ihn und bleiben auf seinem Kurs. Stören Sie sämtliche Subraumfunkfrequenzen. Wir wissen, dass er zu einem Treffpunkt fliegt und dass er ihn bald erreicht haben muss. Sie haben uns sicher noch nicht identifiziert und wissen daher nicht genau, was auf sie zukommt. Wahrscheinlich hat Baor in diesem Augenblick ein Messer an seiner Kehle und schwört dem Kommandanten des Schiffes hoch und heilig, dass das unmöglich wir sein können und er absolut sicher ist, dass wir die Sabotage nicht in solch kurzer Zeit aufgehoben haben können.“
Leardini grinste. „Schade, dass ich das nicht sehen kann.“
„Ich überlege mir gerade, wie wir sie am Besten aus der Reserve locken können. Besteht die Möglichkeit, ihre Tarnung irgendwie aufzuheben?“
„Sie dazu zu bringen, auf uns zu feuern,“ meinte Kall.
„Wirklich amüsant, Counselor,“ zischte Leardini.
Lennard fügte hinzu: „Unsere Schilde würden den Beschuss dieses Schiffes bestimmt amüsant finden. Hat niemand einen brauchbaren Vorschlag?“
„Verzeihung, Sir,“ meldete sich ein Fähnrich, der für die Wissenschaftsstation in Reserveposition stand, „aber ich wüsste da vielleicht etwas. Erinnern Sie sich an die Rolle der Födera-tion im klingonischen Bürgerkrieg vor ein paar Jahren?“
„Sicher. Damals wurde vermutet, dass eine Partei der Klingonen von den Romulanern logistischen Nachschub erhielt und deshalb eine Blockadeflotte entlang der romulanisch-klingonischen Grenze stationiert, um eine Einmischung der Romulaner zu deren Gunsten zu vereiteln.“
„Genau, Sir. Ich tat damals auf der Sutherland Dienst, dem Schiff, das die getarnten Romulaner entdeckte. Es war ein regelrechtes Katz- und Mausspiel damals; die Föderationsschiffe errichteten ein Netz entlang der Grenze und sandten Tachyonenimpulse zwischen den Schiffen durch den Raum, was die getarnten Warbirds verraten würde, wenn sie diese durchflogen hät-ten. Die Romulaner konterten damit, dass sie den samten Raum rund um die Sutherland mit Tachyonen überfluteten, so daß eine Ortung unmöglich wurde und sie an dieser Stelle unerkannt durchbrechen konnten. Doch wir suchten die Tachyonen nach Trägheitsverlagerungen im Subraum ab und entdeckten so mehrere ungenaue Anzeigen, wo sich Restablagerungen der Tachyonen um die Tarnfelder der Romulaner gelegt hatten. Dann stellten wir Pho-tonentorpedos auf einen Energiestoss der Grösse Sechs ein und schossen auf diese Gebiete. Die Explosionen machten die Lage der romulanischen Schiffe sichtbar, worauf diese aufgab-en und in romulanischen Raum zurückflogen.“
„Hm, das hört sich gut an. Aber ob das so einfach funktioniert? Was meinen Sie, Mr. Darrn, ist die Tarnung der romulanischen Schiffe der der klingonischen technisch ähnlich genug, damit das auch hier funktionieren könnte?“
Als der klingonische Operationsoffizier nicht antwortete, sahen nach und nach alle zu ihm hin. Verlegen brachte er schließlich hervor: „Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten, Captain. Ich bin mit der Technik der Tarnung nicht in diesem Masse vertraut...“
Er fing den befremdeten Blick von Vakuf auf und fügte schnell hinzu: „He, nur weil ich ein Klingone bin...“
Lennard seufzte. „Nun gut, wir können es ja dennoch versuchen. Richten Sie einen Tachyonenstrahl nach vorne ein und senden Sie ihn auf mein Kommando aus.“
„Captain, ich empfange eine schwache Umlagerung im Subraum vor uns. Das kann bedeuten, dass sie unter Warp gegangen sind.“
„In Ordnung, Wuran. Sind Sie soweit mit dem Tachyonenstrahl?“
„Jawohl, Sir.“ Die junge Bajoranerin wartete auf das Zeichen.
„Unter Warp gehen und mit maximaler Sensorenstärke scannen. Dadurch fällt ihnen die Identifikation von uns vielleicht schwerer.“
„Mit ihren alten Geräten und unseren verstärkten metaphasischen Schilden sehen sie wahrscheinlich nur eine große Blase auf ihren Instrumenten,“ bemerkte Kall leicht spöttisch.
„Überschätzen Sie die Möglichkeiten unserer Schilde nicht, Sam,“ warnte Lennard sie.
„Vielleicht hat die Counselor doch recht, Captain,“ warf Vakuf ein, „entweder das, oder es kümmert sie nicht, dass wir hinter ihnen sind. Jedenfalls haben sie sich gerade enttarnt.“
„Was?“ Leardini glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können. „Das kann ich nicht glauben.“
Lennard dachte nach. „Das riecht nach einer Falle. Sie haben einen Trumpf in der Hand, oder glauben zumindest, dass sie einen haben. Rufen Sie sie.“
Mit ungläubigem Unterton meldete Darrn: „Verbindung hergestellt.“
Wieder sahen sie die klingonische Brücke mit dem Captain im Vordergrund. Dieser sprang überrascht auf, als er sie erblickte. Baor, der gerade neben ihm stand, war anscheinend einer Ohnmacht nahe, als der Captain rief: „Sie! Wie kann das sein? Baor!“
Der klingonische Agent antwortete fassungslos: „Das ist ein Trick! Sie können ihre Computer unmöglich so schnell repariert haben.“
Leardini sagte boshaft: „Hier spricht Commander Giftzwerg, Baor. Sprechen Sie ihr letztes Gebet, aber beeilen Sie sich.“
Lennard stand auf und sagte mit beinahe feierlicher Stimme: „Ich erkläre Sie, Baor, für schuldig des Hochverrats an der Föderation der Vereinigten Planeten und der Sabotage an der U.S.S. Aldebaran mit der Absicht der Zerstörung des Schiffes und der Ermordung aller 983 Besatzungsmitglieder. Weiterhin der Verschwörung mit dem Ziel des Umsturzes des klingonischen Hohenrates und der Absicht, durch Missbrauch fortschrittlicher Technologie die Unterjochung aller friedliebenden Völker der Galaxie vorzubereiten. Hiermit sind sie und alle Mitglieder ihres Schiffes zum Tode verurteilt. Das Urteil wird sofort vollstreckt.“
Der Captain des Bird of Prey ging lansam auf ihr Sichtfeld zu und stiess mit hervorquellenden Augen hervor: „Woher nehmen Sie sich das Recht dazu? Ich bin Bron, Captain der...“
„Ich nehme mir das Recht im Namen aller freien und friedlichen Rassen der bekannten Galaxie. Mr. Kazuki, bereithalten zum Feuern.“
Einen Augenblick darauf wurde die Verbindung abgebrochen und sie sahen eine Aussenaufnahme des leichten Klingonenkreuzers, der begann abzudrehen.
Ohne mit der Wimper zu zucken, befahl Lennard: „Feuer frei, volle Breitseite.“
Mit etwas gemischten Gefühlen sahen sie, wie vier nacheinander abgefeuerte, sekundenlange Phaserstösse und drei Photonentorpedos sammen die Schilde des viel kleineren und schwächer bewaffneten Schiffes durchbrachen und in den Rumpf einschlugen. Es folgten mehrere kleine Sekundärexplosionen im schwer beschädigten Schiff.
Leise flüsterte Leardini ihm zu: „Das haben Sie aber schön gesagt, Captain.“
Er warf ihr einen missbilligenden Seitenblick zu, wurde dann jedoch von Vakufs alarmierter Stimme abgelenkt: „Die Besatzung beamt sich vom Schiff, Captain. Ich kann jedoch nicht feststellen, wohin sie sich transportiert haben, da der Warpkern des Bird of Prey am kollabieren ist und die Interferenzen ...“
Ein greller Blitz flammte auf, als der Warpkern brach und die Materie-Antimaterie-Reaktion das samte Raumschiff verzehrte. Die Explosionsdruckwelle erreichte sie und brauste an ihnen vorbei, ohne dass sie dabei etwas spürten.
„Diese Schilde waren den Trip in die Zukunft wert,“ rutschte es Kazuki heraus, womit er sich ungnädige Blicke einfing.
„Ich habe mehrere Schiffe auf dem Schirm, Captain. Drei Bird of Prey und ein grösserer Schiffstyp enttarnen sich voraus an der maximalen Transporter-Reichweitengrenze. Das muss der Trumpf im Ärmel sein, von dem Sie sprachen.“ Kazuki sah auf und liess den Mund beim Anblick auf dem Bildschirm offenstehen.
„Uh-oh!“
Nun sahen alle auf und bemerkten neben drei weiteren Bird of Prey einen Schlachtkreuzer der Vor’cha-Klasse, beinahe so gross wie die Aldebaran und ebensogut bewaffnet. Alle hielten direkt auf sie zu.
„Das ist die Pa’neth, Captain,“ informierte Darrn sie. „Angeblich ist sie im klingonischen Bürgerkrieg verlorengegangen.“
„Für mich sieht sie ganz schön einsatzbereit aus.“
Wuran sah auf. „Captain, sie rufen uns.“
Lennard sah kurz in die Runde. „Auf den Schirm.“
Darauf erhielten sie einen Ausblick auf die Brücke der Pa’neth, welche wesentlich geräumiger und moderner gebaut war als die der kleineren, alten Bird of Prey. Baor und Bron befanden sich auch schon dort. Letzterer trat nun hervor und grinste mit seinen schiefen, gelben Zähnen: „Das war wohl nichts, Captain Lennard. Mich überrascht allerdings schon, mit welcher Härte sie gegen uns vorgegangen sind. Die Zeit als Verbündete der Klingonen hat ihnen wohl gutgetan. Es wird uns eine Ehre sein, euch zu töten. Die Subtilität der Sabotage ist nicht mehr nötig, da wir dank des kleinen Mitbringsels von unserem guten Baor schon bald zur Er-oberung des klingonischen Reiches schreiten können. Da ist nur noch ein kleines Hindernis, das aus dem Weg geräumt werden muss, und zwar Sie. Sie haben die Daten ebenfalls. Diese Situation ist für uns inakzeptabel.“
Er beugte sich vor. „Heute ist ein guter Tag zum Sterben. Für Sie alle.“
Dann brach er die Verbindung ab.

[Fortsetzung folgt morgen...]

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