Mittwoch, 22. November 2006
T1.1.4 : Kleider machen Heute
[... Fortsetzung des Buches]

Joliette, Québec, Kanada, 24. Juli 1984

Es war eine recht laue Spätsommernacht am Ortsrand des netten Städtchens in der kanadischen Provinz. Ein paar kleine Supermärkte und Fast-Food-Restaurants, zu dieser späten Stunde menschenleer, befanden sich in Ufernähe des schmalen Flüsschens L’Assomption. Die Luft war schwülwarm und erfüllt vom Zirpen der Grillen; Unmengen von Glühwürmchen tummelten sich im Dickicht und auf den Rasenflächen zwischen den Gebäuden des Shoppingcenters. Träge floss das Wasser im Fluss L’Assomption dahin, trübe von einem Wärmegewitter, das Tage zuvor eine Menge Dreck und Erde in den Fluss gespült hatte. Einen Tag später würde dieses Wasser in den Sankt-Lorenz-Strom münden und sich in dessen gigantischer Wassermenge sang- und klanglos verlieren.
Die Luft begann zu knistern, Spannung entlud sich und Blitze zuckten über die Wasseroberfläche. Eine gleißende Kugel aus reiner Energie erschien drei Meter über dem glatten Wasserspiegel, mit einem scharfen Zischen und einem noch grelleren Blitz bildete sich eine menschliche Gestalt aus. Kaum war sie materialisiert, obsiegten die Gesetze der Physik über den Körper, der aus dem Nichts erschienen war.
Mit einem dumpfen Klatschen fiel er in den Fluss und versank.
Nachdem sich die Wellen des Eintauchens geglättet hatten, zeugte nichts mehr von dem seltsamen Ereignis, abgesehen von einem schwachen Ozongestank. Still und verlassen lag der L’Assomption da, als wäre nichts geschehen.
Im Eingangsbereich des nächstgelegenen Supermarktes tauchte ein Gesicht auf. Der Nachtwächter hatte gerade seine Runde gemacht, als er geglaubt hatte, draußen etwas gehört zu haben. Das Lichtphänomen hatte er nicht sehen können, da das Kaufhaus innen erhellt war.
Der alte Wachmann spähte hinaus, konnte aber nichts sehen. Er strich sich nachdenklich über seinen ergrauten Schnurrbart, tat die Angelegenheit mit einem Achselzucken ab und wandte sich von den Glasschiebetüren des Eingangsbereichs ab, um zurück in das weitläufige Innere des Einkaufsmarktes zu gehen.
Fünf Sekunden später tauchte der Kopf des untergegangenen Mannes in Ufernähe auf. In Imitation eines menschlichen Reflexes keuchte er auf und schnappte nach Luft. Dann stieg er geduckt aus dem Wasser, mit gleichmäßigen Bewegungen sich umsehend. Auf dem fast leeren Parkplatz herrschte Dunkelheit, doch der hell erleuchtete Eingang des Supermarktes erregte sogleich sein Interesse. Er erspähte im Inneren ein breites Warenangebot an Haushaltsgütern, Lebensmitteln und Kleidung, was ihn zum ersten Punkt seines Programms brachte.
Denn er war tropfnass und splitterfasernackt. Was seinen Informationen nach unerwünschte Aufmerksamkeit erzeugen konnte, sollte jemand ihn sehen.
Sein phänomenal komplexes Elektronengehirn begann bereits erste Querverbindungen herzustellen und zu lernen, während er über den gepflegten Rasen bis zum Eingang schritt. Er vermied es bewusst, über den noch warmen Teer des Parkplatzes zu gehen, damit seine nassen Füße keine Abdrücke hinterließen, die bis zu ihrem Trocknen Spuren seiner Anwesenheit ergeben würden. Er trat von der Seite her zur Hausecke des Einkaufsgebäudes und sprang mit einem kleinen, federnden Hüpfer auf eine geriffelte Fußmatte direkt vor den Schiebetüren.
Langsam und methodisch glitt sein Blick am dünnen und fragil wirkenden Rahmen der Türen entlang, zur Öffnungsmechanik oben und zurück zum Boden. Nach einem Sekundenbruchteil hatte er sich entschieden: Er schob die Fingerspitzen beider Hände in Brusthöhe zwischen die Gummiwülste, die zwischen den beiden Glastürhälften den Eingang abdichteten. Ganz langsam und mit genau kontrolliertem Krafteinsatz schob er die Türen auseinander, bis der Spalt groß genug war, dass er sich durch ihn hindurchschieben konnte. Anschließend schob er die Hälften wieder zusammen, aber nur soweit, dass noch ein Spalt für seine Finger offenblieb.
Das Eindringen hatte keinerlei Geräusch verursacht.
Am anderen Ende hörte man den Nachtwächter mit laut hallenden Schritten durch den leeren Markt patrouillieren. Leicht geduckt, sodass sein Kopf unterhalb der beinahe mannshohen Regale blieb, ging er zum ersten erreichbaren Ständer, an dem eine Anzahl Sommerkleider hing. Schnell nahm er eines davon vom Kleiderhaken, trocknete seine Füße damit ab und benutzte es anschließend, um die nassen Flecken, welche er auf den weißen Fliesen verursacht hatte, aufzuwischen. Nichts mehr wies jetzt unmittelbar auf seine Anwesenheit hin.
Der nackte Mann ging zwei Reihen weiter, griff wahllos ein Frotteehandtuch aus einem Regal und trocknete sich mit methodischen Bewegungen vollständig ab; das kurzgeschorene braune Haar rubbelte er oberflächlich trocken, bevor er Kleid und Handtuch unter einen Wühltisch mit einer bunten Vielfalt an kleinen Küchenhelfern warf, wo sie den direkten Blicken von vorbeigehenden Leuten entzogen waren. Anschließend streifte er sich ein graumeliertes T-Shirt der Größe L über, wählte einen schwarzen Slip, eine blaue Jeans und Basketball-Turnschuhe. Seinen Datenbänken nach war das statistisch alles unauffällige zeitgenössische Kleidung, weitverbreitet und farblich sowie von der Häufigkeit der verkauften Artikel her oft anzutreffende Stücke.
Anzuprobieren brauchte er sie nicht; mit der computererzeugten Tiefenwahrnehmung seiner visuellen Sensoren vermaß er die Kleidungsstücke, sodass alles, was er aussuchte, auf Anhieb passte.
Schlussendlich streifte er eine schwarze, dünn wattierte Weste aus Viskose mit vielen Taschen auf der Innen- und Außenseite über. Das war fürs Erste ausreichend, entschied er beim Gehen.
Ein leises Summen erregte seine Aufmerksamkeit, worauf sein Kopf sich langsam nach oben wandte. In der oberen Ecke des Raumes hing eine klobige, weiß gestrichene Über-wachungskamera und deckte mit gelegentlichen Schwenkbewegungen den gesamten Eingangsbereich bis hin zur Kassenzeile ab. Nachdem sich der junge Mann dieses Problems bewusst geworden war, wog er kurz etwa einhundertzehn Optionen ab und entschied sich dann für eine, die ihm nicht gerade als erste Wahl erschien, aber am leichtesten durchzuführen war und am wenigsten Zeit in Anspruch nehmen würde.
Von einer ausgestellten Auto-HiFi-Anlage nahm er zwei große Lautsprecher ab, demontierte die starken Magneten mit wenigen kundigen Handgriffen und ging damit zur Kamera. Er streckte sich hoch und legte sie nacheinander an das Gehäuse an, wo sie mit einem kaum hörbaren Klacken am Blechgehäuse haften blieben. Direkt an der Seite hinter dem Metall der Außenhülle befand sich das Magnetband, welches das Kamerabild aufzeichnete. Die Konstruktion dieses Gerätes war zu dieser Zeit noch so rudimentär und das dafür verwendete Chromdioxidband von solch minderwertiger Qualität, dass die großen Magneten der HiFi-Boxen damit leichtes Spiel haben würden. Bis jemand die Manipulation bemerken würde, würde das Band schon längst so stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein, dass nichts von Bedeutung mehr auf dem Film erkennbar sein würde.
Als er die Schiebetüren von außen wieder schloss, kam der alte Wachmann gerade aus dem nächsten Quergang wieder in den Eingangsbereich, einen Sekundenbruchteil bevor der lautlose Dieb um die nächste Ecke verschwunden war.
Verwundert erstarrte der Wächter und sah zu dem Eingang hin, wo sich jetzt nichts mehr rührte. Nach einem weiteren Augenblick des Zögerns tat er seine flüchtige Wahrnehmung als Einbildung infolge von Übermüdung ab und begann seinen weitläufigen Rundgang aufs Neue. In dieser Nacht würde wohl nichts mehr passieren.



Draußen hatte der Terminator gerade das Stoffverdeck des uralten Plymouth-Convertibles abgerissen, die Fahrertür von innen geöffnet und sich hinters Steuer gesetzt. Seine Bezeichnung war CSM 108-1, denn er war das allererste Modell seiner Reihe, trug seinen ‘Namen’ jedoch keineswegs mit Stolz, dazu war er nicht fähig. Noch nicht.
Er riss mit einer schnellen Bewegung die Verkleidung über dem Zündschloss ab und schloss den Wagen mit einer gelassen wirkenden Routine kurz, als ob er das jeden Tag machen würde. Nach kurzem Orgeln des Anlassers sprang der großvolumige V-Motor an, worauf er am Lenkradwählhebel der Automatik den Gang einlegte und ohne Licht davonfuhr. Nicht einmal das hatte genug Lärm erzeugt, um die Aufmerksamkeit des Nachtwächters zu erregen. Er würde nach Dienstschluss leider zu Fuß in die Stadt laufen müssen, wenn er sich nicht anders zu behelfen wusste.
In der Stadt bog er auf die Staatsstraße 31 ein, die nach mehreren Meilen auf die Fernverkehrsachse 40 führte, die Montréal mit Québec verband. Mitten in der Nacht war wenig Verkehr, sodass er in einer Viertelstunde die 28 Meilen nach Montréal zurückgelegt hatte. Unbehelligt fuhr er in die Großstadt, folgte dem Verlauf des Highway 40 bis zum internationalen Flughafen Dorval und ließ den Wagen auf dem Parkplatz für Kurzzeitparker stehen. Für die Polizei würde es so aussehen, als ob ein paar Jugendliche mit dem Auto eine Spritztour in die Stadt gemacht hätten.
Er betrat die Abfertigungshalle, in der zu dieser Zeit immer noch reger Betrieb herrschte, und erblickte zum ersten Mal, seit er in dieser Epoche war, eine genau gehende Uhr. Daraufhin ging er zu einem Kiosk und warf einen raschen Blick auf das Datum, welches kleingedruckt auf dem oberen Rand der USA today in einem Ständer zu lesen war. Danach glich er seinen inneren Chronometer ab und wusste nun auch, dass er im richtigen Zeitalter angekommen war.
Er suchte die Herrentoilette auf. Bei dem, was er jetzt vorhatte, war ihm glücklicherweise keinerlei Ekelgefühl im Weg. Mit regungsloser Miene schloss er sich in einer Kabine ein.
Zwei Minuten später kam CSM 108-1 wieder heraus und hielt ein kleines rechteckiges Stück grün bedruckten Kunststoffes in der Hand. In der Kabine hatte er es notdürftig mit Toilettenpapier gesäubert; jetzt ging er daran, die Kreditkarte mit Wasser und Seife vollends sauberzuwaschen. Da er lediglich auf einer Aufklärungsmission war und man Waffen ohnehin nicht mit durchs Zeitfeld nehmen konnte, hatte Skynet ihm das Zweitnützlichste mitgegeben, was man in dieser Epoche brauchen konnte.
American Express stand auf der Karte und, in leicht erhabenen Lettern, David S. Compton.
Hiermit würde er sich zunächst Bargeld in der landesüblichen Währung besorgen, dann eine Unterkunft sowie einen gefälschten Ausweis. Zunächst würde er in aller Abgeschiedenheit beobachten, fernsehen, Zeitungen lesen, Radio hören, kurz: sich eine Weile vorbereiten, Informationen sammeln, um die immensen Daten zu ergänzen, die Skynet ihm mitgegeben hatte, sich hier zurechtzufinden.
Sobald er es für sicher hielt, konnte er sich dann an die Reise wagen, um das Zielgebiet aufzusuchen, in dem der Erfinder des ZVA-Effektes vermutet wurde. Das würde der schwierigere Teil werden.

[Fortsetzung folgt...]

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