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Freitag, 24. November 2006
T1.1.6 : The Running man
cymep, 04:37h
[... Fortsetzung des Buches]
Montréal, Provinz Québec, Kanada 1. Februar 1985
CSM 108-1 saß in einem schäbigen Sessel in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, gelegen in einem der weniger feinen Quartiere der Millionenstadt. Die Jalousien waren herabgelassen und schützten ihn vor dem grellen Sonnenlicht. Er blätterte in einer anglokanadischen Tageszeitung und sah nebenher fern; es bereitete ihm keine Probleme, den Wirtschaftsbericht und das Footballspiel gleichzeitig aufzunehmen und zu verarbeiten.
Das Konzept des Fernsehens hatte ihm beim ersten Mal etwas Mühe gemacht, bis er herausgefunden hatte, dass er die Bildauflösung seiner optischen Sensoren nur ein wenig reduzieren musste, um auf dem Bildschirm nicht nur eine Vielzahl farbiger Pixel, sondern ein ganzes Bild zu erkennen, das aus diesen Pixeln zusammengefügt war. Die Trägheit des menschlichen Auges stellte für ihn ein weitaus größeres Problem dar, denn dieses wurde technisch mit nur fünfzig Einzelbildern pro Sekunde für den normalen Zuschauer überwunden, er hingegen ‘sah’ eine wechselnde Folge von abgehackten Einzelaufnahmen. Daher musste er immer zwischen zwei der einzelnen gesendeten Bildern mittels einer Wahrscheinlichkeitsentwicklung neun in seinem Prozessor erzeugte, annähernd gleich aussehende Zwischenbilder, fast wie in einem digitalen Daumenkino, einfügen, damit sich auch für seine Computerwahrnehmung ein bewegter Ablauf der Bilder ergab. Auf diese Weise sah er zwar wegen der Rechenarbeit um eine Zehntelsekunde zeitlich versetzt, was auf dem Bildschirm ablief, konnte jedoch bei einem Footballmatch trotzdem der erste sein, der bei einem Touchdown jubelte.
Im Laufe der Monate hatte CSM 108-1 sogar schon so etwas wie ein Gefühl für Langeweile entwickelt: den Eindruck von Monotonie, die zu unterbrechen eine Notwendigkeit für viele Menschen darstellte. Für seinen maschinellen Teil spielte Zeit keinerlei Rolle, sie war lediglich ein messbarer Faktor innerhalb seiner Missionsparameter. Das einzige Datum, das ihn etwas anging, war der Ausbruch des Nuklearkriegs; zu diesem Zeitpunkt musste er in der Höhle sein, wo sie ihn erwarten und abholen würden. Und er würde sich deaktivieren müssen, wenn seine Elektronik keinen Schaden durch die elektromagnetischen Impulse der detonierenden Kernwaffen erleiden sollte. Bis dahin würde noch ein gutes Jahrzehnt vergehen – für den Cyborg war das ein ganzes Leben.
Allerdings erachtete er es für notwendig, eine Darstellung von menschlichen Wesenszügen zu entwickeln, da ihm das bei seiner Mission von Nutzen sein konnte. Wenn man sich ständig in der gleichen Umgebung aufhielt und immer den gleichen Reizen ausgesetzt war, ohne gravierende Abwechslung, entwickelte die menschliche Psyche den Drang, etwas Neues zu unternehmen und neue Erfahrungen zu sammeln, um dem gewohnten Einerlei neue Impulse hinzuzufügen.
Ja, dachte er, es wurde vielleicht Zeit für etwas Abwechslung.
Ein lautes Pochen an seiner Zimmertür ließ seinen Kopf hochfahren. Rasch berechnete er die Wahrscheinlichkeiten, wer an der Tür sein konnte, und kam auch sofort zu einem Schluss. So viele Möglichkeiten gab es schließlich nicht.
Als seine Vermieterin mit ihrer penetrant hohen und kreischenden Stimme auf Französisch losbrüllte, war er bereits zur Tür getreten und hatte ein Geldbündel in der Hand. „He, Compton, machen Sie auf. Ich habe Ihnen schon zweimal gesagt, dass die Monatsmiete allerspätestens an jedem Ersten fällig ist.“
Blitzschnell kombinierte er zwei Fakten aus dem ihm bei seinem Einzug vorgelegten Mietvertrag und einem Artikel aus dem Wirtschaftsteil der soeben gelesenen Zeitung. Zur geschlossenen Tür hin rief er, während er die Scheine unter der Türschwelle hindurchschob: „Ihre Aussage ist nicht korrekt, Madame Bouvier. Ich habe erst am Ersten zu bezahlen, nicht früher. Mein Geld arbeitet so auf meinem Konto für mich, nicht auf Ihrem für Sie.“
Er hatte lediglich eine Information an Sie geben wollen, hatte aber nicht mit diesem Tobsuchtsanfall gerechnet, obschon er am Tonfall ihrer Stimme ein gefährlich hohes Aggressionspotential registriert hatte. „Was für eine bodenlose Unverschämtheit! Machen Sie gefälligst die Tür auf! Und stecken Sie das Geld wenigstens in einem Briefumschlag ins Postfach, anstatt es in den Dreck zu werfen.“
Er hielt einen Sekundenbruchteil inne und verarbeitete die neue Information. „Danke für diesen Ratschlag. Ich werde die Miete künftig so überreichen, wie Sie es wünschen.“
Die Tür öffnete er nicht.
Kaum war seine griesgrämige Hausherrin abgezogen, da öffnete er seine Zimmertür leise. In der Zeit, in der Madame Bouvier vor seinem Raum noch lautstark Dampf abgelassen hatte, hatte er ungerührt seine gesamte Kleidung in eine billige, aber sehr geräumige schwarze Sporttasche gepackt. Alles, was er sonst im Laufe der letzten Monate an belanglosen Dingen erstanden hatte, ließ er einfach zurück. Einerseits hatte er seine Persönlichkeit noch nicht so weit entwickelt, dass er etwas von dem Kram vermissen würde, und außerdem würde es bei dem Verwischen seiner Spuren helfen, wenn er alles hier ließe und sich an seinem nächsten Standort von Grund auf neu einrichten würde.
Vielleicht entwickelte er sogar eine Spur von Abneigung gegen die Art seiner Vermieterin. Da sie ihre Miete hatte, würden theoretisch etwa vier Wochen vergehen, bevor es ihr überhaupt auffallen würde, dass er nicht mehr da war. Und er hatte bei ihrem Profil die Chance, dass sie ihn bei irgendeiner Behörde als vermisst melden würde, auf nur 5,2 Prozent berechnet. Vielmehr würde sie seine Habe in einen Müllsack packen, wegwerfen und das Zimmer umgehend neu vermieten. Die Wahrscheinlichkeit für diese Option lag bei immerhin 89,1 Prozent und würde nach dieser Diskussion eben sicher noch gestiegen sein.
Natürlich war CSM 108-1 oft unter die Leute gegangen, doch nur für kurze Zeit zum Beobachten des geschäftigen Großstadtlebens von Montréal. Beinahe bei jeder Interaktion mit anderen Individuen hatte er eine Unsicherheit und unterschwellige Abneigung ihm gegenüber an den Reaktionen der Kontaktpersonen erkennen können. Hauptsächlich führte er das auf seinen Mangel an Erfahrung zurück, was erfolgreiche unauffällige Kommunikation mit Menschen anging, aber auch auf die Lebensweise und Einstellung der Menschen hier. Er hatte sich selbstverständlich in kürzester Zeit perfekt sowohl den französischen als auch den englischen Dialekt angeeignet, wie er in dieser Region Québecs üblich war. Wobei er bei letzterem eine erhebliche Abweichung zu dem feststellen musste, was im Rest der Welt als Englisch angesehen wurde. Doch trotzdem wurde er noch immer als Fremder behandelt.
Ein strategischer Standortwechsel schien ihm angebracht, da er sich einerseits auf seine eigentliche Aufgabe vorbereiten wollte und andererseits dafür einiges brauchte, was man für genügend Bargeld leichter woanders als in Kanada bekommen würde. Und drittens würde er sich nach den Daten, die er gesammelt hatte, an seinem neuen Zwischenstopp praktisch überall unbemerkt bewegen können.
Er ging seine Datenbanken durch und entschied sich für seinen Transfer zum Kauf eines der unauffälligsten und am weitesten verbreiteten Automobile auf dem nordamerikanischen Automarkt, eines Chevrolet Celebrity Sedan. Für eine einmalige Fahrt von weniger als 400 Meilen erachtete er diesen als ausreichend. Dank der Technologie seiner Kreditkarte konnte er unbegrenzte Summen ausgeben, deren Buchungen augenblicklich nach Tätigung der Bezahlung aus dem System entfernt würden.
Außerdem würde er sich mit der unzulänglichen Technik des amerikanischen Automobilbaus nicht lange abgeben müssen. Wenn er erst einmal in dem Land war, in dem das Auto erfunden worden war und einige der besten Fahrzeuge der Welt gebaut wurden, konnte er sich in aller Ruhe ein Gefährt auswählen, das seinen Ansprüchen an Technik, Zuverlässigkeit und Praktikabilität genügte.
[Fortsetzung folgt ...]
Montréal, Provinz Québec, Kanada 1. Februar 1985
CSM 108-1 saß in einem schäbigen Sessel in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, gelegen in einem der weniger feinen Quartiere der Millionenstadt. Die Jalousien waren herabgelassen und schützten ihn vor dem grellen Sonnenlicht. Er blätterte in einer anglokanadischen Tageszeitung und sah nebenher fern; es bereitete ihm keine Probleme, den Wirtschaftsbericht und das Footballspiel gleichzeitig aufzunehmen und zu verarbeiten.
Das Konzept des Fernsehens hatte ihm beim ersten Mal etwas Mühe gemacht, bis er herausgefunden hatte, dass er die Bildauflösung seiner optischen Sensoren nur ein wenig reduzieren musste, um auf dem Bildschirm nicht nur eine Vielzahl farbiger Pixel, sondern ein ganzes Bild zu erkennen, das aus diesen Pixeln zusammengefügt war. Die Trägheit des menschlichen Auges stellte für ihn ein weitaus größeres Problem dar, denn dieses wurde technisch mit nur fünfzig Einzelbildern pro Sekunde für den normalen Zuschauer überwunden, er hingegen ‘sah’ eine wechselnde Folge von abgehackten Einzelaufnahmen. Daher musste er immer zwischen zwei der einzelnen gesendeten Bildern mittels einer Wahrscheinlichkeitsentwicklung neun in seinem Prozessor erzeugte, annähernd gleich aussehende Zwischenbilder, fast wie in einem digitalen Daumenkino, einfügen, damit sich auch für seine Computerwahrnehmung ein bewegter Ablauf der Bilder ergab. Auf diese Weise sah er zwar wegen der Rechenarbeit um eine Zehntelsekunde zeitlich versetzt, was auf dem Bildschirm ablief, konnte jedoch bei einem Footballmatch trotzdem der erste sein, der bei einem Touchdown jubelte.
Im Laufe der Monate hatte CSM 108-1 sogar schon so etwas wie ein Gefühl für Langeweile entwickelt: den Eindruck von Monotonie, die zu unterbrechen eine Notwendigkeit für viele Menschen darstellte. Für seinen maschinellen Teil spielte Zeit keinerlei Rolle, sie war lediglich ein messbarer Faktor innerhalb seiner Missionsparameter. Das einzige Datum, das ihn etwas anging, war der Ausbruch des Nuklearkriegs; zu diesem Zeitpunkt musste er in der Höhle sein, wo sie ihn erwarten und abholen würden. Und er würde sich deaktivieren müssen, wenn seine Elektronik keinen Schaden durch die elektromagnetischen Impulse der detonierenden Kernwaffen erleiden sollte. Bis dahin würde noch ein gutes Jahrzehnt vergehen – für den Cyborg war das ein ganzes Leben.
Allerdings erachtete er es für notwendig, eine Darstellung von menschlichen Wesenszügen zu entwickeln, da ihm das bei seiner Mission von Nutzen sein konnte. Wenn man sich ständig in der gleichen Umgebung aufhielt und immer den gleichen Reizen ausgesetzt war, ohne gravierende Abwechslung, entwickelte die menschliche Psyche den Drang, etwas Neues zu unternehmen und neue Erfahrungen zu sammeln, um dem gewohnten Einerlei neue Impulse hinzuzufügen.
Ja, dachte er, es wurde vielleicht Zeit für etwas Abwechslung.
Ein lautes Pochen an seiner Zimmertür ließ seinen Kopf hochfahren. Rasch berechnete er die Wahrscheinlichkeiten, wer an der Tür sein konnte, und kam auch sofort zu einem Schluss. So viele Möglichkeiten gab es schließlich nicht.
Als seine Vermieterin mit ihrer penetrant hohen und kreischenden Stimme auf Französisch losbrüllte, war er bereits zur Tür getreten und hatte ein Geldbündel in der Hand. „He, Compton, machen Sie auf. Ich habe Ihnen schon zweimal gesagt, dass die Monatsmiete allerspätestens an jedem Ersten fällig ist.“
Blitzschnell kombinierte er zwei Fakten aus dem ihm bei seinem Einzug vorgelegten Mietvertrag und einem Artikel aus dem Wirtschaftsteil der soeben gelesenen Zeitung. Zur geschlossenen Tür hin rief er, während er die Scheine unter der Türschwelle hindurchschob: „Ihre Aussage ist nicht korrekt, Madame Bouvier. Ich habe erst am Ersten zu bezahlen, nicht früher. Mein Geld arbeitet so auf meinem Konto für mich, nicht auf Ihrem für Sie.“
Er hatte lediglich eine Information an Sie geben wollen, hatte aber nicht mit diesem Tobsuchtsanfall gerechnet, obschon er am Tonfall ihrer Stimme ein gefährlich hohes Aggressionspotential registriert hatte. „Was für eine bodenlose Unverschämtheit! Machen Sie gefälligst die Tür auf! Und stecken Sie das Geld wenigstens in einem Briefumschlag ins Postfach, anstatt es in den Dreck zu werfen.“
Er hielt einen Sekundenbruchteil inne und verarbeitete die neue Information. „Danke für diesen Ratschlag. Ich werde die Miete künftig so überreichen, wie Sie es wünschen.“
Die Tür öffnete er nicht.
Kaum war seine griesgrämige Hausherrin abgezogen, da öffnete er seine Zimmertür leise. In der Zeit, in der Madame Bouvier vor seinem Raum noch lautstark Dampf abgelassen hatte, hatte er ungerührt seine gesamte Kleidung in eine billige, aber sehr geräumige schwarze Sporttasche gepackt. Alles, was er sonst im Laufe der letzten Monate an belanglosen Dingen erstanden hatte, ließ er einfach zurück. Einerseits hatte er seine Persönlichkeit noch nicht so weit entwickelt, dass er etwas von dem Kram vermissen würde, und außerdem würde es bei dem Verwischen seiner Spuren helfen, wenn er alles hier ließe und sich an seinem nächsten Standort von Grund auf neu einrichten würde.
Vielleicht entwickelte er sogar eine Spur von Abneigung gegen die Art seiner Vermieterin. Da sie ihre Miete hatte, würden theoretisch etwa vier Wochen vergehen, bevor es ihr überhaupt auffallen würde, dass er nicht mehr da war. Und er hatte bei ihrem Profil die Chance, dass sie ihn bei irgendeiner Behörde als vermisst melden würde, auf nur 5,2 Prozent berechnet. Vielmehr würde sie seine Habe in einen Müllsack packen, wegwerfen und das Zimmer umgehend neu vermieten. Die Wahrscheinlichkeit für diese Option lag bei immerhin 89,1 Prozent und würde nach dieser Diskussion eben sicher noch gestiegen sein.
Natürlich war CSM 108-1 oft unter die Leute gegangen, doch nur für kurze Zeit zum Beobachten des geschäftigen Großstadtlebens von Montréal. Beinahe bei jeder Interaktion mit anderen Individuen hatte er eine Unsicherheit und unterschwellige Abneigung ihm gegenüber an den Reaktionen der Kontaktpersonen erkennen können. Hauptsächlich führte er das auf seinen Mangel an Erfahrung zurück, was erfolgreiche unauffällige Kommunikation mit Menschen anging, aber auch auf die Lebensweise und Einstellung der Menschen hier. Er hatte sich selbstverständlich in kürzester Zeit perfekt sowohl den französischen als auch den englischen Dialekt angeeignet, wie er in dieser Region Québecs üblich war. Wobei er bei letzterem eine erhebliche Abweichung zu dem feststellen musste, was im Rest der Welt als Englisch angesehen wurde. Doch trotzdem wurde er noch immer als Fremder behandelt.
Ein strategischer Standortwechsel schien ihm angebracht, da er sich einerseits auf seine eigentliche Aufgabe vorbereiten wollte und andererseits dafür einiges brauchte, was man für genügend Bargeld leichter woanders als in Kanada bekommen würde. Und drittens würde er sich nach den Daten, die er gesammelt hatte, an seinem neuen Zwischenstopp praktisch überall unbemerkt bewegen können.
Er ging seine Datenbanken durch und entschied sich für seinen Transfer zum Kauf eines der unauffälligsten und am weitesten verbreiteten Automobile auf dem nordamerikanischen Automarkt, eines Chevrolet Celebrity Sedan. Für eine einmalige Fahrt von weniger als 400 Meilen erachtete er diesen als ausreichend. Dank der Technologie seiner Kreditkarte konnte er unbegrenzte Summen ausgeben, deren Buchungen augenblicklich nach Tätigung der Bezahlung aus dem System entfernt würden.
Außerdem würde er sich mit der unzulänglichen Technik des amerikanischen Automobilbaus nicht lange abgeben müssen. Wenn er erst einmal in dem Land war, in dem das Auto erfunden worden war und einige der besten Fahrzeuge der Welt gebaut wurden, konnte er sich in aller Ruhe ein Gefährt auswählen, das seinen Ansprüchen an Technik, Zuverlässigkeit und Praktikabilität genügte.
[Fortsetzung folgt ...]
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