Mittwoch, 29. November 2006
T1.1.9 : KAPITEL 3 - Deutsche Sprache, tote Sprache
[...Fortsetzung des Buches]
- 3 -

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 18. Dezember 2029

„Das ist sie, General. Noch warm vom Vormieter.“ Der ausgestreckte Arm eines Technikers schweifte ausladend in die Runde.
„Sind sie sicher? Es wirkt alles viel kleiner als bei den ersten beiden Anlagen. Und die Bauart ist dem Anschein nach auch völlig anders.“ Mahtobus Augen verengten sich, als er zweifelnd in der kleinen dreistöckigen Halle umherging und seinen Blick prüfend in die Runde wandern ließ.
Die einzige Gemeinsamkeit mit den beiden anderen ZeitVerschiebungsAnlagen, die er auf den ersten Blick registrierte, war der tiefe Schacht, der die eine Hälfte der Halle einnahm und scheinbar in einen bodenlosen Schlund führte. Er war quadratisch, maß etwa dreißig Fuß und hatte nur einen schmalen Rand, um den herum man sich entlang der Wand bewegen konnte. Aus den Wänden ragten seltsame Stahlträger heraus, von denen jeder eine Sonde trug, die wie eine Art große Strahlenkanone aus einem altertümlichen Science-Fiction-Film aussah. Eine schlanke metallene Spitze, die sich nach hinten langsam konisch erweiterte und dann in eine Reihe miteinander verschmolzener Kugeln aus einem keramisch aussehenden Material überging. Das Ganze erinnerte ihn noch an etwas anderes aus der alten Welt: Stromisolatoren aus einem Elektrizitäts-Umspannwerk. Die Funktion dieser Geräte hier war allerdings eine ganz andere.
Sie sollten keine Energien bändigen, sondern ganz im Gegenteil unfassbare Energien entfesseln und damit sogar das Raum-Zeit-Gefüge aufbrechen.
Die zweite große Auffälligkeit war die Anordnung der acht temporalen Projektoren: Sie waren alle in 45°-Winkeln zur Ebene angeordnet und wiesen auf einen gemeinsamen Punkt in Brusthöhe, der sich jedoch in der Mitte des gähnenden Abgrundes befand. Ihre Spitzen waren etwa zehn Fuß weit auseinander. Außerdem waren sie dreidimensional perfekt zueinander ausgerichtet; wenn man sich zwischen ihren Spitzen - oder auch ihren Enden – Verbindungslinien dachte, erhielt man die Figur eines Würfels. Offenbar erfüllte diese Konfiguration einen bestimmten Zweck, der ihm, Mahtobu, momentan jedoch verborgen blieb.
Nun, er war ein Krieger. Um das alles hier zu erforschen, waren die Techniker und Wissenschaftler seines Teams da.
Seine Aufgabe bestand inzwischen darin, geeignete Soldaten – oder vielleicht sogar Zivilisten – für diese Mission zu suchen, zu schulen und vorzubereiten, sofern man einen Menschen für das hier überhaupt schulen und vorbereiten konnte.
Wenigstens in einem Aspekt standen die Aussichten für die Mission besser als zunächst angenommen. Was Mahtobu nämlich nicht gewusst hatte, war die Tatsache, dass das deutsche Volk am Ende des 20. Jahrhunderts statistisch gesehen der Weltmeister im Verreisen gewesen war. Demzufolge hatten sich sehr viele Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts, dem Zeitpunkt des nuklearen 'Wipeouts', überall auf der Welt auf Urlaubsreisen befunden, da schließlich August und somit Hauptsaison für Ferienreisen gewesen war.
Ein altes Ehepaar, das seit der Katastrophe in den südlichen afrikanischen Ländern gelebt hatte, war hierher unterwegs, um sich als Sprachlehrer zur Verfügung zu stellen. Sie kamen dem Vernehmen nach aus Hannover, einer Stadt im Norden des Landes und der Gegend, wo damals das reinste Deutsch ohne bestimmten Dialekt geredet worden war, wie sie bei ihrem ersten Funkgespräch mit Mahtobu betont hatten. Das war sehr günstig, denn so würden sich die Personen, die sie zurücksenden wollten, relativ ungezwungen miteinander unterhalten können, ohne den Eindruck zu erwecken, sprachlich aus einer bestimmten Region zu stammen, was wiederum peinliche Fragen neugieriger Aussenstehender nach sich ziehen könnte.
Bislang hatten sich fünf junge Menschen gemeldet, die für die Mission in Frage kommen könnten und auch tatsächlich über rudimentäre Deutschkenntnisse verfügten. Und nur drei von ihnen kamen aus dem Gebiet der USA, was den afrikanischen General wieder in Erstaunen versetzte. Er hätte nie geglaubt, dass sich die Sprache dieses Volkes von nicht einmal einhundert Millionen Menschen, deren Mutterländer im Krieg völlig ausradiert worden waren, über drei Jahrzehnte lang in dieser Form, nämlich gesprochen einzig von wenigen über die ganze Welt verstreuten Individuen, noch ernsthaft am Leben erhalten hätte. Gut für ihn, dass er sich nun eines Besseren belehren lassen konnte.
Er wusste noch nicht, wie viele sie zurückschicken würden, er wusste nur, dass es nicht einer allein sein würde. Die Gefahr eines Versagens war einfach zu groß. Aber das würde sich beim Training der betreffenden Personen zeigen. Sie hatten den Vorteil, dass sie nun, da der Krieg gewonnen war, alle Zeit der Welt hatten, um ihn mit diesem Eingriff ungeschehen zu machen.
In der Zwischenzeit, so hoffte er, würden die Informatiker noch mehr relevante Daten über den Erfinder des ZVA-Effektes zusammentragen können, was die Mission sicherlich erleichtern würde.
In diesem Punkt täuschte Mahtobu sich.
Der Zentralrechner der Anlage hatte alle Daten von Belang für diese Mission auf ein eigens dafür ausgewähltes Modul gespeichert, das ein T-880 im WRITE-Modus dann entnommen und zerstört hatte. Es gab keine Spuren, keine Pfade, keine überschriebenen Dateien mehr, die wieder hergestellt werden konnten. Skynet war sich der Wichtigkeit der Geheimhaltung in diesem Punkt vollauf bewusst gewesen.

[Fortsetzung folgt ...]

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