Donnerstag, 30. November 2006
T1.1.10 : Assimilation von Information
[...Fortsetzung des Buches]

Greenwich Village, Manhattan Island, New York City, USA 29. März 1985

Es war ein eiskalter Wintermorgen in New York, als CSM 108-1 aus der U-Bahnstation West 4th Street in der Nähe des Washington Square ins Freie trat. Eine der berüchtigten polaren Kaltfronten hatte den ersten Hauch von Frühling vertrieben, zwar nicht mit Schnee, aber mit Temperaturen von höchstens zwanzig Grad Fahrenheit. Das Dumme am nordamerikanischen Kontinent ist, dass sämtliche großen Gebirgszüge von Nord nach Süd verlaufen und sowohl extrem kalte Polarluft im Winter als auch extrem heiße subtropische Luft vom Golf von Mexiko im Sommer ungehindert tief ins Gebiet der USA einströmen lassen und so viel extremeres Wetter ermöglichen als beispielsweise in Europa, wo von West nach Ost verlaufende Gebirge als natürliche Luftmassenbarrieren dienen und ein gemäßigteres Klima ermöglichen.
Die Sonne würde bald aufgehen und ihr grelles Licht durch die trüben Nebelfetzen hindurch brennen, die den Himmel noch verschleierten und grau einfärbten. Er wollte bis dahin in einem der großen Einkaufszentren sein, Barnes & Noble, und dort den Tag im geschäftigen Gewimmel der Menschen verbringen. Wie immer war er ein paar Blocks vor seinem eigentlichen Ziel ausgestiegen und ging den Rest des Weges zu Fuß, um sich nach potentiellen Verfolgern umsehen zu können. Schließlich war er trotz allem noch immer ein Terminator und Vorsicht beim Bewegen in offenem Gelände war eine seiner Grundprogrammierungen. Ganz gleich, wie viele neue Subroutinen und Verknüpfungen sein lernender Hauptprozessor noch bilden mochte, seine Basisfunktionen konnten davon nicht überlagert werden. Es lag sozusagen in seiner Natur, dachte er mit einem flüchtigen ironischen Grinsen.
Mittlerweile ging er auf den ersten Blick ohne weiteres als Amerikaner durch, wie er so Block für Block der Washington Square South entlang der New York University nach Osten folgte. Gekleidet war er wie ein ganz normaler Durchschnittsbürger, der zwar der breiten Unterschicht angehört, aber sich dennoch das eine oder andere leisten kann und den Tag auch mal frei nehmen und durch einen mall schlendern kann, wenn er Lust dazu hat. Er hatte sich einige Dinge zurechtgelegt, falls er doch einmal in einem zwanglosen small-talk nach seinem Beruf gefragt würde. Die Bevölkerung pflegte gern ein wenig mit fremden Menschen zu plaudern, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab. Es war stets eine freundliche, aber sehr oberflächliche Unterhaltung, von der der Betreffende nach einer Stunde wahrscheinlich schon wieder alles vergessen hatte. CSM 108-1 kam diese Mentalität sehr entgegen, bot sich ihm doch auf diese Weise oft die Gelegenheit, seine Glaubwürdigkeit bei der Konversation mit Menschen zu erproben und weiter zu entwickeln. Es gab bestimmt kein besseres Land als die USA, um nach und nach unauffällig durch Informationsaufnahme zum Menschen zu werden, befand der Cyborg und grinste zufrieden vor sich hin.
Er hatte keinerlei Probleme gehabt, ein etwas großzügigeres leerstehendes Apartment in Chelsea zu finden. Es war ein nettes kleines Haus im Viktorianischen Stil in der 28. Straße, direkt gegenüber des Chelsea Park. Er wusste zwar noch nicht genau, was er mit den drei kleinen Zimmern, eines davon mit einem altertümlichen Erker in den kleinen Vorgarten zur Straße hinaus, anfangen würde, aber andererseits wollte er ja nur eine begrenzte Zeit lang hier bleiben. Er glaubte, dass er der alten Vermieterin, die haarklein so aussah, wie sich der US-Bürger die typische nette Großmutter vom Land vorstellte, mit Brille, rosigen Wangen und einem grauhaarigen Dutt, sogar sympathisch gewesen war.
An einem nahegelegenen Zeitungsstand blätterte er mehrere Magazine der verschiedensten Couleur durch. Es war einer der typischen Großstadtversionen eines Kioskes, der aus einer länglichen Bretterbude ohne große räumliche Tiefe bestand, die einfach auf der Vorderseite aufgeklappt wurde und von oben bis unten mit nichts anderem als einem Wust aus Lesewaren vollgestopft war. CSM 108-1 warf auf jede Seite der zufällig aufgegriffenen Hefte einen flüchtigen Blick, genau so lange, wie ein Durchschnittsmensch braucht, um zu erfassen, was sich auf dieser Seite befindet, ohne jedoch etwas davon zu lesen. Man hätte höchstens die Überschriften oder Bilder betrachten können, während er den Inhalt fotografisch erfasste und in seiner CPU verarbeitete. So ging er etwa ein Dutzend Magazine für Haushalt, Fitness, Automobile, Weltgeschehen und Kinofilme durch, bis der Verkäufer, ein älterer hagerer Asiate, ungeduldig zu werden schien.
Es war immer das gleiche Spiel: Kurz bevor er CSM 108-1 dazu auffordern konnte, entweder etwas zu kaufen oder zu gehen, griff dieser sich eine dicke Tageszeitung oder ein teures Fachblatt und bezahlte den grimmigen, aber doch schweigenden Verkäufer, der froh war, dass dieser lästige Kunde wenigstens etwas erstanden hatte – vier von fünf Leuten gingen nämlich in einer solchen Situation, ohne etwas zu kaufen.
Dann kam er zum Eingang des weitläufigen, mehrstöckigen Einkaufszentrums, das zwar rund um die Uhr geöffnet hatte, aber um diese frühe Stunde nur spärlich besucht war.
Der uniformierte Wachmann eines privaten Sicherheitsdienstes würdigte ihn beim Betreten der vollklimatisierten hohen Eingangshalle keines zweiten Blickes. Warum auch? Sein Äußeres war nach psychologischen Gesichtspunkten speziell dafür ausgewählt, unaufdringlich und freundlich zu wirken, ohne dem Betrachter allzu lange im Gedächtnis zu bleiben. CSM 108-1 war sich sicher, dass seine Vermieterin, Madame Bouvier, nicht einmal mit Hilfe eines Phantomzeichners der Kriminalpolizei ein brauchbares Bild von ihm würde erstellen können, falls sie dazu aufgefordert werden würde. Sein unauffälliges Erscheinungsbild war die beste Defensivwaffe, die er in dieser Welt besaß.
Nachdem er die Eingangshalle mit dem Springbrunnen und den in fassgroßen Töpfen aufgestellten Palmen gemächlich durchquert hatte, kam er zu einem Café, das er nach kurzem ‚Überlegen’ betrat. Von innen entpuppte es sich als das, was er als ‚Sportsbar’ kennen gelernt hatte. Die Wände waren getäfelt, die Sitzbänke mit rotem Kunstleder überzogen und die Tische aus dunklem Holz – er machte sich nicht die Mühe, in seinen Datenbanken zu ermitteln, um welche Sorte es sich handelte, da er diese Information für irrelevant einstufte. Obwohl das Café nur zu einem Drittel mit Gästen besetzt war, lief die junge, vollschlanke Bedienung mit mausgrauer Kurzhaarfrisur und einem vollwangigen, verkniffenen Gesicht dreimal an ihm vorbei, bevor sie ihn überhaupt wahrnahm. CSM 108-1 bestellte einen Donut und einen Kaffee und dachte daran, dass es nicht immer nur von Vorteil war, auf die Menschen um ihn herum einen unauffälligen Eindruck zu machen. Allerdings musste er das wohl in Kauf nehmen, da es immerhin ein primärer Missionsparameter war, nur zu beobachten und so wenig wie möglich aktiv mit dieser Epoche zu interagieren. Er erhielt seine Bestellung von der Bedienung, die ihn kaum eines zweiten Blickes würdigte.
Die Nahrungsaufnahme war ein Konzept, das ihm im großen und ganzen keine Probleme bereitete, nur dass er die Menge an Essen stark einschränken musste. Sein Verdauungstrakt war winzig klein im Vergleich mit dem eines Menschen, nach einer normalen Mahlzeit war er restlos gefüllt und musste erst wieder völlig entleert werden, bevor er erneut irgendetwas essen konnte. Da die Menschen jedoch die lästige Angewohnheit hatten, ständig etwas zu sich zu nehmen, wenn sie an öffentlichen Orten wie Bars, Cafés, Restaurants oder ähnlichen Orten waren, musste er sich das wohl oder übel auch angewöhnen, wenn er längere Zeit an einem Ort bleiben wollte, ohne aufzufallen.
Und da das einer seiner Missionsparameter war, blieb ihm keine andere Wahl.
Glücklicherweise musste er keinen Gedanken an den Nährwert der Speisen und Getränke verschwenden, da er das meiste ohnehin nahezu unverdaut wieder ausschied und sein Organismus praktisch 'im Vorbeigehen' das Wenige, was er brauchte, aus der Nahrung aufnahm. Er hätte einen einzigen Cheeseburger essen können, um seinen Körper für zwei Wochen mit genügend Kohlenhydraten, Eiweiß, Fett und Ballaststoffen versorgen zu können. Doch auf diese Weise war es eben 'menschlicher'.
So saß er also im Café an einem kleinen Einzeltisch an der Schaufensterscheibe, die Zeitung vor sich aufgeschlagen und die vorbeieilenden Leute über den Rand des Blattes hinweg beobachtend. Dabei berechnete er, wie lange er hier noch Informationen sammeln und verarbeiten sollte, bis es sicher genug für ihn war, unerkannt nach Europa zu reisen. Das Wichtigste war für ihn momentan, so viele Daten wie möglich über kulturelle Gegebenheiten der europäischen Länder zu sammeln, wie es ihm möglich war, um besser vorbereitet zu sein. Er hatte sich hier zwar recht gut eingelebt, aber die Unterschiede zwischen Amerika und Europa waren beträchtlich nach dem, was er an Informationen in seinen Datenbänken hatte und bisher zusätzlich erfahren hatte.
Und es war gar nicht so einfach, überhaupt etwas zu erfahren. Die US-Amerikaner sind ein sehr egozentrisches Volk, das vor allem in ländlichen Regionen höchstens noch durch absolute Unwissenheit darüber, was im Rest der Welt vor sich geht, glänzen kann. Für sie war das Rom, von dem sie schon einmal gehört hatten, eine Kleinstadt im Hinterland von New York und von der Tatsache, dass auch in europäischen Ländern schon 'uramerikanische' Errungenschaften wie das Farbfernsehen oder elektrische Herde eingeführt waren, hatten sie bisweilen keine Ahnung. Das einzig Europäische, das sie vielleicht kannten, waren deutsche oder schwedische Automobile. Und auch dann noch waren sie überzeugt davon, dass man in Deutschland mit Pferdefuhrwerken über unasphaltierte Straßen fuhr, zum Mittagessen Weißwurst und Bier zu sich nahm und anschließend einen Verdauungs-Schuhplattler in Lederhosentracht aufführte. In Schweden hingegen fuhr man mit Rentierschlitten, schließlich lag dort im Norden immer Schnee und es gab gar keine Straßen. Ab und zu schoss man sich einen Elch und räucherte das Fleisch zum Essen, wenn es nicht nur ständig – ebenfalls geräucherten – Lachs geben sollte.
Ja, die Entscheidung, in der Großstadt zu leben, war richtig gewesen, befand CSM 108-1 wieder einmal. Wenigstens bekam er hier ein erträgliches Minimum an Informationen über Länder wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die Schweiz. Er konnte Zeitschriften in der Landessprache kaufen, Magazine oder Bücher. So konnte er sich zumindest ein bisschen auf das vorbereiten, was ihn erwarten würde.

[Fortsetzung folgt ...]

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