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Samstag, 2. Dezember 2006
T1.1.11
cymep, 20:56h
[...Fortsetzung des Buches]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 28. Februar 2030
Die Klasse sah so friedlich aus, wenn er sie vom anderen Ende der Montagehalle aus betrachtete. Die Produktionsstraße war demontiert worden, um Platz zu schaffen für den provisorischen Ausbildungsraum, der zwar nur ein Drittel der Halle ausfüllte, aber nichtsdestotrotz seinen Zweck voll und ganz erfüllte.
In den vergangenen Monaten seit der Eroberung der Maschinenfestung hatten sie sich hier sozusagen häuslich eingerichtet. General Connor war noch vor Weihnachten hier gewesen, hatte sich alles von Mahtobu und den relevanten Technikern ausführlich darlegen lassen, was sie herausgefunden hatten, und dann entschieden, was zu tun war.
Sie waren übereingekommen, alle Anwärter für die Mission hierher zu bringen und direkt vor Ort auszubilden und vorzubereiten. Insgesamt waren es zwölf junge Männer und Frauen, noch halbe Kinder in seinen Augen, aber alle lernten gewissenhaft und trainierten geradezu verbissen für ihre Aufgabe. Sie wussten, dass wohl nicht alle von ihnen gehen würden, aber dass die besten von ihnen vielleicht über das Schicksal der Menschheit entscheiden würden.
Und dass sie nie wieder in ihre eigene Zeit würden zurückkehren können. Die Zeitreise bot nur Fahrkarten für Einfache Fahrt an, Rückreisetickets gab es nicht. Und schließlich war die große Hoffnung aller Teilnehmer, dass es die Version der Zukunft, in welcher sie aufgewachsen waren, niemals geben würde.
Mahtobu fühlte sich auf gewisse Weise geehrt, dass John Connor ihm die Leitung der Mission hier übertragen hatte. Er war mit so vielen Aufgaben beim Neuaufbau der weltweiten menschlichen Gesellschaft beschäftigt, dass er seiner alten Militärgarde gern solche Aufgaben übertrug. Sie konnte neben solchen Dingen wie diesem Projekt das Aufspüren und Vernichten der letzten Unterschlüpfe der Maschinen durchführen, während Connor sich etwa der Gründung des Rates der Vereinten Menschheit widmete.
Mahtobu hatte inzwischen alle Personen organisiert, die das nötige Wissen besaßen oder vermitteln konnten oder beides, um nach einer kurzen Eingewöhnungsphase das Leben als Student an der Universität in Freiburg im Breisgau, wie der vollständige Name des Zielortes war, aufnehmen zu können. Dabei wurden sie auch von mehreren alten Menschen geschult, die am Tag des Jüngsten Gerichtes gerade Studenten an der betreffenden Universität und auf Reisen in irgendwelchen abgelegenen Winkeln der Erde waren, wo sie den Holocaust überstanden hatten. Sie erinnerten sich wie alle Menschen, die vor Anbeginn der neuen Zeit erwachsen gewesen waren, glasklar an sehr viele Einzelheiten und Ereignisse aus der alten Zeit, sodass sie detailliert erzählen und berichten konnten.
Eine von ihnen war eine Frau von 56 Jahren, sehr dünn und mit eingefallenen Wangen, ihr leicht aristokratisch wirkendes Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen gezeichnet von drei Jahrzehnten Entbehrungen und Überlebenskampf. Ihre silbergrauen Haare waren zum Pferdeschwanz gebunden und ihre ungewöhnlich hellen braunen Augen zeigten eine Spur Verbitterung. Mahtobu glaubte jedoch nicht, dass dies die Folge des harten Schicksals war, das sie wie alle anderen Menschen auch hatte erleiden müssen. Er war ein ausgezeichneter Menschenkenner und würde ohne Zögern eine Wochenration dafür verwetten, dass sie diesen Anflug von hochmütig wirkender Entrücktheit schon vor dem Krieg gehabt hatte.
Diese Frau war ein absoluter Glücksgriff gewesen. Sie hatte in Freiburg Mineralogie, Geochemie und Biochemie studiert und konnte damit Fachwissen weitergeben, welches es ermöglichen konnte, die ausgebildeten Kandidaten in direktem Umfeld des Erfinders des ZVA-Effektes platzieren zu können. Sie besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis, sodass sie nur wenig Lehrmaterial benötigte, um den Schülern das elementare Wissen in diesen Fächern zu vermitteln, obwohl sie zum Zeitpunkt des Holocausts noch am Anfang ihrer Studienzeit gestanden hatte.
In den Pausen erzählte sie oft und gern von dem Campus der Albert-Ludwig-Universität, der Stadt und dem schönen Leben, das man dort als Student geführt hatte. Im Laufe ihres Lebens hatte sie wohl eine ungewöhnliche Begabung dafür entwickelt, ihre Erzählungen so lebhaft und eindrücklich zu schildern, dass alle sich um sie scharten und alles andere vergaßen. Wie Mahtobu erfahren hatte, war sie stets in den Ruinen und Schlupflöchern geblieben, ohne sich jemals an den Kämpfen zu beteiligen oder auch nur jemals eine Waffe anzufassen. Statt dessen hatte sie sich immer gewissenhaft um die Kinder gekümmert, sie umsorgt und ihnen mit ihren Geschichten aus einer besseren Welt Hoffnung und Mut gemacht. Das sah sie als ihren Beitrag für das Gemeinwohl an; im Übrigen hatte sie sich auf der Stelle gemeldet, als der Aufruf kam, mittels dem Ausbilder für diese Mission gesucht wurden. Sie war damals gerade im Nordwesten der USA in einem entlegenen Gebiet gewesen, als Skynet die Raketen auf die ehemaligen Sowjetstaaten abgefeuert hatte. Danach war sie nie wieder in ihrer Heimat gewesen. Wozu auch? Mitteleuropa war damals ein sehr dicht besiedeltes Gebiet gewesen, was viele Volltreffer für strategische Mittelstreckenraketen bedeutet hatte. Es hatte nichts mehr für sie gegeben, zu dem sie hätte zurückkehren können.
Geschweige denn die Möglichkeit dazu.
Nach dem Atomkrieg waren Transatlantikflüge sehr plötzlich äußerst rar geworden.
Als die Stunde zu Ende war, kam sie auf ihn zu, machte jedoch keine Anstalten stehenzubleiben, sodass er sie ansprechen musste. „Miss Bochner?“
„Ja, General?“ Mit dem gleichen Unwillen sah sie ihn an wie er sie; offenbar war heute nicht ihr Tag. Wieder einmal. Die Frau war sehr wichtig für sie, aber es war nicht sehr leicht, als Erwachsener mit ihr umzugehen.
Behutsam begann er: „Ich soll mich nur erkundigen, wie der Stand der Dinge ist. Machen die Kandidaten Fortschritte? Sind gewisse Begabungen bei ihnen zu erkennen?“
„Kandidaten!“ Sie spie das Wort förmlich aus. „Das hier ist kein Quiz des Todes, Mister Mahtobu. Und die Kinder sind allesamt sehr begabt und wissbegierig; ich kann Ihnen jedoch noch keine Favoriten nennen, was Ihr Himmelfahrtskommando angeht.“
Mahtobu nickte dem aus Hannover stammenden Ehepaar Jenssen, das nun Deutsch unterrichtete, auf dem Gang zu, als sie ihnen auf ihrem Weg zur Klasse begegneten. Er ignorierte geflissentlich, dass sie ihn mit ‚Mister’ angeredet hatte, was für einen Soldaten eine bewusste Beleidigung darstellte. „Ich bitte Sie, Miss, wir schicken sie doch nicht in den sicheren Tod! Es sind alle freiwillig hier und sie sind auch längst keine Kinder mehr.“
„Ja, nur weil ihr Militärs jedem Halbwüchsigen ein Gewehr in die Hand drückt, der eines tragen und abfeuern kann, nennt ihr sie ausgewachsen. Außerdem werden sie niemals zurückkommen, oder habe ich das falsch verstanden?“ Sie funkelte ihn an. Mein Gott, dachte er ergeben, sie war schwierig.
„Das stimmt schon, aber nur, weil wir sie nicht aus der Vergangenheit zurückholen können. Wir sind uns der Problematik bewusst, aber dies ist eine wirklich einmalige Chance. Wenn sie Erfolg haben, machen sie vielleicht alles ungeschehen.“
„Nur dass wir davon nichts haben werden“, gab sie schnippisch zurück.
„Herrgott, das können wir nicht wissen! Genauso gut kann das alles hier aufhören zu existieren, sobald sie in der Vergangenheit sind und beginnen, das Schicksal der Welt zu ändern. Sie wären die einzigen, die sich noch an den Krieg erinnern könnten, so wie ein böser Albtraum einer düsteren Zukunftsvision. Sie könnten sich nach Beendigung ihrer Mission ein neues Leben in einer intakten Welt schaffen.“ Mahtobu war es nicht mehr gewohnt, dass man in einem solchen Ton mit ihm sprach, wie es sich diese Zivilistin herausnahm, und musste sich sehr beherrschen, um nicht die Stimme zu erheben.
„Wenn Sie das sagen ... wenigstens jagen Sie nicht alle durch den Fleischwolf, sondern nur die besten von ihnen.“ Ihre Stimme troff vor Hohn. „Der Rest kann uns solange helfen, die neue Gesellschaft aufzubauen, die dann Ihrer Meinung nach doch nicht existieren wird.“ Sie ging weiter und ließ ihn stehen. Er sah ihr nach und versuchte einen Wutausbruch zu verhindern, der ihrer Beziehung nur unnötig schaden würde. Sie war fünf Jahre jünger als er und hatte sich immer schön vornehm aus der Schusslinie herausgehalten, während er in vorderster Front seinen Kopf für sie hingehalten hatte. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war?
Langsam, um sich Zeit zum Beruhigen zu geben, holte er sie ein. „Bitte, Miss Bochner, was soll ich jetzt John Connor über unseren Status sagen?“
Sie blieb stehen, wandte sich zu ihm um und sah ihm tief in die Augen, seinen Blick erwidernd. In diesem Moment verrauchte seine Wut mit einem Schlag spurlos. Wie aus weiter Ferne hörte er sie sagen: „Teilen Sie dem General mit, alle Schüler machen gute Fortschritte, sind sehr aufnahmefähig und hochintelligent. Und wenn Sie ihnen ein paar Pausen mehr gönnen bei Ihrer Schinderei, hätte ich mehr Zeit, ihnen von damals zu erzählen. Leider unterschätzen Sie den taktischen Wert dieser Informationen, die ich den Kindern auf diese Art vermittle, völlig. Für sie ist es wie eine Belohnung für gute Leistungen beim Lernen. Wenn ich die Zeit zum Erzählen hätte, die ich bräuchte, könnten sie jeden einzelnen von ihnen in zwei Monaten zurückschicken, und zwar mit einer Einkaufsliste, die sie in Freiburg problemlos in kürzester Zeit erledigen würden. In einer großen Stadt, die seit Jahrzehnten nicht mehr existiert.“
Mahtobu starrte sie fassungslos an, bis sie fragend eine Augenbraue hochzog. Mühsam brachte er hervor: „Ich werde John vorschlagen, ein paar naturwissenschaftliche Fächer und das Kampftraining um eine Stunde pro Woche zu kürzen und dafür ‚Missionsspezifische Geschichtskunde und Kultur’ einzuführen.“
Ihre Mundwinkel hoben sich ein wenig. „Sehen Sie, es geht doch! Wenn Sie wollen, können Sie ja ganz vernünftig sein, mein lieber General.“
Und schon war sie um die nächste Ecke verschwunden. Was sollte er nur mit ihr anfangen? Ihm fiel ein altes Filmzitat aus einem Science-Fiction-Epos ein, auf das er in seiner Jugendzeit total versessen gewesen war. Unwillkürlich musste er ein wenig lächeln, als ihm aufging, wie sehr dieser Spruch hier zutraf.
Entweder bringe ich sie um, oder ich verliebe mich noch in sie.
[Fortsetzung folgt ...]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA 28. Februar 2030
Die Klasse sah so friedlich aus, wenn er sie vom anderen Ende der Montagehalle aus betrachtete. Die Produktionsstraße war demontiert worden, um Platz zu schaffen für den provisorischen Ausbildungsraum, der zwar nur ein Drittel der Halle ausfüllte, aber nichtsdestotrotz seinen Zweck voll und ganz erfüllte.
In den vergangenen Monaten seit der Eroberung der Maschinenfestung hatten sie sich hier sozusagen häuslich eingerichtet. General Connor war noch vor Weihnachten hier gewesen, hatte sich alles von Mahtobu und den relevanten Technikern ausführlich darlegen lassen, was sie herausgefunden hatten, und dann entschieden, was zu tun war.
Sie waren übereingekommen, alle Anwärter für die Mission hierher zu bringen und direkt vor Ort auszubilden und vorzubereiten. Insgesamt waren es zwölf junge Männer und Frauen, noch halbe Kinder in seinen Augen, aber alle lernten gewissenhaft und trainierten geradezu verbissen für ihre Aufgabe. Sie wussten, dass wohl nicht alle von ihnen gehen würden, aber dass die besten von ihnen vielleicht über das Schicksal der Menschheit entscheiden würden.
Und dass sie nie wieder in ihre eigene Zeit würden zurückkehren können. Die Zeitreise bot nur Fahrkarten für Einfache Fahrt an, Rückreisetickets gab es nicht. Und schließlich war die große Hoffnung aller Teilnehmer, dass es die Version der Zukunft, in welcher sie aufgewachsen waren, niemals geben würde.
Mahtobu fühlte sich auf gewisse Weise geehrt, dass John Connor ihm die Leitung der Mission hier übertragen hatte. Er war mit so vielen Aufgaben beim Neuaufbau der weltweiten menschlichen Gesellschaft beschäftigt, dass er seiner alten Militärgarde gern solche Aufgaben übertrug. Sie konnte neben solchen Dingen wie diesem Projekt das Aufspüren und Vernichten der letzten Unterschlüpfe der Maschinen durchführen, während Connor sich etwa der Gründung des Rates der Vereinten Menschheit widmete.
Mahtobu hatte inzwischen alle Personen organisiert, die das nötige Wissen besaßen oder vermitteln konnten oder beides, um nach einer kurzen Eingewöhnungsphase das Leben als Student an der Universität in Freiburg im Breisgau, wie der vollständige Name des Zielortes war, aufnehmen zu können. Dabei wurden sie auch von mehreren alten Menschen geschult, die am Tag des Jüngsten Gerichtes gerade Studenten an der betreffenden Universität und auf Reisen in irgendwelchen abgelegenen Winkeln der Erde waren, wo sie den Holocaust überstanden hatten. Sie erinnerten sich wie alle Menschen, die vor Anbeginn der neuen Zeit erwachsen gewesen waren, glasklar an sehr viele Einzelheiten und Ereignisse aus der alten Zeit, sodass sie detailliert erzählen und berichten konnten.
Eine von ihnen war eine Frau von 56 Jahren, sehr dünn und mit eingefallenen Wangen, ihr leicht aristokratisch wirkendes Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen gezeichnet von drei Jahrzehnten Entbehrungen und Überlebenskampf. Ihre silbergrauen Haare waren zum Pferdeschwanz gebunden und ihre ungewöhnlich hellen braunen Augen zeigten eine Spur Verbitterung. Mahtobu glaubte jedoch nicht, dass dies die Folge des harten Schicksals war, das sie wie alle anderen Menschen auch hatte erleiden müssen. Er war ein ausgezeichneter Menschenkenner und würde ohne Zögern eine Wochenration dafür verwetten, dass sie diesen Anflug von hochmütig wirkender Entrücktheit schon vor dem Krieg gehabt hatte.
Diese Frau war ein absoluter Glücksgriff gewesen. Sie hatte in Freiburg Mineralogie, Geochemie und Biochemie studiert und konnte damit Fachwissen weitergeben, welches es ermöglichen konnte, die ausgebildeten Kandidaten in direktem Umfeld des Erfinders des ZVA-Effektes platzieren zu können. Sie besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis, sodass sie nur wenig Lehrmaterial benötigte, um den Schülern das elementare Wissen in diesen Fächern zu vermitteln, obwohl sie zum Zeitpunkt des Holocausts noch am Anfang ihrer Studienzeit gestanden hatte.
In den Pausen erzählte sie oft und gern von dem Campus der Albert-Ludwig-Universität, der Stadt und dem schönen Leben, das man dort als Student geführt hatte. Im Laufe ihres Lebens hatte sie wohl eine ungewöhnliche Begabung dafür entwickelt, ihre Erzählungen so lebhaft und eindrücklich zu schildern, dass alle sich um sie scharten und alles andere vergaßen. Wie Mahtobu erfahren hatte, war sie stets in den Ruinen und Schlupflöchern geblieben, ohne sich jemals an den Kämpfen zu beteiligen oder auch nur jemals eine Waffe anzufassen. Statt dessen hatte sie sich immer gewissenhaft um die Kinder gekümmert, sie umsorgt und ihnen mit ihren Geschichten aus einer besseren Welt Hoffnung und Mut gemacht. Das sah sie als ihren Beitrag für das Gemeinwohl an; im Übrigen hatte sie sich auf der Stelle gemeldet, als der Aufruf kam, mittels dem Ausbilder für diese Mission gesucht wurden. Sie war damals gerade im Nordwesten der USA in einem entlegenen Gebiet gewesen, als Skynet die Raketen auf die ehemaligen Sowjetstaaten abgefeuert hatte. Danach war sie nie wieder in ihrer Heimat gewesen. Wozu auch? Mitteleuropa war damals ein sehr dicht besiedeltes Gebiet gewesen, was viele Volltreffer für strategische Mittelstreckenraketen bedeutet hatte. Es hatte nichts mehr für sie gegeben, zu dem sie hätte zurückkehren können.
Geschweige denn die Möglichkeit dazu.
Nach dem Atomkrieg waren Transatlantikflüge sehr plötzlich äußerst rar geworden.
Als die Stunde zu Ende war, kam sie auf ihn zu, machte jedoch keine Anstalten stehenzubleiben, sodass er sie ansprechen musste. „Miss Bochner?“
„Ja, General?“ Mit dem gleichen Unwillen sah sie ihn an wie er sie; offenbar war heute nicht ihr Tag. Wieder einmal. Die Frau war sehr wichtig für sie, aber es war nicht sehr leicht, als Erwachsener mit ihr umzugehen.
Behutsam begann er: „Ich soll mich nur erkundigen, wie der Stand der Dinge ist. Machen die Kandidaten Fortschritte? Sind gewisse Begabungen bei ihnen zu erkennen?“
„Kandidaten!“ Sie spie das Wort förmlich aus. „Das hier ist kein Quiz des Todes, Mister Mahtobu. Und die Kinder sind allesamt sehr begabt und wissbegierig; ich kann Ihnen jedoch noch keine Favoriten nennen, was Ihr Himmelfahrtskommando angeht.“
Mahtobu nickte dem aus Hannover stammenden Ehepaar Jenssen, das nun Deutsch unterrichtete, auf dem Gang zu, als sie ihnen auf ihrem Weg zur Klasse begegneten. Er ignorierte geflissentlich, dass sie ihn mit ‚Mister’ angeredet hatte, was für einen Soldaten eine bewusste Beleidigung darstellte. „Ich bitte Sie, Miss, wir schicken sie doch nicht in den sicheren Tod! Es sind alle freiwillig hier und sie sind auch längst keine Kinder mehr.“
„Ja, nur weil ihr Militärs jedem Halbwüchsigen ein Gewehr in die Hand drückt, der eines tragen und abfeuern kann, nennt ihr sie ausgewachsen. Außerdem werden sie niemals zurückkommen, oder habe ich das falsch verstanden?“ Sie funkelte ihn an. Mein Gott, dachte er ergeben, sie war schwierig.
„Das stimmt schon, aber nur, weil wir sie nicht aus der Vergangenheit zurückholen können. Wir sind uns der Problematik bewusst, aber dies ist eine wirklich einmalige Chance. Wenn sie Erfolg haben, machen sie vielleicht alles ungeschehen.“
„Nur dass wir davon nichts haben werden“, gab sie schnippisch zurück.
„Herrgott, das können wir nicht wissen! Genauso gut kann das alles hier aufhören zu existieren, sobald sie in der Vergangenheit sind und beginnen, das Schicksal der Welt zu ändern. Sie wären die einzigen, die sich noch an den Krieg erinnern könnten, so wie ein böser Albtraum einer düsteren Zukunftsvision. Sie könnten sich nach Beendigung ihrer Mission ein neues Leben in einer intakten Welt schaffen.“ Mahtobu war es nicht mehr gewohnt, dass man in einem solchen Ton mit ihm sprach, wie es sich diese Zivilistin herausnahm, und musste sich sehr beherrschen, um nicht die Stimme zu erheben.
„Wenn Sie das sagen ... wenigstens jagen Sie nicht alle durch den Fleischwolf, sondern nur die besten von ihnen.“ Ihre Stimme troff vor Hohn. „Der Rest kann uns solange helfen, die neue Gesellschaft aufzubauen, die dann Ihrer Meinung nach doch nicht existieren wird.“ Sie ging weiter und ließ ihn stehen. Er sah ihr nach und versuchte einen Wutausbruch zu verhindern, der ihrer Beziehung nur unnötig schaden würde. Sie war fünf Jahre jünger als er und hatte sich immer schön vornehm aus der Schusslinie herausgehalten, während er in vorderster Front seinen Kopf für sie hingehalten hatte. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war?
Langsam, um sich Zeit zum Beruhigen zu geben, holte er sie ein. „Bitte, Miss Bochner, was soll ich jetzt John Connor über unseren Status sagen?“
Sie blieb stehen, wandte sich zu ihm um und sah ihm tief in die Augen, seinen Blick erwidernd. In diesem Moment verrauchte seine Wut mit einem Schlag spurlos. Wie aus weiter Ferne hörte er sie sagen: „Teilen Sie dem General mit, alle Schüler machen gute Fortschritte, sind sehr aufnahmefähig und hochintelligent. Und wenn Sie ihnen ein paar Pausen mehr gönnen bei Ihrer Schinderei, hätte ich mehr Zeit, ihnen von damals zu erzählen. Leider unterschätzen Sie den taktischen Wert dieser Informationen, die ich den Kindern auf diese Art vermittle, völlig. Für sie ist es wie eine Belohnung für gute Leistungen beim Lernen. Wenn ich die Zeit zum Erzählen hätte, die ich bräuchte, könnten sie jeden einzelnen von ihnen in zwei Monaten zurückschicken, und zwar mit einer Einkaufsliste, die sie in Freiburg problemlos in kürzester Zeit erledigen würden. In einer großen Stadt, die seit Jahrzehnten nicht mehr existiert.“
Mahtobu starrte sie fassungslos an, bis sie fragend eine Augenbraue hochzog. Mühsam brachte er hervor: „Ich werde John vorschlagen, ein paar naturwissenschaftliche Fächer und das Kampftraining um eine Stunde pro Woche zu kürzen und dafür ‚Missionsspezifische Geschichtskunde und Kultur’ einzuführen.“
Ihre Mundwinkel hoben sich ein wenig. „Sehen Sie, es geht doch! Wenn Sie wollen, können Sie ja ganz vernünftig sein, mein lieber General.“
Und schon war sie um die nächste Ecke verschwunden. Was sollte er nur mit ihr anfangen? Ihm fiel ein altes Filmzitat aus einem Science-Fiction-Epos ein, auf das er in seiner Jugendzeit total versessen gewesen war. Unwillkürlich musste er ein wenig lächeln, als ihm aufging, wie sehr dieser Spruch hier zutraf.
Entweder bringe ich sie um, oder ich verliebe mich noch in sie.
[Fortsetzung folgt ...]
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