Sonntag, 3. Dezember 2006
T1.1.12
[...Fortsetzung des Buches]

John F. Kennedy Int’l Airport, New York, USA - 10. August 1985

Er hatte es satt. CSM 108-1 behagte die Sommerhitze in New York überhaupt nicht, denn auch dafür war er nicht konstruiert worden. Terminatoren waren in der Kälte des postnuklearen Winters zuhause, nicht in der glühenden Hitze der Häuserschluchten, deren Straßen von der Sonne aufgeheizt wurden und durch die zusätzlich die tropische feuchte Warmluft direkt vom Golf von Mexiko waberte. Sein Organismus hatte zwar keine Probleme damit, außer dass er ein wenig mehr Flüssigkeit trinken musste, da sein Körper auch schwitzte – schließlich musste alles echt wirken –, doch ihm behagten die hohen Temperaturen bis zu einhundert Grad Fahrenheit trotzdem nicht. Und ohne Sonnenbrille konnte er nicht einmal ins Freie gehen, da er beinahe blind war in der gleißenden Mittagssonne.
Zudem befand er manche sozialen Kontakte als äußerst unangenehm. So hatte er beispielsweise einiges über spezielle menschliche Verhaltensmuster gelernt, die trotz aller taktischer Wahrscheinlichkeitsprogramme in seinen Subroutinen nur schwer vorhersehbar waren. Seine erste Begegnung mit einem bettelnden Obdachlosen, der ihn um Geld bat und dem er sein Kleingeld überlassen wollte, um eine neue soziale Interaktion mit finanziell minderbemittelten Individuen zu erfahren, endete damit, dass dieser ihm seine Brieftasche entriss und damit flüchtete, sobald CSM 108-1 sie gezückt hatte.
Gut, er hatte ihn nach zwölf Metern eingeholt und mit einigem Nachdruck darauf bestanden, seine Börse zurückzuerhalten. Aber dafür gab er jetzt keinem Bettler mehr Geld, sondern ignorierte sie fortan vehement.
Nur eine Woche später wurde er in einer Seitenstraße mitten am Tag überfallen. Der Angreifer hatte nur ein Messer, weshalb CSM 108-1 beschloss, gemäß seinem primären Missionsparameter, nicht aufzufallen, schlicht und einfach Fersengeld zu geben. Er rannte so schnell davon, dass er schon die nächste Straßenecke erreicht hatte, bevor der Räuber sich von seiner Überraschung erholt hatte. Ihm blieb nichts weiter, als bar jeden Verständnisses auf die ein Zoll tiefen Fußabdrücke in einem Abstand von acht Fuß zueinander im Pflaster zu starren, die ein dreihundert Pfund schwerer Terminator in vollem Lauf hinterlassen hatte.
Später wunderte sich niemand weiter über diese Kuriosität; dies war schliesslich New York
Die Stadt war jedoch ziemlich gefährlich; die nächsten Strassenräuber waren sämtlich mit einer Handfeuerweaffe bewehrt gewesen, was Entzug durch Flucht ausschloss. So kam es, dass CSM 108-1 nach mehreren Monaten einen gebrochenen Oberkiefer, Oberschenkel und eine zertrümmerte Kniescheibe auf seinem ‚Konto’ hatte. Seine Subroutinen beinhalteten ein fest vorgegebenes Verteidigungsverhalten, wenn er erst einmal ‚in die Enge’ getrieben worden war, doch eigentlich war es ihm zuwider, diese Menschen zu verletzen, nur weil sie ihm seine potentielle Habe mit körperlicher Gewalt oder Waffeneinsatz abnehmen wollten. Es waren Menschen wie sie, die die Straßen der Großstädte unsicher machten und die Ängste derjenigen schürten, die in mittelbarer Folge daraus in ihrer Paranoia schließlich Skynet entwickeln würden.
Deshalb hatte er befunden, dass die Zeit für ihn gekommen war, sein eigentliches Zielgebiet anzuvisieren. Er war nun schon über ein Jahr auf diesem Kontinent und hätte eigentlich schon vor Monaten nach Europa überwechseln können, wollte jedoch absolut sicher sein, dass er als Mensch durchgehen würde. Der Transfer war schließlich keine Selbstverständlichkeit und barg durchaus ein gewisses Risiko in sich.
Er hatte wieder einmal diverse Optionen gegeneinander abgewogen und sich dafür entschieden, zunächst nach London zu fliegen. Als US-Bürger war das noch eine der unproblematischsten Möglichkeiten, auf dem europäischen Kontinent Fuß zu fassen. Er hatte bereits sein Gepäck – seine schwarze Sporttasche – aufgegeben, eingecheckt und im Vorbeigehen die Wohnungsschlüssel seines Apartements in einen Abfalleimer geworfen. Auch dort hatte er wieder nur Dinge ohne persönlichen Wert, die er wahllos, wenn auch nicht ganz so wahllos wie in Kanada, zusammengekauft hatte, zurückgelassen. Seinen ursprünglichen Ausweis besaß er schon lange nicht mehr. Inzwischen hatte er statt eines kanadischen einen gefälschten US-Reisepass auf den Namen David S. Compton, den er nach der Ankunft in England vernichten würde. Einen zweiten, gut versteckten Reisepass auf einen anderen Namen hatte er in seinem Gepäck. Es war schon erstaunlich, was man mit dem nötigen Kleingeld alles erwerben konnte.
Die größte Hürde aber befand sich unmittelbar vor ihm.
Skynet war sich absolut sicher gewesen, dass das neue Chassis der Serie 880 in diesem Punkt den Anforderungen genügen würde. Nun, gleich würde er es sehen. Mit gleichgültiger und gelangweiter Miene händigte er einem Zollbeamten seinen Ausweis aus, der ihn sich sorgfältig ansah und ihm Fragen über Grund und Dauer der Reise stellte, welche er einsilbig mit gepresster Stimme beantwortete wie viele Leute, die nicht oft reisen und beim Zoll nervös sind, obwohl sie eigentlich keinen Grund zur Sorge haben müssten.
Dann machte er einen großen Schritt nach vorne, durch den Metalldetektor hindurch.
Keine roten Lichter, keine Warntöne.
Mit zufriedenem Lächeln nahm CSM 108-1 seine Papiere vom Zöllner zurück. Ihm kam kurz die Idee, dass er sich ja auf das Fließband für das Handgepäck hätte legen können, das durch ein Röntgensichtgerät durchlief. Die Zöllner wären sicher aus allen Wolken gefallen, wenn sie seine interne Struktur zu Gesicht bekommen hätten. So aber war er auf dem Weg nach Europa, ohne weiter aufgehalten zu werden.
Er schlenderte zur Wartehalle für den Pan Am-Flug nach London. Das Flugzeug, eine Boeing 747-121, war bereits an den Andockkragen des Terminals heranmanövriert worden und durch die großflächigen Panoramascheiben der Wartehalle, die auf das Flugfeld hinausgingen, sichtbar. Mit einigem Erstaunen nahm er die Bezeichnung der Maschine wahr: N739PA. In zwei Jahren, kurz vor Weihnachten, würde genau dieses Flugzeug auf dem Rückflug von London über dem schottischen Ort Lockerbie von Terroristen mit einer an Bord geschmuggelten Bombe gesprengt werden. Dabei würden ungefähr 270 Menschen sterben. Er wusste das, weil es für ihn nicht mehr als ein geschichtliches Faktum in seinen Datenbänken war, aber um ihn herum ahnte niemand etwas davon, dass es diese Maschine bald nicht mehr geben würde.
Terroristen. Kein Wunder, dass die Menschheit untergehen musste ...
Faszinierenderweise beschlich ihn beim Besteigen der Kabine der Economy-Klasse doch ein ungutes ‚Gefühl’, dessen Ursprung er nicht genau identifizieren konnte. Das mussten die pseudo-neuralen Verbindungen in seinem Prozessor sein, die ständig neu gebildet und weiter miteinander verflochten wurden, seit er im WRITE-Modus agierte. Zur Sicherheit beschloss er, eine längere Systemabschaltung während des Fluges vorzunehmen und eine Diagnose sämtlicher Schaltkreise vorzunehmen. Für seinen Platznachbarn würde das wie ein etwa einstündiges Nickerchen aussehen. Gut auch für ihn, dass die Portionen auf solchen Flügen immer mäßig bemessen waren, sodass er nicht allzu häufig zur Stoffwechselendprodukt-ausscheidung würde gehen müssen.

[Fortsetzung folgt ...]

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