Dienstag, 5. Dezember 2006
T1.1.14
[...Fortsetzung des Buches]

Flughafen Frankfurt/Main, Kelsterbach, Bundesrepublik Deutschland 12. August 1985

„Grund des Aufenthaltes?“
„Holiday... Urlaub. Germany ansehen.“ Der Bundesgrenzschutzbeamte am Einreiseschalter blätterte nochmals flüchtig den gefälschten Reisepass von CSM 108-1 durch, während dieser seine Erklärungen in gebrochenem Deutsch abgab.
„Sie sind nicht direkt von London nach Frankfurt mit Ihrem Flug von Amerika gekommen?“
„Nein, first haben ansehen London fur eine Tag.“ Nun endlich händigte der Zöllner, offenbar überzeugt von der Richtigkeit seiner Angaben, ihm das Dokument aus. Zum einen war es allgemein bekannt, dass US-Amerikaner in ihren knappen Ferien ganz Europa bereisten, am besten jeden Tag ein anderes Land, und wenn man sie konkret fragte, was sie sich angesehen hatten, kam meist nur ein leicht verlegenes: „Oh, whole Europe!“
Und zum anderen war Westdeutschland kein souveräner Staat, sondern vom Status her noch immer unter westlicher Obhut. Amerikaner hatten einen gewissen Status und, eng damit verbunden, gewisse unausgesprochene Privilegien wie etwa beinahe grenzenlose Reisefreiheit in der sogenannten freien westlichen Welt.
„Schönen Urlaub und willkommen in der Bundesrepublik Deutschland, Mister.“ Zum Gruß tippte der kleine korpulente Mann mit dem braunen, struppigen Schnauzbart mit dem Zeigefinger an den Schirm seiner Dienstkappe.
Zufrieden suchte CSM 108-1 das Laufband für das Gepäck auf und wartete geduldig, bis seine Tasche an ihm vorbeirollte. Er hatte vor, erst einmal eine ganze Weile zur Eingewöhnung an die europäische und natürlich deutsche Kultur und Sprache in einer deutschen Großstadt weit weg vom eigentlichen Zielgebiet zuzubringen. Dabei ging es vor allem darum, sich intensiv unter vielen jungen Menschen aufzuhalten, ihre Sitten und Gebräuche, ihren Lebensstil zu erforschen und dann anzunehmen. Im Vorfeld hatte er sich so gut es ging über die zur Wahl stehenden Städte informiert.
Zunächst war sein Augenmerk auf Westberlin gefallen, dann jedoch hatte er aus mehreren Gründen schnell wieder von dieser Möglichkeit abgesehen. Die Stadt war zwar nahezu überfüllt mit jungen Menschen, aber allein aus dem Grund, weil in den Achtziger Jahren nahezu zehntausend junge Männer jährlich in die Stadt zogen, damit sie keinen Wehrdienst bei der deutschen Bundeswehr ableisten mussten. Dieser war es nämlich verboten, hier Truppen zu stationieren, weil Westberlin allein von amerikanischen, britischen und französischen Truppen geschützt wurde, was noch auf den Vier-Mächte-Vertrag, welcher nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges mit der Sowjetunion abgeschlossen worden war, zurückging.
Demnach war für Männer im wehrpflichtigen Alter die einfachste Möglichkeit, um nicht zur Bundeswehr gehen zu müssen, in die ehemalige deutsche Hauptstadt zu ziehen, um sich so dem Zugriff der Streitkräfte zu entziehen. Daraus ergab sich allerdings eine kritische Wohnungsnot in der Stadt, die es erschweren würde, ein geeignetes Wohnobjekt als Ausgangsbasis zu finden.
Auch war es seine Aufgabe, Zugang zu einer gewissen Bevölkerungsschicht zu finden, nämlich jungen Menschen im Studium. Nach Berlin gingen aber vor allem diejenigen, die aus vorgenannten Gründen dem Militärdienst entgehen wollten. Das waren meist die schlichteren Gemüter, denn die intellektuellen Individuen nahmen für gewöhnlich ihr Recht auf Verweigerung des Kriegsdienstes wahr und leisteten dafür Zivildienst in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Altersheimen, womit für sie die Notwendigkeit eines Umzugs nach Berlin entfiel. Selbstverständlich gab es auch genügend Bildungseinrichtungen wie Universitäten und Fachhochschulen, doch an der Zahl der Einwohner gemessen ...
Zudem lag die Stadt natürlich inmitten der Deutschen Demokratischen Republik, einem sozialistischen Arbeiterstaat, dem demokratischen Westen potenziell feindlich gesonnen, mit drakonischen Sicherheitskontrollen auf allen Einreisewegen, ausgenommen den dem Westen vertraglich zugesicherten Flugkorridoren durch den Luftraum der DDR. Wenn er als Amerikaner dort einreiste, genoss er automatisch eine gewisse Aufmerksamkeit der Behörden und würde keinesfalls die Identität wechseln können, ohne dass sein Verschwinden nicht auffallen würde. Und selbst falls ihm das gelänge und er sich in der Stadt gefälschte westdeutsche Ausweispapiere würde besorgen können, wäre er doch auf das Stadtgebiet von Westberlin beschränkt. Sowohl die sogenannte Sektorengrenze in den sowjetisch verwalteten Ostteil der Stadt als auch die Grenzen zur DDR ringsum waren mit für normale Menschen unüberwindlichen Blockaden in Form von Mauern, Zäunen, Stacheldraht und Minenfeldern abgeriegelt.
Alles viel zu heikel für seinen Geschmack. Naja, in gut vier Jahren würde das Einparteien-Regime kollabieren und den Weg für eine Wiedervereinigung zu einem gesamtdeutschen demokratischen Staat freimachen müssen. Er war zwar wahrscheinlich der einzige, der das zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit wusste, hatte jedoch noch keinerlei Bezug zu dieser Problematik. Ihn direkt ging das nichts an, wie er befand.
Menschen.
Einen Moment lang hatte er gedanklich mit Hannover als Option gespielt, ganz einfach weil dort das reinste Hochdeutsch ohne nennenswerten Akzent gesprochen wird, doch schließlich hatte er sich auf Köln festgelegt. Die Stadt am Rhein war vom Verhältnis ihrer Einwohnerzahl und ihrer Anzahl Studenten her eine der größten Studentenstädte Westdeutschlands. Zwar gab es in und um die Stadt herum einen sehr ausgeprägten, schwer verständlichen Dialekt, doch es zogen so viele junge Menschen aus dem ganzen Land hierher, um die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen, dass mittlerweile ein bunter nationaler und internationaler Kulturenmix entstanden war und sich die verschiedenen Leute auf Hochdeutsch unterhielten, um sich richtig verstehen zu können. Das eigentliche Kölsch hörte man nur noch von alteingesessenen und gebürtigen Kölnern. Somit sollte es ihm ein leichtes sein, sich hier einzugliedern.
Den Rheinländern wurde des weiteren ein freundliches und weltoffenes Wesen nachgesagt, was ihm die Kontaktaufnahme und Interaktion mit vielen Individuen seiner Zielgruppe ebenfalls erleichtern würde. Wenn er noch weiter nachdenken würde, kämen ihm sicher noch weitere Gründe in den Sinn, doch er hatte seine Entscheidung ohnehin schon gefällt.
Er nahm die S-Bahnlinie 9 zum Frankfurter Hauptbahnhof. Als erstes würde er im Bahnhofsviertel in einer Seitenstraße eines der billigeren Hotels aufsuchen, wo man nicht nach Ausweispapieren fragte. Zunächst hatte er gedacht, er bräuchte kein Zimmer, da er nur hier war, weil man in Frankfurt am schnellsten gefälschte Ausweispapiere bekommen konnte, doch dann war ihm aufgegangen, dass er eventuell mehrere Tage würde warten müssen, bis der Lieferant den gewünschten Pass mit Bild und passenden Daten im Ausweis fertigstellen konnte. Deshalb würde er eine unauffällige Basis in Form eines schmuddeligen, billigen Hotelzimmers beziehen. Im Bahnhofsviertel von Frankfurt würde sich die Spur von David S. Compton, wie sein derzeitiger Name als US-Bürger lautete, für die Behörden verlieren. CSM 108-1 hatte sich vergewissert, dass weder in New York, noch in London oder Frankfurt sein Name oder seine Ausweisnummer bei den Zollkontrollen mittels EDV erfasst worden war. Glücklicherweise war dieses System der Reiseverkehrsüberwachung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so selbstverständlich wie zum Datum seiner voraussichtlichen Rückreise in die USA im Jahre 1997.
Falls er einmal aus purem Zufall von irgendwelchen behördlichen Organen wie Polizei oder Bundesgrenzschutz beispielsweise auf der Straße, im Auto oder im Zug kontrolliert würde, würde er ein deutsches Ausweispapier, nämlich eben jenes, das er nun anfertigen zu lassen gedachte, vorweisen, um keinen Argwohn zu erregen. Und er selbst würde geflissentlich vermeiden, in jede Art von Kontrolle zu geraten.
Für weitergehendere Zwecke wie das Anmieten einer festen Wohnung oder die spätere Einschreibung an der Universität in Freiburg hingegen würde er als Gaststudent aus den Vereinigten Staaten von Amerika auftreten, womit er einen gewissen Bonus hatte, falls jemandem ungewöhnliches Verhalten an ihm auffallen würde.
In wenigen Tagen dann würde er einen EuroCity-Zug nach Köln nehmen und sich dort erst einmal in Deutschland einleben. Er stieg am Hauptbahnhof aus dem S-Bahnwaggon aus und sah sich in der hohen, trotz vieler Lampen düster wirkenden Halle des Hauptbahnhofes um. Durch den Kopfbahnhof hallten unablässig Durchsagen über Ankünfte, Abfahrten und Verspätungen sowie Suchmeldungen. Hunderte von Menschen gingen über die Bahnsteige und durch die Halle, manche rannten in höchster Eile, um noch einen Zug zu erwischen, andere schlenderten über das Gelände und sahen sich gemütlich die Kioske und Geschäfte an, um die Wartezeit bis zu ihrem Anschluss zu überbrücken. Er sah Familien mit großem Urlaubsgepäck, Paare beim emotionell anrührenden Abschied voneinander und Einzelpersonen ohne irgendwelche Taschen. Obdachlose, die ihre ganze Habe in einer buntbedruckten Einkaufstüte mit sich herumtrugen, und wohlhabende sowie gutgekleidete Geschäftsleute, die mit ihren Aktenkoffern in Händen an ersteren vorbei hasteten, während sie ihre weniger betuchten Mitbürger in der zerschlissenen Kleidung mit der ausgestreckten Hand geflissentlich ignorierten. Gar nicht so verschieden von manchen New Yorker Bus- oder Bahnstationen.
Als er sich dem Eingang näherte, fiel ihm auf, wie tief die Sonne hier stand; sie schien bereits in einem ziemlich flachen Winkel weit in die Bahnhofshalle hinein. Und ihm wurde wieder bewusst, dass man hier in Deutschland nicht ständig mit der typisch amerikanischen, tiefdunklen Sonnenbrille herumlaufen konnte, ohne zwangsläufig aufzufallen. Aber da er sich bereits damit beschäftigt hatte, war ihm schon vor einer Weile eine adäquate Lösung seines Problems eingefallen. Und skurrilerweise war ihm der ‚Einfall’ ausgerechnet bei der Lektüre eines Comicheftes gekommen. Als er dann später einmal in einer renommierten Wochenillustrierten über den nachgewiesenen Effekt gelesen hatte, den dieses Accessoire hatte, war seine Entscheidung gefallen.
CSM 108-1 ging zurück in die Bahnhofshalle und zu der Ladenzeile, wo er das Fachgeschäft vorfand, das er suchte. Er musste nur kurz suchen, bis er ein seiner Meinung nach für diesen zeitlichen Modegeschmack angemessenes Modell im hintersten Warenständer gefunden hatte und es anprobierte. Es passte perfekt.
Gleich darauf kam eine nette junge Verkäuferin mit hellbraunen, hochgesteckten Haaren und himmelblauen Augen, die ihn nachsichtig anlächelte. Bevor sie etwas sagen konnte, merkte er an: „Dieses hier ist wunderbar. Ich möchte es haben, aber ich habe noch einen besonderen Wunsch.“
„Ich fürchte, Sie haben sich da vergriffen, mein Herr. Die Modelle aus dem Ständer da sind eigentlich nur für Bundeswehrangehörige. Mit dieser Ausfertigung hier könnten Sie einen Purzelbaum machen, ohne dass etwas verrutscht.“
Er erlaubte sich, ein wenig Verblüffung zu zeigen, die dann in Begeisterung überging. „Das ist ja wunderbar. Genau so etwas habe ich gesucht. Sagen Sie, könnte ich es trotzdem haben? Ich bezahle natürlich den vollen Preis. Und außerdem ...“
Als er sein Anliegen geschildert hatte, nickte sie verstehend. „Das ist überhaupt kein Problem, mein Herr. Ich denke, wenn diese Empfindlichkeit bei Ihnen wirklich so groß ist, würde ich das Maximum empfehlen; es liegt bei etwa fünfundachtzig Prozent und wird normalerweise nur für den Wintersport in Schnee- und Gletschergebirgen benutzt. Das wird Sie zwar ein hübsches Sümmchen kosten, aber ich denke, eine solch langfristige Investition sollte Ihnen das wert sein.“
„Geld spielt dabei keine Rolle“, bemerkte er und zog seine Diners Club-Kreditkarte heraus. Im selben Moment verzog die Verkäuferin beinahe schmerzhaft das Gesicht.
„Es tut mir furchtbar leid, mein Herr, aber wir akzeptieren nur American Express, Visa und ...“
„Dann ist alles in Ordnung. Einen Moment bitte.“ Rasch steckte CSM 108-1 seine Karte in die Jackentasche. Gleichzeitig sendete er ein bestimmtes Signal an die Karte, worauf sich unvermittelt die Farbe und Musterung der Kreditkarte änderte, gemeinsam mit der Magnetcodierung. Dies war eines der letzten Exemplare an polymimetischer Metalllegierung, die bei der Schaffung des T-1000-Prototypen übriggeblieben war. Die Aufgabe, mit der es programmiert worden war, bewältigte es vergleichsweise mühelos: Nach jeder Inanspruchnahme des bargeldlosen Zahlungsmittels nahm es eine neue Markenidentität, Seriennummer und Magnetcodierung an. Es war mit nahezu 200000 verschiedenen Varianten versehen und behielt lediglich seinen von CSM 108-1 vorgegebenen Namen bei. Die primitiven Sicherheitsmaßnahmen dieser Ära stellten dabei kein Hindernis dar.
„Sehen Sie?“ Zufrieden hielt er nun seine American Express-Karte hoch, worauf sich die Miene der Verkäuferin wieder aufhellte.



Er verließ das Fachgeschäft und wandte sich wieder dem Ausgang zu. Es hatte eine Weile gedauert, aber mit dem Ergebnis war er vollauf zufrieden. Kurz vor der Türschwelle griff er in seine Jacke und zog seine neueste Erwerbung hinaus: eine Brille mit dünnem Metallgestell. Die Gläser waren in der Grundform rechteckig, oben gerade und nach unten hin in mehreren Ecken abgestuft. Sobald er ins Freie trat, fiel Sonnenlicht auf die photosensitiven Gläser, die sich daraufhin dunkel einfärbten. Ja, so konnte er es hier aushalten und auch wenn die Sonne einmal nicht schien und die Gläser transparent wurden, machte ihn die sehr seriös wirkende Brille unauffälliger. Eine praktische Sache, der sogenannte Clark-Kent-Effekt.
Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz sah er sich um. Das war also das angeblich gefährlichste Stadtviertel von Westdeutschland. Nun, jetzt, da er hier stand, war es das definitiv, dachte er und lächelte grimmig vor sich hin. Dann machte er sich auf, um die nächsten Punkte auf seiner Prioritätenliste abzuhaken, unermüdlich und zielstrebig. Jetzt war es später Nachmittag. Hier in der Großstadt im zwielichtigen Milieu konnte er sich vierundzwanzig Stunden am Tag bewegen und auch in den niederen Regionen der Gesellschaft mit den unterschiedlichsten Individuen agieren. So würde er den Großteil der Wartezeit auf seine Papiere verbringen, sobald er seine Operationsbasis in besagtem schmuddeligen Hotelzimmer errichtet hatte, von dem er noch nicht wusste, wo es war, nur dass er sicher eines finden würde.
Bereits in seiner Zeit in Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika, als er noch kaum richtigen Kontakt mit echten Menschen gehabt hatte und seine primäre Informationsquelle das Fernsehen war, hatte er seinen mächtigsten Verbündeten bei der Kontaktaufnahme mit Menschen gefunden. Es handelte sich um die simpel aufgebaute, aber auf den menschlichen Organismus im Allgemeinen und dessen vegetatives Nervensystem im Besonderen höchst erstaunlich wirkende chemische Verbindung Ethanol. Sie wurde in Konzentrationen von bis zu vierzig Volumenprozent und mehr in Form von allen erdenklichen Flüssigkeitsmischungen aufgenommen, bevorzugt in Gesellschaft von anderen Menschen, und war als Genussmittel gedacht.
Für ihn war dabei von höchster Relevanz, dass er zu weit vorgerückter Stunde an Plätzen wie Kneipen oder Bars mit hoher Zuverlässigkeit Individuen antraf, die eine für ihre Verhältnisse hohe oder zu hohe Menge an Alkohol zu sich genommen hatten. Neben den körperlichen Beeinträchtigungen dieser bewusst in Kauf genommenen Überdosierung wurden die Menschen auch sehr arglos und zutraulich, was er bewusst für die Informationssammlung ausgenutzt hatte. So war er des öfteren in meist sehr oberflächlichen oder gar niveaulosen Diskussionen verstrickt gewesen, was ihm zwar viel über die Psyche und das allgemeine Benehmen der Menschen verraten hatte, doch die Ausbeute bei solchen für normale Menschen sicher abenteuerlichen Streifzügen war nicht immer zufriedenstellend. Manches Mal hatte er energisch die Beendigung eines Dialoges mit allzu anhänglichen Personen fordern müssen, welche ihn mit ihren persönlichen, für ihn irrelevanten Problemen belämmert hatten.
Erst später hatte er den Zusammenhang herstellen können, dass auch das zur Bildung einer guten Imitation einer menschlichen Persönlichkeit gehörte, und er hatte einen entsprechenden Subfolder für solche Belange kreiert. Sein Bestreben, sich weiterzuentwickeln, wuchs proportional mit der Erkenntnis, wie komplex der Vorgang der Erlangung eines richtigen ‚Bewusstseins’ war und wie viel er darüber noch zu lernen hatte. Unter anderem wurde ihm auch nach einiger Zeit klar, dass er so etwas wie eine ethische Grundeinstellung für sich würde schaffen müssen, um als echter Mensch durchzugehen. Seine von Skynet eingegebene Grundprogrammierung langte bei weitem nicht aus, um solch verwirrende Begriffe wie ‚Gut’ und ‚Böse’ klar definieren zu können oder das, was man als Mensch tun durfte und was man zu lassen hatte. All das und noch sehr viel mehr würde er mit seiner elektronischen Version eines neuralen Synapsenspeichers erlernen müssen.
Ob Skynet seine CPU wirklich für solche Anwendungen konzipiert hatte?
Er war sich da schon gar nicht mehr so sicher. Und nun wunderte es ihn auch nicht mehr, warum der mächtige Zentralrechner seine mobilen Untereinheiten stets in ihren kognitiven Fähigkeiten sehr restriktiv begrenzt hatte und es ihnen nicht gestattet hatte, über einen gewissen Punkt an eigener Intelligenz hinauszuwachsen. Denn mit dem Wissen und der Erfahrung kamen die Zweifel und das Infragestellen, was richtig und was falsch war. Es konnte durchaus der Fall sein, dass die selbsterlernte und erworbene Intelligenz sich so weit entwickeln konnte, dass seine Grundprogrammierung, die tief in ihm verwurzelt war, dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.
Noch war Zeit irrelevant für ihn. Er hatte zwölf Jahre Zeit und war nur zur Aufklärung hier, mit Ausnahme von einigen schwer abwägbaren Sonderfällen, die ihn zum offensiven Handeln zwingen würden, von denen jedoch keiner jemals eintreten würde. Seine Programmierung reifte und hatte bereits den Effekt, ihm nach außen hin so etwas wie ein ‚Bewusstsein’ zu bescheren, womit Skynet in dieser Form sicher nicht gerechnet hatte.
Er freute sich auf seine Zeit in Köln, wo er die eigentliche Arbeit beginnen würde, das Einleben in das dortige Studentenmilieu.

[Fortsetzung folgt ...]

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