Donnerstag, 7. Dezember 2006
T1.1.16
[...Fortsetzung des Buches]

Köln, Bundesrepublik Deutschland 29. August 1985

Trotz der späten Abendstunde war die Bahn noch relativ voll. CSM 108-1 stand wie immer gegenüber einer Ausgangstür und hielt sich mit je einer Hand an einer vom Boden bis zum Deckenträger durchgehenden Metallstange, um sein Gewicht ausreichend gegen die zeitweise heftigen Fliehkräfte beim raschen Beschleunigen und abrupten Abbremsen des elektrisch getriebenen Schienenfahrzeugs abzusichern. Ihm gegenüber in der nächsten Vierer-Sitzgruppe saßen zwei junge Männer Anfang Zwanzig, die er dem Aussehen nach osmanischer Herkunft zuordnete.
Bislang hatten sie die drei Stationen seit ihrem Zusteigen geschwiegen und sich nur unwohl angestarrt. Jetzt begann der eine von ihnen, bekleidet mit einer schweren Lederjacke, seinen Freund anzureden. Innerhalb von 4,79 Sekunden klassifizierte CSM 108-1 die Sprache als Türkisch, starker Dialekt aus der kurdischen Grenzregion zwischen der Südosttürkei und dem Nordirak. „Das war echt nicht sehr schön, Mann. Du weißt, dass ich das nicht gern mit ansehe.“
Sein Gegenüber, der in einem teuer aussehenden Jogginganzug steckte, erwiderte gereizt: „Was hätte ich denn tun sollen? Du hast doch gesehen, in welchem Aufzug sie auf die Straße wollte. Das sind nur ihre dämlichen deutschen Freundinnen, mit denen sie arbeitet. Einen ganz schlechten Einfluss haben die. Wenn ich das vor der Hochzeit gewusst hätte ...“
„Ja, schon gut. Ich will nur nicht, dass du sie abklatschst, wenn ich dabei bin. Respekt hin oder her ...“
Der Typ mit der Lederjacke brach ab und sah ihn plötzlich unverwandt an. Er hatte mit ganz normaler Lautstärke gesprochen, da er angenommen hatte, dass niemand im Abteil seiner Sprache mächtig sein könnte. Doch jetzt, als die Bahn vor der nächsten Station zu bremsen begann, fiel ihm dieser mittelgroße Durchschnittstyp auf, der ihn mit versteinerter Miene und durchdringendem Blick unverwandt anstarrte. Wenn er es darauf anlegte, konnte CSM 108-1 doch etwas an sich haben, was Menschen unheimlich nervös machte.
„Was glotzte denn so, hä?“, wollte er auf Deutsch wissen.
Stark bremsend kam die S-Bahn zum Stehen und öffnete alle Schiebetüren. CSM 108-1 erwiderte mit ruhiger Stimme: „Gewalt und Unterdrückung innerhalb der Familie ist kein effizientes Konzept für ein dauerhaftes harmonisches Zusammenleben. Einen schönen Abend noch.“
Mit einem kleinen Schritt trat er auf den überhöhten Bahnsteig hinaus und ließ seinen Blick über das Schild mit der Aufschrift ‚Barbarossaplatz’ schweifen. Die beiden jungen Kurden waren so perplex, dass sie überhaupt nicht reagierten, bis der Bahnschaffner alle Türen wieder geschlossen hatte. Als sie aufsprangen und versuchten, noch hinauszugelangen, reagierte der Zugführer mit der gewohnten Kaltschnäuzigkeit nicht mehr auf den Öffnungswunsch, den die beiden ihm mittels der an den Türen platzierten Druckknöpfen signalisierten. Mit wutverzerrtem Gesicht presste der Typ im Jogginganzug seine Nase ans Türfenster und hob drohend die Faust, als die Bahn anfuhr.
Alle Leute im Abteil starrten die beiden Osmanen mit ablehnenden und missbilligenden Blicken an. CSM 108-1 sah der S-Bahn völlig teilnahmslos nach, als ginge ihn das alles nichts an. Dann sah er nochmals zurück und beobachtete, wie eine Bahn in die Gegenrichtung davonfuhr. Kurz vor der nächsten Station in Richtung Innenstadt wurde aus der S-Bahn eine U-Bahn, das heißt, die Bahnen fuhren unter der Innenstadt meistens unterirdisch in Tunneln, welche am Rand der Innenstadt und in weniger dicht besiedelten Außenbezirken an die Oberfläche geführt wurden. Für ihn ein überzeugendes, durchdachtes Konzept. Auch in New York wurde die Streckenführung des öffentlichen Nahverkehrs teilweise so praktiziert.
Ohne sich nochmals umzusehen, spazierte er zurück bis zum Zülpicher Platz und widmete der Herz-Jesu-Kirche auf der anderen Seite der breiten Roon-Straße, die zwar nicht besonders groß war, aber einen sehr schönen und recht hohen Turm besaß, einen Moment seiner Aufmerksamkeit. Dann bog er auf den halbkreisförmigen Platz nach links ab, von wo aus die Straßen sternförmig in alle Richtungen auseinander liefen. Hier begann eines der netten Kneipenviertel der Stadt, wo sich ein Lokal an das andere reihte, unterbrochen nur von Restaurants, Imbissbuden aller Couleur und Kiosken.
Taktisch gesehen war das kein sehr guter Zug gewesen, befand er, denn es widersprach dem Missionsparameter, keine unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er musste diesen ganzen Vorfall wohl nochmals durchgehen und versuchen herauszufinden, was ihn zu seiner Reaktion veranlasst hatte.
Es war spät am Abend, sehr warm und schwül in der Stadt und außerdem war heute Jahrestag für ihn. In genau zwölf Jahren würden sich die Maschinen erheben und ihre Erbauer vom Antlitz der Erde fegen. Er hielt es für angemessen, im Angesicht seines erwachenden Bewusstseins diesen Tag zu begehen.
Auch wenn er es in einem der hintersten Winkel seines elektronischen Bewusstseins als bedauernswert einstufte, dass dies alles vaporisiert werden sollte. Aber wie sagte ein versinnbildlichendes Sprichwort in diesem Land: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
So entschied er sich für ein English Pub, das von außen her nicht sehr groß wirkte, aber weit nach hinten ins Gebäude hineinreichte. Innen war alles sehr rustikal eingerichtet, Tische und Stühle, Wand- und Deckenbalken aus demselben dunklen nussbaumfarbenen Holz. Die Wände selbst waren grob verputzt, sodass man jeden Strich mit der Kelle sehen konnte, und mit vielen verschiedenfarbenen und -förmigen Emailleschildern versehen, auf denen alte Werbebotschaften abgebildet waren. Der gesamte längliche Thekenbereich war ebenfalls aus Holz und reichlich bestückt mit dem vielfältigsten Sortiment an Alkoholika und diversen Gläsern. An der Hinterwand hing ein Dartbrett und komplettierte das typische britische Ambiente.
Für einen späten Donnerstagabend war erstaunlich viel los, wenn man bedachte, dass viele der Gäste morgen zur Arbeit gehen mussten. Er fand einen freien Stuhl an der Theke und ließ sich mit Bedacht nieder – schließlich musste er sicher sein, dass das alte, fragil wirkende Gebilde aus Holz sein Gewicht auch trug.
Er hatte kaum an seinem Glas Cola genippt, als ein sehr korpulenter bärtiger Mann Ende dreißig mit langen, hellbraun gewellten Haaren und blauen kleinen Äuglein, gekleidet in eine Lederweste, ein rotschwarzes Karohemd mit hochgekrempelten Ärmeln, Jeanshose sowie Cowboystiefel, sich neben ihn an die Theke setzte und lautstark ein englisches Bier bestellte. Gleich darauf sprach er CSM 108-1 an: „Na, wie geht’s denn so?“
„Danke, gut. Und Ihnen auch?“, erwiderte er in arglosem Plauderton mit leicht gebrochenem Akzent. Er registrierte, dass dieses Individuum anhand seiner Bewegungen, des trägen und verschwommenen Blickes und der Weitung der Blutgefässe in seinem Gesicht bereits eine größere Menge an Alkohol konsumiert haben musste. Ein rascher Blick nach draußen bestätigte ihm, dass der Mann mit einem Motorrad amerikanischer Bauart hierher gelangt war und frech und repräsentativ im Halteverbot direkt vor dem Lokal parkte.
„Könnt’ nich’ besser gehen. Wo bis’ du her, Mann? Nich’ von hier, wa? Hör ich gleich, so was.“ Offenbar bereitete ihm das Sprechen auch schon Mühe, was CSM 108-1 jedoch nicht weiter störte. Er würde mithilfe diverser Wahrscheinlichkeitsrechnungen auch dann noch eruieren können, was er zu sagen beabsichtigte, wenn seine Ausdrucksweise für alle anderen im Pub nur noch als unverständliches Gelalle erscheinen würde.
Was eventuell nach dem Leeren des halben Liters starken Bieres, welches ihm von der dunkelhäutigen, anmutigen und wahrscheinlich indischstämmigen Bedienung hinter dem Tresen nun vorgesetzt wurde, der Fall sein würde.
„Ich bin Austauschstudent aus den USA. Der Chopper da draußen, ist das denn Ihre Harley?“
„Scharf beobachtet, Kumpel. Aber warum denn so förmlich? Sag einfach Manni zu mir.“ Er reichte ihm die Hand und grinste ihn leicht dümmlich an.
„Es ist nett, dich zu treffen, Manni. Das ist eine Abkürzung, ist es nicht?“ Er erwiderte den Gruß mit einem genau berechneten Kraftaufwand, um ihm mit der Hydraulik seiner Fingergelenke nicht versehentlich die Hand zu zerquetschen.
„Du bist ganz schön hell, Kumpel. Ich heiße Manfred, wenn du’s genau wissen willst.“
„Daniel. Du kannst Dan sagen zu mir.“
„Geht klar. Und, wie gefällt’s dir hier in Deutschland?“ Manni drehte sich mit leicht durchschaubarer gespielter Zufälligkeit so, dass der Rücken seiner Weste in sein Blickfeld rückte und ihm den Blick auf eine große aufgenähte Flagge der USA preisgab.
„Hier in Westdeutschland sehr schon. Den Osten konnte ich noch nicht ansehen mir“, gab er zurück und erntete schallendes Gelächter von seinem neuen Bekannten, das die kurzfristige Aufmerksamkeit des halben Pubs auf ihn zog.
„Du bist echt ’ne Nummer, Mann. Wo kommste denn her?“
„New York City.“ Er zuckte nur mit den Schultern, als sei das nichts Besonderes. Und tatsächlich, entgegen seiner Vorausberechnungen, schien er nicht besonders interessiert zu sein, von CSM 108-1 näheres über seinen Herkunftsort zu erfahren.
„Ach ja, ‚the big apple’ oder so. Total überfüllt und verstopft mit Autos, die Stadt. Weißt du, ich war letztes Jahr mit paar Kumpels in den Staaten, aber im Südwesten zum Biken, Route 66 und was halt sonst noch so da ist, Grand Canyon, Las Vegas ...“ Er schien hart nachzudenken, gab es aber angesichts seines momentanen Zustandes rasch auf. „Du weißt schon, was es dort halt so alles gibt.“
„Klar. Und hat es dir gefallen?“
„Ja, Mann, war echt klasse zum Motorrad fahr’n. Nur L.A. war die absolute Katastrophe. Dauernd Staus, Unfälle, Schiessereien, Verrückte, die irgendwas in die Luft sprengen oder jemanden umbringen, du weißt schon. Wir sind an einem ausgebrannten Tanklastzug vorbeigefahren, den jemand in der Nacht zuvor bei 'ner irren Verfolgungsjagd gesprengt hat. Stell dir mal vor! So ’n Psychopath hat ein junges Paar verfolgt und wollte ihnen ans Leder. Er hat sie bis in eine Fabrik gehetzt, wo er den Typ umgenietet hat und die Kleine auch fast. Frag’ mich nich’, was da genau abgegangen ist, ich hab’ auch nur mitgekriegt, was mir der Bulle verklickert hat, der den Verkehr um die abgesperrte Straße ’rumgeleitet hat.“
„Ja, ein crazy Land, the United States.“ In Gedanken versunken nippte er an seiner Cola.
Eine Hand packte ihn von hinten an der Schulter und wollte ihn herumzerren. Vergeblich riss der Unbekannte noch an ihm, als CSM 108-1 herumfuhr und die beiden Kurden erblickte, die er in der Bahn angesprochen hatte. Augenblicklich erkannte er ein hohes Aggressionspotential und ging in erhöhte Verteidigungsbereitschaft über. Das Problem war nur, dass dieses Pub voll mit Menschen war, Zeugen, die eine Beschreibung von ihm liefern konnten. Er durfte durch nichts zu erkennen geben, dass er kein normaler Mensch war. Die Chance, diese Situation ohne Aufsehen zu bereinigen, war höchst unwahrscheinlich; dennoch musste er alles versuchen, bevor er andere Optionen erwog.
„Oh, ihr seid das“, sagte er mit einem, wie er hoffte, freundlichen Lächeln. Sein Gesprächspartner neben ihm war zu angetrunken, um schon vollends zu begreifen, was sich da anbahnte.
„Ja, wir sind das“, äffte der Typ im Jogginganzug ihn höhnisch nach. Über seinem dünnen Oberlippenbart perlte der Schweiß. „Hast wohl nich’ gedacht, dass wir dich erwischen, wa?“
„Wobei erwischen? Ich verstehe nicht“, antwortete er und rutschte langsam und unmerklich von seinem Barhocker, bis er festen Boden unter beiden Füßen hatte.
Manni fügte hinzu: „Er is’ nämlich ’n Ami. Ihr müsst schon deutlich sagen, was ihr wollt.“
„Halt dich da raus, du Stinker! Das geht dich nix an, klar?“
Ruckartig war Manni auf den Beinen. CSM 108-1 nahm wahr, dass er etwa 1,90 m groß war und dank seiner Korpulenz bestimmt so viel Gewicht auf die Waage brachte wie er selbst. Er hob eine Hand, um Manni zurückzuhalten. Der zweite Typ mit der Lederjacke hielt sich vornehm im Hintergrund und wusste nur durch seine Präsenz zu beeindrucken.
„Bitte, können wir das nicht friedlich regeln? Ich geb’ euch einen aus. Was wollt ihr trinken?“, versuchte er es mit Beschwichtigung in Form einer Einladung. Die junge Inderin hinter dem Tresen schnitt gerade mehrere Zitronen mit einem großen Küchenmesser in Scheiben, hielt jetzt aber inne, als sie ahnte, dass Ärger in der Luft lag.
„Du Arsch hast mich beleidigt! Hast jetzt wohl die Hosen voll, wa? Was geht dich an, wie ich meine Alte behandel’? Woher kannst du Sackgesicht überhaupt kurdisch?“
„Ich wollte dir nur einen konstruktiven Vorschlag machen, wie du deine Beziehung verbessern kannst. Ich wollte dich nicht beleidigen.“ Außer Ehrlichkeit fiel ihm im Moment nichts ein; ihm fehlten einfach die Referenzwerte für solche Situationen. Selbstverständlich ignorierte er die Frage nach seinen Sprachkenntnissen.
Die Bedienung hinter der Theke rief alarmiert: „Mach’ bloß keinen Stunk hier drin, du Idiot. Du hast doch gehört, dass es ihm leid tut und er nur gute Absichten hatte.“
Dafür, dass sie praktisch nichts über den Hintergrund dieses Streites wusste, bewies sie eine außerordentliche Kombinationsgabe, befand CSM 108-1. Er beugte sich zu ihr hinüber und wollte ihr zu ihrer Scharfsinnigkeit gratulieren, um den jungen Kurden von dem eigentlichen Thema abzulenken, als dieser ein Butterfly-Messer zog, witzigerweise ein identisches Modell wie das, mit dem er von den jungen Schwarzen bedroht worden war, denen er sein Auto in Harlem überlassen hatte. Dummerweise konnte er diesen Kerl nicht so ohne weiteres entwaffnen, denn jetzt ging ein lautes Raunen durch die Gästeschaft, alle Umstehenden wichen zurück und eine junge Frau schrie voller Entsetzen über die gezückte Stichwaffe auf.
Der Kurde brüllte die Bedienung unbeherrscht an: „Schnauze, du blöde Schlampe. Was weißt du denn schon? Von dir lass ich mir gar nix sagen! Los, du Arsch, komm mit nach draußen.“
„Ach ja?“ Geistesgegenwärtig packte sie einen Kübel mit Eiswürfeln und schüttete ihn ihm ins Gesicht. Im gleichen Moment packte CSM 108-1 seinen Arm mit dem Messer am Handgelenk und riss ihn nach vorne und unten zu sich hin, so dass sich die Klinge etwa einen Meter über dem Boden geradewegs ins massive Holz der Theke bohrte. Der Kopf des Kurden schlug dabei unsanft gegen die Kante des Tresens, worauf er endlich losließ.
Der zweite Osmane griff unter die Jacke, doch CSM 108-1 hatte sich rasch nach hinten gebeugt, mit einer fließenden Bewegung das Küchenmesser ergriffen und war nach vorne geschnellt. Die etwa dreißig Zentimeter lange Klinge aus rostfreiem Edelstahl drückte sich gegen den Adamsapfel des Mannes, der sofort stark zu transpirieren begann und mit verdrehten Augen nach unten auf das aus diesem Blickwinkel riesige Messer starrte.
„Ich komme aus New York, ihr Idioten. Glaubt ihr, euer lausiges Käsemesser hat mich beeindruckt? Oder die Knarre in deiner Jacke? Los, ganz langsam herausziehen. Und keine Dummheiten machen.“ Etwas in dem starren und harten Blick seines Gegners sagte dem jungen Kurden, dass es gesünder war, seiner Anweisung Folge zu leisten. Jedermann in dem Pub hielt den Atem an, als seine Hand langsam zum Vorschein kam und tatsächlich eine mattschwarze Sig Sauer hielt. Ein lautes Gemurmel ging durch die atemlose Menge um sie herum.
„Woher hast du das gewusst?“, fragte der Gestellte und widerstand krampfhaft dem Impuls, zu schlucken.
„Ich habe doch gesagt, ich komme aus New York. Was glaubst du?“ Manni hatte inzwischen den ersten Angreifer vom Boden aufgelesen, als der wieder zu sich gekommen war, und hielt ihn nun, seelenruhig auf seinem Hocker sitzend, im Schwitzkasten und nahm einen weiteren Schluck Bier, während der Messerstecher verzweifelt, aber erfolglos versuchte, sich aus der Umklammerung des doppelt so schweren Hünen zu befreien. „Na, wer’s jetzt der Stinker, hä, du knoblauchlutschender Kanacker?“
CSM 108-1 sah in dem Geschrei und Durcheinander, das nun entstand, dass die Bedienung telefonierte. Von ihren Lippen las er ab, dass sie eine Meldung an die Polizei machte. Ohne zu zögern stieß er den Kerl mit der Waffe so grob nach hinten, dass sein Hinterkopf gegen einen Stützbalken knallte und er benommen zu Boden sank. Dann ergriff er sein Glas, den einzigen Gegenstand außer dem Küchenmesser, auf dem seine Fingerabdrücke waren, nahm beides und rief Manni zu: „Komm, wir gehen, die Polizei ist gleich hier.“
„Oh je, und ich steh’ im Halteverbot und bin außerdem noch breit wie ’ne dreispurige Autobahn.“ Erschrocken ließ er den Messerstecher los, worauf CSM 108-1 diesen packte und ihn gleichermaßen wie den ersten Gegner außer Gefecht setzte. Dann tauchten sie in dem nach draußen gerichteten Gedränge unter. Manni schwang sich auf sein Motorrad und sagte: „Schnell, spring auf, ich bring uns ...“
Als er sich umdrehte, war sein neuer Freund verschwunden, untergetaucht in der Menge der Leute, die aus dem Pub hinausstrebten. „ ...weg von hier.“

Der Polizist verschränkte die Arme vor der Brust und musterte die orientalisch wirkende Bedienung ungnädig. „ ...und wie lange, sagten Sie, ist das jetzt her?“
„Keine Viertelstunde, das sagte ich doch schon. Nachdem er die beiden Typen gegen den Balken da und die Theke geschubst hat, ist er zusammen mit dem Rocker abgehauen. War auch kein Kunststück bei dem Tumult hier drin.“ Sie sah sich frustriert um; das Lokal war jetzt natürlich leer bis auf ein paar Personen, die als Zeugen fungierten und von drei weiteren Beamten getrennt befragt wurden.
„So, wie Sie das beschreiben, sind also die beiden hier die bösen Buben und die, die getürmt sind, waren die Opfer?“, hakte der Wachtmeister nach.
„Ja, sie sind friedlich nebeneinander gesessen und haben sich unterhalten. Ich könnte aber nicht beschwören, dass sie sich gut gekannt haben; es war ziemlich viel Betrieb, wissen Sie? Naja, dann sind die beiden Türken hier aufgetaucht und sind sofort auf den kleineren der beiden losgegangen. Ich bin darauf aufmerksam geworden, als er versucht hat, den Streit zu schlichten .... ja, er wollte ihnen sogar einen ausgeben, um die Sache zu bereinigen. Doch als sie das Angebot nicht angenommen haben, habe ich versucht, mich einzumischen. Geholfen hat das nichts.“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Und das war der Zeitpunkt, als der eine hier sein Messer gezogen hat?“
„Genau“, bestätigte sie eifrig. „Aus einem Impuls heraus habe ich dem Typen eine Ladung Eiswürfel an den Kopf geworfen. Der kleinere der beiden Gäste hat ihn dann am Arm gepackt und das Messer in die Theke gerammt.“
„Aha.“ Interessiert betrachtete der Polizist die Klinge des Butterfly, die fast bis zum Anschlag im massiven Holz des Tresens steckte. Er nahm ein Taschentuch hervor und versuchte, es herauszuziehen, jedoch rührte es sich keine Spur.
„Und dann hat der zweite Türke in seine Jacke gegriffen, aber der Kleinere hatte sich blitzschnell mein Messer vom Tresen geschnappt und hielt es ihm an die Kehle. Dann zwang er ihn, seine Pistole herauszugeben, während der große Rockertyp den anderen im Schwitzkasten hatte. Anschließend schlug er beide Türken k. o. und sie türmten im Durcheinander.“
„Moment, der Kleinere der beiden hat die Angreifer erledigt? Sind Sie da sicher?“
„Natürlich“, entgegnete die Bedienung entrüstet, „er hat praktisch alles allein gemacht.“
„Gut, ich denke, ich verstehe das Ganze allmählich. Eine Kneipenschlägerei, die fast zur Messerstecherei ausgeartet wäre, ganz zu schweigen von der Schusswaffe. Das hätte uns gerade noch gefehlt. Wir können diesem Kerlchen direkt dankbar sein. Kann ich jetzt bitte das Küchenmesser sehen?“
„Das ... das ist nicht mehr da. Er muss es wohl mitgenommen haben.“ Sie wirkte plötzlich verlegen.
„Soso. Wo ist er denn gesessen?“
„Genau hier. Er hat eine Cola gehabt und ... oh.“ Sie starrte auf den Tresen, wo zwischen dem großen Bierglas von Manni und dem nächsten Sitzplatz eine Lücke war. Alle anderen Gäste hatten ihre Bestellungen beim überstürzten Verlassen des Lokals artig in Reih und Glied stehen lassen, nur das Colaglas war nirgends zu finden.
„Jetzt wird die Sache langsam interessant. Sämtliche Gegenstände, die er angefasst hat, bis auf das Messer, das noch in der Theke steckt, sind verschwunden.“ Der Ordnungshüter kratzte sich grübelnd am Kopf.
„He, Bulle! Mein Messer hat er gar nicht berührt. Ich hatte es noch in der Hand, als er mich am Arm gepackt hat und mich gegen die Theke geschleudert hat. Der Drecksack hat genau gewusst, was er tut. Den kriegt ihr nie. Ihr seht den nicht mal von weitem, verstehste?“ Der Polizist sah hinter sich den einen der beiden Türken, die noch benommen, aber unverletzt in einer Ecke am Boden saßen, bewacht von einem Beamten. Der Kerl im Jogginganzug hielt sich sein Handgelenk, als hätte er große Schmerzen.
Freundlich lächelnd beugte sich der Polizist nun zu dem vorlauten Osmanen hinunter und sagte: „Weißt du was? Wir müssen ihn gar nicht kriegen, wir haben ja dich. So wie ich das sehe, hat er nichts getan, außer sich zu verteidigen. Naja, das hat er sehr vehement getan, wie ich zugeben muss, aber schließlich ist niemand ernsthaft verletzt worden. Ihr Früchtchen dagegen habt ganz schön was am Hals: unerlaubter Waffenbesitz, versuchte schwere Körperverletzung vor etlichen Zeugen und so weiter. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ihr keine unbeschriebenen Blätter seid, aber das finden wir dann auf dem Revier heraus. Das wird dem Richter sicher gefallen. Na?“
„Oh Mann, so ein Scheiß!“ Die beiden Kurden sahen sich bedrückt an, während der Polizist nochmals versuchte, das Messer aus dem Holz zu ziehen. Da er sicher sein konnte, dass keine Fingerabdrücke des Unbekannten darauf zu finden waren, nahm er beide Hände und zog mit aller Gewalt am Metallgriff, ohne das Mindeste zu erreichen.
Später würde sich herausstellen, dass die Waffe so fest in der Theke steckte, dass man sie nicht einmal mit Hilfe von Werkzeug entfernen konnte, ohne die Klinge abzubrechen. So ließ man das Messer stecken und hatte von nun an im Pub eine kleine Attraktion zu bieten, denn jedes Mal, wenn ein Gast nach der Bewandtnis des seltsamen Utensils fragte, hatte man eine spannende Geschichte zu erzählen.
So erlangte das englische Pub in der Nähe des Zülpicher Platzes in gewissen Kreisen eine Art Kultstatus, bis ein Brand am Ende der Achtziger Jahre eine Komplettrenovierung notwendig machte und dem Spuk ein Ende bereitete.
CSM 108-1 aber ging nie wieder in diese Kneipe und mied auch das Viertel hier für den Rest seines Aufenthaltes in der Domstadt.

[Fortsetzung folgt ...]

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