... newer stories
Freitag, 8. Dezember 2006
T1.1.17
cymep, 16:50h
[...Fortsetzung des Buches]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 23. Oktober 2030
„Und Sie denken, Sie kriegen das hin?”
„Sehen Sie mich nicht so an. Was muss ich noch tun, um Sie zu überzeugen?“ Karin warf Mahtobu einen säuerlichen Blick zu und blieb an der Tür zum Klassenraum stehen.
„Wir werden sehen. Aber denken Sie daran, ich stehe genau hinter Ihnen, falls Sie auf dumme Gedanken kommen sollten ...“ Er öffnete den Durchgang und ließ sie vorgehen. Die auserwählten Zeitspringer standen in Reih’ und Glied da und warteten auf ihr Eintreffen. Es hatte für Karin den Anschein, dass Mahtobu sie absichtlich hatte ‚antreten’ lassen, um sie nochmals an die militärische Natur ihres Einsatzes zu erinnern.
Sie trat nach vorne und sagte kurz angebunden und mit ernster Miene: „Ich möchte mich von euch verabschieden und euch alles Gute wünschen. Ich weiß, ihr werdet die Mission erfolgreich abschließen. Niemand wird euch dafür danken, aber ihr werdet wissen, dass wir hier in einer für euch möglichen Zukunft euch alles verdanken. Ach ja, noch eine Kleinigkeit.“
Sie zog bewusst langsam und vorsichtig eine kleine Farbfotografie hervor, alt und zerschlissen, aber durchaus noch erkennbar. Aus ihrem Augenwinkel sah sie, wie Mahtobu an der Rückwand der Halle im Halbschatten lehnte und scheinbar zufällig seine Dienstwaffe aus dem Holster an seinem Gürtel gezogen hatte und sie gerade überprüfte, während er gelangweilt auf das Ende ihrer Abschiedsrede zu warten schien.
Bedächtig fuhr sie fort: „Seht euch dies hier bitte genau an. Diese Aufnahme stammt ungefähr aus der Zeit, als ich nach Freiburg gezogen bin und mein Studium begonnen habe. Das war ich damals. Und jetzt meine Bitte ...“
Mahtobu hantierte noch immer mit seiner Pistole. Er hatte das Magazin entnommen, wieder eingeführt und zog jetzt den Schlitten nach hinten, um probeweise eine Patrone in die Kammer zu laden. Er legte großen Wert auf das Funktionieren seiner Ausrüstung, wie jeder wusste. Der Hahn der Waffe blieb nach dem Durchladen gespannt. Versuchsweise visierte er irgendeinen Punkt oberhalb ihrer Schulter an, wie sie bemerkte.
„Ich weiß natürlich nicht, welche Neigungen ihr privat habt, aber von mir lasst ihr gefälligst die Finger.“ Zwei Freiwillige grinsten unverschämt, worauf sie hinzufügte. „Vor allem ihr! Nein, im Ernst, ich möchte wirklich, dass ihr mir aus dem Weg geht oder, wenn es sich nicht vermeiden lässt, den Kontakt mit mir wenigstens minimiert. Okay?“
Die Zeitspringer nickten alle gleichzeitig, worauf sie noch jeden einzelnen der Kandidaten kurz an sich drückte und dann rasch den Raum verließ. Dabei sah sie, wie Mahtobu das Magazin seiner Waffe wieder entnommen hatte und den Schlitten nochmals zurückzog, worauf die geladene Patrone wieder aus der Kammer der Pistole ausgeworfen wurde. Er fing sie geschickt auf und folgte ihr aus dem Klassenzimmer, das jetzt die Jenssens betraten und auf Deutsch riefen: „Ihr Lieben, macht’s gut und viel Erfolg ...“
Draußen beobachtete Karin, wie der schwarze General die Patrone ins Magazin hineindrückte und letzteres in die Pistole einführte. Dann hob er die Augen und sagte mit freundlichem Lächeln: „Braves Mädchen.“
„Nennen Sie mich nicht so“, forderte sie ihn auf und folgte seinem Blick zur Hand, in der sie immer noch das alte Foto von sich als junge Frau hielt. Bevor er fragen konnte, gab sie es ihm zur Ansicht. Irgendwann waren sie trotz aller Diskrepanzen soweit miteinander vertraut geworden, dass manche Dinge nicht mehr ausgesprochen werden mussten.
Er pfiff zwischen den Zähnen hindurch und merkte an: „Ich wette, sie war auch kein braves Mädchen.“
„Das geht Sie nichts an“, entgegnete sie in leicht pikiertem Tonfall. Er sah noch einen weiteren Moment lang auf das hübsche, schmale Gesicht mit der Andeutung der hohen Wangenknochen, den extrem hellbraunen Augen und den schwarzen Haaren, die zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden waren. Ihm kam der Gedanke, dass er sie noch nie ohne diese Frisur gesehen hatte. Sie hatte dafür, dass sie in Mitteleuropa gelebt hatte, einen auffällig dunklen Teint, sodass er vermutete, sie hatte damals etwas nachgeholfen mit der natürlichen Sonnenbräune. Ihre schmalen, aber geschwungenen Lippen waren einen Deut verzogen, so als hätte sie für die Aufnahme lächeln wollen, als hätte sie aber etwas belastet, das dieses Lächeln nicht aufrichtig wirken ließ. Er wollte sie in diesem Augenblick auch nicht weiter mit Fragen bedrängen.
Statt dessen gab er das Bild an sie zurück und bemerkte mit knabenhaftem Grinsen: „Vielleicht sollte ich auch mitspringen ... nur um die Operation zu überwachen.“
„Unterstehen Sie sich!“, schnappte sie aufgebracht, als ihr aufging, was er meinte.
„Sie hätten mich sicher gemocht. Ich war ein schneidiger junger Kerl“, fügte er immer noch grinsend an.
„Ja, aber das ist lange her“, konterte sie trocken. „Was sollte ich mit Ihnen tun in meinem damaligen Alter? Ihnen über die Straße helfen? Außerdem sind Sie nun erst einmal arbeitslos, nachdem die Mission beendet ist, oder sehe ich das falsch?“
„Ein Grund mehr, den Sprung mitzumachen, nicht wahr? Schließlich gibt es nichts, was ich zurücklassen würde.“ Er zwinkerte und machte Anstalten, zum Ausbildungsraum der Klasse zurückzugehen, so als hätte er wirklich vor, seinen absurden Vorschlag in die Tat umzusetzen.
„Und was ist mit ...“, begann sie, brach aber sofort ab und biss sich verlegen auf die Unterlippe.
„Sie wollten etwas anmerken?“ Er grinste immer mehr, konnte sich das Lachen kaum noch verkneifen.
„Ach, nichts. Sie werden für den Wiederaufbau gebraucht, wollte ich sagen.“ Sie fuhr herum und verschwand eilig. Zurück blieb ein nachdenklicher Mahtobu.
[Fortsetzung folgt ...]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 23. Oktober 2030
„Und Sie denken, Sie kriegen das hin?”
„Sehen Sie mich nicht so an. Was muss ich noch tun, um Sie zu überzeugen?“ Karin warf Mahtobu einen säuerlichen Blick zu und blieb an der Tür zum Klassenraum stehen.
„Wir werden sehen. Aber denken Sie daran, ich stehe genau hinter Ihnen, falls Sie auf dumme Gedanken kommen sollten ...“ Er öffnete den Durchgang und ließ sie vorgehen. Die auserwählten Zeitspringer standen in Reih’ und Glied da und warteten auf ihr Eintreffen. Es hatte für Karin den Anschein, dass Mahtobu sie absichtlich hatte ‚antreten’ lassen, um sie nochmals an die militärische Natur ihres Einsatzes zu erinnern.
Sie trat nach vorne und sagte kurz angebunden und mit ernster Miene: „Ich möchte mich von euch verabschieden und euch alles Gute wünschen. Ich weiß, ihr werdet die Mission erfolgreich abschließen. Niemand wird euch dafür danken, aber ihr werdet wissen, dass wir hier in einer für euch möglichen Zukunft euch alles verdanken. Ach ja, noch eine Kleinigkeit.“
Sie zog bewusst langsam und vorsichtig eine kleine Farbfotografie hervor, alt und zerschlissen, aber durchaus noch erkennbar. Aus ihrem Augenwinkel sah sie, wie Mahtobu an der Rückwand der Halle im Halbschatten lehnte und scheinbar zufällig seine Dienstwaffe aus dem Holster an seinem Gürtel gezogen hatte und sie gerade überprüfte, während er gelangweilt auf das Ende ihrer Abschiedsrede zu warten schien.
Bedächtig fuhr sie fort: „Seht euch dies hier bitte genau an. Diese Aufnahme stammt ungefähr aus der Zeit, als ich nach Freiburg gezogen bin und mein Studium begonnen habe. Das war ich damals. Und jetzt meine Bitte ...“
Mahtobu hantierte noch immer mit seiner Pistole. Er hatte das Magazin entnommen, wieder eingeführt und zog jetzt den Schlitten nach hinten, um probeweise eine Patrone in die Kammer zu laden. Er legte großen Wert auf das Funktionieren seiner Ausrüstung, wie jeder wusste. Der Hahn der Waffe blieb nach dem Durchladen gespannt. Versuchsweise visierte er irgendeinen Punkt oberhalb ihrer Schulter an, wie sie bemerkte.
„Ich weiß natürlich nicht, welche Neigungen ihr privat habt, aber von mir lasst ihr gefälligst die Finger.“ Zwei Freiwillige grinsten unverschämt, worauf sie hinzufügte. „Vor allem ihr! Nein, im Ernst, ich möchte wirklich, dass ihr mir aus dem Weg geht oder, wenn es sich nicht vermeiden lässt, den Kontakt mit mir wenigstens minimiert. Okay?“
Die Zeitspringer nickten alle gleichzeitig, worauf sie noch jeden einzelnen der Kandidaten kurz an sich drückte und dann rasch den Raum verließ. Dabei sah sie, wie Mahtobu das Magazin seiner Waffe wieder entnommen hatte und den Schlitten nochmals zurückzog, worauf die geladene Patrone wieder aus der Kammer der Pistole ausgeworfen wurde. Er fing sie geschickt auf und folgte ihr aus dem Klassenzimmer, das jetzt die Jenssens betraten und auf Deutsch riefen: „Ihr Lieben, macht’s gut und viel Erfolg ...“
Draußen beobachtete Karin, wie der schwarze General die Patrone ins Magazin hineindrückte und letzteres in die Pistole einführte. Dann hob er die Augen und sagte mit freundlichem Lächeln: „Braves Mädchen.“
„Nennen Sie mich nicht so“, forderte sie ihn auf und folgte seinem Blick zur Hand, in der sie immer noch das alte Foto von sich als junge Frau hielt. Bevor er fragen konnte, gab sie es ihm zur Ansicht. Irgendwann waren sie trotz aller Diskrepanzen soweit miteinander vertraut geworden, dass manche Dinge nicht mehr ausgesprochen werden mussten.
Er pfiff zwischen den Zähnen hindurch und merkte an: „Ich wette, sie war auch kein braves Mädchen.“
„Das geht Sie nichts an“, entgegnete sie in leicht pikiertem Tonfall. Er sah noch einen weiteren Moment lang auf das hübsche, schmale Gesicht mit der Andeutung der hohen Wangenknochen, den extrem hellbraunen Augen und den schwarzen Haaren, die zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden waren. Ihm kam der Gedanke, dass er sie noch nie ohne diese Frisur gesehen hatte. Sie hatte dafür, dass sie in Mitteleuropa gelebt hatte, einen auffällig dunklen Teint, sodass er vermutete, sie hatte damals etwas nachgeholfen mit der natürlichen Sonnenbräune. Ihre schmalen, aber geschwungenen Lippen waren einen Deut verzogen, so als hätte sie für die Aufnahme lächeln wollen, als hätte sie aber etwas belastet, das dieses Lächeln nicht aufrichtig wirken ließ. Er wollte sie in diesem Augenblick auch nicht weiter mit Fragen bedrängen.
Statt dessen gab er das Bild an sie zurück und bemerkte mit knabenhaftem Grinsen: „Vielleicht sollte ich auch mitspringen ... nur um die Operation zu überwachen.“
„Unterstehen Sie sich!“, schnappte sie aufgebracht, als ihr aufging, was er meinte.
„Sie hätten mich sicher gemocht. Ich war ein schneidiger junger Kerl“, fügte er immer noch grinsend an.
„Ja, aber das ist lange her“, konterte sie trocken. „Was sollte ich mit Ihnen tun in meinem damaligen Alter? Ihnen über die Straße helfen? Außerdem sind Sie nun erst einmal arbeitslos, nachdem die Mission beendet ist, oder sehe ich das falsch?“
„Ein Grund mehr, den Sprung mitzumachen, nicht wahr? Schließlich gibt es nichts, was ich zurücklassen würde.“ Er zwinkerte und machte Anstalten, zum Ausbildungsraum der Klasse zurückzugehen, so als hätte er wirklich vor, seinen absurden Vorschlag in die Tat umzusetzen.
„Und was ist mit ...“, begann sie, brach aber sofort ab und biss sich verlegen auf die Unterlippe.
„Sie wollten etwas anmerken?“ Er grinste immer mehr, konnte sich das Lachen kaum noch verkneifen.
„Ach, nichts. Sie werden für den Wiederaufbau gebraucht, wollte ich sagen.“ Sie fuhr herum und verschwand eilig. Zurück blieb ein nachdenklicher Mahtobu.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
... older stories