... newer stories
Samstag, 9. Dezember 2006
T1.1.18 - Kapitel 5
cymep, 13:05h
[... Fortsetzung des Buches]
- 5 -
Südstadt, Köln, Bundesrepublik Deutschland - 3. Oktober 1985
Die alte Straßenbahn der Linie 6 knirschte bedenklich, als CSM 108-1 am Chlodwigplatz ausstieg und wie immer das letzte Stück seines Weges zu Fuß zurücklegte. Das altertümlich wirkende Severinstor mit seinen mächtigen, runden Zwillingstürmen vermittelte an diesem trüben, regnerischen Nachmittag einen finsteren Eindruck, doch er beachtete es nicht weiter. Ohne zu zögern wandte er sich in Richtung Rhein und ging zwei Blocks den Ubierring hinunter, bevor er in eine Seitenstraße nach rechts einbog. In diesem Viertel befand sich die alte Universität und Fachhochschule der Stadt, wo junge Menschen studierten, die zumeist ein paar Jahre berufstätig gewesen waren und ihren Hochschulabschluss neben der Berufsausbildung auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg erlangt hatten. Nichtsdestotrotz waren auch sie im weitesten Sinne Studenten, hatten zumindest denselben sozialen Status in der Gesellschaft und sahen sich auch als den regulären Absolventen eines Gymnasiums mit Abitur ebenbürtig an, wie er in mehreren interessanten Gesprächen herausgefunden hatte.
Und auch heute war eines der Cafés in der Nähe dieser Hochschule wieder einmal an der Reihe, von ihm besucht zu werden. Bei sich hatte er ein Werk von J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Vor allem in intellektuellen Kreisen kannte nahezu jeder dieses epische, wenn auch schon dreißig Jahre alte Werk über eine Welt der Fabelwesen und Zauberer. Er bestellte einen Milchkaffee und machte sich daran, seine Lektüre zu beginnen, als jemand zur Tür herein kam. Ihm fiel in diesem Moment auf, dass er noch nie ein Namensschild gesehen hatte, das auf die Bezeichnung des hell, aber spartanisch eingerichteten Cafés hinwies. Ihm blieb auch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn unversehens setzten sich zwei Personen zu ihm an den Tisch und sagten wie aus einem Mund: „Hi, Dan.“
„Oh hallo. Wie geht es?“ Schnell überspielte er seine Verblüffung, dass ihn jemand hier wieder erkannte. Es waren zwei junge Studentinnen, die ihn vor zwei Wochen bei seinem letzten Besuch kennen gelernt hatten. Melanie und Sabine waren der alternativen Szene zuzurechnen und hatten ein sehr nonkonformes Erscheinungsbild, was Kleidung und Frisur betraf. Nun, wenn sie auf zerschlissene Pullover und Röcke sowie auf verfilzte, blau und grün gefärbte Haare standen ... wenn er ein Mensch gewesen wäre, hätte er das nicht sehr ansprechend empfunden. Aber er wusste natürlich, dass seine Art Unterprogramm von Geschmack auf eine normale Stilrichtung im Erscheinungsbild abzielte, eben um nicht durch Äußerlichkeiten aufzufallen. Er lief herum, wie das junge Menschen in den Achtziger Jahren hier taten, mit stone-washed Jeanshosen 501, einem beliebigen T-Shirt – seines war dunkelblau – und weißen adidas-Basketballstiefeln mit Klettverschlüssen. So ging er nicht nur als US-Amerikaner durch, sondern zunächst sogar als Einheimischer, da die Pop-Kultur in Deutschland zu dieser Zeit auch schon sehr stark mit derjenigen in den USA gleichgeschaltet war.
Die beiden vor ihm hingegen hörten die aktuellen Songs der Neuen Deutschen Welle und Punkmusik im Radio, wobei das Letztere das Erstere im allgemeinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad allmählich abzulösen begann, auch wenn sich die beiden Stilrichtungen im weitesten Sinne nicht unbedingt ausschlossen. Tendenziell würden seine beiden Bekannten wahrscheinlich in ein paar Monaten mit Irokesenfrisuren, in der Mitte hoch aufgestellten Haarkämmen, an den Seiten kahlrasiert, Büroklammern im Ohrloch sowie schwarzem Lippenstift und Nagellack herumlaufen, um die Gesellschaft im Allgemeinen und ihre Eltern im Besonderen nun mit dieser Mode zu schockieren. CSM 108-1 extrapolierte das Aussehen der Beiden und befand, dass sie momentan ansehnlicher waren.
„Na, was machst du hier?“, fragte Sabine und sah ihn kokett an.
„Ich lese mein Buch. Ist gar nicht sehr einfach auf Deutsch. Viele Gedichte in alte Sprache und Worte, die ich nicht kenne ...“ Entschuldigend deutete er auf den Titel und rückte seine Brille zurecht.
Simone nickte. „Ja, da hast du dir ganz schön was vorgenommen. An der FH studierst du aber nicht, oder? Sag mal, wohnst du hier in der Nähe?“
„Nein, im Belgischen Viertel.“ Er zuckte mit den Achseln.
„So weit weg? Und da kommst du extra hierher, um dich rein zu setzen und zu lesen?“ Sabine sah ihn fragend an, was ihm jetzt wohl unangenehm sein sollte.
„Nun, hier suchen sie mich nicht.“
Die beiden Mädchen brachen in schallendes Gelächter aus. Melanie japste nach Luft und sagte mit Tränen in den Augen: „Oh Mann, das ist echt der Knaller. Nein, jetzt mal ernsthaft.“
„Nur wegen euch“, antwortete er und erntete verdutzte Mienen.
„Ich seh’ schon, aus dem kriegen wir nix raus. Komm, Süße, wir geh’n was bestellen.“ Sabine zog ihre Freundin mit zur Theke, worauf CSM 108-1 sein Buch wegpackte. Zum Lesen würde er nicht mehr kommen, was nun auch nicht mehr nötig war. Wenige Minuten später saßen die beiden Mädchen mit je einer Tasse dampfendem Grüntee wieder bei ihm und löcherten ihn weiter mit Fragen, woraufhin er dazu überging, ihnen von New York zu erzählen und dass er Köln bald verlassen wollte.
„Aber wieso das denn? Ne schönere Stadt findest du doch nicht in Deutschland. Und gerade dann, wenn du studieren willst.“
„Das kann schon sein, aber für mich war es nur zur Gewöhnung. Ich gehe in eine andere Stadt, wo ich noch mehr nette Leute treffe. Es muss gar nicht so groß sein wie Köln.“
„Viel größer geht es auch nicht hier in Deutschland. Die einzigen Städte mit mehr Einwohnern sind Hamburg und München“, gab Melanie zu Bedenken.
„Oh great, Hamburg! Ich werde mir Hamburg ansehen. Ist sicher ein schone Stadt“, begeisterte er sich, seine letzte Aussage bezüglich der Größe der Stadt negierend und so gleich ein Vorurteil der Deutschen über die Wankelmütigkeit vieler US-Amerikaner bestätigend. In Wahrheit würde er direkt nach Freiburg fahren und dort erst einmal ein paar Jahre leben, bevor er sich dem Zielgebiet, der dortigen Universität, nähern würde.
Es begann interessant zu werden.
[Fortsetzung folgt ...]
- 5 -
Südstadt, Köln, Bundesrepublik Deutschland - 3. Oktober 1985
Die alte Straßenbahn der Linie 6 knirschte bedenklich, als CSM 108-1 am Chlodwigplatz ausstieg und wie immer das letzte Stück seines Weges zu Fuß zurücklegte. Das altertümlich wirkende Severinstor mit seinen mächtigen, runden Zwillingstürmen vermittelte an diesem trüben, regnerischen Nachmittag einen finsteren Eindruck, doch er beachtete es nicht weiter. Ohne zu zögern wandte er sich in Richtung Rhein und ging zwei Blocks den Ubierring hinunter, bevor er in eine Seitenstraße nach rechts einbog. In diesem Viertel befand sich die alte Universität und Fachhochschule der Stadt, wo junge Menschen studierten, die zumeist ein paar Jahre berufstätig gewesen waren und ihren Hochschulabschluss neben der Berufsausbildung auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg erlangt hatten. Nichtsdestotrotz waren auch sie im weitesten Sinne Studenten, hatten zumindest denselben sozialen Status in der Gesellschaft und sahen sich auch als den regulären Absolventen eines Gymnasiums mit Abitur ebenbürtig an, wie er in mehreren interessanten Gesprächen herausgefunden hatte.
Und auch heute war eines der Cafés in der Nähe dieser Hochschule wieder einmal an der Reihe, von ihm besucht zu werden. Bei sich hatte er ein Werk von J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Vor allem in intellektuellen Kreisen kannte nahezu jeder dieses epische, wenn auch schon dreißig Jahre alte Werk über eine Welt der Fabelwesen und Zauberer. Er bestellte einen Milchkaffee und machte sich daran, seine Lektüre zu beginnen, als jemand zur Tür herein kam. Ihm fiel in diesem Moment auf, dass er noch nie ein Namensschild gesehen hatte, das auf die Bezeichnung des hell, aber spartanisch eingerichteten Cafés hinwies. Ihm blieb auch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn unversehens setzten sich zwei Personen zu ihm an den Tisch und sagten wie aus einem Mund: „Hi, Dan.“
„Oh hallo. Wie geht es?“ Schnell überspielte er seine Verblüffung, dass ihn jemand hier wieder erkannte. Es waren zwei junge Studentinnen, die ihn vor zwei Wochen bei seinem letzten Besuch kennen gelernt hatten. Melanie und Sabine waren der alternativen Szene zuzurechnen und hatten ein sehr nonkonformes Erscheinungsbild, was Kleidung und Frisur betraf. Nun, wenn sie auf zerschlissene Pullover und Röcke sowie auf verfilzte, blau und grün gefärbte Haare standen ... wenn er ein Mensch gewesen wäre, hätte er das nicht sehr ansprechend empfunden. Aber er wusste natürlich, dass seine Art Unterprogramm von Geschmack auf eine normale Stilrichtung im Erscheinungsbild abzielte, eben um nicht durch Äußerlichkeiten aufzufallen. Er lief herum, wie das junge Menschen in den Achtziger Jahren hier taten, mit stone-washed Jeanshosen 501, einem beliebigen T-Shirt – seines war dunkelblau – und weißen adidas-Basketballstiefeln mit Klettverschlüssen. So ging er nicht nur als US-Amerikaner durch, sondern zunächst sogar als Einheimischer, da die Pop-Kultur in Deutschland zu dieser Zeit auch schon sehr stark mit derjenigen in den USA gleichgeschaltet war.
Die beiden vor ihm hingegen hörten die aktuellen Songs der Neuen Deutschen Welle und Punkmusik im Radio, wobei das Letztere das Erstere im allgemeinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad allmählich abzulösen begann, auch wenn sich die beiden Stilrichtungen im weitesten Sinne nicht unbedingt ausschlossen. Tendenziell würden seine beiden Bekannten wahrscheinlich in ein paar Monaten mit Irokesenfrisuren, in der Mitte hoch aufgestellten Haarkämmen, an den Seiten kahlrasiert, Büroklammern im Ohrloch sowie schwarzem Lippenstift und Nagellack herumlaufen, um die Gesellschaft im Allgemeinen und ihre Eltern im Besonderen nun mit dieser Mode zu schockieren. CSM 108-1 extrapolierte das Aussehen der Beiden und befand, dass sie momentan ansehnlicher waren.
„Na, was machst du hier?“, fragte Sabine und sah ihn kokett an.
„Ich lese mein Buch. Ist gar nicht sehr einfach auf Deutsch. Viele Gedichte in alte Sprache und Worte, die ich nicht kenne ...“ Entschuldigend deutete er auf den Titel und rückte seine Brille zurecht.
Simone nickte. „Ja, da hast du dir ganz schön was vorgenommen. An der FH studierst du aber nicht, oder? Sag mal, wohnst du hier in der Nähe?“
„Nein, im Belgischen Viertel.“ Er zuckte mit den Achseln.
„So weit weg? Und da kommst du extra hierher, um dich rein zu setzen und zu lesen?“ Sabine sah ihn fragend an, was ihm jetzt wohl unangenehm sein sollte.
„Nun, hier suchen sie mich nicht.“
Die beiden Mädchen brachen in schallendes Gelächter aus. Melanie japste nach Luft und sagte mit Tränen in den Augen: „Oh Mann, das ist echt der Knaller. Nein, jetzt mal ernsthaft.“
„Nur wegen euch“, antwortete er und erntete verdutzte Mienen.
„Ich seh’ schon, aus dem kriegen wir nix raus. Komm, Süße, wir geh’n was bestellen.“ Sabine zog ihre Freundin mit zur Theke, worauf CSM 108-1 sein Buch wegpackte. Zum Lesen würde er nicht mehr kommen, was nun auch nicht mehr nötig war. Wenige Minuten später saßen die beiden Mädchen mit je einer Tasse dampfendem Grüntee wieder bei ihm und löcherten ihn weiter mit Fragen, woraufhin er dazu überging, ihnen von New York zu erzählen und dass er Köln bald verlassen wollte.
„Aber wieso das denn? Ne schönere Stadt findest du doch nicht in Deutschland. Und gerade dann, wenn du studieren willst.“
„Das kann schon sein, aber für mich war es nur zur Gewöhnung. Ich gehe in eine andere Stadt, wo ich noch mehr nette Leute treffe. Es muss gar nicht so groß sein wie Köln.“
„Viel größer geht es auch nicht hier in Deutschland. Die einzigen Städte mit mehr Einwohnern sind Hamburg und München“, gab Melanie zu Bedenken.
„Oh great, Hamburg! Ich werde mir Hamburg ansehen. Ist sicher ein schone Stadt“, begeisterte er sich, seine letzte Aussage bezüglich der Größe der Stadt negierend und so gleich ein Vorurteil der Deutschen über die Wankelmütigkeit vieler US-Amerikaner bestätigend. In Wahrheit würde er direkt nach Freiburg fahren und dort erst einmal ein paar Jahre leben, bevor er sich dem Zielgebiet, der dortigen Universität, nähern würde.
Es begann interessant zu werden.
[Fortsetzung folgt ...]
... link (0 Kommentare) ... comment
... older stories