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Sonntag, 10. Dezember 2006
T1.1.19
cymep, 13:20h
[... Fortsetzung des Buches]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 24. Oktober 2030
Ein Klopfen an der Metalltür schreckte Karin auf. Sie hatte in voller Bekleidung auf ihrem Feldbett gelegen und in einem uralten, vergilbten Roman geschmökert, den sie einst irgendwo in den Ruinen gefunden hatte.
Ohne sich zu erheben, rief sie: „Herein!“
Natürlich, das hätte sie sich denken können, fuhr es ihr beim Anblick von Mahtobu durch den Kopf.
„Mon Général! Bitte verzeihen Sie, wenn ich nicht salutiere.“ Das übliche spöttische Lächeln stahl sich unversehens in ihr Gesicht.
„Habe ich schon je Ihren bemerkenswerten Charme erwähnt?“, erwiderte er beim Eintreten, worauf sie nur stumm ihren Kopf schüttelte.
„Dazu bestand auch nie Anlass“, versetzte er daraufhin trocken. „Störe ich Sie gerade?“
„Aber bitte, Sie stören mich doch immer, Wertester. Setzen Sie sich irgendwo.“ Mit unverhohlenem Amüsement sah sie seinen Blick in ihrem kleinen Quartier umherwandern, in dem es außer dem Bett keine Sitzgelegenheit gab.
„Sie müssen ein glühender Beatles-Fan sein, nicht wahr?“ Auch er kam nicht umhin, ihr Grinsen zu erwidern. „Sie wissen aber, wie ‚Norwegian Wood’ endet?“
„Naja, viel Brennbares außer der Matratze und meinen Kleidern werden Sie aber nicht finden.“ Kaum hatte sie das gesagt, überraschte er sie, indem er sich langsam im Schneidersitz auf dem Boden niederließ. „Was tun Sie da?“
„Ihrer Aufforderung nachkommen. Sie vergessen, woher ich stamme. In Ostafrika bedeutet Sitzen seinen Hintern auf eine feste Unterlage pflanzen, ob das nun der Boden oder etwas anderes ist.“ Unverwandt sah er von unten zu ihr auf.
„Ach, kommen Sie schon.“ Sie schwang die Beine herum und setzte sich auf die Bettkante. Dann klopfte sie mit der flachen Hand auf den Rand neben sich und bedeutete ihm, Platz zu nehmen.
„Danke.“ Ein wenig mühselig erhob er sich wieder und nahm ihr Angebot an. „Was lesen Sie da?“
„Ach, nichts Weltbewegendes. Einen billigen alten Liebesroman aus dem letzten Jahrtausend. Viel zu tun habe ich ja nicht mehr.“ Er konnte deutlich die Frustration und Trauer in ihrer Stimme hören und wurde auch ernst.
„Was werden Sie jetzt tun?“, wollte er wissen, worauf sie den Kopf ein wenig hängen ließ und vor sich ins Leere starrte.
„Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll oder wohin ich gehen soll.“
Als er ihre aufkeimende Verzweiflung spürte, nahm er sich ein Herz und umfasste ihre Hand mit den seinen. „Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Auch wenn es im Moment nicht so gut für Sie aussieht, wir werden bestimmt etwas für Sie finden. Da draußen gilt es eine ganze Welt neu aufzubauen. Ich werde Ihnen eine Stelle besorgen, an der Sie auch weiterhin Kinder unterrichten oder auch nur betreuen können, ganz wie Sie wollen.“
„Das würden Sie für mich tun? Nach allem, was zwischen uns vorgefallen war?“ Sie sah ihn fassungslos an.
Er lächelte offen und herzlich. „Wir verdanken Ihnen trotz allem viel, Karin. Die ganze Menschheit steht in Ihrer Schuld, wenn man so möchte. Da werde ich doch nicht zurückstecken und ...“
„Vielen Dank, Henee!“ Auf einmal fiel sie ihm um den Hals und ließ ihrer Erleichterung mit ein paar Freudentränen freien Lauf.
„Ich könnte auch eine Sekretärin brauchen ...“, fuhr er fort, worauf sie ihn abrupt wieder losließ und ihn unverwandt ansah.
„Sie wissen einfach nicht, wann es genug ist, oder?“
„Das war schon immer mein größter Fehler. Hätten sie denn keine Lust, weiterhin mit mir zusammenzuarbeiten?“ Als sie in seine pechschwarzen Augen sah, ging ihr auf, dass er das wirklich ernst meinte.
Ihre Augen wurden wieder wässrig, als sie einwandte: „Ich werde es mir überlegen. Nochmals vielen Dank.“
Er nickte und wechselte unversehens das Thema. „Und? Haben Sie schon zu Abend gegessen? Einige Ihrer ehemaligen Schüler – Sie wissen schon, die Dagebliebenen und früheren Anwärter, die zu anfangs ausgeschieden waren – treffen sich mit den Lehrern in der Messe. Ich dachte mir, Sie würden dem Anlass auch gerne beiwohnen.“
„Natürlich! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Lassen Sie uns gehen.“ Sofort war die Fröhlichkeit wieder in ihr Wesen zurückgekehrt, als sie aufgesprungen war und bereits an der Tür stand.
[Fortsetzung folgt ...]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 24. Oktober 2030
Ein Klopfen an der Metalltür schreckte Karin auf. Sie hatte in voller Bekleidung auf ihrem Feldbett gelegen und in einem uralten, vergilbten Roman geschmökert, den sie einst irgendwo in den Ruinen gefunden hatte.
Ohne sich zu erheben, rief sie: „Herein!“
Natürlich, das hätte sie sich denken können, fuhr es ihr beim Anblick von Mahtobu durch den Kopf.
„Mon Général! Bitte verzeihen Sie, wenn ich nicht salutiere.“ Das übliche spöttische Lächeln stahl sich unversehens in ihr Gesicht.
„Habe ich schon je Ihren bemerkenswerten Charme erwähnt?“, erwiderte er beim Eintreten, worauf sie nur stumm ihren Kopf schüttelte.
„Dazu bestand auch nie Anlass“, versetzte er daraufhin trocken. „Störe ich Sie gerade?“
„Aber bitte, Sie stören mich doch immer, Wertester. Setzen Sie sich irgendwo.“ Mit unverhohlenem Amüsement sah sie seinen Blick in ihrem kleinen Quartier umherwandern, in dem es außer dem Bett keine Sitzgelegenheit gab.
„Sie müssen ein glühender Beatles-Fan sein, nicht wahr?“ Auch er kam nicht umhin, ihr Grinsen zu erwidern. „Sie wissen aber, wie ‚Norwegian Wood’ endet?“
„Naja, viel Brennbares außer der Matratze und meinen Kleidern werden Sie aber nicht finden.“ Kaum hatte sie das gesagt, überraschte er sie, indem er sich langsam im Schneidersitz auf dem Boden niederließ. „Was tun Sie da?“
„Ihrer Aufforderung nachkommen. Sie vergessen, woher ich stamme. In Ostafrika bedeutet Sitzen seinen Hintern auf eine feste Unterlage pflanzen, ob das nun der Boden oder etwas anderes ist.“ Unverwandt sah er von unten zu ihr auf.
„Ach, kommen Sie schon.“ Sie schwang die Beine herum und setzte sich auf die Bettkante. Dann klopfte sie mit der flachen Hand auf den Rand neben sich und bedeutete ihm, Platz zu nehmen.
„Danke.“ Ein wenig mühselig erhob er sich wieder und nahm ihr Angebot an. „Was lesen Sie da?“
„Ach, nichts Weltbewegendes. Einen billigen alten Liebesroman aus dem letzten Jahrtausend. Viel zu tun habe ich ja nicht mehr.“ Er konnte deutlich die Frustration und Trauer in ihrer Stimme hören und wurde auch ernst.
„Was werden Sie jetzt tun?“, wollte er wissen, worauf sie den Kopf ein wenig hängen ließ und vor sich ins Leere starrte.
„Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll oder wohin ich gehen soll.“
Als er ihre aufkeimende Verzweiflung spürte, nahm er sich ein Herz und umfasste ihre Hand mit den seinen. „Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Auch wenn es im Moment nicht so gut für Sie aussieht, wir werden bestimmt etwas für Sie finden. Da draußen gilt es eine ganze Welt neu aufzubauen. Ich werde Ihnen eine Stelle besorgen, an der Sie auch weiterhin Kinder unterrichten oder auch nur betreuen können, ganz wie Sie wollen.“
„Das würden Sie für mich tun? Nach allem, was zwischen uns vorgefallen war?“ Sie sah ihn fassungslos an.
Er lächelte offen und herzlich. „Wir verdanken Ihnen trotz allem viel, Karin. Die ganze Menschheit steht in Ihrer Schuld, wenn man so möchte. Da werde ich doch nicht zurückstecken und ...“
„Vielen Dank, Henee!“ Auf einmal fiel sie ihm um den Hals und ließ ihrer Erleichterung mit ein paar Freudentränen freien Lauf.
„Ich könnte auch eine Sekretärin brauchen ...“, fuhr er fort, worauf sie ihn abrupt wieder losließ und ihn unverwandt ansah.
„Sie wissen einfach nicht, wann es genug ist, oder?“
„Das war schon immer mein größter Fehler. Hätten sie denn keine Lust, weiterhin mit mir zusammenzuarbeiten?“ Als sie in seine pechschwarzen Augen sah, ging ihr auf, dass er das wirklich ernst meinte.
Ihre Augen wurden wieder wässrig, als sie einwandte: „Ich werde es mir überlegen. Nochmals vielen Dank.“
Er nickte und wechselte unversehens das Thema. „Und? Haben Sie schon zu Abend gegessen? Einige Ihrer ehemaligen Schüler – Sie wissen schon, die Dagebliebenen und früheren Anwärter, die zu anfangs ausgeschieden waren – treffen sich mit den Lehrern in der Messe. Ich dachte mir, Sie würden dem Anlass auch gerne beiwohnen.“
„Natürlich! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Lassen Sie uns gehen.“ Sofort war die Fröhlichkeit wieder in ihr Wesen zurückgekehrt, als sie aufgesprungen war und bereits an der Tür stand.
[Fortsetzung folgt ...]
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