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Montag, 11. Dezember 2006
T1.1.20
cymep, 14:59h
[... Fortsetzung des Buches]
‚Belgisches Viertel’ , Köln, Bundesrepublik Deutschland 4. Oktober 1985
CSM 108-1 warf einen Blick aus dem Fenster seines Zimmers. Der Blick aus der Altbauwohnung ging hinaus auf die Brüsseler Straße, an die Stelle, wo die Straße von zwei kleinen Knicken in ihrer geraden Linie unterbrochen wurde. Er sah dadurch im 45-Grad-Winkel auf den kleinen Platz, der mit dieser Aussparung für den netten, von großen Laubbäumen gesäumten Park und der sehr alten, romanischen St. Michael-Kirche geschaffen worden war. Sein Vermieter hatte keinerlei Bedauern gezeigt, als er ihn von seinem Auszug in Kenntnis gesetzt hatte; für eine der seltenen Ein-Zimmer-Apartments mit einem solchen Ausblick in einer derart zentralen Lage hätte so mancher Student einiges gegeben. Der Besitzer konnte das Mietrecht für diese Wohnung praktisch an den Meistbietenden versteigern.
Er wollte heute mit der Verwirklichung seiner Absichten beginnen. Mitten in der Nacht war er fertig mit Packen und übersah erstmals bewusst das Gesamtvolumen seiner Habe. Das führte ihn zum nächsten Schritt: Spazierengehen.
Er ging diverse Autohändler ab und hielt Ausschau nach einem für ihn geeigneten Gefährt. Diesmal würde er das Automobil, welches er zu erwerben gedachte, für eine längere Zeit behalten und wollte daher auch etwas, das mehrere Kriterien erfüllte.
Einerseits musste der Grundanspruch des technischen Konzepts für ihn hochstehend sein. Das hieß, dass er als einzige Motorisierungen einen Reihensechszylinder oder einen Boxermotor akzeptieren würde, die einzigen Motorkonfigurationen, welche von sich aus in punkto Schwingungs- und Vibrationsverhalten, Laufruhe und ‚rundem’ Motorlauf ideal konzipiert waren. Das Modell, welches er suchte, sollte praktisch sein, technisch auf dem Stand der Zeit, einen kraftvollen Antrieb haben, aber ein gewisses Understatement. Man sollte nicht gleich auf den ersten Blick erkennen, dass da ein teures Statussymbol auf vier Rädern angerollt kam.
Damit verkleinerte sich seine Auswahl nach dem Vorbeischlendern bei elf Autohäusern von siebenundfünfzig auf neun mögliche Baureihen von diversen Herstellern. Nach Konsultation von etwa zweihundert Testberichten aus verschiedensten Automagazinen, welche er im Lauf der letzten Monate gelesen hatte, schloss er vier weitere aus. Blieben fünf Autos, die er sich heute bei geöffneten Geschäften näher ansehen, auf Herz und Nieren prüfen und zur Probe fahren würde. Ein Freitag erschien ihm dafür gut geeignet, da sich bei manchen der Händler schon so etwas wie Wochenendstimmung einstellen würde, wenn er sie besuchte.
Mit zufrieden wirkender Miene stellte CSM 108-1 seine Neuerwerbung direkt vor der Haustür seiner Wohnung ins Parkverbot. Es war schon erstaunlich, was man mit Geld alles bei den Menschen bewirken konnte; der Verkäufer hatte es nicht nur fertiggebracht, das Auto wie von ihm verlangt zur Probefahrt bereitzustellen, er hatte sogar noch die Zulassung am selben Tag bewerkstelligt, und zwar mit der von ihm gewünschten Ziffernkombination. Eventuell würde er in Freiburg damit beim Parken eine gewisse Aufmerksamkeit bei aufmerksamen Zeitgenossen erregen, doch wie bei seinem Besuch im Café auf eine nette, gewollte Art, die Zustimmung und Wohlwollen bei den Leuten wachrief und es sogar noch erleichtern konnte, ihn als Individualisten erscheinen zu lassen und mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Mit gewisser Genugtuung besah er sich das Schild nochmals:
K : - FR 7800
Da er seinen Besitz bereits gepackt hatte, musste er nur noch alles ins Auto verladen und konnte dann gleich gen Süden aufbrechen. Wie er errechnet hatte, passte alles in den guten Kubikmeter Stauraum, der sich unter der extrem flach stehenden Heckklappe auftat. Ein letztes Mal sah er sich in dem ruhigen, beschaulichen Viertel um, in dem er die letzten Monate gewohnt hatte. Er musste nach seiner Ankunft in Freiburg zunächst eine neue Unterkunft finden, wobei er darauf achten sollte, dass sie ein wenig außerhalb des Stadtzentrums liegen sollte und ihm die nötige Zurückgezogenheit bot, die er gemäß seinem Auftrag brauchte.
Was ihm mehr und mehr klar wurde, war die Tatsache, dass er eigentlich gar nicht so viel Zeit benötigen würde, um sich einzuleben und die eigentliche Mission für seinen Nachfolger vorzubereiten. Ganz offensichtlich hatte Skynet die Möglichkeiten dieser neuen Generation von Terminatoren erheblich unterschätzt, insbesondere deren Kapazität der CPU, wenn sie auf WRITE-Modus gestellt war. Dieses Elektronengehirn der 880er-Serie lernte erheblich schneller als das der alten 800er und erstellte rasch viele Querverbindungen, wodurch Erfahrungen aufgebaut wurden, Fehler nicht wiederholt und selbst kleinste Details und Nuancen bei der Einfügung in diese Gesellschaft und diesen Zeitrahmen nach und nach perfektioniert wurden. Seinen Begriffen nach hatte er dabei bereits ein Pendant zum menschlichen Bewusstsein entwickelt und sah sich selbst gar nicht mehr so gern als kybernetischen Organismus, viel eher schon würde die Bezeichnung ‚Androide’ zu ihm passen.
Natürlich hatte Skynet auch nie einen Terminator so lange Zeit im WRITE-Modus aktiviert gelassen; aus gutem Grund, wie er jetzt befand. Und noch immer hatte er fast zwölf Jahre des ‚Lebens’ hier vor sich, bis er zurück musste, um die nukleare Apokalypse geschützt in seinem Schlupfwinkel zu überdauern. Er war der objektiven Meinung, dass er mit den Möglichkeiten, die er jetzt schon erworben hatte und mit denen er von Grund auf ausgestattet worden war, höchstens zwei Jahre in Freiburg selbst hätte verbringen müssen. ‚Also habe ich etwa zehn Jahre Freizeit’, dachte er und lächelte verschmitzt. ‚Was fange ich nur mit so viel Freizeit an?’
Vor allem würde er so viel wie möglich erkunden, Freiburg selbst bis in den letzten Winkel, aber auch intensiv das unmittelbare und das weitere Umland. Zu entdecken gab es genug in diesem Winkel von Deutschland. Inwieweit er das benachbarte Ausland besuchen sollte, würde er später entscheiden. In fünf Jahren, wenn der kalte Krieg beendet und die Grenzkontrollen nach Frankreich und in die Schweiz nicht mehr so streng gehandhabt werden würden, konnte er diese Gebiete immer noch näher in Augenschein nehmen.
Ein letztes Mal fuhr er die Brüsseler Straße hinab und bog dann auf die breite Aachener Straße nach rechts ab, die als klassische Ausfallstraße sieben Kilometer weit zweispurig und schnurgerade aus der Stadt hinausführte. Er ließ den Aachener Weiher hinter sich, später das Müngersdorfer Fußballstadion und gelangte dann auf Höhe des Kölner Westkreuzes auf die Bundesautobahn 1 in Richtung Koblenz. Nach mehreren Kilometern Fahrt sah er nochmals nach links zur Rheinmetropole hin. Selbst aus dieser Entfernung von über zehn Kilometern erhoben sich die beiden mächtigen Türme des über siebenhundert Jahre alten Domes majestätisch und unübersehbar über die Stadt. Das einzige Objekt, das noch höher baute, war der Fernsehturm Colonius, der ganz in der Nähe seines ehemaligen Wohnortes beim Kölner Westbahnhof stand.
Das erste Mal, dass CSM 108-1 sich wirklich über die Natur des Menschen gewundert und sie auch ungewollt bewundert hatte, war beim Anblick des Kölner Doms gewesen. Dass die Menschen ohne nennenswerte technische Hilfsmittel vor einer so langen Zeit dieses Meisterwerk an Baukunst quasi für die Ewigkeit zu Ehren eines höheren Wesens errichtet hatten, dessen Existenz nicht einmal ansatzweise schlüssig bewiesen war, überstieg selbst sein Begriffsvermögen. Und das wurde überall auf der Welt so praktiziert, egal welcher Form von Religion gehuldigt wurde. Hier in Deutschland hatte praktisch jede Siedlung ab einer zweistelligen Anzahl an Häusern irgendein Gotteshaus, und mochte es noch so klein und beschaulich sein. Diese Bauwerke erfüllten keinen anderen Zweck als die Anbetung von Gott.
Vielleicht würde er ja eines Tages herausfinden, was die Menschen zu solch irrationalem Handeln antrieb.
Er stellte probeweise das werksseitig installierte Radio ein und suchte einen Sender heraus, der die momentanen Verkehrsbehinderungen auf sämtlichen Autobahnen im Sendegebiet des gewählten Funkhauses in halbstündigen Intervallen durchgab. Dazwischen wurden Musik, Werbung und Nachrichten gesendet. Auf der vierstündigen Fahrt von Köln über Koblenz, Mainz, Speyer, Hockenheim und Karlsruhe nach Freiburg im Breisgau, die er dank des großzügig bemessenen Tanks und seiner gleichmäßigen, vorausschauenden Fahrweise mit einer Tankfüllung und ohne Zwischenhalt bewältigte, hatte er ausgiebig Zeit, über die Dinge nachzudenken, die er sich noch aneignen musste, um noch menschlicher zu werden.
Musik zum Beispiel. Er hatte das Aussehen eines jungen Menschen Anfang Zwanzig, womit eine Reihe von Stilrichtungen für ihn ausschieden, die meist nur von älteren oder sogenannten altmodischen Menschen bevorzugt wurden. Während er die Songs im Radio anhörte, begann er entsprechende Subroutinen dafür zu entwickeln, welche Art der Pop-Musik zur Zeit aktuell war. Dem heutigen Trend folgend, war ein großer Anteil von den Interpreten aus England und den USA geprägt, es gab aber auch eine Musikrichtung, die Neue Deutsche Welle genannt wurde und sich durch unkomplizierte Musik sowie freche, rebellische und meist sozialkritische oder auch spaßbetonte Texte auszeichnete. Damit wollten die jungen Leute in diesem Land ihrem Lebensgefühl Ausdruck verleihen, wenn er das richtig auffasste.
Zwei typische Beispiele dafür waren Melanie und Sabine, seine punkigen Bekanntschaften aus dem Südstadt-Café in Köln, gewesen.
Er war sich sicher, dass er schon das Richtige an Tonträgern finden würde. In Köln hatte er sich bereits ein wenig umgesehen, als ihm erste ‚Gedanken’ in diese Richtung gekommen waren. Zu seinem großen Bedauern würde es noch eine ganze Weile dauern, bis er wenigstens halbwegs akzeptable Qualität bei den Aufnahmen von Musik erhalten würde, da meist noch Schallplatten und Magnetcassetten das Bild in den Geschäften bestimmten. Die ersten kommerziellen CD-Player waren, wenn überhaupt, höchstens in den USA und Japan auf dem Markt. Der einzige funktionierende CD-Player in Europa war wahrscheinlich der, der momentan in der Innenausstattung der sowjetischen Raumstation MIR verbaut wurde.
Er würde einfach abwarten müssen.
[Fortsetzung folgt ...]
‚Belgisches Viertel’ , Köln, Bundesrepublik Deutschland 4. Oktober 1985
CSM 108-1 warf einen Blick aus dem Fenster seines Zimmers. Der Blick aus der Altbauwohnung ging hinaus auf die Brüsseler Straße, an die Stelle, wo die Straße von zwei kleinen Knicken in ihrer geraden Linie unterbrochen wurde. Er sah dadurch im 45-Grad-Winkel auf den kleinen Platz, der mit dieser Aussparung für den netten, von großen Laubbäumen gesäumten Park und der sehr alten, romanischen St. Michael-Kirche geschaffen worden war. Sein Vermieter hatte keinerlei Bedauern gezeigt, als er ihn von seinem Auszug in Kenntnis gesetzt hatte; für eine der seltenen Ein-Zimmer-Apartments mit einem solchen Ausblick in einer derart zentralen Lage hätte so mancher Student einiges gegeben. Der Besitzer konnte das Mietrecht für diese Wohnung praktisch an den Meistbietenden versteigern.
Er wollte heute mit der Verwirklichung seiner Absichten beginnen. Mitten in der Nacht war er fertig mit Packen und übersah erstmals bewusst das Gesamtvolumen seiner Habe. Das führte ihn zum nächsten Schritt: Spazierengehen.
Er ging diverse Autohändler ab und hielt Ausschau nach einem für ihn geeigneten Gefährt. Diesmal würde er das Automobil, welches er zu erwerben gedachte, für eine längere Zeit behalten und wollte daher auch etwas, das mehrere Kriterien erfüllte.
Einerseits musste der Grundanspruch des technischen Konzepts für ihn hochstehend sein. Das hieß, dass er als einzige Motorisierungen einen Reihensechszylinder oder einen Boxermotor akzeptieren würde, die einzigen Motorkonfigurationen, welche von sich aus in punkto Schwingungs- und Vibrationsverhalten, Laufruhe und ‚rundem’ Motorlauf ideal konzipiert waren. Das Modell, welches er suchte, sollte praktisch sein, technisch auf dem Stand der Zeit, einen kraftvollen Antrieb haben, aber ein gewisses Understatement. Man sollte nicht gleich auf den ersten Blick erkennen, dass da ein teures Statussymbol auf vier Rädern angerollt kam.
Damit verkleinerte sich seine Auswahl nach dem Vorbeischlendern bei elf Autohäusern von siebenundfünfzig auf neun mögliche Baureihen von diversen Herstellern. Nach Konsultation von etwa zweihundert Testberichten aus verschiedensten Automagazinen, welche er im Lauf der letzten Monate gelesen hatte, schloss er vier weitere aus. Blieben fünf Autos, die er sich heute bei geöffneten Geschäften näher ansehen, auf Herz und Nieren prüfen und zur Probe fahren würde. Ein Freitag erschien ihm dafür gut geeignet, da sich bei manchen der Händler schon so etwas wie Wochenendstimmung einstellen würde, wenn er sie besuchte.
Mit zufrieden wirkender Miene stellte CSM 108-1 seine Neuerwerbung direkt vor der Haustür seiner Wohnung ins Parkverbot. Es war schon erstaunlich, was man mit Geld alles bei den Menschen bewirken konnte; der Verkäufer hatte es nicht nur fertiggebracht, das Auto wie von ihm verlangt zur Probefahrt bereitzustellen, er hatte sogar noch die Zulassung am selben Tag bewerkstelligt, und zwar mit der von ihm gewünschten Ziffernkombination. Eventuell würde er in Freiburg damit beim Parken eine gewisse Aufmerksamkeit bei aufmerksamen Zeitgenossen erregen, doch wie bei seinem Besuch im Café auf eine nette, gewollte Art, die Zustimmung und Wohlwollen bei den Leuten wachrief und es sogar noch erleichtern konnte, ihn als Individualisten erscheinen zu lassen und mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen.
Mit gewisser Genugtuung besah er sich das Schild nochmals:
K : - FR 7800
Da er seinen Besitz bereits gepackt hatte, musste er nur noch alles ins Auto verladen und konnte dann gleich gen Süden aufbrechen. Wie er errechnet hatte, passte alles in den guten Kubikmeter Stauraum, der sich unter der extrem flach stehenden Heckklappe auftat. Ein letztes Mal sah er sich in dem ruhigen, beschaulichen Viertel um, in dem er die letzten Monate gewohnt hatte. Er musste nach seiner Ankunft in Freiburg zunächst eine neue Unterkunft finden, wobei er darauf achten sollte, dass sie ein wenig außerhalb des Stadtzentrums liegen sollte und ihm die nötige Zurückgezogenheit bot, die er gemäß seinem Auftrag brauchte.
Was ihm mehr und mehr klar wurde, war die Tatsache, dass er eigentlich gar nicht so viel Zeit benötigen würde, um sich einzuleben und die eigentliche Mission für seinen Nachfolger vorzubereiten. Ganz offensichtlich hatte Skynet die Möglichkeiten dieser neuen Generation von Terminatoren erheblich unterschätzt, insbesondere deren Kapazität der CPU, wenn sie auf WRITE-Modus gestellt war. Dieses Elektronengehirn der 880er-Serie lernte erheblich schneller als das der alten 800er und erstellte rasch viele Querverbindungen, wodurch Erfahrungen aufgebaut wurden, Fehler nicht wiederholt und selbst kleinste Details und Nuancen bei der Einfügung in diese Gesellschaft und diesen Zeitrahmen nach und nach perfektioniert wurden. Seinen Begriffen nach hatte er dabei bereits ein Pendant zum menschlichen Bewusstsein entwickelt und sah sich selbst gar nicht mehr so gern als kybernetischen Organismus, viel eher schon würde die Bezeichnung ‚Androide’ zu ihm passen.
Natürlich hatte Skynet auch nie einen Terminator so lange Zeit im WRITE-Modus aktiviert gelassen; aus gutem Grund, wie er jetzt befand. Und noch immer hatte er fast zwölf Jahre des ‚Lebens’ hier vor sich, bis er zurück musste, um die nukleare Apokalypse geschützt in seinem Schlupfwinkel zu überdauern. Er war der objektiven Meinung, dass er mit den Möglichkeiten, die er jetzt schon erworben hatte und mit denen er von Grund auf ausgestattet worden war, höchstens zwei Jahre in Freiburg selbst hätte verbringen müssen. ‚Also habe ich etwa zehn Jahre Freizeit’, dachte er und lächelte verschmitzt. ‚Was fange ich nur mit so viel Freizeit an?’
Vor allem würde er so viel wie möglich erkunden, Freiburg selbst bis in den letzten Winkel, aber auch intensiv das unmittelbare und das weitere Umland. Zu entdecken gab es genug in diesem Winkel von Deutschland. Inwieweit er das benachbarte Ausland besuchen sollte, würde er später entscheiden. In fünf Jahren, wenn der kalte Krieg beendet und die Grenzkontrollen nach Frankreich und in die Schweiz nicht mehr so streng gehandhabt werden würden, konnte er diese Gebiete immer noch näher in Augenschein nehmen.
Ein letztes Mal fuhr er die Brüsseler Straße hinab und bog dann auf die breite Aachener Straße nach rechts ab, die als klassische Ausfallstraße sieben Kilometer weit zweispurig und schnurgerade aus der Stadt hinausführte. Er ließ den Aachener Weiher hinter sich, später das Müngersdorfer Fußballstadion und gelangte dann auf Höhe des Kölner Westkreuzes auf die Bundesautobahn 1 in Richtung Koblenz. Nach mehreren Kilometern Fahrt sah er nochmals nach links zur Rheinmetropole hin. Selbst aus dieser Entfernung von über zehn Kilometern erhoben sich die beiden mächtigen Türme des über siebenhundert Jahre alten Domes majestätisch und unübersehbar über die Stadt. Das einzige Objekt, das noch höher baute, war der Fernsehturm Colonius, der ganz in der Nähe seines ehemaligen Wohnortes beim Kölner Westbahnhof stand.
Das erste Mal, dass CSM 108-1 sich wirklich über die Natur des Menschen gewundert und sie auch ungewollt bewundert hatte, war beim Anblick des Kölner Doms gewesen. Dass die Menschen ohne nennenswerte technische Hilfsmittel vor einer so langen Zeit dieses Meisterwerk an Baukunst quasi für die Ewigkeit zu Ehren eines höheren Wesens errichtet hatten, dessen Existenz nicht einmal ansatzweise schlüssig bewiesen war, überstieg selbst sein Begriffsvermögen. Und das wurde überall auf der Welt so praktiziert, egal welcher Form von Religion gehuldigt wurde. Hier in Deutschland hatte praktisch jede Siedlung ab einer zweistelligen Anzahl an Häusern irgendein Gotteshaus, und mochte es noch so klein und beschaulich sein. Diese Bauwerke erfüllten keinen anderen Zweck als die Anbetung von Gott.
Vielleicht würde er ja eines Tages herausfinden, was die Menschen zu solch irrationalem Handeln antrieb.
Er stellte probeweise das werksseitig installierte Radio ein und suchte einen Sender heraus, der die momentanen Verkehrsbehinderungen auf sämtlichen Autobahnen im Sendegebiet des gewählten Funkhauses in halbstündigen Intervallen durchgab. Dazwischen wurden Musik, Werbung und Nachrichten gesendet. Auf der vierstündigen Fahrt von Köln über Koblenz, Mainz, Speyer, Hockenheim und Karlsruhe nach Freiburg im Breisgau, die er dank des großzügig bemessenen Tanks und seiner gleichmäßigen, vorausschauenden Fahrweise mit einer Tankfüllung und ohne Zwischenhalt bewältigte, hatte er ausgiebig Zeit, über die Dinge nachzudenken, die er sich noch aneignen musste, um noch menschlicher zu werden.
Musik zum Beispiel. Er hatte das Aussehen eines jungen Menschen Anfang Zwanzig, womit eine Reihe von Stilrichtungen für ihn ausschieden, die meist nur von älteren oder sogenannten altmodischen Menschen bevorzugt wurden. Während er die Songs im Radio anhörte, begann er entsprechende Subroutinen dafür zu entwickeln, welche Art der Pop-Musik zur Zeit aktuell war. Dem heutigen Trend folgend, war ein großer Anteil von den Interpreten aus England und den USA geprägt, es gab aber auch eine Musikrichtung, die Neue Deutsche Welle genannt wurde und sich durch unkomplizierte Musik sowie freche, rebellische und meist sozialkritische oder auch spaßbetonte Texte auszeichnete. Damit wollten die jungen Leute in diesem Land ihrem Lebensgefühl Ausdruck verleihen, wenn er das richtig auffasste.
Zwei typische Beispiele dafür waren Melanie und Sabine, seine punkigen Bekanntschaften aus dem Südstadt-Café in Köln, gewesen.
Er war sich sicher, dass er schon das Richtige an Tonträgern finden würde. In Köln hatte er sich bereits ein wenig umgesehen, als ihm erste ‚Gedanken’ in diese Richtung gekommen waren. Zu seinem großen Bedauern würde es noch eine ganze Weile dauern, bis er wenigstens halbwegs akzeptable Qualität bei den Aufnahmen von Musik erhalten würde, da meist noch Schallplatten und Magnetcassetten das Bild in den Geschäften bestimmten. Die ersten kommerziellen CD-Player waren, wenn überhaupt, höchstens in den USA und Japan auf dem Markt. Der einzige funktionierende CD-Player in Europa war wahrscheinlich der, der momentan in der Innenausstattung der sowjetischen Raumstation MIR verbaut wurde.
Er würde einfach abwarten müssen.
[Fortsetzung folgt ...]
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