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Mittwoch, 13. Dezember 2006
T1.1.22
cymep, 11:48h
[... Fortsetzung des Buches]
Herdern, Freiburg im Breisgau, Bundesrepublik Deutschland - 17. Oktober 1985
Seine Wohnung war wirklich traumhaft für menschliche Maßstäbe, das musste sich CSM 108-1 eingestehen. Er hatte tagelang in einem günstigen Hotel mitten in der verwinkelten Altstadt von Freiburg residiert und dabei vierundzwanzig Stunden am Tag Zeitungsanzeigen gewälzt sowie telefonisch und auch persönlich verhandelt. Und wieder öffnete ihm die beifällige Bemerkung ‚Geld spielt keine Rolle’ sämtliche Türen auf dem schon damals hart umkämpften Wohnungsmarkt der südbadischen Metropole. Er hätte mehrere Apartments in der Innenstadt haben können, für die manche Leute alles, aber auch wirklich alles getan hätten.
Seine einzige Beschränkung bei der Wohnungssuche war die notgedrungene Rücksichtnahme seinerseits auf die Nachtruhe der Leute, die er wegen eines Mietangebotes kontaktieren wollte.
In dieser Zeit durchstreifte er – meist zu Fuß – die Innenstadt und die näher gelegenen Ortsteile. In der Nacht fühlte er sich seiner Natur gemäß wohl, die Straßen waren meist wie ausgestorben und er konnte sich in Ruhe jeden Straßenzug ansehen und den Stadtplan, welchen er digital im Gedächtnis gespeichert hatte, auf Aktualität und Richtigkeit überprüfen.
Das Auto benutzte er nachts nicht oft in diesen Tagen, da es auf den verlassenen Straßen immer potentiell auffälliger war zu fahren, als zu Fuß zu gehen. Er machte tatsächlich auch innerhalb einer Woche drei polizeiliche Fahrzeugkontrollen in der Innenstadt und vor dem alten, maroden Backsteingebäude des Hauptbahnhofes aus, die er mit Leichtigkeit umging. Tagsüber, wenn er zu einem Besichtigungstermin musste, nahm er hingegen unbesorgt seinen fahrbaren Untersatz.
So hatte er dann nach mehreren vergeblichen Anläufen im malerischen Stadtteil Herdern, mehrere Kilometer nördlich der Stadtmitte gelegen, eine sehr vielversprechende Immobilie besichtigt, am oberen Ende des Neubergweges in einem relativ neuen Mehrfamilienhaus gelegen. Das Haus war an den steilen Hang der Sonnhalde angeschmiegt und war auf der Vorderseite mit einem kleinen Innenhof und mehreren Garagen im Tiefgeschoss ausgestattet. Seine Wohnung bestand aus zwei hellen Zimmern im ersten Obergeschoss: Wohnzimmer nach Südwesten hinaus mit überdachtem Balkon und einem atemberaubenden Blick auf die Altstadt, Schlafzimmer nach Nordosten und Blick auf die bewaldeten Berge des Schwarzwaldes. Für das, sowie Bad und Einbauküche inklusive Kellerabteil und Garage verlangte der Vermieter eine horrende Summe als Miete, die er aber klaglos akzeptierte. Hier fand er wenn nötig genug Abgeschiedenheit, ohne zu weit weg vom Geschehen zu sein. Eine Buslinie führte am unteren, talwärtigen Ende seiner Straße in Richtung Innenstadt, in knapp zehn Minuten konnte er zu Fuß an der Hauptstraße sein und mit der Straßenbahn in die Stadt gelangen. Selbst zu Fuß waren es nicht mehr als zwanzig Minuten in gemäßigtem Schritttempo bis zur Siegessäule, dem großen Kreisverkehr, der den nördlichen Rand der Altstadt markierte. Eine ideale Ausgangsbasis für ihn, die den fast vierstelligen Betrag für die Warmmiete dieser sechzig Quadratmeter nebst Keller und Garage wert war.
Das eigentliche Problem für ihn war die Beschaffung von gefälschten Angaben über ihn bei den diversen Behörden gewesen. Da das privat genutzte Internet in Mitteleuropa zu diesem Zeitpunkt faktisch noch nicht existent war, hatte er in Köln ins Einwohnermeldeamt einbrechen und sich so Zugang zu einem vernetzten Rechner verschaffen müssen, wo er fiktive Daten über sich, für alle behördlichen Stellen in der Bundesrepublik Deutschland bei Bedarf nachprüfbar, hinterlegt hatte. Er war jetzt der Sohn eines ehemaligen US-Soldaten, der hier stationiert gewesen war und mit seiner Familie nach Beendigung seiner Dienstzeit in die Heimat zurückgezogen war, wobei er hier geblieben war.
Wenn er im Nachhinein an diese nächtliche Aktion dachte, überkam ihn beinahe so etwas wie ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit. Er hatte es eigentlich gar nicht gewollt oder geplant, doch mit einem Mal war die Anweisung dazu in seiner CPU erschienen und hatte ihn dazu gebracht. Das musste Skynet ihm als eine Art ‚schlafender Befehl’ einprogrammiert haben. Ein sehr unangenehmer Gedanke für ihn. Wie viele solcher netter Überraschungen schlummerten noch in seinem elektronischen Unterbewusstsein und lauerten darauf, hervorzubrechen und ihm die Kontrolle über sich selbst zu entziehen?
Ein Mensch könnte angesichts solcher Aussichten leicht paranoid werden. Immerhin war das fast wie eine eingepflanzte Schizophrenie, was ihm da innewohnte. Und was konnte ineffektiver sein und seiner Mission mehr schaden als gestörte Verhaltensweisen an den Tag zu legen?
Aber immerhin war er von der paranoidesten Entität aller Zeiten geschaffen worden – einem Rechner, dessen Daseinszweck es ursprünglich gewesen war, die Gegenseite unaufhörlich zu belauern und deren kleinstes Zucken auf feindseliges Potential hin zu prüfen.
Was für ein Mist ...
[Fortsetzung folgt ...]
Herdern, Freiburg im Breisgau, Bundesrepublik Deutschland - 17. Oktober 1985
Seine Wohnung war wirklich traumhaft für menschliche Maßstäbe, das musste sich CSM 108-1 eingestehen. Er hatte tagelang in einem günstigen Hotel mitten in der verwinkelten Altstadt von Freiburg residiert und dabei vierundzwanzig Stunden am Tag Zeitungsanzeigen gewälzt sowie telefonisch und auch persönlich verhandelt. Und wieder öffnete ihm die beifällige Bemerkung ‚Geld spielt keine Rolle’ sämtliche Türen auf dem schon damals hart umkämpften Wohnungsmarkt der südbadischen Metropole. Er hätte mehrere Apartments in der Innenstadt haben können, für die manche Leute alles, aber auch wirklich alles getan hätten.
Seine einzige Beschränkung bei der Wohnungssuche war die notgedrungene Rücksichtnahme seinerseits auf die Nachtruhe der Leute, die er wegen eines Mietangebotes kontaktieren wollte.
In dieser Zeit durchstreifte er – meist zu Fuß – die Innenstadt und die näher gelegenen Ortsteile. In der Nacht fühlte er sich seiner Natur gemäß wohl, die Straßen waren meist wie ausgestorben und er konnte sich in Ruhe jeden Straßenzug ansehen und den Stadtplan, welchen er digital im Gedächtnis gespeichert hatte, auf Aktualität und Richtigkeit überprüfen.
Das Auto benutzte er nachts nicht oft in diesen Tagen, da es auf den verlassenen Straßen immer potentiell auffälliger war zu fahren, als zu Fuß zu gehen. Er machte tatsächlich auch innerhalb einer Woche drei polizeiliche Fahrzeugkontrollen in der Innenstadt und vor dem alten, maroden Backsteingebäude des Hauptbahnhofes aus, die er mit Leichtigkeit umging. Tagsüber, wenn er zu einem Besichtigungstermin musste, nahm er hingegen unbesorgt seinen fahrbaren Untersatz.
So hatte er dann nach mehreren vergeblichen Anläufen im malerischen Stadtteil Herdern, mehrere Kilometer nördlich der Stadtmitte gelegen, eine sehr vielversprechende Immobilie besichtigt, am oberen Ende des Neubergweges in einem relativ neuen Mehrfamilienhaus gelegen. Das Haus war an den steilen Hang der Sonnhalde angeschmiegt und war auf der Vorderseite mit einem kleinen Innenhof und mehreren Garagen im Tiefgeschoss ausgestattet. Seine Wohnung bestand aus zwei hellen Zimmern im ersten Obergeschoss: Wohnzimmer nach Südwesten hinaus mit überdachtem Balkon und einem atemberaubenden Blick auf die Altstadt, Schlafzimmer nach Nordosten und Blick auf die bewaldeten Berge des Schwarzwaldes. Für das, sowie Bad und Einbauküche inklusive Kellerabteil und Garage verlangte der Vermieter eine horrende Summe als Miete, die er aber klaglos akzeptierte. Hier fand er wenn nötig genug Abgeschiedenheit, ohne zu weit weg vom Geschehen zu sein. Eine Buslinie führte am unteren, talwärtigen Ende seiner Straße in Richtung Innenstadt, in knapp zehn Minuten konnte er zu Fuß an der Hauptstraße sein und mit der Straßenbahn in die Stadt gelangen. Selbst zu Fuß waren es nicht mehr als zwanzig Minuten in gemäßigtem Schritttempo bis zur Siegessäule, dem großen Kreisverkehr, der den nördlichen Rand der Altstadt markierte. Eine ideale Ausgangsbasis für ihn, die den fast vierstelligen Betrag für die Warmmiete dieser sechzig Quadratmeter nebst Keller und Garage wert war.
Das eigentliche Problem für ihn war die Beschaffung von gefälschten Angaben über ihn bei den diversen Behörden gewesen. Da das privat genutzte Internet in Mitteleuropa zu diesem Zeitpunkt faktisch noch nicht existent war, hatte er in Köln ins Einwohnermeldeamt einbrechen und sich so Zugang zu einem vernetzten Rechner verschaffen müssen, wo er fiktive Daten über sich, für alle behördlichen Stellen in der Bundesrepublik Deutschland bei Bedarf nachprüfbar, hinterlegt hatte. Er war jetzt der Sohn eines ehemaligen US-Soldaten, der hier stationiert gewesen war und mit seiner Familie nach Beendigung seiner Dienstzeit in die Heimat zurückgezogen war, wobei er hier geblieben war.
Wenn er im Nachhinein an diese nächtliche Aktion dachte, überkam ihn beinahe so etwas wie ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit. Er hatte es eigentlich gar nicht gewollt oder geplant, doch mit einem Mal war die Anweisung dazu in seiner CPU erschienen und hatte ihn dazu gebracht. Das musste Skynet ihm als eine Art ‚schlafender Befehl’ einprogrammiert haben. Ein sehr unangenehmer Gedanke für ihn. Wie viele solcher netter Überraschungen schlummerten noch in seinem elektronischen Unterbewusstsein und lauerten darauf, hervorzubrechen und ihm die Kontrolle über sich selbst zu entziehen?
Ein Mensch könnte angesichts solcher Aussichten leicht paranoid werden. Immerhin war das fast wie eine eingepflanzte Schizophrenie, was ihm da innewohnte. Und was konnte ineffektiver sein und seiner Mission mehr schaden als gestörte Verhaltensweisen an den Tag zu legen?
Aber immerhin war er von der paranoidesten Entität aller Zeiten geschaffen worden – einem Rechner, dessen Daseinszweck es ursprünglich gewesen war, die Gegenseite unaufhörlich zu belauern und deren kleinstes Zucken auf feindseliges Potential hin zu prüfen.
Was für ein Mist ...
[Fortsetzung folgt ...]
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