Donnerstag, 14. Dezember 2006
T1.1.23
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030

Karin saß allein in der halbdunklen Messe und starrte vor sich hin auf ihren leeren Teller. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie wirklich darüber reden sollte. Es tat noch immer so weh, obwohl es ein halbes Leben zurück lag. Wahrscheinlich lag das daran, dass sie viele ihrer letzten Erinnerungen in der Zeit vor dem Atomkrieg damit verband. Seit dem Niedergang der Menschheit hatte sie emotionell vor sich hin vegetiert und sich nie mehr richtig lebendig gefühlt. Ihr eigenes Leben hatte mit dem Schlag der Maschinen gegen die Menschheit geendet. Sie hatte sich meist nur als leere Hülle gefühlt, die einfach vor sich hin lebte, ohne etwas vor ihrer Umwelt aufzunehmen oder ihr wieder zu geben. Die einzige Ausnahme war ihre Arbeit mit den Kindern gewesen.
Sie hatte sich früher eigentlich nie viel aus Kindern gemacht, doch hier hatte sie eine Aufgabe gefunden. Und sie war immerhin über die Runden gekommen, während sie dem alten Leben nachgetrauert hatte, ohne jemals nach vorne zu sehen.
„Sie sehen schrecklich nachdenklich aus, wenn ich das bemerken darf.“
Sie blickte auf und sah in das alte, wettergegerbte Gesicht des Afrikaners und musste wehmütig lächeln. Sie hatte ihn nicht einmal kommen gehört, obwohl die Schritte seiner Stiefel auf dem Metallboden deutlich vernehmbar gehallt hatten.
„Ja, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Sie wissen ja, wenn man alte schmerzliche Erinnerungen verdrängt ... ich muss mir alles erst wieder zurecht legen. Außerdem, vor dem Krieg lebte man auch nicht so intensiv wie danach. Die Sinne, das Gedächtnis, nichts war so hellwach und empfindlich eingestellt, da man ja nicht rund um die Uhr gegen hochgerüstete Maschinen kämpfen musste.“ Karin lächelte und wies auf den Platz gegenüber.
Er setzte sich mit einem Wasserglas und einem Konzentratriegel in Händen. „Da haben Sie allerdings recht. Ich hatte kurz vor dem Ende des Krieges in der Kommandozentrale einmal Gelegenheit, in einer ruhigen Minute mit dem wohl besten Arzt der Welt kurz zu reden. Und dabei erfuhr ich eine hochinteressante Tatsache. Sie kennen doch bestimmt noch den Ausspruch, dass der Mensch nur etwa zehn Prozent seines geistigen Potentials nutzen würde?“
„Ja, den kannte doch jeder damals“, bestätigte sie und musterte ihn unverwandt.
„Dann passen Sie mal auf: Er hat mir nämlich gesagt, dass die Menschen anhand der drastischen Veränderung ihrer Lebensumstände eine Evolution erfahren haben, dank derer sie heute allgemein über zwanzig Prozent bewusst nutzen können.“
„Sie scherzen!“
„Durchaus nicht. Und meines Wissens sind Sie einer der besten Beweise dafür. Wenn ich daran denke, dass Sie eine Schulklasse in Dingen unterrichtet haben, mit denen Sie sich seit über drei Jahrzehnten nicht mehr beschäftigt und in denen Sie nicht einmal einen Abschluss gemacht haben. Und dann haben Sie sich noch an so viele Details aus der alten Zeit erinnern können, dass Sie den Freiwilligen ein so umfangreiches Bild des Lebens dieser Tage vermitteln konnten, dass sie sicher keine Schwierigkeiten damit haben werden, sich gut einzuleben.“
„Übertreiben Sie doch nicht so! Sie haben die Kinder ja auch weit genug in die Vergangenheit geschickt, dass sie noch genügend Zeit zum Einleben hatten. Oder haben werden? Darüber denke ich lieber nicht nach ...“ Sie winkte ab.
„Gut, dann erzählen Sie doch statt dessen, was Sie so bedrückt.“
Sie sah zur Zimmerdecke hoch und überlegte. „Gut, aber nicht hier. Lassen Sie uns zu mir gehen. Wo soll ich bloß anfangen? Es klingt alles so banal, wenn jemand anderes das hört. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen und gleichzeitig wurde mein Leben gerettet ...“

[Fortsetzung folgt ...]

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