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Samstag, 16. Dezember 2006
T1.1.25
cymep, 01:02h
[... Fortsetzung des Buches]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030
„Sie müssen nicht davon erzählen, wenn Sie es nicht wirklich wollen“, warf Mahtobu ein und sah sie mit einem mitfühlenden Blick an. Er ahnte, dass das, was sie auf dem Herzen hatte und so lange Zeit als seelische Last mit sich herumgeschleppt hatte, zumindest für sie höchst dramatisch und traumatisch gewesen sein musste. Er hoffte, dass sie entgegen seinem Rat doch erzählen würde, was sie so bedrückte.
„Doch, ich habe in den letzten Tagen und Wochen viel darüber nachgedacht. Eigentlich seit das Missionsziel für die Kinder klar wurde. Es ist ein komisches Gefühl, als ob unter der Oberfläche des Bewusstseins etwas lauert, eine Erkenntnis, irgendein Schlüsselerlebnis oder ein Geschehnis, das mir alle Zusammenhänge klarmachen sollte, die ich in meinem früheren Leben nie richtig zuordnen konnte. Ich weiß, das klingt wie eine sehr sachliche Analyse meiner Gefühlswelt, aber ich habe das seltsame Bedürfnis, mir alle Erinnerungen nochmals völlig neu unter diesem Gesichtspunkt vorzunehmen, ohne den störenden Aspekt der Emotion.“ Sie wirkte bei diesem Resümee tatsächlich leicht verstört, so als müsse sie nur alles einmal laut aussprechen, was sie bewegte, um auf die Antworten der Fragen zu kommen, die ihr so zusetzten. Zögerlich setzte sie sich auf den Rand ihres Bettes und starrte vor sich hin in unergründliche Fernen, als sie ihre Erinnerungen sortierte.
„Wo wollen Sie anfangen?“, versuchte er ihr Mut zu machen und zu einem Ansatz zu finden, als er sich langsam neben ihr niederließ.
„Ich glaube dort, wo jeder von uns anfangen würde. Sie wissen schon ...“, meinte sie und starrte weiterhin vor sich ins Leere.
Er musste eingestehen: „Ich fürchte nicht.“
„Aber sicher! Welches war der bedeutendste Tag in unserem Leben, das einschneidendste Erlebnis?“, drängte sie, nicht wahrhaben wollend, dass er wirklich nicht wusste, worauf sie hinaus wollte.
„Sie wollen mit mir über Ihr erstes Mal reden? Jetzt?“ Befremdet sah er sie an.
Sie brauste auf: „So ein Unsinn! Ich rede natürlich vom 29. August 1997! Wovon denn sonst?“
Mahtobu seufzte. „Gnädigste, es wird vielleicht Ihr Vorstellungsvermögen übersteigen, aber dieser Tag war für mich ein Tag wie jeder andere. Nein, warten Sie, das Abendrot war an diesem Abend ganz besonders schön ...“
„Schon gut, ich habe verstanden. Ich weiß ja selbst, dass die Südhalbkugel der Erde in nur geringem Ausmaß vom Atomkrieg betroffen war und es Wochen oder sogar Monate dauerte, bis die Verfinsterung durch die Explosionen und die Brände danach auch bei Ihnen einsetzte.“ Sie machte eine entschuldigende Geste.
„Ach, das war eigentlich zunächst gar nicht so schlimm. Auch die Strahlung hat uns nicht so stark erwischt. Das Übelste waren die Vulkanausbrüche. Schon seit Urzeiten schlafende Magmaherde wurden durch die tausendfachen Detonationen wieder aufgerissen. Das war heftig! Aber ich lenke ab, verzeihen Sie. In Amerika hat es schließlich nicht viel anders ausgesehen damals. Es geht hier schließlich nicht um meine Endzeitanekdoten, sondern um das, was Sie bewegt ...“
„Ja, ich wollte damit beginnen, wie es dazu kam, dass ich den Holocaust überhaupt überlebt habe. Das ist nämlich schon ein Rätsel, wenn nicht gar ein Wunder ...“
[Fortsetzung folgt ...]
Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030
„Sie müssen nicht davon erzählen, wenn Sie es nicht wirklich wollen“, warf Mahtobu ein und sah sie mit einem mitfühlenden Blick an. Er ahnte, dass das, was sie auf dem Herzen hatte und so lange Zeit als seelische Last mit sich herumgeschleppt hatte, zumindest für sie höchst dramatisch und traumatisch gewesen sein musste. Er hoffte, dass sie entgegen seinem Rat doch erzählen würde, was sie so bedrückte.
„Doch, ich habe in den letzten Tagen und Wochen viel darüber nachgedacht. Eigentlich seit das Missionsziel für die Kinder klar wurde. Es ist ein komisches Gefühl, als ob unter der Oberfläche des Bewusstseins etwas lauert, eine Erkenntnis, irgendein Schlüsselerlebnis oder ein Geschehnis, das mir alle Zusammenhänge klarmachen sollte, die ich in meinem früheren Leben nie richtig zuordnen konnte. Ich weiß, das klingt wie eine sehr sachliche Analyse meiner Gefühlswelt, aber ich habe das seltsame Bedürfnis, mir alle Erinnerungen nochmals völlig neu unter diesem Gesichtspunkt vorzunehmen, ohne den störenden Aspekt der Emotion.“ Sie wirkte bei diesem Resümee tatsächlich leicht verstört, so als müsse sie nur alles einmal laut aussprechen, was sie bewegte, um auf die Antworten der Fragen zu kommen, die ihr so zusetzten. Zögerlich setzte sie sich auf den Rand ihres Bettes und starrte vor sich hin in unergründliche Fernen, als sie ihre Erinnerungen sortierte.
„Wo wollen Sie anfangen?“, versuchte er ihr Mut zu machen und zu einem Ansatz zu finden, als er sich langsam neben ihr niederließ.
„Ich glaube dort, wo jeder von uns anfangen würde. Sie wissen schon ...“, meinte sie und starrte weiterhin vor sich ins Leere.
Er musste eingestehen: „Ich fürchte nicht.“
„Aber sicher! Welches war der bedeutendste Tag in unserem Leben, das einschneidendste Erlebnis?“, drängte sie, nicht wahrhaben wollend, dass er wirklich nicht wusste, worauf sie hinaus wollte.
„Sie wollen mit mir über Ihr erstes Mal reden? Jetzt?“ Befremdet sah er sie an.
Sie brauste auf: „So ein Unsinn! Ich rede natürlich vom 29. August 1997! Wovon denn sonst?“
Mahtobu seufzte. „Gnädigste, es wird vielleicht Ihr Vorstellungsvermögen übersteigen, aber dieser Tag war für mich ein Tag wie jeder andere. Nein, warten Sie, das Abendrot war an diesem Abend ganz besonders schön ...“
„Schon gut, ich habe verstanden. Ich weiß ja selbst, dass die Südhalbkugel der Erde in nur geringem Ausmaß vom Atomkrieg betroffen war und es Wochen oder sogar Monate dauerte, bis die Verfinsterung durch die Explosionen und die Brände danach auch bei Ihnen einsetzte.“ Sie machte eine entschuldigende Geste.
„Ach, das war eigentlich zunächst gar nicht so schlimm. Auch die Strahlung hat uns nicht so stark erwischt. Das Übelste waren die Vulkanausbrüche. Schon seit Urzeiten schlafende Magmaherde wurden durch die tausendfachen Detonationen wieder aufgerissen. Das war heftig! Aber ich lenke ab, verzeihen Sie. In Amerika hat es schließlich nicht viel anders ausgesehen damals. Es geht hier schließlich nicht um meine Endzeitanekdoten, sondern um das, was Sie bewegt ...“
„Ja, ich wollte damit beginnen, wie es dazu kam, dass ich den Holocaust überhaupt überlebt habe. Das ist nämlich schon ein Rätsel, wenn nicht gar ein Wunder ...“
[Fortsetzung folgt ...]
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