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Montag, 18. Dezember 2006
T1.1.27 - Kapitel 6
cymep, 04:59h
[... Fortsetzung des Buches]
- 6 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 21. September 1996
CSM 108-1 schlenderte an diesem verregneten Samstagnachmittag durch die Altstadt von Freiburg und überlegte immer wieder, ob sein Vorhaben nicht zu gewagt war. Jedenfalls sprach seine Grundsteuerung nicht negativ darauf an, was sicher der Fall gewesen wäre, wenn er das Missionsparameter, unauffällig zu bleiben, überschritten hätte.
Als die verabredete Stunde gekommen war, hielt er sich auf der großen Hauptachse der Innenstadt, der Kaiser-Joseph-Straße, nördlich und bog kurz vor dem Ende der Fußgängerzone nach links in die Weberstraße ab. Als er die betreffende Hausnummer gefunden hatte, suchte er die Klingeln ab, bis er den ihm im Telefonat genannten Namen ‚Rohwoltt’ zusammen mit einem anderen unleserlich auf einem offensichtlich nachträglich aufgeklebten Papierfetzen fand. Das würde das erste werden, was geändert werden musste, sagte er sich bereits beim Läuten.
„Ja?“ Ein blechernes Knistern in der Haussprechanlage.
Er beugte sich vor, um näher an dem Mikrofon zu sein. „Ich komme wegen des Zimmers.“
„Sehr gut. Dritter Stock, bitte.“ Ein lautes Summen kündigte die Betätigung des Türöffners an, worauf er in den langen, schmalen Hausflur eintrat, dessen linke Hälfte von der Steintreppe nach oben eingenommen wurde. Am hinteren Ende machte er eine cremefarbene Metalltür mit länglichem, schmalem Milchglaseinsatz aus. Als er auf den Holknopf des Aufzugs drückte, fiel ihm das alte Messingschild auf:
1958
Max. 150 kg / 2 Pers
Mehr als zwei Personen würden auch nur schwerlich in der engen Kabine Platz finden, dachte er beim Betreten, wobei er sich des Knirschens der Liftkabel über sich im Schacht wohl gewahr war. Das Limit war schon durch sein eigenes Gewicht erreicht; wenn er mit jemand anderem fahren wollte, würde es erheblich überschritten werden. Nun, ein kleiner Schönheitsfehler.
Fast schon war er soweit, Bedauern darüber zu empfinden, seine Wohnung in Herdern aufgeben zu müssen. Doch leider trat nun die Tatsache, dass er seit über zehn Jahren am gleichen Ort wohnte und dabei praktisch keinen Tag gealtert war, unangenehm zutage.
Er zog ungewollte Aufmerksamkeit auf sich.
Er hatte es nur durch Zufall und seine außerordentlich empfindlichen Audiosensoren im Hausflur erfahren, als er aus seiner Wohnung ins Treppenhaus hinausgetreten war und sich gleichzeitig an der Haustür unten drei seiner Nachbarn im vermeintlichen Flüsterton über ihn unterhalten hatten. Was dort gesagt worden war, hatte vom Unbehagen der Hausbewohner, ihrer beinahe abergläubigen unterschwelligen Furcht und dem Unverständnis über seinen guten Zustand gehandelt. Das hatte zu weiteren Dingen geführt, als sie begonnen hatten, untereinander Informationen auszutauschen, was ihnen sonst noch alles an ihm verdächtig erschienen war. Nun, er sah natürlich noch genauso aus wie am Tag seines Einzuges, das stimmte schon.
Die Konsequenz daraus war ihm klar: Er musste seinen Wohnsitz wohl oder übel wechseln. Da er unter anderem vernommen hatte, dass er seinen argwöhnischen Nachbarn durch die Tatsache aufgefallen war, dass er allein lebte und nie Besuch bekommen hatte, war der nächste logische Schritt, in eine der unzähligen Freiburger Wohngemeinschaften einzuziehen. Seine persönlichen Freiheiten würden dadurch zwar eingeschränkt werden, doch andererseits gab es für einen jungen Studenten Anfang bis Mitte Zwanzig nichts Selbstverständlicheres und Unauffälligeres als diese Form des Wohnens. Er musste nicht einmal mehr einen eigenen Telefonanschluss anmelden oder ein Namensschild an der Türklingel sowie dem Briefkasten anbringen, wenn er nicht unbedingt wollte. Damit war er statistisch gesehen völlig von der Bildfläche verschwunden, nicht nur aus den Computerdateien der Ordnungsämter.
Ja, seit sich das Internet überall etabliert hatte, standen ihm sämtliche Möglichkeiten offen, beliebig Daten zu manipulieren, vor allem natürlich jene, die seine Erfassung betrafen. Für ihn war selbst die brandneue Verschlüsselungstechnik mit 128er-System ein Witz; er benötigte dafür etwa so lange wie ein CRAY-2 Supercomputer zum Knacken eines alten Enigma-Codes der deutschen Marine aus dem Zweiten Weltkrieg. So war es beispielsweise kein Wunder, dass er noch immer die selbe Autonummer aus Köln besaß, ohne jemals größere Scherereien gehabt zu haben. Einem Nachbarn, der sich einmal danach erkundigt hatte, hatte er erklärt, dass die Anmeldung über seinen großen Bruder in Köln lief und der auch der Halter des Fahrzeuges sei, deshalb das rheinländische Schild. Und wie immer war der gute Nachbar ganz gerührt gewesen beim Anblick der Nummernkombination, sodass er versichert habe, er drücke gerne ein Auge zu. Vor allem, da er noch immer die Nummer mit der Abkürzung für Freiburg und der alten Postleitzahl benutzte, obwohl die bereits seit dem ersten Juli 1993 wie in ganz Deutschland durch neue, fünfstellige Zahlen ersetzt worden war. Man war eben nostalgisch.
Das alles ging er nochmals im Geiste durch, während er in der engen, muffigen Liftkabine langsam und ruckelnd nach oben fuhr.
Der dritte Stock war der oberste im Haus, wie er beim Verlassen des Aufzugs feststellte. Eine schmale Treppe führte noch auf den Dachboden hoch, der jedoch nicht bewohnt war, sondern nur als Stauraum diente, wie er sah. Von der Treppe aus gesehen gab es links und rechts zwischen Aufzug und Treppe jeweils eine Wohnungstür aus dunklem, massivem Holz. Die linke stand einen Spalt weit offen.
Kaum hatte er den Flur betreten, da wurde die Tür auch schon aufgerissen. Ein schlanker, sehnig wirkender Mann Mitte zwanzig von etwa einsachtzig Größe streckte ihm seine Hand hin und drückte sie mit erstaunlich festem Griff. Er hatte blaue Augen, dunkelblondes, leicht schütter wirkendes Haar – wohl aus Veranlagung – und markante Züge mit leicht eckig wirkendem Kiefer und Kinn.
„Hallo erst mal. Ich bin Simon. Komm doch rein.“
„Hallo. Daniel.“ Er gab sich bewusst einsilbig und sprach seinen Vornamen auch deutsch aus, um sowenig Informationen wie möglich von sich aus preiszugeben, falls er dieses Angebot nicht annehmen würde. „Eins muss man euch lassen: Auf jeden Fall wohnt ihr zentral.“
„Ja, viel zentraler geht es echt nicht mehr. Ich hoffe nur, dir macht etwas Straßenlärm nichts aus. Das ist einer der unvermeidlichen Nachteile daran.“
„Einer der Nachteile?“, hakte er sofort bei Simons Bemerkung nach. „Und die anderen?“
Am liebsten hätte sich sein Gesprächspartner auf die Zunge gebissen, als ihm aufging, wie amateurhaft er seine Wohnungsbesichtigung begonnen hatte. Für den Umgang mit anderen Menschen schien ihm wohl das eine oder andere Quäntchen Feingefühl zu fehlen, wessen er sich aber durchaus bewusst zu sein schien.
„Jetzt hast du mich aber eiskalt erwischt“, gab er auch gleich zu, „ich habe meiner Mitbewohnerin auch gesagt, sie soll das mit der Wohnungsführung machen, aber sie ist zur Zeit leider nicht da und das Semester beginnt auch erst in einer Woche, da ist ihr Tagesablauf ohnehin ziemlich unvorhersehbar.“
„Am besten sehen wir uns alles erst mal an, oder?“ Er stand nun auf dem Flur, der lange und gerade bis zum entfernten Ende der Wohnung führte und dort in einem integrierten Wandschrank endete, der vom Parkettboden bis zur Decke reichte.
„Natürlich. Bitte entschuldige. Und um es gleich vorneweg zu sagen: Das, was die meisten Leute von vorneherein abschreckt, ist die Grundaufteilung der Wohnung. Für eine WG, in der sich alle gut verstehen, ist’s perfekt, aber wehe, wenn nicht ... ich quatsche zuviel, sieh’s dir selber an.“ Er öffnete die erste Tür rechts. „Das wäre dein Zimmer.“
CSM 108-1 betrat den Raum von etwa vier mal fünf Metern, dessen rechte Ecke neben der Tür eine rechtwinklige Einbuchtung von etwa anderthalb Meter Kantenlänge aufwies. Die Tapeten waren weiß gestrichen und der Boden mit einem hellgrauen Teppich ausgelegt. Eine großzügige Fensterfront von etwa drei auf anderthalb Meter ging nach vorne auf den Friedrichring hinaus
Allerdings war das Zimmer komplett eingerichtet.
„Hier wohnt noch jemand“, bemerkte er nüchtern und trat zum Fenster, um durch die hohen Vorhänge hinaus auf die zweispurige Stadtkernumfahrung zu sehen, auf der gerade herzlich wenig los war. Von hier aus hatte er direkten Ausblick auf die Bronzestatue auf der Spitze der Siegessäule, etwa zwanzig Meter Luftlinie genau vor dem Fenster.
Wenigstens konnte man genau beschreiben, wo man wohnte. Das hier konnte nun wirklich niemand verfehlen.
„Oh, natürlich zieht meine Mitbewohnerin noch bis Ende des Monats aus dem Zimmer aus und in das hintere ein. Wir wohnen selbst erst drei Monate hier und unser dritter Mann hat gerade fertig studiert und an dem Tag gekündigt, als wir einzogen. Das wussten wir aber bereits vorher, sodass wir uns auch gleich auf die Suche nach einem neuen Mitbewohner gemacht haben.“ Etwas verlegen wartete Simon auf eine Reaktion.
„Das hintere Zimmer ist demnach größer und deine Mitbewohnerin steht nicht auf das ständige Fahrgeräusch des Aufzugs aus dem Schacht hier“, resümierte er und klopfte mit der Hand auf die rechteckige Aussparung, dessen Sinn ihm schon beim Betreten des Raumes klargewesen war. „Offenbar weiß sie genau, was sie will.“
Staunend starrte ihn sein Gegenüber an, bis er lächelte und ihm auf die Schulter klopfte. „Keine Angst, mir würde das nichts ausmachen. Jetzt machen wir erst einmal weiter mit der Besichtigungstour und sehen uns den Rest an.“
„Okay.“ Wie betäubt schloss er die Tür hinter sich und öffnete die nächste rechterhand. „Mein Zimmer.“
Halbwegs ordentlich, vollgestopft mit Büchern und Lernmitteln nebst PC-Arbeitsplatz, aber wenig Komfortmöbeln. Genau wie im ersten Zimmer. Seltsam, er hatte immer gedacht, junge Menschen legten Wert auf Gemütlichkeit und originelle Einrichtungsgegenstände in den eigenen vier Wänden, hier war das aber nur im Ansatz vorhanden. Vor allem das Inventar seiner Mitbewohnerin war beinahe spartanisch zu nennen.
Die hinterste der drei rechten Türen offenbarte das noch leerstehende Zimmer, in das die andere Bewohnerin der Wohnung umzuziehen gedachte. Es war ebenso groß wie die beiden anderen, nur dass in seinem Raum eben der Liftschacht einiges an Platz wegnahm und sein Raum auch nicht mit Parkett ausgestattet war wie dieser hier.
„Sie weiß wirklich genau, was sie will.“
„Und auch, was sie nicht will“, murmelte Simon mit bitterem Unterton in der Stimme, was CSM 108-1 sofort zu einer Anzahl an Extrapolationen veranlasste, was er damit gemeint haben könnte. Sein Ergebnis war recht eindeutig, er sprach es jedoch nicht aus, um es sich nicht vorzeitig mit ihm zu verderben.
Die hintere der beiden linksseitigen Türen führte ins Bad, das lang und schmal geschnitten, aber ausreichend groß für Wanne, WC, Waschbecken und eine alte Waschmaschine hinter der Tür war, nebst einigen kleinen Schränkchen und Regalen. Die Kacheln waren hellblau und reichten bis unter die Decke. Für eine Studenten-WG erstaunlich sauber.
„Bisher alles ganz nett. Wo ist der Haken?“, wollte er von Simon wissen.
Der seufzte ergeben, als hätte er schon lange auf diese Frage gewartet. „Der kommt jetzt. Die Küche ... wenn man es so nennen will.“
Er erwartete beim Aufmachen der vorderen rechten Tür alles, nur nicht das, was sich ihm da bot, sodass er für einige Zehntelsekunden erstarrt in der Tür stehenblieb und das Bild vor sich aufnahm.
Es war phantastisch.
Die Küche war riesengroß und komplett mit hellem Linoleumboden ausgelegt. Der eigentliche Küchenbereich, eine recht moderne Einbauküche mit Spülbecken, Geschirrspüler, Kühlschrank, Tiefkühler, Herd, Backofen und vielen an der Wand befestigten Schränken zog sich an der rechten Wand und noch etwa anderthalb Meter an der Außenwand entlang, bis die Fensterfront mit einer Balkontür begann. Links davon schloss sich eine mindestens drei Meter breite Fensterfläche an, die den Raum hell und freundlich machte und bis zur linken Zimmerecke ging. An den freien Wänden standen mehrere Regale, die meisten mit unzähligen Büchern, Heften und Zeitschriften angefüllt, aber auch mit Videos und allerlei kleinerem Zierrat.
Die linke Seite des Raumes wurde von einem gigantischen Esstisch beherrscht, der nicht besonders massiv wirkte, aber auf jeder Seite drei Personen und an den Kopfenden nochmals zweien Platz bot. Über seiner Mitte hing eine niedrige Lampe mit kegelförmigem Glasschirm.
Das wirklich Skurrile war die lilafarbene Ledercouch, die diagonal in der rechten Raumhälfte stand und direkt auf den großen Fernseher gerichtet war, welcher auf der vom Fenster entfernten Ecke der Anrichte der Küche stand. An der Wand gegenüber der Fenster stand außerdem ein weiteres breites Regal, in dem neben unendlich vielen Schallplatten, Musikkassetten und CDs eine moderne HiFi-Stereoanlage mitsamt großen Lautsprecher-Boxen stand. Auf ihn wirkte diese bizarre Integration von Küche und Wohnraum sehr außergewöhnlich, aber vor allem zutiefst amerikanisch.
„Unglaublich. Und diese Wohnung hat noch ein Zimmer frei?“, versuchte er grenzenlose Begeisterung zum Ausdruck zu bringen.
„Naja, es ist eben sehr ungewöhnlich ...“, begann Simon, doch CSM 108-1 hatte bereits die Balkontür geöffnet und war auf den breiten Balkon, der vom Dachrand über ihnen auf ganzer Fläche vom Regen geschützt wurde, hinausgetreten. Er sah hinab auf die Straße und meinte dann: „Am nächsten Ersten kann ich einziehen, richtig?“
„Du willst das Zimmer wirklich nehmen?“, fragte Simon beinahe überrascht.
„Ja, ist doch ...“, er hielt einen Moment lang inne, „ ...witzig hier. Wie viel kostet der Spaß denn?“
„Fünfhundertfünfzig Mark warm für dich, weil du das kleinere Zimmer hast. Die beiden größeren kosten uns jeweils sechshundert.“
„Aha. Wollen wir das mal auf die Quadratmeter umrechnen?“, wollte CSM 108-1 wissen und klopfte Simon lachend auf die Schulter, als er dessen Bestürzung sah. „He, war doch nur Spaß. Ich bin bestimmt kein solcher Pedant, dass ich alles auf den Pfennig genau ausrechnen werde. Außerdem bin ich von uns dreien bestimmt derjenige, der am wenigsten auf die Mark schauen muss. Ich unterschreibe den Sponsorenvertrag also gerne, wenn das Zimmer bis zum Einzugsdatum auch geräumt ist. Ich hoffe, deine Kollegin nimmt das ernst.“
„Bestimmt. Ich rufe sie morgen gleich an. Herzlich willkommen also.“ Er gab ihm nochmals die Hand und schien sich ehrlich zu freuen über den Zuwachs in der Wohngemeinschaft.
„Es ist nett, bei Leuten unterzukommen, die gemeinsame Interessen haben“, bemerkte dieser darauf, was ihm einen fragenden Blick von Simon einbrachte. „Ich hatte im Inserat gelesen, ihr seid Studenten von diversen Naturwissenschaften. Ich fange jetzt mit Mineralogie, Kristallographie und Geochemie an.“
„Das ist ja ein irrer Zufall! Dann werden wir ja sogar gemeinsame Vorlesungen haben. Und hier am Küchentisch gibt es regelmäßige Diskussionsrunden mit Gleichgesinnten, die wir noch von der Abendschule her kennen. Das wird dir sicher gefallen“, erzählte Simon begeistert.
„Ja, hört sich gut an.“ Er nickte zustimmend. „Und kommst du heute Abend auch ins Agar zur Semestereröffnungsparty? Es soll ganz nett werden, hab’ ich gehört.“
„Nein, alles nur das nicht“, wehrte Simon ab. „Mit Disco kann ich gar nichts anfangen.“
„Macht nichts. Ich ruf’ dich noch an wegen dem Vertrag, okay? Und am Ersten stehe ich mit Sack und Pack auf der Matte.“
„Wunderbar. Bis dann“, verabschiedete Simon ihn.
Die Discothek war hart am Rande der Überfüllung. Eine Polizeikontrolle hätte heute Abend jedenfalls nicht stattfinden dürfen bei der Menge an jungen Leuten, die sich im Agar zusammendrängten.
Natasha lehnte sich an der Seite der Tanzfläche auf ihrem Hocker zurück gegen die Wand und strich sich eine Strähne ihres sehr langen, glatten hellbraunen Haares aus dem Gesicht, während sie gleichzeitig die Beine unter ihrem schwarzglänzenden Minikleid übereinander schlug. Dabei beobachtete sie nachdenklich ihre Freundin, die wie meistens mit einer Jeanshose, einer dazu passenden Jacke und dunklem T-Shirt schlicht, aber akzeptabel angezogen war. Wie hypnotisiert starrte diese auf die Mitte der Tanzfläche und konnte ihren Blick nicht abwenden.
„Was hast du denn?“, wollte sie endlich von ihr wissen.
„Siehst du den Typ da vorne? Mittelgroß, dunkle kurze Haare, gedrungene Figur, weißes T-Shirt und Bluejeans ...“
„Der da? Was soll mit ihm sein? Ich finde nichts Tolles an ihm; der sieht doch ganz durchschnittlich aus.“ Dennoch blieb ihr Blick auf ihm haften. Seltsam...
„Trotzdem habe ich das Gefühl, ich kenne ihn irgendwoher.“ Vor etwa zwei Stunden war er die Treppe in das weitläufige Kellergeschoss hinabgekommen, das von der Disco eingenommen wurde. Nachdem er seine Jacke an der Garderobe abgegeben hatte, war er ohne nach rechts oder links zu sehen, direkt auf das große abgesenkte Oval in der Saalmitte zumarschiert, das die Tanzfläche markierte. Die ganze Zeit schon lief diese sonderbare Techno-Musik und er hatte nicht eine Tanzpause eingelegt, um etwas zu trinken, sich auszuruhen oder auf die Toilette zu gehen. Sein Tanzstil war eine Synthese aus den verschiedenen Bewegungsabläufen der nächsten ihn umgebenden Leute, die er studiert hatte; das fiel natürlich keinem auf, weil er eben dadurch so unauffällig war. Aber er schien es sichtlich zu genießen, wie er sich zum hämmernden Bass und den sphärischen Melodien der Trance-Techno-Musik im bunten zuckenden Lichtgewitter der Scheinwerfer und Stroboskope bewegte. Wieder sah sie hinüber und bemerkte plötzlich, dass er zurück sah, ohne erkennbare Gemütsregung.
CSM 108-1 hatte eine Weile gebraucht, um in dem dichten Gedränge zu registrieren, dass er von einer einzelnen Person einer genaueren Beobachtung unterzogen wurde, doch dann waren seine Terminator-Instinkte sofort hellwach und funktionierten mit der gewohnten Effizienz. Das Individuum war weiblich, etwa zweiundzwanzig Jahre alt, etwas über einssechzig und schlank, geschätztes Gewicht gut fünfzig Kilogramm. Als er mit einem schwachen Infrarotanteil heranzoomte, nahm er ihr glattes rabenschwarzes Haar wahr, das ihr locker über die Schultern fiel und ihr schmales Gesicht mit hoch angesetzten Wangenknochen und einem leicht spitzen Kinn umrahmte. Bei diesen Lichtverhältnissen und in seinem monochromatischen Sichtmodus konnte er keine Farben erkennen, doch die Formen ihres Gesichtes nahm er gestochen scharf über den halben Saal hinweg wahr.
Etwas in seinem hochkomplexen Elektronengehirn versuchte einem Impuls folgend eine Identifikation vorzunehmen, fand aber kein positives Ergebnis. Allerdings war etwas in seinen Datenbänken, das ihn veranlasste, Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Ähnlichkeitsvergleiche mit älteren Daten durchzuführen. Dennoch kam er zu keinem Ergebnis. Zu wenig Informationen.
Sie konnte ihm irgendwo in Freiburg auf der Straße begegnet sein, doch daran würde er sich zu einhundert Prozent erinnern können. Und während er noch über diesem Problem brütete, löste sie sich aus ihrer Nische und umrundete die Tanzfläche in Richtung Toiletten.
Als sie zurückkam, hatte er eine strategische Lösung erarbeitet: vorläufigen Rückzug. Der Ort, an dem er getanzt hatte, war verwaist. Die geheimnisvolle Unbekannte seufzte und kehrte zu ihrer Freundin zurück. „Hast du gesehen, wo er hin ist?“
Sie grinste: „Vor dreißig Sekunden die Treppe zum Ausgang hoch. Hat seine Jacke nicht geholt.“
„Was würde ich nur ohne dich machen, Nati“, antwortete sie lachend und drückte ihrer Freundin ein kleines Bussi auf die Wange, dann schob sie sich rasch durch die Menge zur Treppe nach oben. Dort warf sie neben der Kasse einen raschen Blick auf ihren Handrücken, um sich zu vergewissern, ob ihr Eintrittsstempel auch da war. Er war normalerweise nicht sichtbar, sondern nur bei UV-Licht fluoreszierend, und gewährleistete ihren Wiedereintritt.
Was machte sie da nur? Normalerweise war sie diejenige, der die Jungen nachliefen, nicht umgekehrt. Und wenn er jetzt draußen vor ihr stand? Was sollte sie sagen? Sie wusste es nicht.
Sie trat auf die gepflasterte Straße vor dem Agar hinaus, schlang die Arme bei der frischen Herbstluft um ihren Oberkörper und blickte sich um. Rechts von ihr sah sie ihn schemenhaft um die Ecke biegen. Wie im Traum eilte sie ihm nach und bog ihrerseits auf die Kaiser-Joseph-Straße in Richtung Süden ein.
Nun stand sie zehn Meter vor dem Martinstor, neben dem Münster das Wahrzeichen von Freiburg schlechthin. Es stammte noch aus dem Mittelalter und trug beinahe gotische Bauzüge für ein Stadttor, das aus einem steil hochgezogenen, mithin filigran wirkenden Turm und einem direkt rechts daran gebauten Haus bestand, welche zusammen fast die gesamte Straßenbreite einnahmen. Sowohl in dem Turm als auch dem Seitenhaus war ein Tor eingelassen, durch das jeweils eine Straßenbahnschiene führte. Sie nahm sich wie immer einen Moment Zeit, um das schöne, über 60 Meter hohe Bauwerk mit der liebevoll gearbeiteten Turmuhr und den vier Ecktürmchen mit Balustraden oben am extrem steilen Kupferdach mit aufgesetzter Glocke zu bewundern, doch dann hielt sie inne.
Wo war er hin?
Eben noch war er direkt vor ihr gewesen. Und jetzt? Die einzige Möglichkeit, die ihr wahrscheinlich vorkam, war das McDonald’s Fast-Food-Restaurant, das schändlicherweise direkt unter dem Tor in die rechte Häuserfront eingebaut worden war; nur ein weiterer Beweis für die Unverfrorenheit und Gedankenlosigkeit, mit der die amerikanische Subkultur das deutsche Kulturerbe mit Füßen trat. Zaghaft spähte sie durch die breite Glasfront hinein in den Verkaufsbereich, konnte ihn aber nirgends ausmachen, obwohl zu so später Stunde fast nichts mehr los war.
Sie ging durch das rechte Tor, durch das auch der diesseitige Gehweg führte, um den weiteren Straßenverlauf bis hinab zum Dreisamufer zu überblicken. Nichts zu sehen. Ratlos entschloss sie sich, die Suche aufzugeben. Was hatte sie überhaupt zu dieser sinnlosen Aktion veranlasst? Sie erkannte sich selbst nicht mehr, schoss es ihr ärgerlich beim Kehrtmachen durch den Kopf. Als ob gerade sie es nötig hätte ...
Er lehnte im Schatten an der Ecke des Turmes auf der anderen Seite der Straße, wo der Gehweg außen am Turm vorbeiführte, und starrte sie mit unbewegter Miene mit über der Brust verschränkten Armen an.
Wie zum ... war er nur so schnell dorthin gekommen, ohne von ihr gesehen zu werden?
Ihr Unterkiefer klappte fassungslos hinab.
‚Einen tollen Eindruck musst du auf ihn machen, du blöde Ziege’, schoss es ihr durch den Kopf, worauf sie schnell den Mund schloss. Eigentlich sollte ihr das nicht ganz geheuer sein, aber aus einem ihr unverständlichen Grund konnte sie kein Misstrauen ihm gegenüber aufbauen.
Da er keine Anstalten machte, die Straßenseite zu wechseln, ging sie langsam zu ihm und fröstelte unmerklich. War das die Kälte oder er? Da ihr momentan überhaupt nichts einfiel, sagte sie lapidar: „Hallo.“
„Hallo.“ Der Klang seiner Stimme rief irgendeine Erinnerung in ihr hoch, doch sie konnte sie nicht einordnen. Er machte es ihr aber auch nicht leicht mit seiner bewusst einsilbigen Art.
„Schnappst du auch ein bisschen frische Luft?“ Kaum hatte sie das gesagt, hätte sie sich ohrfeigen können. ‚Stell’ dich doch noch dümmer an’, dachte sie, zornig auf sich selbst.
„Man könnte es so nennen. Ich hatte im Agar so ein Gefühl, dass du mich beobachtest, als ob du mich kennen würdest. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dir vorher schon begegnet zu sein. Trotzdem verfolgst du mich offensichtlich. Ich frage mich, warum?“ Noch immer zeigte sein Gesicht keine erkennbare Regung.
Sie stockte, doch dann erzeugten seine Worte die gewohnte Reaktion, als die ihr eigene latente Affektiertheit in ihr Wesen zurückkehrte: „Tja, wenn du besser aussehen würdest, könnte man vermuten, ich wäre dir nachgelaufen.“
„Diese Möglichkeit können wir also ausklammern. Aus reinem Zufall bist du auch nicht bis genau hierher gerannt. Was bleibt uns dann noch?“ Auf diese Antwort wusste sie sich keinen Reim zu machen. Ihre Spitze war völlig wirkungslos an ihm abgeprallt und hatte ihr kein bisschen der Luft verschafft, die sie sich davon erhofft hatte.
„Mann, du bist aber hart im Nehmen. Analysierst du immer alles so genau?“
„Gehört dazu, wenn man das studiert, was ich vorhabe.“ Er wandte sich um und ging am Tor vorbei zurück in Richtung Altstadt.
„Und was wäre das, wenn man fragen darf?“, siegte die Neugier bei ihr.
„Naturwissenschaften“, sagte er kurz angebunden.
„Na also, das muss es sein. Wir haben uns sicher beim Einschreiben gesehen oder so. Ich fange nächste Woche an mit Biochemie, Geochemie und Mineralogie.“ Sie schnippte mit den Fingern.
Er schüttelte im Gehen den Kopf und warf ihr lediglich einen Seitenblick zu. „Nein, das ist es nicht. Obwohl ich auch mit Geochemie und Mineralogie anfange. Wir sehen uns dann sicher mal in der Vorlesung. Ich heiße übrigens Daniel.“ Er sprach den Namen bewusst Deutsch aus.
„Karin.“ Sie streckte ihm die Hand hin, die er nach einigem Zögern nahm. Er starrte sie kurz mit unergründlichem Blick an und wollte dann wissen: „Karin Bochner?“
Wie angewurzelt blieb sie stehen. „Woher kennst du meinen Nachnamen?“
Sein Gesicht wurde nun vollends zu einer undurchdringlichen Maske. „Ach, nur gut geraten. Nein, Spaß beiseite ... du hast recht, wir sind beim Einschreiben wirklich nebeneinander gestanden. Ich muss irgendwie einen Blick auf dein Formular geworfen haben und der Name ist wohl hängengeblieben. Passiert mir ständig, dass ich mir solche Details merke. Das muss es sein.“
Misstrauisch musterte sie ihn und wollte dann wissen: „So? An welchem Tag warst du in der Uni?“
Er schien einen Sekundenbruchteil zu erstarren und antwortete dann: „Das weiß ich nicht mehr genau. Ich hatte so viel zu tun in den letzten Tagen.“
„Aber an meinen Namen auf dem Formular erinnerst du dich noch? Ist schon komisch, nicht wahr?“, schnappte sie, als sie sich dem Eingang des Agar näherten.
„Hast nicht du mich verfolgt? Ich bin hier nicht derjenige, der verhört werden sollte.“ Seine Stimme blieb trotz der Spannung zwischen ihnen ruhig und sachlich, was sie nur noch wütender machte.
„Ich weiß schließlich auch nicht so ohne weiteres deinen Nachnamen“, konterte sie.
„Und bei diesem Stand der Dinge erfährst du ihn von mir ganz bestimmt auch nicht. Wie gesagt, wir sehen uns vielleicht mal in der Vorlesung.“ Er wandte sich dem Türsteher zu und bedeutete ihm, dass er einen Stempel hatte.
„Ja, wird sich wohl nicht vermeiden lassen.“ Auch sie wedelte mit dem Handrücken vor der Nase des bulligen, hochgewachsenen Security-Typs herum. Der trat noch nicht zur Seite, sondern beäugte sie beide noch misstrauisch.
„Ihr zwei Süßen werdet euch doch nicht zoffen, oder?“, wollte er wissen.
„Wir kennen uns gar nicht!“, fuhren ihn beide gleichzeitig an, sahen sich darauf verduzt an und drückten sich dann am Türsteher vorbei. Sie machte eine verbissene Miene, während sein Gesicht wie versteinert wirkte und keine Regung mehr erkennen ließ.
In CSM 108-1 rumorte es hingegen in seiner CPU. Natürlich hätte er sie nach ihrem Namen fragen sollen, anstatt ihn ihr einfach so zu nennen, was die Situation hatte eskalieren lassen. Andererseits hatte er sie sofort wieder erkannt, als sie ihm ihren Vornamen genannt hatte. Ohne dieses Faktum hätte er zwar nie eine Querverbindung herstellen können, doch jetzt im Nachhinein konnte er die Übereinstimmung auf 72,8 % festsetzen. Er hoffte nur, dass ihr Gedächtnis nicht so gut war.
Aber wie konnte sie ihn wieder erkannt haben? Nein, das war nahezu ausgeschlossen. Zu viel Zeit war verstrichen.
Er war beinahe soweit, dass er seinen Vorstoß als misslungenes Experiment aufgeben und wieder in seine ursprüngliche, zurückgezogene Beobachterposition zurückkehren wollte. Wieder einmal hatte er erfahren müssen, dass Dinge schief gehen konnten und unglückliche Verkettungen von Ereignissen, die selbst mit dem leistungsfähigsten elektronischen Rechner der Welt – was zu diesem Zeitpunkt zweifellos seine CPU war – nicht vorausberechenbar waren, auch den ausgeklügeltsten Plan im Nu scheitern lassen konnten.
Aber andererseits sagte er sich, dass er in der Zeit, in der er jetzt in Freiburg verweilt hatte, alles zu seiner Mission Notwendige mindestens zweimal gemacht hatte. Er hatte mit einer Akribie, die jedes menschliche Wesen zur Verzweiflung oder in den schieren Wahnsinn getrieben hätte, in der Innenstadt jede einzelne der malerischen kleinen Gässchen, die Geschäfte, Kaufhäuser, Galerien, Kneipen und Cafés, Restaurants und auch Behörden und Ämter regelrecht erforscht. Dazu hatte er praktisch das gesamte Stadtgebiet sowie alle relevanten Nachbarorte zu Fuß oder mit dem Auto begangen respektive befahren. Des weiteren hatte er auch das Umland bis hinauf nach Karlsruhe, den gesamten mittleren und südlichen Schwarzwald, einen Teil der Nordwestschweiz und auch in begrenztem Umfang das südliche Elsass nicht ausgelassen. Heutzutage war das nicht mehr so schwer, denn der Kalte Krieg war vorüber, die Schweiz nicht mehr ganz so misstrauisch den benachbarten Ausländern gegenüber und die Grenzkontrollen nach Frankreich im Zuge des europäischen Einigungsprozesses mittlerweile nur noch Makulatur.
CSM 108-1 war insbesondere von Basel von Anfang an sehr fasziniert gewesen. Die taktischen und strategischen Gegebenheiten und Möglichkeiten, die diese Stadt aufgrund ihrer Lage und Struktur bot, waren ausgesprochen vielfältig für seinen Betrachtungswinkel. Die zweitgrößte Stadt der Schweiz hatte etwa die Einwohnerzahl Freiburgs, wirkte aber aufgrund ihrer ausgedehnten Agglomeration um einiges größer. Jedenfalls war ihre Infrastruktur aufgrund der größeren Rolle, welche einer Stadt dieser Größe in einem relativ kleinen Land zufiel, um einiges weiterentwickelt als die Freiburgs im Allgemeinen, obwohl auch diese an sich nicht schlecht war. Dazu kam die unmittelbare Nachbarschaft zu Deutschland und Frankreich. Ja, um im Notfall jemanden abhängen zu müssen, war diese Stadt ganz besonders gut geeignet.
Nein, er war so weit gekommen und würde sich jetzt aufgrund eines dummen Zufalls nicht einfach geschlagen geben. Nach wie vor schien ihm die Strategie, als Student noch für ein knappes Jahr in der näheren Umgebung des potentiellen Entdeckers des ZVA-Effektes zu leben und Aufklärung zu betreiben, für die effektivere Ausführung seiner Mission als geeignet. Auch wenn irgendwo in den tiefsten Winkeln seines künstlichen Verstandes ein paar synthetische Synapsen unterschwellig Alarm schlugen angesichts des Zutagetretens des Unwahrscheinlichen. Wie viele Zufälle konnte es noch geben und inwiefern würden sie das Gelingen seiner Mission beeinflussen, beeinträchtigen oder gar gefährden können?
Darauf wusste er natürlich keine Antwort.
[Fortsetzung folgt ...]
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Freiburg im Breisgau, Deutschland - 21. September 1996
CSM 108-1 schlenderte an diesem verregneten Samstagnachmittag durch die Altstadt von Freiburg und überlegte immer wieder, ob sein Vorhaben nicht zu gewagt war. Jedenfalls sprach seine Grundsteuerung nicht negativ darauf an, was sicher der Fall gewesen wäre, wenn er das Missionsparameter, unauffällig zu bleiben, überschritten hätte.
Als die verabredete Stunde gekommen war, hielt er sich auf der großen Hauptachse der Innenstadt, der Kaiser-Joseph-Straße, nördlich und bog kurz vor dem Ende der Fußgängerzone nach links in die Weberstraße ab. Als er die betreffende Hausnummer gefunden hatte, suchte er die Klingeln ab, bis er den ihm im Telefonat genannten Namen ‚Rohwoltt’ zusammen mit einem anderen unleserlich auf einem offensichtlich nachträglich aufgeklebten Papierfetzen fand. Das würde das erste werden, was geändert werden musste, sagte er sich bereits beim Läuten.
„Ja?“ Ein blechernes Knistern in der Haussprechanlage.
Er beugte sich vor, um näher an dem Mikrofon zu sein. „Ich komme wegen des Zimmers.“
„Sehr gut. Dritter Stock, bitte.“ Ein lautes Summen kündigte die Betätigung des Türöffners an, worauf er in den langen, schmalen Hausflur eintrat, dessen linke Hälfte von der Steintreppe nach oben eingenommen wurde. Am hinteren Ende machte er eine cremefarbene Metalltür mit länglichem, schmalem Milchglaseinsatz aus. Als er auf den Holknopf des Aufzugs drückte, fiel ihm das alte Messingschild auf:
1958
Max. 150 kg / 2 Pers
Mehr als zwei Personen würden auch nur schwerlich in der engen Kabine Platz finden, dachte er beim Betreten, wobei er sich des Knirschens der Liftkabel über sich im Schacht wohl gewahr war. Das Limit war schon durch sein eigenes Gewicht erreicht; wenn er mit jemand anderem fahren wollte, würde es erheblich überschritten werden. Nun, ein kleiner Schönheitsfehler.
Fast schon war er soweit, Bedauern darüber zu empfinden, seine Wohnung in Herdern aufgeben zu müssen. Doch leider trat nun die Tatsache, dass er seit über zehn Jahren am gleichen Ort wohnte und dabei praktisch keinen Tag gealtert war, unangenehm zutage.
Er zog ungewollte Aufmerksamkeit auf sich.
Er hatte es nur durch Zufall und seine außerordentlich empfindlichen Audiosensoren im Hausflur erfahren, als er aus seiner Wohnung ins Treppenhaus hinausgetreten war und sich gleichzeitig an der Haustür unten drei seiner Nachbarn im vermeintlichen Flüsterton über ihn unterhalten hatten. Was dort gesagt worden war, hatte vom Unbehagen der Hausbewohner, ihrer beinahe abergläubigen unterschwelligen Furcht und dem Unverständnis über seinen guten Zustand gehandelt. Das hatte zu weiteren Dingen geführt, als sie begonnen hatten, untereinander Informationen auszutauschen, was ihnen sonst noch alles an ihm verdächtig erschienen war. Nun, er sah natürlich noch genauso aus wie am Tag seines Einzuges, das stimmte schon.
Die Konsequenz daraus war ihm klar: Er musste seinen Wohnsitz wohl oder übel wechseln. Da er unter anderem vernommen hatte, dass er seinen argwöhnischen Nachbarn durch die Tatsache aufgefallen war, dass er allein lebte und nie Besuch bekommen hatte, war der nächste logische Schritt, in eine der unzähligen Freiburger Wohngemeinschaften einzuziehen. Seine persönlichen Freiheiten würden dadurch zwar eingeschränkt werden, doch andererseits gab es für einen jungen Studenten Anfang bis Mitte Zwanzig nichts Selbstverständlicheres und Unauffälligeres als diese Form des Wohnens. Er musste nicht einmal mehr einen eigenen Telefonanschluss anmelden oder ein Namensschild an der Türklingel sowie dem Briefkasten anbringen, wenn er nicht unbedingt wollte. Damit war er statistisch gesehen völlig von der Bildfläche verschwunden, nicht nur aus den Computerdateien der Ordnungsämter.
Ja, seit sich das Internet überall etabliert hatte, standen ihm sämtliche Möglichkeiten offen, beliebig Daten zu manipulieren, vor allem natürlich jene, die seine Erfassung betrafen. Für ihn war selbst die brandneue Verschlüsselungstechnik mit 128er-System ein Witz; er benötigte dafür etwa so lange wie ein CRAY-2 Supercomputer zum Knacken eines alten Enigma-Codes der deutschen Marine aus dem Zweiten Weltkrieg. So war es beispielsweise kein Wunder, dass er noch immer die selbe Autonummer aus Köln besaß, ohne jemals größere Scherereien gehabt zu haben. Einem Nachbarn, der sich einmal danach erkundigt hatte, hatte er erklärt, dass die Anmeldung über seinen großen Bruder in Köln lief und der auch der Halter des Fahrzeuges sei, deshalb das rheinländische Schild. Und wie immer war der gute Nachbar ganz gerührt gewesen beim Anblick der Nummernkombination, sodass er versichert habe, er drücke gerne ein Auge zu. Vor allem, da er noch immer die Nummer mit der Abkürzung für Freiburg und der alten Postleitzahl benutzte, obwohl die bereits seit dem ersten Juli 1993 wie in ganz Deutschland durch neue, fünfstellige Zahlen ersetzt worden war. Man war eben nostalgisch.
Das alles ging er nochmals im Geiste durch, während er in der engen, muffigen Liftkabine langsam und ruckelnd nach oben fuhr.
Der dritte Stock war der oberste im Haus, wie er beim Verlassen des Aufzugs feststellte. Eine schmale Treppe führte noch auf den Dachboden hoch, der jedoch nicht bewohnt war, sondern nur als Stauraum diente, wie er sah. Von der Treppe aus gesehen gab es links und rechts zwischen Aufzug und Treppe jeweils eine Wohnungstür aus dunklem, massivem Holz. Die linke stand einen Spalt weit offen.
Kaum hatte er den Flur betreten, da wurde die Tür auch schon aufgerissen. Ein schlanker, sehnig wirkender Mann Mitte zwanzig von etwa einsachtzig Größe streckte ihm seine Hand hin und drückte sie mit erstaunlich festem Griff. Er hatte blaue Augen, dunkelblondes, leicht schütter wirkendes Haar – wohl aus Veranlagung – und markante Züge mit leicht eckig wirkendem Kiefer und Kinn.
„Hallo erst mal. Ich bin Simon. Komm doch rein.“
„Hallo. Daniel.“ Er gab sich bewusst einsilbig und sprach seinen Vornamen auch deutsch aus, um sowenig Informationen wie möglich von sich aus preiszugeben, falls er dieses Angebot nicht annehmen würde. „Eins muss man euch lassen: Auf jeden Fall wohnt ihr zentral.“
„Ja, viel zentraler geht es echt nicht mehr. Ich hoffe nur, dir macht etwas Straßenlärm nichts aus. Das ist einer der unvermeidlichen Nachteile daran.“
„Einer der Nachteile?“, hakte er sofort bei Simons Bemerkung nach. „Und die anderen?“
Am liebsten hätte sich sein Gesprächspartner auf die Zunge gebissen, als ihm aufging, wie amateurhaft er seine Wohnungsbesichtigung begonnen hatte. Für den Umgang mit anderen Menschen schien ihm wohl das eine oder andere Quäntchen Feingefühl zu fehlen, wessen er sich aber durchaus bewusst zu sein schien.
„Jetzt hast du mich aber eiskalt erwischt“, gab er auch gleich zu, „ich habe meiner Mitbewohnerin auch gesagt, sie soll das mit der Wohnungsführung machen, aber sie ist zur Zeit leider nicht da und das Semester beginnt auch erst in einer Woche, da ist ihr Tagesablauf ohnehin ziemlich unvorhersehbar.“
„Am besten sehen wir uns alles erst mal an, oder?“ Er stand nun auf dem Flur, der lange und gerade bis zum entfernten Ende der Wohnung führte und dort in einem integrierten Wandschrank endete, der vom Parkettboden bis zur Decke reichte.
„Natürlich. Bitte entschuldige. Und um es gleich vorneweg zu sagen: Das, was die meisten Leute von vorneherein abschreckt, ist die Grundaufteilung der Wohnung. Für eine WG, in der sich alle gut verstehen, ist’s perfekt, aber wehe, wenn nicht ... ich quatsche zuviel, sieh’s dir selber an.“ Er öffnete die erste Tür rechts. „Das wäre dein Zimmer.“
CSM 108-1 betrat den Raum von etwa vier mal fünf Metern, dessen rechte Ecke neben der Tür eine rechtwinklige Einbuchtung von etwa anderthalb Meter Kantenlänge aufwies. Die Tapeten waren weiß gestrichen und der Boden mit einem hellgrauen Teppich ausgelegt. Eine großzügige Fensterfront von etwa drei auf anderthalb Meter ging nach vorne auf den Friedrichring hinaus
Allerdings war das Zimmer komplett eingerichtet.
„Hier wohnt noch jemand“, bemerkte er nüchtern und trat zum Fenster, um durch die hohen Vorhänge hinaus auf die zweispurige Stadtkernumfahrung zu sehen, auf der gerade herzlich wenig los war. Von hier aus hatte er direkten Ausblick auf die Bronzestatue auf der Spitze der Siegessäule, etwa zwanzig Meter Luftlinie genau vor dem Fenster.
Wenigstens konnte man genau beschreiben, wo man wohnte. Das hier konnte nun wirklich niemand verfehlen.
„Oh, natürlich zieht meine Mitbewohnerin noch bis Ende des Monats aus dem Zimmer aus und in das hintere ein. Wir wohnen selbst erst drei Monate hier und unser dritter Mann hat gerade fertig studiert und an dem Tag gekündigt, als wir einzogen. Das wussten wir aber bereits vorher, sodass wir uns auch gleich auf die Suche nach einem neuen Mitbewohner gemacht haben.“ Etwas verlegen wartete Simon auf eine Reaktion.
„Das hintere Zimmer ist demnach größer und deine Mitbewohnerin steht nicht auf das ständige Fahrgeräusch des Aufzugs aus dem Schacht hier“, resümierte er und klopfte mit der Hand auf die rechteckige Aussparung, dessen Sinn ihm schon beim Betreten des Raumes klargewesen war. „Offenbar weiß sie genau, was sie will.“
Staunend starrte ihn sein Gegenüber an, bis er lächelte und ihm auf die Schulter klopfte. „Keine Angst, mir würde das nichts ausmachen. Jetzt machen wir erst einmal weiter mit der Besichtigungstour und sehen uns den Rest an.“
„Okay.“ Wie betäubt schloss er die Tür hinter sich und öffnete die nächste rechterhand. „Mein Zimmer.“
Halbwegs ordentlich, vollgestopft mit Büchern und Lernmitteln nebst PC-Arbeitsplatz, aber wenig Komfortmöbeln. Genau wie im ersten Zimmer. Seltsam, er hatte immer gedacht, junge Menschen legten Wert auf Gemütlichkeit und originelle Einrichtungsgegenstände in den eigenen vier Wänden, hier war das aber nur im Ansatz vorhanden. Vor allem das Inventar seiner Mitbewohnerin war beinahe spartanisch zu nennen.
Die hinterste der drei rechten Türen offenbarte das noch leerstehende Zimmer, in das die andere Bewohnerin der Wohnung umzuziehen gedachte. Es war ebenso groß wie die beiden anderen, nur dass in seinem Raum eben der Liftschacht einiges an Platz wegnahm und sein Raum auch nicht mit Parkett ausgestattet war wie dieser hier.
„Sie weiß wirklich genau, was sie will.“
„Und auch, was sie nicht will“, murmelte Simon mit bitterem Unterton in der Stimme, was CSM 108-1 sofort zu einer Anzahl an Extrapolationen veranlasste, was er damit gemeint haben könnte. Sein Ergebnis war recht eindeutig, er sprach es jedoch nicht aus, um es sich nicht vorzeitig mit ihm zu verderben.
Die hintere der beiden linksseitigen Türen führte ins Bad, das lang und schmal geschnitten, aber ausreichend groß für Wanne, WC, Waschbecken und eine alte Waschmaschine hinter der Tür war, nebst einigen kleinen Schränkchen und Regalen. Die Kacheln waren hellblau und reichten bis unter die Decke. Für eine Studenten-WG erstaunlich sauber.
„Bisher alles ganz nett. Wo ist der Haken?“, wollte er von Simon wissen.
Der seufzte ergeben, als hätte er schon lange auf diese Frage gewartet. „Der kommt jetzt. Die Küche ... wenn man es so nennen will.“
Er erwartete beim Aufmachen der vorderen rechten Tür alles, nur nicht das, was sich ihm da bot, sodass er für einige Zehntelsekunden erstarrt in der Tür stehenblieb und das Bild vor sich aufnahm.
Es war phantastisch.
Die Küche war riesengroß und komplett mit hellem Linoleumboden ausgelegt. Der eigentliche Küchenbereich, eine recht moderne Einbauküche mit Spülbecken, Geschirrspüler, Kühlschrank, Tiefkühler, Herd, Backofen und vielen an der Wand befestigten Schränken zog sich an der rechten Wand und noch etwa anderthalb Meter an der Außenwand entlang, bis die Fensterfront mit einer Balkontür begann. Links davon schloss sich eine mindestens drei Meter breite Fensterfläche an, die den Raum hell und freundlich machte und bis zur linken Zimmerecke ging. An den freien Wänden standen mehrere Regale, die meisten mit unzähligen Büchern, Heften und Zeitschriften angefüllt, aber auch mit Videos und allerlei kleinerem Zierrat.
Die linke Seite des Raumes wurde von einem gigantischen Esstisch beherrscht, der nicht besonders massiv wirkte, aber auf jeder Seite drei Personen und an den Kopfenden nochmals zweien Platz bot. Über seiner Mitte hing eine niedrige Lampe mit kegelförmigem Glasschirm.
Das wirklich Skurrile war die lilafarbene Ledercouch, die diagonal in der rechten Raumhälfte stand und direkt auf den großen Fernseher gerichtet war, welcher auf der vom Fenster entfernten Ecke der Anrichte der Küche stand. An der Wand gegenüber der Fenster stand außerdem ein weiteres breites Regal, in dem neben unendlich vielen Schallplatten, Musikkassetten und CDs eine moderne HiFi-Stereoanlage mitsamt großen Lautsprecher-Boxen stand. Auf ihn wirkte diese bizarre Integration von Küche und Wohnraum sehr außergewöhnlich, aber vor allem zutiefst amerikanisch.
„Unglaublich. Und diese Wohnung hat noch ein Zimmer frei?“, versuchte er grenzenlose Begeisterung zum Ausdruck zu bringen.
„Naja, es ist eben sehr ungewöhnlich ...“, begann Simon, doch CSM 108-1 hatte bereits die Balkontür geöffnet und war auf den breiten Balkon, der vom Dachrand über ihnen auf ganzer Fläche vom Regen geschützt wurde, hinausgetreten. Er sah hinab auf die Straße und meinte dann: „Am nächsten Ersten kann ich einziehen, richtig?“
„Du willst das Zimmer wirklich nehmen?“, fragte Simon beinahe überrascht.
„Ja, ist doch ...“, er hielt einen Moment lang inne, „ ...witzig hier. Wie viel kostet der Spaß denn?“
„Fünfhundertfünfzig Mark warm für dich, weil du das kleinere Zimmer hast. Die beiden größeren kosten uns jeweils sechshundert.“
„Aha. Wollen wir das mal auf die Quadratmeter umrechnen?“, wollte CSM 108-1 wissen und klopfte Simon lachend auf die Schulter, als er dessen Bestürzung sah. „He, war doch nur Spaß. Ich bin bestimmt kein solcher Pedant, dass ich alles auf den Pfennig genau ausrechnen werde. Außerdem bin ich von uns dreien bestimmt derjenige, der am wenigsten auf die Mark schauen muss. Ich unterschreibe den Sponsorenvertrag also gerne, wenn das Zimmer bis zum Einzugsdatum auch geräumt ist. Ich hoffe, deine Kollegin nimmt das ernst.“
„Bestimmt. Ich rufe sie morgen gleich an. Herzlich willkommen also.“ Er gab ihm nochmals die Hand und schien sich ehrlich zu freuen über den Zuwachs in der Wohngemeinschaft.
„Es ist nett, bei Leuten unterzukommen, die gemeinsame Interessen haben“, bemerkte dieser darauf, was ihm einen fragenden Blick von Simon einbrachte. „Ich hatte im Inserat gelesen, ihr seid Studenten von diversen Naturwissenschaften. Ich fange jetzt mit Mineralogie, Kristallographie und Geochemie an.“
„Das ist ja ein irrer Zufall! Dann werden wir ja sogar gemeinsame Vorlesungen haben. Und hier am Küchentisch gibt es regelmäßige Diskussionsrunden mit Gleichgesinnten, die wir noch von der Abendschule her kennen. Das wird dir sicher gefallen“, erzählte Simon begeistert.
„Ja, hört sich gut an.“ Er nickte zustimmend. „Und kommst du heute Abend auch ins Agar zur Semestereröffnungsparty? Es soll ganz nett werden, hab’ ich gehört.“
„Nein, alles nur das nicht“, wehrte Simon ab. „Mit Disco kann ich gar nichts anfangen.“
„Macht nichts. Ich ruf’ dich noch an wegen dem Vertrag, okay? Und am Ersten stehe ich mit Sack und Pack auf der Matte.“
„Wunderbar. Bis dann“, verabschiedete Simon ihn.
Die Discothek war hart am Rande der Überfüllung. Eine Polizeikontrolle hätte heute Abend jedenfalls nicht stattfinden dürfen bei der Menge an jungen Leuten, die sich im Agar zusammendrängten.
Natasha lehnte sich an der Seite der Tanzfläche auf ihrem Hocker zurück gegen die Wand und strich sich eine Strähne ihres sehr langen, glatten hellbraunen Haares aus dem Gesicht, während sie gleichzeitig die Beine unter ihrem schwarzglänzenden Minikleid übereinander schlug. Dabei beobachtete sie nachdenklich ihre Freundin, die wie meistens mit einer Jeanshose, einer dazu passenden Jacke und dunklem T-Shirt schlicht, aber akzeptabel angezogen war. Wie hypnotisiert starrte diese auf die Mitte der Tanzfläche und konnte ihren Blick nicht abwenden.
„Was hast du denn?“, wollte sie endlich von ihr wissen.
„Siehst du den Typ da vorne? Mittelgroß, dunkle kurze Haare, gedrungene Figur, weißes T-Shirt und Bluejeans ...“
„Der da? Was soll mit ihm sein? Ich finde nichts Tolles an ihm; der sieht doch ganz durchschnittlich aus.“ Dennoch blieb ihr Blick auf ihm haften. Seltsam...
„Trotzdem habe ich das Gefühl, ich kenne ihn irgendwoher.“ Vor etwa zwei Stunden war er die Treppe in das weitläufige Kellergeschoss hinabgekommen, das von der Disco eingenommen wurde. Nachdem er seine Jacke an der Garderobe abgegeben hatte, war er ohne nach rechts oder links zu sehen, direkt auf das große abgesenkte Oval in der Saalmitte zumarschiert, das die Tanzfläche markierte. Die ganze Zeit schon lief diese sonderbare Techno-Musik und er hatte nicht eine Tanzpause eingelegt, um etwas zu trinken, sich auszuruhen oder auf die Toilette zu gehen. Sein Tanzstil war eine Synthese aus den verschiedenen Bewegungsabläufen der nächsten ihn umgebenden Leute, die er studiert hatte; das fiel natürlich keinem auf, weil er eben dadurch so unauffällig war. Aber er schien es sichtlich zu genießen, wie er sich zum hämmernden Bass und den sphärischen Melodien der Trance-Techno-Musik im bunten zuckenden Lichtgewitter der Scheinwerfer und Stroboskope bewegte. Wieder sah sie hinüber und bemerkte plötzlich, dass er zurück sah, ohne erkennbare Gemütsregung.
CSM 108-1 hatte eine Weile gebraucht, um in dem dichten Gedränge zu registrieren, dass er von einer einzelnen Person einer genaueren Beobachtung unterzogen wurde, doch dann waren seine Terminator-Instinkte sofort hellwach und funktionierten mit der gewohnten Effizienz. Das Individuum war weiblich, etwa zweiundzwanzig Jahre alt, etwas über einssechzig und schlank, geschätztes Gewicht gut fünfzig Kilogramm. Als er mit einem schwachen Infrarotanteil heranzoomte, nahm er ihr glattes rabenschwarzes Haar wahr, das ihr locker über die Schultern fiel und ihr schmales Gesicht mit hoch angesetzten Wangenknochen und einem leicht spitzen Kinn umrahmte. Bei diesen Lichtverhältnissen und in seinem monochromatischen Sichtmodus konnte er keine Farben erkennen, doch die Formen ihres Gesichtes nahm er gestochen scharf über den halben Saal hinweg wahr.
Etwas in seinem hochkomplexen Elektronengehirn versuchte einem Impuls folgend eine Identifikation vorzunehmen, fand aber kein positives Ergebnis. Allerdings war etwas in seinen Datenbänken, das ihn veranlasste, Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Ähnlichkeitsvergleiche mit älteren Daten durchzuführen. Dennoch kam er zu keinem Ergebnis. Zu wenig Informationen.
Sie konnte ihm irgendwo in Freiburg auf der Straße begegnet sein, doch daran würde er sich zu einhundert Prozent erinnern können. Und während er noch über diesem Problem brütete, löste sie sich aus ihrer Nische und umrundete die Tanzfläche in Richtung Toiletten.
Als sie zurückkam, hatte er eine strategische Lösung erarbeitet: vorläufigen Rückzug. Der Ort, an dem er getanzt hatte, war verwaist. Die geheimnisvolle Unbekannte seufzte und kehrte zu ihrer Freundin zurück. „Hast du gesehen, wo er hin ist?“
Sie grinste: „Vor dreißig Sekunden die Treppe zum Ausgang hoch. Hat seine Jacke nicht geholt.“
„Was würde ich nur ohne dich machen, Nati“, antwortete sie lachend und drückte ihrer Freundin ein kleines Bussi auf die Wange, dann schob sie sich rasch durch die Menge zur Treppe nach oben. Dort warf sie neben der Kasse einen raschen Blick auf ihren Handrücken, um sich zu vergewissern, ob ihr Eintrittsstempel auch da war. Er war normalerweise nicht sichtbar, sondern nur bei UV-Licht fluoreszierend, und gewährleistete ihren Wiedereintritt.
Was machte sie da nur? Normalerweise war sie diejenige, der die Jungen nachliefen, nicht umgekehrt. Und wenn er jetzt draußen vor ihr stand? Was sollte sie sagen? Sie wusste es nicht.
Sie trat auf die gepflasterte Straße vor dem Agar hinaus, schlang die Arme bei der frischen Herbstluft um ihren Oberkörper und blickte sich um. Rechts von ihr sah sie ihn schemenhaft um die Ecke biegen. Wie im Traum eilte sie ihm nach und bog ihrerseits auf die Kaiser-Joseph-Straße in Richtung Süden ein.
Nun stand sie zehn Meter vor dem Martinstor, neben dem Münster das Wahrzeichen von Freiburg schlechthin. Es stammte noch aus dem Mittelalter und trug beinahe gotische Bauzüge für ein Stadttor, das aus einem steil hochgezogenen, mithin filigran wirkenden Turm und einem direkt rechts daran gebauten Haus bestand, welche zusammen fast die gesamte Straßenbreite einnahmen. Sowohl in dem Turm als auch dem Seitenhaus war ein Tor eingelassen, durch das jeweils eine Straßenbahnschiene führte. Sie nahm sich wie immer einen Moment Zeit, um das schöne, über 60 Meter hohe Bauwerk mit der liebevoll gearbeiteten Turmuhr und den vier Ecktürmchen mit Balustraden oben am extrem steilen Kupferdach mit aufgesetzter Glocke zu bewundern, doch dann hielt sie inne.
Wo war er hin?
Eben noch war er direkt vor ihr gewesen. Und jetzt? Die einzige Möglichkeit, die ihr wahrscheinlich vorkam, war das McDonald’s Fast-Food-Restaurant, das schändlicherweise direkt unter dem Tor in die rechte Häuserfront eingebaut worden war; nur ein weiterer Beweis für die Unverfrorenheit und Gedankenlosigkeit, mit der die amerikanische Subkultur das deutsche Kulturerbe mit Füßen trat. Zaghaft spähte sie durch die breite Glasfront hinein in den Verkaufsbereich, konnte ihn aber nirgends ausmachen, obwohl zu so später Stunde fast nichts mehr los war.
Sie ging durch das rechte Tor, durch das auch der diesseitige Gehweg führte, um den weiteren Straßenverlauf bis hinab zum Dreisamufer zu überblicken. Nichts zu sehen. Ratlos entschloss sie sich, die Suche aufzugeben. Was hatte sie überhaupt zu dieser sinnlosen Aktion veranlasst? Sie erkannte sich selbst nicht mehr, schoss es ihr ärgerlich beim Kehrtmachen durch den Kopf. Als ob gerade sie es nötig hätte ...
Er lehnte im Schatten an der Ecke des Turmes auf der anderen Seite der Straße, wo der Gehweg außen am Turm vorbeiführte, und starrte sie mit unbewegter Miene mit über der Brust verschränkten Armen an.
Wie zum ... war er nur so schnell dorthin gekommen, ohne von ihr gesehen zu werden?
Ihr Unterkiefer klappte fassungslos hinab.
‚Einen tollen Eindruck musst du auf ihn machen, du blöde Ziege’, schoss es ihr durch den Kopf, worauf sie schnell den Mund schloss. Eigentlich sollte ihr das nicht ganz geheuer sein, aber aus einem ihr unverständlichen Grund konnte sie kein Misstrauen ihm gegenüber aufbauen.
Da er keine Anstalten machte, die Straßenseite zu wechseln, ging sie langsam zu ihm und fröstelte unmerklich. War das die Kälte oder er? Da ihr momentan überhaupt nichts einfiel, sagte sie lapidar: „Hallo.“
„Hallo.“ Der Klang seiner Stimme rief irgendeine Erinnerung in ihr hoch, doch sie konnte sie nicht einordnen. Er machte es ihr aber auch nicht leicht mit seiner bewusst einsilbigen Art.
„Schnappst du auch ein bisschen frische Luft?“ Kaum hatte sie das gesagt, hätte sie sich ohrfeigen können. ‚Stell’ dich doch noch dümmer an’, dachte sie, zornig auf sich selbst.
„Man könnte es so nennen. Ich hatte im Agar so ein Gefühl, dass du mich beobachtest, als ob du mich kennen würdest. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dir vorher schon begegnet zu sein. Trotzdem verfolgst du mich offensichtlich. Ich frage mich, warum?“ Noch immer zeigte sein Gesicht keine erkennbare Regung.
Sie stockte, doch dann erzeugten seine Worte die gewohnte Reaktion, als die ihr eigene latente Affektiertheit in ihr Wesen zurückkehrte: „Tja, wenn du besser aussehen würdest, könnte man vermuten, ich wäre dir nachgelaufen.“
„Diese Möglichkeit können wir also ausklammern. Aus reinem Zufall bist du auch nicht bis genau hierher gerannt. Was bleibt uns dann noch?“ Auf diese Antwort wusste sie sich keinen Reim zu machen. Ihre Spitze war völlig wirkungslos an ihm abgeprallt und hatte ihr kein bisschen der Luft verschafft, die sie sich davon erhofft hatte.
„Mann, du bist aber hart im Nehmen. Analysierst du immer alles so genau?“
„Gehört dazu, wenn man das studiert, was ich vorhabe.“ Er wandte sich um und ging am Tor vorbei zurück in Richtung Altstadt.
„Und was wäre das, wenn man fragen darf?“, siegte die Neugier bei ihr.
„Naturwissenschaften“, sagte er kurz angebunden.
„Na also, das muss es sein. Wir haben uns sicher beim Einschreiben gesehen oder so. Ich fange nächste Woche an mit Biochemie, Geochemie und Mineralogie.“ Sie schnippte mit den Fingern.
Er schüttelte im Gehen den Kopf und warf ihr lediglich einen Seitenblick zu. „Nein, das ist es nicht. Obwohl ich auch mit Geochemie und Mineralogie anfange. Wir sehen uns dann sicher mal in der Vorlesung. Ich heiße übrigens Daniel.“ Er sprach den Namen bewusst Deutsch aus.
„Karin.“ Sie streckte ihm die Hand hin, die er nach einigem Zögern nahm. Er starrte sie kurz mit unergründlichem Blick an und wollte dann wissen: „Karin Bochner?“
Wie angewurzelt blieb sie stehen. „Woher kennst du meinen Nachnamen?“
Sein Gesicht wurde nun vollends zu einer undurchdringlichen Maske. „Ach, nur gut geraten. Nein, Spaß beiseite ... du hast recht, wir sind beim Einschreiben wirklich nebeneinander gestanden. Ich muss irgendwie einen Blick auf dein Formular geworfen haben und der Name ist wohl hängengeblieben. Passiert mir ständig, dass ich mir solche Details merke. Das muss es sein.“
Misstrauisch musterte sie ihn und wollte dann wissen: „So? An welchem Tag warst du in der Uni?“
Er schien einen Sekundenbruchteil zu erstarren und antwortete dann: „Das weiß ich nicht mehr genau. Ich hatte so viel zu tun in den letzten Tagen.“
„Aber an meinen Namen auf dem Formular erinnerst du dich noch? Ist schon komisch, nicht wahr?“, schnappte sie, als sie sich dem Eingang des Agar näherten.
„Hast nicht du mich verfolgt? Ich bin hier nicht derjenige, der verhört werden sollte.“ Seine Stimme blieb trotz der Spannung zwischen ihnen ruhig und sachlich, was sie nur noch wütender machte.
„Ich weiß schließlich auch nicht so ohne weiteres deinen Nachnamen“, konterte sie.
„Und bei diesem Stand der Dinge erfährst du ihn von mir ganz bestimmt auch nicht. Wie gesagt, wir sehen uns vielleicht mal in der Vorlesung.“ Er wandte sich dem Türsteher zu und bedeutete ihm, dass er einen Stempel hatte.
„Ja, wird sich wohl nicht vermeiden lassen.“ Auch sie wedelte mit dem Handrücken vor der Nase des bulligen, hochgewachsenen Security-Typs herum. Der trat noch nicht zur Seite, sondern beäugte sie beide noch misstrauisch.
„Ihr zwei Süßen werdet euch doch nicht zoffen, oder?“, wollte er wissen.
„Wir kennen uns gar nicht!“, fuhren ihn beide gleichzeitig an, sahen sich darauf verduzt an und drückten sich dann am Türsteher vorbei. Sie machte eine verbissene Miene, während sein Gesicht wie versteinert wirkte und keine Regung mehr erkennen ließ.
In CSM 108-1 rumorte es hingegen in seiner CPU. Natürlich hätte er sie nach ihrem Namen fragen sollen, anstatt ihn ihr einfach so zu nennen, was die Situation hatte eskalieren lassen. Andererseits hatte er sie sofort wieder erkannt, als sie ihm ihren Vornamen genannt hatte. Ohne dieses Faktum hätte er zwar nie eine Querverbindung herstellen können, doch jetzt im Nachhinein konnte er die Übereinstimmung auf 72,8 % festsetzen. Er hoffte nur, dass ihr Gedächtnis nicht so gut war.
Aber wie konnte sie ihn wieder erkannt haben? Nein, das war nahezu ausgeschlossen. Zu viel Zeit war verstrichen.
Er war beinahe soweit, dass er seinen Vorstoß als misslungenes Experiment aufgeben und wieder in seine ursprüngliche, zurückgezogene Beobachterposition zurückkehren wollte. Wieder einmal hatte er erfahren müssen, dass Dinge schief gehen konnten und unglückliche Verkettungen von Ereignissen, die selbst mit dem leistungsfähigsten elektronischen Rechner der Welt – was zu diesem Zeitpunkt zweifellos seine CPU war – nicht vorausberechenbar waren, auch den ausgeklügeltsten Plan im Nu scheitern lassen konnten.
Aber andererseits sagte er sich, dass er in der Zeit, in der er jetzt in Freiburg verweilt hatte, alles zu seiner Mission Notwendige mindestens zweimal gemacht hatte. Er hatte mit einer Akribie, die jedes menschliche Wesen zur Verzweiflung oder in den schieren Wahnsinn getrieben hätte, in der Innenstadt jede einzelne der malerischen kleinen Gässchen, die Geschäfte, Kaufhäuser, Galerien, Kneipen und Cafés, Restaurants und auch Behörden und Ämter regelrecht erforscht. Dazu hatte er praktisch das gesamte Stadtgebiet sowie alle relevanten Nachbarorte zu Fuß oder mit dem Auto begangen respektive befahren. Des weiteren hatte er auch das Umland bis hinauf nach Karlsruhe, den gesamten mittleren und südlichen Schwarzwald, einen Teil der Nordwestschweiz und auch in begrenztem Umfang das südliche Elsass nicht ausgelassen. Heutzutage war das nicht mehr so schwer, denn der Kalte Krieg war vorüber, die Schweiz nicht mehr ganz so misstrauisch den benachbarten Ausländern gegenüber und die Grenzkontrollen nach Frankreich im Zuge des europäischen Einigungsprozesses mittlerweile nur noch Makulatur.
CSM 108-1 war insbesondere von Basel von Anfang an sehr fasziniert gewesen. Die taktischen und strategischen Gegebenheiten und Möglichkeiten, die diese Stadt aufgrund ihrer Lage und Struktur bot, waren ausgesprochen vielfältig für seinen Betrachtungswinkel. Die zweitgrößte Stadt der Schweiz hatte etwa die Einwohnerzahl Freiburgs, wirkte aber aufgrund ihrer ausgedehnten Agglomeration um einiges größer. Jedenfalls war ihre Infrastruktur aufgrund der größeren Rolle, welche einer Stadt dieser Größe in einem relativ kleinen Land zufiel, um einiges weiterentwickelt als die Freiburgs im Allgemeinen, obwohl auch diese an sich nicht schlecht war. Dazu kam die unmittelbare Nachbarschaft zu Deutschland und Frankreich. Ja, um im Notfall jemanden abhängen zu müssen, war diese Stadt ganz besonders gut geeignet.
Nein, er war so weit gekommen und würde sich jetzt aufgrund eines dummen Zufalls nicht einfach geschlagen geben. Nach wie vor schien ihm die Strategie, als Student noch für ein knappes Jahr in der näheren Umgebung des potentiellen Entdeckers des ZVA-Effektes zu leben und Aufklärung zu betreiben, für die effektivere Ausführung seiner Mission als geeignet. Auch wenn irgendwo in den tiefsten Winkeln seines künstlichen Verstandes ein paar synthetische Synapsen unterschwellig Alarm schlugen angesichts des Zutagetretens des Unwahrscheinlichen. Wie viele Zufälle konnte es noch geben und inwiefern würden sie das Gelingen seiner Mission beeinflussen, beeinträchtigen oder gar gefährden können?
Darauf wusste er natürlich keine Antwort.
[Fortsetzung folgt ...]
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