Dienstag, 19. Dezember 2006
T1.1.28
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA - 31. Oktober 2030

„Erzählen Sie mehr, Karin“, ermutigte Mahtobu sie.
Sie saß noch immer auf ihrer Bettkante und starrte vor sich ins Leere. „Ich möchte immer damit beginnen, dass ich im Nirgendwo im Nordwesten der USA war, als es passiert ist, doch mir kommt es so vor, als müsse ich noch viel weiter zurückgreifen, als ob mir ein entscheidendes Puzzleteil fehle.“
„Wo genau waren Sie denn damals? Können Sie sich noch erinnern?“, versuchte er erneut, ihr einen Punkt zu liefern, von dem aus sie ihre Erinnerungen ordnen konnte. Und tatsächlich schien es so, als habe er Erfolg, denn ihr Gesicht erhellte sich ein wenig.
„Als ob ich das je vergessen könnte! Es war in Burns, Oregon, genau 3579 Einwohner. Genauer gesagt lag es mitten in Oregon, an den östlichen Ausläufern des Cascade Range in der Nähe des Malheur Lake. Lachen Sie nicht, er hieß wirklich so. Mitten im Nirgendwo in der Prairie, umgeben von Naturparks und Indianerreservaten, Hunderte von Meilen weg von jedwedem potentiellen Ziel für strategische Kernsprengköpfe. Vor den Einschlägen im Megatonnenbereich über Portland und Nordkalifornien schützten uns die Berge der Cascade und die restlichen Nuklearexplosionen waren schlicht zu weit entfernt, um uns gefährlich zu werden. Ich glaube im Nachhinein, wenn es überhaupt einen Ort in den Vereinigten Staaten gegeben hatte, an dem es ungefährlich war, sich während des strategischen Schlagabtausches aufzuhalten, dann war es dort ... abgesehen von Alaska vielleicht.
Und genau dort war ich, als die Welt um uns herum unterging ...“
Mahtobu legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie leicht, als er gewahr wurde, wie sie die Erinnerung noch immer aufwühlte und schmerzte. „Schon gut. Haben Sie dort Urlaub gemacht?“
„Von wegen!“, brauste sie auf. „Ich habe dort auf einen Freund gewartet ... einen sehr, sehr guten Freund, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er hatte mir aus den USA Nachricht gegeben, dass ich unbedingt zu diesem Zeitpunkt zu ihm kommen musste, dass es um Leben und Tod ging. Er hatte mich im Voraus angerufen und mit mir gesprochen, doch er hat mir einiges verschwiegen, wie ich schon damals annahm. Ich musste ihm hoch und heilig versprechen, dass ich auch wirklich kommen würde und den Termin um nichts auf der Welt verschieben würde. Himmel, er hatte mir Flugticket, Anschlussflug, Leihwagenreservierung, Motelbuchungen, er hatte mir sogar eine goldene Kredit-Partnerkarte mittels FedEx zugesendet, damit ich auch garantiert dort sein würde. Beinahe unheimlich, diese Organisation, aber so war er eben; er hat stets an alles Wichtige gedacht.
Ich sollte demnach am 25. August in Burns, Oregon, ankommen und in besagtem Motel bis maximal 31. August auf ihn warten. Ich machte mir also ein paar schöne Tage, unternahm viele kleine Ausflüge zum See, in die benachbarten Wildlife Refuges und Nationalwälder. Alles sehr ursprünglich und romantisch, beschaulich und verträumt. In dieser Gegend gingen die Uhren noch anders, wie man zu sagen pflegte. Sie können sich nicht vorstellen, in welchen schillernden Farben ich mir unser Wiedersehen ausgemalt habe.
Was soll ich sagen? Er hat es nicht geschafft, bis zum 29. zu kommen. Und dann ging die Welt verloren, wie wir sie kannten. Ich habe ihn nie wieder gesehen oder auch nur irgendetwas von ihm gehört, wie Sie sich denken können. Und genau das ist das Schlimme daran: die Ungewissheit. Er hat mich unwissentlich gerettet, indem er mich an den gottverlassensten Ort der zivilisierten Welt bestellt hat.“
„Klingt sehr tragisch und schicksalhaft, auch wenn mir irgendetwas daran seltsam erscheint. Wo haben Sie ihn zum ersten Mal gesehen?“
Sie öffnete gerade den Mund zur Antwort, als etwas in ihrem Unterbewusstsein ‚klick!’ machte. In einem einzigen kurzen Moment der Erkenntnis wirbelten Myriaden der Erinnerungsfetzen aus allen Winkeln ihres Gedächtnisses zusammen und formten ein deutlich erkennbares Bild, das ihr alle Fragen auf einmal beantwortete, die sie sich je gestellt hatte, um eine Sekunde später wieder in alle Richtungen auseinander zu stieben und nichts als das Chaos zu hinterlassen und den Eindruck, man habe sich das alles nur eingebildet, obwohl man mit jeder Faser seines Seins wusste, dass es stimmen musste, was sich da offenbart hatte.
Karin hatte hinterher für diesen Moment keine passenden Worte, um ihre Emotionen zu beschreiben. Der einzige ihr angemessen scheinende Vergleich war der: Es war ein Erlebnis gewesen, als habe man im Herbst von einem hohen Haus aus auf einen großen Platz herabgeschaut und der Wind habe einen großen Haufen Blätter über die offene Fläche geblasen, bis sie zufällig so liegen blieben, dass sie genau das ‚Letzte Abendmahl’ von Leonardo Da Vinci nachbildeten, nur um vom nächsten Windstoß unwiederbringlich weggeweht zu werden. Niemand würde einem das glauben, hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen.
Sie begann zu zittern und schlug die Hände vors Gesicht. „Das kann nicht sein! Kann das denn möglich sein? Oh nein, es ist wahr ... NEINNN!!!“
Nach diesem letzten gequälten Aufschrei, der aus tiefster Seele kam, begann sie völlig unkontrolliert zu weinen, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und fiel krampfhaft zuckend zusammengekrümmt hintenüber auf ihr Bett. Ihr Zusammenbruch war so schnell gegangen, dass Mahtobu zuerst gar nicht wusste, was zu tun war. Doch als er dann sah, dass sie in der Tat einen massiven Schock erlitten hatte, sprang er auf und rief Hilfe herbei.
Als die Sanitäter kamen, lag sie noch immer in eine fötale Stellung zusammengerollt auf dem Bett, verbarg ihr Gesicht in beiden Händen, wippte mechanisch schwach vor und zurück und war gänzlich unansprechbar. Ihr anhaltendes krampfhaftes Schluchzen war kurz davor, in Hyperventilation umzuschlagen, was eine sofortige Verabreichung von starken Sedativa erforderlich machte. Der Nervenzusammenbruch war so unerwartet und heftig eingetreten, dass es sogar Mahtobu schwer schockiert hatte. Vor allem die Tatsache, dass es kein direktes traumatisches Erlebnis war, sondern eine jahrzehnte zurückliegende Erinnerung, die sie so plötzlich getroffen hatte, ließ ihm keine Ruhe. Was konnte es nur gewesen sein?
Er versuchte sich an alles zu erinnern, was sie berichtet hatte, während er hilflos mitansehen musste, wie sie auf einer Trage festgezurrt wurde und mit verquollenen, roten Augen und tränenüberströmten Gesicht teilnahmslos durch ihn hindurch ins Leere starrte. Sie murmelte, nein, wisperte, viel zu leise, als dass man es verstehen konnte, schnell und unaufhörlich etwas vor sich hin. Sie schien es immer und immer wieder zu wiederholen. Er hielt sein Ohr nahe an ihren Mund heran, verstand aber trotzdem nur einzelne bruchstückhafte Wortfetzen: „... wie konnte mir das ... ausgerechnet mir ... konnte das passieren ... er ist nie ... ich habe immer ...“
Dann wurde sie ins Lazarett getragen. Mahtobu ging nicht mit, er war viel zu sehr in Gedanken versunken, was die Geschehnisse von gerade eben betraf.
Und in einem anderen Teil des Komplexes ging die Demontage der ZVA mit großen Fortschritten voran.

[Fortsetzung folgt ...]

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