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Mittwoch, 20. Dezember 2006
T1.1.29
cymep, 05:07h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. September 1996
Einführungswoche.
Für den gemeinen jungen Menschen sicher eine notwendige Maßnahme, denn für ihn ist der Beginn des Studiums zwar aufregend und vielversprechend, stellt aber auch einen radikalen Einschnitt in sein bisheriges Leben dar, was bei vielen Unsicherheit und Angst verursachen kann. Um sich eine erste Orientierung über seinen neuen Tagesablauf und die diversen Prozedere am Campus zu vermitteln und nebenbei die Sache ‚ruhig anlaufen’ zu lassen, um sich neu orientieren und in den ungewohnten Rhythmus einfinden zu können, ist die Einführungswoche eine willkommene Einrichtung.
Oder ein notwendiges, ineffizientes Übel, welches man notgedrungen über sich ergehen lassen muss, da man keine andere Wahl hat. Je nach Auffassungsgabe.
CSM 108-1 war zwei Minuten vor Beginn der Vorstellung ihres Geochemie-Dozenten im Hörsaal erschienen und hatte – unauffällig bleiben, wie immer – in einer der letzten Reihen in den stufenweise erhöhten Bankreihen Platz genommen. Ungewollt fiel sein Blick auf dieses unangenehme Individuum vorne in der zweiten Reihe, dem er in der Disco am Samstag begegnet war. Dummerweise hatte sie ihn ebenfalls bemerkt, als sie sich hinter sich umsah, um die neuen Kommilitonen zu mustern. Bei ihrem Blick schrillten seine Alarmglocken; eine Analyse ihres Gesichtsausdrucks gab ihm Anlass zur Befürchtung, dass sie kurz vor der Schwelle stand, ihn wieder zu erkennen, trotz der langen Zeit seit ihrer ersten Begegnung. Für diesen Fall würde er eine wirklich gute Erklärung benötigen.
Nach drei Sekunden hatte er eine passable Lösung für sein Problem, eine Sekunde darauf wusste er bereits, wie er sich das entsprechende Beweisstück dazu beschaffen konnte. Das musste dann aber auch echt aussehen; dafür würde er sorgen müssen.
Nach der ersten Stunde hatte er für den Rest des Vormittags keine weiteren Vorlesungen, weshalb er gleich in die Stadt ging, um die verschiedenen Anlaufstellen zu überprüfen, die für sein Beweismittel in Frage kamen. Er ging dabei so diskret vor, dass niemand auch nur merkte, welcher Art seine Nachforschungen waren. Er war eben immer noch ein Terminator und verhielt sich ständig so, als ob er verfolgt und beobachtet wurde.
Eine halbe Stunde und siebzehn Fehlschläge darauf stand fest: Er konnte diese Dienstleistung in Freiburg nicht am Automaten in Anspruch nehmen, da sämtliche Einrichtungen in der Stadt dafür offenbar ungeeignet waren. Dass ihm ausgerechnet der technische Fortschritt der Deutschen einmal einen Strich durch die Rechnung machen würde, hatte er nicht vorausberechnen können. Und ein entsprechendes Geschäft, wo er leicht fündig würde, schied für ihn ebenfalls aus, da er keinerlei Zeugen für diesen Beschaffungsvorgang haben wollte. Er wusste aber, wo er das Gesuchte bekommen würde: in Basel.
Zunächst aber machte sich seine einprogrammierte Paranoia einmal bezahlt: Wie er bald bemerkt hatte, schlenderte Karin ihm wie zufällig nach, was ihm zusätzlich seine Aufgabe erschwerte. Er überlegte, ob er sie einfach abhängen sollte oder sie direkt zur Rede stellen. Er entschied sich für eine dritte Variante.
Karin schlenderte durch die Salzstraße auf der linken Straßenseite und betrachtete scheinbar interessiert die Auslagen in den Schaufenstern, während sie aus dem Augenwinkel in Richtung Schwabentor auf die gegenüberliegende Seite spähte. Dieser Daniel war in der letzten halben Stunde kreuz und quer durch die Innenstadt gelaufen, zur neu errichteten Hauptbahnhofshalle, die noch immer zur Hälfte eine Großbaustelle war, in Kaufhäuser und durch diverse Passagen. Er hatte ein ganz schönes Tempo vorgelegt und schien zwischen zwei sichtbaren Punkten auf seinem Weg immer die direkteste Linie anzustreben. Sie hatte jedoch keinerlei konkrete Absicht in seinem Handeln erkennen können.
Was ihr aber auffiel, war die Effektivität seiner Route: Er hatte auf der denkbar kürzesten Strecke systematisch einen größtmöglichen Teil aller Geschäfts- und Einkaufsstraßen abgegrast. Und das bei diesem Mistwetter: Es war trübe und kühl, aus den tiefhängenden Wolken fiel ein feiner, aber beständiger Sprühregen, der zwar nicht direkt unangenehm war, sie aber inzwischen nichtsdestotrotz ziemlich durchnässt hatte. Jetzt ging er gerade in Richtung Augustinerplatz, als von hinten eine alte cremefarben gestrichene Straßenbahn vom Bertoldsbrunnen kommend in Richtung Littenweiler über die vollständig gepflasterte und für den normalen Kraftfahrzeugverkehr gesperrten Straße rumpelte. Beim Anblick der rundlichen, antiquierten Form der Bahn ging ihr durch den Kopf, dass es wirklich höchste Zeit für eine Erneuerung des Freiburger Linienverkehrs wurde, wie seit Jahren in der Zeitung proklamiert wurde.
Als die Bahn vorbei war, war Daniel verschwunden.
Mist!
Er musste in die Storchenpassage abgebogen sein, als er ihrem Blickfeld entzogen gewesen war. Sie begann in einen leichten Trab zu verfallen, bis sie den Eingang der Ladenpassage erreicht hatte. Doch als sie gemäßigteren Schrittes durch den hellerleuchteten und von Schaufenstern gesäumten Gang eilte, war von ihm nichts mehr zu sehen. Im Vorbeieilen warf sie einen flüchtigen Blick in alle angrenzenden Läden, konnte ihn aber nirgends ausmachen. Er musste die Galerie durch den anderen Ausgang zur Parallelstraße verlassen haben.
Sie trat auf das nassglänzende Pflaster der Grünwälderstraße hinaus und sah sich vorsichtig in beiden Richtungen um. An diesem grauen Montagmorgen war wenig los, außer ein paar Fußgängern und den in der Innenstadt unvermeidlichen Radfahrern war aber niemand zu sehen. Sie hatte ihn verloren.
Warum tat sie das überhaupt? Wenn er sie bemerkt hätte ... es war zutiefst erniedrigend und würdelos, wie sie sich verhielt. Sie wurde auf sich selbst wütend und beschloss, auf der Stelle umzukehren.
Er lehnte hinter ihr an der Wand am Eingang der Passage, mit auf der Brust verschränkten Armen, und sah sie unverwandt an. Ein déjà-vu durchzuckte sie. Gott, wie peinlich!
Wie machte er das nur immer?
Sie merkte, wie sie rot anlief. In einer solchen Lage war sie noch nie gewesen. Was sollte sie jetzt nur tun? Unentschlossen blieb sie stehen, doch er tat ihr nicht den Gefallen, ihr den nächsten Schritt abzunehmen, statt dessen blieb er seinerseits reglos stehen und starrte zurück.
Endlich entschloss sie sich, an ihm vorbei den Spießrutenlauf durch die Passage zurückzuwagen. Obwohl er wissen musste, dass er diese Runde gewonnen hatte, zeigte er weder ein selbstzufriedenes Grinsen noch sonst eine Regung, die ihr ihre Niederlage in diesem albernen Spielchen signalisiert hätte.
Das war fast noch schlimmer.
Endlich war sie an ihm vorbei und sprintete fast durch die Ladenzeile zurück auf die Salzstraße. Dort angekommen, ging sie schnurstracks in Richtung Universität. Sie atmete erst auf, als sie das Unigelände erreicht hatte und in der Eingangshalle des KG II angelangt war, einem der neueren Stahlbetonbauten aus den sechziger Jahren. Das Foyer hatte den Charme einer Bahnhofshalle und kam diesem Vergleich auch in der Betriebsamkeit recht nahe, die gerade herrschte. In der Halle wandte sie sich dem schwarzen Brett zu, um nochmals zu kontrollieren, wann ihre nächste Vorlesung war.
„Du hast doch sicher einen guten Grund dafür, oder?“
Sie zuckte zusammen, drehte sich aber nicht um. Durch ihren Kopf rasten die Gedanken, als sie so teilnahmslos wie möglich erwiderte: „Wofür?“
„Für deine nette kleine Verfolgungsaktion eben. Können wir das vielleicht auf vernünftige Art und Weise klären?“ Seine Stimme klang weder feindselig noch vorwurfsvoll und schien sie auf eine subliminare Art und Weise zu besänftigen.
Es war fast wie eine vorhersehbare Szene in einem schlicht gemachten, aber rührseligen Hollywood-Liebesfilm.
„Woran hast du dabei gedacht?“ Noch immer drehte sie sich nicht um und hielt ihren Blick auf das Brett vor sich geheftet.
„Meinen Erfahrungen nach sind die Leute bei gemeinsamer Nahrungsaufnahme kommunikativer. Wir könnten zum Beispiel essen gehen oder mal einen Kaffee trinken.“ Neutrale, sachliche Tonlage, keine unterschwellige Absicht erkennbar. Sie zögerte nur kurz.
„Essen wäre in Ordnung. Ich habe aber momentan nicht viel Zeit.“
„Ich auch nicht; das Studium, du weißt schon. Wie wäre es mit Mittwoch Abend?“
„Da kann ich nicht. Donnerstag?“ Ihr Blick haftete auf den privat aufgehängten Mietgesuchen und sonstigen Notizen, ohne dass sie etwas von deren Inhalt wahrnahm.
„Gut. Isst du gerne Italienisch?“ Seine Stimme hatte etwas Irritierendes, auch wenn sie nicht sagen konnte, was es war.
„Ja.“
„Dann um neunzehn Uhr vor dem Roma. Du erkennst mich an der Nelke im Knopfloch.“ Und mit diesem klassischen Scherz war er verschwunden.
Wie betäubt drehte sie sich langsam um, doch in der weitläufigen, zweistöckigen Halle mit umlaufendem Gang im Obergeschoss war nichts mehr von ihm zu sehen. Das Ganze kam ihr so unwirklich vor. Hatte sie sich das eben nur eingebildet?
Jedenfalls schien sie seine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Aber wollte sie das überhaupt? Was für ein Durcheinander in ihrem Kopf dieser 08/15-Typ verursacht hatte!
CSM 108-1 bog gerade um die Ecke des KG III, das in der Mitte auf Säulen gebaut war und so im Erdgeschoss einen Durchgang von der Löwenstraße her, in der übrigens auch die Disco Agar liegt, zum Innenhof des Unigeländes bildete. An der einen der beiden Seitenwände des Gebäudes befand sich eine große Fläche, die vom Boden bis zur Decke mit einem Mosaikmuster aus verschiedenfarbigsten Zettelchen bedeckt war. Vor dieser Wand traf er auf Simon, der sich gerade grinsend über eine der Kleinanzeigen beugte.
„Hallo Simon. Was gibt es Neues?“, begann er einen beinahe statistisch langweiligen small-talk.
„Ach, ich lese nur die Anzeigen hier. Auf dieser Wand findest du immer wieder total witziges und abgedrehtes Zeug. Darüber habe ich mich schon vor Studiumsbeginn immer königlich amüsiert. Was für schräge Typen dort ihren Plunder loswerden wollen ... Wahnsinn. Und auch ansonsten ...“
„Schräge Typen ...“, wiederholte CSM 108-1, aber Simon bemerkte es nicht.
„Hör dir das an: ‚Erstsemester sucht Zimmer in Dreier- oder Vierer-WG. Jung, offen, freundlich. Sportstudentinnen bevorzugt.’ Ich werf mich weg.“ Simon hielt sich den Bauch vor Lachen. „Oder hier: ‚Biete Nachhilfe in Mathematik und Ukulelen-Unterricht.’ Was für eine Kombination! Ich glaube, den rufe ich mal an.“
Immer noch breit grinsend rupfte er einen der etwa zehn schmalen Streifen am unteren Ende des Zettels heraus, auf denen wie bei jeder der Annoncen die Telefonnummern für Interessierte zum Abreißen und Mitnehmen vermerkt waren. Natürlich war er der erste, der bei dieser Mitteilung auf diese Art potentielles Interesse verkündete. Die meisten der Zettel hingen ohnehin nur einige Tage, bevor sie von irgendjemandem abgerissen oder überklebt wurden. Ein schlichter weißer Zettel hatte bereits vier Streifen mit Nummern ‚eingebüßt’.
„He, sieh dir den an: ‚Beginne Studium, ziehe nach FR-Innenstadt und suche nach Einstellplatz/Garage für mein 4,70 m-Coupé Nähe Siegesdenkmal. Preis Nebensache. Bitte ab 1.10. unter folgender Nummer ...’ Super, oder?“ Auch hier riss er einen Streifen ab.
„Ach ja, ich wollte dir das noch sagen ...“, begann CSM 108-1, doch Simons Kopf ruckte bereits hoch, als er einen Blick auf den Streifen in seiner Hand warf.
„He, da steht unsere Telefonnummer darunter! Was soll das?“
„Eben das wollte ich dir noch sagen. Diese Anzeige stammt von mir. Meinst du, ich sollte vielleicht noch in der Zeitung inserieren?“
„Bloß nicht!“, ereiferte sich Simon erschrocken, „sonst werden noch mehr Leute bei uns anrufen. Was hast du dir dabei nur gedacht? ‚Preis Nebensache’? Naja, ein guter Köder, muss ich zugeben.“
„Davon abgesehen, dass es keiner ist, sondern mein voller Ernst, erhöht diese Bemerkung meiner Erfahrung nach wirklich die Chance, dass mehr Leute anrufen. Du scheinst irgendwie erstaunt zu sein. Stimmt etwas nicht?“, gab er sich arglos.
„Du musst zugeben, dass es klingt, als ob du im Geld schwimmst. Bist du reich oder so?“
„Nein, das auch nicht gerade, obwohl mein Vater und mein Bruder doch recht vermögend sind. Ich sollte dir das wohl erklären.“ Für einen Moment verharrte er bewegungslos, während er sich seine Geschichte zurechtlegte und den aktuellen Gegebenheiten und Entwicklungen anpasste.
„Du hast es sicher nicht bemerkt, aber ich bin Amerikaner, verstehst du?“
„Was, du? Echt?“, staunte Simon. „Nein, das ist mir nicht aufgefallen.“
„Wie auch? Ich bin hier aufgewachsen. Ich war noch ein kleiner Junge, als mein Vater mit uns nach Deutschland kam. Er war ein hochrangiger Elektroniker beim Militär, mehr darf ich leider keinem erzählen.
Nach Beendigung des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung blieben wir noch ein paar Jahre hier, doch dann beendete Dad seinen Dienst und wollte zurück in die Staaten. Meine Mutter und mein älterer Bruder gingen mit ihm mit, doch ich kenne die USA nur von gelegentlichen Verwandtschaftsbesuchen, ansonsten aber hänge ich sehr an Deutschland. Meine Familie war natürlich nicht sehr glücklich über meinen Entschluss, aber ich war bereits volljährig und konnte tun, was ich wollte. Ich fliege regelmäßig in die USA hinüber und besuche sie, aber lebe trotzdem hier. Da mein Vater recht gut verdient, ermöglicht er mir eine gewisse Unabhängigkeit in Form einer Kreditkarte, die auf seinen Namen läuft. Er hat einen ... nun, Berater- und Entwicklerjob bei einem Halbleiterfabrikant, der mit neuen Mikroprozessoren experimentiert. Und mein Bruder hat in etwa dasselbe studiert, was ich jetzt studiere, und arbeitet ebenfalls in diesem Konzern.“
„Wow, ich hatte ja keine Ahnung“, sagte Simon beeindruckt. „Aber was hat das Ganze mit deinem Auto zu tun? Warum verkaufst du es nicht einfach, jetzt wo du in der Stadt wohnen wirst?“
„Das Auto gehört meinem Bruder. Er hat es damals neu gekauft und mir überlassen, als er in die Staaten zurück ist. Ich musste ihm hoch und heilig schwören, dass ich es fahre, bis es vor Rost auseinander fällt. Verstehst du, wir Amerikaner haben ein besonderes Verhältnis zu unseren Autos. Er wollte seines sogar per Container nach Amerika einschiffen lassen, aber bei einem Besuch vor ihrem Umzug hat er wohl festgestellt, dass es derzeit uncool war, irgendwelche ausländischen Exoten zu fahren. Also fährt er jetzt eine weiße Corvette. Wenigstens die Farbe hat er beibehalten.“ Ein wenig synthetische Wehmut klang in seiner Stimme mit.
„Ich hatte ja keine Ahnung. Mann, ein waschechter Ami zieht bei uns ein. Echt klasse. Woher stammt ihr denn?“, wollte Simon mit unverhohlener Begeisterung wissen.
„New York City. Aus dem Greenwich Village, einem Viertel im Süden von Manhattan. Eigentlich eine schöne Gegend mit relativ beschaulichen Eckchen, wenn man das Glück hat, direkt an einem Park zu wohnen.“
„Ich werd’ verrückt, ein New Yorker auch noch! Davon musst du mir erzählen, sobald du bei uns eingezogen bist. Es bleibt doch beim Ersten?“
Er nickte. „Wie du dieser Anzeige entnehmen kannst. Ich habe mein Telefon schon abgemeldet, sonst würde ich euch nicht damit belästigen. Ich hoffe doch sehr, du kannst deine Kollegin dazu bewegen, ihre Bude rechtzeitig zu räumen?“
„Mach’ dir keine Sorgen, das größere Zimmer am Ende des Flures ist Ansporn genug. Wenn sie nicht alles bis zuletzt aufschieben würde, wäre sie wahrscheinlich schon längst drin. Außerdem ist das Bad genau gegenüber. Welche Frau kann da schon widerstehen?“ Sie lachten beide.
„Jetzt sollten wir beide aber zur Einführung von Kristallographie. Du lernst dort vielleicht schon ein paar unserer Teilnehmer der zeremoniellen Küchentischdiskussionen kennen, die diesen Kurs ebenfalls belegt haben. Auf jeden Fall Ralf, der ist nicht zu übersehen und zu überhören; na ja, ehrlich gesagt ist er ziemlich BLAH“, wobei sich Simon in einer vielsagenden Geste den ausgestreckten Zeigefinger in die Mundhöhle zur Gaumenregion hin steckte und damit den Brechreflex andeutete, „aber das wirst du bald genug selbst herausfinden.“
„Es ist mir ein Vergnügen. Die ersten seltsamen Begegnungen habe ich bereits hinter mir“, erwiderte CSM 108-1 beim Gehen.
„Wie meinst du das?“
„Oh, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Erst einmal muss ich Schadensbegrenzung betreiben und sehen, was dabei herauskommt.“
„Hört sich nicht sehr vielversprechend an“, stellte Simon mit hochgezogener Augenbraue fest.
„Weiß Gott nicht“, bestätigte er.
„Solange du die Finger von unserer Mitbewohnerin lässt ...“, fügte Simon hinzu.
„Wie ist sie denn so?“
„Ach, der klassische Typ einer kühlen Blonden“, entgegnete er schelmisch lächelnd.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. September 1996
Einführungswoche.
Für den gemeinen jungen Menschen sicher eine notwendige Maßnahme, denn für ihn ist der Beginn des Studiums zwar aufregend und vielversprechend, stellt aber auch einen radikalen Einschnitt in sein bisheriges Leben dar, was bei vielen Unsicherheit und Angst verursachen kann. Um sich eine erste Orientierung über seinen neuen Tagesablauf und die diversen Prozedere am Campus zu vermitteln und nebenbei die Sache ‚ruhig anlaufen’ zu lassen, um sich neu orientieren und in den ungewohnten Rhythmus einfinden zu können, ist die Einführungswoche eine willkommene Einrichtung.
Oder ein notwendiges, ineffizientes Übel, welches man notgedrungen über sich ergehen lassen muss, da man keine andere Wahl hat. Je nach Auffassungsgabe.
CSM 108-1 war zwei Minuten vor Beginn der Vorstellung ihres Geochemie-Dozenten im Hörsaal erschienen und hatte – unauffällig bleiben, wie immer – in einer der letzten Reihen in den stufenweise erhöhten Bankreihen Platz genommen. Ungewollt fiel sein Blick auf dieses unangenehme Individuum vorne in der zweiten Reihe, dem er in der Disco am Samstag begegnet war. Dummerweise hatte sie ihn ebenfalls bemerkt, als sie sich hinter sich umsah, um die neuen Kommilitonen zu mustern. Bei ihrem Blick schrillten seine Alarmglocken; eine Analyse ihres Gesichtsausdrucks gab ihm Anlass zur Befürchtung, dass sie kurz vor der Schwelle stand, ihn wieder zu erkennen, trotz der langen Zeit seit ihrer ersten Begegnung. Für diesen Fall würde er eine wirklich gute Erklärung benötigen.
Nach drei Sekunden hatte er eine passable Lösung für sein Problem, eine Sekunde darauf wusste er bereits, wie er sich das entsprechende Beweisstück dazu beschaffen konnte. Das musste dann aber auch echt aussehen; dafür würde er sorgen müssen.
Nach der ersten Stunde hatte er für den Rest des Vormittags keine weiteren Vorlesungen, weshalb er gleich in die Stadt ging, um die verschiedenen Anlaufstellen zu überprüfen, die für sein Beweismittel in Frage kamen. Er ging dabei so diskret vor, dass niemand auch nur merkte, welcher Art seine Nachforschungen waren. Er war eben immer noch ein Terminator und verhielt sich ständig so, als ob er verfolgt und beobachtet wurde.
Eine halbe Stunde und siebzehn Fehlschläge darauf stand fest: Er konnte diese Dienstleistung in Freiburg nicht am Automaten in Anspruch nehmen, da sämtliche Einrichtungen in der Stadt dafür offenbar ungeeignet waren. Dass ihm ausgerechnet der technische Fortschritt der Deutschen einmal einen Strich durch die Rechnung machen würde, hatte er nicht vorausberechnen können. Und ein entsprechendes Geschäft, wo er leicht fündig würde, schied für ihn ebenfalls aus, da er keinerlei Zeugen für diesen Beschaffungsvorgang haben wollte. Er wusste aber, wo er das Gesuchte bekommen würde: in Basel.
Zunächst aber machte sich seine einprogrammierte Paranoia einmal bezahlt: Wie er bald bemerkt hatte, schlenderte Karin ihm wie zufällig nach, was ihm zusätzlich seine Aufgabe erschwerte. Er überlegte, ob er sie einfach abhängen sollte oder sie direkt zur Rede stellen. Er entschied sich für eine dritte Variante.
Karin schlenderte durch die Salzstraße auf der linken Straßenseite und betrachtete scheinbar interessiert die Auslagen in den Schaufenstern, während sie aus dem Augenwinkel in Richtung Schwabentor auf die gegenüberliegende Seite spähte. Dieser Daniel war in der letzten halben Stunde kreuz und quer durch die Innenstadt gelaufen, zur neu errichteten Hauptbahnhofshalle, die noch immer zur Hälfte eine Großbaustelle war, in Kaufhäuser und durch diverse Passagen. Er hatte ein ganz schönes Tempo vorgelegt und schien zwischen zwei sichtbaren Punkten auf seinem Weg immer die direkteste Linie anzustreben. Sie hatte jedoch keinerlei konkrete Absicht in seinem Handeln erkennen können.
Was ihr aber auffiel, war die Effektivität seiner Route: Er hatte auf der denkbar kürzesten Strecke systematisch einen größtmöglichen Teil aller Geschäfts- und Einkaufsstraßen abgegrast. Und das bei diesem Mistwetter: Es war trübe und kühl, aus den tiefhängenden Wolken fiel ein feiner, aber beständiger Sprühregen, der zwar nicht direkt unangenehm war, sie aber inzwischen nichtsdestotrotz ziemlich durchnässt hatte. Jetzt ging er gerade in Richtung Augustinerplatz, als von hinten eine alte cremefarben gestrichene Straßenbahn vom Bertoldsbrunnen kommend in Richtung Littenweiler über die vollständig gepflasterte und für den normalen Kraftfahrzeugverkehr gesperrten Straße rumpelte. Beim Anblick der rundlichen, antiquierten Form der Bahn ging ihr durch den Kopf, dass es wirklich höchste Zeit für eine Erneuerung des Freiburger Linienverkehrs wurde, wie seit Jahren in der Zeitung proklamiert wurde.
Als die Bahn vorbei war, war Daniel verschwunden.
Mist!
Er musste in die Storchenpassage abgebogen sein, als er ihrem Blickfeld entzogen gewesen war. Sie begann in einen leichten Trab zu verfallen, bis sie den Eingang der Ladenpassage erreicht hatte. Doch als sie gemäßigteren Schrittes durch den hellerleuchteten und von Schaufenstern gesäumten Gang eilte, war von ihm nichts mehr zu sehen. Im Vorbeieilen warf sie einen flüchtigen Blick in alle angrenzenden Läden, konnte ihn aber nirgends ausmachen. Er musste die Galerie durch den anderen Ausgang zur Parallelstraße verlassen haben.
Sie trat auf das nassglänzende Pflaster der Grünwälderstraße hinaus und sah sich vorsichtig in beiden Richtungen um. An diesem grauen Montagmorgen war wenig los, außer ein paar Fußgängern und den in der Innenstadt unvermeidlichen Radfahrern war aber niemand zu sehen. Sie hatte ihn verloren.
Warum tat sie das überhaupt? Wenn er sie bemerkt hätte ... es war zutiefst erniedrigend und würdelos, wie sie sich verhielt. Sie wurde auf sich selbst wütend und beschloss, auf der Stelle umzukehren.
Er lehnte hinter ihr an der Wand am Eingang der Passage, mit auf der Brust verschränkten Armen, und sah sie unverwandt an. Ein déjà-vu durchzuckte sie. Gott, wie peinlich!
Wie machte er das nur immer?
Sie merkte, wie sie rot anlief. In einer solchen Lage war sie noch nie gewesen. Was sollte sie jetzt nur tun? Unentschlossen blieb sie stehen, doch er tat ihr nicht den Gefallen, ihr den nächsten Schritt abzunehmen, statt dessen blieb er seinerseits reglos stehen und starrte zurück.
Endlich entschloss sie sich, an ihm vorbei den Spießrutenlauf durch die Passage zurückzuwagen. Obwohl er wissen musste, dass er diese Runde gewonnen hatte, zeigte er weder ein selbstzufriedenes Grinsen noch sonst eine Regung, die ihr ihre Niederlage in diesem albernen Spielchen signalisiert hätte.
Das war fast noch schlimmer.
Endlich war sie an ihm vorbei und sprintete fast durch die Ladenzeile zurück auf die Salzstraße. Dort angekommen, ging sie schnurstracks in Richtung Universität. Sie atmete erst auf, als sie das Unigelände erreicht hatte und in der Eingangshalle des KG II angelangt war, einem der neueren Stahlbetonbauten aus den sechziger Jahren. Das Foyer hatte den Charme einer Bahnhofshalle und kam diesem Vergleich auch in der Betriebsamkeit recht nahe, die gerade herrschte. In der Halle wandte sie sich dem schwarzen Brett zu, um nochmals zu kontrollieren, wann ihre nächste Vorlesung war.
„Du hast doch sicher einen guten Grund dafür, oder?“
Sie zuckte zusammen, drehte sich aber nicht um. Durch ihren Kopf rasten die Gedanken, als sie so teilnahmslos wie möglich erwiderte: „Wofür?“
„Für deine nette kleine Verfolgungsaktion eben. Können wir das vielleicht auf vernünftige Art und Weise klären?“ Seine Stimme klang weder feindselig noch vorwurfsvoll und schien sie auf eine subliminare Art und Weise zu besänftigen.
Es war fast wie eine vorhersehbare Szene in einem schlicht gemachten, aber rührseligen Hollywood-Liebesfilm.
„Woran hast du dabei gedacht?“ Noch immer drehte sie sich nicht um und hielt ihren Blick auf das Brett vor sich geheftet.
„Meinen Erfahrungen nach sind die Leute bei gemeinsamer Nahrungsaufnahme kommunikativer. Wir könnten zum Beispiel essen gehen oder mal einen Kaffee trinken.“ Neutrale, sachliche Tonlage, keine unterschwellige Absicht erkennbar. Sie zögerte nur kurz.
„Essen wäre in Ordnung. Ich habe aber momentan nicht viel Zeit.“
„Ich auch nicht; das Studium, du weißt schon. Wie wäre es mit Mittwoch Abend?“
„Da kann ich nicht. Donnerstag?“ Ihr Blick haftete auf den privat aufgehängten Mietgesuchen und sonstigen Notizen, ohne dass sie etwas von deren Inhalt wahrnahm.
„Gut. Isst du gerne Italienisch?“ Seine Stimme hatte etwas Irritierendes, auch wenn sie nicht sagen konnte, was es war.
„Ja.“
„Dann um neunzehn Uhr vor dem Roma. Du erkennst mich an der Nelke im Knopfloch.“ Und mit diesem klassischen Scherz war er verschwunden.
Wie betäubt drehte sie sich langsam um, doch in der weitläufigen, zweistöckigen Halle mit umlaufendem Gang im Obergeschoss war nichts mehr von ihm zu sehen. Das Ganze kam ihr so unwirklich vor. Hatte sie sich das eben nur eingebildet?
Jedenfalls schien sie seine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Aber wollte sie das überhaupt? Was für ein Durcheinander in ihrem Kopf dieser 08/15-Typ verursacht hatte!
CSM 108-1 bog gerade um die Ecke des KG III, das in der Mitte auf Säulen gebaut war und so im Erdgeschoss einen Durchgang von der Löwenstraße her, in der übrigens auch die Disco Agar liegt, zum Innenhof des Unigeländes bildete. An der einen der beiden Seitenwände des Gebäudes befand sich eine große Fläche, die vom Boden bis zur Decke mit einem Mosaikmuster aus verschiedenfarbigsten Zettelchen bedeckt war. Vor dieser Wand traf er auf Simon, der sich gerade grinsend über eine der Kleinanzeigen beugte.
„Hallo Simon. Was gibt es Neues?“, begann er einen beinahe statistisch langweiligen small-talk.
„Ach, ich lese nur die Anzeigen hier. Auf dieser Wand findest du immer wieder total witziges und abgedrehtes Zeug. Darüber habe ich mich schon vor Studiumsbeginn immer königlich amüsiert. Was für schräge Typen dort ihren Plunder loswerden wollen ... Wahnsinn. Und auch ansonsten ...“
„Schräge Typen ...“, wiederholte CSM 108-1, aber Simon bemerkte es nicht.
„Hör dir das an: ‚Erstsemester sucht Zimmer in Dreier- oder Vierer-WG. Jung, offen, freundlich. Sportstudentinnen bevorzugt.’ Ich werf mich weg.“ Simon hielt sich den Bauch vor Lachen. „Oder hier: ‚Biete Nachhilfe in Mathematik und Ukulelen-Unterricht.’ Was für eine Kombination! Ich glaube, den rufe ich mal an.“
Immer noch breit grinsend rupfte er einen der etwa zehn schmalen Streifen am unteren Ende des Zettels heraus, auf denen wie bei jeder der Annoncen die Telefonnummern für Interessierte zum Abreißen und Mitnehmen vermerkt waren. Natürlich war er der erste, der bei dieser Mitteilung auf diese Art potentielles Interesse verkündete. Die meisten der Zettel hingen ohnehin nur einige Tage, bevor sie von irgendjemandem abgerissen oder überklebt wurden. Ein schlichter weißer Zettel hatte bereits vier Streifen mit Nummern ‚eingebüßt’.
„He, sieh dir den an: ‚Beginne Studium, ziehe nach FR-Innenstadt und suche nach Einstellplatz/Garage für mein 4,70 m-Coupé Nähe Siegesdenkmal. Preis Nebensache. Bitte ab 1.10. unter folgender Nummer ...’ Super, oder?“ Auch hier riss er einen Streifen ab.
„Ach ja, ich wollte dir das noch sagen ...“, begann CSM 108-1, doch Simons Kopf ruckte bereits hoch, als er einen Blick auf den Streifen in seiner Hand warf.
„He, da steht unsere Telefonnummer darunter! Was soll das?“
„Eben das wollte ich dir noch sagen. Diese Anzeige stammt von mir. Meinst du, ich sollte vielleicht noch in der Zeitung inserieren?“
„Bloß nicht!“, ereiferte sich Simon erschrocken, „sonst werden noch mehr Leute bei uns anrufen. Was hast du dir dabei nur gedacht? ‚Preis Nebensache’? Naja, ein guter Köder, muss ich zugeben.“
„Davon abgesehen, dass es keiner ist, sondern mein voller Ernst, erhöht diese Bemerkung meiner Erfahrung nach wirklich die Chance, dass mehr Leute anrufen. Du scheinst irgendwie erstaunt zu sein. Stimmt etwas nicht?“, gab er sich arglos.
„Du musst zugeben, dass es klingt, als ob du im Geld schwimmst. Bist du reich oder so?“
„Nein, das auch nicht gerade, obwohl mein Vater und mein Bruder doch recht vermögend sind. Ich sollte dir das wohl erklären.“ Für einen Moment verharrte er bewegungslos, während er sich seine Geschichte zurechtlegte und den aktuellen Gegebenheiten und Entwicklungen anpasste.
„Du hast es sicher nicht bemerkt, aber ich bin Amerikaner, verstehst du?“
„Was, du? Echt?“, staunte Simon. „Nein, das ist mir nicht aufgefallen.“
„Wie auch? Ich bin hier aufgewachsen. Ich war noch ein kleiner Junge, als mein Vater mit uns nach Deutschland kam. Er war ein hochrangiger Elektroniker beim Militär, mehr darf ich leider keinem erzählen.
Nach Beendigung des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung blieben wir noch ein paar Jahre hier, doch dann beendete Dad seinen Dienst und wollte zurück in die Staaten. Meine Mutter und mein älterer Bruder gingen mit ihm mit, doch ich kenne die USA nur von gelegentlichen Verwandtschaftsbesuchen, ansonsten aber hänge ich sehr an Deutschland. Meine Familie war natürlich nicht sehr glücklich über meinen Entschluss, aber ich war bereits volljährig und konnte tun, was ich wollte. Ich fliege regelmäßig in die USA hinüber und besuche sie, aber lebe trotzdem hier. Da mein Vater recht gut verdient, ermöglicht er mir eine gewisse Unabhängigkeit in Form einer Kreditkarte, die auf seinen Namen läuft. Er hat einen ... nun, Berater- und Entwicklerjob bei einem Halbleiterfabrikant, der mit neuen Mikroprozessoren experimentiert. Und mein Bruder hat in etwa dasselbe studiert, was ich jetzt studiere, und arbeitet ebenfalls in diesem Konzern.“
„Wow, ich hatte ja keine Ahnung“, sagte Simon beeindruckt. „Aber was hat das Ganze mit deinem Auto zu tun? Warum verkaufst du es nicht einfach, jetzt wo du in der Stadt wohnen wirst?“
„Das Auto gehört meinem Bruder. Er hat es damals neu gekauft und mir überlassen, als er in die Staaten zurück ist. Ich musste ihm hoch und heilig schwören, dass ich es fahre, bis es vor Rost auseinander fällt. Verstehst du, wir Amerikaner haben ein besonderes Verhältnis zu unseren Autos. Er wollte seines sogar per Container nach Amerika einschiffen lassen, aber bei einem Besuch vor ihrem Umzug hat er wohl festgestellt, dass es derzeit uncool war, irgendwelche ausländischen Exoten zu fahren. Also fährt er jetzt eine weiße Corvette. Wenigstens die Farbe hat er beibehalten.“ Ein wenig synthetische Wehmut klang in seiner Stimme mit.
„Ich hatte ja keine Ahnung. Mann, ein waschechter Ami zieht bei uns ein. Echt klasse. Woher stammt ihr denn?“, wollte Simon mit unverhohlener Begeisterung wissen.
„New York City. Aus dem Greenwich Village, einem Viertel im Süden von Manhattan. Eigentlich eine schöne Gegend mit relativ beschaulichen Eckchen, wenn man das Glück hat, direkt an einem Park zu wohnen.“
„Ich werd’ verrückt, ein New Yorker auch noch! Davon musst du mir erzählen, sobald du bei uns eingezogen bist. Es bleibt doch beim Ersten?“
Er nickte. „Wie du dieser Anzeige entnehmen kannst. Ich habe mein Telefon schon abgemeldet, sonst würde ich euch nicht damit belästigen. Ich hoffe doch sehr, du kannst deine Kollegin dazu bewegen, ihre Bude rechtzeitig zu räumen?“
„Mach’ dir keine Sorgen, das größere Zimmer am Ende des Flures ist Ansporn genug. Wenn sie nicht alles bis zuletzt aufschieben würde, wäre sie wahrscheinlich schon längst drin. Außerdem ist das Bad genau gegenüber. Welche Frau kann da schon widerstehen?“ Sie lachten beide.
„Jetzt sollten wir beide aber zur Einführung von Kristallographie. Du lernst dort vielleicht schon ein paar unserer Teilnehmer der zeremoniellen Küchentischdiskussionen kennen, die diesen Kurs ebenfalls belegt haben. Auf jeden Fall Ralf, der ist nicht zu übersehen und zu überhören; na ja, ehrlich gesagt ist er ziemlich BLAH“, wobei sich Simon in einer vielsagenden Geste den ausgestreckten Zeigefinger in die Mundhöhle zur Gaumenregion hin steckte und damit den Brechreflex andeutete, „aber das wirst du bald genug selbst herausfinden.“
„Es ist mir ein Vergnügen. Die ersten seltsamen Begegnungen habe ich bereits hinter mir“, erwiderte CSM 108-1 beim Gehen.
„Wie meinst du das?“
„Oh, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Erst einmal muss ich Schadensbegrenzung betreiben und sehen, was dabei herauskommt.“
„Hört sich nicht sehr vielversprechend an“, stellte Simon mit hochgezogener Augenbraue fest.
„Weiß Gott nicht“, bestätigte er.
„Solange du die Finger von unserer Mitbewohnerin lässt ...“, fügte Simon hinzu.
„Wie ist sie denn so?“
„Ach, der klassische Typ einer kühlen Blonden“, entgegnete er schelmisch lächelnd.
[Fortsetzung folgt ...]
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