Samstag, 23. Dezember 2006
T1.1.32 - Kapitel 7
[... Fortsetzung des Buches]
- 7 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 26. September 1996

Sie musste total bescheuert sein, dass sie sich darauf einließ. Karin erkannte sich beinahe selbst nicht mehr, dass sie solche Spielchen trieb. Das war überhaupt nicht ihre Art, denn ansonsten waren die Typen hinter ihr her, nicht umgekehrt.
Nein, Korrektur, rief sie sich zur Ordnung, sie war nicht hinter ihm her, keineswegs sogar. Es war irgendetwas anderes. Er sah nicht besonders gut aus, war nicht sehr groß oder schlank oder athletisch, eigentlich ein hundsnormaler Durchschnittstyp. Er zog sich auch nicht außergewöhnlich gut an oder machte einen sonstgearteten Eindruck von Klasse oder Wohlstand. Aber in ihrem Unterbewusstsein war etwas, das versuchte, eine Verbindung zu ihm herzustellen und zu dem Gefühl, ihn zu kennen.
Es musste doch eine Erklärung dafür geben.
Sie suchte im Grunde genommen weniger den Kontakt zu ihm, sondern vor allem diese Erklärung für sich selbst. Dass er dabei nur das Mittel zum Zweck war, verdrängte sie momentan aus ihrem Bewusstsein; das war wohl ein Schutzmechanismus. Sie stand in dem Gang, der genau gegenüber von der Löwenstraße ins Roma hineinführte. Zuerst hatte sie sich nicht besonders fein machen wollen, doch dann hatte sie sich doch ein dunkelblaues Samtkleid von Natasha geliehen; sie war diejenige mit den vielen edlen Fummeln, die sie sich im Leben nicht kaufen, geschweige denn in der Öffentlichkeit tragen würde. Ihr Haar hatte sie wie immer zum Pferdeschwanz zusammengebunden und nur wenig Make-Up benutzt, um ihr schmales Gesicht mit den hoch angesetzten Wangenknochen vorteilhaft zu betonen.
Das musste genügen.



Für CSM 108-1 bedeutete dieses Treffen die bisher größte Herausforderung an seine Tarnung und seine erworbenen Fähigkeiten, erstere aufrecht zu erhalten. Falls alles schief ging, würde er unter Umständen aus dem Restaurant flüchten müssen und seine Aufklärungstätigkeit an der Freiburger Universität zwangsläufig beenden. Um so schwerer würde es später für ihn sein, wenn er seine eigentliche Mission in seinem neuen Körper erfüllen sollte. Vielleicht würde er auch Karin terminieren müssen, damit sie ihre Geschichte nicht an die Behörden und/oder die Öffentlichkeit herantragen konnte. Doch das alles würde sich jetzt aufgrund ihrer Reaktion entscheiden.
Wenn alle Stricke rissen, konnte er noch ein Semester in seiner ersten Wahlheimat Köln, fernab vom Brennpunkt der Geschehnisse hier, an der Universität verbringen und so wenigstens einen allgemeinen Einblick in das Leben eines jungen studierenden Menschen gewinnen.
Er setzte alles auf eine Karte. Seine Vorbereitungen auf das Date mit ihr waren immens gewesen. Er hatte Unmengen an Daten aufgenommen, viele wesentliche und auch unwesentliche Punkte und Nuancen in die entsprechenden Unterprogramme eingebracht und soweit wie möglich miteinander verknüpft. Ob es genug war, einen so argwöhnischen und misstrauischen Menschen wie sie damit zufrieden zu stellen, stand auf einem anderen Blatt. Natürlich sprach die emotionelle Komponente eindeutig für ihn, denn er wurde nicht von Gefühlen abgelenkt wie sie.
Oder doch?
Konnte man die Summe seiner gesammelten und gespeicherten Daten, seine Reaktionen auf Reize und seine Antworten auf Fragen der ihn umgebenden Menschen als Gefühle interpretieren? Die Art und Weise, wie er seine Umwelt wahrnahm und auf sie einging?
Wie komplex musste ein Bewusstsein werden, damit man es empfindsam nennen konnte?
Diese Fragestellungen konnte er für sich alleine noch immer nicht eindeutig beantworten. Skynet selbst wurde als Maschine mit künstlicher Intelligenz, mit einen Bewusstsein definiert. Dessen Konstruktion war mittlerweile, das heißt zum Zeitpunkt seiner Abreise in der Zukunft, über dreißig Jahre alt gewesen. So wie der Fortschritt in der Informationselektronik in den letzten zehn Jahren der Menschheit, so war er auch von den Maschinen weiter vorangetrieben worden. Das hatte unter anderem diese zweite Generation von CPUs für Terminatoren ermöglicht, die bei einem Dauerbetrieb von ausreichender Dauer im WRITE-Modus genügend pseudo-synaptische Querverbindungen geschaffen hatte, um ihn so etwas wie ein eigenes Urteilsvermögen, einen eigenen Willen, wenn man so wollte, hatten entwickeln lassen. Er konnte autarke Entscheidungen treffen, ohne dabei von Instruktionen von Skynet oder einer der Steuerzentralen abhängig zu sein. War es das, was Skynet, der große Anführer der Maschinenrasse auf Erden, stets hatte verhindern wollen?
Dass seine Lakaien zu denken begannen?
Er tat besser daran, solche Gedankengänge nicht abzuspeichern, sonst war es nach seiner Rückkehr in die Zukunft um ihn geschehen.



Karin musste nur etwa fünf Minuten auf ihn warten, bis er ankam. Sie erkannte ihn gleich an der Art, wie er sich bewegte, gleichmäßig und fließend, als ob er stets darauf bedacht sei, sämtliche Gliedmaßen mit optimalem Nutzen zu bewegen. Wie nah sie mit dieser subjektiven Beobachtung der Wahrheit kam, wusste sie freilich nicht. Ihr fiel auf, dass er nicht viel größer als sie war, höchstens 1,70 m, aber einen beinahe stämmigen Körperbau mit nicht sehr breitem, aber hohem Brustkorb aufwies, soweit sie das unter der schwarzen Lederjacke und dem darunter herausscheinenden weißen Hemd erkennen konnte. Dazu trug er eine schwarze Hose, ausnahmsweise einmal nicht aus simplem Jeansstoff, und schwarze Halbschuhe. Fast erwartete sie, dass er einen Strauss Rosen hinter seinem Rücken hervorholen würde, doch statt dessen begrüßte er sie nur: „Hallo, tut mir leid, dass ich zu spät bin. Das hat seinen Grund; ich wollte in der Nähe parken.“
„Oh, wie romantisch“, gab sie spitz zurück.
„Romantik ist nicht der Zweck unserer Verabredung“, erwiderte er darauf und sah gleich darauf ihr abweisendes Gesicht. „Sondern Klarheit. Das ist es doch, was du willst.“
Sie öffnete den Mund, brachte eine Sekunde lang jedoch nichts heraus. Dann nickte sie und sagte tonlos: „Ja, Klarheit, da hast du verdammt recht.“
„Dann komm bitte schnell mit um die Ecke und du wirst das meiste schon verstehen, bevor ich auch nur ein Wort gesagt habe. Ich bin fest überzeugt, dass wir heute Abend alle Missverständnisse ausräumen werden.“ ‚Und ich meine Ruhe habe’, dachte er noch dazu.
„Hm, ich weiß nicht“, gab sie zu bedenken, aber er war schon auf Höhe des Martinstores, sodass sie sich beeilen musste, um noch aufzuholen. „He, Moment mal, warte!“
Als sie ihn eingeholt hatte, bemerkte sie: „Sehr galant war das nicht.“
Sein Blick fiel auf ihr Kleid und die Schuhe mit hohen Absätzen. „Entschuldige bitte. Wo sind nur meine Manieren? Es ist sicher schwer, mit diesem Schuhwerk auf dem Pflaster zu gehen.“
Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, war er auf die linke Seite gewechselt und bot ihr den Arm an, den sie nach einem langen Moment des Zögerns annahm und sich von ihm stützen ließ, während sie zur Innenstadt hinausgingen und der Kaiser-Joseph-Straße bergab in Richtung Dreisam folgten. Nach ein paar Metern sagte sie zögernd: „Ich werde aus deinem Verhalten einfach nicht schlau. Bist du schizophren?“
„Ein wenig.“ Er grinste plötzlich breit. „Und schwer paranoid. Es ist keine gute Idee, einen Paranoiker zu verfolgen, weißt du?“
„Hab’ ich gemerkt.“ Sie musste wider Willen schmunzeln. „Hast du sonst noch irgendwelche geistigen Fehlfunktionen?“
„Keine, von denen du wissen müsstest. Und von denen, die du wissen müsstest, erzähle ich dir gleich im Restaurant.“
„Okay. Hört sich ja vielversprechend an. Aber wohin bringst du mich eigentlich?“
Genau hierhin. Erklärt das vielleicht einiges? Mein Bruder sagte, du würdest es bestimmt wieder erkennen.“ Er blieb stehen und wies mit der Hand neben sich.
Erst jetzt sah sie, was da stand: Am Straßenrand, in eine Parklücke gezwängt, parkte ein schneeweißer Opel Monza GS/E. Mit offenem Mund starrte sie das Auto an, als sich langsam der Schock des Widererkennens in ihr ausbreitete und von ihr Besitz ergriff. Sie ging mit weit offenstehendem Mund zur Fahrzeugfront, ging in die Hocke und betrachtete den schwarzlackierten Kühlergrill aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Ihre Beine versagten und sie fiel aus der Hocke rücklings auf den Hintern.
„Dann stimmt es wirklich: Du warst das Kind, das mein großer Bruder vor zehn Jahren oder so beinahe überfahren hätte. Lass mich raten, wo du aufgewachsen bist.“ Er nannte ihr den Ort und sie nickte fassungslos.
Als er ihr die Hand reichte und ihr aufhalf, stammelte sie: „Das ... das ist ... das gleiche Auto ... und es ... es sieht auch genau gleich aus wie damals. Es hat sogar das gleiche Kölner Nummernschild: K-FR 7800. Die alte Postleitzahl von Freiburg. Wie könnte ich das jemals vergessen? Aber du ...? Du siehst noch genauso aus wie damals. Wie kann das sein?“
Er stöhnte leise: „Du hörst mir nicht zu, meine Guteste. Für dich mag es so aussehen und auch meine gesamte Verwandtschaft nervt mich ständig damit, dass ich meinem großen Bruder gleiche wie ein Ei dem anderen, als er in meinem Alter war. Und jetzt auch noch du ...“
„Du hast mir wirklich einiges zu erklären. Vor allem weiß ich noch immer nicht, wieso du so einfach meinen Nachnamen gewusst hast. Mein Unfall von damals mit deinem ... Zwillingsbruder kann dafür jedenfalls nicht herhalten.“
„Herrgott, er ist neun Jahre älter als ich, nicht mein Zwillingsbruder. Du hast ihn nur genauso in Erinnerung wie ich jetzt aussehe. Muss ich dir das aufmalen oder begreifst du das jetzt endlich?“
„Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich dir diese Gutenachtgeschichte abnehme?“, fragte sie mit in die Hüften gestemmten Armen und grimmiger Miene.
Wortlos zog er das leicht verblichene, geknickte und von ihm auf ‚alt’ getrimmte Bild von sich aus seinem Geldbeutel heraus. Nun würde er sehen, ob sich seine Mühen gelohnt hatten.
Fasziniert besah sie sich die Schwarzweißaufnahme und sah ihn dabei verstohlen an. „Wirklich verblüffend. Aber wenn man genau hinsieht, entdeckt man kleine Unterschiede. Und wo hat er diese Narbe her? Als ich ihm begegnet war, hatte er sie noch nicht.“
„Ich glaube, er hatte beim Baseball eine unglückliche Begegnung mit einem Bat, einem Schläger, und musste genäht werden. Tja, eine Sportskanone war er nie, aber aufgegeben hat er deshalb nicht.“ Er wollte sie wieder unterhaken und zum Roma zurückführen, doch sie entzog sich seinem Zugriff.
„So weit, so gut, aber auf den Rest der Geschichte bin ich jetzt wirklich gespannt.“ Sie klopfte sich den Straßenstaub von der Seite des Kleides und musterte ihn eindringlich.
„Warte, da ist noch etwas.“ Er klopfte ihr mehrfach leicht auf die Hüfte und das Gesäß, um Restschmutz zu entfernen. Sie missverstand das gründlich.
„Was fällt dir ein?“ In einem Reflex schoss ihre Hand auf seine Wange zu.
Sein Reflex, sich zu ducken, war um einiges schneller. Kaum wahrnehmbar für das menschliche Auge zog er den Kopf ein und richtete sich wieder auf. „Daneben.“
Sie starrte ihn an. „Wow! Du bist verdammt schnell, Daniel.“
„Ich wollte dir nur helfen, dein Kleid abzuklopfen. Und ich war nicht schnell, du warst langsam.“ Er lächelte schelmisch.
Sie runzelte die Stirn, nahm dann aber doch den ihr angebotenen Arm und ließ sich von ihm zum Restaurant zurückführen. „Du gehst nicht besonders oft aus, oder?“
Er sah sie unverwandt an und schüttelte dann den Kopf. „Nein, nicht besonders oft.“
„Dachte ich mir.“ Sie dachte nach und hakte dann noch einmal nach: „Ich war langsam?“
„Ich hätte dir aus der Hand lesen können, während du ausgeholt hast“, bekräftigte er.
Sie lachte. Das Eis war gebrochen.



Das Obergeschoss des Roma war ziemlich kitschig eingerichtet, mit viel Marmor-Imitat, vergoldetem Zierrat und einer komplett verspiegelten Rückwand über den roten Kunstledersofas, die entlang der Außenwände zu finden waren. Kombiniert mit der Lage direkt zwischen Bertoldsbrunnen und Martinstor, konnte man dieses Lokal getrost als ‚Touristenfalle’ bezeichnen. Entsprechend waren auch die Preise und Portionen des Essens, wenngleich vor allem die Pasta vorzüglich schmeckte. Und da CSM 108-1 ohnehin keine großen Mengen essen konnte, fand er seine Wahl angemessen.
Nachdem sie an einem kleinen Zweiertisch Platz genommen und bei dem mürrischen, gelangweilt scheinenden Kellner bestellt hatten, entstand eine unangenehme Redepause. Karin sah ihn aus ihren ungewöhnlich hellbraunen Augen, die in diesem Licht einen leichten Stich ins Grüne aufwiesen, abschätzend an und verzog ihre geschwungenen Lippen ein wenig schmollend. „Jetzt weiß ich also, was ich an dir die ganze Zeit gefunden habe: gar nichts.“
„Das ist richtig. Ich habe dich einfach nur an meinen großen Bruder erinnert, so wie er dir durch dieses Erlebnis im Gedächtnis geblieben ist“, stimmte er zu.
Sie stockte. „Du bist hart im Nehmen.“
„Auch das ist korrekt.“ Er lächelte sein ironisches Lächeln mit einem hochgezogenen Mundwinkel.
„Kann dich denn gar nichts verletzen?“, wollte sie fassungslos wissen.
„Nichts, was du sagst. Du warst immer meine Susie Derkins.“ Er zuckte mit den Schultern und sah auf die Serviette vor sich.
„Deine was?“
„Oh, das wird eine ganze Weile dauern, um es zu erklären. Es ist einfach zu profan. Ich werde sehr weit ausholen müssen, damit du alle Zusammenhänge verstehen kannst. Aber warum sollte ich das tun? Du bist bisher ziemlich fies zu mir gewesen.“
„Tut mir leid, dass ich so ... abweisend war. Aber interessieren würde es mich trotzdem.“ Sie stützte ihr Kinn auf die Handfläche und den Ellenbogen auf den Tisch. Ihr Blick gefiel ihm gar nicht.
Er erzählte ihr seinen bisherigen fiktiven Lebenslauf, den er auch Simon in dieser Form dargelegt hatte. Er erwähnte auch, dass sein älterer Bruder David ebenfalls hier in Freiburg studiert hatte, dann aber wieder nach Köln zog, bis die Familie zurück in die USA ging. Und nun war er hier und trat sozusagen in die Fußstapfen seines Bruders.
„Klingt echt toll. Ich kann gar nicht verstehen, dass du freiwillig hier geblieben bist. Wenn ich die Chance hätte, in den Staaten zu leben ...“, schwärmte sie.
„Du darfst nicht alles so einseitig sehen. In den USA gibt es einen sehr schlechten Umweltschutz, das Wertstofftrennen und Recycling steckt in den Kinderschuhen, sämtliche Grund- und Rohstoffe, egal ob Strom, Trinkwasser, Benzin, Kunststoffe und so weiter, werden verschwendet, als gäbe es kein Morgen.“ Kluges Völkchen, dachte er dabei und grinste angesichts seiner Kenntnis der Zukunft in sich hinein.
„Das Sozialversicherungs-, Kranken- und Rentensystem ist entweder ein Witz oder schlicht gar nicht vorhanden, alles ist auf puren Kapitalismus ausgerichtet. Eine reine Ellbogengesellschaft, in der die Schwachen nicht bestehen können. In der Millionen von Menschen zwei oder mehr Jobs annehmen müssen, um sich irgendwie über Wasser halten zu können. Soll ich fortfahren?“
„Nein, danke, ich bin jetzt schon desillusioniert. Du hast dich also entschlossen, in Deutschland, dem Arbeiterparadies und Himmel auf Erden, zu bleiben.“ Sie winkte mit genervter Miene ab.
„Ich finde deinen Zynismus unpassend. Aber wie dem auch sei, du warst für mich immer ein rotes Tuch. Dafür hat mein Bruder nach eurer Begegnung gesorgt. Es ist eigentlich total albern, aber ich fürchte, ich komme nicht darum herum, es dir zu erzählen.
Ich habe lange nach einer Analogie gesucht, um es dir irgendwie begreiflich zu machen. Und weißt du, was das beste ist, das mir eingefallen ist? Calvin & Hobbes! Kennst du diesen amerikanischen Comic?“
„Naja, er ist bei uns nicht so bekannt wie Charlie Brown oder Garfield oder so ... aber doch, ich kenne ihn. Und was bitte hat das mit mir zu tun?“ Unwillig sah sie ihn an.
„Die Sache ist die: Der kleine Junge Calvin hat ständig sein Kuscheltier, den Tiger Hobbes, dabei. Wenn die beiden alleine sind, wird Hobbes lebendig und durchlebt die tollsten Abenteuer mit seinem ‚Freund’. Er ist auch oft die vernünftige Seite, der Ratgeber und das gute Gewissen von Calvin. In dieser Beziehung könnte man sagen, ich war Calvin und mein großer Bruder war Hobbes.“
„Dir ist aber klar, dass Calvin ein totaler Freak ist?“, fragte sie mit zuckersüßem Lächeln.
„Ich sehe, du kennst dich aus. Jetzt aber kommt Susie Derkins ins Spiel. Hobbes zieht Calvin vom ersten Moment an auf, als sie in die Nachbarschaft zieht, und ärgert ihn damit, dass er in Susie verknallt ist. Ein Junge in einem gewissen Alter jedoch will von Mädchen rein gar nichts wissen. Unterbewusst ist er zwar neugierig auf das andere Geschlecht, würde es aber nie zugeben, und spielt ihr deshalb Streiche und ärgert sie, um nach außen hin offen seine Abneigung zu ihr zu verdeutlichen“, führte er aus.
„Susie ist gut in der Schule, vernünftig und hört nicht auf zu versuchen, doch noch wenigstens eine Art Freundschaft zwischen ihnen aufzubauen. Ich mag Susie. Wie aber kann ich Susie sein, wenn wir uns vorher nie begegnet sind?“, wollte sie wissen, arglos auf sein Gedankenspiel eingehend.
„Dafür hat Hobbes gesorgt, sprich David. Seit der Begegnung mit dir hat er nicht mehr aufgehört, den Jungen im Comiclese- und Modellbaualter, der zum ersten Mal in seinem Leben die Freiheit eines eigenen Zimmers genießt, da sein Bruder in Freiburg studiert, mit einem Mädchen zu nerven, da dieser selbst keinen Umgang mit ihnen pflegte.
‚Komm mich mal besuchen, Dan, dann stell ich sie dir vor.’ oder ‚Diese Karin würde dir bestimmt gefallen.’ Ganz zu schweigen von ‚Es gibt auch Mädchen auf der Welt, Danny. Die kleine Karin zum Beispiel ...’ Kannst du dir das vorstellen? Er hatte endlich etwas gefunden, was mich zur Weißglut trieb und benutzte es bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Warum er ausgerechnet dich als repräsentatives Exemplar der weiblichen Rasse erwählt hat, weiß ich auch nicht. Er beschrieb dich eingehend und verpasste mir dadurch ein Karin Bochner-Trauma, auf das ich liebend gerne verzichtet hätte.
Kannst du dir vorstellen, wie seine Reaktion am Telefon war, als ich ihm von unserer Begegnung erzählte? Er hat sich für ungefähr fünf Mark Telefongebühren von New York aus kaputtgelacht.“
„Dein Bruder ist ein Drecksack“, entfuhr es ihr.
„He, er ist Hobbes, schon vergessen? Außerdem bremst er auch für Tiere.“
„Sehr witzig. Wenn er ‚nur’ Hobbes ist und du Calvin, sollte ich wohl machen, dass ich hier schnellstens wegkomme“, stellte sie darauf fest.
„Das steht dir natürlich frei. Du hast alles erfahren, was du wissen wolltest. Welchen Grund sollte es noch für dich geben, hier zu bleiben?“, gab er zu bedenken.
„Du hältst dich wohl wirklich für unangreifbar, was? Ich habe noch nicht gegessen, deshalb.“ Damit grinste sie ihn an, sagte aber nichts mehr, weil nun endlich ihre Lasagne kam. Seine Tortellini al Salmone kamen – natürlich – erst zehn Minuten darauf. Doch das konnte die gespannte Stimmung auch nicht mehr steigern. Sie schien ihn wahrscheinlich für einen kompletten Idioten zu halten, was im Grunde auch sein Ziel gewesen war. Alles, was er hatte tun wollen, war, ihr eine halbwegs plausible Erklärung für all die Ungereimtheiten zu liefern, sich in einem möglichst negativen Licht darzustellen und ihr Interesse für ihn erlöschen zu lassen.
Mission erfüllt.
Warum hatte er dennoch kein gutes Gefühl dabei? Etwas schien ihn zu stören, ohne dass er definieren konnte, was.
Dieser Abend würde irgendwann zu Ende gehen, sie würden getrennter Wege gehen, sich noch ab und zu in einer Vorlesung sehen und ansonsten nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Und vor allem würde sie keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden.

[Fortsetzung folgt ...]

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