Montag, 25. Dezember 2006
T1.36
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 1. Oktober 1996

Die Mineralogie-Vorlesung war die einzige, die sowohl CSM 108-1 als auch Simon und Karin gemeinsam belegten. Die beiden saßen schon im Saal und warteten auf den Beginn der Einführung, als er dazustieß und sich neben Simon in die dritte Reihe setzte. „Morgen, Simon.“
„Hallo. Hast du gar nichts zum Schreiben dabei? Machst du dir denn keine Notizen?“
„Einführungswoche, Simon. Wir lernen noch nichts Relevantes, nur Dinge, die die Infrastruktur der Einrichtungen und die Abläufe hier verdeutlichen sollen.“ Er machte eine wegwerfende Geste und merkte sich vor, dass es auffällig sein würde, wenn er sich künftig keine Notizen machen würde; er würde sich demnach einen Schreibblock und Stift zu den Vorlesungen mitnehmen. Ein Mensch konnte schließlich nicht einfach allen Lehrstoff auf seine Hardware speichern und hatte dann jederzeit unbeschränkten Zugriff darauf wie er.
„Morgen, Calvin“, krähte Karin über ihren Mitbewohner hinweg, worauf der sie fragend ansah. Sie zuckte nur mit den Schultern: „Ist sein zweiter Vorname.“
„Morgen, Pseudo-Mortitia“, gab CSM 108-1 trocken zurück, worauf Simon einen taktischen Hustenanfall bekam, bei dem er sich weit nach vorne beugen musste, damit niemand sein Gesicht sehen konnte. An seinen Zwerchfell-Bewegungen war aber deutlich der kaschierte Lachanfall zu erkennen.
„Was willst du damit sagen?“, forderte sie ihn heraus.
„Dass du der Zerfallsrate deiner Haarspitzen nach dein naturbraunes Haupthaar schätzungsweise seit deinem fünfzehnten Lebensjahr schwarz färbst.“ Er sah geradeaus nach vorne und konzentrierte sich auf einen Punkt neben der Tafel.
„Wie bist du denn drauf? Wie nennt sich deine Fehlfunktion?“, schnappte sie zurück.
„Mit dir zu reden, mit dir in einer Wohnung zu wohnen, dir freiwillig das beste Zimmer überlassen zu haben, dich zum Essen eingeladen zu haben ... such’ dir was aus.“ Noch immer starrte er nach vorne, ohne jegliche Regung zu zeigen.
Als sie schwieg und den Blick senkte, rutschte es Simon heraus: „Wenn ich mit dir tausche, könnt ihr nachher ein bisschen knutschen.“
Jetzt reagierte CSM 108-1, indem er langsam den Kopf herumschwenkte und ihn so durchdringend anstarrte, dass es tief im Inneren seiner Augen zu glühen schien. Simon musste schlucken, doch dann sagte er: „Das war echt gut, Simon. Beinahe britisch in seiner Ironie und Situationskomik. Wenn es nicht so abgrundtief traurig wäre, könnte ich Tränen lachen. Aber um dein Angebot zu beantworten, ich glaube nicht, dass es nötig ist, die Plätze zu tauschen. Karin war noch nie weiter davon entfernt als jetzt, von mir geküsst zu werden. Was größtenteils ihr eigener Verdienst ist.“
Karins Kopf ruckte herum, während Simon über die Schulter raunte: „Hast du gehört? Er liebt dich.“
„Jaja, Schwachkopf, werd’ endlich erwachsen.“ Sie sah das kollektive breite Grinsen auf den Gesichtern ihrer beiden Mitbewohner, das sich mittlerweile auf sämtliche Nachbarn in Hörweite ausgebreitet hatte. Es war auffällig ruhig geworden, obwohl die Lesung noch nicht begonnen hatte. Es begann peinlich zu werden.
„Nein, nein, er hat recht“, widersprach CSM 108-1, worauf ein leises Raunen aufkam, „ich kann es dir nur nicht so zeigen, wie ich es vielleicht sollte.“
„Daniel ...“ Sie holte tief Luft und zischte ihm dann eine hochgradig obszöne Anweisung zu, was er mit seinem Knie tun sollte, worauf laute ‚Aahs’ und ‚Oohs’ im Saal zu hören waren.
„Klingt sehr interessant, aber anatomisch unmöglich ausführbar“, gab er zurück, worauf Applaus aufkam.
Nun war es an ihr, nach vorne zu starren, doch zu ihrem Glück betrat jetzt der Dozent den Saal und meinte verwundert: „Vielen Dank, zu freundlich. Ich möchte wetten, dass sich Ihr Enthusiasmus recht bald verflüchtigen wird.“
Erneut ging Gelächter ob des Missverständnisses durch den Saal, danach begann die Einführung und Ruhe kehrte ein. CSM 108-1 saß zufrieden auf seinem Platz und nahm das Gesagte in sich auf, während er den Disput verarbeitete, den er mit Karin gehabt hatte. Nach dieser Szene brauchte er sich wohl keine Sorgen mehr darum zu machen, zu viel Aufmerksamkeit von ihr zu erhalten. Er schätzte die Chancen höher ein, dass sie versuchen würde, seinen Organismus zu vergiften, als nochmals mit ihm auszugehen.
Alle Probleme gelöst.
Dachte er.

[Fortsetzung folgt ...]

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