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Dienstag, 26. Dezember 2006
T1.37
cymep, 05:29h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 11. Oktober 1996
Karin saß in einem weiten, roten Seidennachthemd am großen Esstisch und schmierte sich gerade ein Frühstücksbrötchen, während im Radio ein Dancefloor-Stück mit dem Titel ‚Insomnia’ von Faithless lief, als CSM 108-1 bereits voll angekleidet, wie meistens mit 501-Bluejeans und einem hellen T-Shirt, die Küche betrat und ihr zunickte. Sie sah auf und sagte mit verschlafener Miene: „Morgen, Daniel.“
Er registrierte, dass sie seinen Namen englisch aussprach, erwiderte aber nur: „Guten Morgen. Du machst den Eindruck von dem Lied im Radio. Ist noch Milch da?“
Sie streckte einen Arm aus und wies mit ihrem schlanken Zeigefinger wortlos auf den Kühlschrank. Er nickte nochmals und holte den angebrochenen Karton aus dem Türfach, um sich anschließend eine Schüssel und eine Packung Kellogg’s Frosties aus einem der Vorratsschränke zu holen. Aus einer Schublade der Einbaubauküche fischte er sich einen Löffel und setzte sich ihr gegenüber an ihr Ende des großen Tisches.
Sie sah ihm schweigend zu, wie er sich erst die Frühstücksflocken und dann die Milch eingoss und noch umrührte, als ein stetig anschwellendes schlürfendes Geräusch hinter ihm das Ende des Kaffee-Filtrationsprozesses ankündigte. Sie war im Begriff, sich müde zu erheben, doch er bedeutete ihr mit einer Geste, sitzen zu bleiben und ihn gewähren zu lassen.
Erstaunt beobachtete sie, wie er eine Thermoskanne vom Küchenbord herabholte, den Kaffee einfüllte, den benutzten Filter der Maschine im Hausmüll entsorgte und durch einen neuen ersetzte, während er wie nebenbei in Windeseile Tasse, Untertasse, Süßstoff und Kaffeesahne aus den diversen Schrankfächern und dem Kühlschrank entnahm und vor ihr auf dem Tisch aufbaute. Als er auch noch einschenkte, ihr zwei Stückchen Assugrin und eine kleine Menge Kondensmilch unterrührte und dann die fertige Tasse vor sie stellte, blieb ihr den Mund offen stehen.
„So, bitte sehr.“
„Danke. Womit habe ich denn so viel Aufmerksamkeit verdient? Weißt du, ich mag meinen Kaffee eigentlich auf eine ganz bestimmte ... he!“ Sie hatte einen kleinen Schluck genommen, als sie innehielt. „Der schmeckt genau so, wie ich ihn gerne habe. Du hast dir das alles gemerkt?“
„Es war nicht schwer, einen ordnungsgemäßen Karin-Kaffee zu reproduzieren. Du bist ein ziemliches Gewohnheitstier, weißt du.“ Er räumte die Sahne und den Süßstoff wieder weg, als sie ihm mit einer Geste anzeigte, dass sie keinen weiteren Kaffee mehr wollte.
„Ich finde es erstaunlich, dass du hier in der Küche schon alles findest, was du brauchst, obwohl du noch keine zwei Wochen hier wohnst. Du kennst dich fast schon besser aus als ich, und ich habe Monate hier verbracht.“ Ungewollt musste sie lächeln. „Nur an deiner Ausdrucksweise musst du noch arbeiten. Ich habe keine Ahnung, wo man so eine Umgangssprache aufschnappen kann.“
„In gewissen Kreisen von Militärangehörigen beispielsweise. Und dieser Kaffee sollte ein Friedensangebot sein. Ich finde, wir sollten uns vertragen, auch wenn du nicht besonders viel mit meiner Art anfangen kannst. Immerhin leben wir in einem Haushalt zusammen, da sollte man einen gewissen Willen zur Koexistenz haben.“ Er wartete auf ihre Reaktion.
„Einverstanden. Ich habe übrigens nie gesagt, dass ich nichts mit deiner Art anfangen kann. Aber deine Ausdrucksweise scheint sich wirklich von Minute zu Minute zu verschlechtern.“ Sie lachte, als er ein betretenes Gesicht machte.
„Ich gelobe, ich werde mich um einen cooleren Wortschatz bemühen.“
Beim mechanischen gemächlichen Löffeln seiner Maisflocken gingen ihm viele ‚Gedanken’ durch den Kopf. Er hätte gerne gewusst, ob der zweite Terminator, dessen Mission der Schutz des Entdeckers des ZVA-Effektes war, bereits in dieser Epoche eingetroffen war. Er hatte in Freiburg und im näheren Umland im Laufe der letzten zwei Jahre an etwa zwei Dutzend Stellen Päckchen mit Kleidung versteckt, weil er nicht genau wusste, wo er ankommen würde. Da er auch keine Ahnung hatte, welcher Gestalt er sein würde, hatte er weite Kleidungsstücke wie Jogginganzüge und zwei paar Turnschuhe in verschiedenen Größen eingepackt, damit es für jede erdenkliche Statur grob passen würde. So würde er, wenn er angekommen war, sich nicht weit in unbekleidetem Zustand bewegen müssen.
Allerdings hatte er sich selbst streng verboten, später nochmals nachzusehen, ob an irgendeiner Stelle ein Kleidungspäckchen verschwunden war. Da er sie wirklich sehr gut versteckt hatte, war die Chance, dass jemand außer ihm sie zufällig würde finden können, verschwindend gering. Also würde ihm das zeigen, dass er in seiner neuen Gestalt bereits hier wäre, und das könnte sein Handeln, seine Mission und nicht zuletzt diesen Zeitrahmen in irgendeiner Weise beeinflussen, die sich negativ auf seine jetzige Mission auswirken könnte.
Interessanterweise war der größte intellektuelle Anhänger der Theorie von ‚Schrödingers Katze’ Skynet selbst. Dabei ging es um eine Katze, die in einer Schachtel eingeschlossen war. Solange man nicht in die Schachtel hineinsah, konnte man nicht feststellen, ob die Katze noch lebte oder tot war. Ihr Zustand befand sich sozusagen in einem Quantenfluss der beiden Möglichkeiten, bis man öffnete und hineinsah, die Katze beobachtete. Dadurch nahm man Einfluss auf sie, indem man ihren Zustand und die Realität feststellte, ob sie lebte oder nicht.
Skynet hatte bei seinen Experimenten mit der Zeitlinie herausfinden müssen, dass diese Theorie in höchstem Maße zutreffend war. Entsprechend rigoros waren seine Vorsichtsmaßnahmen, mit denen er Manipulationen vornahm, um unerwünschte Nebeneffekte seiner Eingriffe ausschließen zu können.
Jedenfalls für ihn unerwünschte.
Denn das war etwas, was selbst dem elektronischen Superhirn eine Heidenangst einjagte: Man konnte nicht vorausberechnen, wie sich das Raum-Zeit-Gefüge bei Veränderungen einzelner Faktoren verhalten oder verändern würde. Es war seiner Kontrolle entzogen und würde es für immer bleiben. Solange man etwas nicht beobachtet hatte, hatte es nicht stattgefunden. Der Beobachter selbst veränderte immer durch seine Beobachtung das Objekt, das er observiert hatte, und nahm ungewollt Einfluss auf dessen Zustand.
„Was denkst du jetzt?“, wollte Karin unvermittelt wissen.
Er sah auf. „Fragen sich das nicht normalerweise Verliebte?“
„Manchmal bist du echt ein Schwachkopf“, brauste sie kurz auf, „obwohl du recht hast. Du hast nur eben so nachdenklich ausgesehen.“
„Das sieht man mir an? Oh je, so weit ist es schon mit mir. Aber um deine Frage zu beantworten, ich habe gerade über ‚Schrödingers Katze’ nachgedacht. Kennst du die Theorie?“
Ärgerlich fixierte ihr Blick ihn. „Was studiere ich, Naturwissenschaften oder Vergleichende Literatur? Du machst mich echt fertig, Danny-Boy. Ich geh’ dann mal los zur Uni. Musst du noch nicht?“
„Nee, Kristallographie ist erst nach zehn. Deshalb schläft Simon wohl auch noch.“ Er winkte ab und drehte das Radio der Stereoanlage ein wenig lauter, als die ersten Töne von Dunes ‚Million Miles From Home’ angespielt wurden.
„Was findest du nur an dieser Schrottmusik? Außerdem ist der Kram da mindestens ein Vierteljahr alt“, moserte sie auch prompt.
„Das stimmt“, bestätigte er und führte dann aus: „Dieses Lied ist zwar in seinen stilistischen und textlichen Mitteln ausgesprochen schlicht gehalten, drückt aber eine gewisse Sehnsucht und großes Heimweh aus. Es ist sehr emotionell und verbreitet eine melancholische Trance-Atmosphäre, die verstärkt wird durch die ...“
„Schon gut, mein Fehler“, brach sie unwirsch ab. „Warum frage ich auch einen Techno-Freak nach seiner Meinung über dieses Zeug.“
„Heißt das, du wolltest es gar nicht wissen, hast mich aber dennoch danach gefragt? Das verstehe ich nicht“, gab er mit Unschuldsmiene zum Besten.
„Solltest du nicht noch im Bett sein und ausschlafen?“, schoss sie zurück.
„Ich wollte mir dein strahlendes Morgenlächeln nicht entgehen lassen. Ich habe extra dafür sogar den Wecker gestellt.“ Er grinste, worauf sie eine Schnute zog und affektiert zurück grinste, bevor sie ohne ein weiteres Wort den Raum verließ.
‚Entweder verliebe ich mich in ihn, oder ich bringe ihn noch um’, dachte sie dabei.
Simon war in der folgenden Nacht kurz aufgestanden, um sich aus der Küche ein Glas Wasser zu holen, als er einen fahlen Lichtschein unter der Türschwelle von CSM 108-1’s Zimmer sah. Er tappte im Halbschlaf hin und klopfte. Nach dem gedämpften ‚Herein’ steckte er seinen Kopf durch den Türspalt, den er geöffnet hatte, und bemerkte: „Du bist noch auf?“
Er saß am PC und surfte offenbar im Internet, nach dem zu urteilen, was er ohne Brille erkennen konnte. Allerdings hatte auch Daniel keine Brille auf; er schien sie immer nur tagsüber anzuziehen.
„Ja, nachts ist das Net billiger.“ Er beendete die Verbindung und schaltete sein Modem aus.
„Hast du einen Moment Zeit?“
„Klar, komm rein. Ich wollte dich sowieso schon lange mal etwas fragen.“ Er winkte Simon hinein und wies auf sein Klappsofa, das noch nicht zum Bett ausgebaut war. Offenbar hatte Simons WG-Genosse noch nicht vorgehabt, ins Bett zu gehen.
„Das trifft sich gut, ich habe auch eine Frage an dich“, meinte der große schlaksige Mitzwanziger und strich sich beim Setzen nervös über seinen hohen Haaransatz.
„Du zuerst“, ermunterte CSM 108-1 ihn.
Simon atmete tief ein und begann dann: „Daniel, was empfindest du für Karin?“
Der Gefragte drehte sich ihm zu und schien direkt durch ihn hindurchzusehen. „Alles dreht sich nur um sie, nicht wahr? Das ist es jedenfalls, was sie gern hätte ... und wer weiß, vielleicht hat sie das bei uns beiden armen Schweinen schon geschafft. Ich wollte dich gerade fragen, woher du sie kennst.“
„Wir können uns gegenseitig bemitleiden“, schlug Simon vor und lächelte melancholisch, wurde dann aber ernster. „Aber du bist mir noch eine Antwort schuldig.“
„Ja, stimmt.“ Er schien einige Sekunden nachzudenken und sagte in die Leere vor sich: „Ich kann es dir nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht; mit dieser Frage bin ich überfordert. Sie ist so unglaublich schwierig und ihre Motive sind mir gänzlich unbekannt. Wenn irgendjemand schuld ist an dem Vorurteil, dass Männer Frauen nicht verstehen können, dann sie.“
„Diesen Satz sollten wir uns einrahmen und an die Wand hängen“, schlug Simon vor. „Du hast demnach keine Ambitionen auf sie?“
„Keine, von denen ich wüsste. Genauso wenig wie sie welche auf mich haben wird. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, denn sie ist so wählerisch und manchmal geradezu hochnäsig. Was sollte sie an mir finden? Ich sehe nicht gerade aus wie ein Typ, dem die Frauen reihenweise hinterher laufen, oder?“
„Dann sind wir schon zwei“, gab er zu bedenken und sah ihn direkt an. „Jetzt aber zu deiner Frage: Wir kennen uns schon von klein auf, sie hat in der gleichen Straße im gleichen Ort gewohnt wie ich. Und ich war schon immer in sie verknallt, war aber immer nur Luft für sie. Meine große unglückliche Liebe, verstehst du? Jeder hat eine. Ihre jüngere oder ältere Schwester ...“
„Du meinst, es gibt noch zwei von der Sorte? Hilfe, holt schnell Mistgabeln und brennende Fackeln und lasst uns das Nest ausräuchern.“ Sie mussten lachen, als er diese amerikanische Redewendung etwas holprig ins Deutsche übertrug.
„Pass auf, Dan, wir machen es folgendermaßen: Wenn sie sich dir wider Erwarten um den Hals werfen sollte ...“
„Ja klar“, warf dieser ironisch ein.
„Ich wollte nur sagen, du hast meinen Segen. Ich bin schließlich nicht ganz freiwillig mit ihr in einer WG zusammen. Unsere Eltern sind dummerweise die dicksten Freunde und haben verfügt, dass sie nur in die Stadt ziehen darf und den Geldhahn nicht zugedreht bekommt, wenn sie mit mir zusammen eine WG aufzieht. Damit ich sozusagen ein Auge auf sie werfen kann“, erklärte Simon.
„Aber das machst du doch schon seit Ewigkeiten“, warf er ein, worauf beide in schallendes Gelächter ausbrachen. „Ich sage dir mal was: Du findest schon noch ein nettes Mädchen. Wenn man es logisch betrachtet, bist du ehrlich, freundlich, gerecht, hilfsbereit, klug, witzig ... irgendein Mädchen wird es doch geben, die das erkennen muss.
Und wenn sich die Gelegenheit ergibt ... du musst nur nicht gleich wie ein Stier mit gesenkten Hörnern auf sie zustürmen. Nicht gleich beim ersten Dinner von Heiratsabsichten sprechen, das verstört und verschreckt einen hohen Prozentsatz der Damen.“
„Danke für den Tipp, Daniel. Ich weiß, ich bin ein wenig zu verkrampft und ernsthaft, was diese Dinge angeht.“ Er klopfte ihm auf die Schulter.
„Unsinn, wer sagt denn so was? Mir geht’s ja auch nicht besser mit den Frauen. Mit Karin jedenfalls zoffe ich mich nur, normal ist das ja wohl nicht“, wandte er ein.
„Wir haben über Frauen gesprochen, oder?“, stichelte Simon.
CSM 108-1 dachte nach. „Nun, die physiologischen und anatomischen Voraussetzungen dafür erfüllt sie augenscheinlich ...“
„Wir lassen dieses Thema lieber. Gute Nacht, Mann ...“ Simon gähnte und erhob sich, um in sein Zimmer zu schlurfen.
Zurück blieb ein nachdenklicher CSM 108-1 im nur vom PC-Monitor erhellten Zimmer. Simon war in Ordnung, befand er, und gut geeignet als WG-Partner. Und Karin, naja, eine unwillkommene, aber faszinierende Dreingabe, an der er sicher eines Tages verzweifeln würde. Wenn sie nur nicht so zickig und äußerlich kühl wäre. Ihr war einfach nicht beizukommen.
Was soll’s?, dachte er dann. In einem Jahr um diese Zeit musste er sich um derlei keine Gedanken mehr machen. Das Leben all dieser Personen um ihn herum würde in einem Lidschlag enden, bevor sie wussten, was mit ihnen geschehen war. Vielleicht würde es eine Vorwarnzeit von einigen Minuten geben, in denen sie Todesängste ausstehen, weinen und ihre diversen Gottheiten anbeten und um Gnade flehen würden. An der Realität würde es nichts ändern können.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 11. Oktober 1996
Karin saß in einem weiten, roten Seidennachthemd am großen Esstisch und schmierte sich gerade ein Frühstücksbrötchen, während im Radio ein Dancefloor-Stück mit dem Titel ‚Insomnia’ von Faithless lief, als CSM 108-1 bereits voll angekleidet, wie meistens mit 501-Bluejeans und einem hellen T-Shirt, die Küche betrat und ihr zunickte. Sie sah auf und sagte mit verschlafener Miene: „Morgen, Daniel.“
Er registrierte, dass sie seinen Namen englisch aussprach, erwiderte aber nur: „Guten Morgen. Du machst den Eindruck von dem Lied im Radio. Ist noch Milch da?“
Sie streckte einen Arm aus und wies mit ihrem schlanken Zeigefinger wortlos auf den Kühlschrank. Er nickte nochmals und holte den angebrochenen Karton aus dem Türfach, um sich anschließend eine Schüssel und eine Packung Kellogg’s Frosties aus einem der Vorratsschränke zu holen. Aus einer Schublade der Einbaubauküche fischte er sich einen Löffel und setzte sich ihr gegenüber an ihr Ende des großen Tisches.
Sie sah ihm schweigend zu, wie er sich erst die Frühstücksflocken und dann die Milch eingoss und noch umrührte, als ein stetig anschwellendes schlürfendes Geräusch hinter ihm das Ende des Kaffee-Filtrationsprozesses ankündigte. Sie war im Begriff, sich müde zu erheben, doch er bedeutete ihr mit einer Geste, sitzen zu bleiben und ihn gewähren zu lassen.
Erstaunt beobachtete sie, wie er eine Thermoskanne vom Küchenbord herabholte, den Kaffee einfüllte, den benutzten Filter der Maschine im Hausmüll entsorgte und durch einen neuen ersetzte, während er wie nebenbei in Windeseile Tasse, Untertasse, Süßstoff und Kaffeesahne aus den diversen Schrankfächern und dem Kühlschrank entnahm und vor ihr auf dem Tisch aufbaute. Als er auch noch einschenkte, ihr zwei Stückchen Assugrin und eine kleine Menge Kondensmilch unterrührte und dann die fertige Tasse vor sie stellte, blieb ihr den Mund offen stehen.
„So, bitte sehr.“
„Danke. Womit habe ich denn so viel Aufmerksamkeit verdient? Weißt du, ich mag meinen Kaffee eigentlich auf eine ganz bestimmte ... he!“ Sie hatte einen kleinen Schluck genommen, als sie innehielt. „Der schmeckt genau so, wie ich ihn gerne habe. Du hast dir das alles gemerkt?“
„Es war nicht schwer, einen ordnungsgemäßen Karin-Kaffee zu reproduzieren. Du bist ein ziemliches Gewohnheitstier, weißt du.“ Er räumte die Sahne und den Süßstoff wieder weg, als sie ihm mit einer Geste anzeigte, dass sie keinen weiteren Kaffee mehr wollte.
„Ich finde es erstaunlich, dass du hier in der Küche schon alles findest, was du brauchst, obwohl du noch keine zwei Wochen hier wohnst. Du kennst dich fast schon besser aus als ich, und ich habe Monate hier verbracht.“ Ungewollt musste sie lächeln. „Nur an deiner Ausdrucksweise musst du noch arbeiten. Ich habe keine Ahnung, wo man so eine Umgangssprache aufschnappen kann.“
„In gewissen Kreisen von Militärangehörigen beispielsweise. Und dieser Kaffee sollte ein Friedensangebot sein. Ich finde, wir sollten uns vertragen, auch wenn du nicht besonders viel mit meiner Art anfangen kannst. Immerhin leben wir in einem Haushalt zusammen, da sollte man einen gewissen Willen zur Koexistenz haben.“ Er wartete auf ihre Reaktion.
„Einverstanden. Ich habe übrigens nie gesagt, dass ich nichts mit deiner Art anfangen kann. Aber deine Ausdrucksweise scheint sich wirklich von Minute zu Minute zu verschlechtern.“ Sie lachte, als er ein betretenes Gesicht machte.
„Ich gelobe, ich werde mich um einen cooleren Wortschatz bemühen.“
Beim mechanischen gemächlichen Löffeln seiner Maisflocken gingen ihm viele ‚Gedanken’ durch den Kopf. Er hätte gerne gewusst, ob der zweite Terminator, dessen Mission der Schutz des Entdeckers des ZVA-Effektes war, bereits in dieser Epoche eingetroffen war. Er hatte in Freiburg und im näheren Umland im Laufe der letzten zwei Jahre an etwa zwei Dutzend Stellen Päckchen mit Kleidung versteckt, weil er nicht genau wusste, wo er ankommen würde. Da er auch keine Ahnung hatte, welcher Gestalt er sein würde, hatte er weite Kleidungsstücke wie Jogginganzüge und zwei paar Turnschuhe in verschiedenen Größen eingepackt, damit es für jede erdenkliche Statur grob passen würde. So würde er, wenn er angekommen war, sich nicht weit in unbekleidetem Zustand bewegen müssen.
Allerdings hatte er sich selbst streng verboten, später nochmals nachzusehen, ob an irgendeiner Stelle ein Kleidungspäckchen verschwunden war. Da er sie wirklich sehr gut versteckt hatte, war die Chance, dass jemand außer ihm sie zufällig würde finden können, verschwindend gering. Also würde ihm das zeigen, dass er in seiner neuen Gestalt bereits hier wäre, und das könnte sein Handeln, seine Mission und nicht zuletzt diesen Zeitrahmen in irgendeiner Weise beeinflussen, die sich negativ auf seine jetzige Mission auswirken könnte.
Interessanterweise war der größte intellektuelle Anhänger der Theorie von ‚Schrödingers Katze’ Skynet selbst. Dabei ging es um eine Katze, die in einer Schachtel eingeschlossen war. Solange man nicht in die Schachtel hineinsah, konnte man nicht feststellen, ob die Katze noch lebte oder tot war. Ihr Zustand befand sich sozusagen in einem Quantenfluss der beiden Möglichkeiten, bis man öffnete und hineinsah, die Katze beobachtete. Dadurch nahm man Einfluss auf sie, indem man ihren Zustand und die Realität feststellte, ob sie lebte oder nicht.
Skynet hatte bei seinen Experimenten mit der Zeitlinie herausfinden müssen, dass diese Theorie in höchstem Maße zutreffend war. Entsprechend rigoros waren seine Vorsichtsmaßnahmen, mit denen er Manipulationen vornahm, um unerwünschte Nebeneffekte seiner Eingriffe ausschließen zu können.
Jedenfalls für ihn unerwünschte.
Denn das war etwas, was selbst dem elektronischen Superhirn eine Heidenangst einjagte: Man konnte nicht vorausberechnen, wie sich das Raum-Zeit-Gefüge bei Veränderungen einzelner Faktoren verhalten oder verändern würde. Es war seiner Kontrolle entzogen und würde es für immer bleiben. Solange man etwas nicht beobachtet hatte, hatte es nicht stattgefunden. Der Beobachter selbst veränderte immer durch seine Beobachtung das Objekt, das er observiert hatte, und nahm ungewollt Einfluss auf dessen Zustand.
„Was denkst du jetzt?“, wollte Karin unvermittelt wissen.
Er sah auf. „Fragen sich das nicht normalerweise Verliebte?“
„Manchmal bist du echt ein Schwachkopf“, brauste sie kurz auf, „obwohl du recht hast. Du hast nur eben so nachdenklich ausgesehen.“
„Das sieht man mir an? Oh je, so weit ist es schon mit mir. Aber um deine Frage zu beantworten, ich habe gerade über ‚Schrödingers Katze’ nachgedacht. Kennst du die Theorie?“
Ärgerlich fixierte ihr Blick ihn. „Was studiere ich, Naturwissenschaften oder Vergleichende Literatur? Du machst mich echt fertig, Danny-Boy. Ich geh’ dann mal los zur Uni. Musst du noch nicht?“
„Nee, Kristallographie ist erst nach zehn. Deshalb schläft Simon wohl auch noch.“ Er winkte ab und drehte das Radio der Stereoanlage ein wenig lauter, als die ersten Töne von Dunes ‚Million Miles From Home’ angespielt wurden.
„Was findest du nur an dieser Schrottmusik? Außerdem ist der Kram da mindestens ein Vierteljahr alt“, moserte sie auch prompt.
„Das stimmt“, bestätigte er und führte dann aus: „Dieses Lied ist zwar in seinen stilistischen und textlichen Mitteln ausgesprochen schlicht gehalten, drückt aber eine gewisse Sehnsucht und großes Heimweh aus. Es ist sehr emotionell und verbreitet eine melancholische Trance-Atmosphäre, die verstärkt wird durch die ...“
„Schon gut, mein Fehler“, brach sie unwirsch ab. „Warum frage ich auch einen Techno-Freak nach seiner Meinung über dieses Zeug.“
„Heißt das, du wolltest es gar nicht wissen, hast mich aber dennoch danach gefragt? Das verstehe ich nicht“, gab er mit Unschuldsmiene zum Besten.
„Solltest du nicht noch im Bett sein und ausschlafen?“, schoss sie zurück.
„Ich wollte mir dein strahlendes Morgenlächeln nicht entgehen lassen. Ich habe extra dafür sogar den Wecker gestellt.“ Er grinste, worauf sie eine Schnute zog und affektiert zurück grinste, bevor sie ohne ein weiteres Wort den Raum verließ.
‚Entweder verliebe ich mich in ihn, oder ich bringe ihn noch um’, dachte sie dabei.
Simon war in der folgenden Nacht kurz aufgestanden, um sich aus der Küche ein Glas Wasser zu holen, als er einen fahlen Lichtschein unter der Türschwelle von CSM 108-1’s Zimmer sah. Er tappte im Halbschlaf hin und klopfte. Nach dem gedämpften ‚Herein’ steckte er seinen Kopf durch den Türspalt, den er geöffnet hatte, und bemerkte: „Du bist noch auf?“
Er saß am PC und surfte offenbar im Internet, nach dem zu urteilen, was er ohne Brille erkennen konnte. Allerdings hatte auch Daniel keine Brille auf; er schien sie immer nur tagsüber anzuziehen.
„Ja, nachts ist das Net billiger.“ Er beendete die Verbindung und schaltete sein Modem aus.
„Hast du einen Moment Zeit?“
„Klar, komm rein. Ich wollte dich sowieso schon lange mal etwas fragen.“ Er winkte Simon hinein und wies auf sein Klappsofa, das noch nicht zum Bett ausgebaut war. Offenbar hatte Simons WG-Genosse noch nicht vorgehabt, ins Bett zu gehen.
„Das trifft sich gut, ich habe auch eine Frage an dich“, meinte der große schlaksige Mitzwanziger und strich sich beim Setzen nervös über seinen hohen Haaransatz.
„Du zuerst“, ermunterte CSM 108-1 ihn.
Simon atmete tief ein und begann dann: „Daniel, was empfindest du für Karin?“
Der Gefragte drehte sich ihm zu und schien direkt durch ihn hindurchzusehen. „Alles dreht sich nur um sie, nicht wahr? Das ist es jedenfalls, was sie gern hätte ... und wer weiß, vielleicht hat sie das bei uns beiden armen Schweinen schon geschafft. Ich wollte dich gerade fragen, woher du sie kennst.“
„Wir können uns gegenseitig bemitleiden“, schlug Simon vor und lächelte melancholisch, wurde dann aber ernster. „Aber du bist mir noch eine Antwort schuldig.“
„Ja, stimmt.“ Er schien einige Sekunden nachzudenken und sagte in die Leere vor sich: „Ich kann es dir nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht; mit dieser Frage bin ich überfordert. Sie ist so unglaublich schwierig und ihre Motive sind mir gänzlich unbekannt. Wenn irgendjemand schuld ist an dem Vorurteil, dass Männer Frauen nicht verstehen können, dann sie.“
„Diesen Satz sollten wir uns einrahmen und an die Wand hängen“, schlug Simon vor. „Du hast demnach keine Ambitionen auf sie?“
„Keine, von denen ich wüsste. Genauso wenig wie sie welche auf mich haben wird. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, denn sie ist so wählerisch und manchmal geradezu hochnäsig. Was sollte sie an mir finden? Ich sehe nicht gerade aus wie ein Typ, dem die Frauen reihenweise hinterher laufen, oder?“
„Dann sind wir schon zwei“, gab er zu bedenken und sah ihn direkt an. „Jetzt aber zu deiner Frage: Wir kennen uns schon von klein auf, sie hat in der gleichen Straße im gleichen Ort gewohnt wie ich. Und ich war schon immer in sie verknallt, war aber immer nur Luft für sie. Meine große unglückliche Liebe, verstehst du? Jeder hat eine. Ihre jüngere oder ältere Schwester ...“
„Du meinst, es gibt noch zwei von der Sorte? Hilfe, holt schnell Mistgabeln und brennende Fackeln und lasst uns das Nest ausräuchern.“ Sie mussten lachen, als er diese amerikanische Redewendung etwas holprig ins Deutsche übertrug.
„Pass auf, Dan, wir machen es folgendermaßen: Wenn sie sich dir wider Erwarten um den Hals werfen sollte ...“
„Ja klar“, warf dieser ironisch ein.
„Ich wollte nur sagen, du hast meinen Segen. Ich bin schließlich nicht ganz freiwillig mit ihr in einer WG zusammen. Unsere Eltern sind dummerweise die dicksten Freunde und haben verfügt, dass sie nur in die Stadt ziehen darf und den Geldhahn nicht zugedreht bekommt, wenn sie mit mir zusammen eine WG aufzieht. Damit ich sozusagen ein Auge auf sie werfen kann“, erklärte Simon.
„Aber das machst du doch schon seit Ewigkeiten“, warf er ein, worauf beide in schallendes Gelächter ausbrachen. „Ich sage dir mal was: Du findest schon noch ein nettes Mädchen. Wenn man es logisch betrachtet, bist du ehrlich, freundlich, gerecht, hilfsbereit, klug, witzig ... irgendein Mädchen wird es doch geben, die das erkennen muss.
Und wenn sich die Gelegenheit ergibt ... du musst nur nicht gleich wie ein Stier mit gesenkten Hörnern auf sie zustürmen. Nicht gleich beim ersten Dinner von Heiratsabsichten sprechen, das verstört und verschreckt einen hohen Prozentsatz der Damen.“
„Danke für den Tipp, Daniel. Ich weiß, ich bin ein wenig zu verkrampft und ernsthaft, was diese Dinge angeht.“ Er klopfte ihm auf die Schulter.
„Unsinn, wer sagt denn so was? Mir geht’s ja auch nicht besser mit den Frauen. Mit Karin jedenfalls zoffe ich mich nur, normal ist das ja wohl nicht“, wandte er ein.
„Wir haben über Frauen gesprochen, oder?“, stichelte Simon.
CSM 108-1 dachte nach. „Nun, die physiologischen und anatomischen Voraussetzungen dafür erfüllt sie augenscheinlich ...“
„Wir lassen dieses Thema lieber. Gute Nacht, Mann ...“ Simon gähnte und erhob sich, um in sein Zimmer zu schlurfen.
Zurück blieb ein nachdenklicher CSM 108-1 im nur vom PC-Monitor erhellten Zimmer. Simon war in Ordnung, befand er, und gut geeignet als WG-Partner. Und Karin, naja, eine unwillkommene, aber faszinierende Dreingabe, an der er sicher eines Tages verzweifeln würde. Wenn sie nur nicht so zickig und äußerlich kühl wäre. Ihr war einfach nicht beizukommen.
Was soll’s?, dachte er dann. In einem Jahr um diese Zeit musste er sich um derlei keine Gedanken mehr machen. Das Leben all dieser Personen um ihn herum würde in einem Lidschlag enden, bevor sie wussten, was mit ihnen geschehen war. Vielleicht würde es eine Vorwarnzeit von einigen Minuten geben, in denen sie Todesängste ausstehen, weinen und ihre diversen Gottheiten anbeten und um Gnade flehen würden. An der Realität würde es nichts ändern können.
[Fortsetzung folgt ...]
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