Mittwoch, 27. Dezember 2006
T1.38 - Kapitel 8
[... Fortsetzung des Buches]- 8 -

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 24. Oktober 1996

An diesem regnerischen Donnerstagabend hatten sie ihren ersten Diskussionsabend angesetzt, zu dem Karin und auch Simon eine ganze Reihe Kommilitonen eingeladen hatten, manche nur vom Hörensehen oder in der Mensa nach einem kurzen Gespräch. Es war ein Mitbring-Abend, was bedeutete, dass jeder etwas brachte, vorzugsweise was auch er selbst gern aß oder trank. Nichtsdestotrotz hatte sich sehr zu Karins Verwunderung vor allem Daniel in Unkosten gestürzt, um ihre Gäste zu bewirten.
Als er am frühen Abend mit seiner randvollen Kunststoff-Faltbox zur Küche herein balanciert kam, war sie gerade am Schneiden von Karotten und Sellerie in dünne, lange Streifen, zu denen sie dann diverse Dips zu reichen gedachte. Ungnädig fragte sie: „Was schleppst du denn da alles an?“
Wie üblich nahm er sie beim Wort, was sie stets und zuverlässig zur Weißglut brachte, und zählte getreu auf: „Kartoffelchips, Knabbermischung, Erdnussflips, Erdnüsse gesalzen, Popcorn, Cookies, Brownies, Käsecracker, Coke, Sprite, Fanta, Orangensaft, Multivitaminsaft, Apfelsaft ...“
„Jaja, aber wozu der ganze Plunder? Ich bereite hier gerade ein paar hausgemachte Häppchen zu, und den Rest bringen die Gäste.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, wobei sie vermied, ihre schwarzen Jeans oder den schwarzen Pullover zu beschmutzen, den sie trug.
„Schon, aber mir war es wichtig, unsere Gäste mit einer breiten Auswahl an Snacks zu versorgen“, erklärte er und stellte die schwere Kiste vorsichtig auf dem Küchenbord ab, worauf sie sein weißes T-Shirt bemerkte, auf das er ein Bild hatte drucken lassen, das Calvin zeigte, wie er hinterrücks Susie Derkins einen Schneeball an den Kopf warf. Er glaubte, ihr Zähneknirschen hören zu können.
Sie warf einen Blick auf seinen Einkauf und bemerkte: „Lauter gekaufter Fertigkram? Amerikaner sind so oberflächlich!“
„Stimmt. Wenn ich einen sehe, sag’ ich’s ihm.“ Er grinste.
„Küss mich.“ Sie wandte sich um und murmelte verärgert: „Möchte mal wissen, warum ich mir hier einen abschufte und den ganzen Kram hier selbst mache, wenn du Fertigmüll für eine Fünfzig-Mann-Party anschleppst. Die Hälfte davon ist eh’ blöder Ami-Mist, den keiner in Deutschland auch nur mit der Greifzange anrührt. Wer soll das alles nur essen?“
„Es wird dich zwar schockieren, aber es hat eine Erfindung gegeben, die Konservierung heißt. Stichwort: Haltbarkeitsdatum. Na? Klingelt da was bei dir?“ Im Dialog mit ihr musste er seine Datenbanken über geistreichen Teen- und Twen-Wortschatz stets bis ans Limit beanspruchen, wie ihm wieder einmal auffiel. Herausfordernd sah er sie an, während er begann, Knabbergebäck in den dafür vorgesehenen Schrank zu räumen.
Sie sagte nur lapidar, ohne aufzusehen: „Steck’ mir die Zunge in den Hals.“
„Hör bitte auf, ich kann mich kaum noch beherrschen. Das macht mich total scharf, wenn du so vulgär wirst.“ Er grinste von einem Ohr zum anderen und offenbarte dabei zwei Reihen kerngesunder Titanzähne mit leicht gelblicher Keramikglasur.
Sie sah auf und meinte mit gequälter Miene: „Ja, genau. Könntest du so nett sein und die restlichen Möhren schälen und gemeinsam mit diesen drei Paprikas in längliche Streifen schneiden?“
„Siehst du? Ich weiß nie, wann du etwas ernst meinst, wenn du mit mir redest. Also?“ Er ging auf sie zu, worauf sie auf dem Absatz herumfuhr. In ihrer Hand hielt sie ein acht Zoll langes Küchenmesser mit der Spitze auf seinen Bauch gerichtet. Ihre Augen funkelten wütend.
„Treib’ es nicht zu weit, Bürschchen. Ich kann bald für nichts mehr garantieren, wenn du ...“
Er hatte das Messer auf der stumpfen Seite der Klinge und an den Seitenflächen gepackt und ihr mit einem brutalen Ruck aus der Hand gerissen. Bevor sie begriffen hatte, was passiert war, hatte er es hochgeworfen und am Griff wieder aufgefangen. Jedoch vermied er es, mit der Spitze oder Schneide auf sie zu zielen.
„Irgendwo hört der Spaß auf, Susie. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand mit einem Messer auf mich zielt, da werden solche alte Reflexe in mir wach, klar? Ich bin in Köln und New York aufgewachsen, wenn du dich daran erinnern möchtest. Dort kann man nur unschöne Dinge erwarten, wenn mit dem Messer auf einen gezielt wird. Tu das bitte nicht mehr.“ Er erklärte ihr das in einem so sachlichen Ton, ohne jede Spur von Wut oder Aggression, daß er ihr damit jeglichen Wind aus den Segeln nahm.
„Sorry, Daniel, ich wollte nicht ... ich hab mir echt nichts dabei gedacht.“
„Ich weiß.“ Mit dieser trockenen Erwiderung hatte er es bereits wieder geschafft, sie in Rage zu bringen.
„Du bist unmöglich, weißt du das eigentlich? Warum musst du immer genau zur richtigen Zeit genau das Falsche sagen? Immer stößt du mich vor den Kopf. Machst du das absichtlich oder was?“ In ihren Augen bildeten sich ein paar Tränen.
„Ehrlich gesagt, ja. Ich denke mir, wer so heftig austeilt wie du, der kann auch ordentlich was einstecken. Oder täusche ich mich da?“ Er legte das Messer auf die Arbeitsfläche und hob in einer Geste der Ohnmacht die Hände an.
„Ja, du könntest nicht falscher liegen damit. Merkst du denn nicht, dass du mich mit dieser entwaffnenden, geradlinigen Art total fertig machst? Ich komme einfach nicht an gegen dich. Das ist mir noch nie vorher passiert.“ Sie schniefte ein wenig, worauf er die Hände auf ihre Schultern legte.
„Hör zu, Karin, es tut mir wirklich leid. Wenn es dich glücklich macht, kann ich auch alles klaglos einstecken, was du so austeilst. Aber sei doch mal ehrlich, das würde genauso wenig Spaß machen, nicht?“ Er legte den Kopf schief und wartete auf ihre Antwort.
„Du könntest versuchen, einen goldenen Mittelweg zu finden. Wie wäre das?“
„Das können wir gerne versuchen.“ Er ließ sie wieder los. Sie war überrascht, weil sie eine andere Reaktion erhofft hatte. Er griff sich das Messer und begann damit, die Außenhaut der Möhren rasch und geschickt in gleichmäßiger Stärke abzuschälen. Sie beobachtete ihn fassungslos, als er wie ein virtuoser Küchenchef in Windeseile das geschälte Gemüse in schöne längliche Quader schnitt und in das bereitstehende Schüsselchen gab.
„Das ist alles? Wir können es versuchen?“ Sie starrte ihn an, begierig auf eine Regung von ihm.
Er hielt inne, als ihm aufzugehen schien, dass in ihrer Aussage eine unausgesprochene Forderung lag. „Ich weiß nicht ... was erwartest du? Ich ... wir ...“
Hoffentlich war das genug gestottert, um seine Verlegenheit und Ratlosigkeit ausreichend zu dokumentieren, dachte er alarmiert. Irgendwas war hier im Anzug, auf das er nicht vorbereitet war.
Sie sah ihn nur an, mit großen Augen und einem leichten spitzbübischen Lächeln, als sie einen Schritt auf ihn zu machte und die kurze Entfernung zwischen ihnen damit überbrückte.
Jemand steckte den Schlüssel ins Wohnungstürschloss.
Sie machte einen Schritt zurück und sah ihn mit unbewegter Miene an. Er lächelte und sagte: „Vom Gong gerettet.“
„Blödmann! Diese Runde hast du überstanden; das ist Simon.“ Sie lächelte verschmitzt.
„Da außer uns dreien niemand sonst einen Schlüssel zur Wohnung hat, ist das anzunehmen.“ Er nahm die erste Paprika aus, während sie erstarrte und dann die Fäuste in die Hüften stemmte.
„Siehst du, du machst es schon wieder! Was glaubst du, wer du bist? Mister Spock?“
„Das wäre cool. Dann bliebe mir dieser ganze Gefühlskram erspart. Alle sieben Jahre einmal Pon Farr, und danach hätte ich wieder Ruhe und könnte mich auf die beruhigenden logischen Dinge des Lebens konzentrieren.“
„So leicht werde ich es dir nicht machen, da brauchst du dir gar keine Hoffnungen zu machen.“ Sie holte weitere Schüsselchen aus einem Einbauschrank, um darin einiges Knabberzeug zu verteilen und auf dem Tisch zu platzieren.
„Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?“, fragte er zurück und beendete seine Schneidearbeit. In der halben Zeit, die sie dafür benötigt hätte, wie sie mit großem Verdruss feststellen musste, sich aber hütete, das zu erwähnen.
„Du verwendest gerne abgedroschene Filmzitate bei deinen Disputen. Ein bisschen mehr anstrengen könntest du dich schon bei einem gepflegten Streitgespräch“, versetzte sie und lächelte selbstsicher. Das müsste es gewesen sein.
„Soll ich Quellenangaben machen, wenn ich Zitate verwende? Wäre das umsichtiger? Ich könnte das.“ Er sah sie fragend an.
„Weißt du was? Ich gebe mich offiziell und für alle Zeiten geschlagen. Bist du jetzt zufrieden?“ Ergeben stellte sie die Schälchen mit Knabbereien auf.
„Nein!“, widersprach er energisch. „Wir hatten uns doch geeinigt, dass ich einen Mittelweg suche zwischen ... wo gehst du hin?“
„Vom Balkon springen“, erwiderte sie konsterniert und betrat den Gang.
„Zum Balkon führt aber nur diese Tür ...“, sagte er und reckte den Hals um die Ecke der Küchentür.
Unverhofft erschien ihr Kopf nochmals und sie wollte verbittert wissen: „Du kannst nicht aufhören damit, nicht wahr? Das ist absolut zwanghaft bei dir, dass du das letzte Wort haben musst. Du bist nicht glücklich, wenn du es mir nicht zeigen kannst.“
Sie ging wieder, worauf er ihr hinterher rief: „Was soll ich hier als nächstes tun? Wohin gehst du denn jetzt, Karin?“
„In mein Zimmer, ein bisschen weinen oder so. Mach weiter, wie du willst“, hörte er sie sagen und dann eine Tür zuschlagen.
„Aber Karin, ich habe es nicht so gemeint“, rief er noch in den Gang hinein, aus dem Simon eben kam und die Küche betrat. Er musterte die Szene und den Stand der Vorbereitungen für ihren Abendtreff.
„Sie steht auf dich, Danny-Boy“ sagte er nüchtern mit todernster Miene.
„Ich weiß.“ CSM 108-1 grinste dämlich und machte dann weiter mit Vorbereitungen. „Bis zum Beginn unseres Treffs wird sie sich schon wieder beruhigt haben.“
„Ist so ’ne Weibersache, musst du wissen. Wer soll das schon verstehen?“ Simon angelte sich ein Möhrchen und tauchte es in Guacamole. Dann rief er in den Gang hinein: „Hm, fantastisch. He, Karin, für die Guaca kriegst du ’nen Stern von mir!“
Keine Antwort.
Die beiden sahen sich an.
„Sie wird doch nicht wirklich weinen?“, wollte Simon wissen.
CSM 108-1 hob die Schultern und setzte eine Unschuldsmiene auf. „Keine Ahnung. Kann sie das denn? Besitzt sie Tränendrüsen? Wenn du uns nicht gestört hättest, würde jetzt alles ein wenig anders aussehen.“
„Gib nicht so an!“ Simon knuffte ihn in die Seite, zum Glück ohne Teile seines gepanzerten Endoskeletts zu treffen, die ihm die Fingerknöchel verstaucht hätten.
„Okay, ich erzähle dir ab jetzt gar nichts mehr über den Verlauf unserer Gespräche.“ Beleidigt verschränkte er die Arme.
„Das kannst du mir nicht antun. Das ist besser als Fernsehen, besser als Kino, besser als alles! Ich müsste ein Diktaphon verstecken, um euch abhören zu können. Mein Vater würde mir bestimmt eines aus dem Büro mitbringen ...“, begann er zu überlegen und räumte eine Anzahl Gläser aus dem Schrank, um sie auf dem Tisch zu verteilen.
„Träum weiter, das funktioniert nie“, winkte er ab.
„Hast du ’ne Ahnung“, entgegnete er. „Die neuesten Geräte sind volldigital und praktisch geräuschlos. Außerdem nehmen sie nur auf, wenn etwas gesprochen wird. Bei Stille pausieren sie, um Platz für die Aufzeichnung zu sparen.“
„Na, dann wünsch’ ich dir viel Erfolg bei deinem großen Lauschangriff.“
CSM 108-1 hätte nicht gedacht, dass Simon das wirklich versuchen würde, doch dank seiner Sensorik entdeckte er das Aufnahmegerät schon bei dessen erstem Abhörversuch in der folgenden Woche. Nachdem Karin und er ihm ein grauenhaft klingendes Duett von ‚You can’t always get what you want’ auf Band gesungen hatten, gefolgt von minutenlangem Gelächter, sah er kulant von weiteren Versuchen ab.



Die ersten Teilnehmer ihrer ‚Diskussionsrunde Naturwissenschaften’ sollten um zwanzig Uhr eintreffen. Wozu solche Studententreffen, die zu 98%iger Wahrscheinlichkeit ohnehin in einer Besäufnisparty endeten, immer halbherzig und linkisch als hochoffizielle Anlässe getarnt werden mussten, entzog sich dabei der Kenntnis von CSM 108-1.
Kurz vor acht klingelte es zum ersten Mal. Augenblicklich flog Karins Zimmertür auf und diese raste aufgeregt nach hinten ins Badezimmer, anstatt auch nur auf den Türöffner zu drücken. „Oh mein Gott, die ersten kommen schon. Und ich hab’ mich noch gar nicht fertiggemacht. Das ist alles deine Schuld, Daniel!“
„Ich übernehme die volle Verantwortung dafür!“, rief er ihr nach, doch sie hatte offensichtlich keinerlei Interesse an seinem Angebot. Er ging zur Wohnungstür und murmelte noch, so dass Simon in der Küche es hören konnte: „Und die ganze restliche Vorbereitungsarbeit obendrein.“
„Wer kommt denn überhaupt alles?“, wollte CSM 108-1 wissen, als er den Türsummer drückte, ohne zu fragen, wer da sei. „Ich habe jedenfalls niemanden eingeladen.“
„Lass mich überlegen ... Karins Freundin Natasha, dann Ralf, mit dem bändelt sie seit einer Weile ’rum, ohne dass etwas Konkretes passiert; ich habe drei Leutchen eingeladen, von denen einer in der Geologie-Vorlesung neben mir saß, Rudolf Wetter heißt er. Er wollte aber unbedingt seine zwei Freunde mitnehmen; offenbar sind die unzertrennlich. Wer es ist, weiß ich auch nicht. Karin hat noch eine Austauschschülerin aus den USA eingeladen, die sie in Geochemie kennen gelernt hat. Insgesamt also etwa acht oder neun Leute mit uns.“
„Das kann ja lustig werden“, mutmaßte CSM 108-1 und wurde dabei einen Gedanken nicht los, der ihn schon seit Beginn seiner Studienzeit verfolgte.
Dies war mitunter der innere Kreis von Leuten, die Naturwissenschaft studierten. Theoretisch könnte jeder der Dutzenden von Leute, die er in den letzten Wochen kennen gelernt hatte oder noch kennen lernen würde, der Erfinder des ZVA-Effektes sein.
Genauso gut konnte auch jeder von ihnen einer der Zeitreisenden der Résistance sein, mit dem Auftrag, den Erfinder zu identifizieren und zu terminieren.
Und schlussendlich war es auch möglich, dass einer der Studenten in seinem näheren Umfeld er selbst war, natürlich in Gestalt des zweiten Terminators mit dem Auftrag, den Erfinder zu schützen. Er würde sich ihm natürlich nicht zu erkennen geben und ihm auch keinen Anhaltspunkt liefern, ihn als T-880 zu identifizieren, denn dadurch konnte die Zeitlinie negativ beeinflusst werden. Da war es wieder, Schrödingers Experiment: Solange er nicht wusste, wer von ihnen nicht war, was er vorgab zu sein, konnte er auch keinen Einfluss auf ihn nehmen.
Wenn er es jedoch recht bedachte, hatte er sich doch schon zu weit vorgewagt, indem er ein Studium begonnen hatte und in eine WG gezogen war.
Als jemand an die Tür klopfte, öffnete er rasch: „Tschuldigung, hab’ vergessen aufzumachen.“
„Soso. Na, hallo erst mal“, begrüßte ein riesiger Junge ihn. Er sah aus wie etwa zwanzig, war sicher fast zwei Meter groß, dünn und schlaksig und zeichnete sich durch dunkle Augen und dunkle lockige Haare aus. Seine Miene mit dem kantigen Kinn erinnerte ihn entfernt an einen der Daltons aus dem Comic ‚Lucky Luke’, damit erschöpften sich aber die Ähnlichkeiten, denn er war ausgesprochen gut und kostspielig gekleidet und trug so zusammen mit seinem weißen Armani-Hemd, einer teuren Lederjacke, schwarzen Bundfaltenhosen und glänzenden schwarzen Slippern eine ungesunde Überdosis Selbstgefälligkeit und Dekadenz zur Schau. In der Hand hielt er lässig eine Flasche roten Krimsekt. Das musste Ralf Parzival sein, dachte CSM 108-1. Simon hatte ihm den Sohn eines Großindustriellen und somit Sonny-Boy erster Güte nur aus der Entfernung gezeigt, denn obwohl sie alle zusammen Kristallographie studierten, war Simon immer peinlich genau darauf bedacht gewesen, möglichst am entgegengesetzten Ende des Hörsaales einen Platz zu finden.
Schon bei seiner ersten Begegnung mit ihm ahnte er auch, warum.
Mit ihm traf Karins Freundin Natasha Orloff ein. Sie war nur wenig über 1,60 m groß und hatte ihre fast hüftlangen hellbraunen Haare heute zum Zopf geflochten, der ihr auf die schwarze Seidenweste fiel, unter der sie eine weiße Spitzenbluse trug. Zusammen mit der dunklen Samthose und den eleganten Lackschuhen konnte man sie ruhigen Gewissens des Partnerlooks mit Ralf bezichtigen, was wohl auch nicht ganz ungewollt von ihr war. Objektiv gesehen war er eine gute Partie und mit dem nötigen Quäntchen an Abstumpfung konnte man sicher auch seine Art ertragen. Sie hatte als Gastgeschenk einen hiesigen Rotwein mitgebracht.
Sie sah ihn mit ihren extrem hellblauen Augen an und schmunzelte: „Hallo, Danny. Das ging aber schnell mit euch beiden. Jetzt wohnt ihr schon zusammen.“
„Nur zur Information: Ich hatte den Mietvertrag schon unterschrieben, bevor ich sie überhaupt kennen gelernt habe. Davon abgesehen verachtet sie mich und das ist auch gut so.“
„Na klar doch.“
„Wenn du mehr darüber weißt als ich, können wir uns ja mal bei einem Kaffee darüber unterhalten. Ich bin gespannt, was du über dieses Thema zu erzählen hast“, schlug er ihr vor.
Sie schmunzelte noch immer und ging an ihm vorbei. Sie sah über die Schulter und musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Mit dir an einem öffentlichen Ort? Ich glaube nicht.“
Bevor er noch etwas erwidern konnte, klingelte es erneut. Als er auf den Summer drückte, murmelte er: „Ich bin wohl nicht der einzige, der heute vom Gong gerettet wurde.“
Man vernahm polternde Schritte auf der Treppe, untermalt von leisem Gemecker. Einer sagte mit Groll in der Stimme: „Ich finde immer noch, dass das eine saublöde Idee ist. Was sollen wir hier?“
„Das weißt du genau“, erwiderte eine weibliche Stimme gedämpft. „Vor allem dir tut das nur gut, mal wieder unter Leute zu kommen. Vielleicht wird es ja ganz nett.“
Dann erschienen gleich drei Leute auf einmal, allesamt im billigen Schlabberlook mit weiten Jeans- oder Jogginghosen und Pullover oder bunten Batikshirts gewandet. Turnschuhe und ausgelatschte Bundeswehrstiefel rundeten das Bild ab, die junge Frau unter den dreien hatte noch eine offenbar selbstgestrickte grüne Weste unter der Wildlederjacke an. Nun freute sich CSM 108-1 beinahe schon auf den Gesichtsausdruck von Natasha beim Anblick dieser drei Kommilitonen.
„Nur herein spaziert“, begrüßte er die drei und musterte sie. „Ihr seid ...?“
„Thorsten Haltner“, stellte sich der erste vor. Er hatte etwa seine Größe und wirkte drahtig, als habe er kein Gramm Fett auf den Rippen. Seine kurzen hellbraunen Haare rahmten ein kantiges, wettergegerbtes Gesicht ein, in dem vor allem die blauen Augen auffielen, die hellwach und aufmerksam umherschweiften und alles in sich aufzunehmen schienen. Er gab CSM 108-1 kurz mit festem Druck die Hand und trat dann ein.
Nach ihm kam eine junge Frau mit langen blonden glatten Haaren und einer schlanken, durchtrainiert anmutenden Figur, die unter der weiten Kleidung teilweise schon fast stämmig aussah, als hätte sie im Fitnessstudio ein wenig übertrieben. Auch ihre graublauen Augen waren immer auf der Suche nach irgendetwas. Einsilbig sagte sie: „Ich bin Miriam Kaufmann.“
„Hi. Nett, dass ihr da seid“, antwortete er und schrieb ihr Verhalten dem Genuss von Cannabinolen zu, wie es zu dieser Zeit nicht nur, aber verbreitet auch in Studentenkreisen üblich war. Er empfing noch den Dritten im Bunde, der ihm weniger nach ‚Haschbruder’ aussah und sich mit Rudolf Wetter vorstellte. Dieser Typ war sehr groß, breitschultrig und massig gebaut; er war knapp 1,90 m groß und wog mindestens 120 kg, wie CSM 108-1 schätzte. Durch sein kurzes braunes Lockenhaar und die dunkelbraunen Augen wirkte sein rundliches, schlecht rasiertes Gesicht eher gutmütig.
Er schloss die Tür und gesellte sich zu den frisch Eingetroffenen, die eben von Simon eingewiesen wurden, wo sie sich mit was versorgen konnten. Zu Simons Verblüffung hatten sich die drei Alternativen sogleich auf Popcorn, Brownies und Cookies gestürzt. Offenbar waren sie Fans der amerikanischen Snackkultur.
Praktisch gleichzeitig kam Karin aus dem Badezimmer und erblickte CSM 108-1 an der Küchentür. Mit neutraler Miene fragte er: „Alles klar?“
„Ja. Willst du heute Abend in dem Aufzug ...?“ Sie brach ab und musterte seine Bluejeans und das T-Shirt mit dem Comic eindringlich. Ihr Blick blieb an seinen Birkenstock-Latschen haften.
„Schon, ich bin im Grunde ja daheim. Du hast auch noch immer deine Beileidskluft an.“
„Passt zu jeder Gelegenheit. Aber wenigstens dein Shirt ...“ Sie seufzte ergeben.
„Das wird unser süßes kleines Geheimnis bleiben, okay?“ Er grinste und winkte sie vor.
In diesem Moment verstummte jegliches Gespräch in der Küche.
Hinterher konnte niemand genau sagen, warum. Als Karin den Raum betreten hatte, war es innerhalb von Sekunden völlig still geworden. Betreten sahen sich alle an, dann sagte Ralf als erstes: „Hallo, Karin. Wie geht es dir?“
Etwas verunsichert sagte sie: „Gut, danke. Hallo zusammen.“
Als CSM 108-1 hinter ihr herein kam, fiel ihm auf, dass Rudolf den Blick senkte und auf einen Punkt an der Wand neben Karin starrte. Miriam und Simon sahen sich beide fragend an, dann suchte sie den Blickkontakt zu ihrem Kommilitonen Thorsten. Sie zuckten beide mit den Achseln, während Natasha ihre Freundin ungläubig anstarrte.
Der Moment der peinlichen Situation verging, als CSM 108-1 die Stimmung ausnutzte und sich neben Natasha setzte. „Sag mal, wie lange kennt ihr euch eigentlich schon, du und Karin?“
Ein wenig unangenehm berührt antwortete sie: „So ungefähr ein halbes Jahr oder etwas mehr, glaube ich. Wir sind zwar schon ein Jahr gemeinsam auf der Schule gewesen, aber es hat etwas gedauert, bis ...“
„Du sie in dein Herz geschlossen hast?“, schlug er vor.
„Bis wir unsere gemeinsamen Interessen entdeckt haben“, entgegnete sie ein wenig unwirsch.
„Faszinierend. Erzähl’ doch bitte mehr“, drängte er sanft, aber bestimmt.
„Weißt du, ich ... oh, ich sollte dringend das Badezimmer aufsuchen. Entschuldige.“ Verlegen erhob sie sich und rauschte ab, was Simon ein wenig erstaunte. Er lehnte sich unauffällig hinüber zu CSM 108-1 und fragte: „Was ist denn mit der los?“
Fast unhörbar gab er zurück: „Sie muss mal für kleine Zicken.“
Simon brach in so heftiges Gelächter aus, dass er ihn festhalten musste, sonst wäre er mitsamt seinem Stuhl hintenüber gekippt. Mit Tränen in den Augen japste er: „Entschuldigung, es war nichts. Ignoriert mich einfach.“
Als es läutete, sprang Simon dankbar auf, um den fragenden Blicken der anderen zu entgehen. „Ich geh’ schon!“
Karin, die schräg gegenüber von ihm saß, musterte CSM 108-1 ungnädig, doch er wandte sich nun Miriam zu, um sie in einen small-talk zu verwickeln, während dem sich herausstellte, dass sie Organische Chemie, Biochemie und Biologie studierte, in einem Studentenwohnheim in der Habsburger Straße wohnte und eine überzeugte Radfahrerin war. Sie gab sich recht einsilbig und beinahe aggressiv im Beantworten seiner höflichen Anfragen, doch dann trafen zu aller Überraschung gleich drei neue Gäste ein.
Die amerikanische Austauschschülerin mit Namen Abbey Benton war groß, fast 1,80 m, von schlankem, athletischem Körperbau und wirkte kräftig. Ihr Gesicht mit leicht spitzem Kinn und Stupsnase wurde von schulterlangem, naturrotem Haar mit einem Stich ins Orange eingefasst, ihre großen grünen Augen strahlten hinter einer Brille mit kleinen runden John-Lennon-Gläsern hervor. Sie versuchte ziemlich erfolglos ihre überaus vorteilhafte Figur mit einem dicken norwegischen Strickpullover und weiten Schlabberjeans zu verbergen. Zumindest Simon bekam sein dümmliches Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht, solange sie im Raum war.
Sie hatte noch ein Brüderpaar italienischer Abstammung dabei, die sich mit Francesco und Arturo vorstellten. Sie waren beide etwa 1,75 m groß, hatten tiefdunkle Augen, schwarze glatte Haare mit zerzausten Frisuren und einen leichten Olivton der Haut, was sie unverkennbar südländisch aussehen ließ. Beide trugen verwaschene Pullover in grau und blau, stone-washed Jeans und Turnschuhe. Sie entschuldigte sich und behauptete in nur leicht gebrochenem Deutsch, sie habe ihre beiden Wohnheimgenossen einfach nicht abschütteln können, was CSM 108-1 ihr aufs Wort glaubte. Ihren Einwand, dass dies hier keine Party war, sondern eine ‚naturwissenschaftliche Diskussionsrunde’, hatten die BetriebsWirtschaftsLehre- und Sprachstudenten nicht geglaubt und gemeint, sie könnten ja mal herein schauen.
Karin ‚verbannte’ die beiden kurzerhand resolut auf das Sofa, da sie keinen Platz am Tisch mehr hatten. „Ist mir egal, ob ihr euch ins Abseits gestellt fühlt. Ich persönlich finde es sowieso eine Frechheit, dass du als Italiener den Nerv hast, hier Italienisch und Deutsch zu studieren, wo du beide Sprachen perfekt sprichst, Arturo. Und du, Francesco, du wirst eh’ ...“
„Ja, schon gut, die Vorurteile über BWL habe ich schon hundertmal gehört“, seufzte der Angesprochene, nahm sich ein Schälchen mit Kartoffelchips und eine Bierdose aus seinem mitgebrachten Sixpack und verzog sich auf die Couch zu seinem Bruder. Dennoch sahen sie über die Schulter zu, was am Tisch diskutiert wurde.
Sie unterhielten sich zu CSM 108-1’s großer Überraschung ungeachtet aller Unterschiede innerhalb dieser bunt zusammengewürfelten Gruppe wirklich angeregt und ernsthaft über alle möglichen Themen, nicht nur über Naturwissenschaften, wie es eigentlich Thema des Abends sein sollte. Später wurde auch über ganz andere Dinge diskutiert, man bildete zum Teil auch kleinere Grüppchen, lernte sich untereinander besser kennen und kam irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner, was die Stimmung unter ihnen im Laufe der Diskussionsrunde merklich aufhellte.
Es wurde spät an diesem Abend.

[Fortsetzung folgt ...]

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