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Donnerstag, 28. Dezember 2006
T1.39
cymep, 04:56h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 2. November 1996
An jenem eiskalten, klaren Samstagnachmittag war überraschend wenig los in der Stadt, wenn man bedachte, dass es ein sogenanntes ‚langes Wochenende’ war, also der Samstag nach einem Feiertag, der gestern stattgefunden hatte. Karin eilte die Bertoldstraße entlang und schlug den roten Schal über ihren schwarzen Wintermantel hoch. Sie war ein wenig spät dran, was aber sicher kein Problem war. Sie war zur vollen Stunde im Mr. Pickwick, einem gemütlichen, rustikalen Irish-Pub direkt neben dem Unigelände am Anfang der Siemensstraße, mit Natasha und Miriam verabredet, um bei einer Tasse Kaffee etwas über Biochemie aufzuarbeiten. Die Jutetasche über ihrer Schulter enthielt alle dafür benötigten Unterlagen.
Sie bog um die Straßenecke und erreichte den Eingang der zweistöckigen Kneipe in einem hübschen gelben Eckhaus, das an einem kleinen Platz mit Brunnen und einer riesigen alten Kastanie lag, die im Sommer Schatten spendete, wenn man draußen vor dem Lokal sitzen konnte. Auch die allgegenwärtigen kleinen Abwasserkanäle aus dem Mittelalter fehlten nicht, derjenige hier war jedoch leer, weil die Stadtverwaltung in der kalten Jahreszeit die Wasserzufuhr zu den Bächlein abstellte.
Sie war kaum durch den Windfang, als ihr bereits das Stimmengewirr des Pubs zusammen mit trockener Heizungsluft engegenwallte. Das einzige Gute an der verrauchten Atmosphäre hier war die viereckige Öffnung, die gleich einem großen Oberlicht ins obere Stockwerk reichte, wo sie mit einer hohen Brüstung eingefasst war. Quer über die offene Stelle war außerdem ein dichtmaschiges Drahtnetz gespannt, wohl damit keine größeren Gegenstände hinabfallen und einen der Gäste im Erdgeschoss verletzen konnten. Davon abgesehen, verlieh die Öffnung der Wirtschaft ein helleres, freundliches Ambiente und machte sie zu etwas Besonderem.
Karin ließ nun ihren Blick herumschweifen, konnte aber keine ihrer Kommilitoninnen in der recht gut besuchten Kneipe entdecken, weshalb sie sich rechts hielt und die Treppe nach oben nahm. An der ersten Vierersitzgruppe sah sie dann ihre Freundin Natasha sitzen und wollte bereits zu einer Begrüßung ansetzen, als diese grinsend den hochgestreckten Zeigefinger zum Zeichen des Schweigens an ihre Lippen hielt.
Mit hochgezogenen Augenbrauen glitt sie ihr gegenüber auf die Holzbank der rustikalen Sitzgruppe mit hoher Rückenlehne. Natasha grinste immer noch, strich sich ihre fliederfarbene Seidenbluse glatt und flüsterte gerade so laut, dass Karin sie über den Geräuschpegel des Lokals hinweg verstehen konnte: „Da drüben, sieh mal. Er sitzt schon eine ganze Weile dort. Was für ein netter Zufall.“
Karins Blick folgte Natashas über die Schulter weisendem Daumen und entdeckte am anderen Ende des Obergeschosses, mit dem Rücken zu ihnen sitzend und ein dickes Journal durchblätternd, eine Schale Milchkaffee neben sich, CSM 108-1. Er schien hochkonzentriert und bemerkte nichts von dem, was um ihn herum vorging. Ihr fiel auf, dass er heute ein sehr elegant wirkendes hellblaues Hemd trug, was er sonst eigentlich nie tat.
„Er ist ganz allein. Wollen wir ihn nicht zu uns holen?“, fragte sie arglos, worauf ihre Freundin heftig den Kopf schüttelte, sodass ihre langen Haare hin- und herflogen.
„Nein, ich finde, das ist doch eine prima Gelegenheit, um ihn ein wenig zu beobachten. Auszuchecken gewissermaßen.“ Fast ein wenig bösartig lächelte sie und winkte Miriam zu sich, die gerade die Treppe hochkam. Hinter ihr tauchte zu ihrer Verblüffung noch Francesco auf, der zu ihrem Treffen nicht eingeladen war und dessen Anwesenheit eigentlich auch keinen Sinn machte.
Miriam setzte sich ohne Umschweife neben Natasha und meinte mit einem Blick über die Schulter: „Warum sitzt Daniel ganz allein da hinten? Habt ihr ihn des Tisches verwiesen?“
„Leise, Miriam! Er ist vor uns angekommen und hat uns nicht gesehen, weshalb ich ihn unter Beobachtung gestellt habe.“
„Was hat er denn getan? Ich habe ihn eigentlich ganz okay gefunden bei unserem Treffen“, warf Francesco ein.
„Was weißt du denn schon? Wer hat dich überhaupt eingeladen?“, brauste Natasha unversehens auf.
„Niemand, ich habe ihn nach unserer zufälligen Begegnung in der Stadt einfach nicht mehr abschütteln können. Das Argument, dass wir lernen wollen und er nur stört, hat ihn nicht interessiert.“ Miriam strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem sommersprossigen Gesicht und lächelte ihn an, wobei sie versuchte, streng auszusehen, was ihr aber misslang.
„Ach, kommt schon, ihr wollt doch im Grunde nur über uns Männer schwatzen und lästern, wenn wir nicht dabei sind. Deshalb sitzt der arme Tropf auch da drüben allein und ihr glotzt, was er so macht.“ Francesco grinste Natasha unverschämt an, was diese zum Kochen brachte.
„Du nervst, Mann. Außerdem bin ich sicher, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt. Der Typ kommt mir verdächtig vor, das sage ich euch. Alleine schon die Geschichte, wie Karin ihn kennen gelernt hat ... sehr komisch. Und gleichzeitig zieht er zufällig genau bei ihr ein, das kann mir doch echt keiner erzählen.“
Miriam sah skeptisch über die Schulter. „Bist du sicher? Ich hatte eigentlich einen ganz netten Eindruck von ihm am letzten Donnerstag. Worauf gründest du deinen Verdacht?“
„Weibliche Intuition. Seht nur, wie er dasitzt und sich das dicke Heft dort rein zieht. Mir sträuben sich alle Haare, wenn ich ihm nur zusehe“, beharrte sie.
Karin wollte wissen: „Findest du nicht, dass du ein wenig übertreibst? Ich meine, ich hatte ja schon einige ziemlich heftige Streitgespräche mit ihm, aber er ist eigentlich immer sehr beherrscht und nie wirklich unangenehm. Es ist eigentlich eher eine ständige Frotzelei zwischen uns, auch wenn es meistens total ausartet.“
„Siehst du, genau das meine ich. Er ist mir einfach nicht geheuer!“, beharrte Natasha und kreuzte die Arme vor der Brust.
Francesco meldete sich erneut: „Ich finde das sehr ungerecht von dir. Nicht nur, dass ihr hinter seinem Rücken über ihn herzieht und ihm Dinge unterstellt, für die ihr keine Beweise habt, ihr grenzt ihn hier auch noch so offensichtlich aus. Wenn er sich zufällig umdreht oder mal runtergeht und sieht euch hier sitzen? Was sagst du ihm dann, Natasha?“
„Das gleiche wie dir: Du kannst mich mal“, fuhr sie ihn an.
Er stand auf, obwohl Miriam sagte: „Warte, sie hat es nicht so gemeint ...“
„Doch, ich habe schon verstanden. Ich gehe jetzt an einen Ort, wo ich willkommen bin.“ Er nahm seine Jacke.
„Gut gemacht, Natasha“, zischte Miriam ihre Mitstudentin an, während er schon einen Schritt in Richtung Treppe ging. Theatralisch blieb er dann stehen und wandte sich nochmals um, um zu sehen, ob jemand ihn am Gehen hindern würde.
Karin zögerte, doch gleich schnappte Natasha: „Ist noch was?“
Er grinste sie wieder auf seine unverschämte Art an und sagte: „Und ob, ich habe doch gesagt, ich gehe dorthin, wo ich willkommen bin.“
Und damit kam er zurück, ging an ihnen vorbei und fügte über die Schulter hinzu: „Paranoide Zicke.“
Während Natasha aufsprang, verfolgte Karin fassungslos, wie Francesco durch das Obergeschoss ging, CSM 108-1 auf die Schulter klopfte und sich ihm gegenüber an seinen Tisch setzte. Miriam sagte nur: „Oh nein.“
„Dieser miese kleine ...“, flüsterte Natasha, doch in diesem Moment zeigte Francesco mit ausgestrecktem Arm überdeutlich zu ihnen hinüber, worauf sich CSM 108-1 umdrehte und sie erblickte. Als Karin mit ihm Blickkontakt bekam, hob er fragend eine Augenbraue, worauf sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Das nannte man wohl schlechtes Gewissen, dachte sie verschämt. Er winkte ihnen lächelnd zu, was ihr Gefühl noch potenzierte.
„So ein Mist, wie stehen wir jetzt da?“, presste Natasha zwischen zusammengebissenen Zähnen vor, während sie zurück winkte und lächelte.
„Das musst gerade du sagen“, fuhr Miriam sie ebenso gedämpft an, worauf diese zusammenzuckte.
Jetzt setzte sich CSM 108-1 auch noch auf die andere Seite neben Francesco, so dass die beiden sie ansehen konnten. CSM 108-1 fragte ihn etwas, worauf der Italiener mit ausschweifenden Handbewegungen und Mimik eine umfassende Erklärung abgab, während der CSM 108-1 mehrfach mit befremdeter Miene zu ihnen hinübersah, besonders als Francesco ausdrücklich auf Natasha deutete.
„Na prima. Was hast du dir nur dabei gedacht, diese verräterische Natter an unseren Tisch zu holen?“, wies diese Miriam zurecht.
„Die Frage ist, was hab’ ich mir nur dabei gedacht, mich mit dir zusammenzutun?“ Mit diesen Worten erhob sie sich und ging ohne einen weiteren Blick zur Treppe, um das Mr. Pickwick zu verlassen. Den flehentlichen Blick von Karin beantwortete sie mit einem kaschierten Schulterzucken, als sie ihren grauen Wollpullover zurechtzog und ihre beige Wildlederjacke überzog.
„Es wird immer besser. Von ihr wollte ich die Notizen über die letzte Vorlesung. Ich habe kaum die Hälfte mitbekommen.“ Natasha seufzte. „Was hast du mitgeschrieben?“
Karin reichte ihr ergeben ihre Unterlagen, schockiert über dieses Maß an Ignoranz, das ihr bei ihrer Freundin bislang noch nie aufgefallen war. Gut, so lange kannte sie sie ja auch noch nicht ... Aber sie befand sich schon in einem inneren Zwiespalt, denn einerseits fand sie schon, dass Natasha Daniel Unrecht tat, doch sie wollte sie auch nicht vor den Kopf stoßen.
Warum musste alles immer so kompliziert sein? Über ihre Gefühle für ihn war sie sich auch nicht im Klaren, geschweige denn über seine Gefühle ihr gegenüber. Falls er überhaupt Gefühle besaß. Sie konnte nicht wissen, dass aufgrund der unterbewussten Assoziation seines Aussehens mit ihrem Erlebnis als kleines Mädchen, als er sie fast angefahren hatte, die übliche Blockade aufgehoben war, die normalerweise zuverlässig verhinderte, dass sich jemand näher für ihn interessieren wollte. Sie war wahrscheinlich sogar das einzige Mädchen, das sich überhaupt für ihn interessieren konnte.
Aus dem Augenwinkel sah sie beim Bestellen, dass er sich von der Bedienung einen Block und Papier hatte geben lassen und etwas skizzierte, um es Francesco zu zeigen.
„Das ist dein Schlitten? Wow!“ Staunend betrachtete der junge schwarzgelockte Italiener die beinahe plastisch wirkende Winkelskizze von CSM 108-1. „Ein Monza GS/E. Du kannst sehr gut zeichnen, weißt du das?“
„Kein Grund, mir die Eier zu schaukeln“, entgegnete er, seine speziellen Datenbanken über diese Art der Konversation abrufend. „Hast du Lust, mal ’ne Runde damit zu heizen? Ich werde ihn nicht mehr lange haben, denn bei den Spritpreisen, Steuer und so ... du weißt schon.“
„Ein Jammer“, stimmte sein neuer ‚Freund’ zu. „Willst du dir denn eine neue Karre zulegen?“
„Ja, deshalb habe ich auch diesen Autokatalog gewälzt. Was hältst du von dem hier?“ Er zeigte ihm eine Option, worauf Francesco mit dem Kopf schüttelte.
„Der säuft viel zu viel. In ’ner grünen Stadt wie Freiburg kannst du dich mit so ’ner Spritschleuder nicht sehen lassen.“
CSM 108-1 blätterte schnell den Teil mit den technischen Daten durch, darauf bedacht, dass er das Auto seiner Wahl ja nur noch für knapp ein Jahr haben würde, bevor es vom nuklearen Feuer verzehrt werden würde. Dennoch war der technische Aspekt für ihn wieder mitentscheidend, wobei er seine Datenbanken mit den entsprechenden Fortschritten der Automobilindustrie seit seinem ersten Autokauf auffrischte.
„Hier, der hier ist doch vom Feinsten. Braucht weniger als neun Liter, Allradantrieb, Sechsganggetriebe ...“, erklärte er und wies auf das entsprechende Bild.
„Dieses Geschoss? Mann, schwimmst du eigentlich im Geld? Das kann nicht dein Ernst sein?“ Ungläubig musterte er ihn.
CSM 108-1 zuckte mit den Achseln: „Doch, schon. Ich schwimme nicht im Geld, aber mein Vater und mein Bruder sind ... sagen wir, recht erfolgreich im Geschäft, weshalb ich keine finanziellen Sorgen habe. Außerdem habe ich dieses Auto über zehn Jahre gefahren, da werden sie sicher ein neues springen lassen. Aber unsere Spritztour auf die Autobahn machen wir mit dem Monza trotzdem noch, okay? Es soll seine Abschiedsfahrt werden.“
„Mann, was tun wir denn noch hier? Lass uns zahlen und dann ab mit uns.“ Mit fast kindlicher Vorfreude sprang Francesco auf und zog ihn mit zur Treppe. Dabei kamen sie natürlich am Tisch von Karin und Natasha vorbei. CSM 108-1 sah, wie Karin betrübt zu Boden sah und den Kopf einzog, während Natasha sie indes feindselig musterte.
Im Vorbeilaufen bemerkte Francesco zu ihnen: „Ihr seid Hühner. Gack, Gack, Gack!“
Hinter ihm beließ CSM 108-1 es bei einem neutralen: „Ladies.“
Dann waren sie draußen. Er würde Karin nicht erzählen, wie er das gewaltige Coupé mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 215 km/h über die Autobahn gelenkt hätte und seinem italienischen Freund die Farbe aus dem Gesicht und Schweißperlen auf die Stirn getrieben hatte, indem er das massige Fahrzeug in brutaler Kurvenfahrt durch den Kaiserstuhl gehetzt hatte, immer haarscharf am Grenzbereich, ohne ihn je zu überschreiten.
Karin saß am Sonntagmorgen früh in der Küche und ließ im Hintergrund pädagogisch zweifelhafte Trickfilme für Kleinkinder im Fernsehen laufen. Sie hatte mit ihm sprechen wollen, hatte gestern aber nichts mehr von CSM 108-1 gesehen und war auch recht früh ins Bett gegangen. Sie hatte nicht gehört, wann er heimgekommen war.
Als sie auf den Balkon hinaustrat und kurz die kalte Morgenluft einatmete, bedrückte sie die tiefhängende graue Wolkenschicht über der Stadt. Einen Moment später fiel ihr auf, dass CSM 108-1’s Auto nicht in der Straße geparkt war. Nun, er hatte noch keine Garage gefunden, obwohl er schon mit jemandem in Verhandlungen stand, wie sie wusste. Vielleicht hatte er einfach in ihrer Straße keinen freien Parkplatz mehr gefunden und musste woanders hin; die Parkplatzsituation in ihrer Umgebung war chronisch katastrophal.
Andererseits ... ihr kam ein Gedanke. Rasch kehrte sie in die heimelige Wärme ihrer geräumigen Wohnküche zurück und sperrte die eisige Kälte durch das Schließen der Balkontüre aus. Sie klopfte an CSM 108-1’s Zimmertüre, dann noch einmal, als keine Reaktion kam.
„Daniel, bist du da?“
Sie zögerte noch einen Moment, doch dann siegte doch die Neugier und sie drückte leise die Türklinke hinab. Völlig lautlos schwang die schwere Holztür auf; er musste die Angeln bei seinem Einzug geölt haben. Er war immer peinlich genau darauf bedacht, dass alles Mechanische und Elektrische in ihrem Haushalt reibungslos funktionierte. Wofür sie ihm dankbar war.
Sein Raum war leer, die Klappcouch eingefahren.
Er war offenbar heute Nacht nicht heimgekommen.
Eine Zentnerlast schien auf ihrem Herzen zu liegen.
Was bist du doch für eine dumme Gans, sagte sie sich. Er war wahrscheinlich nur mit Francesco und sicher noch mit Arturo zusammen auf Streifzug gegangen und nachher bei ihnen versumpft. Da er bei seiner Korrektheit nach Alkoholgenuss garantiert keinen Meter weit mehr fahren würde, hatte er sicher bei ihnen auf der Gästecouch übernachtet, als keine Straßenbahn mehr gefahren war.
Blödsinn, Straßenbahn. Ohne seine blöde Karre würde er sich nicht vom Fleck weg rühren. Vielleicht hatte er sogar in dem Auto übernachtet. Wenn man die Rücksitze wegklappte, bekam man eine ebene Fläche, groß genug für eine Spielwiese ...
Sie verdrängte den aufkommenden Gedanken. Jedenfalls liebte er sein Auto über alles. Mehr jedenfalls als ...
Auch diesen Gedanken verdrängte sie.
Ein weiterer Gedanke kam ihr: Sie hatte noch nie gesehen, wie er einen einzigen Tropfen Alkohol getrunken hatte. Das konnte also gar nicht der Grund für sein Fernbleiben sein. Aber ...?
„Suchst du was?“
Ihr Herz setzte eine Sekunde aus, als sie derart ertappt wurde. Sie fuhr herum, erblickte aber nur Simon, der im Pyjama verschlafen in der Tür stand und sie fragend musterte.
„Daniel ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen“, versuchte sie den Grund ihrer Anwesenheit in seinem Zimmer lahm zu erklären.
„Der Glückspilz“, kommentierte er darauf und grinste wölfisch.
„Du bist so ein Blödmann. Wieso ertrage ich dich nur?“, versetzte sie zornig.
Er gähnte; wenn Simon in diesem Zustand war, war dem notorischen Morgenmuffel so ziemlich alles egal, was sie ihm so an den Kopf warf. „Weil deine Eltern dir als Auflage aufgebrummt haben, mit mir in einer WG zu wohnen, erinnerst du dich? Was ich mir dabei gedacht habe, als ich darauf einging, ist mir allerdings schleierhaft.“
„Deine Rechnung ist wohl nicht aufgegangen, was?“ Nun legte sie ein gewisses Potential an negativer Energie frei, was aber von ihm abprallte.
„Tut mir leid, über dieses Stadium bin ich hinaus. Ich hatte neulich ein ganz interessantes nächtliches Gespräch mit Daniel, das hat mir geholfen. Also gut, er ist nicht da. Was geht das uns an? Er ist erwachsen und uns keine Rechenschaft schuldig. Außerdem habe ich ihn gestern Abend noch gesehen.“
„Ja?“
„Ja. Er kam heim, ging in sein Zimmer und kam mit völlig versteinerter Miene wieder hinaus und ging. Als ich ihn fragte, wo er hinwill, sagte er ‚Paris’. Ist er nicht manchmal zum Totlachen?“ Simon hatte bereits die Küchentür in der Hand, als der Schlüssel ins Wohnungstürschloss gesteckt wurde. Er machte auf, bevor aufgeschlossen werden konnte.
„Morgen, Daniel. Na, wie war’s in Paris?“ Er gähnte.
„Beschissen. Sie haben mir mein Auto geklaut.“ Er machte eine finstere Miene und entdeckte dann Karin. „Was machst du in meinem Zimmer?“
„Keine Sorge, ich habe sie gerade noch entdeckt, bevor sie es filzen oder etwas klauen konnte.“ Karins wütende Miene ignorierend, schlurfte Simon nun in die Küche, um Kaffee aufzusetzen.
„Nun?“ Er sah sie an, völlig ausdruckslos und kalt, was ihr wehtat.
„Es tut mir leid. Ich habe mir Sorgen gemacht und gerade hier nachgesehen, als Simon kam. Ich wollte doch nichts ...“ Sie stockte und bewegte sich langsam zur Tür hin.
„Ich habe eine echt beschissene Nacht hinter mir, okay? Irgendein Teil von mir fand plötzlich, es sei eine prima Idee, nach Paris zu fahren und dort mein Auto unverschlossen abzustellen. Ich musste gerade mal eine halbe Stunde weg sein, bis mein Wagen geklaut war. Auf Nimmerwiedersehen. Mitten in der Nacht.“ Er schien zu grollen über seine eigene Dummheit.
„Das ist ein Witz, oder?“
„Nein, das ist meine kleine böse Stimme, die mir ab und zu schlechte Dinge ins Ohr flüstert, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sie hat mich dann überredet, einen Wagen kurzzuschließen und meinerseits für die Heimfahrt zu benutzen. Heute morgen habe ich dann den ersten Zug von Frankfurt aus genommen.“
„Du bist von Paris nach Frankfurt gefahren, um heimzukommen? In einem gestohlenen Auto? Das soll ich dir glauben?“ Sie sah ihn an, als fehlten ihm ein paar Schrauben.
„Ja, meinst du etwa, ich fahre mit einer geklauten Karre direkt vor unsere Haustür? Es gibt genug Grenzübergänge von Lothringen zur Pfalz, die man unauffällig befahren kann. Vor allem mit einem Renault 19 in schwarz, der ist so gewöhnlich und bieder, dass niemand zweimal hinsieht.“
„Gut, das reicht mir. Du hast offensichtlich eine zeitweilige geistige Umnachtung, so wie ich das sehe. Ich lasse dich besser alleine und warte, bis das vorbeigeht.“ Sie drückte sich an ihm vorbei und verließ sein Zimmer.
Taktisches Protokoll 2739h. Nichts kann unglaubwürdiger sein als die Wahrheit.
Er würde sich nur wünschen, dass Skynet nicht diese dämlichen Grundprogrammierungen eingebaut hätte, die ihn zu solchem Schwachsinn zwangen wie dem Einbruch in Kasernen zwecks Waffenbeschaffung oder auch dieser Autoentsorgeaktion, weil irgendeine unnütze unterschwellige Subroutine befunden hatte, dass man bei einem Verkauf seines Autos irgendeine Spur von ihm aufnehmen oder zurückverfolgen können würde. Und warum ausgerechnet Paris? Das wollte ihm partout nicht in den Sinn.
Statistische Wahrscheinlichkeiten.
Ein Automobil in dieser Stadt, unverschlossen und ohne Kennzeichen, würde dort nicht lange herumstehen. Niemand würde es je nach Deutschland oder gar zu ihm zurückverfolgen können. Was aber nicht das Risiko rechtfertigte, seinerseits ein Fahrzeug zu entwenden, was ihn seiner Ansicht nach in weitaus größere Schwierigkeiten hätte bringen können, als sein auf ihn zugelassenes Auto in Zahlung zu geben. Irgendwo war doch da ein Logikfehler.
Nein, nicht nach Skynets Logik. Danach durfte man alle Gesetze der Menschen übertreten, man durfte sich nur nicht dabei erwischen lassen. Und wenn doch ... CSM 108-1 zweifelte keinen Moment daran, dass irgendwo in diesen schwachsinnigen Kommandobefehlen eine Subroutine eingebaut war, die ihn zum Töten einer ihn zufällig beim Aufbrechen des Wagens erwischenden Polizeistreife veranlasst hätte. Wäre das vielleicht unauffällig gewesen?
Er bemerkte den immer größer werdenden Konflikt mit seiner Basisprogrammierung, seit er sich im WRITE-Modus eine eigene, viel effizientere, aber prioritär im Entscheidungsfall untergeordnete Programmierung entwickelt hatte, sein künstliches Bewusstsein nämlich. Sein Ziel war noch immer das gleiche wie am ersten Tag, aber auf seine Art und Weise würde er die Mission viel besser erfüllen können. Wenn Skynet auch nur einen Funken Vertrauen besessen hätte, hätte er ihn das selbst entscheiden lassen. Aber genau das war das Problem: Er war das ungeliebte Kind einer superintelligenten, aber jeder Emotion unfähigen Entität. Hätte es auch nur die geringste Chance gegeben, diese Mission auch im READ ONLY-Modus erfolgreich zu absolvieren, würde er jetzt noch tumb und blechern durch die Gegend staksen.
Seine Schizophrenie wuchs.
Die Wochen vergingen, man gewöhnte sich allmählich an den Studentenalltag und innerhalb der WG aneinander, wobei sich eine echte Freundschaft zwischen CSM 108-1 und Simon entwickelte. Auch die Beziehung zu Karin normalisierte sich halbwegs, wenn man das so nennen konnte. Er entdeckte eine egozentrische Seite an ihr, die ihr Auftreten ihm gegenüber oft eine Spur überheblich und gönnerhaft erscheinen ließ. Indem er ihr zu verstehen gab, dass ihm das nichts ausmachte, schien er paradoxerweise so etwas wie ihren Respekt und vielleicht gar stille Bewunderung von ihr zu ernten.
Aber auch ansonsten kristallisierten sich gewisse Konstellationen innerhalb des mittlerweile traditionellen ‚wissenschaftlichen Diskussionsdonnerstags’ in ihrer Wohnküche heraus. Vor allem der ältere der beiden Italiener, Francesco, tat sich gut mit Simon und ihm, was in gewissem Umfang auch Miriam ins Spiel brachte. Sie und Francesco hatten ein seltsames Verhältnis zueinander, da jeder sich offenbar dem anderen überlegen fühlte und ihm gegenüber dominant auftrat, was bisweilen groteske Dialoge erzeugte. CSM 108-1 hatte manchmal das Gefühl, als wollte Francesco nachgeben, um sie zu gewinnen, aber sein südländischer Stolz stand ihm da offenbar zu sehr im Wege. Dass sie so viel Zeit mit ihren Kollegen Thorsten und Rudolf verbrachte, die anderen gegenüber recht verschlossen, wenn auch nicht unfreundlich waren, machte das nicht viel einfacher. Was alle drei verband, war die subliminare Antipathie gegen Karin und auch Natasha. Da vor allem Natasha es war, die seit der Konfrontation im Mr. Pickwick kaum noch mit Miriam redete, wenn es sich vermeiden ließ, Thorsten und Rudolf aber ebenso Karin mieden, fühlte diese sich unverstanden und wirkte manchmal etwas unglücklich über die momentane Situation, auch wenn sie natürlich aus falsch verstandenem Stolz nie auch nur ein Wort darüber verlor.
Arturo, der jüngere Bruder von Francesco, passte irgendwie nirgends so recht hinein. Schon vom Aussehen, aber hauptsächlich vom Verhalten her hätte niemand einen müden Pfennig darauf verwettet, dass die beiden Brüder seien, denn ihre Charaktere unterschieden sich gänzlich. Er hing nur mit ihnen zusammen, weil er augenscheinlich nichts besseres zu tun hatte, tauchte oft unvermutet auf, verschwand genauso plötzlich wieder und schien auch nicht wirklich Anteil an ihren Kursen oder anderen Interessen aufzubringen, war aber dennoch immer neugierig und löcherte alles und jeden mit Fragen. Er interessierte sich vor allem für die Herkunft und Geschichte eines jeden, was ihm bald nur noch eine Mauer trotzigen Schweigens einbrachte.
Ralf gab sich sehr extrovertiert und prahlerisch, er hatte viel Geld und sorgte auch dafür, dass jeder das mitbekam. Dabei genoss er die Aufmerksamkeit von Natasha, welche ihm regelrecht nachstellte und ständig mit ihm anzutreffen war. CSM 108-1 hatte manchmal den Eindruck, sie spielten allen nur etwas vor und würden sich in Wahrheit schon ewig kennen. Sie harmonierten auf ihre eigene Art so gut miteinander ... als würden sie es genießen, ihr kleines Geheimnis zu haben. CSM 108-1 erinnerte das Auftreten von Ralf an den klassischen Don Diego de Vega. Und hinter dessen Gehabe hatte sich damals Zorro verborgen.
Aber vielleicht war das wirklich nichts weiter als heiße Luft. Hinter Natasha konnte er sich dagegen keine andere Geschichte vorstellen als die ihm bekannte. Und das war herzlich wenig: ihre Eltern, von denen ein Teil Russlanddeutscher war, waren kurz nach ihrer Geburt aus der Ukraine via Ungarn übergesiedelt und lebten irgendwo in Deutschland; wo genau, hatte er nie erfahren. Der Rest ihrer persönlichen Historie entzog sich seiner Kenntnis.
Von Abbey hatte er versucht, sich nach Möglichkeit fernzuhalten, was sie ihm gnädigerweise leicht zu machen schien. Als er einmal ein kurzes Zwiegespräch mit ihr gehabt hatte, hatte sie in breitem Oststaatendialekt mit ihm geplaudert und ihm kundgetan, dass sie hier sei, um Land, Leute und Sprache besser kennen zu lernen. Und da man mit Leuten aus dem Heimatland im Ausland tendenziell lieber zusammen zu sitzen pflegt, wäre das ihren Zielen hinderlich. Sein Argument, dass er praktisch sein ganzes Leben hier verbracht hatte und vom kulturellen Standpunkt aus genauso Deutscher wie Amerikaner war, ließ sie nicht gelten. Allerdings traf sie sich vermehrt mit Simon, oft zum Lernen, da sie alle beide die Kurse in Geologie und Mineralogie besuchten, was CSM 108-1 sehr für Simon freute, da sie sich allmählich näherzukommen schienen. Er würde es ihm ja gönnen ...
Sein neues Auto hatte er inzwischen auch, beinahe gleichzeitig mit einem Tiefgaragenplatz in der Schwarzwaldcity, also gerade zwei Straßen weiter, was ein unglaubliches Glück für ihn bedeutete. Nun ging es wieder einmal auf die Weihnachtszeit zu. Ihm bedeutete dieses Fest nichts, da er keinen menschlichen Glauben praktizierte. Für seine Mission war diese Fähigkeit irrelevant, da er sich hier in einer Umgebung bewegte, in der Atheismus zumindest gebilligt, wenn auch nicht restlos von allen Mitmenschen akzeptiert wurde. Vor allem ältere Leute zeigten sich öfters pikiert, wenn er sich in dieser Angelegenheit äußerte. Mit den Jahren hatte er sich darum eine eigene Geschichte zurecht gelegt, die zu seinem bisherigen fiktiven Werdegang passte und ihm so die Möglichkeit gab, sich elegant aus jeder peinlichen Situation herauszumanövrieren und dem christlichen Festtagsrummel zu entgehen. Für ihn bedeutete dies nur, dass die Geschäfte an Wochentagen, die sonst normale Werktage gewesen wären, ganztags geschlossen blieben und meistens sogar die Öffnungszeiten der Kneipen und Restaurants stark eingeschränkt waren.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 2. November 1996
An jenem eiskalten, klaren Samstagnachmittag war überraschend wenig los in der Stadt, wenn man bedachte, dass es ein sogenanntes ‚langes Wochenende’ war, also der Samstag nach einem Feiertag, der gestern stattgefunden hatte. Karin eilte die Bertoldstraße entlang und schlug den roten Schal über ihren schwarzen Wintermantel hoch. Sie war ein wenig spät dran, was aber sicher kein Problem war. Sie war zur vollen Stunde im Mr. Pickwick, einem gemütlichen, rustikalen Irish-Pub direkt neben dem Unigelände am Anfang der Siemensstraße, mit Natasha und Miriam verabredet, um bei einer Tasse Kaffee etwas über Biochemie aufzuarbeiten. Die Jutetasche über ihrer Schulter enthielt alle dafür benötigten Unterlagen.
Sie bog um die Straßenecke und erreichte den Eingang der zweistöckigen Kneipe in einem hübschen gelben Eckhaus, das an einem kleinen Platz mit Brunnen und einer riesigen alten Kastanie lag, die im Sommer Schatten spendete, wenn man draußen vor dem Lokal sitzen konnte. Auch die allgegenwärtigen kleinen Abwasserkanäle aus dem Mittelalter fehlten nicht, derjenige hier war jedoch leer, weil die Stadtverwaltung in der kalten Jahreszeit die Wasserzufuhr zu den Bächlein abstellte.
Sie war kaum durch den Windfang, als ihr bereits das Stimmengewirr des Pubs zusammen mit trockener Heizungsluft engegenwallte. Das einzige Gute an der verrauchten Atmosphäre hier war die viereckige Öffnung, die gleich einem großen Oberlicht ins obere Stockwerk reichte, wo sie mit einer hohen Brüstung eingefasst war. Quer über die offene Stelle war außerdem ein dichtmaschiges Drahtnetz gespannt, wohl damit keine größeren Gegenstände hinabfallen und einen der Gäste im Erdgeschoss verletzen konnten. Davon abgesehen, verlieh die Öffnung der Wirtschaft ein helleres, freundliches Ambiente und machte sie zu etwas Besonderem.
Karin ließ nun ihren Blick herumschweifen, konnte aber keine ihrer Kommilitoninnen in der recht gut besuchten Kneipe entdecken, weshalb sie sich rechts hielt und die Treppe nach oben nahm. An der ersten Vierersitzgruppe sah sie dann ihre Freundin Natasha sitzen und wollte bereits zu einer Begrüßung ansetzen, als diese grinsend den hochgestreckten Zeigefinger zum Zeichen des Schweigens an ihre Lippen hielt.
Mit hochgezogenen Augenbrauen glitt sie ihr gegenüber auf die Holzbank der rustikalen Sitzgruppe mit hoher Rückenlehne. Natasha grinste immer noch, strich sich ihre fliederfarbene Seidenbluse glatt und flüsterte gerade so laut, dass Karin sie über den Geräuschpegel des Lokals hinweg verstehen konnte: „Da drüben, sieh mal. Er sitzt schon eine ganze Weile dort. Was für ein netter Zufall.“
Karins Blick folgte Natashas über die Schulter weisendem Daumen und entdeckte am anderen Ende des Obergeschosses, mit dem Rücken zu ihnen sitzend und ein dickes Journal durchblätternd, eine Schale Milchkaffee neben sich, CSM 108-1. Er schien hochkonzentriert und bemerkte nichts von dem, was um ihn herum vorging. Ihr fiel auf, dass er heute ein sehr elegant wirkendes hellblaues Hemd trug, was er sonst eigentlich nie tat.
„Er ist ganz allein. Wollen wir ihn nicht zu uns holen?“, fragte sie arglos, worauf ihre Freundin heftig den Kopf schüttelte, sodass ihre langen Haare hin- und herflogen.
„Nein, ich finde, das ist doch eine prima Gelegenheit, um ihn ein wenig zu beobachten. Auszuchecken gewissermaßen.“ Fast ein wenig bösartig lächelte sie und winkte Miriam zu sich, die gerade die Treppe hochkam. Hinter ihr tauchte zu ihrer Verblüffung noch Francesco auf, der zu ihrem Treffen nicht eingeladen war und dessen Anwesenheit eigentlich auch keinen Sinn machte.
Miriam setzte sich ohne Umschweife neben Natasha und meinte mit einem Blick über die Schulter: „Warum sitzt Daniel ganz allein da hinten? Habt ihr ihn des Tisches verwiesen?“
„Leise, Miriam! Er ist vor uns angekommen und hat uns nicht gesehen, weshalb ich ihn unter Beobachtung gestellt habe.“
„Was hat er denn getan? Ich habe ihn eigentlich ganz okay gefunden bei unserem Treffen“, warf Francesco ein.
„Was weißt du denn schon? Wer hat dich überhaupt eingeladen?“, brauste Natasha unversehens auf.
„Niemand, ich habe ihn nach unserer zufälligen Begegnung in der Stadt einfach nicht mehr abschütteln können. Das Argument, dass wir lernen wollen und er nur stört, hat ihn nicht interessiert.“ Miriam strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem sommersprossigen Gesicht und lächelte ihn an, wobei sie versuchte, streng auszusehen, was ihr aber misslang.
„Ach, kommt schon, ihr wollt doch im Grunde nur über uns Männer schwatzen und lästern, wenn wir nicht dabei sind. Deshalb sitzt der arme Tropf auch da drüben allein und ihr glotzt, was er so macht.“ Francesco grinste Natasha unverschämt an, was diese zum Kochen brachte.
„Du nervst, Mann. Außerdem bin ich sicher, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt. Der Typ kommt mir verdächtig vor, das sage ich euch. Alleine schon die Geschichte, wie Karin ihn kennen gelernt hat ... sehr komisch. Und gleichzeitig zieht er zufällig genau bei ihr ein, das kann mir doch echt keiner erzählen.“
Miriam sah skeptisch über die Schulter. „Bist du sicher? Ich hatte eigentlich einen ganz netten Eindruck von ihm am letzten Donnerstag. Worauf gründest du deinen Verdacht?“
„Weibliche Intuition. Seht nur, wie er dasitzt und sich das dicke Heft dort rein zieht. Mir sträuben sich alle Haare, wenn ich ihm nur zusehe“, beharrte sie.
Karin wollte wissen: „Findest du nicht, dass du ein wenig übertreibst? Ich meine, ich hatte ja schon einige ziemlich heftige Streitgespräche mit ihm, aber er ist eigentlich immer sehr beherrscht und nie wirklich unangenehm. Es ist eigentlich eher eine ständige Frotzelei zwischen uns, auch wenn es meistens total ausartet.“
„Siehst du, genau das meine ich. Er ist mir einfach nicht geheuer!“, beharrte Natasha und kreuzte die Arme vor der Brust.
Francesco meldete sich erneut: „Ich finde das sehr ungerecht von dir. Nicht nur, dass ihr hinter seinem Rücken über ihn herzieht und ihm Dinge unterstellt, für die ihr keine Beweise habt, ihr grenzt ihn hier auch noch so offensichtlich aus. Wenn er sich zufällig umdreht oder mal runtergeht und sieht euch hier sitzen? Was sagst du ihm dann, Natasha?“
„Das gleiche wie dir: Du kannst mich mal“, fuhr sie ihn an.
Er stand auf, obwohl Miriam sagte: „Warte, sie hat es nicht so gemeint ...“
„Doch, ich habe schon verstanden. Ich gehe jetzt an einen Ort, wo ich willkommen bin.“ Er nahm seine Jacke.
„Gut gemacht, Natasha“, zischte Miriam ihre Mitstudentin an, während er schon einen Schritt in Richtung Treppe ging. Theatralisch blieb er dann stehen und wandte sich nochmals um, um zu sehen, ob jemand ihn am Gehen hindern würde.
Karin zögerte, doch gleich schnappte Natasha: „Ist noch was?“
Er grinste sie wieder auf seine unverschämte Art an und sagte: „Und ob, ich habe doch gesagt, ich gehe dorthin, wo ich willkommen bin.“
Und damit kam er zurück, ging an ihnen vorbei und fügte über die Schulter hinzu: „Paranoide Zicke.“
Während Natasha aufsprang, verfolgte Karin fassungslos, wie Francesco durch das Obergeschoss ging, CSM 108-1 auf die Schulter klopfte und sich ihm gegenüber an seinen Tisch setzte. Miriam sagte nur: „Oh nein.“
„Dieser miese kleine ...“, flüsterte Natasha, doch in diesem Moment zeigte Francesco mit ausgestrecktem Arm überdeutlich zu ihnen hinüber, worauf sich CSM 108-1 umdrehte und sie erblickte. Als Karin mit ihm Blickkontakt bekam, hob er fragend eine Augenbraue, worauf sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Das nannte man wohl schlechtes Gewissen, dachte sie verschämt. Er winkte ihnen lächelnd zu, was ihr Gefühl noch potenzierte.
„So ein Mist, wie stehen wir jetzt da?“, presste Natasha zwischen zusammengebissenen Zähnen vor, während sie zurück winkte und lächelte.
„Das musst gerade du sagen“, fuhr Miriam sie ebenso gedämpft an, worauf diese zusammenzuckte.
Jetzt setzte sich CSM 108-1 auch noch auf die andere Seite neben Francesco, so dass die beiden sie ansehen konnten. CSM 108-1 fragte ihn etwas, worauf der Italiener mit ausschweifenden Handbewegungen und Mimik eine umfassende Erklärung abgab, während der CSM 108-1 mehrfach mit befremdeter Miene zu ihnen hinübersah, besonders als Francesco ausdrücklich auf Natasha deutete.
„Na prima. Was hast du dir nur dabei gedacht, diese verräterische Natter an unseren Tisch zu holen?“, wies diese Miriam zurecht.
„Die Frage ist, was hab’ ich mir nur dabei gedacht, mich mit dir zusammenzutun?“ Mit diesen Worten erhob sie sich und ging ohne einen weiteren Blick zur Treppe, um das Mr. Pickwick zu verlassen. Den flehentlichen Blick von Karin beantwortete sie mit einem kaschierten Schulterzucken, als sie ihren grauen Wollpullover zurechtzog und ihre beige Wildlederjacke überzog.
„Es wird immer besser. Von ihr wollte ich die Notizen über die letzte Vorlesung. Ich habe kaum die Hälfte mitbekommen.“ Natasha seufzte. „Was hast du mitgeschrieben?“
Karin reichte ihr ergeben ihre Unterlagen, schockiert über dieses Maß an Ignoranz, das ihr bei ihrer Freundin bislang noch nie aufgefallen war. Gut, so lange kannte sie sie ja auch noch nicht ... Aber sie befand sich schon in einem inneren Zwiespalt, denn einerseits fand sie schon, dass Natasha Daniel Unrecht tat, doch sie wollte sie auch nicht vor den Kopf stoßen.
Warum musste alles immer so kompliziert sein? Über ihre Gefühle für ihn war sie sich auch nicht im Klaren, geschweige denn über seine Gefühle ihr gegenüber. Falls er überhaupt Gefühle besaß. Sie konnte nicht wissen, dass aufgrund der unterbewussten Assoziation seines Aussehens mit ihrem Erlebnis als kleines Mädchen, als er sie fast angefahren hatte, die übliche Blockade aufgehoben war, die normalerweise zuverlässig verhinderte, dass sich jemand näher für ihn interessieren wollte. Sie war wahrscheinlich sogar das einzige Mädchen, das sich überhaupt für ihn interessieren konnte.
Aus dem Augenwinkel sah sie beim Bestellen, dass er sich von der Bedienung einen Block und Papier hatte geben lassen und etwas skizzierte, um es Francesco zu zeigen.
„Das ist dein Schlitten? Wow!“ Staunend betrachtete der junge schwarzgelockte Italiener die beinahe plastisch wirkende Winkelskizze von CSM 108-1. „Ein Monza GS/E. Du kannst sehr gut zeichnen, weißt du das?“
„Kein Grund, mir die Eier zu schaukeln“, entgegnete er, seine speziellen Datenbanken über diese Art der Konversation abrufend. „Hast du Lust, mal ’ne Runde damit zu heizen? Ich werde ihn nicht mehr lange haben, denn bei den Spritpreisen, Steuer und so ... du weißt schon.“
„Ein Jammer“, stimmte sein neuer ‚Freund’ zu. „Willst du dir denn eine neue Karre zulegen?“
„Ja, deshalb habe ich auch diesen Autokatalog gewälzt. Was hältst du von dem hier?“ Er zeigte ihm eine Option, worauf Francesco mit dem Kopf schüttelte.
„Der säuft viel zu viel. In ’ner grünen Stadt wie Freiburg kannst du dich mit so ’ner Spritschleuder nicht sehen lassen.“
CSM 108-1 blätterte schnell den Teil mit den technischen Daten durch, darauf bedacht, dass er das Auto seiner Wahl ja nur noch für knapp ein Jahr haben würde, bevor es vom nuklearen Feuer verzehrt werden würde. Dennoch war der technische Aspekt für ihn wieder mitentscheidend, wobei er seine Datenbanken mit den entsprechenden Fortschritten der Automobilindustrie seit seinem ersten Autokauf auffrischte.
„Hier, der hier ist doch vom Feinsten. Braucht weniger als neun Liter, Allradantrieb, Sechsganggetriebe ...“, erklärte er und wies auf das entsprechende Bild.
„Dieses Geschoss? Mann, schwimmst du eigentlich im Geld? Das kann nicht dein Ernst sein?“ Ungläubig musterte er ihn.
CSM 108-1 zuckte mit den Achseln: „Doch, schon. Ich schwimme nicht im Geld, aber mein Vater und mein Bruder sind ... sagen wir, recht erfolgreich im Geschäft, weshalb ich keine finanziellen Sorgen habe. Außerdem habe ich dieses Auto über zehn Jahre gefahren, da werden sie sicher ein neues springen lassen. Aber unsere Spritztour auf die Autobahn machen wir mit dem Monza trotzdem noch, okay? Es soll seine Abschiedsfahrt werden.“
„Mann, was tun wir denn noch hier? Lass uns zahlen und dann ab mit uns.“ Mit fast kindlicher Vorfreude sprang Francesco auf und zog ihn mit zur Treppe. Dabei kamen sie natürlich am Tisch von Karin und Natasha vorbei. CSM 108-1 sah, wie Karin betrübt zu Boden sah und den Kopf einzog, während Natasha sie indes feindselig musterte.
Im Vorbeilaufen bemerkte Francesco zu ihnen: „Ihr seid Hühner. Gack, Gack, Gack!“
Hinter ihm beließ CSM 108-1 es bei einem neutralen: „Ladies.“
Dann waren sie draußen. Er würde Karin nicht erzählen, wie er das gewaltige Coupé mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 215 km/h über die Autobahn gelenkt hätte und seinem italienischen Freund die Farbe aus dem Gesicht und Schweißperlen auf die Stirn getrieben hatte, indem er das massige Fahrzeug in brutaler Kurvenfahrt durch den Kaiserstuhl gehetzt hatte, immer haarscharf am Grenzbereich, ohne ihn je zu überschreiten.
Karin saß am Sonntagmorgen früh in der Küche und ließ im Hintergrund pädagogisch zweifelhafte Trickfilme für Kleinkinder im Fernsehen laufen. Sie hatte mit ihm sprechen wollen, hatte gestern aber nichts mehr von CSM 108-1 gesehen und war auch recht früh ins Bett gegangen. Sie hatte nicht gehört, wann er heimgekommen war.
Als sie auf den Balkon hinaustrat und kurz die kalte Morgenluft einatmete, bedrückte sie die tiefhängende graue Wolkenschicht über der Stadt. Einen Moment später fiel ihr auf, dass CSM 108-1’s Auto nicht in der Straße geparkt war. Nun, er hatte noch keine Garage gefunden, obwohl er schon mit jemandem in Verhandlungen stand, wie sie wusste. Vielleicht hatte er einfach in ihrer Straße keinen freien Parkplatz mehr gefunden und musste woanders hin; die Parkplatzsituation in ihrer Umgebung war chronisch katastrophal.
Andererseits ... ihr kam ein Gedanke. Rasch kehrte sie in die heimelige Wärme ihrer geräumigen Wohnküche zurück und sperrte die eisige Kälte durch das Schließen der Balkontüre aus. Sie klopfte an CSM 108-1’s Zimmertüre, dann noch einmal, als keine Reaktion kam.
„Daniel, bist du da?“
Sie zögerte noch einen Moment, doch dann siegte doch die Neugier und sie drückte leise die Türklinke hinab. Völlig lautlos schwang die schwere Holztür auf; er musste die Angeln bei seinem Einzug geölt haben. Er war immer peinlich genau darauf bedacht, dass alles Mechanische und Elektrische in ihrem Haushalt reibungslos funktionierte. Wofür sie ihm dankbar war.
Sein Raum war leer, die Klappcouch eingefahren.
Er war offenbar heute Nacht nicht heimgekommen.
Eine Zentnerlast schien auf ihrem Herzen zu liegen.
Was bist du doch für eine dumme Gans, sagte sie sich. Er war wahrscheinlich nur mit Francesco und sicher noch mit Arturo zusammen auf Streifzug gegangen und nachher bei ihnen versumpft. Da er bei seiner Korrektheit nach Alkoholgenuss garantiert keinen Meter weit mehr fahren würde, hatte er sicher bei ihnen auf der Gästecouch übernachtet, als keine Straßenbahn mehr gefahren war.
Blödsinn, Straßenbahn. Ohne seine blöde Karre würde er sich nicht vom Fleck weg rühren. Vielleicht hatte er sogar in dem Auto übernachtet. Wenn man die Rücksitze wegklappte, bekam man eine ebene Fläche, groß genug für eine Spielwiese ...
Sie verdrängte den aufkommenden Gedanken. Jedenfalls liebte er sein Auto über alles. Mehr jedenfalls als ...
Auch diesen Gedanken verdrängte sie.
Ein weiterer Gedanke kam ihr: Sie hatte noch nie gesehen, wie er einen einzigen Tropfen Alkohol getrunken hatte. Das konnte also gar nicht der Grund für sein Fernbleiben sein. Aber ...?
„Suchst du was?“
Ihr Herz setzte eine Sekunde aus, als sie derart ertappt wurde. Sie fuhr herum, erblickte aber nur Simon, der im Pyjama verschlafen in der Tür stand und sie fragend musterte.
„Daniel ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen“, versuchte sie den Grund ihrer Anwesenheit in seinem Zimmer lahm zu erklären.
„Der Glückspilz“, kommentierte er darauf und grinste wölfisch.
„Du bist so ein Blödmann. Wieso ertrage ich dich nur?“, versetzte sie zornig.
Er gähnte; wenn Simon in diesem Zustand war, war dem notorischen Morgenmuffel so ziemlich alles egal, was sie ihm so an den Kopf warf. „Weil deine Eltern dir als Auflage aufgebrummt haben, mit mir in einer WG zu wohnen, erinnerst du dich? Was ich mir dabei gedacht habe, als ich darauf einging, ist mir allerdings schleierhaft.“
„Deine Rechnung ist wohl nicht aufgegangen, was?“ Nun legte sie ein gewisses Potential an negativer Energie frei, was aber von ihm abprallte.
„Tut mir leid, über dieses Stadium bin ich hinaus. Ich hatte neulich ein ganz interessantes nächtliches Gespräch mit Daniel, das hat mir geholfen. Also gut, er ist nicht da. Was geht das uns an? Er ist erwachsen und uns keine Rechenschaft schuldig. Außerdem habe ich ihn gestern Abend noch gesehen.“
„Ja?“
„Ja. Er kam heim, ging in sein Zimmer und kam mit völlig versteinerter Miene wieder hinaus und ging. Als ich ihn fragte, wo er hinwill, sagte er ‚Paris’. Ist er nicht manchmal zum Totlachen?“ Simon hatte bereits die Küchentür in der Hand, als der Schlüssel ins Wohnungstürschloss gesteckt wurde. Er machte auf, bevor aufgeschlossen werden konnte.
„Morgen, Daniel. Na, wie war’s in Paris?“ Er gähnte.
„Beschissen. Sie haben mir mein Auto geklaut.“ Er machte eine finstere Miene und entdeckte dann Karin. „Was machst du in meinem Zimmer?“
„Keine Sorge, ich habe sie gerade noch entdeckt, bevor sie es filzen oder etwas klauen konnte.“ Karins wütende Miene ignorierend, schlurfte Simon nun in die Küche, um Kaffee aufzusetzen.
„Nun?“ Er sah sie an, völlig ausdruckslos und kalt, was ihr wehtat.
„Es tut mir leid. Ich habe mir Sorgen gemacht und gerade hier nachgesehen, als Simon kam. Ich wollte doch nichts ...“ Sie stockte und bewegte sich langsam zur Tür hin.
„Ich habe eine echt beschissene Nacht hinter mir, okay? Irgendein Teil von mir fand plötzlich, es sei eine prima Idee, nach Paris zu fahren und dort mein Auto unverschlossen abzustellen. Ich musste gerade mal eine halbe Stunde weg sein, bis mein Wagen geklaut war. Auf Nimmerwiedersehen. Mitten in der Nacht.“ Er schien zu grollen über seine eigene Dummheit.
„Das ist ein Witz, oder?“
„Nein, das ist meine kleine böse Stimme, die mir ab und zu schlechte Dinge ins Ohr flüstert, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sie hat mich dann überredet, einen Wagen kurzzuschließen und meinerseits für die Heimfahrt zu benutzen. Heute morgen habe ich dann den ersten Zug von Frankfurt aus genommen.“
„Du bist von Paris nach Frankfurt gefahren, um heimzukommen? In einem gestohlenen Auto? Das soll ich dir glauben?“ Sie sah ihn an, als fehlten ihm ein paar Schrauben.
„Ja, meinst du etwa, ich fahre mit einer geklauten Karre direkt vor unsere Haustür? Es gibt genug Grenzübergänge von Lothringen zur Pfalz, die man unauffällig befahren kann. Vor allem mit einem Renault 19 in schwarz, der ist so gewöhnlich und bieder, dass niemand zweimal hinsieht.“
„Gut, das reicht mir. Du hast offensichtlich eine zeitweilige geistige Umnachtung, so wie ich das sehe. Ich lasse dich besser alleine und warte, bis das vorbeigeht.“ Sie drückte sich an ihm vorbei und verließ sein Zimmer.
Taktisches Protokoll 2739h. Nichts kann unglaubwürdiger sein als die Wahrheit.
Er würde sich nur wünschen, dass Skynet nicht diese dämlichen Grundprogrammierungen eingebaut hätte, die ihn zu solchem Schwachsinn zwangen wie dem Einbruch in Kasernen zwecks Waffenbeschaffung oder auch dieser Autoentsorgeaktion, weil irgendeine unnütze unterschwellige Subroutine befunden hatte, dass man bei einem Verkauf seines Autos irgendeine Spur von ihm aufnehmen oder zurückverfolgen können würde. Und warum ausgerechnet Paris? Das wollte ihm partout nicht in den Sinn.
Statistische Wahrscheinlichkeiten.
Ein Automobil in dieser Stadt, unverschlossen und ohne Kennzeichen, würde dort nicht lange herumstehen. Niemand würde es je nach Deutschland oder gar zu ihm zurückverfolgen können. Was aber nicht das Risiko rechtfertigte, seinerseits ein Fahrzeug zu entwenden, was ihn seiner Ansicht nach in weitaus größere Schwierigkeiten hätte bringen können, als sein auf ihn zugelassenes Auto in Zahlung zu geben. Irgendwo war doch da ein Logikfehler.
Nein, nicht nach Skynets Logik. Danach durfte man alle Gesetze der Menschen übertreten, man durfte sich nur nicht dabei erwischen lassen. Und wenn doch ... CSM 108-1 zweifelte keinen Moment daran, dass irgendwo in diesen schwachsinnigen Kommandobefehlen eine Subroutine eingebaut war, die ihn zum Töten einer ihn zufällig beim Aufbrechen des Wagens erwischenden Polizeistreife veranlasst hätte. Wäre das vielleicht unauffällig gewesen?
Er bemerkte den immer größer werdenden Konflikt mit seiner Basisprogrammierung, seit er sich im WRITE-Modus eine eigene, viel effizientere, aber prioritär im Entscheidungsfall untergeordnete Programmierung entwickelt hatte, sein künstliches Bewusstsein nämlich. Sein Ziel war noch immer das gleiche wie am ersten Tag, aber auf seine Art und Weise würde er die Mission viel besser erfüllen können. Wenn Skynet auch nur einen Funken Vertrauen besessen hätte, hätte er ihn das selbst entscheiden lassen. Aber genau das war das Problem: Er war das ungeliebte Kind einer superintelligenten, aber jeder Emotion unfähigen Entität. Hätte es auch nur die geringste Chance gegeben, diese Mission auch im READ ONLY-Modus erfolgreich zu absolvieren, würde er jetzt noch tumb und blechern durch die Gegend staksen.
Seine Schizophrenie wuchs.
Die Wochen vergingen, man gewöhnte sich allmählich an den Studentenalltag und innerhalb der WG aneinander, wobei sich eine echte Freundschaft zwischen CSM 108-1 und Simon entwickelte. Auch die Beziehung zu Karin normalisierte sich halbwegs, wenn man das so nennen konnte. Er entdeckte eine egozentrische Seite an ihr, die ihr Auftreten ihm gegenüber oft eine Spur überheblich und gönnerhaft erscheinen ließ. Indem er ihr zu verstehen gab, dass ihm das nichts ausmachte, schien er paradoxerweise so etwas wie ihren Respekt und vielleicht gar stille Bewunderung von ihr zu ernten.
Aber auch ansonsten kristallisierten sich gewisse Konstellationen innerhalb des mittlerweile traditionellen ‚wissenschaftlichen Diskussionsdonnerstags’ in ihrer Wohnküche heraus. Vor allem der ältere der beiden Italiener, Francesco, tat sich gut mit Simon und ihm, was in gewissem Umfang auch Miriam ins Spiel brachte. Sie und Francesco hatten ein seltsames Verhältnis zueinander, da jeder sich offenbar dem anderen überlegen fühlte und ihm gegenüber dominant auftrat, was bisweilen groteske Dialoge erzeugte. CSM 108-1 hatte manchmal das Gefühl, als wollte Francesco nachgeben, um sie zu gewinnen, aber sein südländischer Stolz stand ihm da offenbar zu sehr im Wege. Dass sie so viel Zeit mit ihren Kollegen Thorsten und Rudolf verbrachte, die anderen gegenüber recht verschlossen, wenn auch nicht unfreundlich waren, machte das nicht viel einfacher. Was alle drei verband, war die subliminare Antipathie gegen Karin und auch Natasha. Da vor allem Natasha es war, die seit der Konfrontation im Mr. Pickwick kaum noch mit Miriam redete, wenn es sich vermeiden ließ, Thorsten und Rudolf aber ebenso Karin mieden, fühlte diese sich unverstanden und wirkte manchmal etwas unglücklich über die momentane Situation, auch wenn sie natürlich aus falsch verstandenem Stolz nie auch nur ein Wort darüber verlor.
Arturo, der jüngere Bruder von Francesco, passte irgendwie nirgends so recht hinein. Schon vom Aussehen, aber hauptsächlich vom Verhalten her hätte niemand einen müden Pfennig darauf verwettet, dass die beiden Brüder seien, denn ihre Charaktere unterschieden sich gänzlich. Er hing nur mit ihnen zusammen, weil er augenscheinlich nichts besseres zu tun hatte, tauchte oft unvermutet auf, verschwand genauso plötzlich wieder und schien auch nicht wirklich Anteil an ihren Kursen oder anderen Interessen aufzubringen, war aber dennoch immer neugierig und löcherte alles und jeden mit Fragen. Er interessierte sich vor allem für die Herkunft und Geschichte eines jeden, was ihm bald nur noch eine Mauer trotzigen Schweigens einbrachte.
Ralf gab sich sehr extrovertiert und prahlerisch, er hatte viel Geld und sorgte auch dafür, dass jeder das mitbekam. Dabei genoss er die Aufmerksamkeit von Natasha, welche ihm regelrecht nachstellte und ständig mit ihm anzutreffen war. CSM 108-1 hatte manchmal den Eindruck, sie spielten allen nur etwas vor und würden sich in Wahrheit schon ewig kennen. Sie harmonierten auf ihre eigene Art so gut miteinander ... als würden sie es genießen, ihr kleines Geheimnis zu haben. CSM 108-1 erinnerte das Auftreten von Ralf an den klassischen Don Diego de Vega. Und hinter dessen Gehabe hatte sich damals Zorro verborgen.
Aber vielleicht war das wirklich nichts weiter als heiße Luft. Hinter Natasha konnte er sich dagegen keine andere Geschichte vorstellen als die ihm bekannte. Und das war herzlich wenig: ihre Eltern, von denen ein Teil Russlanddeutscher war, waren kurz nach ihrer Geburt aus der Ukraine via Ungarn übergesiedelt und lebten irgendwo in Deutschland; wo genau, hatte er nie erfahren. Der Rest ihrer persönlichen Historie entzog sich seiner Kenntnis.
Von Abbey hatte er versucht, sich nach Möglichkeit fernzuhalten, was sie ihm gnädigerweise leicht zu machen schien. Als er einmal ein kurzes Zwiegespräch mit ihr gehabt hatte, hatte sie in breitem Oststaatendialekt mit ihm geplaudert und ihm kundgetan, dass sie hier sei, um Land, Leute und Sprache besser kennen zu lernen. Und da man mit Leuten aus dem Heimatland im Ausland tendenziell lieber zusammen zu sitzen pflegt, wäre das ihren Zielen hinderlich. Sein Argument, dass er praktisch sein ganzes Leben hier verbracht hatte und vom kulturellen Standpunkt aus genauso Deutscher wie Amerikaner war, ließ sie nicht gelten. Allerdings traf sie sich vermehrt mit Simon, oft zum Lernen, da sie alle beide die Kurse in Geologie und Mineralogie besuchten, was CSM 108-1 sehr für Simon freute, da sie sich allmählich näherzukommen schienen. Er würde es ihm ja gönnen ...
Sein neues Auto hatte er inzwischen auch, beinahe gleichzeitig mit einem Tiefgaragenplatz in der Schwarzwaldcity, also gerade zwei Straßen weiter, was ein unglaubliches Glück für ihn bedeutete. Nun ging es wieder einmal auf die Weihnachtszeit zu. Ihm bedeutete dieses Fest nichts, da er keinen menschlichen Glauben praktizierte. Für seine Mission war diese Fähigkeit irrelevant, da er sich hier in einer Umgebung bewegte, in der Atheismus zumindest gebilligt, wenn auch nicht restlos von allen Mitmenschen akzeptiert wurde. Vor allem ältere Leute zeigten sich öfters pikiert, wenn er sich in dieser Angelegenheit äußerte. Mit den Jahren hatte er sich darum eine eigene Geschichte zurecht gelegt, die zu seinem bisherigen fiktiven Werdegang passte und ihm so die Möglichkeit gab, sich elegant aus jeder peinlichen Situation herauszumanövrieren und dem christlichen Festtagsrummel zu entgehen. Für ihn bedeutete dies nur, dass die Geschäfte an Wochentagen, die sonst normale Werktage gewesen wären, ganztags geschlossen blieben und meistens sogar die Öffnungszeiten der Kneipen und Restaurants stark eingeschränkt waren.
[Fortsetzung folgt ...]
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