Freitag, 29. Dezember 2006
T1.40
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 22. November 1996

Der Schlüssel glitt lautlos ins Türschloss ihrer Wohnungstür und drehte sich. CSM 108-1 winkte Karin mit einer Handbewegung galant an sich vorbei ins Innere. Sie nickte nur und ließ die Andeutung eines Lächelns über ihre geschwungenen Mundwinkel huschen. In den letzten Tagen und Wochen war tatsächlich ein Zustand der Harmonie zwischen ihnen eingekehrt. Er konnte nicht beurteilen, inwiefern das daran lag, dass ihr irgendwann aufgegangen war, dass er sehr gut beim Lernen war und ihr unschätzbare Hilfe beim Erklären und Verstehen von Problemen leisten konnte. Auch schien sie es zu mögen, dass er nie launisch war, sondern stets ausgeglichen, der ruhende Pol zwischen ihnen, und auch im Haushalt immer hilfsbereit, geschickt und fleißig.
Er wusste natürlich, dass er sich der guten Stimmung wegen nur noch von seiner besten Seite zeigte, doch war er sich nicht mehr sicher, ob er es nicht übertrieb. Eine ganze Zeit lang präsentierte er sich schon als ‚zu gut, um wahr zu sein’, was vielleicht eines Tages nach hinten losgehen konnte. Die Emotionen seiner Mitmenschen waren eine nicht zu unterschätzende Variabel, insbesondere deshalb, weil sie hochgradig unvernünftig und unberechenbar reagieren konnten, wenn sie unter einem hormonellen biochemischen Ungleichgewicht litten, wie bei Menschen diesen Alters immer die Gefahr bestand. Nicht einmal sein unvorstellbar komplexes Elektronengehirn konnte dann in einer Extremsituation vorausberechnen oder auch nur einschätzen, wie einer von ihnen in der nächsten Sekunde reagieren würde.
Er hatte extrem viel Material über diese Thematik gesammelt, als ihm aufgegangen war, welchen hohen Stellenwert sie im Bewusstsein und Unterbewusstsein eines jeden einzelnen Menschen einnahm. Manche, vor allem männliche Zeit- und Altersgenossen, schienen fast ununterbrochen einen Teil ihrer Hirnkapazität ausschließlich diesem Thema zu widmen, andere schienen manchmal allein von ihren Hormonen dirigiert zu werden anstatt von ihrem Verstand. CSM 108-1 fand das faszinierend, weil es für ihn praktisch die letzte Hürde darstellte auf dem Weg zur Menschlichkeit. Er hatte für nahezu jede menschliche Kommunikationssituation genügend Programme, Fallbeispiele und Verhaltensmuster angelegt, um stets zweifelsfrei als menschliches Individuum durchzugehen.
Was jedoch Intimität mit anderen Mitmenschen betraf, hatte er bislang noch keine Veranlassung beziehungsweise Notwendigkeit gesehen. Nun war er vielleicht an einem weiteren Wendepunkt angekommen, wo er schon in einer Gemeinschaft mit anderen jungen Menschen unerkannt lebte. Er sollte allerdings mit äußerster Behutsamkeit vorgehen, da er so wenig wie möglich Einfluss auf ihre Beziehungen innerhalb des noch am Entstehen begriffenen, potentiell instabilen Freundeskreis ausüben wollte. Dass diese beiden Dinge miteinander unvereinbar waren, ahnte er zwar aufgrund seines angeeigneten Grundwissens über zwischenmenschliche im Allgemeinen und romantische Beziehungen im Besonderen, doch welche Ausmaße es annehmen konnte, war ihm zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Er hatte sich schließlich unter sorgfältigem Abwägen der einzugehenden Risiken und des Nutzens dafür entschieden.
Jedenfalls fühlte er sich bestens gerüstet. Er hatte in wenigen Wochen so viel Material gelesen und sich angesehen, wie ein normaler Twen in seiner Lebensspanne. Er hatte ein erstaunliches Verständnis für die Bedürfnisse, Hoffnungen und Sehnsüchte eines jungen Menschen entwickelt, um jenes Maß an Sensibilität und Intuition zu erlangen, dessen es seiner Ansicht nach bedurfte.
Auf den Moment, an dem seine neue Programmerweiterung starten sollte, welche immerhin beinahe acht Prozent seines gesamten belegten Speicherplatzes einnahm, hatte er keinen bewussten Einfluss nehmen wollen, da er realisiert hatte, dass bei den meisten Menschen ein rein zufälliger Impuls die Gefühle von Zuneigung zu einem anderen manchmal bei der ersten Begegnung, manchmal vielleicht erst nach Jahren des Kennenlernens auslöste. Deshalb hatte er zwei Dutzend willkürliche Parameter gesetzt und so verschlüsselt, dass er selbst aktiv keinen Zugriff mehr auf sie hatte, sich also nicht mehr daran ‚erinnern’ konnte, wann und durch was die Subroutine ausgelöst würde.
Immerhin hatte er den Luxus, der den Menschen versagt blieb, dass er bei einem Fehlschlag jederzeit das Programm stoppen, löschen oder gar neu aufstarten konnte. So manch einer hätte sich diese Fähigkeit sicher auch gewünscht, hätte er etwas davon gewusst.
Er war mit Karin in der Unibibliothek beim Lernen gewesen und anschließend im Uni-Café, wo sie über diversen Stoff diskutierten. Es würde bald an erste praktische Stunden in Labors gehen, wo sie unter Aufsicht lehrplanmäßige Versuche oder auch andere Projekte durchführen konnten. Vor allem in Mineralogie und Geochemie planten sie, an einem gemeinsamen Labortisch zu arbeiten. Was genau sie dabei erwarten würde, war ihm noch nicht genau klar, da würde er sich überraschen lassen müssen.
Er schloss leise die Tür hinter sich, um Simon nicht zu stören, falls er beim Lernen sein sollte, während Karin schnurstracks nach hinten in ihr Zimmer tappte, da sie ziemlich müde war. Als er gewahr wurde, dass der Fernseher in der Wohnküche lief, öffnete CSM 108-1 die Tür und trat ein.
Damit hatte er nicht gerechnet.
Im Programm lief irgendeine Sendung über eine Bootsfahrt durch das Moseltal in einem der dritten deutschen Fernsehprogramme. Nichts, was sich junge Menschen für gewöhnlich ansehen würden. Zwei Sekunden später wechselte der Kanal und zeigte ein altes Video, I want to break free von ‚Queen’ seiner Ansicht nach, nur um fünf Sekunden darauf auf eine Talkshow mit Hans Meiser zu wechseln. Darauf gab es einen Zeichentrickfilm über Tiere im Wald, dann wechselte das Programm zu Waschmittelwerbung und anschließend wieder zurück zur Moselschifffahrt. Eine gewisse Methodik ließ sich nicht bei diesem wilden Kanalwechsel feststellen.
Vielleicht lag es ja daran, dachte CSM 108-1, dass die Fernbedienung unter Simon lag, der unüberhörbar auf der Couch mit einer Unbekannten zugange war, wobei sie dem direkten Sichtfeld entzogen blieben. Weitere Indizien dafür waren ein von der Couchlehne hängendes Herrenhemd und der hinter der Couch auf dem Boden liegende weite graublau gemusterte Pullover.
Wieder erschien der Videoclip von ‚Queen’.
„Könnt ihr euch nicht endlich für eine bestimmte Sendung entscheiden?“, rief er mit gespielter Strenge und dem gewünschten Erfolg, dass die unbeabsichtigte Zapperei augenblicklich stoppte. Wie in Zeitlupe erschien Simons zerzaustes Haar, dann sein Kopf bis auf Augenhöhe.
„Zeihung. Willst du dir etwas Bestimmtes ansehen? Ich schalt’ dir gerne um.“
Ein albernes Kichern erklang hinter dem Sofa.
„Ich glaube mich zu erinnern, dass wir für derlei zwischenmenschliche Aktivitäten wunderschöne Zimmer haben, jeder eines für sich, die uns nahezu unbeschränkte Privatsphäre bieten. Wie würdest du es finden, die Möglichkeiten deines Privatzimmers jetzt zu nutzen? Sagen wir, spätestens in fünf Minuten?“ Er stemmte seine Hände in die Hüften.
„Weißt du, wenn ich darüber nachdenke ... jetzt, wo du es sagst, erscheint mir das eine tolle Idee. Was täte ich nur ohne dich, Danny?“ Wieder kam ein mühsam unterdrücktes Lachen hinter der Couch hervor.
„Du meinst, jetzt und hier auf der Couch? Das ist wohl offensichtlich, glaube ich. Ich gehe jetzt und sorge dafür, dass sich Karin in den nächsten Minuten nicht auf dem Flur oder hier sehen lässt. Seid froh, dass sie es nicht war, die euch hier gefunden hat, Mann. Schönen Abend noch, ihr beiden.“ Grinsend reckte er Simon den erhobenen Daumen hin.
Dann ging er schnell zu Karins Zimmer und klopfte mehrmals an die geschlossene Tür. Von drinnen erklang ein gedämpftes ‚Herein!’. Erleichtert schlüpfte er durch den Eingang in ihr kleines spartanisches Reich, wo sie auf ihrer kleinen Zweisitzcouch saß und las.
Sie sah ihn fragend an, als er ein wenig unsicher wirkend vor ihr stand. „Was gibt’s?“
„Ach, ich wollte dich nur bitten, in den nächsten paar Minuten hier drinnen zu bleiben. Aus Gründen der ... wie soll ich sagen, Diskretion“, druckste er herum.
„Hä? Spinnst du?“, war ihre erste Reaktion.
„Es geht um Simon. Nun, er hat ... hm, Besuch und hatte wohl vergessen, dass er von uns ... naja, gestört werden könnte. Er befindet sich gerade in der Küche, wo ich unwillkommenerweise in einer ungelegenen Situation auf ihn getroffen bin. Ich habe ihn aber überzeugen können, dass er seinen Besuch ... nun, auf sein Zimmer verlegt, wo sie ungestörter sind. Deshalb die kleine ihm zugesicherte Wartezeit zur Wahrung seiner Privatsphäre, verstehst du?“ Erwartungsvoll sah er sie an.
„Du hast eine Vollmeise, so viel ist klar. Weißt du, wie sich das anhört? Das klingt so, als ob ... als ob ... genau, als ob du ein Butler oder Hotelconcierge wärst, der einem Gast klarzumachen versucht, dass irgendetwas Unangenehmes vorgefallen ist, von dem er nichts mitbekommen soll. Du weißt doch genau, dass mich das rasend macht. Wo hast du nur diese beknackte Ausdrucksweise her?“
Er herrschte sie milde an: „Herrgott, ich habe ihn auf der Couch beim Fummeln erwischt und ihn diplomatisch und dezent aufgefordert, sich in sein Zimmer zu verziehen, damit es nicht zu peinlich für ihn und seine Flamme wird. Soll ich es dir noch aufmalen?“
Sie wehrte nun ab: „Schon gut, bin ja nicht blöd. Ich dachte nur, dieses Thema mit deiner überzüchteten Sprache hätten wir bereits bei unserer ersten Begegnung abgehakt. Sind wir wieder so weit?“
„Ja, Kleines, lass uns noch mal von vorne anfangen“, gab er ironisch zurück.
Sie hob missbilligend eine Braue und entgegnete wieder einmal mit ihrer spitzen Ironie: „Küss’ mich sofort, ich halte es nicht länger aus.“
Er beugte sich vor und berührte ihre Lippen mit seinen. Sie zuckte verblüfft zurück, bevor sich der Kontakt vertiefen konnte. „He, du hast sie wohl nicht alle!“
„Warum, du hast mich doch darum gebeten“, gab er grinsend zu bedenken. Insgeheim fragte er sich, ob besagtes Programm ausgerechnet jetzt angelaufen sein mochte. Das konnte man getrost als miserables Timing bezeichnen!
„Blödmann, du weißt genau, wie ich das gemeint habe. Schließlich habe ich so was ja nicht zum ersten Mal gesagt, oder?“, herrschte sie ihn an, zornig auf ihn und sich selbst.
„Dann wünschst du dir das also schon länger? Warum hast du nie ...?“
„Halt bloß die Klappe. Ich schlage vor, du verlässt jetzt auf der Stelle mein Zimmer.“ Sie zitterte vor mühsam unterdrückter Wut.
„Ich fürchte, das kann ich nicht tun“, entgegnete er seelenruhig, worauf ihre Augen groß und rund wurden.
„Was soll das heißen? Du widersetzt dich meinem Verweis des Zimmers? Weißt du eigentlich, welchen Ärger du dir gerade einhandelst, Junge?“
„Es tut mir leid, aber ich habe Simon versprochen, ein paar Minuten nicht auf dem Flur zu erscheinen, um die Identität seiner ‚Besucherin’ nicht zu erfahren. Wenn du willst, stelle ich mich an die Tür und warte ab, bis die Luft rein ist, bevor ich gehe, aber du musst mein Versprechen ihm gegenüber bitte respektieren“, erklärte er und kreuzte die Arme über der Brust.
„Gar nichts muss ich! Raus hier, los!“ Beinahe hysterisch sprang sie vor und versuchte ihn in Richtung Tür zu schieben, er aber rührte sich keinen Millimeter von der Stelle.
„Was ist nur los mit dir? Was hast du für ein Problem, du Idiot?“, keuchte sie und stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen ihn.
„Das hilft uns nicht weiter, Karin“, bemerkte er ungerührt. „Ich möchte wirklich nur, dass Simon seinen ungehinderten Abzug aus der Küche hat, wenn du mir den Ausdruck erlaubst.“
„Du sprichst absichtlich so, um mich auf die Palme zu bringen, gib’s zu!“, brüllte sie ihn an.
„Bitte sei nicht so laut“, bat er sie mit ruhiger Stimme. „Das ist der romantischen Stimmung unseres Wohnungsgenossen sehr abträglich. Wir wollen doch alle aufeinander Rücksicht nehmen.“
Sie schob immer noch ohne Unterlass, ohne das Geringste zu bewirken. „Das nennst du Rücksicht nehmen? Ich zeige dir mal, was ...“
Er sprang so unvermutet zur Seite, dass sie durch den aufgebauten Druck gegen ihn strauchelte und nach vorne fiel. Sofort hatte er sie um die Hüfte gefasst und sanft hinaufgezogen. Dabei sah er ihr unverwandt in die Augen und spürte, wie sich ihre Anspannung schlagartig löste. Sie schluckte und bekam weiche Knie, als er sie so festhielt.
„Die klassische Situation für einen filmreifen Kuss, nicht wahr?“, bemerkte er leise.
Sie nickte nur und sah ihn immer noch wie gebannt an.
Er hob den Kopf, als das Geräusch einer zuschlagenden Tür erklang. „Ich glaube, wir haben es überstanden. Sie sind jetzt sicher im Zimmer.“
Als er sie losließ und zur Tür ging, sackte sie kraftlos weg und ließ sich auf ihr Sofa fallen. Er hatte bereits die Türklinke in der Hand, als sie leise sagte: „Daniel?“
„Ja?“
„Was tust du da?“
Er öffnete die Tür. „Ich gehe. Das wolltest du doch.“
Sie brachte kaum ein Wort hervor. „Aber ich ...“
Er seufzte und sah zur Zimmerdecke, bevor er sie mit durchdringendem Blick fixierte. „Karin, du sagst oft Dinge, die du nicht meinst, und weißt oft nicht, was du eigentlich willst. Offen gesagt, ist das ein Problem für mich. Ich gehe jetzt auf mein Zimmer. Wenn dir einmal einfallen sollte, was du wirklich willst, dann sage es mir bitte. Okay?“
Er schloss hinter sich leise die Tür. Dennoch konnten seine akustischen Rezeptoren noch ausmachen, wie sie konsterniert leise murmelte: „Okay.“
Zu seiner Verblüffung ging vor seiner Nase die Tür zu Simons Zimmer auf. Heraus trat – welche Überraschung! – eine ziemlich zerzauste Abbey, die ihn verschämt anlächelte und ihre Brille ein wenig zurechtrückte. „Hi, Daniel.“
„You’re going already? What’s up with that?“, fragte er automatisch.
“We thought we should take some time out when we heard you fightin’ next door. Hope ya didn’t get too deep into trouble because of us”, gab sie bedauernd zurück.
„Oh, don’t mind ’bout that one, she freaked an’s pissed like alla time. I’m really sorry we spoiled alla fun you had. Hope to see ya soon.”
“I guess ya will,” bestätigte sie schelmisch grinsend und verließ eilig die Wohnung.
So etwas! Nachdenklich zog er sich in seinen Raum zurück und schaltete seinen PC ein, um wieder einmal im Internet zu surfen. Nach kurzer Zeit klopfte es.
Er gab Antwort, worauf Karin ihren Kopf zur Tür herein steckte. „Hi.“
„Komm rein. Was gibt’s?“, wollte er wissen und fuhr fort, Seiten herunter zu laden und abzuspeichern.
„Nichts. Ich wollte nur sehen, was du so tust.“ Ihre Stimme klang irgendwie verändert, die gewohnte Schärfe und Distanz fehlten. Irgendetwas in ihm wurde aufmerksam; dies schien eine kritische Situation zu sein, da ihm ihre momentanen Verhaltensparameter fremd waren.
„Willst du reden? Soll ich den PC ausschalten?“, schlug er vor und wandte sich ihr zu, wobei eine Hälfte seines Gesichts vom Bildschirm fahl beschienen wurde, da er keine andere Lichtquelle im Raum eingeschaltet hatte.
Sie schüttelte den Kopf und stellte sich neben ihn. Ihre Wut auf ihn schien gänzlich verflogen. „Nein, mach’ einfach weiter. Ich will dir wirklich nur ein bisschen zusehen, wenn du nichts dagegen hast.“
„Bitte. Ich weiß nur nicht, ob das für dich so interessant sein wird.“ Flink huschten seine Finger blind im Zehn-Finger-System über die Tastatur, dann benutzte er nur noch die Maus, um im System zu navigieren. Er war so schnell, dass die Software kaum mit der Ausführung seiner Kommandos nachkam.
„Und was siehst du dir da an?“ Neugierig geworden beugte sie sich vor, um besser über seine Schulter hinweg zu sehen. Ihr schwarzes glattes Haar, wie immer zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, fiel über ihre linke Schulter nach vorne. Er warf einen langen Blick aus dem Augenwinkel auf sie. Sie sah nicht, dass er nur ein Auge nach rechts zu ihr wandte, während das zweite den Blick fest auf dem Monitor haften ließ. Für zweidimensionale Informationsaufnahme brauchte er nur ein Auge.
„Websites über Autozubehör. Ich möchte mir einen Chip für die Motorelektronik meines neuen Autos und einen größeren Ladeluftkühler für den Turbolader des Motors bestellen.“ Er scrollte eine lange Liste von Angebotsreihen schnell nach unten durch. Sie konnte nichts von dem lesen, was da an ihr vorüberflimmerte.
„Du hast gar nichts davon erzählt, dass du dir einen neuen Wagen gekauft hast. Ich dachte, hier in der Stadt braucht man eigentlich gar keinen.“ Sie sah ihn unverwandt an, ihr schmales gebräuntes Gesicht wirkte sehr dunkel im Monitorlicht. „Ist das wirklich wahr, dass du nach Paris gefahren bist und dir dein altes Auto dort geklaut wurde?“
„Bitte frag’ mich nichts mehr darüber, ich habe wirklich schon genug Ärger deswegen gehabt. Aber ja, es stimmt. Mein Bruder ist ausgerastet, als er davon erfahren hat. Was ich mir dabei gedacht habe, wollte er wissen, und ich konnte es ihm nicht beantworten. Fast hätte er mir das Geld für ein anderes Auto verweigert, doch mein Vater hat zum Glück ein Machtwort gesprochen und wir haben uns am Telefon versöhnt. Dad ist echt der Beste.“ Mit unbewegter Miene, als spreche er über das Wetter, fuhr er fort: „Und du? Bist du mir nicht mehr böse?“
„Nein, ich habe eingesehen, dass du nur um Simon besorgt warst. Ich gönne es ihm ja auch.“ Er merkte an ihrer Haltung, dass es für sie sehr unbequem war, so nach vorne gebeugt dazustehen.
„Du meinst, du bist froh, dass er nicht mehr für dich schwärmt. Willst du einen Stuhl aus der Küche haben?“
„Nein, es geht schon“, log sie und meinte dann. „Zu deiner Aussage nehme ich aber keine Stellung, darauf kannst du lange warten. Hm ... wer ist denn die Glückliche?“
„Sag’ ich nicht.“ Er grinste und wurde dann auf etwas aufmerksam. „Da ist es ja: Leistungssteigerung von 150 Kilowatt auf 200 Kilowatt. Genau was ich suche. So, dem netten Menschen schreibe ich jetzt, dass ich sein Angebot annehme, und gebe ihm unsere Adresse durch.“
Sie setzte sich auf seinen rechten Oberschenkel und bemerkte: „Ich verstehe zwar nicht viel davon, aber ist das nicht Motortuning, was du da vorhast?“
„Doch, kann man so sagen. Ich möchte mein neues Geschoss mit dieser Spielerei ausrüsten und sehen, was es bringt.“ Arglos tippte er seine Anforderung an den Anbieter.
„Ich habe einmal gehört, dass sich das negativ auf die Lebensdauer des Motors auswirkt. Machst du dir keine Sorgen darüber?“ Mit zweifelndem Blick musterte sie ihn.
Er hielt einen Moment inne und meinte dann mit möglichst gelangweilter Miene: „Ach, weißt du, ich bin sicher, der Motor wird lange genug halten. Ich fahre ihn ja nicht ... für die Ewigkeit, sagen wir es mal so.“
Jedenfalls bis zum August 1997.
„Und was tust du jetzt?“ Sie schien sich auf seinem Bein als Sitzfläche sichtlich wohl zu fühlen. Ihm machte es nichts aus, dass sie es sich dort gemütlich gemacht hatte.
„Ich überweise dem Anbieter das Geld über meine Kreditkartennummer und erhalte dann die Bestätigung, dass er mir die Ware schickt. Praktisch, nicht wahr?“
„Ja, ich glaube, ich sollte mich allmählich auch ein wenig mehr mit dem Internet beschäftigen. Es scheint heutzutage immer wichtiger zu werden und immer mehr Dinge sind über dieses neue Medium erhältlich. Auf jeden Fall scheint es Zukunft zu haben.“ Sie bewegte sich ein wenig hin und her.
„Ich würde das nicht zu hoch einschätzen. Wenn du mich fragst, dann habe ich so ein unbestimmtes Gefühl, dass es nicht mehr sehr lange existieren wird.“ Seine Gesichtszüge waren wie versteinert.
„Bist du sicher?“ Sie sah ihn an und schien sich zu fragen, was er meinen könne. Ihm wurde klar, dass er vorsichtiger mit seinen Aussagen in Bezug auf mögliche Zukunftsszenarien sein musste. Er rief sich ins Bewusstsein, dass er hier war, um eine Mission zu erfüllen.
„Nein. Ich bin mir in vielen Dingen nicht sicher. Du bist auf einmal so anders ... das ist angenehm, weißt du. Wo hast du diese Seite von dir bisher versteckt? Es ist fast so, als hätte man ein Hebelchen bei dir umgelegt und ...“
„Ich glaube, dieses Hebelchen hast du umgelegt.“ Sie neigte sich ein wenig nach außen, so dass er automatisch nach ihrer Hüfte griff, um sie im Gleichgewicht zu halten. Raffiniert.
„Willst du denn, dass ich noch mehr Hebel umlege?“, fragte er schelmisch. Seine Subroutine schien hochzufahren, dachte er dabei unwillkürlich.
„Meinst du denn, dass du das kannst?“, neckte sie ihn und lächelte. Zum ersten Mal hatte er den Eindruck, dass ihre extrem hellbraunen Augen, die sie stets so kalt und unnahbar wirken ließen, echte Wärme und Zuneigung ausstrahlten.
„Kommt auf einen Versuch an. Woran hast du denn gedacht?“, spielte er ihr Spiel mit.
Ein wenig ernster und gefasster sagte sie: „Wir hatten keinen sehr guten Start. Am Besten wäre es vielleicht, wenn wir noch mal von vorne anfangen. Was meinst du?“
„Auch eine Möglichkeit. Nicht das Hebelchen, an das ich dachte, aber auch gut.“ Er beendete die Verbindung und fuhr den Computer herunter.
„Woran hattest du denn gedacht? ... nein, sag’ es lieber nicht, ich glaube nicht, dass ich es wissen will.“ Sie hob die Hände in gespielter Abwehr und stand auf.
„Gut, du scheinst zu wissen, worum es bei meinem Hebelchen ging. Dann darf ich mich vorstellen, ich bin Daniel Corben, dein neuer Wohnungsgenosse. Ich freue mich auf eine schöne und angenehme Zeit mit dir und Simon in diesem wunderbaren Apartment.“ Er gab ihr artig die Hand und grinste.
„Schon besser. Wollen wir uns was zu essen machen? Ich habe Hunger.“
„Von mir aus.“ Ergeben folgte er ihr in die Küche und versuchte einzuordnen, ob das jetzt ein guter Zug war oder nicht. Sie hatte ganz offensichtlich ein REBOOT ihrer gesamten Beziehung vorgenommen, ohne jedoch die Speicher der alten Version zu löschen. Versuchte sie, die besten Daten zu erhalten und die weniger guten mit neuen zu überschreiben? Wenn ja, dann sollte er das vielleicht auch versuchen. Eine mühsame und langwierige Prozedur, wie ihm schien. Aber sicher die Mühe wert.

[Fortsetzung folgt ...]

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