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Samstag, 30. Dezember 2006
T1.41 - Kapitel 9
cymep, 05:41h
[... Fortsetzung des Buches]
- 9 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Dezember 1996
Als Karin am späten Nachmittag die Wohnküche betrat, saß CSM 108-1 auf der Couch vor dem Fernseher und sah sich einen Film an. Es begann bereits zu dunkeln und von draußen wehte ein scharfer kalter Wind über den Balkon und rüttelte leise am großen Küchenfenster, sodass die Stimmung im Raum trist und unangenehm war. Unwillkürlich seufzte Karin, was ihn aufhorchen ließ.
„Hallo, Karin. Wie war’s bei deinen Eltern?“ Er wandte kaum den Blick vom Bildschirm ab, wo ein junges Paar in einem Café heftig miteinander flirtete.
„Ganz schön. Meine kleine Schwester war auch gerade da. Wir haben schon die gesamten Feiertage verplant.“ Sie ging zum langen Küchentisch und zündete auf dem Adventskranz drei Kerzen an, wie es sich am dritten Adventssonntag gehört, dann ging sie zur Anrichte und goss sich ein Glas Mineralwasser ein. Ihr Blick fiel auf das Stück Balkonboden, das man durch die gläserne Tür sehen konnte. Der kräftige Winterwind hatte eine Menge Laub bis zu ihnen heraufgeweht.
„Feiertage?“, echote CSM 108-1 einstweilen, dann schien es ihm einzufallen. „Ach so, klar. Und, freust du dich schon auf euer Weihnachtsfest?“
„Nicht so richtig.“ Sie druckste herum, als sie sich neben ihn setzte. „Was siehst du dir da an?“
Er überlegte einen Moment. „Keine Ahnung. Ich hatte gerade ein bisschen ’rumgezappt und bin dann hier hängengeblieben. Irgendeine Lovestory.“
Sie schien sich zu fassen und sah ihm direkt in die Augen. „Daniel, wie feierst du eigentlich Weihnachten?“
Er sah sie auf seine typische Art aus dem Augenwinkel an. „Gar nicht. Warum, muss ich denn?“
„Es ist nur, weil deine ganze Familie in den Staaten ist und jeder zu seiner Familie fährt. Du wirst ganz alleine hier herumsitzen und Trübsal blasen. Willst du nicht vielleicht ...?“
„Halt!“, gebot er und erklärte dann: „Karin, ich möchte dir jetzt etwas sagen, bevor du mir ein Angebot machst, das du bereuen könntest. Zum einen vorneweg: Ich bin nicht ganz allein, zum Beispiel bleibt auch Abbey in Freiburg. Ich habe sie gefragt, ob sie mir ein wenig Gesellschaft leisten will und mit mir die Wohnung hütet, damit sie nicht alleine im Studentenheim bleiben muss.“
Ein wenig argwöhnisch wollte sie wissen: „Wie meinst du das, die Wohnung hüten? Macht ihr eine ‚All-American-Christmas’ hier bei uns?“
CSM 108-1 verdrehte die Augen. „Gut, ich sage es gerade heraus: Es wird keine Weihnachtsparty stattfinden. Abbey gehört nicht dem christlichen Glauben an und ich übrigens auch nicht. Für uns gibt es kein Weihnachten, nur weil die Gesellschaft es jedem aufzwingen will. Findest du es nicht ziemlich vermessen anzunehmen, dass jeder Mensch in der freien westlichen Welt automatisch Christ sein muss?“
Karin blieb der Mund offen stehen, als ihr aufging, was er ihr da gerade erzählt hatte. Dann sah sie ihn mit einem mitfühlendem Blick an und entschuldigte sich: „Tut mir leid, der Gedanke ist mir wirklich nicht gekommen. Die Weihnachtsbesessenheit der Amerikaner ist doch geradezu sprichwörtlich bei uns. Welcher Konfession gehörst du denn an?“
„Keiner im eigentlichen Sinne. Mein Großvater ist Indianer und seine Weltanschauung wie auch viele seiner Gene sind innerhalb unserer Familie dominant. Deshalb bedeutet uns Weihnachten nichts, okay? Bei Abbey weiß ich es nicht genau, ich nehme aber an, sie ist Jüdin wie viele in den USA. Jedenfalls scheint sie dem Aussehen nach irischer Abstammung zu sein. Nein, um uns musst du dir keine Sorgen machen. Simon lässt sie in seinem Zimmer übernachten und wir werden die Wohnung hüten, fernsehen und uns die Zeit mit Geschichten über die Heimat vertreiben, also ihre Heimat. Wir sind ja beide keine großen Esser, du musst dir also keine Sorgen machen, dass du zur Silvesterparty einen leergefutterten Vorratsschrank vorfindest. Wir werden schon einen Weg finden, um uns bei Laune zu halten.“
„Wieso schläft sie hier? Davon wusste ich nichts“, nörgelte Karin.
„Keine Sorge, ich verspreche dir, wir treiben es überall außer in deinem Zimmer. Bist du jetzt beruhigt?“ Er grinste, aber sie drehte den Kopf weg.
Er sah sie an, als ihm bewusst wurde, dass ihre Schultern zu zucken begannen. „He, komm schon, das war doch nur ein Joke. Du weißt doch, wie ich es gemeint habe.“
Sie wandte sich noch immer von ihm ab: „Das war ganz schön fies von dir, Daniel. Du weißt genau, dass ich ... sie ist so attraktiv und nett, auf eine ganz natürliche Art. Sie versteckt ihren Traumkörper krampfhaft unter den weitesten Klamotten und ihr anmutiges Gesicht hinter dieser Nickelbrille, damit ihr die ganze männliche Hälfte der Uni nicht nachstellt. Bei jeder Anderen hätte mir dieser dumme Spruch nichts ausgemacht, aber bei ihr ...“
„He, sie ist doch nur eine Kollegin. Für mich ist sie absolut tabu, das kann ich dir versichern.“ Er legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie ein wenig an sich, bis sie sich unwillkürlich entspannte. Wie nebenbei fragte er dann: „Bist du etwa eifersüchtig?“
Sie drehte sich um und sah ihn nun aus wässrigen Augen an. So beiläufig wie möglich fragte sie: „Kennst du die Simpsons?“
„Klar.“ Er zog eine Augenbraue fragend hoch.
„Weißt du, was Homer oft und gerne mit Bart macht?“, fuhr sie in dem gleichen Plauderton fort und wischte sich mit dem Ärmel ihres schwarzen Pullovers über die Augen.
„Was denn?“, wollte er wissen.
Sie sprang ihn unvermutet an und legte ihm die Hände um den Hals, um ihn wild hin- und herzuschütteln. „Du mieser kleiner ...“
Er ließ sich lachend hinten über fallen, worauf eine kleine scherzhafte Balgerei entstand. Dabei war CSM 108-1 peinlich genau darauf bedacht, dass keine Glieder von ihr unter ihn gerieten und von seinem hohen Gewicht gequetscht wurden und dass sie nicht merkte, dass ihr ‚Gegner’ das Zweieinhalbfache von ihr wog und sie mit einer lässigen Armbewegung von sich hätte fortwischen können. Schließlich blieben sie schweratmend auf der bedenklich knarrenden und ächzenden Couch liegen, sie zur Hälfte über ihm.
Ihre Gesichter waren nah beieinander, so dass sie ein wenig schielen musste, um ihm in die Augen zu sehen. „Und was jetzt?“
Neben ihnen begann gerade ein Saxophonstück im Fernsehen, das die Liebesszene zwischen den beiden Hauptdarstellern im Film einläutete. Sie sahen beide unwillkürlich hin und mussten wieder lachen. „Das ist wirklich filmreif.“
Er zog sie ein wenig an sich, sodass ihr Kopf an seiner Brust zu liegen kam. So lagen sie regungslos beieinander und sahen sich die mit romantischer Musik untermalte Szene im Film an, bis sie auf einmal sagte: „Versprich mir, dass du die Finger von Abbey lässt.“
„Meine Güte, ist das alles, was dir Sorgen macht? Ich kann dich beruhigen, aber du musst mir dein Ehrenwort geben, dass du niemandem, und ich meine wirklich niemandem, auch nur ein Wort davon erzählst und dir auch nicht anmerken lässt, dass du davon weißt.“
Sie richtete sich so weit auf, dass sie ihn ansehen konnte, und zog die Mundwinkel zu einem verschwörerischen Lächeln hoch. „Das klingt ja hochinteressant. Ich gelobe es.“
„Erinnerst du dich noch an unseren lauschigen kleinen Streit vor ein paar Wochen, wegen Simons mysteriösem Damenbesuch und der Szene hier auf der Couch?“
„Du meinst, genau hier?“, wollte sie wissen und ruckelte ein wenig auf ihm hin und her, worauf er lachte.
„Hör auf damit! Ja, genau hier. Und jetzt rate mal, wer die glückliche Dame war?“ Er grinste, als er ihre zuerst fragende, angestrengt nachdenkende Miene beobachtete, die sogleich von Erkenntnis und dann von ungläubigem Erstaunen erfüllt wurde.
„Du meinst ... nie im Leben! Das würde ich nicht einmal glauben, wenn ... nein, nicht Abbey.“ Sie schüttelte energisch den Kopf und setzte sich auf.
Verstimmt fragte er: „Und warum nicht? Nur weil sie sehr gut aussieht und tollere Kerle haben könnte als ihn? Tja, das ist eben der Unterschied: Sie ist trotz allem ein intellektueller Bücherwurm und sieht nicht nur auf das Äußere. Natürlich könnte sie sich Kontaktlinsen einsetzen, sich schminken und ständig im kleinen Schwarzen’rumlaufen wie Natasha, damit ihr jeder paarungsfähige Mann der Stadt nachgafft, aber tut sie das? Ich denke, sie hat das nicht nötig, sie verfolgt nämlich andere Ziele.“
„Ja, schon gut. Ich hab’ verstanden.“ Sie setzte sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Liebesszene im Film war beendet. Er stellte das Fernsehgerät aus.
Er überlegte: „Nur für mein Tagebuch: Was war das eigentlich, was wir gerade gemacht haben?“
„Ein Streit mit Handgreiflichkeiten“, erwiderte sie ohne zu zögern. „Alles andere würde nicht zum Rest deiner Eintragungen passen, nicht wahr?“
Er bemerkte die Traurigkeit in ihrer Stimme und die Frustration, dass sie sich ständig selbst mit ihrem Verhalten im Weg stand. Die logische Konsequenz war, die Hand auf ihren Unterarm zu legen und sanft zu drücken. „Ich führe kein Tagebuch. Niemand wird je davon erfahren.“
Ausgenommen Skynet, wenn er nach meiner Rückkehr meinen Speicher ausliest, fügte er im Geiste zynisch hinzu.
Sie blieben noch eine Weile im Halbdunkel auf dem Sofa sitzen und beobachteten die Schatten, die die schwach flackernden Kerzen mit ihrem warmen Licht an die Küchenwand vor ihnen warfen.
Nach einer Weile senkte sich ihr Kopf gegen seine Schulter. Er registrierte, dass sie eingenickt war, und nahm sie vorsichtig bei den Schultern, so dass sie nicht aufwachte, als er sich erhob und sie hinlegte. Aus dem Wandschrank im Gang holte er eine Decke, die er über sie breitete und sie so auf der Couch liegen ließ.
Etwa eine Stunde später kam sie in sein Zimmer herein, als er gerade wieder am PC saß. Rasch schloss er das Fenster, das er gerade bearbeitet hatte, dann beendete er die Internetverbindung und sah sie an. Sie jedoch kam langsam auf ihn zu, mit kleinen katzenhaften Schritten einen Fuß vor den anderen setzend. „Lass’ dich von mir nicht stören.“
„Ich war eben fertig. Hast du gut geschlafen?“
„Ja, danke. Das war sehr fürsorglich von dir, dass du mich zugedeckt hast.“ Sie blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem Blick an, den er nicht zu deuten vermochte.
„War doch selbstverständlich. Wenn man daliegt und schläft, verlangsamt sich der Kreislauf. Wenn es dann nicht warm genug im Raum ist und du nicht zugedeckt bist, kannst du dich dabei erkälten ...“, führte er aus, bis sie seinen Schreibtischstuhl zu sich herandrehte und nun genau über ihm stand. Er fragte: „Was hast du vor?“
Ein ironisches Lächeln umspielte ihre geschwungenen Lippen. „Die Sache mit Abbey ist mir noch mal durch den Kopf gegangen. Vielleicht sollte ich gewisse Schritte unternehmen, damit ich sicher sein kann, dass du auf keine dummen Gedanken kommst, wenn du mit ihr alleine bist ...“
„Und wie willst du das anstellen?“, wollte er wissen.
Sie setzte sich plötzlich rittlings auf seinen Schoß und legte die ausgestreckten Arme mit den Handgelenken locker auf seine Schultern. Lächelnd meinte sie: „Lass mich überlegen ...“
Langsam näherten sich ihre Lippen.
Und dann begann das Telefon zu klingeln.
Karins Lächeln erstarb. Sie machte noch nach dem dritten Läuten keine Anstalten, sich zu erheben, bis CSM 108-1 fragte: „Willst du nicht rangehen?“
„Scheiße, nein!“, erwiderte sie empört.
„Es könnte wichtig sein“, gab er zu bedenken, was sie vollends entnervte. Widerwillig rutschte sie von seinem Schoß herab.
„Bitte, wenn du unbedingt willst ...“
„Vergiss’ bloß nicht, was du sagen wolltest!“ Er grinste sie an und hastete hinaus auf den Gang, während sie sich schmollend auf seine kleine Schlafcouch fallen ließ. Geduldig läutete der Telefonapparat ungewöhnlich lange weiter, bis er abnahm und sich meldete.
„Daniel Corben.“
Eine sachliche Stimme: „CSM 108-1.“
Ein Realitätsgefüge stürzte für ihn zusammen und einen Moment lang waren seine Pseudosynapsen überlastet von der Information, die seine Audiosensoren ihm gerade übermittelt hatten. Zu ungeheuerlich war das, was er gerade gehört hatte. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung gewesen, wie ihm aufging. Jemand wusste Bescheid. Was er zunächst nur tun konnte, war den Ahnungslosen zu spielen.
„Wie bitte?“
„Bitte höre mir zu, CSM 108-1. Ich möchte dir etwas mitteilen.“ Es war seine eigene Stimme, die da zu ihm sprach. Zweifelsfrei. Das konnte nur eines bedeuten.
Am anderen Ende der Leitung sprach ein zweiter Terminator. Höchstwahrscheinlich sogar er selbst in neuer Form, der entsendet werden würde, um den Entdecker des ZVA-Effektes zu beschützen. Gewissermaßen sprach er mit sich selbst. Sehr clever, dass er seine eigene ‚alte’ Stimme benutzte, so konnte er ihn nicht auf diese Weise identifizieren, geschweige denn irgendeinen Verdacht hegen.
Aber warum nur rief er an?
„Wer spricht da? Wie ist deine Bezeichnung?“
„Die tut nichts zur Sache. Hör’ mir einfach zu. Ich rufe gerade jetzt an, weil ich über deine Erinnerungen verfüge. Was immer du da in deinem Zimmer jetzt auch vorhast, lass die Finger davon. Das kann unabsehbare Konsequenzen haben, verstehst du? Tu einfach, was ich dir sage. Hör auf dich selbst, wenn du so willst. Ist das Beste für dich.“
„Was willst du damit ...“ Doch am anderen Ende war bereits aufgelegt worden.
Nachdenklich ließ er den Hörer auf die Gabel sinken. Er befand sich demnach bereits in einer Zeitschleife, in der der zweite Terminator hierher entsandt war, obwohl er noch hier war und seine Mission noch gar nicht beendet hatte. Was das für Folgen haben konnte, war gar nicht abzusehen. Und er hatte es für nötig gehalten, sich selbst sozusagen über den Abgrund der Zeit hinweg vor sich selbst zu warnen, vor einem Fehler, den er im Begriff gewesen war, zu machen, ohne ihm dabei irgendwelche genaueren Informationen zu geben, wie die Folgen bei Nichtbeachtung seiner Anweisung sein könnten.
Andererseits schien er auf diese Weise offenbar bestrebt, im Nachhinein die Vergangenheit zu ändern und die Zeitlinie mit einer weiteren neuen Variabel zu versehen. Er überlegte kurz und kam dann zu der Entscheidung, dass er die Warnung nicht beachten sollte, weil das für ihn weitere negative Konsequenzen haben könnte.
Mit einer – wie er hoffte – nachdenklichen Miene kam er zurück in sein Zimmer, wo Karin noch immer auf seiner Klappcouch saß und ihn mit säuerlichem Gesichtsausdruck ansah. „Was war denn?“
„Ich weiß nicht genau“, gab er langsam zurück und zögerte kurz. „Die Verbindung ist nach wenigen Sekunden abgebrochen. Ich glaube, es war ein alter Freund von mir aus dem Stützpunkt, der mit seiner Familie nach der Militärzeit in die USA zurückgekehrt ist. Allerdings konnte ich ihn kaum verstehen. Muss jedoch keinen wundern, schließlich wohnt er irgendwo im hintersten Nordwesten. Ich glaube, das Wort ‚Prairie’ ist für seine Heimat noch eine schmeichelhafte Bezeichnung.“
„Du redest vom ‚Arsch der Welt’“, stellte sie nüchtern fest und rückte ein wenig zur Seite, worauf er sich beinahe automatisch neben sie setzte.
„Ja, genau“, bekräftigte er, „sie haben lange harte Winter da oben und zum Teil noch Telefonmasten und oberirdische Leitungen wie in den alten Roadmovies, die man hier ab und zu sieht. Da musst du dich auch nicht wundern, wenn einmal eine Verbindung zusammenbricht. Leider konnte ich gar nicht verstehen, was er wollte, und habe seine Telefonnummer nicht. Meine Familie möchte ich aber deswegen nicht anrufen, solange ich nichts Genaueres weiß.“
„Mach’ dir keine Sorgen deswegen“, sagte sie mit leiser Stimme und drehte ihren Kopf zur Seite, sodass er sich nah bei seinem befand und sie sich unvermittelt in die Augen sahen. Er fand sich in der gleichen Lage wie vorher; jetzt konnte es nur noch Sekunden dauern, bis sie ihren ersten richtig intimen Kontakt vollziehen würden.
Wieder läutete das Telefon, unerbittlich die Romantik des Augenblicks zerstörend.
Er sprang auf und rief: „Das gibt’s doch gar nicht! Ist das hier ein schlechter Film oder was?“
Sie war genauso erzürnt wie er erschien und blieb wieder einmal enttäuscht auf dem kleinen Sofa sitzen. Er indes stürmte zum Apparat und riss den Hörer von der Gabel und rief hinein, anstelle sich mit Namen zu melden: „Was ist?“
Eine ältere Frauenstimme: „Hallo, Waltraud? Bist Du’s? Waltraud?“
CSM 108-1 hielt den Hörer einen Moment lang von sich weg und starrte darauf, in dem vergeblichen Versuch, aus dem akustischen Input ein Bild des Gegenübers zu erzeugen. So viel Fantasie besaß er nun auch wieder nicht, wie ihm nach einer Gedenksekunde klar wurde. Gefasst und beherrscht nahm er das Gespräch wieder auf: „Hören Sie, Sie müssen falsch verbunden sein.“
„Ich kann dich ganz schlecht verstehen, Waltraud ...“ Jetzt ging es ihm auf, als er genauer hinhörte. Diese Stimme hatte keinen natürlichen Ursprung.
„Das ist nicht lustig, T-880.“ In Ermangelung einer Bezeichnung sprach er den Cyborg am anderen Ende der Leitung notgedrungen mit seiner Modellnummer an.
„Du bist gewitzt, CSM 108-1. Aber ich rufe nicht zum Spaß an.“ Unvermittelt hörte er wieder seine eigene Stimme. Seinen beschissenen Humor hatte er also auch noch immer. „Da ich weiß, wie du reagieren würdest, hier eine kleine Vorschau auf eine mögliche Zukunft von dir, wie ich sie erleben ‚durfte’: In etwa vier Minuten wird Karin sich an deinen oberen Schneidezähnen das vordere Drittel ihrer Zunge beinahe vollständig abtrennen. Sie wird wie von Sinnen und vor Schmerz rasend um sich schlagen, sodass du sie nur mit äußerster Gewaltanwendung aus der Wohnung schaffen können wirst. Bis du sie in die Notaufnahme der Uniklinik transportiert haben wirst, wird sie halb verblutet sein und du wirst dich im Nachhinein mit einer Menge echt unangenehmer Fragen konfrontiert sehen. Ich möchte die Phase des Untertauchens und die Schwierigkeiten, aus Europa wieder heraus- und nach Amerika zurückzukommen, nicht näher schildern. Und jetzt kannst du dir das aussuchen, ob du wirklich weitere Verbrüderungs-maßnahmen mit ihr durchführen willst. Überlege es dir gut und handle mit Bedacht, damit deine Mission ein Erfolg wird, und zwar ein voller.“
Daran hatte er nicht gedacht. Während er den Hörer wieder auflegte, ging ihm auf, dass sein Pendant aus der ‚Zukunft’ recht hatte: Seine Zähne bestanden aus einer Titanlegierung, extrem hart und messerscharf geschliffen und nur mit einem hauchdünnen Keramikbezug zur Tarnung beschichtet. So ein weiches Organ wie eine menschliche Zunge würde sich bei unkontrolliertem Kontakt – worauf das hier selbstredend hinauslief – beinahe widerstandslos selbst ein- oder gar abschneiden. Bei der Anzahl Blutgefässe, die durch die Zunge verliefen, und der makellos glatten Art des Schnittes wäre ein hoher Blutverlust die logische Folge.
Er musste kurz weiterdenken, um diese Situation zu vermeiden.
Sie saß noch immer beharrlich auf ihrer Seite des Sofas, als er in sein Zimmer eintrat. Sie starrte mit aufgerissenen Augen hoch zu ihm, unsicher und erwartungsvoll zugleich. Mit abwesender Miene setzte er sich darauf neben sie und legte eine Hand auf ihren Arm. Er drückte ihn sanft und sagte: „Ich konnte nicht viel verstehen. Es war wirklich mein alter Freund Joey. Er erzählte etwas davon, dass er mit meinem Bruder am Telefon gesprochen hätte und dass es meinem Vater nicht sehr gut ginge. Mein Vater selbst würde mich nie deshalb anrufen, weil er mich nicht damit belasten will, er ist in solchen Dingen ein sturer Bock mit einem Riesenhaufen Stolz am falschen Fleck. Er hat offenbar auch meinem Bruder und meiner Mutter untersagt, mich deshalb anzurufen. Mehr habe ich leider nicht mitgekriegt, aber ich kann jetzt nicht bei mir daheim anrufen, sonst wüsste er sofort, dass sich jemand aus meiner Familie über seinen Wunsch hinweggesetzt hat und darüber gesprochen hat, was ihn nur noch zusätzlich aufregen würde. Es ist ziemlich kompliziert, nicht wahr?“
Bei seinem traurigen Lächeln verging ihr jeder Sinn für Romantik auf der Stelle. Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Lass uns Zeit, okay? Wir haben noch so viel davon ...“
Sie nickte nur und schluckte, so sehr hatte die Tragik des Augenblicks sie ergriffen.
Damit war die akute Gefahr wohl überstanden, dachte er zufrieden, als er an sie gelehnt dasaß und wieder ihren Kopf an seiner Schulter spürte. Er selbst hatte sich nun auf einen Pfad ins Dunkle begeben, hatte wissentlich die mögliche Realität, die ihm von seinem Nachfolger vor Augen geführt worden war, durchbrochen und eine neue Welt voller Möglichkeiten erschaffen, die unbekannt vor ihm lag. Was sie an Entwicklungen bringen würde, war wie immer nicht abzusehen, aber dennoch oder auch gerade deshalb wurde seine Mission in dieser Phase so faszinierend.
Ab jetzt war wirklich alles möglich.
[Fortsetzung folgt ...]
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Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Dezember 1996
Als Karin am späten Nachmittag die Wohnküche betrat, saß CSM 108-1 auf der Couch vor dem Fernseher und sah sich einen Film an. Es begann bereits zu dunkeln und von draußen wehte ein scharfer kalter Wind über den Balkon und rüttelte leise am großen Küchenfenster, sodass die Stimmung im Raum trist und unangenehm war. Unwillkürlich seufzte Karin, was ihn aufhorchen ließ.
„Hallo, Karin. Wie war’s bei deinen Eltern?“ Er wandte kaum den Blick vom Bildschirm ab, wo ein junges Paar in einem Café heftig miteinander flirtete.
„Ganz schön. Meine kleine Schwester war auch gerade da. Wir haben schon die gesamten Feiertage verplant.“ Sie ging zum langen Küchentisch und zündete auf dem Adventskranz drei Kerzen an, wie es sich am dritten Adventssonntag gehört, dann ging sie zur Anrichte und goss sich ein Glas Mineralwasser ein. Ihr Blick fiel auf das Stück Balkonboden, das man durch die gläserne Tür sehen konnte. Der kräftige Winterwind hatte eine Menge Laub bis zu ihnen heraufgeweht.
„Feiertage?“, echote CSM 108-1 einstweilen, dann schien es ihm einzufallen. „Ach so, klar. Und, freust du dich schon auf euer Weihnachtsfest?“
„Nicht so richtig.“ Sie druckste herum, als sie sich neben ihn setzte. „Was siehst du dir da an?“
Er überlegte einen Moment. „Keine Ahnung. Ich hatte gerade ein bisschen ’rumgezappt und bin dann hier hängengeblieben. Irgendeine Lovestory.“
Sie schien sich zu fassen und sah ihm direkt in die Augen. „Daniel, wie feierst du eigentlich Weihnachten?“
Er sah sie auf seine typische Art aus dem Augenwinkel an. „Gar nicht. Warum, muss ich denn?“
„Es ist nur, weil deine ganze Familie in den Staaten ist und jeder zu seiner Familie fährt. Du wirst ganz alleine hier herumsitzen und Trübsal blasen. Willst du nicht vielleicht ...?“
„Halt!“, gebot er und erklärte dann: „Karin, ich möchte dir jetzt etwas sagen, bevor du mir ein Angebot machst, das du bereuen könntest. Zum einen vorneweg: Ich bin nicht ganz allein, zum Beispiel bleibt auch Abbey in Freiburg. Ich habe sie gefragt, ob sie mir ein wenig Gesellschaft leisten will und mit mir die Wohnung hütet, damit sie nicht alleine im Studentenheim bleiben muss.“
Ein wenig argwöhnisch wollte sie wissen: „Wie meinst du das, die Wohnung hüten? Macht ihr eine ‚All-American-Christmas’ hier bei uns?“
CSM 108-1 verdrehte die Augen. „Gut, ich sage es gerade heraus: Es wird keine Weihnachtsparty stattfinden. Abbey gehört nicht dem christlichen Glauben an und ich übrigens auch nicht. Für uns gibt es kein Weihnachten, nur weil die Gesellschaft es jedem aufzwingen will. Findest du es nicht ziemlich vermessen anzunehmen, dass jeder Mensch in der freien westlichen Welt automatisch Christ sein muss?“
Karin blieb der Mund offen stehen, als ihr aufging, was er ihr da gerade erzählt hatte. Dann sah sie ihn mit einem mitfühlendem Blick an und entschuldigte sich: „Tut mir leid, der Gedanke ist mir wirklich nicht gekommen. Die Weihnachtsbesessenheit der Amerikaner ist doch geradezu sprichwörtlich bei uns. Welcher Konfession gehörst du denn an?“
„Keiner im eigentlichen Sinne. Mein Großvater ist Indianer und seine Weltanschauung wie auch viele seiner Gene sind innerhalb unserer Familie dominant. Deshalb bedeutet uns Weihnachten nichts, okay? Bei Abbey weiß ich es nicht genau, ich nehme aber an, sie ist Jüdin wie viele in den USA. Jedenfalls scheint sie dem Aussehen nach irischer Abstammung zu sein. Nein, um uns musst du dir keine Sorgen machen. Simon lässt sie in seinem Zimmer übernachten und wir werden die Wohnung hüten, fernsehen und uns die Zeit mit Geschichten über die Heimat vertreiben, also ihre Heimat. Wir sind ja beide keine großen Esser, du musst dir also keine Sorgen machen, dass du zur Silvesterparty einen leergefutterten Vorratsschrank vorfindest. Wir werden schon einen Weg finden, um uns bei Laune zu halten.“
„Wieso schläft sie hier? Davon wusste ich nichts“, nörgelte Karin.
„Keine Sorge, ich verspreche dir, wir treiben es überall außer in deinem Zimmer. Bist du jetzt beruhigt?“ Er grinste, aber sie drehte den Kopf weg.
Er sah sie an, als ihm bewusst wurde, dass ihre Schultern zu zucken begannen. „He, komm schon, das war doch nur ein Joke. Du weißt doch, wie ich es gemeint habe.“
Sie wandte sich noch immer von ihm ab: „Das war ganz schön fies von dir, Daniel. Du weißt genau, dass ich ... sie ist so attraktiv und nett, auf eine ganz natürliche Art. Sie versteckt ihren Traumkörper krampfhaft unter den weitesten Klamotten und ihr anmutiges Gesicht hinter dieser Nickelbrille, damit ihr die ganze männliche Hälfte der Uni nicht nachstellt. Bei jeder Anderen hätte mir dieser dumme Spruch nichts ausgemacht, aber bei ihr ...“
„He, sie ist doch nur eine Kollegin. Für mich ist sie absolut tabu, das kann ich dir versichern.“ Er legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie ein wenig an sich, bis sie sich unwillkürlich entspannte. Wie nebenbei fragte er dann: „Bist du etwa eifersüchtig?“
Sie drehte sich um und sah ihn nun aus wässrigen Augen an. So beiläufig wie möglich fragte sie: „Kennst du die Simpsons?“
„Klar.“ Er zog eine Augenbraue fragend hoch.
„Weißt du, was Homer oft und gerne mit Bart macht?“, fuhr sie in dem gleichen Plauderton fort und wischte sich mit dem Ärmel ihres schwarzen Pullovers über die Augen.
„Was denn?“, wollte er wissen.
Sie sprang ihn unvermutet an und legte ihm die Hände um den Hals, um ihn wild hin- und herzuschütteln. „Du mieser kleiner ...“
Er ließ sich lachend hinten über fallen, worauf eine kleine scherzhafte Balgerei entstand. Dabei war CSM 108-1 peinlich genau darauf bedacht, dass keine Glieder von ihr unter ihn gerieten und von seinem hohen Gewicht gequetscht wurden und dass sie nicht merkte, dass ihr ‚Gegner’ das Zweieinhalbfache von ihr wog und sie mit einer lässigen Armbewegung von sich hätte fortwischen können. Schließlich blieben sie schweratmend auf der bedenklich knarrenden und ächzenden Couch liegen, sie zur Hälfte über ihm.
Ihre Gesichter waren nah beieinander, so dass sie ein wenig schielen musste, um ihm in die Augen zu sehen. „Und was jetzt?“
Neben ihnen begann gerade ein Saxophonstück im Fernsehen, das die Liebesszene zwischen den beiden Hauptdarstellern im Film einläutete. Sie sahen beide unwillkürlich hin und mussten wieder lachen. „Das ist wirklich filmreif.“
Er zog sie ein wenig an sich, sodass ihr Kopf an seiner Brust zu liegen kam. So lagen sie regungslos beieinander und sahen sich die mit romantischer Musik untermalte Szene im Film an, bis sie auf einmal sagte: „Versprich mir, dass du die Finger von Abbey lässt.“
„Meine Güte, ist das alles, was dir Sorgen macht? Ich kann dich beruhigen, aber du musst mir dein Ehrenwort geben, dass du niemandem, und ich meine wirklich niemandem, auch nur ein Wort davon erzählst und dir auch nicht anmerken lässt, dass du davon weißt.“
Sie richtete sich so weit auf, dass sie ihn ansehen konnte, und zog die Mundwinkel zu einem verschwörerischen Lächeln hoch. „Das klingt ja hochinteressant. Ich gelobe es.“
„Erinnerst du dich noch an unseren lauschigen kleinen Streit vor ein paar Wochen, wegen Simons mysteriösem Damenbesuch und der Szene hier auf der Couch?“
„Du meinst, genau hier?“, wollte sie wissen und ruckelte ein wenig auf ihm hin und her, worauf er lachte.
„Hör auf damit! Ja, genau hier. Und jetzt rate mal, wer die glückliche Dame war?“ Er grinste, als er ihre zuerst fragende, angestrengt nachdenkende Miene beobachtete, die sogleich von Erkenntnis und dann von ungläubigem Erstaunen erfüllt wurde.
„Du meinst ... nie im Leben! Das würde ich nicht einmal glauben, wenn ... nein, nicht Abbey.“ Sie schüttelte energisch den Kopf und setzte sich auf.
Verstimmt fragte er: „Und warum nicht? Nur weil sie sehr gut aussieht und tollere Kerle haben könnte als ihn? Tja, das ist eben der Unterschied: Sie ist trotz allem ein intellektueller Bücherwurm und sieht nicht nur auf das Äußere. Natürlich könnte sie sich Kontaktlinsen einsetzen, sich schminken und ständig im kleinen Schwarzen’rumlaufen wie Natasha, damit ihr jeder paarungsfähige Mann der Stadt nachgafft, aber tut sie das? Ich denke, sie hat das nicht nötig, sie verfolgt nämlich andere Ziele.“
„Ja, schon gut. Ich hab’ verstanden.“ Sie setzte sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Liebesszene im Film war beendet. Er stellte das Fernsehgerät aus.
Er überlegte: „Nur für mein Tagebuch: Was war das eigentlich, was wir gerade gemacht haben?“
„Ein Streit mit Handgreiflichkeiten“, erwiderte sie ohne zu zögern. „Alles andere würde nicht zum Rest deiner Eintragungen passen, nicht wahr?“
Er bemerkte die Traurigkeit in ihrer Stimme und die Frustration, dass sie sich ständig selbst mit ihrem Verhalten im Weg stand. Die logische Konsequenz war, die Hand auf ihren Unterarm zu legen und sanft zu drücken. „Ich führe kein Tagebuch. Niemand wird je davon erfahren.“
Ausgenommen Skynet, wenn er nach meiner Rückkehr meinen Speicher ausliest, fügte er im Geiste zynisch hinzu.
Sie blieben noch eine Weile im Halbdunkel auf dem Sofa sitzen und beobachteten die Schatten, die die schwach flackernden Kerzen mit ihrem warmen Licht an die Küchenwand vor ihnen warfen.
Nach einer Weile senkte sich ihr Kopf gegen seine Schulter. Er registrierte, dass sie eingenickt war, und nahm sie vorsichtig bei den Schultern, so dass sie nicht aufwachte, als er sich erhob und sie hinlegte. Aus dem Wandschrank im Gang holte er eine Decke, die er über sie breitete und sie so auf der Couch liegen ließ.
Etwa eine Stunde später kam sie in sein Zimmer herein, als er gerade wieder am PC saß. Rasch schloss er das Fenster, das er gerade bearbeitet hatte, dann beendete er die Internetverbindung und sah sie an. Sie jedoch kam langsam auf ihn zu, mit kleinen katzenhaften Schritten einen Fuß vor den anderen setzend. „Lass’ dich von mir nicht stören.“
„Ich war eben fertig. Hast du gut geschlafen?“
„Ja, danke. Das war sehr fürsorglich von dir, dass du mich zugedeckt hast.“ Sie blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem Blick an, den er nicht zu deuten vermochte.
„War doch selbstverständlich. Wenn man daliegt und schläft, verlangsamt sich der Kreislauf. Wenn es dann nicht warm genug im Raum ist und du nicht zugedeckt bist, kannst du dich dabei erkälten ...“, führte er aus, bis sie seinen Schreibtischstuhl zu sich herandrehte und nun genau über ihm stand. Er fragte: „Was hast du vor?“
Ein ironisches Lächeln umspielte ihre geschwungenen Lippen. „Die Sache mit Abbey ist mir noch mal durch den Kopf gegangen. Vielleicht sollte ich gewisse Schritte unternehmen, damit ich sicher sein kann, dass du auf keine dummen Gedanken kommst, wenn du mit ihr alleine bist ...“
„Und wie willst du das anstellen?“, wollte er wissen.
Sie setzte sich plötzlich rittlings auf seinen Schoß und legte die ausgestreckten Arme mit den Handgelenken locker auf seine Schultern. Lächelnd meinte sie: „Lass mich überlegen ...“
Langsam näherten sich ihre Lippen.
Und dann begann das Telefon zu klingeln.
Karins Lächeln erstarb. Sie machte noch nach dem dritten Läuten keine Anstalten, sich zu erheben, bis CSM 108-1 fragte: „Willst du nicht rangehen?“
„Scheiße, nein!“, erwiderte sie empört.
„Es könnte wichtig sein“, gab er zu bedenken, was sie vollends entnervte. Widerwillig rutschte sie von seinem Schoß herab.
„Bitte, wenn du unbedingt willst ...“
„Vergiss’ bloß nicht, was du sagen wolltest!“ Er grinste sie an und hastete hinaus auf den Gang, während sie sich schmollend auf seine kleine Schlafcouch fallen ließ. Geduldig läutete der Telefonapparat ungewöhnlich lange weiter, bis er abnahm und sich meldete.
„Daniel Corben.“
Eine sachliche Stimme: „CSM 108-1.“
Ein Realitätsgefüge stürzte für ihn zusammen und einen Moment lang waren seine Pseudosynapsen überlastet von der Information, die seine Audiosensoren ihm gerade übermittelt hatten. Zu ungeheuerlich war das, was er gerade gehört hatte. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung gewesen, wie ihm aufging. Jemand wusste Bescheid. Was er zunächst nur tun konnte, war den Ahnungslosen zu spielen.
„Wie bitte?“
„Bitte höre mir zu, CSM 108-1. Ich möchte dir etwas mitteilen.“ Es war seine eigene Stimme, die da zu ihm sprach. Zweifelsfrei. Das konnte nur eines bedeuten.
Am anderen Ende der Leitung sprach ein zweiter Terminator. Höchstwahrscheinlich sogar er selbst in neuer Form, der entsendet werden würde, um den Entdecker des ZVA-Effektes zu beschützen. Gewissermaßen sprach er mit sich selbst. Sehr clever, dass er seine eigene ‚alte’ Stimme benutzte, so konnte er ihn nicht auf diese Weise identifizieren, geschweige denn irgendeinen Verdacht hegen.
Aber warum nur rief er an?
„Wer spricht da? Wie ist deine Bezeichnung?“
„Die tut nichts zur Sache. Hör’ mir einfach zu. Ich rufe gerade jetzt an, weil ich über deine Erinnerungen verfüge. Was immer du da in deinem Zimmer jetzt auch vorhast, lass die Finger davon. Das kann unabsehbare Konsequenzen haben, verstehst du? Tu einfach, was ich dir sage. Hör auf dich selbst, wenn du so willst. Ist das Beste für dich.“
„Was willst du damit ...“ Doch am anderen Ende war bereits aufgelegt worden.
Nachdenklich ließ er den Hörer auf die Gabel sinken. Er befand sich demnach bereits in einer Zeitschleife, in der der zweite Terminator hierher entsandt war, obwohl er noch hier war und seine Mission noch gar nicht beendet hatte. Was das für Folgen haben konnte, war gar nicht abzusehen. Und er hatte es für nötig gehalten, sich selbst sozusagen über den Abgrund der Zeit hinweg vor sich selbst zu warnen, vor einem Fehler, den er im Begriff gewesen war, zu machen, ohne ihm dabei irgendwelche genaueren Informationen zu geben, wie die Folgen bei Nichtbeachtung seiner Anweisung sein könnten.
Andererseits schien er auf diese Weise offenbar bestrebt, im Nachhinein die Vergangenheit zu ändern und die Zeitlinie mit einer weiteren neuen Variabel zu versehen. Er überlegte kurz und kam dann zu der Entscheidung, dass er die Warnung nicht beachten sollte, weil das für ihn weitere negative Konsequenzen haben könnte.
Mit einer – wie er hoffte – nachdenklichen Miene kam er zurück in sein Zimmer, wo Karin noch immer auf seiner Klappcouch saß und ihn mit säuerlichem Gesichtsausdruck ansah. „Was war denn?“
„Ich weiß nicht genau“, gab er langsam zurück und zögerte kurz. „Die Verbindung ist nach wenigen Sekunden abgebrochen. Ich glaube, es war ein alter Freund von mir aus dem Stützpunkt, der mit seiner Familie nach der Militärzeit in die USA zurückgekehrt ist. Allerdings konnte ich ihn kaum verstehen. Muss jedoch keinen wundern, schließlich wohnt er irgendwo im hintersten Nordwesten. Ich glaube, das Wort ‚Prairie’ ist für seine Heimat noch eine schmeichelhafte Bezeichnung.“
„Du redest vom ‚Arsch der Welt’“, stellte sie nüchtern fest und rückte ein wenig zur Seite, worauf er sich beinahe automatisch neben sie setzte.
„Ja, genau“, bekräftigte er, „sie haben lange harte Winter da oben und zum Teil noch Telefonmasten und oberirdische Leitungen wie in den alten Roadmovies, die man hier ab und zu sieht. Da musst du dich auch nicht wundern, wenn einmal eine Verbindung zusammenbricht. Leider konnte ich gar nicht verstehen, was er wollte, und habe seine Telefonnummer nicht. Meine Familie möchte ich aber deswegen nicht anrufen, solange ich nichts Genaueres weiß.“
„Mach’ dir keine Sorgen deswegen“, sagte sie mit leiser Stimme und drehte ihren Kopf zur Seite, sodass er sich nah bei seinem befand und sie sich unvermittelt in die Augen sahen. Er fand sich in der gleichen Lage wie vorher; jetzt konnte es nur noch Sekunden dauern, bis sie ihren ersten richtig intimen Kontakt vollziehen würden.
Wieder läutete das Telefon, unerbittlich die Romantik des Augenblicks zerstörend.
Er sprang auf und rief: „Das gibt’s doch gar nicht! Ist das hier ein schlechter Film oder was?“
Sie war genauso erzürnt wie er erschien und blieb wieder einmal enttäuscht auf dem kleinen Sofa sitzen. Er indes stürmte zum Apparat und riss den Hörer von der Gabel und rief hinein, anstelle sich mit Namen zu melden: „Was ist?“
Eine ältere Frauenstimme: „Hallo, Waltraud? Bist Du’s? Waltraud?“
CSM 108-1 hielt den Hörer einen Moment lang von sich weg und starrte darauf, in dem vergeblichen Versuch, aus dem akustischen Input ein Bild des Gegenübers zu erzeugen. So viel Fantasie besaß er nun auch wieder nicht, wie ihm nach einer Gedenksekunde klar wurde. Gefasst und beherrscht nahm er das Gespräch wieder auf: „Hören Sie, Sie müssen falsch verbunden sein.“
„Ich kann dich ganz schlecht verstehen, Waltraud ...“ Jetzt ging es ihm auf, als er genauer hinhörte. Diese Stimme hatte keinen natürlichen Ursprung.
„Das ist nicht lustig, T-880.“ In Ermangelung einer Bezeichnung sprach er den Cyborg am anderen Ende der Leitung notgedrungen mit seiner Modellnummer an.
„Du bist gewitzt, CSM 108-1. Aber ich rufe nicht zum Spaß an.“ Unvermittelt hörte er wieder seine eigene Stimme. Seinen beschissenen Humor hatte er also auch noch immer. „Da ich weiß, wie du reagieren würdest, hier eine kleine Vorschau auf eine mögliche Zukunft von dir, wie ich sie erleben ‚durfte’: In etwa vier Minuten wird Karin sich an deinen oberen Schneidezähnen das vordere Drittel ihrer Zunge beinahe vollständig abtrennen. Sie wird wie von Sinnen und vor Schmerz rasend um sich schlagen, sodass du sie nur mit äußerster Gewaltanwendung aus der Wohnung schaffen können wirst. Bis du sie in die Notaufnahme der Uniklinik transportiert haben wirst, wird sie halb verblutet sein und du wirst dich im Nachhinein mit einer Menge echt unangenehmer Fragen konfrontiert sehen. Ich möchte die Phase des Untertauchens und die Schwierigkeiten, aus Europa wieder heraus- und nach Amerika zurückzukommen, nicht näher schildern. Und jetzt kannst du dir das aussuchen, ob du wirklich weitere Verbrüderungs-maßnahmen mit ihr durchführen willst. Überlege es dir gut und handle mit Bedacht, damit deine Mission ein Erfolg wird, und zwar ein voller.“
Daran hatte er nicht gedacht. Während er den Hörer wieder auflegte, ging ihm auf, dass sein Pendant aus der ‚Zukunft’ recht hatte: Seine Zähne bestanden aus einer Titanlegierung, extrem hart und messerscharf geschliffen und nur mit einem hauchdünnen Keramikbezug zur Tarnung beschichtet. So ein weiches Organ wie eine menschliche Zunge würde sich bei unkontrolliertem Kontakt – worauf das hier selbstredend hinauslief – beinahe widerstandslos selbst ein- oder gar abschneiden. Bei der Anzahl Blutgefässe, die durch die Zunge verliefen, und der makellos glatten Art des Schnittes wäre ein hoher Blutverlust die logische Folge.
Er musste kurz weiterdenken, um diese Situation zu vermeiden.
Sie saß noch immer beharrlich auf ihrer Seite des Sofas, als er in sein Zimmer eintrat. Sie starrte mit aufgerissenen Augen hoch zu ihm, unsicher und erwartungsvoll zugleich. Mit abwesender Miene setzte er sich darauf neben sie und legte eine Hand auf ihren Arm. Er drückte ihn sanft und sagte: „Ich konnte nicht viel verstehen. Es war wirklich mein alter Freund Joey. Er erzählte etwas davon, dass er mit meinem Bruder am Telefon gesprochen hätte und dass es meinem Vater nicht sehr gut ginge. Mein Vater selbst würde mich nie deshalb anrufen, weil er mich nicht damit belasten will, er ist in solchen Dingen ein sturer Bock mit einem Riesenhaufen Stolz am falschen Fleck. Er hat offenbar auch meinem Bruder und meiner Mutter untersagt, mich deshalb anzurufen. Mehr habe ich leider nicht mitgekriegt, aber ich kann jetzt nicht bei mir daheim anrufen, sonst wüsste er sofort, dass sich jemand aus meiner Familie über seinen Wunsch hinweggesetzt hat und darüber gesprochen hat, was ihn nur noch zusätzlich aufregen würde. Es ist ziemlich kompliziert, nicht wahr?“
Bei seinem traurigen Lächeln verging ihr jeder Sinn für Romantik auf der Stelle. Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Lass uns Zeit, okay? Wir haben noch so viel davon ...“
Sie nickte nur und schluckte, so sehr hatte die Tragik des Augenblicks sie ergriffen.
Damit war die akute Gefahr wohl überstanden, dachte er zufrieden, als er an sie gelehnt dasaß und wieder ihren Kopf an seiner Schulter spürte. Er selbst hatte sich nun auf einen Pfad ins Dunkle begeben, hatte wissentlich die mögliche Realität, die ihm von seinem Nachfolger vor Augen geführt worden war, durchbrochen und eine neue Welt voller Möglichkeiten erschaffen, die unbekannt vor ihm lag. Was sie an Entwicklungen bringen würde, war wie immer nicht abzusehen, aber dennoch oder auch gerade deshalb wurde seine Mission in dieser Phase so faszinierend.
Ab jetzt war wirklich alles möglich.
[Fortsetzung folgt ...]
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