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Mittwoch, 3. Januar 2007
T1.46
cymep, 23:38h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland -19. Januar 1997
„Und die Rechnung folgte gestern Abend. Ich sage jetzt nicht, wo wir waren, aber wir haben eine ganz schöne Stange Geld liegen lassen.“ Simon fuchtelte mit der Hand hin und her, als hätte er sich verbrannt.
„Wir?“, fragte CSM 108-1 mit vorwurfsvoller Stimme.
„Hör bloß auf, Dan, du hast uns das schließlich auch eingebrockt“, verteidigte sich Simon vehement. „Davon abgesehen merkt dein Vater diese unerhebliche dreistellige Belastung seines Kreditkartenkontos sicher nicht einmal.“
Er seufzte und zog einen Mundwinkel hoch. „Stimmt wahrscheinlich.“
Sie saßen an diesem kalten Sonntagabend in einem relativ neuen Café in der Löwenstraße namens Savant, das sehr modern eingerichtet und in warmen Farben, hauptsächlich rot und gelb gehalten war. Das gesamte Etablissement war dezent indirekt ausgeleuchtet und mit vielen originellen Details versehen, wovon die offensichtlichsten die unter der Decke der Rückwand entlangführende Entlüftung in Form eines blankpolierten Blechrohres und ein darunter sowie gegenüber der Fensterfront liegendes Aquarium, das nicht sehr hoch und breit, dafür aber fast vier Meter lang und komplett in die Wand eingelassen war, darstellten.
Hier hatten sie sich versammelt: Simon, Rudolf, Francesco, Arturo und CSM 108-1. Sie hatten bewusst eine der Polstergruppen im hinteren Teil des Cafés ausgesucht, die man von draußen aus nicht einsehen konnte, da ihr Treffen heute Abend einen Verschwörungscharakter hatte, jedenfalls für CSM 108-1.
„Ich hoffe, heute Abend sind wir wenigstens einmal sicher vor Weibsvolk“, meinte Francesco dann auch und stützte seinen Kopf auf die Handinnenfläche, indem er seinen Ellenbogen am Tischrand platzierte.
„Hört, hört, unser Italo-Macho hat die Lust am anderen Geschlecht verloren. Könnte das am Ausgang unserer kleinen Silvesterparty liegen?“, frotzelte Simon auch gleich. „Da hatte sich wohl einer Chancen bei der netten Miriam ausgerechnet.“
„Du hast gut lachen, du hast deine Schäfchen ja jetzt im Trockenen. Wer hätte gedacht, dass so ein Biedermann sich eine derartige Traumfrau angeln könnte?“ Verdrossen musterte der Verspottete seinen Tischnachbarn.
„Um die Wahrheit zu sagen, eigentlich hat sie sich mich geangelt. Es kam einfach eines zum anderen, ohne dass ich es erklären könnte“, gestand Simon darauf und fuhr sich mit der Hand über den hohen dunkelblonden Haaransatz, bevor er seine Brille zurechtrückte.
Arturo warf ein: „Ich gönn’ es dir jedenfalls, Mann. Da hast du eine echt tolle Frau erwischt ... hübsch, witzig, intelligent und eine Figur ...“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Da braucht sich Daniel aber auch nicht zu beklagen, wenn es danach geht. Obwohl ...“ Francesco wirkte etwas unsicher darüber, ob er mehr sagen sollte.
CSM 108-1 lockte: „Wolltest du sagen, wir haben uns mehr zusammengerauft als zusammengefunden? Das stimmt auf jeden Fall und ich werde es auch nicht bestreiten; unsere Beziehung hat eben kompliziert mit einem großen Missverständnis begonnen und eigentlich war es auch noch nie langweilig mit ihr. Aber du wolltest noch etwas anderes bemerken?“
„Naja, wahrscheinlich ist es nicht besonders hilfreich, dass Natasha ihr dich dauernd madig macht; sie verliert wirklich kein einziges gutes Wort über dich. Was verbindet die beiden nur?“
„Das würde mich auch einmal interessieren“, schloss sich Arturo seinem Bruder an. „Ich glaube, ich würde mich viel besser mit Karin verstehen, wenn sie nicht unter dem Einfluss dieser Zicke stehen würde.“
„Ich glaube, jetzt da ihr das erwähnt, das ist auch der Grund, wieso ich sehr wenig Kontakt mit Karin habe“, meinte Rudolf nachdenklich, als sei ihm das eben eingefallen. Der große stille Typ beteiligte sich selten an einer Diskussion und wenn er doch einmal etwas sagte, dann musste ihn das wirklich bewegen. „Das wird der Grund sein, weshalb eigentlich sehr wenige Leute etwas mit ihr zu tun haben wollen.“
CSM 108-1 senkte den Kopf ein wenig. „Ihr habt es auch gemerkt?“
Francesco bestätigte leise: „Es ist wohl eine unausgesprochene Tatsache. Nicht erst seit Natasha sich im Pickwick’s Pub so aufgeführt hat und auch keinerlei Besserung in ihrem Verhalten zeigt, will eigentlich niemand im Studentenumfeld großartig etwas mit ihr zu tun haben. Natasha selbst ist hingegen fast völlig isoliert, von ihrem Verehrer Ralf mal abgesehen, aber der ist eh’ aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sie. Dass das dieser blöden Kuh nichts ausmacht, dass sich keiner einen Deut um sie schert, wundert mich bei ihrer Egozentrik nicht weiter. Aber Karin ...“
„Ja, sie leidet darunter, das hat sie mir gegenüber schon zugegeben. Ihr solltet euch vielleicht ab und an mit ihr unterhalten oder befassen, wenn Natasha nicht dabei ist, dann würdet ihr merken, dass sie ganz nett sein kann, auch wenn sie manchmal ziemlich aufbrausend ist.“ CSM 108-1 seufzte.
Arturo knirschte mit den Zähnen. „Ich frage mich, wie man nur so ein Ekel werden kann wie Natasha. Ist das angeboren oder mühsam erlernt?“
Francesco erwiderte grimmig: „Wenn man so von sich eingenommen ist und das Gefühl hat, man steht über der Gesellschaft... fast schon unheimlich. Sie umgibt eine Aura, als würde sie gar nicht richtig unter uns weilen, sondern uns von einem gewissen Abstand aus gönnerhaft bei unseren sinnlosen Bemühungen zusehen, unser Leben zu meistern.“
„Ein starkes Statement.“ CSM 108-1 wirkte nachdenklich bei der Bemerkung seines Freundes. „Woher stammt sie eigentlich? Weiß das jemand?“
„Wenn ja, dann höchstens Karin. Und selbst sie ist noch nicht so lange mit ihr befreundet. Ich glaube aber, ihrem Akzent nach kommt sie nicht aus der Gegend. Und sie hat ganz offensichtlich auch keine finanziellen Sorgen, da sie nicht arbeiten muss, um sich ihr Studium zu finanzieren“, sagte Rudolf.
„Ich würde eher sagen, sie lässt sich von ihrem Fabrikbesitzersöhnchen-Playboy Ralf aushalten. Mit ihm kann ich eigentlich genauso wenig anfangen wie mit ihr. Sie scheinen auch soweit ganz zufrieden zu sein mit ihrer Isolation, die sie sich durch ihr Verhalten selbst geschaffen haben.“ Arturo zögerte kurz und fügte versonnen hinzu: „Sie scheinen es fast zu wollen.“
CSM 108-1 war nun hellwach, meinte aber dazu, als sei das Unfug: „Ich glaube nicht, dass wir ihnen so etwas unterstellen sollten. Dadurch machen wir uns nicht besser als Natasha es ist mit ihren ewigen Verdächtigungen, nicht zuletzt gegen mich. Wenn sie ihre Paranoia ausleben will, ihre Sache. Aber sobald ich merke, dass sie Karin da ernsthaft mit hineinzieht, werde ich sie mir vorknöpfen und ein ernstes Wörtchen mit ihr reden. Und bis dahin ist sie für mich auch weiterhin nichts als ein geduldeter Gast von Karin bei unseren Diskussionsrunden.“
„Ja, schließlich kennen wir alle uns nur oberflächlich. Und es gibt auch andere Leute, die sich rar machen: beispielsweise Miriam und Thorsten. Und seit zwischen ihnen etwas zu laufen scheint, ich rede jetzt konkret von Silvester, kapseln sie sich noch mehr ab als vorher schon.“ Francesco war ganz offensichtlich nicht glücklich mit der Wendung der Dinge in dieser Hinsicht.
„Niemand weiß genau, ob und was zwischen ihnen läuft“, entgegnete Rudolf, „nicht einmal ich. Dabei hänge ich von uns allen noch am meisten mit ihnen zusammen.“
„Das stimmt, euch kennt man eigentlich nur im Dreierpack. Ist das jetzt auch vorbei, oder was?“, wollte Simon wissen.
Rudolf wiegelte ab: „Eigentlich ist es eher Zufall, dass wir so oft zusammen sind. Wir haben eben gemeinsame Kurse und verstehen uns gut, aber wir kennen uns auch noch nicht sooo lange und kommen nicht einmal aus denselben Gegenden, wenn ich mich recht erinnere. Aber wir haben eben gemeinsame Interessen. Ich glaube allerdings, dass die beiden einfach oft zusammen sind, weil sie gut zusammenpassen und viel gemeinsam haben, nicht aus Liebe oder so. Sie sind jedenfalls sehr gute Freunde geworden in der kurzen Zeit ihrer gemeinsamen Ausbildung.“
„Das sind wir doch alle, oder nicht? Und wir belegen nicht einmal alle die gleichen Kurse“, warf Arturo ein, worauf alle einträchtig zustimmten.
Für CSM 108-1 hatte dieses Gespräch einen Haufen an ‚Denkansätzen’ geliefert. Er fragte sich mittlerweile sogar, ob einer der Personen in seinem näheren oder weiteren Umfeld nicht der zweite Terminator sein könnte. Ihm war bislang noch an keinem etwas aufgefallen, das darauf hingedeutet hätte, aber er war schließlich auch nur der Prototyp eines T-880. Das Modell, das hier zugange war, konnte umfangreiche Verbesserungen erhalten haben, nicht zuletzt auch aufgrund seiner Erfahrungen und hier gesammelten Daten.
Allerdings musste der zweite T-880 nicht unbedingt in direkter Nähe sein. Der ominöse Anruf von ihm bewies das auf keinen Fall, denn da derjenige über alle seine Erinnerungen verfügte, hatte er genau gewusst, wann er seine Nummer wählen musste, um den schlimmen Unfall mit Karin zu verhindern. Er hätte genauso gut vom anderen Ende der Welt aus anrufen können. Jedoch sprach dafür, dass es nur noch wenige Monate bis zum Holocaust waren und der Terminator gerade in dieser Zeit besonders gut auf den möglichen Entdecker aufpassen musste, wenn er ihn lokalisiert hatte, da die Entdeckung des ZVA-Effektes schließlich in eben dieser Zeitperiode erfolgen würde.
Ein anderer Schluss aus dem Gespräch: Die von den Menschen geplanten Zeitreiseattentäter, die den Entdecker terminieren sollten, mussten fast schon da sein, denn sie hatten ebenso die Aufgabe, die Zielperson zu identifizieren, was für sie nicht leichter war als für ihn, wenn nicht sogar noch schwerer. Er wusste nicht, wen oder wie viele sie schicken würden: einen alten Mann, vier junge Frauen oder zwölf nette, harmlose Kommilitonen. Er wusste auch nicht, woran er sie erkennen können würde, denn diese Attentäter würden mit Sicherheit gut ausgebildet sein und durch ihr Verhalten bestimmt nicht auffallen. Wenn man sich diese Ära anschaute, konnte man bei einer so großen Anzahl von Spinnern und Absonderlingen in einem solch urbanen Umfeld unmöglich jemanden finden, der sich durch sein Benehmen verraten würde.
Niemand hatte behauptet, es würde leicht werden.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland -19. Januar 1997
„Und die Rechnung folgte gestern Abend. Ich sage jetzt nicht, wo wir waren, aber wir haben eine ganz schöne Stange Geld liegen lassen.“ Simon fuchtelte mit der Hand hin und her, als hätte er sich verbrannt.
„Wir?“, fragte CSM 108-1 mit vorwurfsvoller Stimme.
„Hör bloß auf, Dan, du hast uns das schließlich auch eingebrockt“, verteidigte sich Simon vehement. „Davon abgesehen merkt dein Vater diese unerhebliche dreistellige Belastung seines Kreditkartenkontos sicher nicht einmal.“
Er seufzte und zog einen Mundwinkel hoch. „Stimmt wahrscheinlich.“
Sie saßen an diesem kalten Sonntagabend in einem relativ neuen Café in der Löwenstraße namens Savant, das sehr modern eingerichtet und in warmen Farben, hauptsächlich rot und gelb gehalten war. Das gesamte Etablissement war dezent indirekt ausgeleuchtet und mit vielen originellen Details versehen, wovon die offensichtlichsten die unter der Decke der Rückwand entlangführende Entlüftung in Form eines blankpolierten Blechrohres und ein darunter sowie gegenüber der Fensterfront liegendes Aquarium, das nicht sehr hoch und breit, dafür aber fast vier Meter lang und komplett in die Wand eingelassen war, darstellten.
Hier hatten sie sich versammelt: Simon, Rudolf, Francesco, Arturo und CSM 108-1. Sie hatten bewusst eine der Polstergruppen im hinteren Teil des Cafés ausgesucht, die man von draußen aus nicht einsehen konnte, da ihr Treffen heute Abend einen Verschwörungscharakter hatte, jedenfalls für CSM 108-1.
„Ich hoffe, heute Abend sind wir wenigstens einmal sicher vor Weibsvolk“, meinte Francesco dann auch und stützte seinen Kopf auf die Handinnenfläche, indem er seinen Ellenbogen am Tischrand platzierte.
„Hört, hört, unser Italo-Macho hat die Lust am anderen Geschlecht verloren. Könnte das am Ausgang unserer kleinen Silvesterparty liegen?“, frotzelte Simon auch gleich. „Da hatte sich wohl einer Chancen bei der netten Miriam ausgerechnet.“
„Du hast gut lachen, du hast deine Schäfchen ja jetzt im Trockenen. Wer hätte gedacht, dass so ein Biedermann sich eine derartige Traumfrau angeln könnte?“ Verdrossen musterte der Verspottete seinen Tischnachbarn.
„Um die Wahrheit zu sagen, eigentlich hat sie sich mich geangelt. Es kam einfach eines zum anderen, ohne dass ich es erklären könnte“, gestand Simon darauf und fuhr sich mit der Hand über den hohen dunkelblonden Haaransatz, bevor er seine Brille zurechtrückte.
Arturo warf ein: „Ich gönn’ es dir jedenfalls, Mann. Da hast du eine echt tolle Frau erwischt ... hübsch, witzig, intelligent und eine Figur ...“ Er ließ den Satz unvollendet.
„Da braucht sich Daniel aber auch nicht zu beklagen, wenn es danach geht. Obwohl ...“ Francesco wirkte etwas unsicher darüber, ob er mehr sagen sollte.
CSM 108-1 lockte: „Wolltest du sagen, wir haben uns mehr zusammengerauft als zusammengefunden? Das stimmt auf jeden Fall und ich werde es auch nicht bestreiten; unsere Beziehung hat eben kompliziert mit einem großen Missverständnis begonnen und eigentlich war es auch noch nie langweilig mit ihr. Aber du wolltest noch etwas anderes bemerken?“
„Naja, wahrscheinlich ist es nicht besonders hilfreich, dass Natasha ihr dich dauernd madig macht; sie verliert wirklich kein einziges gutes Wort über dich. Was verbindet die beiden nur?“
„Das würde mich auch einmal interessieren“, schloss sich Arturo seinem Bruder an. „Ich glaube, ich würde mich viel besser mit Karin verstehen, wenn sie nicht unter dem Einfluss dieser Zicke stehen würde.“
„Ich glaube, jetzt da ihr das erwähnt, das ist auch der Grund, wieso ich sehr wenig Kontakt mit Karin habe“, meinte Rudolf nachdenklich, als sei ihm das eben eingefallen. Der große stille Typ beteiligte sich selten an einer Diskussion und wenn er doch einmal etwas sagte, dann musste ihn das wirklich bewegen. „Das wird der Grund sein, weshalb eigentlich sehr wenige Leute etwas mit ihr zu tun haben wollen.“
CSM 108-1 senkte den Kopf ein wenig. „Ihr habt es auch gemerkt?“
Francesco bestätigte leise: „Es ist wohl eine unausgesprochene Tatsache. Nicht erst seit Natasha sich im Pickwick’s Pub so aufgeführt hat und auch keinerlei Besserung in ihrem Verhalten zeigt, will eigentlich niemand im Studentenumfeld großartig etwas mit ihr zu tun haben. Natasha selbst ist hingegen fast völlig isoliert, von ihrem Verehrer Ralf mal abgesehen, aber der ist eh’ aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sie. Dass das dieser blöden Kuh nichts ausmacht, dass sich keiner einen Deut um sie schert, wundert mich bei ihrer Egozentrik nicht weiter. Aber Karin ...“
„Ja, sie leidet darunter, das hat sie mir gegenüber schon zugegeben. Ihr solltet euch vielleicht ab und an mit ihr unterhalten oder befassen, wenn Natasha nicht dabei ist, dann würdet ihr merken, dass sie ganz nett sein kann, auch wenn sie manchmal ziemlich aufbrausend ist.“ CSM 108-1 seufzte.
Arturo knirschte mit den Zähnen. „Ich frage mich, wie man nur so ein Ekel werden kann wie Natasha. Ist das angeboren oder mühsam erlernt?“
Francesco erwiderte grimmig: „Wenn man so von sich eingenommen ist und das Gefühl hat, man steht über der Gesellschaft... fast schon unheimlich. Sie umgibt eine Aura, als würde sie gar nicht richtig unter uns weilen, sondern uns von einem gewissen Abstand aus gönnerhaft bei unseren sinnlosen Bemühungen zusehen, unser Leben zu meistern.“
„Ein starkes Statement.“ CSM 108-1 wirkte nachdenklich bei der Bemerkung seines Freundes. „Woher stammt sie eigentlich? Weiß das jemand?“
„Wenn ja, dann höchstens Karin. Und selbst sie ist noch nicht so lange mit ihr befreundet. Ich glaube aber, ihrem Akzent nach kommt sie nicht aus der Gegend. Und sie hat ganz offensichtlich auch keine finanziellen Sorgen, da sie nicht arbeiten muss, um sich ihr Studium zu finanzieren“, sagte Rudolf.
„Ich würde eher sagen, sie lässt sich von ihrem Fabrikbesitzersöhnchen-Playboy Ralf aushalten. Mit ihm kann ich eigentlich genauso wenig anfangen wie mit ihr. Sie scheinen auch soweit ganz zufrieden zu sein mit ihrer Isolation, die sie sich durch ihr Verhalten selbst geschaffen haben.“ Arturo zögerte kurz und fügte versonnen hinzu: „Sie scheinen es fast zu wollen.“
CSM 108-1 war nun hellwach, meinte aber dazu, als sei das Unfug: „Ich glaube nicht, dass wir ihnen so etwas unterstellen sollten. Dadurch machen wir uns nicht besser als Natasha es ist mit ihren ewigen Verdächtigungen, nicht zuletzt gegen mich. Wenn sie ihre Paranoia ausleben will, ihre Sache. Aber sobald ich merke, dass sie Karin da ernsthaft mit hineinzieht, werde ich sie mir vorknöpfen und ein ernstes Wörtchen mit ihr reden. Und bis dahin ist sie für mich auch weiterhin nichts als ein geduldeter Gast von Karin bei unseren Diskussionsrunden.“
„Ja, schließlich kennen wir alle uns nur oberflächlich. Und es gibt auch andere Leute, die sich rar machen: beispielsweise Miriam und Thorsten. Und seit zwischen ihnen etwas zu laufen scheint, ich rede jetzt konkret von Silvester, kapseln sie sich noch mehr ab als vorher schon.“ Francesco war ganz offensichtlich nicht glücklich mit der Wendung der Dinge in dieser Hinsicht.
„Niemand weiß genau, ob und was zwischen ihnen läuft“, entgegnete Rudolf, „nicht einmal ich. Dabei hänge ich von uns allen noch am meisten mit ihnen zusammen.“
„Das stimmt, euch kennt man eigentlich nur im Dreierpack. Ist das jetzt auch vorbei, oder was?“, wollte Simon wissen.
Rudolf wiegelte ab: „Eigentlich ist es eher Zufall, dass wir so oft zusammen sind. Wir haben eben gemeinsame Kurse und verstehen uns gut, aber wir kennen uns auch noch nicht sooo lange und kommen nicht einmal aus denselben Gegenden, wenn ich mich recht erinnere. Aber wir haben eben gemeinsame Interessen. Ich glaube allerdings, dass die beiden einfach oft zusammen sind, weil sie gut zusammenpassen und viel gemeinsam haben, nicht aus Liebe oder so. Sie sind jedenfalls sehr gute Freunde geworden in der kurzen Zeit ihrer gemeinsamen Ausbildung.“
„Das sind wir doch alle, oder nicht? Und wir belegen nicht einmal alle die gleichen Kurse“, warf Arturo ein, worauf alle einträchtig zustimmten.
Für CSM 108-1 hatte dieses Gespräch einen Haufen an ‚Denkansätzen’ geliefert. Er fragte sich mittlerweile sogar, ob einer der Personen in seinem näheren oder weiteren Umfeld nicht der zweite Terminator sein könnte. Ihm war bislang noch an keinem etwas aufgefallen, das darauf hingedeutet hätte, aber er war schließlich auch nur der Prototyp eines T-880. Das Modell, das hier zugange war, konnte umfangreiche Verbesserungen erhalten haben, nicht zuletzt auch aufgrund seiner Erfahrungen und hier gesammelten Daten.
Allerdings musste der zweite T-880 nicht unbedingt in direkter Nähe sein. Der ominöse Anruf von ihm bewies das auf keinen Fall, denn da derjenige über alle seine Erinnerungen verfügte, hatte er genau gewusst, wann er seine Nummer wählen musste, um den schlimmen Unfall mit Karin zu verhindern. Er hätte genauso gut vom anderen Ende der Welt aus anrufen können. Jedoch sprach dafür, dass es nur noch wenige Monate bis zum Holocaust waren und der Terminator gerade in dieser Zeit besonders gut auf den möglichen Entdecker aufpassen musste, wenn er ihn lokalisiert hatte, da die Entdeckung des ZVA-Effektes schließlich in eben dieser Zeitperiode erfolgen würde.
Ein anderer Schluss aus dem Gespräch: Die von den Menschen geplanten Zeitreiseattentäter, die den Entdecker terminieren sollten, mussten fast schon da sein, denn sie hatten ebenso die Aufgabe, die Zielperson zu identifizieren, was für sie nicht leichter war als für ihn, wenn nicht sogar noch schwerer. Er wusste nicht, wen oder wie viele sie schicken würden: einen alten Mann, vier junge Frauen oder zwölf nette, harmlose Kommilitonen. Er wusste auch nicht, woran er sie erkennen können würde, denn diese Attentäter würden mit Sicherheit gut ausgebildet sein und durch ihr Verhalten bestimmt nicht auffallen. Wenn man sich diese Ära anschaute, konnte man bei einer so großen Anzahl von Spinnern und Absonderlingen in einem solch urbanen Umfeld unmöglich jemanden finden, der sich durch sein Benehmen verraten würde.
Niemand hatte behauptet, es würde leicht werden.
[Fortsetzung folgt ...]
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T1.45
cymep, 03:38h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Januar 1997
Nach der Praxisstunde in Mineralogie am späten Nachmittag wollte CSM 108-1 eben heimgehen, als er bemerkte, wie Simon und Abbey noch an der Steinsäge arbeiteten. Karin packte noch ihre Unterlagen in ihre Tasche, doch sein Interesse war geweckt worden.
„Was macht ihr denn da?“
Simon erklärte, ohne sich umzudrehen: „Ich mache noch ein paar Scheibenschnitte von diversen Steinen, in denen ich Edelsteine vermute. Bitte bleib’ zurück, wenn ich die Säge anwerfe.“
„Darfst du das so einfach?“ Neugierig war nun auch Karin hinzugekommen und sah ihm über die Schulter.
„Ich habe natürlich vorher um Erlaubnis gefragt. Nach uns ist kein Unterricht mehr, also ist es für den Tutor kein Problem, hat er gemeint. Ich darf nur nicht alleine arbeiten, falls etwas passiert.“
„Und deshalb ist Abbey dabei, wie bei allem, was du in letzter Zeit tust“, bemerkte Karin spitz.
„Nur kein Neid“, witzelte diese zurück. „Du hattest deine Chance. Jetzt musst du eben mit dem Trostpreis vorlieb nehmen.“
„He, was soll das?“, ereiferte Karin sich sofort empört. „Daniel ist kein Trostpreis. Er ...“
Das hochfrequente Kreischen des Sägeblattes, über das zur ständigen Kühlung Wasser laufen musste, damit es sich beim Schneiden nicht überhitzte, übertönte ihre Proteste. Langsam und gleichmäßig zog Simon den annähernd kugelförmigen, von außen unscheinbar grauen Stein über die Schneidefläche, bis er durch war und die beiden Hälften auseinander rollten. Geschickt fing Abbey die rechte Hälfte auf, bevor sie von der Arbeitsfläche herabfallen konnte.
Daniel drehte sich zu Karin um und meinte mit bedauernder Miene: „Es tut mir leid, aber du irrst dich. Ich bin in der Tat nur der Trostpreis; dieser Kerl dort ist der Hauptgewinn. Siehst du, er kann sogar Steine in Stücke schneiden. Dir sind selbst meine Wurstscheiben zu dick geschnitten. Folglich bin ich nur der Trostpreis.“
„Was wird das jetzt? Ein Komplott gegen mich? Eine Verschwörung? Ich sehe schon, worauf das hinausläuft: Ihr wollt mich aus der Wohnung ekeln, damit Abbey in mein Zimmer ziehen kann und ihr alle glücklich und zufrieden bis an euer Studienende zusammenleben könnt. Aber nicht mit mir.“ Theatralisch rauschte sie davon.
Abbey sah ihr nach, dann sagte sie zu CSM 108-1: „Sie sollte wirklich weniger Zeit mit Natasha verbringen. Ist nicht gut für sie.“
„Ich versuche mein Bestes.“ Er grinste und beeilte sich dann, um Karin noch einzuholen, bevor sie aus dem Lehrsaal verschwinden konnte. „He, warte doch ‚mal. Jetzt sei doch nicht gleich so übel drauf wegen einem kleinen Scherzchen ...“
Während er im Hintergrund seine Freundin an der Tür abfing und aufhielt, worauf sich eine hitzige Diskussion entfachte, besah sich Simon den Querschnitt des Steines. „Tja, das war wohl eine Niete. Dabei war ich mir so sicher ... also den nächsten. Der hier sieht um einiges besser aus, findest du nicht?“
Abbey besah sich die äußere Zeichnung des ebenfalls grauen Steines. „Ich weiß nicht ... wo hast du die her? Aus dem Flussbett des Altrheins?“
„Sehr witzig“, lamentierte er und begann mit dem nächsten Schnitt.
Karin diskutierte einstweilen heftig mit CSM 108-1: „Ich finde es gar nicht amüsant, wenn du auf meine Kosten zusammen mit den beiden über mich Witze machst. Vor allem, wenn ich mir diese Anspielungen in Bezug auf Simons frühere Annäherungsversuche anhören muss. Mir wäre es am liebsten, wenn wir diese Sache endgültig vergessen könnten, okay? Ich dachte nämlich, so wie es jetzt läuft, sind alle zufrieden.“
„Ich bin es auf jeden Fall.“ Obwohl sie sich ein wenig wehrte, zog er sie in seinen Arm und legte die Hand um ihre Hüfte. „Und ohne an dir Kritik üben zu wollen, du warst die erste, die eine Bemerkung in dieser Beziehung gemacht hat. Du musst auch Abbey verstehen, denn für sie ist es schwerer als für dich; sie weiß schließlich, dass Simon lange genug für dich geschwärmt hat. Für sie könntest du immer noch eine potenzielle Konkurrentin darstellen.“
Sie machte ein betroffenes Gesicht und meinte dann einlenkend: „Naja, kann schon sein ... ach Unsinn, du hast wieder mal völlig recht. Vielleicht wollte ich unbewusst nur ein bisschen ihren Revierinstinkt anstacheln, was dann aber nach hinten losgegangen ist. Ich werde versuchen, in Zukunft besser darauf zu achten, was ich in ihrer Gegenwart so rauslasse.“
„So gefällst du mir besser“, lobte er und drückte sie an sich. Er legte sein Gesicht an ihren langen schlanken Hals und sagte leise mit seinen Lippen an ihrer Haut: „Du solltest Abbey nicht unterschätzen. Sie nimmt die Sache mit Simon bereits sehr ernst und wird ihn kampflos nicht ohne weiteres aufgeben. In ihr steckt mehr, als du vermuten würdest.“
„Von mir braucht sie keine Angst mehr zu haben. Ich werde ihr am besten gleich einen Waffenstillstand anbieten, damit ...“
Ein Schrei unterbrach sie, worauf beide erschrocken herumfuhren. Karin dachte schon, dass etwas bei der Handhabung der Wassersäge passiert sei, doch dann sah sie die freudestrahlenden Gesichter von Abbey und Simon, die mit je einer aufgeschnittenen Gesteinshälfte eines fast fußballgroßen Exemplars auf sie zugeeilt kamen.
„Seht euch das an, ein Volltreffer! Habe ich es nicht gleich gesagt?“, triumphierte Simon.
„Wohl eher ein Zufall. Außerdem würde ich einen Rauchquarz nicht gerade als Fund des Jahrhunderts bezeichnen“, meinte Abbey gespielt abwertend.
„Bist du sicher?“, fragte CSM 108-1 nach einem flüchtigen Blick auf das kristalline Innere des Steines. „Ich hätte das eher für einen Rosenquarz gehalten.“
„Tut mir leid, aber da irrst du dich“, beharrte Abbey. „Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als sei das ein Rosenquarz, aber bei genauerer Betrachtung der Kristallform ...“
„Die kann bei Rosenquarzen variieren. Dem Farbton nach ist es ziemlich eindeutig ein Rosenquarz“, gab er darauf zu bedenken.
„Himmel, was studierst du eigentlich? Theologie?“, versetzte Abbey unwillig. „Das ist doch wirklich nicht schwer zu erkennen ...“
„Was? Dass du lieber Jura studieren solltest? Sieh dir diesen Stein doch mal von innen an. Es ist eindeutig...“
„Jetzt hört aber auf, ihr beiden Super-Experten, da kann man ja direkt Angst bekommen.“ Simon trat schlichtend zwischen die beiden. „Ich dachte eigentlich auch, dass es ein Rosenquarz ist.“
„Du fällst mir in den Rücken? Na toll!“ Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten fixierte Abbey ihren Freund, während Karin einen Blick auf Simons Hälfte des aufgesägten Steinbrockens warf und nachdenklich vor sich hinmurmelte.
„Ich hätte eher auf Rauchquarz getippt, jedenfalls bei dieser Hälfte“, stellte sie dann zu aller Überraschung fest.
„Ach, bitte, Karin, sieh ihn dir doch mal genauer an. Abbey muss sich irren. Du kannst unmöglich glauben, dass das wirklich ein Rauchquarz ist.“ Ungnädig musterte CSM 108-1 sie.
„Tut mir leid, ich glaube immer noch, dass sie recht hat. Es ist zwar manchmal nicht leicht, eine frische Probe genau zu katalogisieren, aber in diesem Fall ...“ Sie hob bedauernd die Schultern.
„Ich besitze ein fundiertes Wissen über Halbedelsteine und Kristalle“, betonte Abbey mit wichtigtuerischer Miene.
„Like heck you do“, fluchte CSM 108-1 und packte Simon am Arm. “Komm, die Weiber machen Front gegen uns. Am besten schneiden wir deine Hälfte in dünne Scheiben und werfen damit nach ihnen.“
„Dann werdet ihr aber nur noch die heiße Luft treffen, die ihr hier massenweise produziert. Wir gehen jetzt in die Unibibliothek und treten den Beweis an, dass wir recht haben.“ Karins Eifer war nun ebenfalls geweckt, weshalb sie Abbey unterhakte und mit sanfter Gewalt mit sich hinauszog.
„Und wir schneiden so viele Scheiben wie möglich, damit wir mehr empirisches Beweismaterial haben, anhand dessen wir besser zeigen können, dass wir uns nicht irren“, rief CSM 108-1 ihnen nach.
„Uns genügt unser Querschnitt, denn wir kennen uns aus“, tönte es aus dem Gang noch nach.
Simon und CSM 108-1 sahen sich an.
„Da hast du uns schön in die Scheiße geritten“, sagte Simon mit säuerlicher Miene.
„IIICH?!?“ CSM 108-1 machte ein empörtes Gesicht. „Wer hat mich denn unterstützt? Wohl du, oder?“
Simon ging langsam zur Säge zurück. Über die Schulter fragte er zaghaft: „Wie sicher bist du denn?“
„Ich? Sehr sicher ...“ Er hielt kurz inne. „Zu über neunzig Prozent aufgrund dieses Schnittes.“
Simon hielt inne. „Neunzig Prozent? ...dann lass’ uns mal schnell die Säge anwerfen. Ich hoffe schwer für dich, dass du dich nicht täuschst. Schließlich hast du das hier zu einer Frage der Ehre gemacht.“
Auf der Arbeitsfläche und dem gegenüber stehenden Labortisch verteilt lagen eine knappe Stunde später fast zwanzig hauchdünne saubere Schnitte ihrer Steinhälfte. Fieberhaft zog CSM 108-1 den inzwischen mickrigen Rest ein weiteres Mal durch, doch er war bereits beim Ende des eingeschlossenen Kristallmaterials angelangt und hatte nur noch Basisgestein bei seinem letzten Schnitt vorgefunden. Neben ihm stand Simon ratlos über die Serie von Scheiben gebeugt und seufzte.
„Tja, sieht ganz so aus ...“
„Das sehe ich selbst. Wie kann das nur sein? Sonst irre ich mich doch nie ...“ CSM 108-1 machte einen frustrierten Eindruck. „Zum Glück haben wir um nichts gewettet.“
„Wollten nicht die Verlierer die Gewinner schick zum Abendessen einladen?“, ertönte es vom Eingang des Saales her. Mit äußerstem Widerwillen sah er, wie sich Abbey und Karin dort in Siegerpose aufgebaut hatten.
„Das steht nicht in meinem Vertrag“, machte CSM 108-1 den schwachen Versuch eines Witzes.
„Lies zwischen den Zeilen, Mr. Rosenquarz. Na?“ Voller Genugtuung kam Abbey zu ihnen herüber und besah sich ihr Werk.
„Ja, schon gut, ihr hattet Recht“, lenkte er ein und beobachtete frustriert, wie auch Karin sich scheinbar sehr interessiert ansah, was sie seit ihrem Verschwinden gemacht hatten.
„Wisst ihr, das ist eine sehr hübsche Arbeit. Das solltet ihr unbedingt aufheben und auf dem nächsten Weihnachtsmarkt verhökern“, sagte sie süffisant.
Nun musste sogar Simon losprusten. CSM 108-1 verneigte sich voller Ehrfurcht vor Abbey. „Ich bin unwürdig. Gegen deine Mineralogieinstinkte ist mein angesammeltes Wissen offenbar nichts. Ich werde künftig im Zweifelsfall stets deine kundige Meinung einholen und diese auch ohne Widerspruch oder Bedenken akzeptieren.“
„Jaja, genug im Staub gewälzt und Speichel geleckt. Du kannst aufhören mit deinen Demutsbezeugungen, bevor es mir noch peinlich wird. Ort und Zeit des Essens bestimmen wir Frauen. Ihr werdet euch hübsch feinmachen und ordentlich blechen müssen für eure anmaßende Haltung gegenüber unserem geballten Fachwissen.“ Abbey machte eine Handbewegung, die ihn zum Verschwinden aufforderte.
Leise zischte Simon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Recht herzlichen Dank auch, Mr. Rosenquarz.“
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 15. Januar 1997
Nach der Praxisstunde in Mineralogie am späten Nachmittag wollte CSM 108-1 eben heimgehen, als er bemerkte, wie Simon und Abbey noch an der Steinsäge arbeiteten. Karin packte noch ihre Unterlagen in ihre Tasche, doch sein Interesse war geweckt worden.
„Was macht ihr denn da?“
Simon erklärte, ohne sich umzudrehen: „Ich mache noch ein paar Scheibenschnitte von diversen Steinen, in denen ich Edelsteine vermute. Bitte bleib’ zurück, wenn ich die Säge anwerfe.“
„Darfst du das so einfach?“ Neugierig war nun auch Karin hinzugekommen und sah ihm über die Schulter.
„Ich habe natürlich vorher um Erlaubnis gefragt. Nach uns ist kein Unterricht mehr, also ist es für den Tutor kein Problem, hat er gemeint. Ich darf nur nicht alleine arbeiten, falls etwas passiert.“
„Und deshalb ist Abbey dabei, wie bei allem, was du in letzter Zeit tust“, bemerkte Karin spitz.
„Nur kein Neid“, witzelte diese zurück. „Du hattest deine Chance. Jetzt musst du eben mit dem Trostpreis vorlieb nehmen.“
„He, was soll das?“, ereiferte Karin sich sofort empört. „Daniel ist kein Trostpreis. Er ...“
Das hochfrequente Kreischen des Sägeblattes, über das zur ständigen Kühlung Wasser laufen musste, damit es sich beim Schneiden nicht überhitzte, übertönte ihre Proteste. Langsam und gleichmäßig zog Simon den annähernd kugelförmigen, von außen unscheinbar grauen Stein über die Schneidefläche, bis er durch war und die beiden Hälften auseinander rollten. Geschickt fing Abbey die rechte Hälfte auf, bevor sie von der Arbeitsfläche herabfallen konnte.
Daniel drehte sich zu Karin um und meinte mit bedauernder Miene: „Es tut mir leid, aber du irrst dich. Ich bin in der Tat nur der Trostpreis; dieser Kerl dort ist der Hauptgewinn. Siehst du, er kann sogar Steine in Stücke schneiden. Dir sind selbst meine Wurstscheiben zu dick geschnitten. Folglich bin ich nur der Trostpreis.“
„Was wird das jetzt? Ein Komplott gegen mich? Eine Verschwörung? Ich sehe schon, worauf das hinausläuft: Ihr wollt mich aus der Wohnung ekeln, damit Abbey in mein Zimmer ziehen kann und ihr alle glücklich und zufrieden bis an euer Studienende zusammenleben könnt. Aber nicht mit mir.“ Theatralisch rauschte sie davon.
Abbey sah ihr nach, dann sagte sie zu CSM 108-1: „Sie sollte wirklich weniger Zeit mit Natasha verbringen. Ist nicht gut für sie.“
„Ich versuche mein Bestes.“ Er grinste und beeilte sich dann, um Karin noch einzuholen, bevor sie aus dem Lehrsaal verschwinden konnte. „He, warte doch ‚mal. Jetzt sei doch nicht gleich so übel drauf wegen einem kleinen Scherzchen ...“
Während er im Hintergrund seine Freundin an der Tür abfing und aufhielt, worauf sich eine hitzige Diskussion entfachte, besah sich Simon den Querschnitt des Steines. „Tja, das war wohl eine Niete. Dabei war ich mir so sicher ... also den nächsten. Der hier sieht um einiges besser aus, findest du nicht?“
Abbey besah sich die äußere Zeichnung des ebenfalls grauen Steines. „Ich weiß nicht ... wo hast du die her? Aus dem Flussbett des Altrheins?“
„Sehr witzig“, lamentierte er und begann mit dem nächsten Schnitt.
Karin diskutierte einstweilen heftig mit CSM 108-1: „Ich finde es gar nicht amüsant, wenn du auf meine Kosten zusammen mit den beiden über mich Witze machst. Vor allem, wenn ich mir diese Anspielungen in Bezug auf Simons frühere Annäherungsversuche anhören muss. Mir wäre es am liebsten, wenn wir diese Sache endgültig vergessen könnten, okay? Ich dachte nämlich, so wie es jetzt läuft, sind alle zufrieden.“
„Ich bin es auf jeden Fall.“ Obwohl sie sich ein wenig wehrte, zog er sie in seinen Arm und legte die Hand um ihre Hüfte. „Und ohne an dir Kritik üben zu wollen, du warst die erste, die eine Bemerkung in dieser Beziehung gemacht hat. Du musst auch Abbey verstehen, denn für sie ist es schwerer als für dich; sie weiß schließlich, dass Simon lange genug für dich geschwärmt hat. Für sie könntest du immer noch eine potenzielle Konkurrentin darstellen.“
Sie machte ein betroffenes Gesicht und meinte dann einlenkend: „Naja, kann schon sein ... ach Unsinn, du hast wieder mal völlig recht. Vielleicht wollte ich unbewusst nur ein bisschen ihren Revierinstinkt anstacheln, was dann aber nach hinten losgegangen ist. Ich werde versuchen, in Zukunft besser darauf zu achten, was ich in ihrer Gegenwart so rauslasse.“
„So gefällst du mir besser“, lobte er und drückte sie an sich. Er legte sein Gesicht an ihren langen schlanken Hals und sagte leise mit seinen Lippen an ihrer Haut: „Du solltest Abbey nicht unterschätzen. Sie nimmt die Sache mit Simon bereits sehr ernst und wird ihn kampflos nicht ohne weiteres aufgeben. In ihr steckt mehr, als du vermuten würdest.“
„Von mir braucht sie keine Angst mehr zu haben. Ich werde ihr am besten gleich einen Waffenstillstand anbieten, damit ...“
Ein Schrei unterbrach sie, worauf beide erschrocken herumfuhren. Karin dachte schon, dass etwas bei der Handhabung der Wassersäge passiert sei, doch dann sah sie die freudestrahlenden Gesichter von Abbey und Simon, die mit je einer aufgeschnittenen Gesteinshälfte eines fast fußballgroßen Exemplars auf sie zugeeilt kamen.
„Seht euch das an, ein Volltreffer! Habe ich es nicht gleich gesagt?“, triumphierte Simon.
„Wohl eher ein Zufall. Außerdem würde ich einen Rauchquarz nicht gerade als Fund des Jahrhunderts bezeichnen“, meinte Abbey gespielt abwertend.
„Bist du sicher?“, fragte CSM 108-1 nach einem flüchtigen Blick auf das kristalline Innere des Steines. „Ich hätte das eher für einen Rosenquarz gehalten.“
„Tut mir leid, aber da irrst du dich“, beharrte Abbey. „Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als sei das ein Rosenquarz, aber bei genauerer Betrachtung der Kristallform ...“
„Die kann bei Rosenquarzen variieren. Dem Farbton nach ist es ziemlich eindeutig ein Rosenquarz“, gab er darauf zu bedenken.
„Himmel, was studierst du eigentlich? Theologie?“, versetzte Abbey unwillig. „Das ist doch wirklich nicht schwer zu erkennen ...“
„Was? Dass du lieber Jura studieren solltest? Sieh dir diesen Stein doch mal von innen an. Es ist eindeutig...“
„Jetzt hört aber auf, ihr beiden Super-Experten, da kann man ja direkt Angst bekommen.“ Simon trat schlichtend zwischen die beiden. „Ich dachte eigentlich auch, dass es ein Rosenquarz ist.“
„Du fällst mir in den Rücken? Na toll!“ Mit in die Hüfte gestemmten Fäusten fixierte Abbey ihren Freund, während Karin einen Blick auf Simons Hälfte des aufgesägten Steinbrockens warf und nachdenklich vor sich hinmurmelte.
„Ich hätte eher auf Rauchquarz getippt, jedenfalls bei dieser Hälfte“, stellte sie dann zu aller Überraschung fest.
„Ach, bitte, Karin, sieh ihn dir doch mal genauer an. Abbey muss sich irren. Du kannst unmöglich glauben, dass das wirklich ein Rauchquarz ist.“ Ungnädig musterte CSM 108-1 sie.
„Tut mir leid, ich glaube immer noch, dass sie recht hat. Es ist zwar manchmal nicht leicht, eine frische Probe genau zu katalogisieren, aber in diesem Fall ...“ Sie hob bedauernd die Schultern.
„Ich besitze ein fundiertes Wissen über Halbedelsteine und Kristalle“, betonte Abbey mit wichtigtuerischer Miene.
„Like heck you do“, fluchte CSM 108-1 und packte Simon am Arm. “Komm, die Weiber machen Front gegen uns. Am besten schneiden wir deine Hälfte in dünne Scheiben und werfen damit nach ihnen.“
„Dann werdet ihr aber nur noch die heiße Luft treffen, die ihr hier massenweise produziert. Wir gehen jetzt in die Unibibliothek und treten den Beweis an, dass wir recht haben.“ Karins Eifer war nun ebenfalls geweckt, weshalb sie Abbey unterhakte und mit sanfter Gewalt mit sich hinauszog.
„Und wir schneiden so viele Scheiben wie möglich, damit wir mehr empirisches Beweismaterial haben, anhand dessen wir besser zeigen können, dass wir uns nicht irren“, rief CSM 108-1 ihnen nach.
„Uns genügt unser Querschnitt, denn wir kennen uns aus“, tönte es aus dem Gang noch nach.
Simon und CSM 108-1 sahen sich an.
„Da hast du uns schön in die Scheiße geritten“, sagte Simon mit säuerlicher Miene.
„IIICH?!?“ CSM 108-1 machte ein empörtes Gesicht. „Wer hat mich denn unterstützt? Wohl du, oder?“
Simon ging langsam zur Säge zurück. Über die Schulter fragte er zaghaft: „Wie sicher bist du denn?“
„Ich? Sehr sicher ...“ Er hielt kurz inne. „Zu über neunzig Prozent aufgrund dieses Schnittes.“
Simon hielt inne. „Neunzig Prozent? ...dann lass’ uns mal schnell die Säge anwerfen. Ich hoffe schwer für dich, dass du dich nicht täuschst. Schließlich hast du das hier zu einer Frage der Ehre gemacht.“
Auf der Arbeitsfläche und dem gegenüber stehenden Labortisch verteilt lagen eine knappe Stunde später fast zwanzig hauchdünne saubere Schnitte ihrer Steinhälfte. Fieberhaft zog CSM 108-1 den inzwischen mickrigen Rest ein weiteres Mal durch, doch er war bereits beim Ende des eingeschlossenen Kristallmaterials angelangt und hatte nur noch Basisgestein bei seinem letzten Schnitt vorgefunden. Neben ihm stand Simon ratlos über die Serie von Scheiben gebeugt und seufzte.
„Tja, sieht ganz so aus ...“
„Das sehe ich selbst. Wie kann das nur sein? Sonst irre ich mich doch nie ...“ CSM 108-1 machte einen frustrierten Eindruck. „Zum Glück haben wir um nichts gewettet.“
„Wollten nicht die Verlierer die Gewinner schick zum Abendessen einladen?“, ertönte es vom Eingang des Saales her. Mit äußerstem Widerwillen sah er, wie sich Abbey und Karin dort in Siegerpose aufgebaut hatten.
„Das steht nicht in meinem Vertrag“, machte CSM 108-1 den schwachen Versuch eines Witzes.
„Lies zwischen den Zeilen, Mr. Rosenquarz. Na?“ Voller Genugtuung kam Abbey zu ihnen herüber und besah sich ihr Werk.
„Ja, schon gut, ihr hattet Recht“, lenkte er ein und beobachtete frustriert, wie auch Karin sich scheinbar sehr interessiert ansah, was sie seit ihrem Verschwinden gemacht hatten.
„Wisst ihr, das ist eine sehr hübsche Arbeit. Das solltet ihr unbedingt aufheben und auf dem nächsten Weihnachtsmarkt verhökern“, sagte sie süffisant.
Nun musste sogar Simon losprusten. CSM 108-1 verneigte sich voller Ehrfurcht vor Abbey. „Ich bin unwürdig. Gegen deine Mineralogieinstinkte ist mein angesammeltes Wissen offenbar nichts. Ich werde künftig im Zweifelsfall stets deine kundige Meinung einholen und diese auch ohne Widerspruch oder Bedenken akzeptieren.“
„Jaja, genug im Staub gewälzt und Speichel geleckt. Du kannst aufhören mit deinen Demutsbezeugungen, bevor es mir noch peinlich wird. Ort und Zeit des Essens bestimmen wir Frauen. Ihr werdet euch hübsch feinmachen und ordentlich blechen müssen für eure anmaßende Haltung gegenüber unserem geballten Fachwissen.“ Abbey machte eine Handbewegung, die ihn zum Verschwinden aufforderte.
Leise zischte Simon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Recht herzlichen Dank auch, Mr. Rosenquarz.“
[Fortsetzung folgt ...]
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