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Freitag, 5. Januar 2007
T1.47 Kapitel 10
cymep, 12:52h
[... Fortsetzung des Buches]
- 10 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 22. Januar 1997
Studentenabend im Agar.
Nach einigem Hin und Her hatten sie sich gegen das Circus, welches schräg gegenüber lag und mit einem ähnlichen Angebot unter der Woche warb, entschieden. Dabei waren ausnahmsweise einmal alle festen Mitglieder ihres ‚Wissenschaftlichen Diskussionstisches’ mit dabei, da heute nicht nur aktuelle Musik, sondern querbeetein alle möglichen musikalischen Stilrichtungen vertreten waren.
Gerade liefen Schlager, während ihre Clique sich zwei Tische in der Chill Out-Zone zusammengeschoben hatten, was jedoch noch immer nicht allen einen Sitzplatz zur Verfügung stellte. Das war jedoch nicht weiter schlimm, weil ein paar von ihnen stets auf der Tanzfläche waren und so bei ihrer großen Gruppe ein ständiger Wechsel stattfand.
Während gut die Hälfte von ihnen am Tisch saß und Karel Gotts ‚Biene Maja’ mit unterschiedlicher Begeisterung lauschte, waren Natasha, Ralf, Karin, Miriam und Rolf am Tanzen und nur ab und zu von ihrem Blickwinkel aus zu sehen. Gerade sagte Abbey zu Simon: „Und ich dachte immer, Folk und Country sei die Krone der menschlichen Schöpfung, was musikalische Folter betrifft.“
Simon grinste und antwortete süffisant: „Ja, Amerika ist nicht in allem weltführend. Was das hier angeht, machen wir euch noch locker ‘was vor. Aber mal ehrlich, kannst du diesem Sound denn gar nichts abgewinnen?“
„Er ist doch ganz witzig“, bemerkte CSM 108-1, „wenn man zwei Promille in der Birne hat. Ehrlich, manchmal wünschte ich, ich könnte mich besaufen, und sei es nur, um Derartiges besser zu ertragen.“
„Jaja, der alte Techno-Pionier und Fanatiker. Über Geschmack lässt sich streiten“, meinte Simon und winkte ab.
„Mir gefällt dieser Trance-Techno schon, ebenso Dancefloor-Sound. In den Staaten kennt kein Schwein diese Art der Musik, dabei bildet sie doch eine interessante Abwechslung zu all dem R&B- und Pop-Sound.“ Abbey lächelte CSM 108-1 an und zwinkerte ihm zu, worauf auch er programmgemäß lächeln musste. Sie konnte einen immer wieder verblüffen, wenn man es am wenigsten erwartete.
Unversehens wechselte der DJ mit seiner beinahe traumwandlerischen Intuition für Stilbrüche die Musikart und ließ eben diese Dancefloor-Musik laufen, allerdings nur ältere Scheiben, die schon sattsam bekannt waren. Zunächst erklang John Miles’ „Children“, eben jene Platte, die den Trance-Techno populär und gesellschaftsfähig gemacht hatte. Bevor sich Simon wehren konnte, hatte Abbey ihn auf die Beine gezogen und schleifte ihn zur Tanzfläche in den Hauptteil der Disco. Augenblicklich waren auch Francesco, Arturo und CSM 108-1 aufgesprungen, so dass Thorsten alleine zurückblieb.
„He, ihr könnt mich doch nicht so einfach hier alleine lassen“, protestierte er und war am verzweifeln angesichts der Tatsache, dass er in dieser brechend vollen Disco alleine zwei Tische gegen andere Gäste ‚verteidigen’ sollte.
„Keine Angst, in spätestens dreißig Sekunden kommt die Ablösung“, versicherte Simon über die Schulter hinweg. Tatsächlich waren alle Schlagerfans ihrer Gruppe bereits auf dem Rückweg und passierten sie gerade.
CSM 108-1 hielt Karin für einen Moment fest und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sich den anderen wieder anschloss. Als Karin sich umwandte und Natasha folgte, die zurückgeblieben war und auf sie gewartet hatte, wurde der sphärisch-melodiöse Synthesizerklang der Musik allmählich leiser, bis man sich wieder halbwegs verständigen konnte. Sofort bemerkte Natasha: „Jetzt knutscht ihr schon in aller Öffentlichkeit ... na toll!“
„Das war doch lieb gerade, nicht? Außerdem war es kein Geknutsche, sondern nur eine kleine Zärtlichkeit. Ich finde das sehr aufmerksam von ihm. Zeig’ mir mal einen Typen, der an so was denkt.“ Unwillig ging sie erneut in die Defensive. Seit drei Wochen ging das jetzt so. Seit sie und Daniel an der Silvesterfete zusammengekommen waren, was ihre ‚Freundin’ noch immer nicht akzeptieren wollte.
„Ich glaube, ich werde mich wohl dem Unvermeidlichen fügen müssen“, seufzte Natasha und zog Karin mit sich. „Komm, gehen wir an die Bar.“
Sie setzten sich auf zwei zufällig freie Hocker und bestellten Wodka-Lemons; Karin trank diese doch recht starke Mischung erst, seit sie Natasha kennen gelernt und diese sie auf den Geschmack gebracht hatte. Eigentlich wäre sie auch noch gerne ein bisschen auf dem Dancefloor geblieben, und zwar nicht nur, um bei Daniel zu sein.
„Also gut, ich versuche es zur Abwechslung einmal mit Verständnis. Vielleicht kannst du mir ja schlüssig erklären, was genau du an ihm findest, damit auch ich es verstehe. Soweit ich mich erinnere, hat er dich anfangs wie Dreck behandelt. Glaubst du nicht, das könnte wieder passieren?“ Natasha strich ihr langes braunes Haar glatt und musterte sie abschätzend aus ihren wasserblauen Augen.
„Das stimmt so gar nicht“, begann Karin. „Eigentlich habe ich ihn so behandelt, was mir jetzt im Nachhinein leid tut, denn er hatte das wirklich nicht verdient. Ich kann auch verstehen, dass er aus reiner Abwehr so abweisend war, denn schließlich habe ich ihn zuerst vor den Kopf gestoßen, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Ich kann froh sein, dass er das alles so hingenommen und mir trotz allem eine Chance als Mensch gegeben hat. Gut, der unglaubliche Zufall, dass er das freie Zimmer in unserer Wohnung genommen hatte, ohne von mir zu wissen, und die Sache mit seinem Bruder, der mich als Kind fast angefahren hätte ... ich glaube jetzt fast schon, dass das alles Schicksal war, dass wir irgendwie zusammenfinden sollten.“
„Oh bitte!“ Natasha spuckte beinahe aus. „Das macht mich echt krank. Das redest du dir doch nur ein; du hast echt was Besseres verdient als diesen Normalo-Typ.“
Rigoros erwiderte sie: „Hör’ bitte auf, so über ihn zu reden. Ich habe mir zwar immer vorgenommen, jeden Typen abzuschießen, bevor ich es mir mit einer Freundin verscherze, aber du machst es mir nicht gerade einfach, verstehst du?“
„He, was willst du damit sagen?“, brauste Natasha auf und verzog wütend den Mund und die Augenbrauen. In diesem Moment wechselte die Musik auf ‚Dreamer’ von ‚Vertigo’.
„Oh, der erste echt gute Mix an diesem Abend. Vielleicht ist bei diesem DJ doch noch nicht alles zu spät“, murmelte Karin vor sich hin.
„Wie? Bist du jetzt auf einmal auch noch Expertin für diese Abart von Musik?“
Doch Karin stand auf und ging langsam hinüber zu ihrer Tischgruppe, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen; für heute reichte ihr, was sie von ihr gehört hatte.
Sie ließ sich neben dem erstaunten Rolf nieder und warf einen Blick auf die Tanzfläche, wo ihr als erstes Abbey auffiel. Sie überragte mit ihrer Modelgröße die meisten Leute um sich herum und sah heute Abend einfach traumhaft aus in ihrem engen dunkelgrünen Pulli und dem violetten
Halbrock. Ihr feuerrotes Haar fiel in Wellen über ihre Schultern, als sie mit vergnügter Miene und halbgeschlossenen Augen lasziv zu der verträumten Musik tanzte. Neben ihr machte Simon keinen so glücklichen Eindruck und bewegte sich eher unbeholfen, schlug sich aber recht tapfer für jemanden, der bei der Erwähnung des Wortes ‚Discothek’ für gewöhnlich im Lexikon nachschlagen muss.
Daniel bewegte sich in einer Art, die der Abbeys sehr ähnlich war, wie ihr jetzt auffiel; sie taufte es den ‚amerikanischen Stil’. Er bewegte die Lippen zum Text der Sängerin und schien den Song auswendig zu kennen – nicht, dass es bei den meisten Techno-Stücken mit Vocals viel auswendig zu lernen gäbe, wie sie ironisch lächelnd dachte. Dennoch sah sie ihm weiter zu und bemerkte gar nicht, wie Natasha schmollend zurückkam, sich neben Ralf an den anderen Tisch setzte und sich anhaltend ihr enges schwarzes Minikleid glatt strich, was wohl einer nervösen Reaktion gleichkam.
Hatte sie wirklich ein solches Glück mit ihm gehabt, fragte sie sich jetzt, als sie ihn beobachtete. Er war nie seit ihrer gemeinsamen Silvesternacht übermäßig aufdringlich geworden, was sie ihm zwar einerseits hoch anrechnete, sie aber auch verunsicherte. War sie für ihn etwa nicht attraktiv genug? Sie sah an sich hinab: Gut, sie hatte zwar für ihre Größe eine sehr gute Figur, was nicht zuletzt das Resultat von regelmäßigem Besuch eines Fitnesscenters war, zog sich aber immer relativ schlicht an, meistens in Jeansstoff- oder schwarzen Kombinationen. Das war nun einmal ihr Look, was sollte sie daran groß ändern?
Nein, wahrscheinlich überreagierte sie einfach. Er zeigte ihr seine Zuneigung wirklich oft genug mit vielen kleinen Gesten und Zärtlichkeiten, blieb aber immer anständig dabei, was mehr war, als sich die meisten Frauen von ihrem Freund erhoffen konnten. Und in besagter Nacht hatte er sich beileibe nicht ungeschickt angestellt, ohne auch dabei zu weit zu gehen. Soweit sie sich erinnern konnte. Inzwischen verwünschte sie sich dafür, dass sie sich von den anderen hatte dermaßen abfüllen lassen, dass ihr dadurch ein Großteil dieses Erlebnisses abhanden gekommen war. Andererseits, hätte sie in nüchternem Zustand auch den Mut aufgebracht, mit auf sein Zimmer zu gehen?
Wahrscheinlich nicht, dachte sie ein wenig frustriert über sich selbst. Demnach sollte sie doch froh sein über diesen Katalysator ihrer Beziehung. Er schien indes wohl zu denken, dass sie alle Zeit der Welt hätten, um richtig intim zu werden, oder er war auch unsicher, wie weit er gehen durfte.
Aber es war so extrem schwierig, selbst die Initiative zu ergreifen ...
Als plötzlich auf den letzten Sommerhit ‚I give you my heart’ von ‚Mr. President’ gewechselt wurde, fanden sich Simon und Daniel wieder bei ihnen ein. Er setzte sich neben sie und strich sanft über ihren Unterarm, was ihren Blick hob und sie sein Lächeln erwidern ließ.
Ja, vielleicht sollte sie ihm Zeit lassen.
[Fortsetzung folgt ...]
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Freiburg im Breisgau, Deutschland - 22. Januar 1997
Studentenabend im Agar.
Nach einigem Hin und Her hatten sie sich gegen das Circus, welches schräg gegenüber lag und mit einem ähnlichen Angebot unter der Woche warb, entschieden. Dabei waren ausnahmsweise einmal alle festen Mitglieder ihres ‚Wissenschaftlichen Diskussionstisches’ mit dabei, da heute nicht nur aktuelle Musik, sondern querbeetein alle möglichen musikalischen Stilrichtungen vertreten waren.
Gerade liefen Schlager, während ihre Clique sich zwei Tische in der Chill Out-Zone zusammengeschoben hatten, was jedoch noch immer nicht allen einen Sitzplatz zur Verfügung stellte. Das war jedoch nicht weiter schlimm, weil ein paar von ihnen stets auf der Tanzfläche waren und so bei ihrer großen Gruppe ein ständiger Wechsel stattfand.
Während gut die Hälfte von ihnen am Tisch saß und Karel Gotts ‚Biene Maja’ mit unterschiedlicher Begeisterung lauschte, waren Natasha, Ralf, Karin, Miriam und Rolf am Tanzen und nur ab und zu von ihrem Blickwinkel aus zu sehen. Gerade sagte Abbey zu Simon: „Und ich dachte immer, Folk und Country sei die Krone der menschlichen Schöpfung, was musikalische Folter betrifft.“
Simon grinste und antwortete süffisant: „Ja, Amerika ist nicht in allem weltführend. Was das hier angeht, machen wir euch noch locker ‘was vor. Aber mal ehrlich, kannst du diesem Sound denn gar nichts abgewinnen?“
„Er ist doch ganz witzig“, bemerkte CSM 108-1, „wenn man zwei Promille in der Birne hat. Ehrlich, manchmal wünschte ich, ich könnte mich besaufen, und sei es nur, um Derartiges besser zu ertragen.“
„Jaja, der alte Techno-Pionier und Fanatiker. Über Geschmack lässt sich streiten“, meinte Simon und winkte ab.
„Mir gefällt dieser Trance-Techno schon, ebenso Dancefloor-Sound. In den Staaten kennt kein Schwein diese Art der Musik, dabei bildet sie doch eine interessante Abwechslung zu all dem R&B- und Pop-Sound.“ Abbey lächelte CSM 108-1 an und zwinkerte ihm zu, worauf auch er programmgemäß lächeln musste. Sie konnte einen immer wieder verblüffen, wenn man es am wenigsten erwartete.
Unversehens wechselte der DJ mit seiner beinahe traumwandlerischen Intuition für Stilbrüche die Musikart und ließ eben diese Dancefloor-Musik laufen, allerdings nur ältere Scheiben, die schon sattsam bekannt waren. Zunächst erklang John Miles’ „Children“, eben jene Platte, die den Trance-Techno populär und gesellschaftsfähig gemacht hatte. Bevor sich Simon wehren konnte, hatte Abbey ihn auf die Beine gezogen und schleifte ihn zur Tanzfläche in den Hauptteil der Disco. Augenblicklich waren auch Francesco, Arturo und CSM 108-1 aufgesprungen, so dass Thorsten alleine zurückblieb.
„He, ihr könnt mich doch nicht so einfach hier alleine lassen“, protestierte er und war am verzweifeln angesichts der Tatsache, dass er in dieser brechend vollen Disco alleine zwei Tische gegen andere Gäste ‚verteidigen’ sollte.
„Keine Angst, in spätestens dreißig Sekunden kommt die Ablösung“, versicherte Simon über die Schulter hinweg. Tatsächlich waren alle Schlagerfans ihrer Gruppe bereits auf dem Rückweg und passierten sie gerade.
CSM 108-1 hielt Karin für einen Moment fest und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sich den anderen wieder anschloss. Als Karin sich umwandte und Natasha folgte, die zurückgeblieben war und auf sie gewartet hatte, wurde der sphärisch-melodiöse Synthesizerklang der Musik allmählich leiser, bis man sich wieder halbwegs verständigen konnte. Sofort bemerkte Natasha: „Jetzt knutscht ihr schon in aller Öffentlichkeit ... na toll!“
„Das war doch lieb gerade, nicht? Außerdem war es kein Geknutsche, sondern nur eine kleine Zärtlichkeit. Ich finde das sehr aufmerksam von ihm. Zeig’ mir mal einen Typen, der an so was denkt.“ Unwillig ging sie erneut in die Defensive. Seit drei Wochen ging das jetzt so. Seit sie und Daniel an der Silvesterfete zusammengekommen waren, was ihre ‚Freundin’ noch immer nicht akzeptieren wollte.
„Ich glaube, ich werde mich wohl dem Unvermeidlichen fügen müssen“, seufzte Natasha und zog Karin mit sich. „Komm, gehen wir an die Bar.“
Sie setzten sich auf zwei zufällig freie Hocker und bestellten Wodka-Lemons; Karin trank diese doch recht starke Mischung erst, seit sie Natasha kennen gelernt und diese sie auf den Geschmack gebracht hatte. Eigentlich wäre sie auch noch gerne ein bisschen auf dem Dancefloor geblieben, und zwar nicht nur, um bei Daniel zu sein.
„Also gut, ich versuche es zur Abwechslung einmal mit Verständnis. Vielleicht kannst du mir ja schlüssig erklären, was genau du an ihm findest, damit auch ich es verstehe. Soweit ich mich erinnere, hat er dich anfangs wie Dreck behandelt. Glaubst du nicht, das könnte wieder passieren?“ Natasha strich ihr langes braunes Haar glatt und musterte sie abschätzend aus ihren wasserblauen Augen.
„Das stimmt so gar nicht“, begann Karin. „Eigentlich habe ich ihn so behandelt, was mir jetzt im Nachhinein leid tut, denn er hatte das wirklich nicht verdient. Ich kann auch verstehen, dass er aus reiner Abwehr so abweisend war, denn schließlich habe ich ihn zuerst vor den Kopf gestoßen, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Ich kann froh sein, dass er das alles so hingenommen und mir trotz allem eine Chance als Mensch gegeben hat. Gut, der unglaubliche Zufall, dass er das freie Zimmer in unserer Wohnung genommen hatte, ohne von mir zu wissen, und die Sache mit seinem Bruder, der mich als Kind fast angefahren hätte ... ich glaube jetzt fast schon, dass das alles Schicksal war, dass wir irgendwie zusammenfinden sollten.“
„Oh bitte!“ Natasha spuckte beinahe aus. „Das macht mich echt krank. Das redest du dir doch nur ein; du hast echt was Besseres verdient als diesen Normalo-Typ.“
Rigoros erwiderte sie: „Hör’ bitte auf, so über ihn zu reden. Ich habe mir zwar immer vorgenommen, jeden Typen abzuschießen, bevor ich es mir mit einer Freundin verscherze, aber du machst es mir nicht gerade einfach, verstehst du?“
„He, was willst du damit sagen?“, brauste Natasha auf und verzog wütend den Mund und die Augenbrauen. In diesem Moment wechselte die Musik auf ‚Dreamer’ von ‚Vertigo’.
„Oh, der erste echt gute Mix an diesem Abend. Vielleicht ist bei diesem DJ doch noch nicht alles zu spät“, murmelte Karin vor sich hin.
„Wie? Bist du jetzt auf einmal auch noch Expertin für diese Abart von Musik?“
Doch Karin stand auf und ging langsam hinüber zu ihrer Tischgruppe, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen; für heute reichte ihr, was sie von ihr gehört hatte.
Sie ließ sich neben dem erstaunten Rolf nieder und warf einen Blick auf die Tanzfläche, wo ihr als erstes Abbey auffiel. Sie überragte mit ihrer Modelgröße die meisten Leute um sich herum und sah heute Abend einfach traumhaft aus in ihrem engen dunkelgrünen Pulli und dem violetten
Halbrock. Ihr feuerrotes Haar fiel in Wellen über ihre Schultern, als sie mit vergnügter Miene und halbgeschlossenen Augen lasziv zu der verträumten Musik tanzte. Neben ihr machte Simon keinen so glücklichen Eindruck und bewegte sich eher unbeholfen, schlug sich aber recht tapfer für jemanden, der bei der Erwähnung des Wortes ‚Discothek’ für gewöhnlich im Lexikon nachschlagen muss.
Daniel bewegte sich in einer Art, die der Abbeys sehr ähnlich war, wie ihr jetzt auffiel; sie taufte es den ‚amerikanischen Stil’. Er bewegte die Lippen zum Text der Sängerin und schien den Song auswendig zu kennen – nicht, dass es bei den meisten Techno-Stücken mit Vocals viel auswendig zu lernen gäbe, wie sie ironisch lächelnd dachte. Dennoch sah sie ihm weiter zu und bemerkte gar nicht, wie Natasha schmollend zurückkam, sich neben Ralf an den anderen Tisch setzte und sich anhaltend ihr enges schwarzes Minikleid glatt strich, was wohl einer nervösen Reaktion gleichkam.
Hatte sie wirklich ein solches Glück mit ihm gehabt, fragte sie sich jetzt, als sie ihn beobachtete. Er war nie seit ihrer gemeinsamen Silvesternacht übermäßig aufdringlich geworden, was sie ihm zwar einerseits hoch anrechnete, sie aber auch verunsicherte. War sie für ihn etwa nicht attraktiv genug? Sie sah an sich hinab: Gut, sie hatte zwar für ihre Größe eine sehr gute Figur, was nicht zuletzt das Resultat von regelmäßigem Besuch eines Fitnesscenters war, zog sich aber immer relativ schlicht an, meistens in Jeansstoff- oder schwarzen Kombinationen. Das war nun einmal ihr Look, was sollte sie daran groß ändern?
Nein, wahrscheinlich überreagierte sie einfach. Er zeigte ihr seine Zuneigung wirklich oft genug mit vielen kleinen Gesten und Zärtlichkeiten, blieb aber immer anständig dabei, was mehr war, als sich die meisten Frauen von ihrem Freund erhoffen konnten. Und in besagter Nacht hatte er sich beileibe nicht ungeschickt angestellt, ohne auch dabei zu weit zu gehen. Soweit sie sich erinnern konnte. Inzwischen verwünschte sie sich dafür, dass sie sich von den anderen hatte dermaßen abfüllen lassen, dass ihr dadurch ein Großteil dieses Erlebnisses abhanden gekommen war. Andererseits, hätte sie in nüchternem Zustand auch den Mut aufgebracht, mit auf sein Zimmer zu gehen?
Wahrscheinlich nicht, dachte sie ein wenig frustriert über sich selbst. Demnach sollte sie doch froh sein über diesen Katalysator ihrer Beziehung. Er schien indes wohl zu denken, dass sie alle Zeit der Welt hätten, um richtig intim zu werden, oder er war auch unsicher, wie weit er gehen durfte.
Aber es war so extrem schwierig, selbst die Initiative zu ergreifen ...
Als plötzlich auf den letzten Sommerhit ‚I give you my heart’ von ‚Mr. President’ gewechselt wurde, fanden sich Simon und Daniel wieder bei ihnen ein. Er setzte sich neben sie und strich sanft über ihren Unterarm, was ihren Blick hob und sie sein Lächeln erwidern ließ.
Ja, vielleicht sollte sie ihm Zeit lassen.
[Fortsetzung folgt ...]
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