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Sonntag, 7. Januar 2007
T1.49
cymep, 23:05h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. Januar 1997
Die Praxisstunde in Kristallographie war beendet, alle packten ihre Unterlagen ein. CSM 108-1 ließ seinen Blick über die Arbeitstische des Labors schweifen. Ihm fiel auf, dass Ralf, der Rücken an Rücken zu ihm am Nachbartisch saß, mehrere Petrischalen auf seiner Arbeitsfläche stehen hatte. Auf den Böden der Gefäße befanden sich grüne, rosarote oder violette Beläge.
„Was ist das denn?“, fragte er.
„Wunderschön, nicht wahr?“ Ralf packte gerade seine Sachen zusammen und erklärte deshalb über die Schulter hinweg, als wolle er sich nicht stören lassen: „Das sind Schimmelkulturen für Biochemie. Ich habe sie vor Beginn dieser Lesung aus dem Brutkasten im Nebenlabor geholt und wollte sie während der Stunde abkühlen lassen, damit ich sie nachher im anschließenden Kurs gleich verwenden kann. Die meisten der anderen vergessen das für gewöhnlich.“
„Ach stimmt, ihr habt ja gleich Biochemie. Karin kommt mir immer auf dem Gang entgegen. Hast du einen Arbeitstisch mit Natasha?“
„Nein, dummerweise mit Rudolf. Deine kleine Freundin hat sich mir meinen Lieblingslaborpartner weggeschnappt.“ Er drehte sich nun um und sah ihn ungnädig an, als sei es CSM 108-1’s Schuld, dass er nicht mit seiner Freundin zusammen den Labortisch teilen konnte. Er überragte ihn um mindestens einen Kopf.
„Sie ist nicht meine kleine ... na ja, gut, sehr groß ist sie wirklich nicht. Aber sie trägt gern hohe Absätze. Und viel größer ist Natasha auch nicht. Aber Rudolf ist doch auch in Ordnung als Partner, oder?“
„Pfff, er ist ein Klotz. Dauernd verbraucht er das benötigte Material am Platz, ohne es nachzufüllen ... aber ich will dich nicht mit meinen Sorgen langweilen.“ Er winkte ab und nahm seine Petrischalen auf, die er übereinander stapelte und vor sich her balancierte.
„Oh, du langweilst mich doch nicht. Wir sollten uns unbedingt mal näher unterhalten. Warte, ich halte dir die Tür auf.“
„Nichts Geringeres habe ich von dir erwartet“, gab Ralf hochmütig zurück, murmelte aber doch noch ein ‚Danke’, als er durch die Tür war. Oh Mann, was für ein Ego!
Im Hintergrund hörte er etwas losprusten. Simon stand an der Wassersäge und bereitete einen Kristall zum Durchschneiden vor. Er hatte die Kunstfertigkeit entwickelt, nicht nur profane Scheiben herauszuschneiden, sondern auch dünne Streifen, zum Teil winzige Reststücke, die bis auf die Außenfläche aber allesamt glatt und sauber gesägt waren. Er hatte sogar einen Halbedelstein segmentartig zugeschnitten und es geschafft, dass der Stein schön spitz auslief. Ermahnend sagte er: „Du kennst die Vorschriften. Fang nicht ohne mich an, ja?“
Ohne einen weiteren Kommentar verließ CSM 108-1 das Labor und wartete auf dem Gang auf Karin, die für gewöhnlich in ein paar Minuten kommen musste. Nach dieser Begegnung mit Ralf reichte es ihm eigentlich schon für heute, auch ohne dass er noch Natasha über den Weg laufen musste. Oh je, er dachte schon viel zu sehr wie ein Mensch.
Dann kam sie am Ende des Ganges die Treppe hinauf. Heute trug sie eine Jeansjacke und dazu passende Bluejeans, einen Pullover und hellbraune Stiefel mit hohen Absätzen. Ihre rabenschwarzen Haare hatte sie wie fast immer zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Als sie ihn erblickte, leuchteten ihre hellbraunen Augen auf und ihre geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie schien heute eine ungewöhnliche Energie auszustrahlen, wie er fand.
Und das Beste: Sie kam allein.
Als sie noch wenige Meter entfernt war, bemerkte sie, wie er ständig über ihre Schultern links und rechts hinwegspähte. Verschmitzt lächelnd blieb sie vor ihm stehen. „Keine Angst, sie hat die Bahn verpasst; ich habe sie am Bertoldsbrunnen zur Haltestelle laufen sehen. Schade, dass ich nicht Lippenlesen kann; als sie den Öffnungsknopf drückte und der Fahrer trotzdem anfuhr, hat Natasha gotteslästerlich geflucht. Bestimmt noch auf Russisch, das macht sie ab und zu, wenn sie sich besonders aufregt.“
Er nahm sie in die Arme und warf einen Blick auf den Flur. „Das gibt uns zumindest sechs Minuten. Mmh, kein Mensch hier außer uns.“
„Na und?“ Sie drückte sich an ihn, worauf er seine Lippen an ihren Hals legte ihn und wie schon mehrmals zuvor mit vielen kleinen aufgehauchten Küssen bedeckte.
„Musst du nicht gleich in die Laborstunde?“, fragte er. Jeden Moment konnte jemand den Gang betreten oder aus einem der Räume herauskommen.
„Doch, gleich. Aber nicht sofort.“ Und damit sah sie ihm tief in die Augen, bevor sie sich einen Ruck zu geben schien und ihre Lippen auf seine presste. Als sich ihre Lippen langsam öffneten, drohte seine Tarnung unvermutet in große Gefahr zu geraten. Sie wusste nicht, wie gefährlich ihr Tun war, als sich ihre Zunge langsam vorschob. Doch wenn er jetzt zurückwich, würde sie das verstören und ihre Beziehung ebenso in Gefahr bringen.
Er hatte jetzt nur eine Option.
Ein wenig überrascht fühlte sie, wie seine Zunge sich an ihre drängte und er die Initiative bei ihrem Kuss übernahm. Als sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, gab sie sich seinem Drängen hin und meinte nach einem tiefen Atemzug freudig: „Wow, was ist denn jetzt passiert?“
„Schieb’ es nicht mir in die Schuhe, du hast damit angefangen. Bei mir sind einfach ein paar Sicherungen durchgebrannt.“ ‚Hoffentlich nicht’, dachte er noch dazu. Was so alles zu einer Langzeit-Aufklärungsmission dazugehörte!
„Und wieder einmal hat dein unübertrefflicher Humor jegliche Romantik zuverlässig im Keim erstickt. Wenn wir uns das nächste Mal auf eines unserer Zimmer zurückziehen, nehme ich dir vorher ein Schweigegelübde ab.“ Unwillig stemmte sie die Hände in die Hüften.
„Du vergisst, dass ich kein Christ bin“, gab er zu bedenken.
„Ich gehe lieber schnell ins Labor, bevor ich mich vergesse.“ Sie gab ihm einen Klaps auf das Hinterteil und ging dann rasch weiter zur Eingangstür des Biolabors. Nach einer Sekunde sah er, wie sie sich im Weggehen die Hand hielt, mit der sie ihm den Klaps verpasst hatte. Das tat bestimmt ziemlich weh, je nachdem, welche Stelle seiner Panzerung sie erwischt hatte.
Er überlegte inzwischen, wo er jetzt am schnellsten eine kleine diamantbeschichtete Feile herbekam, um zukünftige ‚Unfälle’ zu vermeiden. Das Stumpffeilen seiner Zähne würde ein weiterer Schritt auf seinem Weg zur Perfektion seiner Tarnung werden. Skynet hätte es wohl nie in Erwägung gezogen, dass er seine Mission derart erfolgreich ausführen würde, dass dieser Schritt für ihn notwendig werden würde.
Nun, es war geschehen und es war nicht einmal schlecht gewesen. Bisher hatte er keinen Grund, das Äquivalent eines schlechten Gewissens zu haben.
[Fortsetzung folgt ...]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 23. Januar 1997
Die Praxisstunde in Kristallographie war beendet, alle packten ihre Unterlagen ein. CSM 108-1 ließ seinen Blick über die Arbeitstische des Labors schweifen. Ihm fiel auf, dass Ralf, der Rücken an Rücken zu ihm am Nachbartisch saß, mehrere Petrischalen auf seiner Arbeitsfläche stehen hatte. Auf den Böden der Gefäße befanden sich grüne, rosarote oder violette Beläge.
„Was ist das denn?“, fragte er.
„Wunderschön, nicht wahr?“ Ralf packte gerade seine Sachen zusammen und erklärte deshalb über die Schulter hinweg, als wolle er sich nicht stören lassen: „Das sind Schimmelkulturen für Biochemie. Ich habe sie vor Beginn dieser Lesung aus dem Brutkasten im Nebenlabor geholt und wollte sie während der Stunde abkühlen lassen, damit ich sie nachher im anschließenden Kurs gleich verwenden kann. Die meisten der anderen vergessen das für gewöhnlich.“
„Ach stimmt, ihr habt ja gleich Biochemie. Karin kommt mir immer auf dem Gang entgegen. Hast du einen Arbeitstisch mit Natasha?“
„Nein, dummerweise mit Rudolf. Deine kleine Freundin hat sich mir meinen Lieblingslaborpartner weggeschnappt.“ Er drehte sich nun um und sah ihn ungnädig an, als sei es CSM 108-1’s Schuld, dass er nicht mit seiner Freundin zusammen den Labortisch teilen konnte. Er überragte ihn um mindestens einen Kopf.
„Sie ist nicht meine kleine ... na ja, gut, sehr groß ist sie wirklich nicht. Aber sie trägt gern hohe Absätze. Und viel größer ist Natasha auch nicht. Aber Rudolf ist doch auch in Ordnung als Partner, oder?“
„Pfff, er ist ein Klotz. Dauernd verbraucht er das benötigte Material am Platz, ohne es nachzufüllen ... aber ich will dich nicht mit meinen Sorgen langweilen.“ Er winkte ab und nahm seine Petrischalen auf, die er übereinander stapelte und vor sich her balancierte.
„Oh, du langweilst mich doch nicht. Wir sollten uns unbedingt mal näher unterhalten. Warte, ich halte dir die Tür auf.“
„Nichts Geringeres habe ich von dir erwartet“, gab Ralf hochmütig zurück, murmelte aber doch noch ein ‚Danke’, als er durch die Tür war. Oh Mann, was für ein Ego!
Im Hintergrund hörte er etwas losprusten. Simon stand an der Wassersäge und bereitete einen Kristall zum Durchschneiden vor. Er hatte die Kunstfertigkeit entwickelt, nicht nur profane Scheiben herauszuschneiden, sondern auch dünne Streifen, zum Teil winzige Reststücke, die bis auf die Außenfläche aber allesamt glatt und sauber gesägt waren. Er hatte sogar einen Halbedelstein segmentartig zugeschnitten und es geschafft, dass der Stein schön spitz auslief. Ermahnend sagte er: „Du kennst die Vorschriften. Fang nicht ohne mich an, ja?“
Ohne einen weiteren Kommentar verließ CSM 108-1 das Labor und wartete auf dem Gang auf Karin, die für gewöhnlich in ein paar Minuten kommen musste. Nach dieser Begegnung mit Ralf reichte es ihm eigentlich schon für heute, auch ohne dass er noch Natasha über den Weg laufen musste. Oh je, er dachte schon viel zu sehr wie ein Mensch.
Dann kam sie am Ende des Ganges die Treppe hinauf. Heute trug sie eine Jeansjacke und dazu passende Bluejeans, einen Pullover und hellbraune Stiefel mit hohen Absätzen. Ihre rabenschwarzen Haare hatte sie wie fast immer zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Als sie ihn erblickte, leuchteten ihre hellbraunen Augen auf und ihre geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie schien heute eine ungewöhnliche Energie auszustrahlen, wie er fand.
Und das Beste: Sie kam allein.
Als sie noch wenige Meter entfernt war, bemerkte sie, wie er ständig über ihre Schultern links und rechts hinwegspähte. Verschmitzt lächelnd blieb sie vor ihm stehen. „Keine Angst, sie hat die Bahn verpasst; ich habe sie am Bertoldsbrunnen zur Haltestelle laufen sehen. Schade, dass ich nicht Lippenlesen kann; als sie den Öffnungsknopf drückte und der Fahrer trotzdem anfuhr, hat Natasha gotteslästerlich geflucht. Bestimmt noch auf Russisch, das macht sie ab und zu, wenn sie sich besonders aufregt.“
Er nahm sie in die Arme und warf einen Blick auf den Flur. „Das gibt uns zumindest sechs Minuten. Mmh, kein Mensch hier außer uns.“
„Na und?“ Sie drückte sich an ihn, worauf er seine Lippen an ihren Hals legte ihn und wie schon mehrmals zuvor mit vielen kleinen aufgehauchten Küssen bedeckte.
„Musst du nicht gleich in die Laborstunde?“, fragte er. Jeden Moment konnte jemand den Gang betreten oder aus einem der Räume herauskommen.
„Doch, gleich. Aber nicht sofort.“ Und damit sah sie ihm tief in die Augen, bevor sie sich einen Ruck zu geben schien und ihre Lippen auf seine presste. Als sich ihre Lippen langsam öffneten, drohte seine Tarnung unvermutet in große Gefahr zu geraten. Sie wusste nicht, wie gefährlich ihr Tun war, als sich ihre Zunge langsam vorschob. Doch wenn er jetzt zurückwich, würde sie das verstören und ihre Beziehung ebenso in Gefahr bringen.
Er hatte jetzt nur eine Option.
Ein wenig überrascht fühlte sie, wie seine Zunge sich an ihre drängte und er die Initiative bei ihrem Kuss übernahm. Als sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, gab sie sich seinem Drängen hin und meinte nach einem tiefen Atemzug freudig: „Wow, was ist denn jetzt passiert?“
„Schieb’ es nicht mir in die Schuhe, du hast damit angefangen. Bei mir sind einfach ein paar Sicherungen durchgebrannt.“ ‚Hoffentlich nicht’, dachte er noch dazu. Was so alles zu einer Langzeit-Aufklärungsmission dazugehörte!
„Und wieder einmal hat dein unübertrefflicher Humor jegliche Romantik zuverlässig im Keim erstickt. Wenn wir uns das nächste Mal auf eines unserer Zimmer zurückziehen, nehme ich dir vorher ein Schweigegelübde ab.“ Unwillig stemmte sie die Hände in die Hüften.
„Du vergisst, dass ich kein Christ bin“, gab er zu bedenken.
„Ich gehe lieber schnell ins Labor, bevor ich mich vergesse.“ Sie gab ihm einen Klaps auf das Hinterteil und ging dann rasch weiter zur Eingangstür des Biolabors. Nach einer Sekunde sah er, wie sie sich im Weggehen die Hand hielt, mit der sie ihm den Klaps verpasst hatte. Das tat bestimmt ziemlich weh, je nachdem, welche Stelle seiner Panzerung sie erwischt hatte.
Er überlegte inzwischen, wo er jetzt am schnellsten eine kleine diamantbeschichtete Feile herbekam, um zukünftige ‚Unfälle’ zu vermeiden. Das Stumpffeilen seiner Zähne würde ein weiterer Schritt auf seinem Weg zur Perfektion seiner Tarnung werden. Skynet hätte es wohl nie in Erwägung gezogen, dass er seine Mission derart erfolgreich ausführen würde, dass dieser Schritt für ihn notwendig werden würde.
Nun, es war geschehen und es war nicht einmal schlecht gewesen. Bisher hatte er keinen Grund, das Äquivalent eines schlechten Gewissens zu haben.
[Fortsetzung folgt ...]
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