Dienstag, 9. Januar 2007
T1.51
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 3. Februar 1997

Simon sah auf, als es an seiner Zimmertür klopfte. CSM 108-1 steckte seinen Kopf zur Tür herein und fragte: „Was ist mit dir, Simon? Willst du jetzt noch frühstücken oder nicht? Wir kommen noch zu spät zur Vorlesung, wenn du dich nicht beeilst.“
„Ich bin in einer Minute in der Küche, danke. Ich bin nur noch am Sortieren.“ Erst jetzt bemerkte er die Auswahl an kleinen länglichen Streifen verschiedenartiger Kristallstückchen, die fein geschnitten vor seinem Mitbewohner auf dem Tisch in kleine Haufen aufgeteilt waren.
„Was hast du denn damit vor?“
„Ach, nur diverse Experimente. Nichts Besonderes.“ Er steckte wahllos von jedem Haufen eine Probe ein und kam dann mit CSM 108-1 in die Küche zum Kaffeetrinken. Karin war noch im Bett und schlief aus, da sie erst später Vorlesung hatte.
Während CSM 108-1 bereits die Reste seiner kargen Mahlzeit wegräumte, setzte Simon sich gähnend an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf. Titelstory, Außen- und Innenpolitik, Wirtschaft, Feuilleton ... er überflog die Artikel auf der Suche nach etwas Interessantem. Dabei bemerkte er: „So ein Studentenabo ist doch etwas Feines, oder?“
„Ja, wenn man Wert auf eine Tageszeitung legt. Ich finde diese Methode nicht rechtmäßig, an eine Gratiszeitung zu kommen, indem innerhalb einer Wohngemeinschaft einer ein Probeabo bestellt, ein paar Wochen gratis die Zeitung erhält und dann die Fortsetzung des Abonnements ablehnt. Dann bestellt jemand anderes aus der WG unter seinem Namen das Abo und so weiter.“
„Jaja, mir ist das Konzept bekannt. Vergiss nicht zu erwähnen, dass wir auch noch diverse Zeitungen bestellen, damit genug Zeit vergeht, bis derselbe wieder dieselbe Zeitung ordert, damit der Verlag nicht merkt, was geht.“ Simon winkte ab.
„Trotzdem, ich halte es für Ausbeutung und Schmarotzertum. Ihr habt doch gar nicht vor, jemals eine dieser Zeitungen zu abonnieren, oder?“ CSM 108-1 wirkte ungnädig.
„Ach, komm schon, wir machen das doch nicht das ganze Jahr über. In den Semesterferien ... he, Danny, sieh dir das mal an.“ Simons Aufmerksamkeit wurde auf einmal von einem Artikel in den Lokalnachrichten in Anspruch genommen.
„Was ist denn?“
„Am Freitagmittag hat es im Uni-Café einen Unfall gegeben. Stell’ dir das mal vor: Ein Gast ist auf dem Klo ausgerutscht und hat sich das Genick gebrochen. Ein anderer Gast hat ihn durch Zufall gefunden. Gruselig, was?“ Er sah auf.
„Wieso gruselig? Was steht denn noch da?“
„Ach, nicht mehr viel. Die Polizei geht von einem Unfall aus, kann ein Verbrechen aber noch nicht restlos ausschließen. Brauchbare Zeugenaussagen gibt es keine, nur etliche, die sich widersprechen. Es könnte also ein Mord gewesen sein, auch wenn niemand etwas gesehen hat.“ Er sah auf und grinste ihn vielsagend an.
„Ich finde das gar nicht witzig, Simon. Ein junger Mann ist gestorben und du machst einen Krimi daraus. Wer war es denn?“
„Steht da nicht“, meinte er ernüchtert. „Er hatte auch keine Papiere bei sich, wurde aber von mehreren Leuten als Freiburger Student erkannt. Wird als Anfang Zwanzig beschrieben, kurze blonde Haare, blaue Augen, etwa 1,95 m groß, sehr kräftig gebaut, Gewicht ca. 130 kg ...“
„Dann war es wohl ein Unfall. Wie willst du so einen Riesen umbringen, außer mit einer Büffelflinte? Eine normales Gewehr genügt für so einen doch gar nicht.“
Simon trumpfte auf: „Siehst du, jetzt machst du Witze darüber.“
„Okay, tut mir leid. Können wir jetzt endlich los? Ich habe keine Lust auf Winterjogging, nur um noch zur Vorlesung zu kommen.“



Am späten Vormittag war die Mensa noch spärlich besucht. In der Vorhalle neben den Getränke- und Snackautomaten standen mehrere Studenten beisammen und überflogen die diversen Aushänge. Gerade hatte die Essensausgabe geöffnet, so dass man bald mit dem ersten Ansturm an hungrigen Kommilitonen rechnen konnte.
Als zwei der jungen Leute das Interesse an den Plakaten und selbstverfassten Mitteilungen verloren und sich statt dessen der Treppe zuwandten, die hinauf in den Speisesaal führte, sagte einer derjenigen, die stehengeblieben waren, leise und mit unterdrückter Wut: „Schöner Mist, was?“
„Kann man wohl sagen. Dabei haben wir stets auf alles achtgegeben. Was haben wir nur übersehen?“
Lakonisch antwortete eine andere Person: „Tja, der Einzige, der uns das sagen könnte, ist tot. Dabei war er derjenige, der sich am meisten aus dem ‚Schussfeld’ herausgehalten hat.“
„Vielleicht war es wirklich nur ein saublöder Unfall“, warf der erste Sprecher zweifelnd ein.
„Das glaubst du doch selbst nicht!“, zischte die andere Stimme ihn an. „Nein, das war der Terminator, der Beschützer oder der Kundschafter. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass zur Zeit beide hier sind. Und wir müssen endlich den Entdecker lokalisieren, bevor der Tag des Jüngsten Gerichts kommt. Die Zeit eilt uns davon und wir haben noch immer über zwei Dutzend Verdächtige. Es wird verdammt knapp.“
„Und es wird nicht leichter werden, jetzt da wir einer weniger sind“, fügte der Erste betrübt hinzu.
„Lasst nicht gleich die Köpfe hängen. Wir ... Vorsicht!“ Auf einmal hatte die wortführende Person jemand Bekannten ausgemacht, der auf sie zukam.
„Hallo, was macht ihr denn hier?“
Lächelnd antwortete die angesprochene Person: „Hi, Karin. Wir sehen uns nur die diversen Aushänge hier an. Bisschen Zeit totschlagen in der Mittagspause.“
„Wollt ihr nicht mit hochkommen zum Essen? Es gibt ...“
Eilig winkte ihr Gesprächspartner ab: „Nee, lass’ mal, noch reichlich früh. Wir haben alle noch massig Zeit bis zu unseren ersten Lesungen heute Mittag, aber danke der Nachfrage.“
„Schon gut. Wir sehen uns dann irgendwann.“ Ein wenig geknickt ging sie allein zur Mensa hinauf und ließ ihre Bekannten zurück.
Der Erste sagte: „Sie tut mir fast leid; sie muss doch denken, dass wir sie nicht leiden können und nichts mit ihr zu tun haben wollen.“
„Denk’ daran, es war ihr eigener Wunsch, dass wir uns hier in dieser Zeit von ihr fernhalten sollten. Ich meine, natürlich weiß sie jetzt noch nichts davon, aber wir müssen ihre Bitte dennoch respektieren. Wer hätte auch ahnen können, dass man sich in dieser blöden Stadt ununterbrochen über den Weg läuft?“ Die zweite Person zuckte ratlos mit den Schultern.
„Ich muss mich noch immer zusammenreißen, dass ich sie nicht irgendwann aus Versehen mit ‚Mrs. Bochner’ anrede, aus lauter Gewohnheit von unserer Ausbildungszeit im Mount Mitchell her. Sie ist eine so nette Person.“
„Mir musst du das nicht sagen, ich habe schließlich noch am meisten mit ihr zu tun. Glaubst du, mir fällt das leicht? Seht sie euch doch an: so jung und ahnungslos ... sie hat keine Ahnung, was mit der Welt, in der sie lebt, geschehen wird. Dass es diese Welt in ein paar Monaten nicht mehr geben wird.“
„Nicht, wenn wir es verhindern können.“ Die erste Person schlug der zweiten auf die Schulter. „Kommt, lasst uns gehen.“

[Fortsetzung folgt ...]

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