Mittwoch, 10. Januar 2007
T1.52
[... Fortsetzung des Buches]

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 18. Februar 1997

Etwas lief nicht richtig. CSM 108-1 wurde das ‚Gefühl’ nicht los, dass sich etwas verändert hatte, seit er den Attentäter im Uni-Café terminiert hatte. Keiner seiner Sensoren oder pseudosynaptischen Schaltungen konnten einen eindeutigen Wert liefern, was es sein mochte. Es war, als hätte sich etwas im gesamten Gefüge der Welt verschoben, fast unmerklich, aber nur fast. Irgendwie hatte er es trotzdem registriert. Was ihm am wenigsten gefiel: Diese ‚Verschiebung’ schien permanent zu sein. Was immer sich an der ihm bekannten Realität oder dem erfassbaren Realitätsgefühl geändert haben mochte, dieser Hauch einer Nuance war geblieben, seit Skynet wieder einmal ungebeten die Kontrolle über ihn erzwungen und ihn etwas Vorprogrammiertes hatte tun lassen, was er nicht hatte tun wollen.
Vielleicht hatte er sich bereits alles versaut, ohne es bisher zu wissen.
Wieder einmal erfasste ihn diese Ohnmacht, nicht berechnen zu können, welche Konsequenzen sich aus seinem unerwarteten Handeln ergeben haben mochten. Er hatte etwas verändert, vielleicht etwas Entscheidendes, ohne genau zu wissen, was es bewirken konnte.
Das Einzige, was er mit Gewissheit wusste, war, dass er von nun an mit allem rechnen musste.
Selbstverständlich besaß er keine gespeicherten Informationen; vor allem von Europas allgemeinen Datenbanken war infolge des Nuklearkrieges viel verloren gegangen, und auch von dieser Tat gab es keine Aufzeichnungen. Das konnte entweder bedeuten, dass auch diese verloren gegangen waren, oder aber dass es vorher nicht passiert war und er diese neue Zeitschleife, in der ebendies geschehen war, neu geschaffen hatte und nun sehen musste, was als Nächstes an neuen Dingen auf ihn zukam.
In der Zeitung las er eine Randnotiz, dass die Polizei aufgrund der Autopsie des Opfers nun ein Gewaltverbrechen nicht mehr ausschloss. Dummerweise hatte die Phorensik der örtlichen Behörden nicht versäumt, bei der ersten Tatortuntersuchung bereits alle Spuren zu sichern, so dass sie insgesamt 57 verschiedene Fingerabdrucksätze gesichert hatten. Er musste davon ausgehen, dass Abdrücke von ihm darunter waren, da er im ihm einprogrammierten Affekt seine Spuren nicht verwischt hatte, sondern nur Priorität darauf gesetzt hatte, den Tatort möglichst schnell und unerkannt zu verlassen.
Nun, das war im Grunde nicht schlimm, solange er sich nichts zuschulden kommen lassen würde, aufgrund dessen er polizeidienstlich erfasst und seine Fingerabdrücke genommen werden würden. Ganz davon abgesehen zweifelte er nicht daran, dass Skynet auch für einen solchen Fall eine nette Subroutine in seine CPU implantiert haben würde, die wohl so etwas wie Widerstand gegen die Festnahme mit allen Mitteln sowie Flucht um jeden Preis umfassen würde. Dieser Preis würden viele Menschenleben sein, zumindest jeder Polizeibeamte, der sich ihm in dieser Lage in den Weg stellen würde.
Dieses Szenario wollte er sich gar nicht ausmalen. Er wusste, dass er ebenso gut gepanzert war wie die alte 800er Serie, aber noch robuster und beweglicher. Sie würden wahrscheinlich die Armee bemühen müssen, um die Feuerkraft aufzubringen, die ihn zur Strecke bringen konnte, wenn er außer Kontrolle wäre und Amok laufen würde. In Deutschland gab es höchstens eine Handvoll ziviler Ordnungsstellen, die schwer genug für einen solchen Einsatz bewaffnet gewesen wären.
Er schüttelte sich unmerklich und las weiter.
Sämtliche zur Entdeckungszeit des Opfers erkennungsdienstlich erfasste Personen waren nochmals verhört beziehungsweise befragt worden, je nach Dringlichkeit des Verdachtes. Dem Artikel nach zu urteilen schloss die Landeskriminalpolizei sämtliche noch anwesend gewesene Gäste vom Tatverdacht aus, obwohl sich elf der auf der Toilette gesicherten Fingerabdrücke mit ihnen deckten. Schlussendlich tappten die Ermittler jedoch im Dunkeln, weil schließlich jeder irgendwann einmal aufs WC gehen musste.
Weiterhin hatten sie aufgrund der Aussagen insgesamt achtzehn Phantomzeichnungen von Personen angefertigt, die zur fraglichen Zeit im Café gewesen waren, beim Fund der Leiche jedoch die Lokalität bereits verlassen hatten. Es waren keine der Zeichnungen abgebildet, aber er konnte sich sicher sein, dass sie zumindest auf allen Polizeidienststellen oder vielleicht sogar auf allen Ämtern der Gegend aushingen.
Kein sehr angenehmer Gedanke.
CSM 108-1 verließ den Frühstückstisch, an dem er als Letzter gesessen hatte.
Eine Stunde später hatte er die Bestätigung für seinen Verdacht. Auf dem Plakat war zwar zusammen mit den Phantomzeichnungen die Frage abgedruckt, ob jemand die Personen kannte oder sich gar selbst darauf erkannte und ob er zur fraglichen Zeit in besagtem Uni-Café gewesen war, verbunden mit der Bitte, sich zur Befragung bei den Polizeibehörden zu melden.
Glücklicherweise hatte die einzige Zeichnung, die ihm auch nur entfernt ähnelte, einen dicken Schnauzbart und glich auch sonst vom Typ her eher einem osmanischen Mitbürger als ihm. Dennoch, vielleicht kamen sie auf die Idee, wenn nach und nach mehrere Leute gefunden und vernommen wurden oder sich meldeten und auf diese eine oder andere Weise entlastet wurden und immer weniger Verdächtige übrigblieben, dass sie das Aussehen dieser übrigen Phantombilder variierten, um etwaige Versuche des Täters, sein Aussehen zu verändern, zu berücksichtigen.
Er kalkulierte eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass genau das geschehen würde, wenn sie die Tat nicht als Unfall abtaten und zu den Akten legten.
Alles geschah jetzt so schnell und unvorhersehbar, dass sämtliche paranoide Instinkte, die in seinem künstlichen Verstand verwurzelt waren, wieder stark zutage traten.
Das machte ihm Sorgen.

[Fortsetzung folgt ...]

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