Sonntag, 14. Januar 2007
T1.54 Kapitel 11
[... Fortsetzung des Buches]
- 11 -
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 28. Februar 1997

Simon und Abbey kamen zusammen am frühen Abend zur Wohnung zurück. Sie hatten ein wenig Zeit in einem Café in der Konviktstraße verbracht und wollten sich einen schönen Fernsehabend machen, wie sie gerade beim Aufschließen der Tür beratschlagten. Abbey hielt mit einem Mal inne.
„Hörst du das auch?“
Simon lauschte. „Nein, was denn?“
Abbey ging in die Küche und erstarrte. Am Kopfende des langen Tisches, mit dem Rücken zu ihnen, saß Karin völlig regungslos in der einsetzenden Dunkelheit und starrte mit gebeugtem Rücken und hängenden Schultern nach draußen auf die Lichter der Stadt.
„Karin, was ist denn?“, fragte Simon leicht besorgt.
„Es ist wegen Daniel“, begann sie und ihre Schultern zuckten krampfhaft.
„Was ist mit ihm? Wo ist er?“, wollte Abbey wissen. In ihrer Stimme schwang eine dunkle Vorahnung mit.
Ganz plötzlich sprang sie auf und warf sich Abbey um den Hals. Mit erstickter Stimme schluchzte sie: „Er ist weg! Ich bin so unglücklich ...“
‚Scheiße, wie in einem schlechten Film’, dachte Simon benommen. Abbey nahm Karin in den Arm und wiegte sie sanft ein wenig hin und her. „Beruhige dich erst mal, Kleines, und dann erzähl’ schön langsam, was du damit meinst.“
Sie setzte sie auf den Stuhl zurück und nahm den Platz neben ihr ein, während Simon unsicher im Hintergrund blieb. Obwohl er sie schon lange kannte, war es Abbey gewesen, der sie sich in ihrer Verzweiflung anvertraut hatte. In solchen Momenten hatten Frauen manchmal einen besseren Draht zueinander, dachte er und wartete ab, was nun kommen mochte.
„Als ich heute von der letzten Vorlesung heimkam, hatte er schon gepackt und schrieb mir gerade einen langen Brief, der alles erklärte. Als er mich sah, hat er ihn zusammengeknüllt und weggeworfen und mich dann wortlos mit ernster Miene in den Arm genommen und lange gedrückt.
Er hat mich hier hingesetzt und mir erklärt, dass sein Bruder ihn angerufen hat, weil es seinem Vater sehr schlecht geht und die Ärzte nicht wissen, ob er sich von seiner Krankheit wieder erholen wird. Ich weiß nicht genau, was er hat, Daniel war so außer sich, dass er nur die englischen Fachbegriffe für die Krankheit benutzt hat, die ihm sein Bruder am Telefon genannt hatte. Er sagte, dass er sofort in die Staaten fliegen müsse und nicht wüsste, wie lange er bleiben würde. Vielleicht würde er das Frühlingssemester sausen lassen, wenn es zu lange gehen würde, und ein Semester drüben absolvieren, um bei seiner Familie zu sein.
Er ist vielleicht ein halbes Jahr weg, versteht ihr? Ein halbes Jahr!“ Wieder begann sie zu schniefen.
„He, das ist doch nicht gleich das Ende der Welt“, bemerkte Simon und erntete dafür einen seltsam strengen Blick von Abbey.
„Es tut mir leid, Karin“, redete sie sanft auf ihre Kommilitonin ein. „Ich bin sicher, er wird sich oft genug melden und dich wissen lassen, wie es ihm geht. Du kannst ihn ja einmal besuchen gehen in des Sommerferien oder so.“
„Bei dem momentanen Dollarkurs?“, schniefte sie. „Das kann ich mir unmöglich leisten.“
„Wir finden schon eine Lösung für alles. Noch ist ja nicht gesagt, dass er wirklich so lange wegbleibt. Vielleicht erholt sich sein Vater ja wieder und er ist pünktlich zum Beginn des nächsten Semesters wieder hier“, meinte sie wider besseren Wissens.
„Nein, ich habe ein ganz schlechtes Gefühl dabei“, widersprach Karin und sah ihr traurig in ihre tiefgrünen Augen. „Irgendwie spüre ich es, dass er sehr lange fortbleiben wird. Und ich vermisse ihn schon jetzt ...“
Ihre Stimme erstarb.
Simon war in CSM 108-1’s Zimmer gegangen und hatte sich umgesehen. „Weißt du, Karin, für mich sieht es fast so aus wie immer. Er hat nur ein paar Klamotten eingepackt und sonst praktisch nichts mitgenommen. Für mich sieht es nicht so aus, als habe er wirklich damit gerechnet, dass er lange fortbleiben würde.
Karin strich sich über die laufende Nase. „Danke, Simon, das ist nett von dir. Ich glaube, ich sollte die Hoffnung nicht aufgeben.“

[Fortsetzung folgt ...]

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