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Mittwoch, 28. Februar 2007
T1.84
cymep, 15:58h
[... Fortsetzung des Buches]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 30. November 2001
Simon wachte wieder auf, als das erste schwache Licht durch den Kellerschacht fiel. Er drehte sich auf seinem weichen, quietschenden Bundeswehr-Feldbett herum, was Karin ebenfalls weckte.
„Morgen“, sagte sie mit schwacher Stimme und setzte sich auf den Bettrand.
„Wie geht’s dir?“, fragte er und besah sie mitfühlend. Sie wirkte bleich, trotz ihrer künstlichen Sonnenbräune, ihre Wangen waren ein wenig eingefallen und ihr langes Haar wirkte offen zerzaust und ungepflegt.
„Naja, ganz gut. Eigentlich fehlt es uns ja an nichts“, gab sie zu bedenken, womit sie Recht hatte. Sie waren relativ gut behandelt worden, auch wenn niemand der drei Unbekannten, mit denen sie zu tun hatten, jemals länger mit ihnen redete oder auch nur im Geringsten erkennen ließ, zu welchem Zwecke sie in diesem schmalen, feuchten, aber immerhin beheizten Kellerraum eingekerkert waren. Sie mussten ihnen nur ihre Wünsche bezüglich Kleidung, Nahrung oder etwa Zeitschriften zum Zeitvertreib nennen, und sofern diese nicht ein gewisses Maß an Durchführbarkeit überschritten, wurde ihnen auch nachgekommen.
Was sie am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass sie ihre eigenen Kleider von daheim bekamen, was bedeuten musste, dass ihre Entführer ungehindert in ihrer Wohnung ein- und ausspazieren konnten.
Was hatte das nur zu bedeuten? Und warum bekamen sie Thorsten und Miriam, die sie als ihre Entführer und Feinde erkannt hatten, nie zu Gesicht?
„Wir müssen hier raus“, begann Simon zum wiederholten Male, was Karin die Tränen in die Augen trieb.
„Bitte, mach’ keine Dummheiten. Du weißt, das sind Profis. Sie geben uns nur Plastikbesteck zum Essen und lassen nicht mal zu, dass du dich rasierst. Wir können es mit denen nicht aufnehmen.“ Sie zögerte und fügte hinzu: „Ich will nicht, dass sie dir was antun.“
Sein Herz bekam einen Stich. „Aber ich kann doch nicht länger mitansehen, wie sie uns ... wie sie dich quälen. Wir werden hier drin zugrunde gehen, Karin. Ich ...“
Ein schwerer Riegel wurde draußen zurückgeschoben und die schwere Holztür schwang auf gut geölten Angeln lautlos auf. Ein grobschlächtiger, hünenhafter Mann mit kurzen blonden Haaren und hellen Augen kam herein. „Morgen, ihr beiden. Was wollt ihr zum Frühstück?“
„Ein Brötchen mit Butter vielleicht“, meinte Karin zögernd.
„Für mich eine Laugenbrezel oder -stange, wenn’s geht. Und für uns beide bitte je einen Becher Müller Multivitamin“, fügte Simon schnell hinzu.
„Oh, sind wir besonders wählerisch heute?“, höhnte der Hüne.
„Wir wollen hier schließlich nicht an Skorbut sterben, wenn ihr uns nicht vorher umbringt. Außerdem macht das keinerlei Mühe, denn das findest du in wirklich jedem Laden und jeder Bäckerei im Kühlregal. Soll ich mitfahren und es dir zeigen?“, schlug Simon vor.
„Sehr witzig, Spaßvogel“, murmelte ihr Aufpasser und schlug die Tür wieder zu.
„Was soll denn das mit dem Multivitamin?“, wollte Karin erstaunt wissen.
„Du wirst schon sehen“, meinte er und lächelte verschwörerisch.
„Mach’ bitte keinen Unsinn, hörst du?“, warnte sie ihn besorgt.
Im nächsten Moment kam eine junge, muskulöse und nicht unattraktive Brünette zur Tür herein und fragte, die Pistole in ihrer Hand und sie aus großen dunklen Augen betrachtend, freundlich: „So, wer will zuerst ins Bad?“
Miriam und Thorsten betraten gemeinsam die Scheune, wo Lars, einer ihrer Freunde, bereits auf sie wartete. Er sah sie an und wollte wissen: „Wollt ihr sie sehen?“
„Deshalb sind wir hier“, bejahte Thorsten, worauf sie an zwei parallel zueinander aufgestellte Wannen heran traten, beide aus Edelstahl und etwa zwei mal einen mal einen Meter groß. Sie waren gefüllt mit einer fast klaren, scharf riechenden Flüssigkeit, die von je einer kleinen Umwälzpumpe außerhalb des Beckens ständig in Bewegung gehalten wurde.
Auf einen Wink von Miriam hin wurden die Pumpen abgeschaltet und die Flüssigkeit über dicke Teflonschläuche in ein großes Sammelbecken abgelassen. Sobald sie leer waren, riskierte Miriam einen Blick und verzog angewidert das Gesicht: „Iiih! So was hab’ ich mir schon fast gedacht. Holt den Dampfstrahler, das sollte hoffentlich reichen.“
Thorsten schob das transportable Gerät bereits in Reichweite und heizte den Wasservorrat im Tank auf. „Ich hol’ noch ein paar Arbeitshandschuhe und Brechstangen, damit man sie hin- und herbewegen kann.“
„Gute Idee.“ Miriam machte sich inzwischen an den Einstellungen des Kärcher-Gerätes zu schaffen. Glücklicherweise hatten sie dieses abgelegene Gehöft hier draußen inmitten der Rheinebene zwischen Feldern und Hecken gefunden, kilometerweit von jedem Dorf entfernt, wo sie tun und lassen konnten, was immer sie wollten, ohne je gestört zu werden.
Lars setzte sich inzwischen eine großflächige Schutzbrille auf und machte einen ersten Testspritzer in die Luft. Funktionierte. Mühsam begann er, den Inhalt der Wanne von oben bis unten langsam mit kleinen Schwenkbewegungen abzufahren, war mit dem Schlussergebnis jedoch gar nicht zufrieden. Also hebelte Thorsten mit der herbeigeholten Brechstange, bis sich der Inhalt der Wanne zur Seite neigte, und fixierte ihn in dieser Position.
„Sieht gut aus. Ich hoffe, der Rest geht auch so problemlos vonstatten.“
„Man kann nie wissen“, erwiderte Lars und grinste schief. Ihm war gar nicht wohl in seiner Haut bei dem Anblick, der sich ihm hier bot.
Karin und Simon hatten inzwischen ihr Frühstück wie gewünscht erhalten und beendeten es gerade. Karin leerte den großen 500 ml-Becher mit Multivitaminnektar und fragte nochmals: „Und wieso mussten wir unbedingt dieses Zeug haben?“
„Damit brechen wir aus“, erklärte Simon und nahm die beiden etwa 10 cm durchmessenden Aludeckel der großen Getränkebecher zur Seite, welche er zu Beginn der Mahlzeit vorsichtig von den Plastikbechern abgelöst hatte.
„Klar“, entgegnete sie und beendete kauend den letzten Bissen ihres Butterbrötchens.
„Ich mache daraus Waffen“, fuhr er fort.
„Du bist offensichtlich übergeschnappt. Das muss der Dauerstress sein. Du Armer, willst du nicht lieber darauf vertrauen, dass Daniel und Abbey uns hier raushauen, so wie ich?“
Als Antwort drückte er ihr einen flüchtigen, sanften Kuss auf die Lippen. „Ich muss wirklich übergeschnappt sein. Und jetzt sieh zu und lerne.“
„He, was sollte das eben? Wie ...?“ Sie verstummte und beobachtete ihn, wie er den leicht gewellten Rand des ersten Saftdeckels behände glättete und ihn mit der bedruckten Seite nach innen auf exakt die Hälfte zusammenfaltete, so dass nur noch die unbedruckte, silbern glänzende Unterseite aus Aluminium sichtbar war. Den Falz zog er penibel mit dem Fingernagel nach, sodass er eine saubere Kante aufwies.
„Wie soll uns das weiterhelfen?“, wollte sie wissen, bekam aber keine Antwort. Darum sah sie ihm weiter zu, wie er den erhaltenen Halbkreis nochmals zu einem Viertel und diesen wiederum zu einem Achtelsegment eines vollen Kreises faltete, wobei er jedes Mal die entstandene Faltkante nachzog, was jedes Mal schwerer wurde, da immer doppelt so viele Schichten übereinander lagen. Zuletzt legte er ein Sechzehntel zu einem Zweiunddreißigstel um, was kaum noch zu bewerkstelligen war, da nun eben 32 Schichten Aluminium übereinander lagen. Das entstandene Kreissegment erinnerte in etwa an die Darstellung des Wahlergebnisses einer rechtsextremen Partei an einer Freiburger Kommunalwahl mittels einer ‚Kuchengrafik’.
„Und was soll das jetzt?“, fragte Karin nochmals, worauf er das schmale Segment an der Basis nahm und sie sachte mit der Spitze in den Unterarm piekste.
Sie sprang auf und zog ihren Arm weg: „Aua! Spinnst du jetzt komplett?“
Er grinste: „Ja, begreifst du das denn nicht? Wir haben eine Stichwaffe, Schätzchen. Und zwar eine ziemlich einfache, aber stabile, die aus zweiunddreißig Lagen Leichtmetall besteht. Was sagst du nun?“
„He, das ist gar nicht mal so übel“, stieß sie jetzt hervor, da die Erkenntnis sie überkam. „Wie bist du nur auf so was gekommen?“ Sie nahm den improvisierten Mini-Dolch in die Hand und untersuchte dessen extrem spitzes Ende beeindruckt, während er rasch, aber konzentriert an der Fertigstellung seines Gegenstückes arbeitete.
„Im Kirchenchor gelernt. So, jetzt haben wir beide einen. Die nächste Frage ist: Traust du dir zu, ihn auch einzusetzen? Wir dürfen uns keinen Zweifel erlauben, verstehst du? Selbst wenn wir hier rauskommen, wissen wir nicht mal, wo wir hier sind und wie schnell sie unsere Flucht bemerken und uns verfolgen werden.“ Er sah sie sehr ernst an und versuchte zu erforschen, wie sie reagieren würde.
Sie saß ihm gegenüber auf der Bettkante, sah ihn mit großen Augen an und drückte dann seine Hand. „Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Bist du sicher, dass du das ...?“
Sie hatte keine Zeit zu antworten mehr, da bereits der Riegel der Zimmertür geöffnet wurde. Ihr grobschlächtiger Wächter trat ein, mit der Pistole am Gürtel und einem sorglosen Grinsen auf dem Gesicht. „Na, fertig?“
„Ja“, gab sie zurück und sah gespannt hinüber zu Simon. Sie wollte ihm den ersten Schritt überlassen.
Der Hüne sammelte die bereitstehenden Abfälle ihrer Mahlzeit ein und bemerkte: „Das ist schön, denn wir haben eine Überraschung für euch.“
Simon sprang auf und zückte den Aludeckel-Dolch. „Wir auch!“
Er stieß auf sein Auge ein, doch der riesige Kerl fing seine Hand nur einen Fingerbreit vor dem Augapfel ab und umklammerte sie, worauf ein verzweifeltes Ringen begann.
„Karin! Jetzt!“
Sie erwachte aus ihrer Paralyse und sprang automatisch von der Bettkante hoch. Wenn sie jetzt nichts tat, würden sie beide vielleicht sterben, das wurde ihr in einem schrecklichen Augenblick der Gewissheit klar.
Sie stach zu. Die Metallspitze fuhr seitlich in den muskulösen Hals des Mannes und drang tief ein, nur einen Deut neben seiner Halsschlagader. Schreiend ließ er ab von Simon und griff sich an den Hals, während Karin die Gunst des Momentes nutzte und ihm mit aller Kraft in die Weichteile trat. Das verfehlte seine Wirkung nicht. Als der promethisch gebaute Kerl mit hervortretenden Augäpfeln und nach Luft ringend zu Boden sank, riss sie seine Walther PPK aus dem Hosenbund und zog zu Simons gewaltigem Staunen sogar den Schlitten zurück, um die Waffe durchzuladen. Wow.
Dummerweise war sie bereits geladen gewesen, sodass die Patrone in hohem Bogen durch die Luft flog, als sie beim Durchladen unbenutzt aus der Kammer ausgestoßen wurde. Sie prallte leise klimpernd erst gegen die Wand, dann auf den Boden und rollte schließlich unter Simons Feldbett.
Keiner beachtete sie.
Karin richtete die Mündung der Pistole auf den Kopf des Überwältigten.
Ihr Bewacher war auf die Knie gesunken, presste die Beine zusammen und war jetzt in dieser merkwürdigen Haltung erstarrt, sich mit schmerzgepeinigter Miene den Hals haltend. Zwischen den groben Fingern seiner riesigen Pranke sickerte ein dünnes Rinnsal sehr dunklen Blutes herab.
„Ihr verdammten Freaks! Ich ... ich soll euch freilassen und ihr schlachtet mich zum Dank ab wie ein Schwein! Ist das vielleicht komisch? Haben wir euch irgendwie schlecht behandelt? Es hat euch doch an nichts gefehlt ...“
„Ihr Arschlöcher habt uns unsere Freiheit geraubt! Ist das vielleicht nichts?“, zischte Simon zornig.
Karin erstarrte ihrerseits, als Miriam und Thorsten um die Ecke gerannt kamen und entsetzt die Szene vor sich erfassten.
„Bitte, nicht schießen! Wir können euch alles erklären!“
„Das will ich schwer hoffen! Dieser Affe hat eben den Nerv gehabt zu behaupten, ihr wolltet uns gerade freilassen. Das müsst ihr uns schon genauer erklären!“ Sie richtete die Waffe von dem Verletzten nun auf Thorstens Brust.
„Wir müssen ihm helfen. Er ist verletzt!“, sagte Miriam mit dringlicher Stimme, worauf Karin mit dem Lauf der Waffe eine einwilligende Geste machte. Als darauf Thorsten und Miriam ihren Kumpel jeweils mit einem Arm über die Schulter hochnahmen, bemerkte Simon eine weitere Pistole in Thorstens rückwärtigem Hosenbund, die er ihm flink entzog.
„Die brauchst du nicht mehr“, erklärte er lakonisch und entsicherte sie.
Sie begleiteten ihre drei Gegner ins Erdgeschoss und in die Küche, wo Miriam zu einem verblüffend umfangreich ausgestatteten Verbandsschrank stürzte und diesem einen Druckverband, Wundsalbe und Desinfektionsmittel entnahm. Mit einer großen Pinzette zog sie den Fremdkörper aus der Seite des Halses, tupfte rasch etwas nachströmendes Blut ab und betupfte die Stelle mit einem in Jodlösung getränkten Wattebausch. Die Miene des Behandelten blieb stoisch, nur seine Kiefermuskeln mahlten angestrengt und einige Tröpfchen Schweiß bildeten sich auf Stirn und Oberlippe des jungen Mannes.
Simon hatte staunend zugesehen und bemerkte: „Was seid ihr eigentlich? Navy-SEALs? ExSpeznaz? Ich hätte mir bei dieser Behandlung die Zähne zerbrochen vor lauter Zusammenbeißen.“
„In gewisser Weise sind wir tatsächlich eine Spezialeinheit. Ich glaube aber nicht, dass ihr wirklich alles wissen wollt. Ich glaube, ihr würdet an der Wahrheit zerbrechen.“ Miriam sah sie an, und in ihrem Blick standen echte Freundschaft, Mitgefühl und auch Mitleid für sie, obwohl sie es waren, die momentan eine Waffe auf sie gerichtet hatten.
„Ist schon interessant, dass wir von euch genau die gleichen Floskeln zu hören bekommen wie von Daniel und Abbey, wo ihr doch zur Gegenseite gehört. Ich glaube eher, ihr habt eine Riesenmenge zu erklären. Warum ihr euch in unseren Freundeskreis eingeschlichen hattet, warum ihr verschwunden wart und wieso zum Henker ihr uns eine Woche lang eingekerkert habt!“ Simon platzte allmählich der Kragen, er fuchtelte ein wenig mit der Waffe herum und hielt sie dann am ausgestreckten Arm von sich, und zwar waagerecht, wie es schlechte Schützen gerne praktizieren, vorzugsweise Schwarze in irgendwelchen US-Gangfilmen, damit die Pistole beim Abdrücken nicht verzog und er sein Ziel auf kurze Distanz nicht verfehlen konnte. Für gewöhnlich assoziierte man mit dieser Haltung ungezügelte Aggression und eine hohe Bereitschaft, die Waffe auch einzusetzen.
„Bitte hört uns zu“, bat Thorsten, „wir wollten euch wirklich gerade freilassen, nicht aber, ohne dass ihr vorher nochmals mit Daniel und Abbey hättet reden können. Sie warten bereits auf euch.“
„Ihr meint, sie sind hier?“ Karins Stimme überschlug sich fast.
„Seit fast einer Woche. Wir brachten sie nur einen Tag, nachdem wir euch geholt hatten.“
„Dann war unsere Hoffnung, sie würden uns befreien, umsonst. Aber jetzt retten wir sie statt sie uns“, fuhr Karin fort, doch Miriam schüttelte betrübt den Kopf.
„Dafür ist es zu spät. Wir haben sie bereits zu weit demontiert.“
„Was sagst du da? Ihr habt sie auseinander genommen? Ihr Bestien! Sind sie schwer verletzt? Ich will sie sofort sehen!“ Simon sprang erneut vor.
„Mein Gott, sie haben es euch nie gesagt? Ihr wisst es wirklich nicht? Ihr habt diese ganzen Jahre über mit ihnen zusammen gelebt und stets gedacht, sie seien normale Menschen?“ Thorstens Augen weiteten sich. Er senkte seinen Kopf und flüsterte ehrlich betroffen: „Das tut mir leid. Sie haben uns nichts davon gesagt. Wir hatten natürlich angenommen ... ihre Tarnung war wirklich perfekt.“
Karin und Simon starrten ihn an, als sei er nicht mehr normal im Kopf. „Wir wissen, dass irgendwas mit ihnen gemacht wurde, mit ihren Genen oder so. Aber deshalb ...“
„Ihr ahnt nicht einmal, was hier los ist“, unterbrach Miriam sie. „Wir gehen sofort zu ihnen, ich will nichts mehr damit zu tun haben. Sie sollen ihnen selbst so viel oder so wenig sagen, wie sie wollen. Los, kommt mit. Geht’s bei dir, Francis?“
„Ja, schon gut, ich hatte Glück, die Kleine hat nichts Wichtiges getroffen“, erwiderte der Verletzte tapfer mit schiefem Grinsen und blieb benommen im Sessel sitzen, als sie sich auf den Weg zur Haustür machten. Sie verließen das altertümliche Bauernhaus, von dessen Seitenwand der Putz abbröckelte und die Backsteinmauer darunter offenbarte. Zur Scheune waren es nur fünf Meter.
Als sie die hölzerne Tür aufzogen, rief Miriam hinein: „Ist alles bereit, Lars?“
„Ja, ihr könnt kommen“, erwiderte eine Stimme von drinnen, worauf sie ins von Neonröhren erhellte Innere der geräumigen Scheune traten. Misstrauisch musterten Karin und Simon die seltsamen Gerätschaften und undefinierbaren Haufen von unförmigem Material, über die in offensichtlicher Eile Abdeckplanen als Sichtschutz geworfen worden waren. Lars staunte nicht schlecht, als er und die beiden anderen ihres Teams entdecken mussten, dass Karin und Simon diejenigen waren, die die Waffen hatten.
Was ist passiert?“, wollte die Braunhaarige wissen.
„Sie haben aus zwei großen Joghurtdeckeln provisorische Dolche gebastelt und Francis überwältigt. Er ist verletzt, es geht ihm aber gut“, erklärte Thorsten mit erstarrter Miene.
„Meine Fresse! Ich bin dafür, dass wir sie engagieren“, entfuhr es Lars.
„Jessica, alles bereit für das Gespräch?“, wollte Miriam wissen, worauf die nette Braunhaarige nickte.
„Gerade eben fertig geworden.“ Nervös schielte sie auf die beiden Walther in den Händen ihrer ehemaligen Gefangenen.
„Was gibt es da vorzubereiten?“, verlangte Simon ungeduldig und leicht unbeherrscht Auskunft.
Eine leicht dünne Stimme kam hinter einer undurchsichtigen Metallsichtblende aus dem hinteren Teil der Scheune hervor. „Hallo, Simon. Es ist schön, deine Stimme noch einmal zu hören. Ich werde sie für immer im Gedächtnisspeicher behalten.“
„Abbey! Was haben sie mit dir getan?“, rief er ungehalten und entsetzt und wollte zu ihr hinstürzen, aber sie hatte diese Reaktion vorausberechnet gehabt und rief dringlich: „Warte! Bitte komm nicht zu mir her! Ich möchte nicht, dass du mich so siehst. Du sollst mich so im Gedächtnis behalten, wie beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben.“
Als hätte man ihn ins Gesicht geschlagen, erstarrte er abrupt und flüsterte leise. „Oh mein Gott, was haben sie dir nur angetan?“
„Das ist sehr kompliziert zu erklären. Ihr werdet es uns zuerst nicht glauben ... nicht glauben wollen. Das ist nur natürlich und wir sehen euch das nach.“ Eine andere Stimme hinter der Sichtblende, die offensichtlich nur für dieses Gespräch errichtet worden war, wie sie jetzt merkten.
Zögernd fragte Karin: „Bist du das, Daniel?“
„Gewissermaßen, ja“, war seine kryptische Antwort.
„Warum dürfen wir euch nicht sehen? Und warum sind wir entführt worden?“, fragte Simon mit erstickter Stimme. Er hatte überhaupt kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Alle anderen Beteiligten waren ans entgegengesetzte Ende der Scheune getreten und sahen bedrückt zu Boden, als sei ihnen das ebenso unangenehm.
„Um uns zu dem hier zu überzeugen. Es wäre irgendwann unvermeidlich geworden, aber wir waren etwas, was man durchaus als ‚selbstsüchtig’ bezeichnen könnte. Wir dachten, wir könnten für alle Zeit unbehelligt unser Leben mit euch verbringen, ohne dass uns die Vergangenheit jemals einholen würde. Aber das Gegenteil davon ist eingetreten“, erklärte CSM 108-1 mit echtem Bedauern in der Stimme.
„Was meinst du damit, das Gegenteil?“
„Die Zukunft hat uns eingeholt“, war der schlichte Kommentar der unsichtbaren Stimme.
„Das ergibt keinen Sinn. So etwas ist nicht möglich“, warf nun Simon verwirrt ein, während Karin betreten schwieg.
„Für euch nicht. Bevor ich es erkläre, möchte ich eines vorwegnehmen: Abbey und ich sind keine Menschen. Sind es nie gewesen. Wir sind kybernetische Organismen, menschliches Gewebe über einem mechanischen Inneren, gesteuert von einem extrem komplexen Elektronengehirn, das durch seine Bauart nach und nach menschliche Synapsenverknüpfungen imitiert und uns so zu lernen hilft, uns wie Menschen zu verhalten.“
„Das ist ein Witz!“, entfuhr es Simon.
„Hörst du jemanden lachen?“, war TSR 3012’s zynischer Kommentar. „Nein, mein Schatz, das ist auch der Grund, weshalb wir nicht wollen, dass ihr uns in diesem Zustand seht. Und das ist auch das Unglaubliche daran: Sowohl wir als auch alle hier Versammelten kommen aus einer möglichen Zukunft, allerdings einer, die hier in dieser Realität nicht eingetreten ist.“
„Das ist absurd“, widersprach Karin verzweifelt. „Woher wollt ihr denn wissen, dass zukünftige Ereignisse nicht eingetreten sind? Das widerspricht sich doch!“
„Ja und nein“, orakelte CSM 108-1. „Einerseits hätte die Welt in unserer Version im Sommer 1997 durch einen überraschenden, nicht vorauszuahnenden Atomkrieg vernichtet werden müssen. Wie du siehst, ist das nicht passiert. Also wissen wir folglich auch nicht, was uns noch erwartet, da wir ganz offensichtlich in einer uns unbekannten Realität feststecken. Wie das passiert ist, braucht ihr im Detail nicht zu wissen, es läuft alles auf einen technischen Unfall beim Zeitsprung hinaus.“
„Soso, Zeitsprung. Und was ... he, warte mal, Sommer 1997? Da klingelt doch was bei mir!“ Karins Augen weiteten sich.
„Ja, genau das war der Grund, weshalb ich dich mitten in die Einöde in den letzten Winkel der USA geschickt habe. Ich wollte, dass du weitab von sämtlichen detonierenden Atombomben bist und den Atomschlag überlebst“, erklärte CSM 108-1 sich.
Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Du hast das wirklich geglaubt und wolltest so mein Leben retten? Das ist so lieb von dir ... ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll ...“
Miriam schaltete sich in den Disput ein: „In einem gewissen Punkt haben die beiden euch sogar die Wahrheit erzählt. Sie wurden zurückgeschickt, um euch zu beschützen, wir, um euch zu identifizieren und zu töten, bevor ihr eure Erfindung publik machen konntet. Auf die weiteren Verwicklungen müssen wir nicht eingehen.“
„Unsere Erfindung? Ihr meint den hohen Energieausstoß des von Schimmel überzogenen Kristalls, stimmt’s?“ Simon schien es begriffen zu haben.
Miriam nickte. „Ja, genau. Diese Entdeckung und ihre Weiterentwicklung hätten eines Tages zu der Technologie geführt, mit der Zeitsprünge möglich geworden wären. Aber aus irgendeinem Grund habt ihr die Entdeckung zu spät gemacht, denn sie hätte vor dem Datum dokumentiert werden müssen, an dem die Welt zerstört worden wäre.“
Aus dem Hintergrund mischte sich Jessica nachdenklich ein: „Vielleicht war es sogar die Tatsache, dass Daniel Karin zu dem betreffenden Zeitraum nach Amerika gelockt hatte. Vielleicht hätte sie gerade in diesen Tagen hier sein müssen, um gemeinsam mit Simon die Entdeckung zu machen. Durch sein Mitgefühl für sie hat der Terminator sich die Mission versaut.“
„Gut möglich. So zog die Entwicklung der Dinge ihre Kreise und bereinigte die Zeitlinie. Es ist nur noch etwas ... äh ... Abfall übrig, und das sind, so leid mir das auch tut, Daniel und Abbey.“ Thorsten hob die Achseln und drückte Bedauern aus.
„Solange die beiden noch existieren, können wir nicht ausschließen, dass sie eines Tages entdeckt und auseinander genommen werden. Mit den Bestandteilen aus ihrem Innenleben könnte die technische Entwicklung dieser Ära beeinflusst werden und der Lauf der Dinge, der zum Atomkrieg geführt hatte, könnte sich irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen. Solange die Menschen über Massenvernichtungswaffen und die Möglichkeit, sie gegeneinander einzusetzen, verfügen, sind Daniel und Abbey die größte potenzielle Gefahr, die der gesamten Menschheit droht.
Bitte glaubt uns das, wir haben es am eigenen Leib erfahren müssen. Wir hatten keine sehr schöne Kindheit, wisst ihr? Wir sind in den Ruinen versteckt aufgewachsen und haben ununterbrochen um unser Leben fürchten müssen.“ Miriams Stimme erstarb angesichts der Erinnerung an ein anderes Leben, das es ihr unmöglich machen würde, jemals wie ein völlig normaler Mensch unbekümmert leben zu können. Sie alle waren für den Rest ihres Daseins seelisch gebrandmarkt, wie Simon und Karin nun erkannten. Das war es wohl gewesen, was immer eine unbestimmbare Distanz zwischen ihnen aufrecht erhalten hatte, so lange sie sich gekannt hatten und so sehr sie sich auch bemüht hatten, wie normale Menschen zu wirken.
Karin fasste sich und sagte dann mit fester Stimme: „Wenn das alles stimmen sollte, warum habt ihr euch dann ausgerechnet bei uns eingenistet? Wusstet ihr denn auch im Voraus, welche Rolle wir spielen würden? Was von dem war echt, was ihr ...“
„Es war alles purer Zufall ... oder Vorsehung, Schicksal, wie auch immer“, beeilte CSM 108-1 sich zu erklären. „Wir hatten keine Daten über die Identität des oder der Entdecker. Wir haben uns nur in den Zirkel der naturwissenschaftlichen Studenten einschleusen wollen, um später herausfinden zu können, wer der oder die Entdecker des sogenannten ZVA-Effektes waren.
Alles was ich tat, war, auf eine Wohnungsanzeige zu antworten, der Rest hat sich von selbst ergeben.“
„Ein bisschen viel an Zufällen, nicht wahr? Vielleicht hat sich das Schicksal ja wirklich ein paar üble Späße mit uns allen erlaubt“, meinte Karin nachdenklich.
„Spätestens, seit du mir als kleines Mädchen mit deinem Rad vors Auto gefahren bist“, gab er zu bedenken.
„Das stimmt“, bestätigte sie. „Aber jetzt wollt ihr uns ... was mitteilen? Dass ihr euch verabschiedet und uns unserem eigenen Leben überlasst? Dass wir uns nie wieder sehen werden, weil wir zwei Roboter geliebt haben?“
„Wie hätten wir es euch jemals erklären sollen?“, versuchte sich TSR 3012 zu verteidigen. „Wir wollten euch nicht verlieren ... glaube ich.“
„Ihr wusstet nicht, ob wir es verstanden hätten, meinst du? Jedenfalls hätten wir dann gewusst, was hier eigentlich los ist, und hätten nicht jahrelang mit den Lügen und Verheimlichungen leben müssen. Das war fast noch schlimmer als die Wahrheit, so absurd die auch sein mag. So absurd, dass wir es wahrscheinlich erst in Wochen oder Monaten begreifen werden. Dass wir uns sagen werden: Hey, wir waren verliebt in Maschinen! Wo gibt es denn so was?“ Simons Stimme war immer lauter geworden, die Entrüstung und pure Verzweiflung darin unverkennbar.
TSR 3012 sagte sanft: „Wir können wohl nichts weiter tun als euch um eure Vergebung bitten. Auch wenn wir euch nie unser wahres Ich offenbart haben, so waren die Gefühle und Empfindungen euch gegenüber so authentisch, wie es nur hätte sein können. Ihr beide habt uns geholfen, uns zu den Persönlichkeiten zu entwickeln, die wir heute sind, ob künstlich oder natürlich geschaffen.“
Mit leichter Bitterkeit in der Stimme wollte Karin wissen: „Und was ist mit dir, Daniel? Kannst du nicht für dich selbst reden, wenn es um Gefühle geht?“
„Das muss ich nicht“, gab er zurück. „Unsere Gedankengänge sind praktisch identisch, da Abbeys Hauptprozessor eine genaue Kopie von meinem ist. Sie besitzt fast alle Erinnerungen und Gedanken, die auch ich in mir trage, bis hin zum Zeitpunkt meines Wiederauftauchens Anfang September 1997. Wir sind wie eineiige Zwillinge im Gehirn, wenn man es so trivial ausdrücken möchte, und haben quasi somit auch dieselbe Persönlichkeit.“
„Das ist hart, was, Simon? Wir stehen auf genau den gleichen Typen Mensch“, entfuhr es ihr im Zorn, doch gleich darauf tat es ihr leid, dass sie das gesagt hatte.
„Und für uns heißt es jetzt also Abschied nehmen? Ihr werdet von diesen Zukunftsagenten zerstört und beseitigt, während sie uns hingegen in Ruhe lassen? Klingt wenig plausibel.“
„Sie haben keinen Grund mehr, euch etwas zu tun. Ihr habt eure Rolle in diesem Ereignisrahmen nicht erfüllt, weshalb ihr irrelevant geworden seid. Und da niemand zurück in die Zukunft reisen kann, da diese noch nicht existiert, wird auch nichts weiter mehr geschehen, sobald die Spuren unserer Existenz vernichtet worden sind.
Wir haben unserer eigenen Terminierung zugestimmt, um euch und schlussendlich die gesamte Menschheit vor einer möglichen zukünftigen Vernichtung zu bewahren. Und jetzt seid ihr dran.“ CSM 108-1 klang sehr betrübt darüber, dass sie scheinbar so einfach von ihren Freunden abgeschoben wurden, jetzt, da die Wahrheit ans Licht gekommen war.
Karin sah Simon an und meinte: „Ich verzeihe euch, auch wenn das fehlende Vertrauen und der Mangel an Offenheit zwischen uns Wunden geschlagen hat, die groß sind. Ihr selbst habt es sicher auch gemerkt, dass unser Verhältnis nach den Ereignissen vor vier Jahren nicht mehr dasselbe gewesen ist.“
Bedauernd bestätigte TSR 3012: „Ja, selbstverständlich. Es schmerzte uns zwar, aber was hätten wir dagegen tun sollen? Jetzt allerdings bin ich fast froh, dass die Zeit des Lügens und sich Versteckens vorbei ist.“
Simon fragte neugierig: „Wie seht ihr eigentlich in Wirklichkeit aus?“
„Bitte, nein, das ist zu viel verlangt. Uns ist das menschliche Gewebe bereits mittels eines Säurebades entfernt worden. Außerdem haben sie uns schon die Arme und Beine abgenommen, aus Vorsichtsgründen, falls uns der Selbsterhaltungstrieb übermannen sollte. Doch das ist nicht geschehen, denn unsere Existenz hier ist in gewisser Weise sinnlos geworden und nur noch eine Gefahr. Der einzige Grund, weshalb wir geblieben sind, wart ihr beide.“
Bei dieser Erklärung von TSR 3012 begann Simon hemmungslos zu weinen, während sich Miriam dezent räusperte. „Ich wüsste da vielleicht einen Kompromiss. Wir haben den beiden schon die Extremitäten entfernt, wie sie gerade erwähnt haben. Vielleicht wollt ihr euch nur eines der Einzelteile ansehen, das ist viel abstrakter und wird keine so schockierende Wirkung auf euch haben. Was meint ihr?“
Simon und Karin fassten sich und stimmten dem Vorschlag zu. Nachdem auch die beiden Cyborgs zögerlich ihr Einverständnis gegeben hatten, ging Thorsten zu einem der beiden größeren Haufen, die mit Abdeckplanen zugedeckt waren, um die Folie ein wenig anzuheben und mühsam etwas hervorzuhieven. Durch das Dampfstrahlen waren die letzten Reste künstlichen Fleisches, die vom Säurebad nicht abgelöst worden waren, entfernt worden, sodass der gesamte Arm bis zum Schulterkragengelenk blitzblank aussah. Wie fabrikneu.
Er übergab Simon das filigran aussehende Teil, das in leicht gebeugter Stellung am Ellenbogen für die Ewigkeit erstarrt war. Oder bis zur Demontage. Wie jeder Bastler zuweilen zu pflegen sagte: Irgendwie haben sie das hier zusammenbekommen, also kann ich es auch auseinander pflücken. Bei der Übergabe ließ er den Arm fast fallen, da er nicht mit so einem hohen Gewicht gerechnet hatte.
„Wow, ist das schwer. Wie viel wiegt der denn?“ Staunend besah er sich zusammen mit Karin die Einzelteile, die Entsprechungen von Elle und Beuge, den Rahmen um den Bizepsbereich herum und die dicken Hydraulikzylinder, die darin eingebettet von ebenfalls von der Säure korrodierten Kabelbäumen angesteuert und von metallumwickelten Schläuchen mit Hydrauliköl versorgt worden waren, als der Arm noch angeschlossen gewesen war.
„23,8 kg. Das Gesamtgewicht unseres ganzen Endoskelettes beträgt je nach Größe 148 bis 162 kg, da die Hauptbestandteile aus einer hochfesten Legierung gegossen sind, die auch als Panzerung fungiert“, führte die körperlose Stimme CSM 108-1’s aus.
„Panzerung?“, echote Simon und studierte das komplizierte, hochbewegliche Schultergelenk weiter.
„Ursprünglich sind diese Bastarde als Kampfmaschinen konstruiert worden, musst du wissen“, soufflierte Lars genüsslich.
Karins Aufmerksamkeit widmete sich inzwischen ganz der Vielzahl an feinen Stangen der Mittelhand und des Handgelenkes sowie den winzigen Gelenken der einzelnen Fingerglieder, die in ihrem Inneren in der Mitte von metallischen Bowdenzügen durchzogen waren, die für die Beugung und Streckung der Finger gesorgt hatten.
„Das ist ein Kunstwerk. Dass so etwas überhaupt funktioniert“, wunderte sie sich, echte Ehrfurcht zeigend.
„Wenn sich so ein Ding um deine Kehle legt und dir den Kopf vom Hals abzwickt wie eine Rose vom Stiel, dann glaubst du es vielleicht“, schlug Lars sarkastisch vor.
„Bitte, lass’ das“, pfiff Miriam ihn zurück.
„Jetzt wird mir so einiges klar. Die schnellen Reflexe, dass du meine schwere Kommode bei deinem Einzug alleine anheben konntest, dass wir wegen Daniels Gewichts nie zusammen im Lift gefahren sind ... mir würden wahrscheinlich Dutzende Beispiele einfallen. Wie konnten wir nur so blind sein?“ Karin strich gedankenversunken über das Gestänge des Handrückens.
„Liebe macht blind“, sagte Lars nun, worauf er von Thorsten einen Klaps auf den Hinterkopf bekam und lautlos der Scheune verwiesen wurde.
„Ich möchte dieses Kapitel meines Lebens als abgeschlossen betrachten“, kam Karin zu einem Entschluss. „Ich weiß nicht, wer die Guten und wer die Bösen waren in eurer Welt und es geht mich auch rein gar nichts an, so wie ich das sehe. Für mich zählt das, was hier geschehen ist, und dass das ehrlich war, was sich zwischen uns abgespielt hat. Ich glaube, damit kann ich leben, auch wenn ich mich für den Rest meines Lebens an diese abstruse Zeit erinnern werde.
Simon, soll ich dir sagen, was das Beste für uns sein wird? Wenn wir jetzt diesen beiden ... Wesen ... Lebewohl sagen, aus diesem Schuppen hinausgehen und uns nicht mehr umdrehen. Und versuchen, nicht verrückt zu werden, wenn wir uns an dieses Erlebnis zurückerinnern.“
„Klingt gut“, meinte er kurz angebunden. „Hört sich jetzt zwar blöd an, aber ich hoffe, ihr habt euren Frieden mit euch gemacht. Lebt wohl, Abbey und Daniel. Und ihr anderen, lasst euch bitte nie wieder in dieser Gegend blicken, seid so nett, ja?“
„Macht es gut. Lebt wohl, ihr beiden, und werdet glücklich und habt viel Erfolg und Freude an eurem Leben.“ Man konnte nicht mehr heraushören, welche der beiden synthetischen Stimmen es gewesen war, was aber auch keine Rolle spielte, wie sie jetzt wussten.
„Was für ein nichtssagender und lapidarer Abschied. Ist es nicht grotesk? Das liegt bestimmt an dieser Situation ...“ Karin war schon an der Tür, als sie noch über die Schulter rief: „Ich glaube, ihr tut das Richtige, das gibt eurer Existenz doch noch einen Sinn.“
„Dank deiner Aussage wird es uns noch etwas leichter fallen, unser Schicksal in Kauf zu nehmen“, versicherten die beiden ihr unisono, bevor man das Tor ins Schloss fallen hörte.
„So, das war’s“, sagte Miriam. „Seid ihr jetzt bereit?“
„Lasst es uns hinter uns bringen“, erwiderten sie nur.
„Gut, dann wollen wir mal. Hol’ Lars wieder rein, damit er unseren kleinen Schmelzofen auf Touren bringt. Jessica, sind die Bleibehälter fertig?“
„Ich habe sie gestern Abend noch in die Formen gegossen. Wir können ihre beiden Energiezellen mit Leichtigkeit darin unterbringen und dann mit Blei zugießen, bevor wir sie im Brunnenschacht hinter dem Haus in achtzig Fuß Tiefe versenken und den Schacht zuschütten. Wenn wir fertig sind, wird man nicht mal mehr ahnen, dass da mal ein Brunnen war. Niemand wird die Zellen in dieser gottverlassenen Gegend je finden.“
Lars kam herein. „He, der Ofen ist doch schon längst vorgeheizt. Ich kann anfangen damit, die ersten Teile einzuschmelzen. Das Schöne an Legierungen ist schließlich, dass sie trotz all der anderen Vorteile, die sie haben mögen, doch meistens einen eher niedrigen Schmelzpunkt haben, weil sie Stoffgemische sind.“
„Wohl wahr, Bruder Lars“, tönte Jessica grinsend.
„He, wir sind noch da“, merkte TSR 3012 protestierend an.
„Aber nicht mehr lange“, entgegnete das lateinamerikanisch aussehende Mädchen mit den dunklen Augen und den langen braunen Haaren, als sie mit einer feinen Pinzette und einen ebensolchen Schraubenzieher um den Sichtschutz herumkam und interessiert den glänzenden totenschädelgleichen Kopf von CSM 108-1 betrachtete. „Weißt du, das ist das erstemal für mich, ich hab bisher immer nur zugesehen.“
„Dann schön sachte, ja? Denk’ an unseren letzten Willen“, wandte er ein und drehte die tiefliegenden rotglühenden Augen in ihren Höhlen zu ihr hin, was ein leises Surren erzeugt, wie jede Bewegung seines Kopfes, jetzt da seine mechanischen Komponenten offen freilagen und nicht mehr vom organischen Überzug bedeckt wurden, der die Geräusche der Servos und Hydraulikeinheiten gedämpft hatte.
Das letzte, was CSM 108-1 sah, war sein Ebenbild TSR 3012, wie es neben ihm auf der Werkbank aufgereiht dastand und ebenso wie er auf das Ende seiner Existenz wartete, das nun unmittelbar bevorstand. Er hatte erst eine totale Unterbrechung seines Bewusstseins erlebt, als sie sich gegenseitig ihre CPU entfernt hatten, um die von Skynet eingegebenen Subroutinen zu löschen.
Diesmal würde es kein Erwachen mehr geben, dass wusste er.
Was war das? Hatte er etwa Angst vor der Ungewissheit dessen, was nun kommen würde? Es gab keine Ungewissheit, da er wusste, dass nichts mehr kommen würde. Oder?
Er hatte tatsächlich Angst!
Wie peinlich, dachte er und verzog seinen Skelettschädel zu einem Sensenmanngrinsen, das einfror, als Jessica die CPU nun herauszog und sorgsam auf die Arbeitsplatte der Werkbank legte.
„Und jetzt du“, wandte sie sich an TSR 3012.
„Du hast schönes Haar“, stellte diese fest, um etwas zu sagen.
„Danke, du hast auch sehr schönes Haar gehabt. Du warst sehr hübsch“, gab die junge Rebellin zurück, als sie die Abdeckplatte über dem künstlichen Gehirn abschraubte und abnahm.
„Das ist nett von dir.“ Es war absolut lächerlich, dass sie diese nichtssagende Unterhaltung nur Sekunden vor ihrem Ende führte, aber sie konnte nichts dagegen tun.
„Bist mächtig nervös, was?“, tippte Jessica nun auch goldrichtig.
„Ja, schon“, gab TSR 3012 verlegen zu, was angesichts ihres bedrohlichen Äußeren grotesk wirkte.
„Wer wäre das nicht?“, meinte die Frau wenig mitfühlend und zog ohne weitere Vorwarnung auch ihre zentrale Recheneinheit aus der Halterung. TSR 3012 zuckte unmerklich, bevor ihre Augen langsam erloschen.
Für immer.
Das war doch ein Stück Ewigkeit, oder nicht?
[und morgen kommt der Epilog !]
Freiburg im Breisgau, Deutschland - 30. November 2001
Simon wachte wieder auf, als das erste schwache Licht durch den Kellerschacht fiel. Er drehte sich auf seinem weichen, quietschenden Bundeswehr-Feldbett herum, was Karin ebenfalls weckte.
„Morgen“, sagte sie mit schwacher Stimme und setzte sich auf den Bettrand.
„Wie geht’s dir?“, fragte er und besah sie mitfühlend. Sie wirkte bleich, trotz ihrer künstlichen Sonnenbräune, ihre Wangen waren ein wenig eingefallen und ihr langes Haar wirkte offen zerzaust und ungepflegt.
„Naja, ganz gut. Eigentlich fehlt es uns ja an nichts“, gab sie zu bedenken, womit sie Recht hatte. Sie waren relativ gut behandelt worden, auch wenn niemand der drei Unbekannten, mit denen sie zu tun hatten, jemals länger mit ihnen redete oder auch nur im Geringsten erkennen ließ, zu welchem Zwecke sie in diesem schmalen, feuchten, aber immerhin beheizten Kellerraum eingekerkert waren. Sie mussten ihnen nur ihre Wünsche bezüglich Kleidung, Nahrung oder etwa Zeitschriften zum Zeitvertreib nennen, und sofern diese nicht ein gewisses Maß an Durchführbarkeit überschritten, wurde ihnen auch nachgekommen.
Was sie am meisten beunruhigte, war die Tatsache, dass sie ihre eigenen Kleider von daheim bekamen, was bedeuten musste, dass ihre Entführer ungehindert in ihrer Wohnung ein- und ausspazieren konnten.
Was hatte das nur zu bedeuten? Und warum bekamen sie Thorsten und Miriam, die sie als ihre Entführer und Feinde erkannt hatten, nie zu Gesicht?
„Wir müssen hier raus“, begann Simon zum wiederholten Male, was Karin die Tränen in die Augen trieb.
„Bitte, mach’ keine Dummheiten. Du weißt, das sind Profis. Sie geben uns nur Plastikbesteck zum Essen und lassen nicht mal zu, dass du dich rasierst. Wir können es mit denen nicht aufnehmen.“ Sie zögerte und fügte hinzu: „Ich will nicht, dass sie dir was antun.“
Sein Herz bekam einen Stich. „Aber ich kann doch nicht länger mitansehen, wie sie uns ... wie sie dich quälen. Wir werden hier drin zugrunde gehen, Karin. Ich ...“
Ein schwerer Riegel wurde draußen zurückgeschoben und die schwere Holztür schwang auf gut geölten Angeln lautlos auf. Ein grobschlächtiger, hünenhafter Mann mit kurzen blonden Haaren und hellen Augen kam herein. „Morgen, ihr beiden. Was wollt ihr zum Frühstück?“
„Ein Brötchen mit Butter vielleicht“, meinte Karin zögernd.
„Für mich eine Laugenbrezel oder -stange, wenn’s geht. Und für uns beide bitte je einen Becher Müller Multivitamin“, fügte Simon schnell hinzu.
„Oh, sind wir besonders wählerisch heute?“, höhnte der Hüne.
„Wir wollen hier schließlich nicht an Skorbut sterben, wenn ihr uns nicht vorher umbringt. Außerdem macht das keinerlei Mühe, denn das findest du in wirklich jedem Laden und jeder Bäckerei im Kühlregal. Soll ich mitfahren und es dir zeigen?“, schlug Simon vor.
„Sehr witzig, Spaßvogel“, murmelte ihr Aufpasser und schlug die Tür wieder zu.
„Was soll denn das mit dem Multivitamin?“, wollte Karin erstaunt wissen.
„Du wirst schon sehen“, meinte er und lächelte verschwörerisch.
„Mach’ bitte keinen Unsinn, hörst du?“, warnte sie ihn besorgt.
Im nächsten Moment kam eine junge, muskulöse und nicht unattraktive Brünette zur Tür herein und fragte, die Pistole in ihrer Hand und sie aus großen dunklen Augen betrachtend, freundlich: „So, wer will zuerst ins Bad?“
Miriam und Thorsten betraten gemeinsam die Scheune, wo Lars, einer ihrer Freunde, bereits auf sie wartete. Er sah sie an und wollte wissen: „Wollt ihr sie sehen?“
„Deshalb sind wir hier“, bejahte Thorsten, worauf sie an zwei parallel zueinander aufgestellte Wannen heran traten, beide aus Edelstahl und etwa zwei mal einen mal einen Meter groß. Sie waren gefüllt mit einer fast klaren, scharf riechenden Flüssigkeit, die von je einer kleinen Umwälzpumpe außerhalb des Beckens ständig in Bewegung gehalten wurde.
Auf einen Wink von Miriam hin wurden die Pumpen abgeschaltet und die Flüssigkeit über dicke Teflonschläuche in ein großes Sammelbecken abgelassen. Sobald sie leer waren, riskierte Miriam einen Blick und verzog angewidert das Gesicht: „Iiih! So was hab’ ich mir schon fast gedacht. Holt den Dampfstrahler, das sollte hoffentlich reichen.“
Thorsten schob das transportable Gerät bereits in Reichweite und heizte den Wasservorrat im Tank auf. „Ich hol’ noch ein paar Arbeitshandschuhe und Brechstangen, damit man sie hin- und herbewegen kann.“
„Gute Idee.“ Miriam machte sich inzwischen an den Einstellungen des Kärcher-Gerätes zu schaffen. Glücklicherweise hatten sie dieses abgelegene Gehöft hier draußen inmitten der Rheinebene zwischen Feldern und Hecken gefunden, kilometerweit von jedem Dorf entfernt, wo sie tun und lassen konnten, was immer sie wollten, ohne je gestört zu werden.
Lars setzte sich inzwischen eine großflächige Schutzbrille auf und machte einen ersten Testspritzer in die Luft. Funktionierte. Mühsam begann er, den Inhalt der Wanne von oben bis unten langsam mit kleinen Schwenkbewegungen abzufahren, war mit dem Schlussergebnis jedoch gar nicht zufrieden. Also hebelte Thorsten mit der herbeigeholten Brechstange, bis sich der Inhalt der Wanne zur Seite neigte, und fixierte ihn in dieser Position.
„Sieht gut aus. Ich hoffe, der Rest geht auch so problemlos vonstatten.“
„Man kann nie wissen“, erwiderte Lars und grinste schief. Ihm war gar nicht wohl in seiner Haut bei dem Anblick, der sich ihm hier bot.
Karin und Simon hatten inzwischen ihr Frühstück wie gewünscht erhalten und beendeten es gerade. Karin leerte den großen 500 ml-Becher mit Multivitaminnektar und fragte nochmals: „Und wieso mussten wir unbedingt dieses Zeug haben?“
„Damit brechen wir aus“, erklärte Simon und nahm die beiden etwa 10 cm durchmessenden Aludeckel der großen Getränkebecher zur Seite, welche er zu Beginn der Mahlzeit vorsichtig von den Plastikbechern abgelöst hatte.
„Klar“, entgegnete sie und beendete kauend den letzten Bissen ihres Butterbrötchens.
„Ich mache daraus Waffen“, fuhr er fort.
„Du bist offensichtlich übergeschnappt. Das muss der Dauerstress sein. Du Armer, willst du nicht lieber darauf vertrauen, dass Daniel und Abbey uns hier raushauen, so wie ich?“
Als Antwort drückte er ihr einen flüchtigen, sanften Kuss auf die Lippen. „Ich muss wirklich übergeschnappt sein. Und jetzt sieh zu und lerne.“
„He, was sollte das eben? Wie ...?“ Sie verstummte und beobachtete ihn, wie er den leicht gewellten Rand des ersten Saftdeckels behände glättete und ihn mit der bedruckten Seite nach innen auf exakt die Hälfte zusammenfaltete, so dass nur noch die unbedruckte, silbern glänzende Unterseite aus Aluminium sichtbar war. Den Falz zog er penibel mit dem Fingernagel nach, sodass er eine saubere Kante aufwies.
„Wie soll uns das weiterhelfen?“, wollte sie wissen, bekam aber keine Antwort. Darum sah sie ihm weiter zu, wie er den erhaltenen Halbkreis nochmals zu einem Viertel und diesen wiederum zu einem Achtelsegment eines vollen Kreises faltete, wobei er jedes Mal die entstandene Faltkante nachzog, was jedes Mal schwerer wurde, da immer doppelt so viele Schichten übereinander lagen. Zuletzt legte er ein Sechzehntel zu einem Zweiunddreißigstel um, was kaum noch zu bewerkstelligen war, da nun eben 32 Schichten Aluminium übereinander lagen. Das entstandene Kreissegment erinnerte in etwa an die Darstellung des Wahlergebnisses einer rechtsextremen Partei an einer Freiburger Kommunalwahl mittels einer ‚Kuchengrafik’.
„Und was soll das jetzt?“, fragte Karin nochmals, worauf er das schmale Segment an der Basis nahm und sie sachte mit der Spitze in den Unterarm piekste.
Sie sprang auf und zog ihren Arm weg: „Aua! Spinnst du jetzt komplett?“
Er grinste: „Ja, begreifst du das denn nicht? Wir haben eine Stichwaffe, Schätzchen. Und zwar eine ziemlich einfache, aber stabile, die aus zweiunddreißig Lagen Leichtmetall besteht. Was sagst du nun?“
„He, das ist gar nicht mal so übel“, stieß sie jetzt hervor, da die Erkenntnis sie überkam. „Wie bist du nur auf so was gekommen?“ Sie nahm den improvisierten Mini-Dolch in die Hand und untersuchte dessen extrem spitzes Ende beeindruckt, während er rasch, aber konzentriert an der Fertigstellung seines Gegenstückes arbeitete.
„Im Kirchenchor gelernt. So, jetzt haben wir beide einen. Die nächste Frage ist: Traust du dir zu, ihn auch einzusetzen? Wir dürfen uns keinen Zweifel erlauben, verstehst du? Selbst wenn wir hier rauskommen, wissen wir nicht mal, wo wir hier sind und wie schnell sie unsere Flucht bemerken und uns verfolgen werden.“ Er sah sie sehr ernst an und versuchte zu erforschen, wie sie reagieren würde.
Sie saß ihm gegenüber auf der Bettkante, sah ihn mit großen Augen an und drückte dann seine Hand. „Du kannst dich auf mich verlassen.“
„Bist du sicher, dass du das ...?“
Sie hatte keine Zeit zu antworten mehr, da bereits der Riegel der Zimmertür geöffnet wurde. Ihr grobschlächtiger Wächter trat ein, mit der Pistole am Gürtel und einem sorglosen Grinsen auf dem Gesicht. „Na, fertig?“
„Ja“, gab sie zurück und sah gespannt hinüber zu Simon. Sie wollte ihm den ersten Schritt überlassen.
Der Hüne sammelte die bereitstehenden Abfälle ihrer Mahlzeit ein und bemerkte: „Das ist schön, denn wir haben eine Überraschung für euch.“
Simon sprang auf und zückte den Aludeckel-Dolch. „Wir auch!“
Er stieß auf sein Auge ein, doch der riesige Kerl fing seine Hand nur einen Fingerbreit vor dem Augapfel ab und umklammerte sie, worauf ein verzweifeltes Ringen begann.
„Karin! Jetzt!“
Sie erwachte aus ihrer Paralyse und sprang automatisch von der Bettkante hoch. Wenn sie jetzt nichts tat, würden sie beide vielleicht sterben, das wurde ihr in einem schrecklichen Augenblick der Gewissheit klar.
Sie stach zu. Die Metallspitze fuhr seitlich in den muskulösen Hals des Mannes und drang tief ein, nur einen Deut neben seiner Halsschlagader. Schreiend ließ er ab von Simon und griff sich an den Hals, während Karin die Gunst des Momentes nutzte und ihm mit aller Kraft in die Weichteile trat. Das verfehlte seine Wirkung nicht. Als der promethisch gebaute Kerl mit hervortretenden Augäpfeln und nach Luft ringend zu Boden sank, riss sie seine Walther PPK aus dem Hosenbund und zog zu Simons gewaltigem Staunen sogar den Schlitten zurück, um die Waffe durchzuladen. Wow.
Dummerweise war sie bereits geladen gewesen, sodass die Patrone in hohem Bogen durch die Luft flog, als sie beim Durchladen unbenutzt aus der Kammer ausgestoßen wurde. Sie prallte leise klimpernd erst gegen die Wand, dann auf den Boden und rollte schließlich unter Simons Feldbett.
Keiner beachtete sie.
Karin richtete die Mündung der Pistole auf den Kopf des Überwältigten.
Ihr Bewacher war auf die Knie gesunken, presste die Beine zusammen und war jetzt in dieser merkwürdigen Haltung erstarrt, sich mit schmerzgepeinigter Miene den Hals haltend. Zwischen den groben Fingern seiner riesigen Pranke sickerte ein dünnes Rinnsal sehr dunklen Blutes herab.
„Ihr verdammten Freaks! Ich ... ich soll euch freilassen und ihr schlachtet mich zum Dank ab wie ein Schwein! Ist das vielleicht komisch? Haben wir euch irgendwie schlecht behandelt? Es hat euch doch an nichts gefehlt ...“
„Ihr Arschlöcher habt uns unsere Freiheit geraubt! Ist das vielleicht nichts?“, zischte Simon zornig.
Karin erstarrte ihrerseits, als Miriam und Thorsten um die Ecke gerannt kamen und entsetzt die Szene vor sich erfassten.
„Bitte, nicht schießen! Wir können euch alles erklären!“
„Das will ich schwer hoffen! Dieser Affe hat eben den Nerv gehabt zu behaupten, ihr wolltet uns gerade freilassen. Das müsst ihr uns schon genauer erklären!“ Sie richtete die Waffe von dem Verletzten nun auf Thorstens Brust.
„Wir müssen ihm helfen. Er ist verletzt!“, sagte Miriam mit dringlicher Stimme, worauf Karin mit dem Lauf der Waffe eine einwilligende Geste machte. Als darauf Thorsten und Miriam ihren Kumpel jeweils mit einem Arm über die Schulter hochnahmen, bemerkte Simon eine weitere Pistole in Thorstens rückwärtigem Hosenbund, die er ihm flink entzog.
„Die brauchst du nicht mehr“, erklärte er lakonisch und entsicherte sie.
Sie begleiteten ihre drei Gegner ins Erdgeschoss und in die Küche, wo Miriam zu einem verblüffend umfangreich ausgestatteten Verbandsschrank stürzte und diesem einen Druckverband, Wundsalbe und Desinfektionsmittel entnahm. Mit einer großen Pinzette zog sie den Fremdkörper aus der Seite des Halses, tupfte rasch etwas nachströmendes Blut ab und betupfte die Stelle mit einem in Jodlösung getränkten Wattebausch. Die Miene des Behandelten blieb stoisch, nur seine Kiefermuskeln mahlten angestrengt und einige Tröpfchen Schweiß bildeten sich auf Stirn und Oberlippe des jungen Mannes.
Simon hatte staunend zugesehen und bemerkte: „Was seid ihr eigentlich? Navy-SEALs? ExSpeznaz? Ich hätte mir bei dieser Behandlung die Zähne zerbrochen vor lauter Zusammenbeißen.“
„In gewisser Weise sind wir tatsächlich eine Spezialeinheit. Ich glaube aber nicht, dass ihr wirklich alles wissen wollt. Ich glaube, ihr würdet an der Wahrheit zerbrechen.“ Miriam sah sie an, und in ihrem Blick standen echte Freundschaft, Mitgefühl und auch Mitleid für sie, obwohl sie es waren, die momentan eine Waffe auf sie gerichtet hatten.
„Ist schon interessant, dass wir von euch genau die gleichen Floskeln zu hören bekommen wie von Daniel und Abbey, wo ihr doch zur Gegenseite gehört. Ich glaube eher, ihr habt eine Riesenmenge zu erklären. Warum ihr euch in unseren Freundeskreis eingeschlichen hattet, warum ihr verschwunden wart und wieso zum Henker ihr uns eine Woche lang eingekerkert habt!“ Simon platzte allmählich der Kragen, er fuchtelte ein wenig mit der Waffe herum und hielt sie dann am ausgestreckten Arm von sich, und zwar waagerecht, wie es schlechte Schützen gerne praktizieren, vorzugsweise Schwarze in irgendwelchen US-Gangfilmen, damit die Pistole beim Abdrücken nicht verzog und er sein Ziel auf kurze Distanz nicht verfehlen konnte. Für gewöhnlich assoziierte man mit dieser Haltung ungezügelte Aggression und eine hohe Bereitschaft, die Waffe auch einzusetzen.
„Bitte hört uns zu“, bat Thorsten, „wir wollten euch wirklich gerade freilassen, nicht aber, ohne dass ihr vorher nochmals mit Daniel und Abbey hättet reden können. Sie warten bereits auf euch.“
„Ihr meint, sie sind hier?“ Karins Stimme überschlug sich fast.
„Seit fast einer Woche. Wir brachten sie nur einen Tag, nachdem wir euch geholt hatten.“
„Dann war unsere Hoffnung, sie würden uns befreien, umsonst. Aber jetzt retten wir sie statt sie uns“, fuhr Karin fort, doch Miriam schüttelte betrübt den Kopf.
„Dafür ist es zu spät. Wir haben sie bereits zu weit demontiert.“
„Was sagst du da? Ihr habt sie auseinander genommen? Ihr Bestien! Sind sie schwer verletzt? Ich will sie sofort sehen!“ Simon sprang erneut vor.
„Mein Gott, sie haben es euch nie gesagt? Ihr wisst es wirklich nicht? Ihr habt diese ganzen Jahre über mit ihnen zusammen gelebt und stets gedacht, sie seien normale Menschen?“ Thorstens Augen weiteten sich. Er senkte seinen Kopf und flüsterte ehrlich betroffen: „Das tut mir leid. Sie haben uns nichts davon gesagt. Wir hatten natürlich angenommen ... ihre Tarnung war wirklich perfekt.“
Karin und Simon starrten ihn an, als sei er nicht mehr normal im Kopf. „Wir wissen, dass irgendwas mit ihnen gemacht wurde, mit ihren Genen oder so. Aber deshalb ...“
„Ihr ahnt nicht einmal, was hier los ist“, unterbrach Miriam sie. „Wir gehen sofort zu ihnen, ich will nichts mehr damit zu tun haben. Sie sollen ihnen selbst so viel oder so wenig sagen, wie sie wollen. Los, kommt mit. Geht’s bei dir, Francis?“
„Ja, schon gut, ich hatte Glück, die Kleine hat nichts Wichtiges getroffen“, erwiderte der Verletzte tapfer mit schiefem Grinsen und blieb benommen im Sessel sitzen, als sie sich auf den Weg zur Haustür machten. Sie verließen das altertümliche Bauernhaus, von dessen Seitenwand der Putz abbröckelte und die Backsteinmauer darunter offenbarte. Zur Scheune waren es nur fünf Meter.
Als sie die hölzerne Tür aufzogen, rief Miriam hinein: „Ist alles bereit, Lars?“
„Ja, ihr könnt kommen“, erwiderte eine Stimme von drinnen, worauf sie ins von Neonröhren erhellte Innere der geräumigen Scheune traten. Misstrauisch musterten Karin und Simon die seltsamen Gerätschaften und undefinierbaren Haufen von unförmigem Material, über die in offensichtlicher Eile Abdeckplanen als Sichtschutz geworfen worden waren. Lars staunte nicht schlecht, als er und die beiden anderen ihres Teams entdecken mussten, dass Karin und Simon diejenigen waren, die die Waffen hatten.
Was ist passiert?“, wollte die Braunhaarige wissen.
„Sie haben aus zwei großen Joghurtdeckeln provisorische Dolche gebastelt und Francis überwältigt. Er ist verletzt, es geht ihm aber gut“, erklärte Thorsten mit erstarrter Miene.
„Meine Fresse! Ich bin dafür, dass wir sie engagieren“, entfuhr es Lars.
„Jessica, alles bereit für das Gespräch?“, wollte Miriam wissen, worauf die nette Braunhaarige nickte.
„Gerade eben fertig geworden.“ Nervös schielte sie auf die beiden Walther in den Händen ihrer ehemaligen Gefangenen.
„Was gibt es da vorzubereiten?“, verlangte Simon ungeduldig und leicht unbeherrscht Auskunft.
Eine leicht dünne Stimme kam hinter einer undurchsichtigen Metallsichtblende aus dem hinteren Teil der Scheune hervor. „Hallo, Simon. Es ist schön, deine Stimme noch einmal zu hören. Ich werde sie für immer im Gedächtnisspeicher behalten.“
„Abbey! Was haben sie mit dir getan?“, rief er ungehalten und entsetzt und wollte zu ihr hinstürzen, aber sie hatte diese Reaktion vorausberechnet gehabt und rief dringlich: „Warte! Bitte komm nicht zu mir her! Ich möchte nicht, dass du mich so siehst. Du sollst mich so im Gedächtnis behalten, wie beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben.“
Als hätte man ihn ins Gesicht geschlagen, erstarrte er abrupt und flüsterte leise. „Oh mein Gott, was haben sie dir nur angetan?“
„Das ist sehr kompliziert zu erklären. Ihr werdet es uns zuerst nicht glauben ... nicht glauben wollen. Das ist nur natürlich und wir sehen euch das nach.“ Eine andere Stimme hinter der Sichtblende, die offensichtlich nur für dieses Gespräch errichtet worden war, wie sie jetzt merkten.
Zögernd fragte Karin: „Bist du das, Daniel?“
„Gewissermaßen, ja“, war seine kryptische Antwort.
„Warum dürfen wir euch nicht sehen? Und warum sind wir entführt worden?“, fragte Simon mit erstickter Stimme. Er hatte überhaupt kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Alle anderen Beteiligten waren ans entgegengesetzte Ende der Scheune getreten und sahen bedrückt zu Boden, als sei ihnen das ebenso unangenehm.
„Um uns zu dem hier zu überzeugen. Es wäre irgendwann unvermeidlich geworden, aber wir waren etwas, was man durchaus als ‚selbstsüchtig’ bezeichnen könnte. Wir dachten, wir könnten für alle Zeit unbehelligt unser Leben mit euch verbringen, ohne dass uns die Vergangenheit jemals einholen würde. Aber das Gegenteil davon ist eingetreten“, erklärte CSM 108-1 mit echtem Bedauern in der Stimme.
„Was meinst du damit, das Gegenteil?“
„Die Zukunft hat uns eingeholt“, war der schlichte Kommentar der unsichtbaren Stimme.
„Das ergibt keinen Sinn. So etwas ist nicht möglich“, warf nun Simon verwirrt ein, während Karin betreten schwieg.
„Für euch nicht. Bevor ich es erkläre, möchte ich eines vorwegnehmen: Abbey und ich sind keine Menschen. Sind es nie gewesen. Wir sind kybernetische Organismen, menschliches Gewebe über einem mechanischen Inneren, gesteuert von einem extrem komplexen Elektronengehirn, das durch seine Bauart nach und nach menschliche Synapsenverknüpfungen imitiert und uns so zu lernen hilft, uns wie Menschen zu verhalten.“
„Das ist ein Witz!“, entfuhr es Simon.
„Hörst du jemanden lachen?“, war TSR 3012’s zynischer Kommentar. „Nein, mein Schatz, das ist auch der Grund, weshalb wir nicht wollen, dass ihr uns in diesem Zustand seht. Und das ist auch das Unglaubliche daran: Sowohl wir als auch alle hier Versammelten kommen aus einer möglichen Zukunft, allerdings einer, die hier in dieser Realität nicht eingetreten ist.“
„Das ist absurd“, widersprach Karin verzweifelt. „Woher wollt ihr denn wissen, dass zukünftige Ereignisse nicht eingetreten sind? Das widerspricht sich doch!“
„Ja und nein“, orakelte CSM 108-1. „Einerseits hätte die Welt in unserer Version im Sommer 1997 durch einen überraschenden, nicht vorauszuahnenden Atomkrieg vernichtet werden müssen. Wie du siehst, ist das nicht passiert. Also wissen wir folglich auch nicht, was uns noch erwartet, da wir ganz offensichtlich in einer uns unbekannten Realität feststecken. Wie das passiert ist, braucht ihr im Detail nicht zu wissen, es läuft alles auf einen technischen Unfall beim Zeitsprung hinaus.“
„Soso, Zeitsprung. Und was ... he, warte mal, Sommer 1997? Da klingelt doch was bei mir!“ Karins Augen weiteten sich.
„Ja, genau das war der Grund, weshalb ich dich mitten in die Einöde in den letzten Winkel der USA geschickt habe. Ich wollte, dass du weitab von sämtlichen detonierenden Atombomben bist und den Atomschlag überlebst“, erklärte CSM 108-1 sich.
Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Du hast das wirklich geglaubt und wolltest so mein Leben retten? Das ist so lieb von dir ... ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll ...“
Miriam schaltete sich in den Disput ein: „In einem gewissen Punkt haben die beiden euch sogar die Wahrheit erzählt. Sie wurden zurückgeschickt, um euch zu beschützen, wir, um euch zu identifizieren und zu töten, bevor ihr eure Erfindung publik machen konntet. Auf die weiteren Verwicklungen müssen wir nicht eingehen.“
„Unsere Erfindung? Ihr meint den hohen Energieausstoß des von Schimmel überzogenen Kristalls, stimmt’s?“ Simon schien es begriffen zu haben.
Miriam nickte. „Ja, genau. Diese Entdeckung und ihre Weiterentwicklung hätten eines Tages zu der Technologie geführt, mit der Zeitsprünge möglich geworden wären. Aber aus irgendeinem Grund habt ihr die Entdeckung zu spät gemacht, denn sie hätte vor dem Datum dokumentiert werden müssen, an dem die Welt zerstört worden wäre.“
Aus dem Hintergrund mischte sich Jessica nachdenklich ein: „Vielleicht war es sogar die Tatsache, dass Daniel Karin zu dem betreffenden Zeitraum nach Amerika gelockt hatte. Vielleicht hätte sie gerade in diesen Tagen hier sein müssen, um gemeinsam mit Simon die Entdeckung zu machen. Durch sein Mitgefühl für sie hat der Terminator sich die Mission versaut.“
„Gut möglich. So zog die Entwicklung der Dinge ihre Kreise und bereinigte die Zeitlinie. Es ist nur noch etwas ... äh ... Abfall übrig, und das sind, so leid mir das auch tut, Daniel und Abbey.“ Thorsten hob die Achseln und drückte Bedauern aus.
„Solange die beiden noch existieren, können wir nicht ausschließen, dass sie eines Tages entdeckt und auseinander genommen werden. Mit den Bestandteilen aus ihrem Innenleben könnte die technische Entwicklung dieser Ära beeinflusst werden und der Lauf der Dinge, der zum Atomkrieg geführt hatte, könnte sich irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt wiederholen. Solange die Menschen über Massenvernichtungswaffen und die Möglichkeit, sie gegeneinander einzusetzen, verfügen, sind Daniel und Abbey die größte potenzielle Gefahr, die der gesamten Menschheit droht.
Bitte glaubt uns das, wir haben es am eigenen Leib erfahren müssen. Wir hatten keine sehr schöne Kindheit, wisst ihr? Wir sind in den Ruinen versteckt aufgewachsen und haben ununterbrochen um unser Leben fürchten müssen.“ Miriams Stimme erstarb angesichts der Erinnerung an ein anderes Leben, das es ihr unmöglich machen würde, jemals wie ein völlig normaler Mensch unbekümmert leben zu können. Sie alle waren für den Rest ihres Daseins seelisch gebrandmarkt, wie Simon und Karin nun erkannten. Das war es wohl gewesen, was immer eine unbestimmbare Distanz zwischen ihnen aufrecht erhalten hatte, so lange sie sich gekannt hatten und so sehr sie sich auch bemüht hatten, wie normale Menschen zu wirken.
Karin fasste sich und sagte dann mit fester Stimme: „Wenn das alles stimmen sollte, warum habt ihr euch dann ausgerechnet bei uns eingenistet? Wusstet ihr denn auch im Voraus, welche Rolle wir spielen würden? Was von dem war echt, was ihr ...“
„Es war alles purer Zufall ... oder Vorsehung, Schicksal, wie auch immer“, beeilte CSM 108-1 sich zu erklären. „Wir hatten keine Daten über die Identität des oder der Entdecker. Wir haben uns nur in den Zirkel der naturwissenschaftlichen Studenten einschleusen wollen, um später herausfinden zu können, wer der oder die Entdecker des sogenannten ZVA-Effektes waren.
Alles was ich tat, war, auf eine Wohnungsanzeige zu antworten, der Rest hat sich von selbst ergeben.“
„Ein bisschen viel an Zufällen, nicht wahr? Vielleicht hat sich das Schicksal ja wirklich ein paar üble Späße mit uns allen erlaubt“, meinte Karin nachdenklich.
„Spätestens, seit du mir als kleines Mädchen mit deinem Rad vors Auto gefahren bist“, gab er zu bedenken.
„Das stimmt“, bestätigte sie. „Aber jetzt wollt ihr uns ... was mitteilen? Dass ihr euch verabschiedet und uns unserem eigenen Leben überlasst? Dass wir uns nie wieder sehen werden, weil wir zwei Roboter geliebt haben?“
„Wie hätten wir es euch jemals erklären sollen?“, versuchte sich TSR 3012 zu verteidigen. „Wir wollten euch nicht verlieren ... glaube ich.“
„Ihr wusstet nicht, ob wir es verstanden hätten, meinst du? Jedenfalls hätten wir dann gewusst, was hier eigentlich los ist, und hätten nicht jahrelang mit den Lügen und Verheimlichungen leben müssen. Das war fast noch schlimmer als die Wahrheit, so absurd die auch sein mag. So absurd, dass wir es wahrscheinlich erst in Wochen oder Monaten begreifen werden. Dass wir uns sagen werden: Hey, wir waren verliebt in Maschinen! Wo gibt es denn so was?“ Simons Stimme war immer lauter geworden, die Entrüstung und pure Verzweiflung darin unverkennbar.
TSR 3012 sagte sanft: „Wir können wohl nichts weiter tun als euch um eure Vergebung bitten. Auch wenn wir euch nie unser wahres Ich offenbart haben, so waren die Gefühle und Empfindungen euch gegenüber so authentisch, wie es nur hätte sein können. Ihr beide habt uns geholfen, uns zu den Persönlichkeiten zu entwickeln, die wir heute sind, ob künstlich oder natürlich geschaffen.“
Mit leichter Bitterkeit in der Stimme wollte Karin wissen: „Und was ist mit dir, Daniel? Kannst du nicht für dich selbst reden, wenn es um Gefühle geht?“
„Das muss ich nicht“, gab er zurück. „Unsere Gedankengänge sind praktisch identisch, da Abbeys Hauptprozessor eine genaue Kopie von meinem ist. Sie besitzt fast alle Erinnerungen und Gedanken, die auch ich in mir trage, bis hin zum Zeitpunkt meines Wiederauftauchens Anfang September 1997. Wir sind wie eineiige Zwillinge im Gehirn, wenn man es so trivial ausdrücken möchte, und haben quasi somit auch dieselbe Persönlichkeit.“
„Das ist hart, was, Simon? Wir stehen auf genau den gleichen Typen Mensch“, entfuhr es ihr im Zorn, doch gleich darauf tat es ihr leid, dass sie das gesagt hatte.
„Und für uns heißt es jetzt also Abschied nehmen? Ihr werdet von diesen Zukunftsagenten zerstört und beseitigt, während sie uns hingegen in Ruhe lassen? Klingt wenig plausibel.“
„Sie haben keinen Grund mehr, euch etwas zu tun. Ihr habt eure Rolle in diesem Ereignisrahmen nicht erfüllt, weshalb ihr irrelevant geworden seid. Und da niemand zurück in die Zukunft reisen kann, da diese noch nicht existiert, wird auch nichts weiter mehr geschehen, sobald die Spuren unserer Existenz vernichtet worden sind.
Wir haben unserer eigenen Terminierung zugestimmt, um euch und schlussendlich die gesamte Menschheit vor einer möglichen zukünftigen Vernichtung zu bewahren. Und jetzt seid ihr dran.“ CSM 108-1 klang sehr betrübt darüber, dass sie scheinbar so einfach von ihren Freunden abgeschoben wurden, jetzt, da die Wahrheit ans Licht gekommen war.
Karin sah Simon an und meinte: „Ich verzeihe euch, auch wenn das fehlende Vertrauen und der Mangel an Offenheit zwischen uns Wunden geschlagen hat, die groß sind. Ihr selbst habt es sicher auch gemerkt, dass unser Verhältnis nach den Ereignissen vor vier Jahren nicht mehr dasselbe gewesen ist.“
Bedauernd bestätigte TSR 3012: „Ja, selbstverständlich. Es schmerzte uns zwar, aber was hätten wir dagegen tun sollen? Jetzt allerdings bin ich fast froh, dass die Zeit des Lügens und sich Versteckens vorbei ist.“
Simon fragte neugierig: „Wie seht ihr eigentlich in Wirklichkeit aus?“
„Bitte, nein, das ist zu viel verlangt. Uns ist das menschliche Gewebe bereits mittels eines Säurebades entfernt worden. Außerdem haben sie uns schon die Arme und Beine abgenommen, aus Vorsichtsgründen, falls uns der Selbsterhaltungstrieb übermannen sollte. Doch das ist nicht geschehen, denn unsere Existenz hier ist in gewisser Weise sinnlos geworden und nur noch eine Gefahr. Der einzige Grund, weshalb wir geblieben sind, wart ihr beide.“
Bei dieser Erklärung von TSR 3012 begann Simon hemmungslos zu weinen, während sich Miriam dezent räusperte. „Ich wüsste da vielleicht einen Kompromiss. Wir haben den beiden schon die Extremitäten entfernt, wie sie gerade erwähnt haben. Vielleicht wollt ihr euch nur eines der Einzelteile ansehen, das ist viel abstrakter und wird keine so schockierende Wirkung auf euch haben. Was meint ihr?“
Simon und Karin fassten sich und stimmten dem Vorschlag zu. Nachdem auch die beiden Cyborgs zögerlich ihr Einverständnis gegeben hatten, ging Thorsten zu einem der beiden größeren Haufen, die mit Abdeckplanen zugedeckt waren, um die Folie ein wenig anzuheben und mühsam etwas hervorzuhieven. Durch das Dampfstrahlen waren die letzten Reste künstlichen Fleisches, die vom Säurebad nicht abgelöst worden waren, entfernt worden, sodass der gesamte Arm bis zum Schulterkragengelenk blitzblank aussah. Wie fabrikneu.
Er übergab Simon das filigran aussehende Teil, das in leicht gebeugter Stellung am Ellenbogen für die Ewigkeit erstarrt war. Oder bis zur Demontage. Wie jeder Bastler zuweilen zu pflegen sagte: Irgendwie haben sie das hier zusammenbekommen, also kann ich es auch auseinander pflücken. Bei der Übergabe ließ er den Arm fast fallen, da er nicht mit so einem hohen Gewicht gerechnet hatte.
„Wow, ist das schwer. Wie viel wiegt der denn?“ Staunend besah er sich zusammen mit Karin die Einzelteile, die Entsprechungen von Elle und Beuge, den Rahmen um den Bizepsbereich herum und die dicken Hydraulikzylinder, die darin eingebettet von ebenfalls von der Säure korrodierten Kabelbäumen angesteuert und von metallumwickelten Schläuchen mit Hydrauliköl versorgt worden waren, als der Arm noch angeschlossen gewesen war.
„23,8 kg. Das Gesamtgewicht unseres ganzen Endoskelettes beträgt je nach Größe 148 bis 162 kg, da die Hauptbestandteile aus einer hochfesten Legierung gegossen sind, die auch als Panzerung fungiert“, führte die körperlose Stimme CSM 108-1’s aus.
„Panzerung?“, echote Simon und studierte das komplizierte, hochbewegliche Schultergelenk weiter.
„Ursprünglich sind diese Bastarde als Kampfmaschinen konstruiert worden, musst du wissen“, soufflierte Lars genüsslich.
Karins Aufmerksamkeit widmete sich inzwischen ganz der Vielzahl an feinen Stangen der Mittelhand und des Handgelenkes sowie den winzigen Gelenken der einzelnen Fingerglieder, die in ihrem Inneren in der Mitte von metallischen Bowdenzügen durchzogen waren, die für die Beugung und Streckung der Finger gesorgt hatten.
„Das ist ein Kunstwerk. Dass so etwas überhaupt funktioniert“, wunderte sie sich, echte Ehrfurcht zeigend.
„Wenn sich so ein Ding um deine Kehle legt und dir den Kopf vom Hals abzwickt wie eine Rose vom Stiel, dann glaubst du es vielleicht“, schlug Lars sarkastisch vor.
„Bitte, lass’ das“, pfiff Miriam ihn zurück.
„Jetzt wird mir so einiges klar. Die schnellen Reflexe, dass du meine schwere Kommode bei deinem Einzug alleine anheben konntest, dass wir wegen Daniels Gewichts nie zusammen im Lift gefahren sind ... mir würden wahrscheinlich Dutzende Beispiele einfallen. Wie konnten wir nur so blind sein?“ Karin strich gedankenversunken über das Gestänge des Handrückens.
„Liebe macht blind“, sagte Lars nun, worauf er von Thorsten einen Klaps auf den Hinterkopf bekam und lautlos der Scheune verwiesen wurde.
„Ich möchte dieses Kapitel meines Lebens als abgeschlossen betrachten“, kam Karin zu einem Entschluss. „Ich weiß nicht, wer die Guten und wer die Bösen waren in eurer Welt und es geht mich auch rein gar nichts an, so wie ich das sehe. Für mich zählt das, was hier geschehen ist, und dass das ehrlich war, was sich zwischen uns abgespielt hat. Ich glaube, damit kann ich leben, auch wenn ich mich für den Rest meines Lebens an diese abstruse Zeit erinnern werde.
Simon, soll ich dir sagen, was das Beste für uns sein wird? Wenn wir jetzt diesen beiden ... Wesen ... Lebewohl sagen, aus diesem Schuppen hinausgehen und uns nicht mehr umdrehen. Und versuchen, nicht verrückt zu werden, wenn wir uns an dieses Erlebnis zurückerinnern.“
„Klingt gut“, meinte er kurz angebunden. „Hört sich jetzt zwar blöd an, aber ich hoffe, ihr habt euren Frieden mit euch gemacht. Lebt wohl, Abbey und Daniel. Und ihr anderen, lasst euch bitte nie wieder in dieser Gegend blicken, seid so nett, ja?“
„Macht es gut. Lebt wohl, ihr beiden, und werdet glücklich und habt viel Erfolg und Freude an eurem Leben.“ Man konnte nicht mehr heraushören, welche der beiden synthetischen Stimmen es gewesen war, was aber auch keine Rolle spielte, wie sie jetzt wussten.
„Was für ein nichtssagender und lapidarer Abschied. Ist es nicht grotesk? Das liegt bestimmt an dieser Situation ...“ Karin war schon an der Tür, als sie noch über die Schulter rief: „Ich glaube, ihr tut das Richtige, das gibt eurer Existenz doch noch einen Sinn.“
„Dank deiner Aussage wird es uns noch etwas leichter fallen, unser Schicksal in Kauf zu nehmen“, versicherten die beiden ihr unisono, bevor man das Tor ins Schloss fallen hörte.
„So, das war’s“, sagte Miriam. „Seid ihr jetzt bereit?“
„Lasst es uns hinter uns bringen“, erwiderten sie nur.
„Gut, dann wollen wir mal. Hol’ Lars wieder rein, damit er unseren kleinen Schmelzofen auf Touren bringt. Jessica, sind die Bleibehälter fertig?“
„Ich habe sie gestern Abend noch in die Formen gegossen. Wir können ihre beiden Energiezellen mit Leichtigkeit darin unterbringen und dann mit Blei zugießen, bevor wir sie im Brunnenschacht hinter dem Haus in achtzig Fuß Tiefe versenken und den Schacht zuschütten. Wenn wir fertig sind, wird man nicht mal mehr ahnen, dass da mal ein Brunnen war. Niemand wird die Zellen in dieser gottverlassenen Gegend je finden.“
Lars kam herein. „He, der Ofen ist doch schon längst vorgeheizt. Ich kann anfangen damit, die ersten Teile einzuschmelzen. Das Schöne an Legierungen ist schließlich, dass sie trotz all der anderen Vorteile, die sie haben mögen, doch meistens einen eher niedrigen Schmelzpunkt haben, weil sie Stoffgemische sind.“
„Wohl wahr, Bruder Lars“, tönte Jessica grinsend.
„He, wir sind noch da“, merkte TSR 3012 protestierend an.
„Aber nicht mehr lange“, entgegnete das lateinamerikanisch aussehende Mädchen mit den dunklen Augen und den langen braunen Haaren, als sie mit einer feinen Pinzette und einen ebensolchen Schraubenzieher um den Sichtschutz herumkam und interessiert den glänzenden totenschädelgleichen Kopf von CSM 108-1 betrachtete. „Weißt du, das ist das erstemal für mich, ich hab bisher immer nur zugesehen.“
„Dann schön sachte, ja? Denk’ an unseren letzten Willen“, wandte er ein und drehte die tiefliegenden rotglühenden Augen in ihren Höhlen zu ihr hin, was ein leises Surren erzeugt, wie jede Bewegung seines Kopfes, jetzt da seine mechanischen Komponenten offen freilagen und nicht mehr vom organischen Überzug bedeckt wurden, der die Geräusche der Servos und Hydraulikeinheiten gedämpft hatte.
Das letzte, was CSM 108-1 sah, war sein Ebenbild TSR 3012, wie es neben ihm auf der Werkbank aufgereiht dastand und ebenso wie er auf das Ende seiner Existenz wartete, das nun unmittelbar bevorstand. Er hatte erst eine totale Unterbrechung seines Bewusstseins erlebt, als sie sich gegenseitig ihre CPU entfernt hatten, um die von Skynet eingegebenen Subroutinen zu löschen.
Diesmal würde es kein Erwachen mehr geben, dass wusste er.
Was war das? Hatte er etwa Angst vor der Ungewissheit dessen, was nun kommen würde? Es gab keine Ungewissheit, da er wusste, dass nichts mehr kommen würde. Oder?
Er hatte tatsächlich Angst!
Wie peinlich, dachte er und verzog seinen Skelettschädel zu einem Sensenmanngrinsen, das einfror, als Jessica die CPU nun herauszog und sorgsam auf die Arbeitsplatte der Werkbank legte.
„Und jetzt du“, wandte sie sich an TSR 3012.
„Du hast schönes Haar“, stellte diese fest, um etwas zu sagen.
„Danke, du hast auch sehr schönes Haar gehabt. Du warst sehr hübsch“, gab die junge Rebellin zurück, als sie die Abdeckplatte über dem künstlichen Gehirn abschraubte und abnahm.
„Das ist nett von dir.“ Es war absolut lächerlich, dass sie diese nichtssagende Unterhaltung nur Sekunden vor ihrem Ende führte, aber sie konnte nichts dagegen tun.
„Bist mächtig nervös, was?“, tippte Jessica nun auch goldrichtig.
„Ja, schon“, gab TSR 3012 verlegen zu, was angesichts ihres bedrohlichen Äußeren grotesk wirkte.
„Wer wäre das nicht?“, meinte die Frau wenig mitfühlend und zog ohne weitere Vorwarnung auch ihre zentrale Recheneinheit aus der Halterung. TSR 3012 zuckte unmerklich, bevor ihre Augen langsam erloschen.
Für immer.
Das war doch ein Stück Ewigkeit, oder nicht?
[und morgen kommt der Epilog !]
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