Donnerstag, 1. März 2007
T1.85 - EPILOG
[... letzter Teil des Buches - für Späteinsteiger, Fans und Sammler gibt es hier das ganze Buch zum Download ]

- E P I L O G -

Freiburg im Breisgau, Deutschland - 3. Dezember 2001

Es war ein Montagmorgen, der bitterkalt und feucht war, draußen fror es und ab und zu fielen ein paar Schneeflocken, aber längst nicht genug, um liegen zu bleiben und auch nur den Dächern oder Rasenstücken in der Stadt einen Hauch von weiß zu verleihen. Der Wald auf dem Schlossberg direkt neben der Innenstadt hingegen war schon winterlich weiß gepudert mit einer zarten Schneeschicht.
Karin und Simon saßen total zerschlagen am Frühstückstisch, der ihnen seltsam groß und leer vorkam an diesem trüben und tristen Morgen. Sie hätten eigentlich auf eine Vorlesung gehen sollen, doch nachdem sie sich die letzten drei Abende hemmungslos betrunken hatten, stand das momentan nicht zur Debatte. Nachdem sie allen möglichen Leuten hatten erklären müssen, unter anderem auch der örtlichen Polizei, bei der ihre besorgten Eltern bereits eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatten, dass es ihnen gut gehe und sie lediglich einen spontanen Urlaubstrip mit ihren Freunden und jetzigen Ex-Freunden unternommen hatten, hatten sie sich in die Wohnung zurückgezogen, die Türklingel und das Telefon ausgehängt und das ganze Wochenende keinen Fuß vor die Tür gesetzt.
„Eine brillante Art, mit seinen Problemen umzugehen“, sagte Karin matt mit kleinen Augen, während sie ihre dritte Tasse Kaffee schlürfte, um wieder einen Menschen aus sich zu machen.
„Ja, wir sind echte Helden“, bestätigte Simon sarkastisch und verkatert.
„Superhelden“, bekräftigte sie.
„Immerhin haben wir uns keinen härteren Drogen hingegeben. Das ist doch schon mal was“, verteidigte er sie beide. Dann schlurfte er zum Telefon und steckte es wieder ein.
„Aber auch nur, weil nichts anderes da war. Was hätte schon abgefahrener sein können als dieser Trip in der Scheune?“, gab sie zu bedenken.
„Stimmt auch wieder. Von diesem ... dings ... Standpunkt aus gesehen, war es gut, dass wir uns weggeschlossen und damit begnügt haben, unsere Hausbar restlos zu leeren.“ Er schlurfte zur Türklingel, setzte sie wieder in Betrieb und begab sich dann wankend ins Bad, um eine Dusche zu nehmen.
Kaum hörte sie, wie nebenan das Wasser rauschte, als die Türglocke läutete. ‚Toll, kaum eine Minute wieder eingeschaltet, und dann das!’ dachte sie mürrisch und ging langsam zur Gegensprechanlage.
„Ja?“
„Einschreiben für Frau Bochner“, kam eine Stimme blechern aus dem Lautsprecher. „Können Sie vielleicht runterkommen?“
„Um nichts in der Welt. Wir haben einen Aufzug, fahren Sie einfach bis ganz nach oben“, erwiderte sie, hängte den Hörer auf, ohne auf Antwort zu warten, und drückte den Türsummer betont lange.
Fluchend stürmte sie nach hinten in ihr Zimmer, holte sich einen Morgenmantel aus dem Schrank und erreichte gerade stolpernd die Tür, als von außen dagegen geklopft wurde.
„Jaja. Schon gut“, brummte sie und öffnete einen Spalt weit. Tatsächlich stand ein uniformierter Mann mit einem Visumsblock und einem Päckchen in Händen da.
Als sie unterschrieb, bemerkte der Typ Anfang Vierzig mit buschigem Schnauzbart und ergrauten, dünnen Haaren: „Lassen sie mich raten. Sie sind Studentin, richtig?“
„Wieso?“, fragte sie verständnislos, vom Restalkohol noch ein wenig benebelt.
„Ist doch klar: Montag Morgen, verkatert, unausgeschlafen und noch im Nachthemd, unfähig, zur Haustür zu kommen. Um das zu erkennen, muss man nicht studiert haben.“ Er grinste spitzbübisch.
„Um Briefe auszutragen, wohl auch nicht“, gab sie pikiert zurück.
„He, kein Grund, ausfallend zu werden“, meinte er darauf und steckte seinen Notizblock weg.
„Naja, ich habe einiges durchgemacht in letzter Zeit, verstehen sie?“, machte sie einen schwachen Versuch der Erklärung.
Er antwortete schlagfertig: „Das sehe ich.“
„He, jetzt halten Sie mal die Luft an! Es geht Sie zwar ‘nen Scheißdreck an, aber ich habe meine zwei besten Freunde verloren, und einer davon war der Mann, den ich seit vier Jahren geliebt habe. Sie sind beide tot und werden nie wieder kommen, verstehen Sie? Und jetzt gehen Sie lieber, bevor Sie so was von einer Beschwerde aufgehalst bekommen ...“ Ihre Stimme war immer schriller und lauter geworden, bis sie erstarb und in ein Schluchzen überging.
„Tut ... tut mir leid ... konnte ich ja nicht wissen ...“, versuchte er eine matte Entschuldigung hervorzubringen, aber sie winkte nur ab und lehnte sich an den Türpfosten, wo sie kraftlos herabsank, bis sie auf dem Hosenboden landete.
„Sie wissen gar nichts ... gehen Sie einfach ... bitte ...“
Verschreckt bestieg der Postler den Aufzug und beeilte sich, hier wegzukommen, während Karin heulend auf der Türschwelle saß, bis Simon sie dort fand und herein holte.
Offenbar war es für sie zum Zusammenbruch gekommen. Er wusste nicht, ob es ihn auch noch erwischen würde, bezweifelte es aber nicht. Zum Glück war sie eine robuste Natur und erholte sich rasch, nachdem er sie in die Küche aufs Sofa gelegt, zugedeckt und ihr einen weiteren Milchkaffee in die Hand gedrückt hatte.
Dann setzte er sich zu ihr und wollte wissen, was geschehen war. Als sie es ihm mit bebender Stimme erzählte, fiel ihr etwas wieder ein: „Ach, da war ja dieses eingeschriebene Päckchen, wegen dem es den ganzen Ärger gab. Es müsste noch draußen auf dem Hausflur liegen.“
„Ich seh’ gleich nach“, meinte er beflissen und ging hinaus, wo er tatsächlich das kleine quaderförmige Paket auf der ersten Treppenstufe fand.
„Was das wohl sein kann? Bestellt hab’ ich jedenfalls in letzter Zeit nichts“, dachte sie laut nach beim Aufmachen. Einen Absender hatte es nicht. „Hm, es wiegt fast nichts.“
Dann hatte sie es an der Schmalseite aufgerissen und schüttete den Inhalt auf dem Tisch aus.
Ein Zettel fiel ihnen entgegen und zwei kleine Gegenstände, die sorgsam in Packpapier eingewickelt worden waren. Sie nahm den Zettel und las ihn vor:

„Das ist der letzte Wille von Daniel und Abbey.
Man sagt, das Gehirn ist der Sitz des Bewusstseins.
Das Bewusstsein manifestiert die Seele.
Passt gut auf diese beiden Seelen auf.
Zeigt sie niemandem und gebt sie nie aus der Hand.
Alles Gute.“

Sie sahen sich ratlos an und wickelten die beiden identisch erscheinenden Gegenstände aus. Es waren zwei Blöcke aus durchsichtigem Kunstharz oder einem ähnlichen Material, die in etwa die Größe einer Zigarettenschachtel hatten. Genau in deren Mitte war ein anderer Gegenstand eingegossen, der ungefähr die Ausmaße eines Dominosteinchens hatte und von gräulicher Färbung war, aber davon abgesehen völlig fremdartig auf sie wirkte.
„Sieh mal, wie fein dieser Stein da drin gearbeitet ist. Es sieht aus, als seien das unendlich viele winzige Steinchen, die zusammengesetzt zu diesem Block sind. Sieh mal, wenn du es gegen die Sonne hältst, kannst du durch die feinen Ritzen sehen. – He, da ist etwas eingraviert.“ Sie hielt den Quader anders, um die schwache, unauffällige Gravur am Seitenrand besser entziffern zu können.
Ihr stockte der Atem. „Da steht ‚Daniels Mind’. Oh mein Gott, das muss sein Elektronengehirn, Hauptprozessor oder wie auch immer, gewesen sein. Es war ihr letzter Wille, dass wir es zur Aufbewahrung bekommen und nie jemandem zeigen, was wir da haben. Verrückt.“
„Ja, hier steht ‚Abbeys Mind’ drauf. Und sieh mal, dort am Ende des kleinen Quaders, das sieht aus wie ein vielpoliger Stecker. Auf der Seite müssen sie den Prozessor mit dem ... was auch immer ... verbunden haben.“ Er schüttelte sich ungläubig und holte eine Lupe.
„Das müssen Hunderte von Polen sein ... vielleicht Tausende. Sie sind so winzig, dass ich sie nicht mal durch die Lupe richtig sehen kann. Wahnsinn. Allmählich beginne ich eine Ahnung davon zu bekommen, wie hochentwickelt ihr künstlicher Verstand überhaupt war.“
Karin betrachtete die einzelnen mikroskopischen Einzelstücke des Quaders. „Sie sind geometrisch ausgerichtet wie ein Gitter und alle untereinander verbunden. Allein auf der dünnen Seite sind es Dutzende von Schichten, die übereinander liegen. Auf der Quer- und der Längsseite müssen es ebenfalls Hunderte und Tausende dieser einzelnen Prozessorzellen sein. Sie haben gesagt, sie konnten ein Netzwerk bilden wie im menschlichen Gehirn. Vielleicht war es das, was die Maschinen versuchten: die Funktionsweise des menschlichen Gehirnes zu imitieren.“
„Und genau das war es, wovor die Typen aus der Zukunft solche Angst hatten. Karin, wir haben hier ein schreckliches Geheimnis in Händen, aber für uns ist es mit Sicherheit das schönste persönliche Erinnerungsstück, das man sich vorstellen kann. Wir dürfen es niemals jemand anderem offenbaren, damit haben Miriam, Thorsten und die anderen recht.“ Eindringlich sah er sie an und nahm ihre Hände in die seinen, noch während sie ihr Kleinod umklammert hielt.
Feierlich sagte sie: „Niemals. Zu viel hängt davon ab, dass das hier sicher verwahrt wird. Spätestens morgen bringen wir es auf die Bank und lassen es in ein Schließfach sperren, das nur von jemandem geöffnet werden darf, der das Codewort kennt: ‚Daniel und Abbey.’ Was hältst du davon?“
„Klingt gut. Aber wovon sollen wir das bezahlen?“
Sie zog etwas hervor: „Abbeys Kreditkarte; sie hat sie an dem letzten Abend daheim gelassen, weil sie im Funpark nur Bargeld nehmen. Da ihr Konto ein unbegrenztes Limit hat, können wir die Fachmiete für zig Jahre im Voraus bezahlen. Unsere Enkel können sich um den Rest kümmern.“
Er sah sie fragend an. „’Unsere’ Enkel?“
„Naja, je weniger Leute wir einweihen müssen, umso besser für die Welt, nicht wahr? Und du und ich, wir wissen seit der Zeit in Neuf-Brisach, dass es etwas zwischen uns gibt, das niemand zerstören kann. Unsere Beziehungen zu Daniel und Abbey waren niemals wieder so wie seit jener Zeit. Sie wussten es irgendwie und wir haben es auch unterbewusst wahrgenommen. Jetzt haben wir beide auch noch dieses unglaubliche Trauma gemein, das uns verbindet, und ich weiß nicht, was es Besseres geben kann, als das alles mit jemandem zu teilen, den man so gut kennt und der einen besser versteht als irgendjemand sonst auf der Welt.“ Sie hielt inne und sah ihn groß an, worauf er ihr sanft lächelnd über die Wange fuhr.
Als sie sich küssten und hintenüber sanken, wussten sie beide, dass es mehr war als einfach nur Liebe, die sie füreinander empfanden. Sie waren füreinander da und wussten Dinge voneinander, die sie keinem sonst sagen konnten, weil niemand sonst sie verstehen oder ihnen glauben würde. So ging für sie beide ein Alptraum zu Ende und ein Traum begann.
Langsam rutschte die Kreditkarte von der Sitzfläche und landete auf dem Boden. Dabei überzog sie ein kurzes metallisches Schillern, worauf sie ein neues Farbmuster und Firmenlogo bekam.



- E N D E -

[Ich hoffe es hat einigen gefallen - ich jedenfalls fand die Geschichte sehr clever - falls jemand eine Fortsetzung möchte, reicht ein Kommentar zum Buch unter diesem Blogbeitrag.

Bis dahin veröffentliche ich erstmal Teil 2 von Andilone's StarTrek Fanfiction.
Wer sich darauf vorbereiten will, kann StarTrek 1 - Der Ewige von Alnilam hier herunterladen.
Live long and prosper,
CyMeP ]

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