Sonntag, 10. Juni 2007
StarTrek 2 - Das ganze Buch zum Downloaden !
Endlich geht's weiter, Fans der Fanfiction von Andilone !
Hier ist das ganze Buch der zweiten Episode der StarTrek Quintologie: 'Der Feind meines Feindes... ist mein Feind' zum Download
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Für alle anderen: Hier ist das ganze Buch zum online lesen:

Star Trek - U.S.S. Fairchild (N.C.C. - 1912 - A)

Der Feind meines Feindes... ist mein Feind


- 1 -

Sternzeit 49784,8
Gedankenversunken standen Lennard, Leardini und Nidor auf dem abgedunkelten Aussichts-deck und starrten durch die Scheibe aus transparentem Aluminium in das Vakuum der Raum-werft hinaus, wo ihr Schiff gerade die Endkontrollen nach über acht Monaten der Umrüstung und Modernisierung passierte. Sie hatten sofort nach ihrer Rückkehr den Befehl von oberster Stelle erhalten, hierherzufliegen, nachdem sämtliche Familienmitglieder und andere Zivil-isten von Bord hatten gehen müssen. Bei ihrer Ankunft stellten sie fest, daß sich bei diesen Koordinaten eine Raumschiffwerft befand, und zwar eine hochgeheime, von deren Existenz nicht einmal Captain Lennard etwas gewußt hatte.
„Was meinen Sie, Mrs. Nidor, wird sie rechtzeitig fertigwerden?“ Captain Lennard, ein hoch-gewachsener Neuseeländer, Ende Dreißig und mit seinem dunkelblonden Haar sowie den grüngrauen Augen einen recht freundlichen Eindruck auf den Beobachter machend, sah seine Chefingenieurin Atarma Nidor, eine Vulcanierin, an.
„Ich war gerade bei der Abschlußbesprechung mit den Werftingenieuren,“ antwortete Nidor, „und es sieht ganz danach aus, als seien die Umbauten abgeschlossen. Wir haben die Kon-struktion des vom Ewigen verbesserten metaphasischen Schildes soweit studiert, daß wir ihn in Schiffen, die sich noch im Bau befinden, teilweise und mit nur geringem Mehraufwand realisieren können. Die Nachrüstung in bereits existierende Modelle, welche nicht der Galaxy-Klasse entsprechen, stellt uns zur Zeit allerdings noch vor unlösbare Probleme.“
„Und die sonstigen Arbeiten?“ wollte Leardini, die Erste Offizierin, wissen.
„Nun, das Studium der Daten, die uns der Ewige überlassen hat, trägt bereits erste Früchte. Natürlich hält sich die Föderation an die ethische Verpflichtung, die der Besitz von solch im-mensen Wissensschätzen mit sich bringt. Es wird in keiner Weise an überlegenen Waffensys-temen gearbeitet, um das Gleichgewicht der Kräfte im Quadranten zu unseren Gunsten zu be-einflussen.“
„...wie die klingonischen Renegaten es ohne Zögern getan hätten, wären sie im Besitz der Daten geblieben. Hoffen wir nur, daß so etwas wie damals nie wieder geschieht,“ bemerkte Leardini.
Lennard erklärte daraufhin: „Keine Sorge, Stefania, das wird nicht noch einmal vorkommen. Nachdem die Sternenflotte aufgrund unserer Berichte erkannt hat, welche Gefahren in einem erneuten Besuch des Alnilam-Systems liegen, wurde es zur Sperrzone erklärt. Es wird sogar schärfer überwacht als Talos IV.“
„Naja, ein wenig beruhigt mich das schon. Und die übrigen Details der Verbesserungen?“ Fragend sah Leardini ihre Kollegin an.
„Durch das Studium der Bibliothek der Rasse, welche als letzte vor uns den Ewigen besucht hat, ist es uns gelungen, mit einigen einschneidenden Verbesserungen der Warpfeld-Geome-trie, der Diliziumkristall-Ausrichtung des Antriebssystems und einer neuartigen Verterium-Kortenid-Legierung für die Warpspulen den Warpantrieb so zu verbessern, daß eine Dauer-höchstgeschwindigkeit von Warp 9,9 problemlos gehalten werden kann. Das Strukturelle In-tegritätsFeld (SIF) arbeitet jetzt mit einer Effizient von 197 Prozent der ursprünglichen Stärke, das TrägheitsDämpfungsFeld (TDF) kann bis zu fünfzig Prozent stärkere Beschleu-nigungen kompensieren und spricht seit der Rekonfigurierung der zugehörigen Software noch schneller an als bisher. Es absorbiert nach ersten Computersimulationen Erschütterungen bis zur Stärke 5,6 auf der nach oben offenen Richter-Skala. Ferner arbeiten wir noch an letzten Tests, um den Transporter so umzurüsten, daß er durch die aufgebauten Schilde hindurch arbeitet.“
„Wirklich beeindruckend, Lieutenant Commander. Warp 9,9 werden wir auch dringend brau-chen, wenn wir unsere Mission lebend überstehen wollen und uns keine andere Wahl bleibt, als mit Höchsttempo davonzufliegen, vor wem auch immer.“
„Verzeihen Sie die Frage, Captain, aber wie genau meinen Sie das?“
„Das kann ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht beantworten, Mrs. Nidor. Wir sind hier offenbar in eine große Sache hereingeraten. Starfleet hat einiges mit uns vor, sobald die Umbauten an der Aldebaran abgeschlossen sind und die Crew vom Urlaub oder der zeitweil-igen Versetzung zurückgekehrt ist. Noch ist alles geheim... warum grinsen Sie so, Stefania?“
Nidor antwortete: „Ich nehme an, das Vergnügen der Commander ist darauf zurückzuführen, daß sie unser Schiff wieder Aldebaran genannt haben.“
Er schlug sich mit der Hand an den Kopf. „Gut, Sie haben mich erwischt. Aber warum wir das Schiff umbenennen mußten, will mir nicht so ganz in den Sinn gehen.“
„Der Name war vielen im Hauptquartier schon seit jeher zu unkonventionell und unscheinbar. Die Admirale haben doch nur auf so eine Gelegenheit gewartet, um unter fadenscheinigen Gründen für eine Umbenennung zu plädieren. Ich glaube jedenfalls nicht, daß die Feinde der Föderation davon so sehr verwirrt werden, daß uns daraus der entscheidende Vorteil entsteht. Ich sehe eher die Gefahr, daß wir für Hochstapler angesehen werden, wenn wir unsere Flot-tenstärke auf dem Papier erhöhen wollen. Dadurch könnte sogar der Anschein entstehen, daß wir verwundbarer sind, als wir zugeben wollen,“ ereiferte sich Leardini.
Lennard zuckte mit den Schultern. „So schlecht klingt Fairchild doch gar nicht. Ich finde, irg-endwie paßt der Name zu einem Schiff der Galaxy-Klasse,“ wiegelte Lennard ab.
„Ziemlich pompös und selbstverherrlichend. Meiner Meinung nach paßt er eher in die Mantel- und Degenperiode der Föderation des späten dreiundzwanzigsten Jahrhunderts ... Sie wissen schon, Kirk und Konsorten. Nun ja, Wenigstens haben sie uns die Registrierungs-nummer gelassen,“ meinte sie großzügig und wandte sich dann nochmals Nidor zu. „Wie habt ihr das mit dem Transporter gemacht?“
„Wir haben die technischen Informationen direkt vom Sternenflotten-Hauptquartier bekom-men, von den Wissenschaftlern, die mit der Auswertung der Daten des Ewigen von Alnilam beschäftigt waren. Es war praktisch eines der ersten Dinge, die sie direkt verwerten konnten. Die Kultur dieses Volkes soll übrigens... faszinierend gewesen sein.“
„Ich wußte, sie würde das sagen,“ raunte Leardini Lennard zu.
Unbeeindruckt fuhr Nidor fort: „Die Grundlagen sind in der Theorie vorhanden, um selbst durch einen hochgefahrenen Schirm von unserer Stärke hindurchzubeamen. Es hat sogar den Anschein, als habe der Ewige bei der Modifikation der Schirmkonstruktion als Basis die Technik jener Rasse benutzt, die sich Malporo nannten. Ihre Technik war der unseren noch am ähnlichsten, soweit das bisher beurteilt werden kann. Wir haben die Adaption jedoch noch nicht soweit, daß wir sie auf unsere Quantenauflösungstechnik anwenden können; das be-deutet, wir können noch keine lebenden Wesen sicher transportieren, nur unbelebte Materie. Ich möchte Ihnen auch gar nichts vormachen, Captain, denn meiner Einschätzung nach werden wir diese Aufgabe nicht mehr bis zu dem geplanten Abflugsdatum lösen können.“
„Das macht nichts, Mrs. Nidor, es wird auch ohne gehen. Wir können froh sein, daß wir in so kurzer Zeit bereits von dem immensen Wissen profitieren, das uns zum Geschenk gemacht wurde. Was glauben Sie, werden die Jem’hadar in der Lage sein, unsere Schilde zu durch-dringen?“
Nidors Augenbrauen hoben sich an den Außenseiten, wodurch deren Diagonalität noch stärker betont wurde. „Schwer abzuschätzen. Ihre Waffen werden es nicht schaffen, auch wenn sie weiterentwickelt sind als unsere. Falls sie das Schiff entern wollen, stehen die Dinge anders. Bislang haben sie sich durch jeden uns bekannten Schutzschild ohne Probleme hin-durchbeamen können. Demnach haben sie auf diesem Gebiet einen erheblich größeren tech-nologischen Vorsprung als beispielsweise bei den Waffen. Und denken Sie daran, Captain, daß nur drei der Jem’hadar-Schiffe die Odyssey, unser Schwesterschiff, zerstören konnten.“
„Ja, durch einen Kamikaze-Angriff, bei dem sie mit einem ihrer Schiffe unseres gerammt haben,“ erwiderte Leardini gereizt, „während wir indes etwas ganz Ähnliches mit einem Schiff der Vor’cha- Klasse getan haben. Nur, daß wir dabei nicht selbst ums Leben kamen, sondern kaum einen Kratzer abbekommen haben, das ist der Unterschied.“
„Ich würde fünf eingebogene Stützstreben in Sektion Zehn Vorne und zwei angerissene Hal-teklammern der Maschinensektion nicht gerade als ‘Kratzer’ bezeichnen,“ belehrte Nidor sie und fügte nach einem Moment nachdenklichen Zögerns hinzu, „ganz zu schweigen von dem schweren Nervenschock, den unser bedauernswerter Barkeeper erlitt, als er durch die Panora-mafenster den Klingonenkreuzer auf sich zurasen sah.“
Beschwichtigend hob Leardini einen Mundwinkel sowie ihre Schultern. „Da haben Sie aller-dings recht, das muß ich Ihnen zugestehen, Atarma. Ich weiß nicht, wie ich an seiner Stelle reagiert hätte.“
„Seine Reaktion, das Schiff stehenden Fußes bei der nächsten Raumbasis zu verlassen, kann ich durchaus nachvollziehen,“ bemerkte Nidor.
„Die Tatsache, daß wir die Stärke des Strukturellen Integritäts-Feldes nahezu verdoppelt hab-en, beruhigt mich allerdings weniger als meine feste Überzeugung, Counselor Kall in Krisen-situationen nicht mehr als Steueroffizier einzusetzen.“
Auf diesen Einwurf Lennards hin mußte Leardini lachen.
Natürlich verzog die Vulcanierin keine Miene.
Als Leardini das bemerkte, verebbte ihr Lachen allmählich und machte einer gewissen Resig-nation in ihrer Miene Platz.
Lennard fragte schnell: „Können wir die A... verflixt! ...die Fairchild also wie geplant be-mannen und unsere zivilen Besatzungsmitglieder bei Starbase 149 abholen?“
„Vom technischen Standpunkt aus sind keine Bedenken anzumelden, wenn die letzte Ebene-Eins-Diagnose keine Fehler mehr aufzeigt. An der Transporterproblematik kann der tech-nische Stab ja während des Fluges arbeiten... wenn dazu genügend Zeit bleibt.“ Dieses Mal hob Nidor nur eine Braue.
Lennard sah auf und sagte leise: „So funktioniert das nicht, Lieutenant Commander. Wenn Sie irgendetwas über unsere Mission erfahren wollen, müssen Sie schon eine Gedankenver-schmelzung mit mir durchführen.“
Sofort versteifte sich die Haltung der Chefingenieurin. „Nichts läge mir ferner, Sir. Bitte ver-zeihen Sie, falls ich den Eindruck von Neugierde erweckt haben sollte. Ich... ich denke, ich sollte nochmals zum Schiff hinüber, um den Stand der Diagnose einzusehen.“
„In Ordnung. Dann bis morgen, Sternzeit Komma Fünf in der Beobachtungslounge.“ Nach-dem Lennard ihr zugenickt hatte, verließ sie den schwach beleuchteten Raum. Leardini wartete geduldig, bis sich die Türen mit leisem Zischen hinter ihr geschlossen hatten, bevor sie das Wort ergriff.
„Ist es denn fair, die Besatzung im Ungewissen zu lassen? Diese Geheimniskrämerei paßt mir nicht, Kyle.“
„Ich weiß, aber ich habe mir das schließlich auch nicht ausgesucht. Ich fühle mich genauso unbehaglich dabei wie du. Wenn es nach mir ginge, würde ich nicht einmal unsere zivilen Be-satzungsmitglieder mitnehmen. Bei dem Gedanken an die Odyssey wird mir schon ein wenig mulmig.“
„Allein schon diese geheime Werft! Wie kommt es, daß so gut wie niemand von ihr weiß?“ wollte Leardini wissen.
Nachdenklich eruierte er: „Nach dem, was ich erfahren habe, hat dieser Ort keine sehr ruhm-reiche Vergangenheit vorzuweisen. Vor etwa fünfzehn Jahren wurde hier die Pegasus mit einer insgeheim entwickelten Tarnvorrichtung ausgerüstet. Sie funktionierte jedoch nicht wie geplant und das Schiff ging verloren.“
„Die Föderation hat sich doch im Vertrag von Algeron dazu verpflichtet, keine Tarn-vorrichtung zu entwickeln,“ bemerkte Leardini entrüstet.
„Das stimmt. Als das Schiff vor ein paar Jahren gefunden wurde, kam alles ans Licht, was man damals nach dem Verlust des Schiffes mühsam zu vertuschen versucht hatte. Es ging hinauf bis in die Admiralsränge, das mußt du dir ‘mal vorstellen.“ Ohne darüber nachzu-denken, war er von hinten an sie herangetreten und hatte die Arme um sie gelegt.
„Auch die Sternenflotte besteht nicht nur aus Heiligen,“ stimmte sie zu und drehte sich zu ihm hin, um seine Umarmung zu erwidern. „Was meinst du, wird es wirklich so haarig wer-den, wie das Hauptquartier glaubt, daß es werden könnte?“
„Darüber mache ich mir eigentlich keine großen Sorgen, Stefania. Im Gegenteil, ich fühle mich ganz schlecht bei der Rolle, die wir spielen sollen. Es erscheint mir nicht fair.“
„War das Dominion je fair zu uns? Denk’ nur einmal an die jüngsten Vorfälle auf der Erde. Nur vier Formwandler haben es so weit gebracht, daß totalitäre Elemente in der Sternenflotte den gesamten Planeten beinahe für unbestimmbare Zeit unter Militärherrschaft gestellt hätten.“
„Wenn Captain Sisko das Komplott nicht aufgedeckt hätte. Wir haben ihm viel zu ver-danken.“ Lennard sann einen Moment nach. „Ich glaube, ich freue mich richtig darauf, ihn kennenzulernen. Hast du gewußt, daß die Bajoraner ihn als religiöse Ikone verehren?“
Leardini nickte. „Als ‘den Abgesandten’. Das hat etwas mit der Entdeckung des Wurmloches von ihm und Lieutenant Commander Dax zu tun. Das bis... soll ich sagen, bis jetzt einzige be-kannte stabile Wurmloch? Okay, es wurde in alten bajoranischen Legenden als ‘Himmels-tempel der Propheten’ verehrt, bis sich herausstellte, daß es wirklich existiert.“
Lennard kam eine Idee. „Sollen wir ihm erzählen, daß wir schon einmal mit unserem Schiff hindurchgeflogen sind? Er würde uns das nie glauben!“
„Wir werden uns einiges zu erzählen haben.“ Er straffte sich ein wenig. „Wollen wir?“
Sie hakte sich bei ihm unter, als sie den Beobachtungsraum verließen. Draußen wurde gerade der neue Namenszug des Schiffes mit einem großen ‘D’ fertiggestellt, während das ‘A’ hinter der alten Registrierungsnummer noch in Arbeit war. Sie würden wirklich noch mit der sprich-wörtlichen feuchten Farbe in ‘See’ stechen, so dringend war die Ausführung ihres Auftrages. Das Dominion war eben ein wenig zu weit gegangen.



Lennard trat aus dem Turbolift heraus auf die Brücke und warf einen kurzen Blick auf die Tür zu seinem Bereitschaftsraum.
„Ich möchte wetten, Sie denken an die Tatsache, daß dort nicht mehr ihr Quartier ist, Cap-tain,“ erklang überraschend eine Stimme. Stirnrunzelnd schweifte sein Blick ab, bis er die Bordberaterin auf ihrem Sessel erblickte, wie sie gerade die Konfiguration ihrer Displays in den Armlehnen durchging.
Schmunzelnd erwiderte er: “Mit Ihnen würde ich keine solche Wette abschließen, Counselor. Ich möchte schließlich nicht Gefahr laufen, daß sie der Versuchung erliegen und ein wenig mogeln bei dem Versuch, meine Gedanken zu erraten... so wie gerade eben.“
„Dazu muß man keine Gedanken lesen können, Sir, bei dem wehmütigen Blick. Ich habe nie verstanden, wie Sie sich mit solch beengten Räumlichkeiten haben zufriedenstellen können. Sogar mein Quartier ist größer.“
„Ich bin eben asketisch veranlagt“, erklärte er mit übertriebener Beflissenheit, während er zum Replikator ging, um sich ein Getränk zu holen.
„Und was hat ihre Gesinnung gewandelt?“ forschte die junge Betazoidin nach.
„Das wissen Sie genau, Sam! Werden Sie bloß nicht vorlaut!“ zischte er ihr ärgerlich zu und setzte sich mit einem Glas Fruchtsaft in der Hand neben sie auf den Kapitänssessel der Brücke.
„Schon gut, es tut mir leid,“ gab sie nach und fuhr sich verlegen durch ihre lange schwarz-haarige Mähne, „Sie wissen doch, daß es so nicht gemeint war und ich durchaus Respekt für Sie habe. Natürlich wünsche ich Ihnen nur das Beste bei Ihrer Beziehung mit Stefania.“
„Es ist einfach ein wenig diskreter als die Peinlichkeit der Situation, wenn sie jedesmal an der ganzen Brückenbesatzung vorbei muß, um zu mir zu gelangen. Und auf Dauer ist es etwas eintönig, uns immer nur in ihrem Quartier zu treffen. Davon abgesehen steht mir ja ein gewis-ses Quantum an Raum zur Verfügung, das ich jetzt auch beanspruche. Die Aussicht von Deck Neun Vorne ist einfach phantastisch und Gorn hat auch mehr Platz zum Herumtollen. Außer-dem ist vorige Woche ein altes Familienerbstück von der Erde eingetroffen, ein hölzerner Kleiderschrank, der seit vier oder sogar fünf Generationen in Besitz der Lennards ist. Er braucht eine Menge Platz, das können Sie mir glauben.“
„Schön, der Schrank also, wenn jemand fragt. Eines müssen Sie mir aber noch erklären: auf meinem alten Platz waren die Armaturen genauso angeordnet wie hier auf diesem brandneuen Schiff. Gibt es etwa eine Standardkonfiguration für Schiffsberater?“ Sie grinste ihn frech an.
Mit einem müden Lächeln winkte er ab. „Oh ja, furchtbar witzig. Ich sehe, daß Doc Sterns Humor bereits auf Sie abfärbt; genau das, was mir noch zu meinem Glück gefehlt hat. Gut, Ihnen kann ich’s ja verraten: es ist dasselbe Schiff, nur mit einem anderen Namen,“ klärte er sie mit ironischem Tonfall auf.
Mit geheuchelter Verblüffung rief sie: „Unglaublich! Warum ist mir das nicht gleich aufge-fallen? Wie konnte ich nur so dumm sein?“
„Sie haben beim Meister gelernt, würde ich sagen,“ antwortete er boshaft grinsend.
„Er hat mir alles beigebracht, was ich weiß.“
„Ja, ja. Wie war eigentlich euer Urlaub?“ wollte er wissen, als ihm wieder einfiel, daß er eig-entlich als erstes danach hatte fragen wollen.
Sofort verfiel sie ins Schwärmen: „Wunderbar! Wir haben uns viel auf der Erde angesehen, was ich während meines Aufenthaltes in der Akademie nie besichtigt habe, seine Heimatstadt unter anderem. Die Schweizer haben eine teilweise tausend Jahre alte Tradition, mit dem früher der Winter vertrieben werden sollte. Wir haben so eine Veranstaltung besucht, bei der die Bevölkerung fast die ganze Nacht hindurch feiert, bis genau um vier Uhr Morgens alle Lichter in der Innenstadt verlöschen und eine Prozession von maskierten und mit Kerzen-lichtern beleuchteten Musikern durch die völlig überfüllte Innenstadt zieht. Das müssen Sie sich einmal vorstellen: alles stockdunkel, nur die trommelnden und pfeifenden Musikanten spenden beim Vorbeiziehen ein wenig Licht. Es war eine tolle Stimmung.“
„Das klingt reizvoll. Ich sollte Davids Drängen nachgeben und die Schweiz doch einmal be-suchen, wenn wir irgendwann einmal die Erde erreichen,“ meinte Lennard interessiert.
„Seine Heimatstadt hat etwas wirklich Besonderes, müssen Sie wissen, ihr Werdegang ist ziemlich ungewöhnlich. Können Sie das glauben: noch zur Jahrtausendwende befanden sich mehrere chemische Großfabriken inmitten der Innenstadt, zwischen Parks, Wohngebieten und Schulen. Zum Glück ist das schon lange vorbei.“
„Meinen Sie die menschliche oder die betazoide Jahrtausendwende?“ feixte Lennard und nahm noch einen Schluck Saft, während er die leere Brücke betrachtete.
„Muß ich darauf antworten?“ fragte sie mit säuerlicher Miene.
In diesem Moment gingen die Türen eines Turboliftes auf, worauf eine Stimme ertönte: „Haben wir euch ‘mal wieder beim Flirten erwischt?“
„Jetzt wird’s ernst, das ist meine Flamme,“ raunte Lennard der Counselor zu, worauf diese kichern mußte. Dann wandte er sich an den Bordarzt, mit dem er bereits seit Akademiezeiten befreundet und zusammen im Dienst war. „Na, wie war der Urlaub, David?“
„Wunderschön, wenn auch anstrengend. Ihr wisst schon,“ antwortete Stern mit einem Seiten-blick auf die Counselor, worauf die leicht errötete und zu Boden sah.
„Tja, wer hätte das gedacht nach all den Jahren gemeinsamen Dienstes von Euch beiden,“ witzelte Leardini.
„Unser kleiner Zeittrip war wohl eine Art Katalysator dafür,“ mutmaßte Lennard. „Ich freue mich für Sie beide und vertraue darauf, daß ihr Verhältnis ihren Dienst nicht nachteilig beein-flussen wird.“
„Keine Sorge, Kyle, in dieser Hinsicht haben wir ja - wie für alles andere auch - ein leucht-endes Vorbild in unseren Vorgesetzten. Wie steht es übrigens mit unserer Mission? Stimmt es, daß wir eventuell über ein halbes Jahr ohne einen Sternenbasenaufenthalt unterwegs sein werden?“
„Wer hat dir das erzählt?“ fuhr Lennard ihn an.
„He, das ist nur ein Gerücht, das ich im... das ich aufgeschnappt habe, so im Vorübergehen, wie man sagt,“ wehrte Stern überrascht ab.
„Schon gut, David. Einen Teil der Mission erfährst du gleich im Briefing, wenn der Rest der Führungsoffiziere eingetroffen ist.“ Er wies mit der Hand auf die Beobachtungslounge und erhob sich selbst ebenfalls.
„Gut, hab’ schon verstanden,“ murmelte der Arzt und steuerte ebenfalls den Besprechungs-raum an.



Als auch die Navigationsoffizierin, die Vulcanierin Gora Vakuf, der klingonische Ops-Offi-zier Darrn, der japanische Sicherheitschef Onue Kazuki, die bajoranische Wissenschaftsoffi-zierin Wuran Cluj sowie Chefingenieurin Atarma Nidor eingetroffen waren, begrüßte Len-nard sie: „Willkommen auf Ihrem neuen Posten, der U.S.S. Fairchild. Dieses Schiff gehört der Galaxy-Klasse an und wurde in Dienst gestellt zur Sternzeit... nun, das ist mir entfallen.“
Alle lachten über seinen Scherz der eher peinlichen, inoffiziellen Umbenennung ihres Schif-fes.
„Wir werden in Kürze zur Station Deep Space Nine aufbrechen, von wo aus es - Sie haben es sicher bereits erraten - durchs Wurmloch in den Gamma-Quadranten weitergeht. Die Födera-tion der Vereinigten Planeten ist überhaupt nicht erfreut über die letzten Entwicklungen be-treffend der klingonischen Verunsicherung durch das Dominion. Sie haben es tatsächlich ge-schafft, eine derart große Paranoia unter ihnen zu schüren, daß sie überall Formwandler se-hen, wo gar keine sind, beispielsweise in der gesamten neuen Zivilregierung von Cardassia. Leider ließen sie sich von uns nicht davon abbringen, eine Invasion zu starten, um die ver-meintliche Bedrohung auszuschalten. Sie kündigten sogar das Bündnis mit der Föderation auf und befinden sich nun praktisch im Kriegszustand mit uns.
Seit dem nur knapp abgewendeten Militärputsch auf der Erde durch radikale Elemente in der Sternenflotte hat das Oberkommando verschiedene Möglichkeiten erwogen, der Bedrohung durch das Dominion beizukommen. Hier treten wir auf den Plan, und zwar gleich mit zwei Strategien. Ich hoffe inständig, daß wir nur eine von ihnen anwenden müssen, denn die zweite Option ist ziemlich riskant und birgt viele unbekannte Faktoren in sich, was einen Erfolg un-gewiß macht. Über den zweiten Teil der Mission werde ich Sie nicht informieren, denn ich hoffe wirklich, daß er nur ein schlechtes Gedankenspiel bleiben wird. Das wird sich zeigen.“
„Verzeihen Sie meine Ungeduld, Captain, aber wie sieht dieser erste Teil denn aus?“ wollte Kazuki wissen.
„Da befürchtet wird, daß die Jem’hadar praktisch kurz vor einem Einfall in den Alpha-Quad-ranten stehen, ist diese Maßnahme für mich eine Flucht nach vorne, aber ich habe mir das nicht ausgesucht. Wir sollen die Gründer kontaktieren und ihnen Verhandlungen über eine Koexistenz anbieten, gewissermaßen einen Waffenstillstand..“
„Ist das nicht bereits mehrfach erfolglos versucht worden?“ warf Vakuf ein.
„Ja, die Formwandler sind bemerkenswert unlogisch im Umgang mit uns Solids, nicht wahr? Es gründet offenbar auf ihre extrem schlechten Erfahrungen mit Lebensformen wie uns, daß sie nichts von uns oder unserem Vordringen in den Gamma-Quadranten halten und deshalb mit aller Macht versuchen, uns von ihrem Territorium fernzuhalten.“ Lennards Miene war bit-ter.
„Sie klingen so, als glaubten Sie nicht an den Erfolg von Verhandlungen, Captain,“ bemerkte Kall auch sogleich.
Er nickte matt. „Nicht einmal die Admiralität glaubt das ernsthaft. Mit ziemlicher Sicherheit werden sie nichts anderes als eine Unterwerfung und den bedingungslosen Anschluß der Föderation ans Dominion akzeptieren. Ich befürchte, das Oberkommando will mit dieser Ak-tion nur sein eigenes Gewissen beruhigen, um es wenigstens versucht zu haben, bevor sie besagte zweite Möglichkeit anwenden. Unser Ziel soll es sein, den befürchteten Angriff zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, wir können nicht gerade stolz auf die Rolle sein, die wir dann spielen werden.“
Betretenes Schweigen im Raum.
„Gut, soviel dazu. Wie steht es ansonsten mit der Einsatzbereitschaft des Schiffes? Numero uno?“
„Die Besatzung ist soweit an Bord, daß wir losfliegen können, um die Angehörigen und Crewmitglieder, die bei ihren Fanmilien den Urlaub verbracht haben, auf Starbase 149 abzu-holen. Von dort aus geht es direkt weiter nach Deep Space Nine,“ erklärte Leardini.
„Was zu unserer ersten Bewährungsprobe werden könnte, da wir bedrohlich nahe an von Klingonen besetzten Systemen vorbeifliegen. Wir nutzen diesen Flugabschnitt der Mission, um den Antrieb zu testen. Mrs. Nidor?“
„Die letzte Ebene-Eins-Diagnose verlief zu vollster Zufriedenheit. Wir können problemlos mit Warp 9,9 Dauergeschwindigkeit bis DS9 durchfliegen, wobei der Energieverbrauch nur etwa viereinhalb Prozent über dem liegen wird, den das Schiff bei unserer alten Höchstge-schwindigkeit von Warp 9,6 hatte. Ich möchte hier nicht auf die weitreichenden Modifika-tionen an Warpfeldgeometrie, Materie-/AntimaterieReaktionsKammer (MARK) und Energie-TransferLeitungen (ETL) eingehen. Es dürfte Sie alle jedoch interessieren, daß unsere Warp-feldspulen mit einer neuen Beschichtung versehen wurden, die den störenden Einfluß auf den natürlichen Subraum bei hohen Warpgeschwindigkeiten praktisch völlig unterbindet.“
Lennard räusperte sich, worauf Nidor ihre Ausführungen abbrach. „Sehr schön, Lieutenant Commander. Wie sieht es mit den Verteidigungssystemen aus, Mr. Kazuki?“
Der Sicherheitsoffizier der Fairchild ergriff das Wort: „Über die Schilde muß ich wohl nie-mandem etwas erzählen. Schlicht und einfach: wir besitzen momentan die effektivsten De-flektorschirme im uns bekannten Raum, ohne genau zu wissen, wie sie eine solch unvorstell-bare Leistung bei vernachlässigbarem Anstieg des Energieverbrauches erreichen können. Ob-wohl bereits Fortschritte in der Erforschung der Konstruktion zu verzeichnen sind, wird es be-stimmt noch Jahre dauern, bis eine exakte Kopie davon in ein anderes Schiff eingebaut werden kann... und ebenso gut funktioniert wie auf der Fairchild. Ich möchte dazu noch etwas sagen, das diesen Raum jedoch unter keinen Umständen verlassen darf.“
Alle nickten gespannt, worauf der Japaner ernst fortfuhr: „Wie einige von Ihnen vielleicht ge-hört haben, ist der Bau eines neuen Raumschifftyps fast abgeschlossen, der sogenannten Sovereign-Klasse. Der gleichnamige Prototyp war zwar bereits fertiggestellt, das erste Serien-modell wurde von unserer Entdeckung jedoch in letzter Minute noch recht positiv beeinflußt, was Leistung, Tempo und natürlich Schildstärke betrifft. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, daß dieses Schiff die neue Enterprise werden soll und nach der Indienststellung, die voraus-sichtlich etwa zur Sternzeit 49900 stattfinden wird, Captain Picard unterstellt wird. Bisher sind drei dieser Schiffe in Bau, wenn sie sich im Alltagsbetrieb bewähren, weitere in Plan-ung.“
Jetzt sah Kazuki direkt seinen Captain an, während verhaltenes Gemurmel unter den Anwes-enden erklang. „Es sieht so aus, als hätten Sie eigentlich das Kommando über dieses neue Schiff bekommen sollen, weil die Sternenflotte unsere gute alte Aldebaran unbedingt ins Dock holen und sofort studieren wollte, wie die neuen metaphasischen Schilde arbeiten. Dann jedoch kam die ständig wachsende, schier unaufhaltsame Bedrohung durch das Dominion auf, was den Konstrukteuren einen dicken Strich durch die Rechnung machte. Was immer das Oberkommando mit uns vorhat, es rechnet offenbar damit, daß wir es überleben könnten... oder unsere Mission ist wichtiger als der Besitz des Schiffes.
Was die scheinbare sinnlose Umbenennung der Aldebaran angeht: das ist offenbar die Vor-stufe für die Stillegung im Dock. Wir werden höchstwahrscheinlich direkt nach unserer Mis-sion wieder diese geheime Orbitalwerft anfliegen, wo das Schiff dann von den Konstruk-teuren auseinandergenommen und die Schildkonstruktion ausgiebig analysiert werden soll. Auf uns wird dann meinen Quellen zufolge das erste Schwesterschiff der Enterprise-E, ur-sprünglich als U.S.S. Horizon projektiert, nach einer ergiebigen Erholungsphase für die Crew auf uns warten... die U.S.S. Fairchild mit der Registrierung N.C.C.-1912-B. Sie sehen, die Sternenflotte bricht endgültig mit der Tradition, nur dem Flaggschiff dieselbe Kennummer mit Buchstaben im Anhang weiterzugeben. Wir haben uns in dieser Beziehung zur Nummer Zwei der gesamten Flotte gemausert.“
Unbeeindruckt von dem nun lauten Durcheinandergerede der Offiziere stand Lennard lang-sam auf und beugte sich zu Kazuki hinüber. „Woher... wissen... Sie... das... alles?!“
Schlagartig war es still im Raum, während Kazuki sich unbehaglich unter den Blicken seines Captains wand. „Nun, Sir, ich will es so sagen... ich habe eine große Familie... wirklich groß, verstehen Sie... drei Geschwister und vier Onkel und Tanten, welche unserem Stammbaum insgesamt vierzehn Cousins und Cousinen beschert haben. Einige von ihnen sind in... nun... gehobenen Positionen in der Sternenflotte und der Föderation. Da schnappt man bei Famil-ientreffen, wie wir während meines Urlaubs auf der Erde eines hatten, so einiges auf.“
Lennard setzte sich wieder und kratzte sich nachdenklich am Kinn: „Interessant. Ein Sicher-heitsleck in der Sternenflotte von der Größe eines kapitalen Hüllenbruchs... und alles auf-grund einer japanischen Großfamilie, in deren Adern Ehrgeiz fließt. Wissen Sie, manches von dem, was Sie da gerade aus dem Nähkästchen geplaudert haben, höre selbst ich gerade zum ersten Mal, aber es macht alles Sinn. Ich würde sagen, wir belassen es dabei, daß niemand diese Informationen weitergibt. Waren Sie fertig, Onue?“
Kazuki war so erleichtert über den glimpflichen Ausgang dieses Gespräches, daß diese Frage ihn völlig unvorbereitet traf. Stockend antwortete er: „Oh, nein, da war noch... ich meine... alle 275 Photonentorpedos sind durch weiterentwickelte Quantentorpedos ersetzt worden, wie sie erstmals auf der Defiant eingesetzt wurden. Ansonsten sind wir komplett gewartet und einsatzbereit, was die Verteidigungssysteme des Schiffes angeht.“
„Schön zu hören. Dann können wir aufbrechen, wenn alles bereit ist. Einwände? - Gut, das wär’s. Wir beginnen mit der Alpha-Schicht beim Abflug in zwanzig Minuten.“ Lennard erhob sich gemächlich und verließ mit seiner Crew die Beobachtungslounge.



„Das war also die gemütliche Phase,“ bemerkte Leardini knapp zwei Wochen später, als sie die Sternenbasis 149 verließen, nachdem sie ihre volle Besatzung aufgenommen hatte, fast eintausend Personen mit den üblichen Zivilisten und Familienangehörigen der Crewmit-glieder, die ständig an Bord eines so großen Schiffes wie dem einer Galaxy-Klasse waren.
Sie befahl Sicht nach hinten auf den Hauptmonitor, so daß alle auf der Brücke die gewaltige Station beobachten konnten, die nun bei halbem Impuls Beschleunigung von ihnen rasch klei-ner wurde. Um die Sternenbasis herum kreiste die U. S. S. Gorkon, ein altes Schiff der Excel-sior-Klasse, das zum Schutz von Starbase 149 abgestellt war. Durch ihre Lage war diese völ-lig exponiert, sozusagen eine Enklave umgeben von klingonischem Raum. Die Besatzung war auf ein Minimum herabgefahren worden, seit die Kampfhandlungen begonnen hatten, um keine Zivilisten in Gefahr zu bringen, sodaß nur noch das Personal da war, das eben noch zum Betrieb der Station benötigt wurde. Nur selten noch wurde sie von Handelsschiffen oder Passagierraumern angeflogen, so daß die Ankunft von Hunderten von Zivilisten, die von der Fairchild abgeholt wurden, ein nicht unerhebliches Risiko dargestellt hatte. Zum Schutz der Raumbasis war die U.S.S. Gorkon abgestellt worden, was in Leardinis Augen ein reichlich dürftiger Schutz war. Es war eher ein psychologischer Taschenspielertrick der Föderation, der auf der - ihrer Meinung nach schwachen - Hoffnung aufbaute, die Klingonen würden ein Föderationsschiff verschonen, das nach dem berühmten Kanzler des Klingonischen Reiches benannt worden war, welcher bei den diplomatischen Bemühungen im Vorfeld des Friedens-schlusses von Khitomer von Hardlinern beider Parteien ermordet worden war.
„So, die armen Knöpfe müssen jetzt wieder alleine klarkommen. Ich kann mir denken, daß unser Anblick ihnen sicherlich das Gefühl von Sicherheit vermittelt hat.“ Counselor Kall sah mit zaghafter Miene auf die beinahe nicht mehr sichtbare Silhouette der Station.
„Das glaube ich Ihnen gerne, Sam. Blick nach vorne, Kurs auf Deep Space Nine bestätigen.“
Einen Moment später erschien der schwarze, sternenübersäte Himmel vor ihnen. Die Vul-canierin Vakuf, die ihren Platz an den Navigationskontrollen eingenommen hatte, antwor-tete: „Kurs liegt an. Geschwindigkeit jetzt voller Impuls, c 0,25.“
„Gehen Sie auf Warp 9,9. Beschleunigen.“ Daraufhin begannen die Sterne auf dem Schirm sich allmählich auseinanderzuziehen und in allen Regenbogenfarben zu schillern, als die Fairchild von den Warpfeldspulen in den hinteren Pylonen mit einem weißblauen Aufblitzen in ein Subraumfeld gehüllt wurde und die Lichtgeschwindigkeit offenbar mühelos überschritt. Bald schon stürzten die Sterne scheinbar auf sie zu und rasten in alle Richtungen auseinander und an ihnen vorbei nach hinten aus dem Sichtfeld.
Vakuf meldete: „Warp 9,9 liegt an Commander, Kurs DS9, geschätzte Ankunftszeit im Denorius-Gürtel des bajoranischen Systems zweiundzwanzig Tage achtzehn Stunden.“
„Brücke an Maschinenraum. Bericht,“ forderte Leardini.
„Hier Nidor, Commander. Die Maschinen arbeiten innerhalb normaler Parameter, Energie-ausstoß des Warpkerns stabil.“ In der üblicherweise gänzlich unbewegten Stimme der Vul-canierin schwang eine Spur des Stolzes mit.
„Gut, halten Sie uns über Veränderungen auf dem Laufenden. Brücke Ende.“ Leardini sah mit erstarrter Miene auf den Schirm. „Jetzt liegen erst einmal knapp 261 Lichtjahre klingonisches Territorium und von Klingonen besetztes cardassianisches Gebiet vor uns. Was meinen Sie dazu, Mr. Kazuki?“
„Wenn wir nicht direkt einem getarnten klingonischen Schlachtkreuzer vor den Bug fliegen, sollte es keine ernsteren Probleme geben. Ich empfehle jedoch trotzdem den Einsatz der Schilde, da durch ihre Geometrie unsere Signatur auf ihren Langreichweiten-Sensoren ver-wischt wird, wie unsere ersten Erfahrungen zeigen. Wir können froh sein, daß ihre Sensoren-technik nicht noch ausgefeilter ist. Andererseits bietet alleine schon unsere enorme Ge-schwindigkeit einen vorzüglichen Schutz. Die Bird of Preys der B’Rel-Klasse fliegen bis zu Warp acht und können für maximal fünf Minuten auf Warp 9,6 gehen, und selbst dann sind wir immer noch um mehr als die Hälfte schneller. Dadurch ist es beinahe unmöglich, einen Abfangkurs zu erreichen, auf dem sich unsere Positionen kreuzen können. Sie sind einfach zu langsam. Wahrscheinlich werden sie, falls wir auf ihren Schirmen erscheinen, aufgrund unserer Geschwindigkeit und des undeutlichen Signales denken, wir wären ein Schiff der Intrepid-Klasse.“ Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wenigstens einer, der an unserer Lage etwas Amüsantes findet. Wir fliegen jetzt zum ersten von vier Malen ein Stück weit in klingonisch kontrolliertes Territorium ein. Dann wollen wir mal sehen, ob Sie richtig liegen, Lieutenant. Alarm Gelb, Schilde hoch.“
„Aye, Sir.“ Unwillkürlich stieg die unterschwellige Spannung auf dem Schiff weiter, als der gelbe Alarm durchgegeben wurde.



Lennard wußte nicht, warum er erwacht war. Vielleicht war es das leise Grummeln von seinem Haustier Ghor, einem ausgewachsenen Alpha-Reptil mit gedrungenem Körperbau, furchterregendem Aussehen und einer Größe von fast einem Meter sowie über vierzig kg Ge-wicht, das jedoch sehr zutraulich war und über dieselbe Intelligenz wie etwa ein Schimpanse der Erde verfügte. Momentan lag er friedlich zusammengerollt im Körbchen in seiner Zim-merecke. Er hatte sich beim Umzug seinen Schlafplatz selbst aussuchen dürfen, was auch ganz gut geklappt hatte, nachdem Lennard ihn davon überzeugt hatte, daß das große Dop-pelbett unter den Fenstern nicht für ihn gedacht war.
Schlaftrunken sah er hinaus auf die unendlichen Weiten und den wundervollen Anblick der vorbeirasenden Sternenbänder, vom Warpeffekt verzerrt und entfremdet und dennoch auf eine ganz besondere Weise unvergleichlich schön. Seine Gedanken schweiften ab...
„Roter Alarm! Captain und Führungsoffiziere auf die Brücke!“ Begleitet von einem gequälten Quäkton und rot aufleuchtenden Lichtbändern unter der Zimmerdecke ließ diese Durchsage ihn binnen kürzester Zeit hellwach werden. Was war nur geschehen? Soweit er sehen konnte, flogen sie weiterhin mit Warpantrieb.
„Was für ein Mist! Was ist denn jetzt schon wieder passiert?“ Neben ihm fuhr Leardini auf und fiel mehr aus dem Bett, als daß sie hinausstieg. Hastig streifte sie ihre Unterwäsche über und glitt dann in ihre Uniform.
„Dieses Mal überlasse ich dir den ersten Turbolift; das wird deiner Bewertung zugutekom-men.“ Lennard ließ sich deutlich mehr Zeit beim Ankleiden und grinste amüsiert über ihre gehetzte Miene.
„Meine Bewertung ist auch so gut genug,“ versetzte sie ärgerlich, „falls ich mir diese Bemer-kung erlauben darf. Ich möchte bloß wissen ,was da los ist.“
„Bis gleich.“ Nach einem flüchtigen Abschiedskuß hastete sie zur Tür, deren Hälften sich mit einem leisen Zischen öffneten. Sie spähte einen Moment lang hinaus und war dann auf dem Gang, während er noch in seine Schuhe schlüpfte. Insgeheim fragte er sich, wem diese kleine Scharade nützen sollte, die sie da veranstalteten. Mittlerweile war es ein offenes Geheimnis an Bord, daß sich zwischen ihnen etwas abspielte. Was und wieviel des war, verbargen sie im Dienst durch ihre Professionalität. Doch bei rotem Alarm mitten in der Nacht nicht im gleichen Turbolift auf der Brücke zu erscheinen, grenzte schon an alberne Kinderspielchen. Immerhin war sie es, die das vorgeschlagen hatte, wohl aus Angst um die Konsequenzen, die das öffentliche Bekanntwerden ihrer Liaison nach sich ziehen könnte. Für ihn war das indes ein indirekter Liebesbeweis ihrerseits, was sein Herz höher schlagen ließ.
Unter dem in solchen Situationen üblichen quengelnden Protestquieken von Ghor, der nicht verstand, daß sein ‘Herrchen’ ihn einfach so mitten in der Nacht alleine ließ, trat er auf den Gang hinaus und steuerte mit weit ausholenden Schritten den nächsten Turbolift an. Er mußte nur wenige Sekunden warten, bis eine Kabine eintraf und er mit einem jungen Fähnrich zu-sammen hineintrat, der wohlweislich keine Zielangabe aussprach, um den Captain auf seinem Weg zur Kommandozentrale des Schiffes nicht aufzuhalten.
Mit einem dankbaren Nicken sagte er: „Hauptbrücke, Deck Eins,“ was eigentlich überflüssig war, da eine der beiden Angaben alleine für dieses Ziel vollauf genügten. Es war eine der wenigen kleinen Marotten des Captains, wie seine Unterlassung, an Bord des Schiffes seinen Kommunikator durch Antippen mit der Hand zu aktivieren, weil das wiederum ebenfalls nicht notwendig war, da die nächsten Stimmrezeptoren auf ein gesprochenes Kommando hin die internen Kommunikationssysteme aktivierten. Die meisten Besatzungsmitglieder jedoch taten das trotzdem, wahrscheinlich aus alter Gewohnheit.
„Computer, welche Bordzeit haben wir?“ wollte er wissen.
Nach dem Aktivierungston antwortete die weiche Synthetikstimme einer Frau: „Es ist drei Uhr zweiundfünfzig.“
Im selben Moment öffneten sich die Turbolifttüren und gaben den Blick auf die Brücke frei, worauf Lennard dem jungen Fähnrich zunickte und ausstieg. Ein diensttuender Lieutenant rief: „Captain auf der Brücke!“
„Zwei Minuten zwölf Sekunden. Nicht übel,“ bemerkte eine gutgelaunte und taufrische Kall aus dem Kommandantensessel heraus.
Lennard sah, daß Leardini bereits in ihrem Platz rechts neben ihr saß und sagte förmlich: „Bericht, Counselor.“
„Captain, ich habe soeben eine Alarmübung gestartet.“ Sie sah auf die Armlehnendiplays und fuhr fort: „Alle Stationen melden volle Einsatzbereitschaft nach zwei Minuten siebenund-zwanzig Sekunden. Damit ist die zweite der drei Übungsansätze, die Sie jedem Führungsoffi-zier auf unserem Flug zugewiesen haben, von mir beansprucht worden. Den letzten werde ich mir für eine ganz besondere Gelegenheit aufheben, glauben Sie mir.“
Lennard stöhnte. „Alarm Rot aufheben, Übung offiziell beenden, wieder auf gelben Alarm gehen. Sam, haben sie eigentlich auf die Uhr gesehen?“
„Selbstverständlich. Kurz vor vier Uhr morgens ist die Aufmerksamkeit der Nacht- oder auch Gamma-Schicht am niedrigsten, die anderen beiden Schichten schlafen für gewöhnlich tief und fest um diese Zeit. Ideal meiner Meinung nach, um die Einsatzbereitschaft der Fairchild zu testen.“ Sie nickte ihm wohlwollend lächelnd zu.
„Ich bin ein paar Minuten vor dem Auslösen erwacht. Seltsam, nicht wahr?“ bemerkte er mit einem forschenden Unterton.
Sie erwiderte mit ihrem breiten, entwaffnenden Grinsen: „Sie als Captain haben natürlich einen siebten Sinn für so etwas. Wirklich beneidenswert.“
„Schon gut. Stellen Sie sich ruhig schon ‘mal darauf ein, daß ich Sie morgen früh... ich meine, nachher, eine gute halbe Stunde später als geplant ablösen werde. Frohen Dienst noch, Gamma-Schicht.“ Unter dem schadenfrohen Gekicher der Brückencrew und der sauren Miene der Counselor verließ Lennard die Brücke und fuhr zurück auf sein Quartier.
„Das ist ungerecht!“ beschwerte die junge Betazoide sich bei der Ersten Offizierin. „Dabei habe ich ihn extra ganz subtil geweckt, bevor ich den Alarm befohlen habe.“
„Dachte ich’s mir doch! Wann werden Sie endlich damit aufhören?“ wollte Leardini resig-nierend wissen.
„Ich glaube... vermutlich nie,“ war die freche Antwort.
„Da würd’ mir auch was fehlen,“ entgegnete ihr Gegenüber ironisch und machte sich eben-falls auf, zum Turbolift zu gehen und den Rest der Nacht noch zu versuchen, etwas Schlaf zu bekommen.



Sie gingen unter Warp und in den Endanflug auf Deep Space Nine über. Nach gut drei Wochen Flug mit Dauerhöchstgeschwindigkeit hatte sich gezeigt, daß die Fairchild bereit für ihren Auftrag war, wie auch immer er lauten mochte. Die ständigen unerwarteten Übungen hatten dafür gesorgt, daß auch die Besatzung auf einem Höchstmaß der Einsatzbereitschaft war. Es war teilweise sogar eine Art Scherz geworden, die die Führungsoffiziere unterein-ander getrieben hatten, indem sie sich gegenseitig in den verschiedensten Momenten, vor-zugsweise natürlich dann, wenn der Leidtragende es am wenigsten erwartete, mit einem Übungsalarm überraschten. Dabei entstanden mitunter klamaukartige Szenen und vereinzelt auch böses Blut; den besten Effekt jedoch erzielte Leardini, indem sie Kall keine zehn Minut-en nach ihrem - schon ungeduldig erwarteten - Schichtende direkt von der Toilette geholt hat-te. Da sich die Nummer Eins diesen Alarm speziell für eine solche Gelegenheit bis fast zum Ende dieser Etappe aufbehalten hatte, trug die Counselor danach unaufholbar die rote Laterne der schlechtesten Reaktionszeit.
Darrn meldete: „Captain, die Ops von DS9 ruft uns.“
„Auf den Schirm, Lieutenant Commander.“ Erwartungsvoll setzte Lennard sich ein bißchen aufrechter, um einen möglichst korrekten Eindruck zu machen.
Nun tauchte auf dem Schirm vor ihnen das Gesicht einer Bajoranerin in den Dreißigern mit großen, dunklen Augen und kurz frisierten rötlichen Haaren in Großaufnahme auf. Das auf-fälligste Merkmal an ihr war der traditionelle bajoranische Ohrschmuck. Sie zögerte noch einen Moment und zog die charakteristischen Querfalten auf ihrem Nasenrücken ein wenig kraus, bevor sie registrierte, daß die Verbindung stand. Dann breitete sich ein freundliches Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Willkommen auf Deep Space Nine, Föderationsschiff Fairchild. Ich bin Kira Nerrys, Erster Offizier der Station und Major des Bajoranischen Militärs.“
„Vielen Dank, Major Kira; ich bin Captain Kyle Lennard. Wir freuen uns schon alle auf un-seren Zwischenstop hier, auch wenn er leider viel zu kurz sein wird.“ Er nickte der Frau in der roten Uniform höflich zu.
„Bitte docken Sie am oberen Pylonen zwei an; ich beginne jetzt mit der Übermittlung des Leitstrahles und wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt auf DS9. Captain Sisko er-wartet Sie bereits am Andockkragen. Kira Ende.“
„Sehr zuvorkommend, nicht wahr? Wenn man bedenkt, was sie hier draußen schon alles mitgemacht haben... Cardassianer, Dominion, Klingonen...“ Kall wirkte nachdenklich.
Leardini sagte darauf: „Wahrscheinlich haben sie gelernt, damit zu leben. Das muß man wohl, denke ich. Wollen wir uns auf den Weg machen, Captain?“
Lennard nickte und stand auf. „Mr. Darrn, übernehmen Sie die Brücke. Counselor, begleiten Sie uns zum Andockkragen?“
„Ja, Sir.“ Ein wenig widerwillig erhob sich auch Kall und folgte ihren Vorgesetzten zum nächsten Turbolift, während der Kapitänssessel vom klingonischen Ops-Offizier und die frei-gewordenen Positionen von der Bereitschaftscrew eingenommen wurden.
Sie bestiegen den Lift, worauf Lennard angab: „Deck 25, Andockschleuse steuerbord.“
Auf der Fahrt schwiegen sie eine Weile, bis Leardini dann leicht beklommen fragte: „Was wirst du dem Captain sagen, wenn er den Grund unserer Reise in den Gamma-Quadranten wissen will?“
„Das, was ich auch der Mannschaft in der Vorbesprechung gesagt habe. Wenn das Oberkom-mando sie nicht informiert hat, darf ich das auch nicht tun, selbst wenn sie noch so sehr darauf bestehen.“ Er seufzte leise angesichts seiner Lage.
Dann kamen sie an der Andockschleuse an und verließen den Turbolift. Zum Schleusentor des Schiffes waren es nur noch wenige Schritte. Mehrere Fähnriche der Sicherheit standen bereits auf ihren vorgeschriebenen Posten und grüßten, als die Führungsoffiziere eintrafen.
Lennard trat an eines der beiden kleinen Bullaugen rechts und links des Tores, um den End-anflug der Fairchild auf den ihr zugewiesenen Andockmast beobachten zu können. Die Grundform der Station war die eines Rades mit drei stabilen Speichen, welche einen klein-eren Habitatring und den zentralen Kern der Station mit ihm verbanden. Aus diesem äußeren Ring ragten nach oben und unten jeweils drei lange, leicht nach innen gebogene und fragil wirkende Träger, welche jedoch problemlos das Andocken auch von großen Schiffen, wie ihrem zum Beispiel, ermöglichten. Lennard erinnerten sie an gigantische Rippen.
Der Anblick aus dieser Perspektive war einfach atemberaubend; um an dem für Schiffe der Galaxy-Klasse geeigneten oberen Pylonen der Station anzudocken, mußten sie zwischen die drei Streben fliegen und sich von der Innenseite her an den zugewiesenen Dockkragen ganz am Ende des Ausläufers heranmanövrieren. Beim Rangieren mit den Manöverdüsen studierte Lennard die Form der Konstruktion, die ganz unverkennbar nicht aus der Föderation stammte. Nach allem, was er wußte, war sie von Cardassianern während deren Besatzungszeit auf Bajor als Erzverarbeitungsanlage unter dem Namen ‘Terok Nor’ gebaut worden. Nach dem Abzug der Besatzer war sie von der provisorischen bajoranischen Regierung übernommen worden, mit der Föderation als Betreiber.
Nur Sekunden nach dem bemerkenswert sanften Andocken öffneten sich die großen Schleu-sentore. Auf der Stationsseite befand sich ein rundes Portal, dessen Verschlußstück aussah wie ein mannshohes Zahnrad, als es zur Seite rollte und den Weg freigab auf einen Gang, der nach mehreren Metern an einem weiteren ‘Zahnrad’ endete. Stern und Lennard sahen sich einen Moment lang unschlüssig an und betraten dann den Gang, wobei Lennard sich gar bücken mußte, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Durch transparente Einsätze in dem Tor konnte man erkennen, daß jemand hinter ihm wartete.
Sie hatten es beinahe erreicht, als es sich öffnete und den Blick auf einen dürftig beleuchteten Korridor freigab. Lennard erkannte Captain Sisko gleich nach dem Bild in dessen Personal-akte, auch wenn er inzwischen statt kurzem, schwarzen Haar eine Glatze und einen Bart um die Mund- und Kinngegend trug. Er war ein kräftig gebauter, respekteinflößender Schwarzer im Alter von etwa vierzig Jahren (an sein Alter erinnerte Lennard sich nicht mehr; er hatte die Akte während des Fluges hierher nur oberflächlich gelesen, da ihm momentan andere Dinge durch den Kopf gingen). Sogleich streckte er ihm seine Hand entgegen und sagte mit einem freundlichen Lächeln: „Willkommen auf Deep Space Nine, Captain Lennard. Erlauben Sie mir, Ihnen einige meiner Offiziere vorzustellen? Lieutenant Commander Dax, Wissenschafts-offizier, Doctor Bashir, Chefarzt der Station und Chief O’Brien, leitender technischer Offi-zier.“
Sisko wies mit der Hand, die Lennard nach ihrem kurzen, aber festen Händedruck freige-geben hatte, der Reihe nach auf seine Begleiter: eine gutaussehende, schlanke Frau Anfang Dreißig mit blauen Augen, langem braunen Haar und kleinen dunklen Flecken, die sich wie eine Maserung an den Seiten ihres Gesichtes und Halses hinabzogen, was sie als eine Trill auswies, wenngleich auch äußerlich nichts darauf hinwies, ob sie mit einem Symbionten ver-einigt war oder nicht.
Neben ihr stand ein ebenfalls schlanker, fast schon hager wirkender Mensch mit leicht süd-ländischen, vielleicht arabischen Zügen und dunklem Haar sowie hellen Augen. Er wirkte ge-langweilt und auf Lennard sogar eine Spur blasiert, so als ertrage er diese Zeremonie nur wi-derwillig.
Der letzte war ein unverkennbar irischer Gemütsmensch: rotblondes Kraushaar, blasse, leicht sommersprossige Haut und ein wenig fest, aber ebenfalls von kräftiger Statur. Lennard über-legte, wo er ihn schon gesehen haben konnte.
„O’Brien? Ist es möglich, daß Sie früher auf einem Schiff gedient haben?“
„Jawohl, Captain, auf der Enterprise. Es war ein tolles Schiff, Sir,“ gab O’Brien zurück.
„Wenn Sie dieser Meinung sind, sollten Sie vielleicht einmal einen Rundgang durch die Maschinensektion der Fairchild machen; mit einer alten Galaxy-Klasse hat sie nicht mehr viel gemeinsam.“
Der Mechaniker strahlte. „Ich hoffte, Sie würden das sagen, Sir. Ihre Schilde haben inzwi-schen Legendenstatus in Ingenieurskreisen. Ich würde einiges darum geben, mir die Konstruk-tion einmal genauer anzusehen.“
„Hoffentlich bekommen wir Sie wieder von Bord, bevor wir ablegen,“ lachte Lennard und wurde dann wieder ernster, als er seinerseits seine Crewmitglieder vorstellte: „Dies hier sind Commander Leardini, Erste Offizierin, Bordarzt Stern sowie unsere Schiffsberaterin Coun-selor Kall.“
Alle begrüßten sich mit höflichem Nicken und gingen direkt zum nächsten Turbolift. Lennard erwähnte, daß er fasziniert von dem Design der Station sei, da er sich schon immer für Exoar-chitektur interessiert habe. Ihm fiel vor allem die vielfältige Verwendung von runden, ovalen und anderen langgezogenen Formelementen auf, die zusammen mit der düsteren Atmosphäre der Stationsgänge einen beinahe bedrohlichen Eindruck auf die Mitglieder eines Sternenflot-tenschiffes machte. Sie waren helle, weite Gänge gewohnt.
Stern mußte mit einigem Mißfallen feststellen, daß sein Kollege Bashir sogleich einen Blick auf die junge, bildhübsche Kall geworfen hatte und sich auf dem Weg zur Ops der Station an-geregt mit ihr unterhielt, was sowohl Dax als auch Leardini ungemein amüsierte.
Kaum auf der Ops angekommen, stellte Sisko ihnen die Erste Offizierin Kira vor und schlug vor: „Major Kira wird Ihnen ein wenig mehr von DS9 zeigen, während Captain Lennard und ich im Büro etwas zu besprechen haben.“
„Aber, Captain, ich...“ setzte Kira zu einer Erwiderung an, stoppte jedoch abrupt bei der Miene Siskos und fügte sich ergeben in ihr Schicksal. „Natürlich, Sir. Wenn Sie mir bitte fol-gen wollen? Als erstes möchte ich Ihnen das Promenadendeck zeigen, den Stolz unserer Sta-tion. Neben vielen Geschäften und Lokalen befinden sich auch die Krankenstation und der Sicherheitsbereich auf diesem Deck...“
Während sich die anderen entfernten, sagte Sisko schlicht: „Bitte hier entlang.“
Mit gemischten Gefühlen folgte Lennard ihm mehrere Stufen auf eine Empore hinauf, wo eine große Tür das Büro des Stationsleiters zur Ops hin abgrenzte. Die pompöse, zweiteilige Tür hatte sich kaum geschlossen, als Sisko sich schon hinter seinen Schreibtisch gesetzt und einen faustgroßen weißen Ball aufgenommen hatte, welcher auf einem kleinen Sockel lag. Er ließ ihn in seinen Fingern kreisen und warf ihn leicht in die Luft; das tat er ganz unbewußt, wie Lennard beim Setzen feststellte.
„Ist das ein Baseball?“
Erst jetzt wurde seinem Gegenüber gewahr, was er aus Gewohnheit tat. „Oh, ja. Entschul-digen Sie bitte diese dumme Angewohnheit. Sie kennen Baseball?“
Lennard wehrte ab: „Tut mir leid, wenn ich Sie enttäuschen muß, Captain, aber ich habe nur den Ball erkannt. Ein Spiel habe ich noch nie gesehen; ich stamme aus Neuseeland.“
„Dachte ich’s mir doch. Dieser Akzent ist unverkennbar.“
„Ohne den Universaltranslator werden Sie auch ganz ordentlich von Ihrem Südstaatenakzent geprägt, mein Lieber. Alabama oder Louisiana?“ Er grinste.
„Sie haben recht, ich komme tatsächlich aus New Orleans. Wissen Sie, es tut richtig gut, mit jemandem einmal wieder richtig Englisch zu reden, ohne Kommunikator und automatische Übersetzung. O’Brien ist Ire, sein Englisch klingt eher schmerzhaft als angenehm,“ meinte Sisko.
„Hören Sie, wir sind doch sicher nicht hier, um über Baseball und unsere Herkunft zu plau-dern. Was liegt Ihnen also auf dem Herzen?“ Lennard sah ihm direkt in die Augen, worauf Siskos Lächeln ein wenig dünner wurde.
„Sie sind ein sehr direkter Mensch, Captain Lennard. Nun, ich mag es, wenn mit offenen Kar-ten gespielt wird. Dieses Mal ist es leider nicht so.“ Erwartungsvoll sah er Lennard an und seufzte leicht, als dieser schwieg.
„Lassen Sie es mich diplomatisch ausdrücken: Ihr Aufenthalt hier bedeutet doch ganz sicher, daß Sie in den Gamma-Quadranten sollen. Als das letzte Mal ein Schiff der Galaxy-Klasse in den...“
„Ich weiß, die Odyssey. Das war eine furchtbare Sache.“ Lennard blickte unangenehm berührt zu Boden.
„Wir sind eben ein wenig... beunruhigt, wenn so ein grosses Schiff durch das Wurmloch fliegt. Vor allem dann, wenn mich das Oberkommando über die Natur Ihrer Mission komplett im Dunklen läßt.“
„Wie bitte? Man hat Sie nicht informiert?“ Ungläubig sah Lennard den Befehlshaber von DS9 an.
„Was mich nicht gerade ruhiger schlafen läßt, wie ich Ihnen gestehen muß,“ fügte Sisko mit Unwillen in der Stimme hinzu.
Lennard hob die Schultern. „Ich hasse es, das zu sagen, aber so gerne ich es auch wollte, ich darf Ihnen auch nicht mehr sagen als meiner Crew.“
„Raus damit, Captain! Was Sie Ihrer Crew erzählen durften, ist mehr, als mir mitzuteilen Starfleet bereit war. Angesichts der Tatsache, daß wir hier direkt auf dem Präsentierteller sit-zen, bin ich ziemlich ungehalten über dieses Verhalten unserer Vorgesetzten.“
„Das ist mir nicht entgangen. Aber ich denke, ich kann Ihnen vertrauen, und zwar aus dem Grund, den Sie eben erwähnten.“ In den folgenden Minuten faßte Lennard das zusammen, was er seiner Crew bereits Wochen zuvor berichtet hatte. Der andere Captain hörte ihm auf-merksam und mit ernster Miene zu.
„Ich beneide Sie nicht um das, was Sie da vor sich haben,“ sagte er dann schlicht.
Lennard mußte schlucken, als er das von dem Mann hören mußte, der so gut wie kaum ein anderer über das Dominion Bescheid wußte. Dabei hatte er ihm nur die Hälfte von dem er-zählen können, was sie eventuell erwartete.
„Vielleicht können wir zusammen etwas essen gehen, wenn Ihr Dienst beendet ist,“ meinte er nachdenklich.
„Gerne.“ Jetzt lächelte Sisko wieder, mit einem offenen und ehrlichen Lächeln. Man konnte ihn wirklich nur darum beneiden, wie menschlich er geblieben war bei all dem, was er durch-gemacht haben mußte und bei der ständigen Ungewißheit und Bedrohung, unter der er hier auf der Station leben mußte.



Jake Sisko stand wieder einmal auf der Galerie des Promenadendecks und sah hinab auf die Menge flanierender und bummelnder Leute. Heute waren natürlich ungewöhnlich viele Be-sucher unterwegs, da Hunderte von Crewmitgliedern der Fairchild samt ihren Angehörigen den Aufenthalt auf der Station für etwas Zerstreuung nutzten. Am Ende der Biegung des Ob-erdecks linkerhand war gerade noch der Eingang des „Quark’s“ zu sehen, vor dem sich eine kleine Menschentraube gebildet hatte. Der habgierige Ferengi und Onkel von Nog würde heute abend sicher mit glänzenden Augen hinter seinem Tresen stehen.
Ach ja, Nog...
Irgendwie vermißte er seinen Freund immer noch, obwohl es schon eine Weile her war, daß er aufgebrochen war, um als erster Ferengi überhaupt in die Sternenflotte einzutreten. Bei Jakes Besuch auf der Erde hatte Nog als Kadett eine gute Figur abgegeben und schien das Leben auf der Akademie in San Francisco auch sichtlich zu genießen. Immerhin hätte er hier auf DS9 als Zivilist keine große Karriere vor sich gehabt, allenfalls als Lohnsklave bei Quark. Dieser unterdrückte seinen armen Vater Rom auch so schon genug, da hatte Nog wahrschein-lich keine Lust darauf verspürt, in dessen Fußstapfen zu treten, wenngleich Rom sich doch in letzter Zeit gemacht hatte. Für einen Ferengi war es zwar nicht gerade üblich, als Techniker für Bajor und die Föderation zu arbeiten, sondern wie jeder gute Ferengi Geschäftsmann zu werden. In diesem Falle jedoch hatte sich der freundliche kleine Humanoide mit den auffal-lenden, unbehaarten Kopfwülsten und den spitzen Zähnen als Glücksgriff erwiesen.
Und Nog... unzählige Male hatte er hier oben neben ihm gestanden und sie hatten gemeinsam die Passanten beobachtet, Streiche ausgeheckt und sich einfach die Zeit vertrieben. Schon kurz nachdem sein Vater hier das Kommando übernommen hatte, war er dem einzigen gleich-altrigen Jugendlichen auf der Station begegnet, und obwohl Benjamin Sisko anfangs strikt da-gegen gewesen war, waren sie gute Freunde geworden. Ihnen war es gelungen, die massiven kulturellen Abgründe zwischen ihren Rassen zu überbrücken, worauf selbst sein Vater nun stolz war.
Jake war es ein wenig wehmütig zumute, als er hier an ihrem alten Platz stand und hinabsah. Im klingonischen Restaurant am anderen Ende des Promenadendecks konnte er seinen Vater erkennen, der mit Dax und dem Captain der Fairchild sowie dessen Erster Offizierin zusam-men zu Abend aß. Amüsiert sah er, daß letztere gerade angeekelt ihr qagh, eine klingonische Speise, die aus lebenden, sich windenden rosavioletten Würmern bestand, zurückwies und ihren Teller diskret neben den ihres Vorgesetzten schob. Sie sah attraktiv aus für ihr Alter von etwa Anfang bis Mitte Dreißig, dachte er. Er mochte Frauen mit langem, dunklen Haar und dunklen Augen.
Im nächsten Moment wurde sein Blick wie magisch auf die Promenade gezogen, wo eine Fa milie gerade vorbeiging. Der Vater war um die Vierzig, trug sein schwarzes Haar ganz kurz und einen bleistiftstrichdünnen Schnurrbart über der Oberlippe. Sein Blick wirkte stechend und beobachtend, während er übers Deck schweifte. Er sah haargenau so aus, wie Jake sich einen Japaner von altem Schrot und Korn vorstellte. Das mußte der Sicherheitschef der Fairchild sein.
Seinen Arm hatte er auf den seiner zierlichen, anmutigen Frau gelegt, die ein paar Jaare jünger als er schien, jedoch von herausragender Schönheit war. Gleichzeitig verriet ihr Blick eine wache Intelligenz und Charakterstärke.
Das alles nahm er jedoch nur am Rande wahr. Vor allem bestaunte er die ältere der beiden Töchter, welche ein paar Schritte vor ihren Eltern hergingen und alles bestaunten, was es hier auf der Passage zu sehen gab. Jake schätzte sie auf sechzehn und dreizehn Jahre; es war un-verkennbar, daß sie Geschwister waren, so ähnlich sahen sie sich vom Typ her. Beide hatten die hübschen Gesichtszüge und die grazile Anmut, mit der sie sich bewegten, von der Mutter vererbt bekommen. Die Ältere der Beiden hatte eine rabenschwarze Mähne glatten Haares, welches in fließenden Wellenbewegungen auf ihrem Rücken beim Gehen wogte. Er mußte unwillkürlich die Luft anhalten, so bezaubernd war ihr Anblick.
Sie schien etwas gemerkt zu haben, denn plötzlich sah sie nach oben und ihm direkt in die Augen. Bei ihrem neugierigen, warmen Blick begann sein Herz zu rasen. Verschämt sah sie dann zu Boden und lächelte scheu. Wußte sie denn nicht, was sie mit diesem Verhalten bei ihm anrichtete? Zähneknirschend packte er das Brüstungsgeländer des Oberdecks und drückte unwillkürlich so fest zu, daß seine Knöchel weiß wurden.
Was für ein Mädchen! Er wollte sie gerne kennenlernen, aber wie? In Begleitung ihrer Eltern war die Konstellation für ein erstes Ansprechen nicht sehr günstig. Irgendetwas mußte ihm einfallen. Angestrengt dachte er über seine Möglichkeiten nach, während die japanische Fa-milie unter ihm vorbeigegangen war und nun plötzlich stehenblieb.
Da! Der Vater redete mit Chief O’Brien, den er anscheinend kannte. Er hörte ihn gerade sa-gen: „...und dann hat er mir angeboten, die Fairchild zu besichtigen. Ich meine, jeder, der auch nur ansatzweise ein Interesse für Technik hat, würde sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.“
Das war seine Chance! Jake hatte ein Praktikum bei O’Brien absolviert, bevor ihm klargewor-den war, daß eine Karriere als Ingenieur bei Starfleet nicht zu seinen Herzenswünschen zählte. Doch in diesem Moment verspürte er ein geradezu brennendes Interesse für die Technik des Schiffes, auf dem er möglicherweise diesem wunderbaren Mädchen begegnen konnte.
In Nullkommanichts war er auf dem Promenadendeck unten und gesellte sich wie zufälllig zum Chief. „Oh, hallo, Chief O’Brien. Wie geht’s?“
Der Angesprochene drehte sich um und antwortete etwas verblüfft: „Hallo, Jake. Danke, gut. Mr. Kazuki, dies hier ist Jake Sisko, der Sohn des Captains. Er ist seit dem ersten Tag auf der Station dabei. Jake, darf ich dir den Sicherheitschef der Fairchild, Onue Kazuki, und seine Familie vorstellen?“
Kazuki verbeugte sich leicht. „Meine Frau Minako, meine Töchter Yoko und Alita. Es ist schön zu wissen, daß an einem Ort wie diesem auch junge Menschen ein Zuhause haben.“
„Danke, Mr. Kazuki. DS9 ist wirklich im Lauf der Jahre zu meiner Heimat geworden, auch wenn es für Außenstehende schwer ist, sich das vorzustellen.“ Etwas ungeschickt bemühte er sich, die angedeutete Verbeugung zu erwidern, was angesichts seiner hochgewachsenen, schlacksigen Figur mißlang. Yoko kicherte ganz leise, worauf er sie lächelnd ansah, als er sich wieder aufrichtete und den Blick hob.
„Jake ist auf dem besten Wege, einmal ein berühmter Autor zu werden,“ lobte O’Brien ihn jetzt zu Jakes Unbehagen.
„Naja, ich bemühe mich,“ wiegelte er schnell ab, „seitdem ich beim Chief in der Lehre war und gemerkt habe, daß Ingenieur nicht meine Berufung ist, auch wenn ich mich schon für Technik interessiere.“
Fragend zog O’Brien eine Augenbraue hoch, dann schien er zu verstehen. „Ja, es hat ihm wirklich Spaß gemacht, bei mir zu lernen. Sag’ mal, Jake, hast du nicht Lust, morgen früh mit mir zusammen die Maschinensektion der Fairchild zu besichtigen? Ich könnte dich hinterher ein wenig auf dem Schiff herumführen; du weißt ja, daß es im Prinzip baugleich mit der Enterprise ist, auf der ich immerhin fünf Jahre gedient habe. Ich kenne also jeden Winkel und kann dir sicher einiges Interessantes zeigen.“
„Das wäre großartig! Ich bin sicher, ich werde dort eine Menge interessanter Dinge sehen. Vielen Dank, Chief.“ Jake strahlte übers ganze Gesicht.
„Sehr schön, daß sich jemand für unser kleines Schiffchen begeistert. Entschuldigen Sie uns jetzt, aber es ist schon spät, und unsere Töchter müssen morgen früh zeitig in der Schule und an ihrem Studienplatz in der Stellardynamik sein. Einen schönen Abend noch.“ Die Kazukis wandten sich zum Gehen. Yoko warf Jake noch über die Schulter einen Blick zu und schmun-zelte, daß ihm warm ums Herz wurde.
„Danke gleichfalls.“ O’Brien packte Jake am Ärmel und zog ihn außer Hörweite, bevor er ihn streng anfuhr: „Was sollte das denn werden, junger Mann? Wieso auf einmal so technikbe-geistert?“
Mit gespielter Empörung widersetzte der junge Schwarze sich: „Aber, Chief, nur weil ich mein Studium bei Ihnen abgebrochen habe, heißt das doch nicht, daß ich gleich überhaupt nichts mehr davon wissen will! Wann bekommt man schon die Gelegenheit, ein so schönes Schiff von Innen zu sehen?“
„Schönes Schiff, schöne Töchter. Habe schon verstanden. Aber daß du mir ja anständig bleibst, hörst du?“
„Ich weiß gar nicht, wovon Sie sprechen, Mr. O’Brien. Vielen Dank noch und bis morgen früh.“ Hastig verabschiedete Jake sich und lief beinahe zum nächsten Turbolift. Der irische Cheftechniker schüttelte den Kopf. Selten hatte er einen so offensichtlichen Versuch erlebt, sich direkt an den Ort des Geschehens zu drängen. Ob Kazuki es bemerkt hatte?
Natürlich würde er es gemerkt haben. Er wäre nicht der Chef der Sicherheit eines Sternen-flottenschiffes, wenn ihm solch ein Wink mit dem Zaunpfahl entgangen wäre.



„Und wie ist es weitergegangen, Mister Kazuki?“ fragte Kall mit einem verklärten Grinsen und sah erwartungsvoll hinauf zu ihrem japanischen Kollegen, der vornübergebeugt an seiner Konsole stand und ihr leise von den Begebenheiten während ihres Aufenthaltes auf der Station berichtete.
„Der Junge stand pünktlich zu Yokos Pause vor der Abteilungstür zur Stellardynamik, soviel konnte ich in Erfahrung bringen. Und, daß sie sich schreiben wollen oder auch mal über Sub-raumfunk in Kontakt treten.“
„Wie süß.“ Kall konnte nicht anders, als anhaltend vor sich herzulächeln. „Nur werden sie dazu wohl in nächster Zeit keine Gelegenheit mehr haben, wenn wir erst einmal im Gamma-Quadranten sein werden.“
„Von mir aus kann es losgehen,“ sagte Lennard, der soeben auf der Brücke eintraf und gleich auf seinen Sessel zuging.
„Guten Morgen, Captain. Der Maschinenraum meldet volle Bereitschaft. Wir können jeder-zeit ablegen.“ Vakuf war an der Conn-Konsole vollauf mit den nötigen Eingaben für das Ab-docken beschäftigt.
„Schön zu hören. Dann lösen Sie die Andockklammern, sobald sie soweit sind.“ Lennard machte einen angespannten Eindruck, als laste eine große Bürde auf ihm. Kall blickte ihn fra-gend an, sah jedoch schnell weg, als er es merkte. Sie beobachtete Darrn an der Ops-Konsole.
„Hören Sie genau zu, Counselor, denn ich sage das nur einmal: wenn ich auch nur den Ver-dacht hegen sollte, daß Sie dieses Mal wieder in meinen Gedanken lesen, dürfen Sie sich bei unserer Rückkehr auf eine Anhörung freuen.“ Lennard hatte sich zu Kall hinübergebeugt, ohne daß sie es gemerkt hatte, und flüsterte ihr nun überraschend ins Ohr.
Sie starrte ihn an, schluckte kurz und antwortete dann: „Ich habe verstanden, Captain. Es ist Ihnen ernst damit, das kann ich fühlen.“
„Gut für Sie, Sam. Ich wollte das nur klargestellt haben,“ bemerkte er leise und richtete sich wieder in seinem Sitz auf, als ob nichts gewesen sei. Wie beiläufig lehnte er sich in Kazukis Richtung.
„Haben Sie alles bekommen, was Sie haben wollten, Onue?“
„Hai, Captain. Die fünf Photonentorpedos nach altem Baumuster sind dem Lager für den Hecktorpedowerfer hinzugefügt worden, die zusätzlichen beiden Sauerstofftanks befinden sich in den hinteren beiden Frachträumen und sind randvoll.Die übrigen Aufmerksamkeiten für... sagen wir, diverse Bewohner der anderen Galaxishälfte, sind noch in Arbeit.“
„Gut. Halten Sie mich über die Fortschritte auf dem Laufenden.“ Lennard widmete seine Auf-merksamkeit wieder dem Hauptschirm und beobachtete das Ablegen von DS9. Er hätte wirk-lich nichts dagegen gehabt, noch ein wenig länger an diesem ungewöhnlichen Ort zu verwei-len, auch wenn er nach ihrem langen Landaufenthalt wirklich keinen Urlaub nötig hatte. Dieser Vorposten der Föderation hatte durchaus seine Reize.
Leardini kam hinzu und setzte sich neben ihn. Mit düsterem Blick auf den Bildschirm meinte sie leise: „Ist das nicht grotesk, daß das letzte, was wir vielleicht je von der Föderation sehen werden, eine cardassianische Raumstation ist?“
„Sie dürfen das nicht so negativ sehen, Commander. Dies hier ist kein Himmelfahrtskomman-do, sonst würden wir es nicht durchführen. Wenn das Dominion wirklich so clever ist, wie wir glauben, werden Sie merken, daß wir es ernst meinen.“
„Um das Dominion mache ich mir eigentlich weniger Sorgen. Kyle, wir sind vielleicht dabei, eine Büchse der Pandora zu öffnen, das wissen Sie doch?“ Sie sah ihm eindringlich tief in die Augen.
„Betätigen Sie sich wieder als mein Ersatzgewissen, Stefania? Wir haben unsere Befehle, das ist eine Tatsache, die wir nicht ignorieren können. Ich habe mir das alles nicht ausgedacht und wenn ich ehrlich sein soll, mir schmeckt es nicht, was uns aufgetragen wurde, denn eigentlich verdient das niemand. Doch in diesem speziellen Fall gilt das alte Sprichwort ‘Der Feind meines Feindes ist mein Freund’ ganz bestimmt nicht.“ Er hob mit bedauernder Miene die Schultern.
Plötzlich mußte Leardini grinsen: „Wie wäre es dann mit: ‘Der Feind meines Feindes ist mein Feind’?“
Lennard sah sie mit gequälter Miene an, konnte jedoch ein Schmunzeln kaum unterdrücken. „Soll ich das vielleicht als inoffiziellen Missionstitel beim nächsten Briefing vorschlagen?“
„Es wird genügen, wenn dieses Motto in mündlicher Form weiterexistiert.“ Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und sah wieder zu, wie sie langsam vom Andockmast wegsteuerten.
„Wir kommen frei, Captain. Vertäuungen gelöst, Manöverdüsen steuerbord aktiviert. Ein Achtel Impuls voraus bei Verlassen der Andockringperipherie, Kurs aufs Wurmloch.“ Wie immer meldete Vakuf akkurat das Protokoll der Vorgehensweise.
Darrn schaltete sich ein: „Wir werden gerufen, Captain. Es ist Captain Sisko.“
„Auf den Schirm.“ Lennard beugte sich vor, als das Bild des Kommandanten von Deep Space Nine erschien.
„Ich wollte Ihnen alles Gute und viel Erfolg auf Ihrer Mission wünschen. Sie werden es sicher nicht leicht haben im Gamma-Quadranten, das können Sie mir glauben. Ich weiß, wovon ich rede.“ Er wirkte trotz seines freundlichen Lächelns sehr ernsthaft.
Lennard nickte ihm dankbar zu. „Wir wissen das zu schätzen, Captain. Es wird wahrschein-lich eine Weile dauern, aber wir freuen uns jetzt schon auf ein Wiedersehen mit Ihnen.“
„Sie sind uns stets willkommen.“ Sisko unterbrach die Verbindung; er war kein Mann von langen Worten.
Dann hatten sie den Andockring hinter sich gelassen, Fahrt aufgenommen und schwenkten nun um auf die Position des Wurmloches. Bei der Annäherung blitzte es hell auf, dann er-schien ein hell strahlendes Lichtportal im Raum, umgeben von einer ringförmigen, leucht-enden und langsam rotierenden Partikelwolke. Wie bei ihrer letzten Durchquerung war es wunderschön anzusehen.
Im nächsten Moment hatte der Verteronentrichter die Fairchild aufgenommen und spuckte das Schiff kurz darauf knapp 70’000 Lichtjahre entfernt wieder aus. Auf dieser Seite der Ga-laxis gab es einen erneuten Lichtblitz, nach dem nichts von der Erscheinung mehr erkennbar und kurz darauf auf der Neutrino-Meßskala auch nicht mehr meßbar war.
Sie waren unterwegs auf ihrer Mission.


- 2 -

Nachdem sich das Wurmloch hinter ihnen wieder geschlossen hatte, nahmen sie zunächst eine Fernabtastung des sie umgebenden Raumes vor.
Die Bajoranische Wissenschaftsoffizierin Wuran sah von ihren Anzeigen auf. „Innerhalb der Sensorenreichweite keine Schiffe des Dominion.“
„Das wird sich sicher bald ändern. Nehmen Sie Kurs auf den Omarion-Nebel. Warp Sechs.“ Lennard seufzte leise.
„Kurs liegt an, Captain.“
„Beschleunigen, Vakuf.“ Lennard rief auf einem seiner Armlehnenmonitore eine Karte mit ihrem Kurs auf und betrachtete sie eingehend.
Während die Fairchild auf Warp beschleunigte, wollte Kall wissen: „Wieso zum Omarion-Nebel? Die Gründer haben ihre Heimatwelt doch verlassen, nachdem der Föderation ihre Po-sition bekannt geworden war.“
„Ganz genau,“ stimmte Lennard zu, „und deshalb können wir auch nicht zu ihrer jetzigen Heimatwelt fliegen. Dasselbe ist übrigens mit der unbemannten Relaisstation, auf die die Fö-deration von den Karemma hingewiesen wurde, geschehen. Genau genommen sind uns über-haupt keine stationären Einrichtungen des Dominion oder der Jem’hadar mehr bekannt, wes-halb dem Oberkommando dieses Ziel eine gute Idee schien. Sie meinen, wir würden damit Gesprächsbereitschaft demonstrieren.“
„Die Frage ist nur, ob sie auch mit uns reden wollen.“ Leardini erhob sich. „Mit Ihrer Erlaubnis überlasse ich die Brücke Ihnen, Kyle.“
Er nickte, worauf sie ging und eine nachdenkliche Kall zurückließ. Sie sah ihren neuseeländ-ischen Vorgesetzten von der Seite her an und fragte dann: „Wieso sind Sie noch immer so förmlich miteinander, Captain? Inzwischen ist Ihre Beziehung doch ein offenes Geheimnis an Bord. Vielleicht übersetzt mein Kommunikator das nicht korrekt, doch es klingt für mich so, als benutzten Sie eine Anrede, die man in einer der irdischen Sprachen als das ‘Hamburger Du’ bezeichnen würde.“
Lennard stutzte und fragte: „Was meinen Sie damit?“
„Es ist eine besondere Form der Anrede, bei der man zwar den Vornamen der Person, aber gleichzeitig auch die Höflichkeitsform benutzt. Sie stammt aus Dänemark oder Holland, wenn ich mich nicht irre,“ erklärte sie.
„Doch, Sie irren,Counselor, dieser Ausdruck stammt aus dem Norddeutschen des zwanzigsten Jahrhunderts, aber ansonsten haben Sie das ganz richtig erkannt. Übrigens rede ich so die meisten meiner Brückenoffiziere an. Kennen Sie einen Captain, der so etwas tut?“ Forschend musterte er sie.
Ein wenig unbehaglich gab sie zu: „Nein, aber...“
„Sehen Sie?“ fuhr er dazwischen. „Das ist der springende Punkt. Vor einem Jahr noch waren wir relativ unwichtig in der Flotte. Damals konnte sich ein so junger Captain, wie ich es bin, lockerere Umgangsformen erlauben, ganz zu schweigen von einer Liaison mit der Ersten Of-fizierin. Doch daran hat sich einiges geändert; einige Schiffe sind verloren gegangen, wir sind langsam in der Hierarchie nach oben gerutscht und nach unserem Sabotagevorfall im Alnilam-System haben wir auf einmal ein Stück Hochtechnologie unter dem Hintern und nicht einfach irgendein Schiff, das pausenlos auf der Ersatzbank, sprich auf Kartografierungs-missionen verweilt.
Verstehen Sie, Sam? Wir sind auf einmal jemand, haben uns einen Namen gemacht durch un-seren Fund. Und auch wenn dieser Name nicht in aller Munde ist, so ruhen doch einige Augen mehr auf uns als früher und beobachten uns wohlwollend, vielleicht auch ein wenig kritisch. Wie würden Sie als Admiral es finden, wenn ich Stefania auf der Brücke Kosenamen geben würde? Nicht, daß ich ernsthaft glaube, Sie könnten es mit Ihren ewigen Gehirnspionagen jemals zum Admiral bringen.“
„Sie müssen nicht so gemein grinsen, Kyle, ich weiß das selbst. Sie haben recht mit diesen Argumenten“, gestand sie ein.
Er fuhr nicht ohne eine Spur Enthusiasmus fort: „Das erste sichere Zeichen war die Um-benennung der Aldebaran. Plötzlich sind wir nicht mehr nur das letzte bisher gebaute Schiff der Galaxy-Klasse, dem man irgendeinen nichtssagenden Namen eines Sternes gab. Und glauben Sie jetzt bloß nicht, daß das meine Meinung sei; ich versetze mich nur gerade in einen dieser alten... ich meine, in diverse Mitglieder des Oberkommandos.“
„Natürlich, Sir. Und das mit viel Einfühlungsvermögen.“ Kall mußte sich abwenden, damit er ihr Grinsen nicht sehen konnte.
„Ja, auf einmal sind wir wichtig für sie... wegen unserer Begegnung mit dem Ewigen von Al-nilam und unseren von ihm verstärkten metaphasischen Schilden. Und jetzt geben sie uns diese Mission, da muß auch ein glorreicher Name her, etwas wohlklingendes in alter Tradition, so wie Constitution, Reliant oder...“ Er hielt inne.
„Enterprise, ich weiß. Ihr altes Trauma, im Schatten des Flaggschiffes zu stehen, wird viel-leicht bald keines mehr sein. Momentan ist dieses neue Schiff, das laut Kazuki die neue Enterprise wird, noch im Bau. Solange gibt es offiziell kein Flaggschiff, womit wir gewis-sermaßen als eines der Galaxy-Modelle diese Ehre mittragen.“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu.
„Nett von Ihnen, Sam, aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht, daß Sie mich gleich the-rapieren müssen,“ wiegelte er ab. „Und nebenbei ist die Umbenennung auch aus Sicher-heitsgründen erfolgt, damit nicht ganz so offensichtlich ist, auf welchem Schiff sich die neuen Schilde befinden. Dieses Mal haben wir alles geheimhalten können... hoffe ich.“
„Unterschätzen Sie den Geheimdienst des Dominion nicht ein wenig?“ wollte die Betazoidin zweifelnd wissen.
„Das werden wir bald herausfinden.“
„Ich hoffe es nicht,“ widersprach Kall und schien zu überlegen, ob sie noch etwas hinzufügen soll. Lennard bemerkte das.
„Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?“
Zögernd rückte Sie heraus mit der Sprache. „Naja, eigentlich geht es um die Bedeutung des Schiffsnamens. Sie umschreiben es manchmal scherzhaft als ‘schönes Kind’, wie ich neulich gehört habe. Aber...“
„Das ist ein Wortspiel in meiner Heimatsprache. Wenn man den Namen in zwei Worte trennt, erhält man ‘fair child’, was tatsächlich ‘schönes Kind’ bedeutet. Und das passt doch auch zu unserem guten, treuen Schiffchen, nicht wahr?
Aber eigentlich ist die Fairchild benannt nach einem alten, traditionsreichen Familiennamen der Erde. Er zieht sich, ähnlich wie auch der Name Picard, durch unsere Geschichte wie ein roter Faden. Es gab Pioniere dieses Namens im 18. Jahrhundert, die den Kontinent Nord-amerika besiedelt haben, leider aber auch Industrielle zur Jahrtausendwende, die eine grosse Rüstungsfirma dort betrieben. Vor allem aber stand der Raumfahrer Nicolas Edmond Fairchild Pate. Er war der Kommandant mehrerer interplanetarischer Missionen und unter anderem der erste Mensch auf Triton, dem Pluto und Charon.“
Kall dachte nach. „Sie haben recht. Allerdings war er nicht der erste Humanoide auf Pluto, sondern nur der erste Terraner. Wenn ich mich recht erinnere, landete ein Jahr vor dem ersten Kontakt ein vulkanisches Forschungsschiff auf dem Pluto, um die Wechselbeziehung zwisch-en diesem und seinem Mond Charon zu erforschen. Sie stuften damals beide Himmelskörper als Zwillingsplaneten ein und führten deshalb das Sol-System jahrelang mit elf Planeten.“
„Ein Missstand, den die Erdbevölkerung schnell aufklärte. Und das mit den Vulcaniern bleibt hübsch unter uns, verstanden?“
„Ich verstehe, Sir; Sie wollen natürlich nicht, dass die Ehre und der Entdeckerruf Ihrer Rasse unterminiert wird...“ Kall brach rasch ab, als sie Lennards Miene sah. „Oh, da habe ich wohl mit dem Hammer auf den Nagel getroffen.“
„Es heisst, den Nagel auf den Kopf getroffen. Und genau das haben Sie auch. Sie werden den guten Namen des Schiffes und die Leistungen seines Namensgebers nicht ungebührend schmälern. Verstanden?“
„Ja, Sir.“ Kall nickte und stiess hörbar Luft aus. Menschen!



Nach etwa einem Tag Flug war schon beinahe wieder so etwas wie Routine eingekehrt, wenn das unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich war. Leardini hatte gerade ihre Schicht auf der Brücke übernommen und ging ein wenig von Station zu Station. Bei Wuran blieb sie stehen und sah der Bajoranerin über die Schulter.
„Na, Cluy, sind Sie zufrieden mit den verbesserten Sensoren?“
„Ja, Commander, Sie arbeiten bisher zuverlässig und innerhalb der Parameter. Durch die Um-rüstungen ist die Reichweite der Langstreckensensoren um etwas über zwanzig Prozent erhöht worden. Ich arbeite noch an einigen Feinjustierungen, durch die die Genauigkeit der Nahbe-reichsscanner verbessert werden kann.“ Die Wissenschaftsoffizierin sah nicht einmal über die Schulter, so sehr war sie in ihre Arbeit vertieft.
„Wie war ihr Aufenthalt auf Bajor eigentlich? Ich weiß, es waren nur ein paar Stunden, wenn man die Hin- und Rückflüge von DS9 aus berücksichtigt, aber Sie waren wenigstens zu Hause bei Ihrer Familie.“ In Leardinis Stimme klang Wehmut mit, als sie das sagte.
Nun sah Wuran doch noch von ihren Konsolen auf und betrachtete mit ihren rehbraunen Au-gen das Gesicht ihrer Vorgesetzten: „Einer der Nachteile in solch einem hohen Rang ist wohl, ein halbes Jahr Standzeit seines Schiffes nicht im Urlaub oder einem anderen Posten zu ver-bringen, sondern im Dock.“
„Naja, ganz so war es nicht. Ein paar Wochen auf Risa waren schon drin, auch wenn der Flug zur Erde von der Werft aus zu lange gedauert hätte. Ich...“ Leardini hielt inne, als eine Anzei-ge auf Wurans Konsole zu piepsen und blinken anfing.
Wuran wandte sich rasch wieder ihren Anzeigen zu. „Ein Perimeteralarm. Ich empfange ein halbes Lichtjahr neben unserem Kurs eine Anzahl kleinerer Objekte, unregelmäßig geformt. Wahrscheinlich Trümmer eines Raumschiffes. Commander, sie bestehen hauptsächlich aus Tritanium und Duraniumlegierungen...“
Sie sah wieder auf. „Ein Föderationsschiff.“
Leardini zuckte leicht zusammen, dann sah sie auf. „Steuermann, berechnen Sie einen Kurs in dieses Trümmerfeld und gleichen sie ihn an unseren jetztigen an. Captain auf die Brücke.“
Nur wenige Sekunden nach ihrer Durchsage kam Lennard aus seinem Bereitschaftsraum, mit einem PADD in der Hand, an dem er wohl gearbeitet hatte; er hatte den elektronischen Notiz-block nicht einmal weggelegt. Auch das war eines der untrüglichen Anzeichen dafür, daß eine unterschwellige Spannung auf wirklich jedem an Bord lag.
„Bericht, Commander,“ verlangte er gespannt.
„Wir haben die Trümmer eines Raumschiffes geortet, mit ziemlicher Sicherheit eines Födera-tionsschiffes. Ich habe eine Kursänderung befohlen, um die Wrackteile zu untersuchen und eventuell eine Identifikation des Schiffes durchführen zu können. Wir müssen dafür eine Ab-weichung von einem halben Lichtjahr in Kauf nehmen. “ Sie sah ihn an und wartete auf einen Kommentar.
Lennard überlegte kurz und meinte dann: „Gut, machen Sie es so. Berichten Sie mir bitte über unsere Ankunft im Zielgebiet.Wann dürfte das ungefähr sein?“
Die erste Offizierin sah sich nach der Conn-Konsole um: „Fähnrich?“
Der diensthabende Steuermann antwortete gleich: „Etwa fünfundfünfzig Minuten bei gleich-bleibendem Warpfaktor. Soll die Geschwindigkeit erhöht werden, Sir?“
„Nein, wir bleiben bei Warp Sechs. Es soll nicht so aussehen, als hätten wir es eilig. Ich bin in meinem Raum, wenn Sie mich brauchen.“ Er warf Leardini noch einen warmherzigen Blick zu und ging zurück in seinen Bereitschaftsbereich.



„Wir erreichen die Peripherie des Trümmerfeldes und gehen unter Warp, Captain.“ Als diese Meldung Leardinis über die Deckenlautsprecher kam, legte Lennard den PADD von vorhin beiseite und erwiderte: „Danke, ich komme.“
Auf der Brücke ging er ohne Umschweife auf seinen Platz und befahl noch im Gehen: „Ma-növrieren Sie uns ganz langsam in das Feld hinein, Schutzschilde hoch und Hauptbildschirm mit Sicht nach vorne.“
Vor ihnen breitete sich eine Unzahl von Bruchstücken im Weltall aus, die meisten von hell-grauer Farbe. Wuran meldete: „Es sind definitiv Trümmer eines Föderationsschiffes. Wir kön-nen einige davon an Bord beamen, um die Identität des Schiffes festzustellen, was angesichts der kleinen Anzahl von im Gamma-Quadranten vermissten Schiffen kein großes Problem sein dürfte.“
Alle schwiegen betreten, bis der Captain nach einer Sekunde antwortete: „Fangen Sie gleich damit an, Lieutenant Commander. Je früher wir hier wegkommen, desto besser. Es unterstützt die Moral der Besatzung nicht sehr, zu wissen... was ist das? Vergrößern Sie diesen Aus-schnitt oben links im Bild.“
Nun sahen alle den dunklen, schemenhaften Umriß im kalten Vakuum treiben. Im nächsten Moment vergrößerte sich das Bild um den Faktor zehn und offenbarte für alle auf der Brücke deutlich, was da vor ihnen war. Ein leiser Aufschrei des Entsetzens entfuhr einigen Kehlen, und manche sahen betreten zu Boden.
„Oh mein Gott.“ Leise wisperte Leardini: „Jetzt sollten wir wirklich keine Probleme mehr damit haben, herauszufinden, welches Schiff das war.“
Als die Vergrößerung nochmals anstieg, war selbst das aschfahle Gesicht des Menschen in der Starfleet-Uniform eines Fähnrichs in allen Details zu erkennen. Es war eine junge Hu-manoide mit langen blonden Haaren, welche durch die Schwerelosigkeit wie ein Fächer um ihren Kopf herum ausgebreitet waren. Ihr Gesicht drückte Todesangst aus, der Mund zu einem letzten stillen Aufschrei der Panik aufgerissen.
„Fahren Sie die Vergrößerung sofort zurück!“ schnauzte Lennard den Offizier an der Ops an und sagte dann zu Wuran: „Bitte scannen Sie den umgebenden Raum nach weiteren Opfern und beamen Sie sie zusammen mit einigen Trümmerstücken zur Verifizierung des Raum-schiffes an Bord.“
„Aye, Sir.“ Wuran koordinierte ihre Bemühungen mit dem Leutnant an der Ops-Konsole und begann dann mit der Suche. Schon nach kurzer Zeit gab sie das Resultat bekannt: „Wir haben weitere siebzehn humanoide Körper gefunden. Außerdem registriere ich einige Bruchstücke des Brückenbereichs, die eventuell Logbücher enthalten könnten.“
„Sehr gut. Konzentrieren Sie sich auf diese Wrackteile. Sobald die Transporte abgeschlossen sind, setzen wir unseren Flug zur ehemaligen Heimatwelt der Gründer fort.“
Der Ops-Leutnant schaltete sich unverhofft ein: „Captain, ich habe hier etwas, das Sie wissen sollten.“
Lennard horchte auf. „Was gibt es, Lieutenant?“
„Beim Scan der Umgebung sind mir einige erhöhte Werte der Umgebungsstrahlung aufge-fallen, unter anderem auch ziemlich hohe Neutrinokonzentrationen in einer bestimmten Rich-tung. Ohne die verfeinerten Sensoren wären sie mir sicher entgangen, aber so würde ich sagen, es könnte sich unter Umständen um ein getarntes Schiff handeln.“ Der junge Offizier sah seinen Kommandanten erwartungsvoll an.
„Lieutenant Rivaa, Ihnen ist doch bestimmt geläufig, daß die Föderation bislang keinerlei In-formationen über Jem’hadar-Schiffe mit einer Tarntechnologie besitzt. Was veranlaßt Sie also zu dieser Vermutung?“ Etwas ungnädig sah Lennard auf ihn hinab, wohl noch immer etwas verstimmt über dessen Fauxpas mit der Präsentation der im Raum treibenden Leiche.
„Bei der Schlacht der Jem’hadar mit der Flotte aus romulanischen Tal Shiar- und cardassia-nischen Schiffen des Obsidianischen Ordens, der beiden Geheimdienste dieser Völker, kön-nen sie Tarntechnologie oder sogar vollständige Schiffe mit funktionierender Tarnung erbeut-et haben. Wenn vor uns eines dieser Schiffe getarnt auf uns lauert, sollten wir höchste Vor-sicht walten lassen. Der Gegner ist nicht dumm; er wird ahnen, daß wir planen, die sterblich-en Überreste dieser Mannschaft sowie einige Trümmerteile mit dem Transporter zu bergen.“
„Da könnten Sie recht haben,“ stimmte Lennard nachdenklich zu, „dann sollten wir unsere Vorgehensweise leicht abändern. Wuran, da wir nur Trümmer und leblose Körper zu beamen haben, können wir auf eine Quantenauflösung des Personentransporters verzichten und den Frachttransporter dafür benutzen; die Molekularauflösung dieses Systems genügt vollauf dafür. Das dürfte uns im Fall der Fälle ein Überraschungsmoment sichern, da das getarnte Schiff natürlich nicht weiß, daß wir durch die hochgefahrenen Schilde mit dem Fracht-transporter hindurchbeamen können, ohne sie senken zu müssen. Wuran, übernehmen Sie das mit Mr. Darrn zusammen.“
„Jawohl, Sir,“ bestätigte die Bajoranerin und rief den sich momentan nicht im Dienst befind-lichen Klingonen zum Frachtraum auf Deck 38. Dieser befand sich tief unten im Inneren der Maschinensektion und war daher als potentielle Leichenhalle besser geeignet als ein stärker frequentierter Bereich des Schiffes. Sie wollte sich gerade aufmachen, als das Ergebnis einer von ihr initiierten Untersuchung ankam.
„Captain, ich habe eine Identifizierung der Frau, die wir vorhin auf dem Bildschirm gesehen haben. Laut Sternenflottendateien war sie Fähnrich Ayla Bahrai, zuletzt stationiert auf der U.S.S. Proxima, einem der vermißten Schiffe.“ Sie senkte den Blick und ging dann zum näch-sten Turbolift, um die ihr zugewiesene, unrühmliche Aufgabe zu erfüllen.
„Gute Arbeit, Cluy.“ Lennard verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging mit verzag-ter Miene vor seinem Stuhl auf und ab. „Die armen Teufel. Und die Sternenflotte muß auf-grund der Natur unseres Auftrages vielleicht sogar offiziell geheimhalten, daß das Schiff ge-funden wurde, weil wir es gefunden haben. Wahrscheinlich werden nur die Angehörigen ver-ständigt und zur Geheimhaltung verpflichtet. Ein schweres Los für diese Menschen.“
„Kyle, wenn dort draußen wirklich ein getarntes Schiff auf uns lauert, wie sollen wir ver-fahren?“ Leardini versuchte sich und auch ihn von dem schrecklichen Anblick von vorhin ab-zulenken und gleichzeitig, sich eine Strategie für den Ernstfall zurechtzulegen.
„Zunächst einmal werden wir die Trümmer und Opfer der Proxima an Bord beamen. Wenn wir die Emitter-Phalanxen aktivieren, werden sich die Feinde denken, daß wir unsere Schilde im nächsten Augenblick zum Transport senken müssen und sich zum Angriff enttarnen. Wenn es allerdings nur den Auftrag hat, uns zu beschatten, werden wir wohl im Ungewissen bleiben und einfach weiterfliegen. Nun, gleich sind wir schlauer. Ich löse vorsorglich noch keine Alarmstufe aus, weil ein Aufladen der Phaserbänke und Torpedolauncher mit Sicher-heit von ihren Sensoren angezeigt werden würde. Ich möchte allerdings nicht, daß sie auch nur ahnen, daß wir etwas ahnen. Kompliziert, nicht wahr?“ Er lächelte matt.
„Kriegsspiele. Warten wir also ab, was geschieht.“ Die Numero Uno setzte sich auf ihren Ses-sel und wartete auf die kommenden Ereignisse.
Nach wenigen Minuten wurden die Lautsprecher der Brücke aktiviert: „Darrn an Brücke. Sind bereit zum Durchführen der Transporte.“
„Beginnen Sie, Lieutenant. Und entschuldigen Sie, daß ich Sie während Ihrer Freizeit gestört habe.“
„Kein Problem, Captain.“ Darrns Tonfall zeugte nicht gerade von Begeisterung. Man konnte es ihm nicht verdenken; wer wurde schon gerne aus dem wohlverdienten Feierabend oder gar aus dem Bett geholt, um achtzehn Leichen nebst diversen Wrackteilen aus dem All ins Schiff zu beamen?
„Tun Sie mir einen Gefallen und lassen Sie das Transportersignal einige Sekunden in der Schwebe, nachdem Sie die Emitter-Phalanx aktiviert haben. Wir wollen sehen, was sich dann tut. Lassen Sie sich durch nichts, ich wiederhole, nichts stören und führen Sie den Transport durch, bis alles an Bord ist, was wir haben wollen.“ Lennard warf Kall einen kurzen Seiten-blick zu und stellte fest, daß ihr Gesicht ein wenig Farbe verloren hatte.
„Verstanden, Captain. Wir aktivieren die Emitter...jetzt.“
„Achtung, Schiff enttarnt sich voraus! Romulanischer Warbird der D’Deridex-Klasse,“ rief Leutnant Rivaa im gleichen Moment alarmiert.
„Alarmstufe Rot!“ Lennard sah gebannt auf den Schirm, wo direkt vor ihrem Bug der Raum zu flimmern begann und zuerst verschwommen, dann immer deutlicher die furchteinflößende Silhouette eines riesigen romulanischen Schlachtschiffes sichtbar wurde. Es hatte einen mas-siven grünlichen Rumpf, der sich nach vorne und unten stark verjüngte und dadurch wie der Schnabel eines Raubvogels wirkte. Dieses Merkmal hatte ihm zusammen mit seinen doppelten, schwingenartigen Tragflächen seinen Namen eingebracht. Im Inneren der an den Enden der ‘Schwingen’ sich befindenden Auslegern leuchteten die Warppylonen in einem fahlen, gespenstischen Grün. Jedes Detail an diesem Ungetüm suggerierte Aggressivität und Überlegenheit; allein optisch besaß dieser Warbird einen psychologischen Vorteil seinem Gegner gegenüber. Das wurde noch verstärkt durch die schiere Größe, denn die Spannweite und Länge betrugen etwa das Doppelte der Fairchild.
„Er lädt seine Waffen, Sir,“ gab Kazuki alarmiert zu verstehen.
„Ops, geben Sie durch, daß wir uns auf einer Bergungsmission befinden und...“
„Wir werden beschossen,“ fuhr Kazuki aufgeregt dazwischen. In der nächsten Sekunde sahen sie einen Disruptorstrahl auf sich zukommen, spürten jedoch keine Auswirkungen.
„Nicht zurückschießen, Mr. Kazuki. Schadensmeldung?“
„Direkter Treffer auf die Frontschilde. Keine Auswirkungen.“ Leicht befremdet sah er zu Lennard hinab. Nicht zurückfeuern? Das schmeckte ihm als Sicherheitsoffizier anscheinend überhaupt nicht.
„Conn, wenden und Fluchtkurs mit vollem Impuls aus dem Trümmerfeld heraus. Dann auf unseren alten Kurs mit Warp Acht.“ Lennard setzte sich wieder.
„Sie reagieren nicht auf unsere Rufe, Captain,“ meldete Rivaa.
„Dachte ich mir.“ Lennard sah auf den Bildschirm, wo gerade eine Salve von Photonen-torpedos hinter ihrem Heck vorbeischoß, als sie sich in Bewegung setzten und behende um-drehten, um das Feld der Wrackteile zu verlassen.
„Wuran an Brücke: wir haben alles an Bord gebeamt,“ gab die Wissenschaftsoffizierin über Interkom durch.
„Gute Arbeit, Wuran, Darrn. Legen Sie die Opfer gleich auf Eis, die Wrackteile können Sie später untersuchen.“
„Keine Sorge, Sir, es würde mir nicht einmal im Traum einfallen, während eines Angriffes mit der Untersuchung zu beginnen,“ kam die etwas unverschämte Antwort.
Lennard mußte wider Willen grinsen. „Welchen Angriff meinen Sie, Lieutenant Commander? Ich habe keine Treffer gespürt.“
„Wir sind auf Warp gegangen, Captain, Faktor Acht,“ informierte Vakuf sie.
Leardini seufzte und sagte für alle deutlich vernehmbar: „Eines schönen Tages wird jemand auf die Idee kommen, sich die Aufzeichnungen unserer Brückensensoren anzusehen.Und dann enden wir allesamt als Personal von Frachtern und Abfallverwertungsanlagen.“
Nun hörte man vielfaches Kichern von der Crew, worauf Lennard sagte: „Computer, lösche die letzte Aussage aus den Aufzeichnungen. Authorisation Lennard Alpha Zwei.“
„Löschung bestätigt,“ antwortete der Computer.
Empört rief Leardini: „Captain, was fällt Ihnen ein? Das ist Beschneidung meiner Meinungs-freiheit.“
Unter anhaltendem Kichern Einiger erwiderte Lennard: „Einwand zur Kenntnis genommen, Commander.“
„Darf ich Sie schnell stören, Captain? Der Warbird folgt uns mit etwa gleichbleibendem Abstand,“ machte Kazuki auf sich aufmerksam.
Lennard wandte sich um. „Ach ja. Es sieht so aus, als würden die bisherigen Erfahrungen mit romulanischen Schiffen dieser Klasse bestätigt. Durch seine enorme Größe und Masse verfügt der D’Deridex über ein niedrigeres Warppotential als ein normales Galaxy-Schiff.“
„Befehle?“ fragte Vakuf an.
Mit einer wegwerfenden Handbewegung meinte Lennard: „Hängen Sie ihn ab, Warpfaktor Neun.“
„Aye, Sir,“ bestätigte Vakuf, um nach einem Moment des Zögerns nachzuhaken: „Neun Komma...?“
„Wenn ich nur Neun sage, bedeutet das Neun Komma Null, Lieutenant Commander. Das soll-te Ihnen eigentlich geläufig sein,“ belehrte er sie.
Sie rechtfertigte sich schnell in formellem Tonfall: „Natürlich ist mir das bekannt, Sir, ich wollte nur sichergehen...“
„Ich weiß genau, was Sie wollten, Mrs. Vakuf,“ unterbrach er sie etwas unhöflich und fuhr in vertraulichem Tonfall fort, „aber wir wollen doch nicht mit unseren Ressourcen protzen, so-lange es nicht unbedingt nötig ist.
Dieser Warbird ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Jem’hadar übernommen und hier zur Überwachung dieser Wrackteile stationiert worden. Das ist gewiß kein wichtiger Auftrag, weshalb sie wohl eine eher unerfahrene Mannschaft auf dem Schiff zurückgelassen haben. Ich vermute, daß sie noch mindestens einen weiteren Warbird aus dieser Schlacht damals ge-borgen haben, sonst würden sie den hinter uns jetzt in einem Dock auseinandernehmen, um die Tarnvorrichtung und die Energiequelle zu studieren.
Außerdem haben sie vermutlich Probleme mit der Konzeption ihres Hauptreaktors, da sie nicht erwartet haben, eine künstliche Quantensingularität anstatt einer MARK vorzufinden. Sie waren nicht in der Lage, die Effektivität des Energieausstoßes zu erhöhen, das Schiff ist also genauso schnell wie bisher.“
„Eine exzellente Analyse der Situation, Captain,“ bemerkte Vakuf, „und außerdem läßt sich aus Ihren Ausfühungen der Schluß ableiten, daß die Energieerzeugung beim Dominion dem-nach ebenfalls aus einer Materie-/Antimaterie-ReaktionsKammer besteht.“
„Oder aus einer anderen, uns völlig unbekannten Art der Energieerzeugung,“ fügte Leardini hinzu.
„Diese Möglichleit ist unwahrscheinlich,“ widersprach Vakuf und meldete unter Leardinis bösen Blicken: „Wir sind auf Warp Neun, Warbird fällt schnell zurück.“
„Kein Wunder bei einem Geschwindigkeitsunterschied von fast fünfzig Prozent. Sind wir auf unserem Kurs zum Planeten?“
„Genau auf Kurs, Captain. Sie wissen, wohin wir fliegen.“ Vakuf sah über die Schulter zu Lennard hin. „Sie werden uns erwarten.“
„Das sollen sie auch.“ Nun sahen ihn alle an, mit gemischten Gefühlen.
Nachdem er den roten Alarm beendet uns sich entspannt zurückgelehnt hatte, fragte Kall lei-se: „War Ihr Verhalten nicht ein wenig herablassend in dieser Situation? Ich meine die leicht-fertige Art, wie Sie die Bedrohung durch den Romulaner abgetan haben. Wir sind nicht un-besiegbar.“
Er sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihr hin und antwortete: „Schön, daß Sie auf mich hören und meine Gedanken nicht lesen, Counselor. Sonst wüßten Sie, daß ich die Situation nur ein wenig entschärfen wollte und die Brückenmannschaft moralisch wieder aufbauen, nachdem sie diese Wrackteile und zu allem Überfluß auch noch die Großaufnahme dieses armen Fähnrichs im All sehen mußte. Wir sind schließlich keine gefühllosen Kämpfer mit Nerven aus Stahl.“
„In diesem Fall haben Sie ihren Job gut gemacht, denn die Stimmung ist allgemein gelöst im Moment, wie ich spüre.“ Sie nickte ihm anerkennend zu.
Leutnant Rivaa gab nun bekannt: „Der Warbird tarnt sich. Die Anzeigen deuten darauf hin, daß er seinen Kurs beibehalten hat, auch wenn er nicht mehr zu lokalisieren ist.“
Lennard meinte daraufhin: „Gut, dann fliegen wir noch eine Stunde mit Warp Neun weiter und fallen dann auf Warp Acht zurück. Sollen sie ruhig glauben, daß wir nicht für längere Zeit dieses Tempo halten können. Es ist zwar ziemlich sicher, daß sie durch ihren Nachrich-tendienst die Spezifikation eines Schiffes der Galaxy-Klasse längst kennen, aber so leicht-fertig decke ich meine Karten dennoch nicht auf.“
Zustimmendes Kopfnicken bestätigte seine Vorgehensweise.



Als Leardini an diesem Abend Lennards Quartier betrat, lag dieser lang ausgestreckt auf sei-nem Bett und starrte an die Decke, ohne ihr Eintreten wahrzunehmen. Es war schon eine Weile her, daß sie ihn so grüblerisch gesehen hatte.
„Was betrübt dich, Imzadi?“ fragte sie scherzhaft.
Er sprang auf: „Imzadi? Was... oh, Mann, hast du mich erschreckt! Ich dachte schon, Kall sei in ihre Phase eingetreten und würde mich jetzt in meinem eigenen Quartier überfallen.“
„Nur weil ich dich mit diesem betazoiden Titel für ‘Angetrauter’ angesprochen habe? Das klingt ja fast so, als hättest du das schon einmal erlebt. Und was meinst du mit der ‘Phase’?“ Stirnrunzelnd wartete sie auf seine Antwort.
Er seufzte: „Das ist ein natürlicher Zyklus, während dem bei weiblichen Betazoiden der Sexualtrieb um das Vierfache ansteigt. Sam war noch blutjung, wir dienten damals auf der Diligence zusammen, als sie ihre erste Phase bekam. Eines Abends kam ich nach meiner Schicht in mein Quartier und mußte herausfinden, daß sie sich hineingeschlichen hatte. Es war wie im Film: sie wartete ungeduldig unter meiner Bettdecke auf mich.“
Mit ungläubiger Miene wollte sie wissen: „Wie bitte? Und was hast du getan?“
Er zuckte mit bedauerndem Lächeln mit den Schultern: „Was hätte ich deiner Meinung nach denn tun sollen? Sie war jung, schön, voller unbändiger Leidenschaft... ich hatte nur eine Möglichkeit.“
„Kyle, sie war damals noch fast ein Kind!“ schrie sie empört auf.
„Und deshalb war die einzige Möglichkeit, sie zu packen und unter die Ultraschalldusche zu stellen, mit einer ziemlich unangenehmen Einstellung selbstverständlich,“ fuhr er breit grin-send fort.
Sie schmunzelte und hakte nach: „Mitsamt Bettdecke?“
„Nun, die hat es nicht ganz bis unter die Dusche geschafft, aber sie hat sich dennoch recht bald beruhigt. Wir haben diese Angelegenheit dann in einem langen Gespräch in gemütlicher Atmosphäre geklärt.“ Er schien versonnen an dieses Erlebnis zurückzudenken.
„Und du warst wirklich nicht versucht...?“ Sie warf ihm einen forschenden Blick zu.
„Herrgott, natürlich war ich das! Schließlich bin ich auch nur ein Mensch, und bei diesem Anblick... aber ich war damals bereits vergeben, wenn ich ‘mal so sagen darf. Also habe ich ihr versichert, daß ich sie mitnehmen und in einer guten Stellung einsetzen würde, wenn ich mein eigenes Schiff bekommen würde, was damals schon absehbar war. Allerdings nur, wenn sie von mir ablassen würde. Ich muß jedenfalls sagen, daß ich diesen Deal im Großen und Ganzen bis heute nicht bereut habe,“ schloß er.
„Gut, damit kann ich leben,“ lenkte sie ein, wollte aber nach einem Moment des Zögerns wissen: „Sieht sie wirklich so gut aus?“
Er meinte mit belanglos klingender Stimme: „Ich finde schon. Aber eigentlich müßtest du das nicht fragen, da die Uniformen auch nicht so viele figürliche Aspekte verbergen. Und was ist mit eurem Holodeckbesuch einer finnischen Sauna vor mehreren Wochen? Soviel ich weiß...“
„Schon gut! Ja, es war ein klassischer Saunagang und wir waren beide nackt. Zufrieden?“ Mit in die Hüften gestemmten Fäusten sah sie ihn an.
„Wieso war ich nicht dabei?“ wollte er, immer noch grinsend, wissen.
Hochnäsig gab sie zurück: „Du hattest Dienst.“
„Ich ergebe mich.“ Er rollte sich seitlich vom Bett und kam auf die Füße. „Wie wäre es jetzt mit einem bißchen Holodeck? Ich möchte eine Simulation der Verhandlungen generieren, in der wir ein paar rhetorische Taktiken üben können.“
„Du bist wohl immer im Dienst? Aber nächstes Mal darf ich das Programm aussuchen,“ be-schwerte sie sich. „Was schwebt dir vor?“
Als er wiederum breit grinste, machte sich Unmut bei ihr bemerkbar. „Nein, Kyle. Was immer du mit mir vorhast, ich werde nicht mitmachen.“
„Wetten, daß?“



Am nächsten Morgen traten sie in den Omarion-Nebel ein und kamen bald darauf in Senso-renreichweite des Gründerplaneten. Darrn meldete: „Wir können nun die hochauflösenden Sensoren benutzen. Keine Sonne, kein System, nur ein einzelner Planet ohne Lebenszeichen; er ist unbewohnt. Ich registriere jedoch ein Schiff der Jem’hadar im Orbit.“
„Wie lange bis zur Ankunft?“ fragte Leardini, die die Brücke hatte.
Bei Warp Acht etwa neun Stunden, Commander.“
Kall kam auf die Brücke und setzte sich neben ihre Kollegin und Freundin. „Guten Morgen. Heute ist es also soweit.“
Leardini nickte. „Es sieht ganz so aus. Was macht Doc Stern momentan?“
„Er wollte noch duschen und sich rasieren, bevor er auf die Krankenstation... he!“ Erschreckt hielt sie inne, als ihr klar wurde, daß sie hereingelegt wurde und sich ungewollt verplappert hatte.
„Woher wissen Sie das denn, Sam? Machen Sie so früh am Morgen schon Hausbesuche?“ Leardini grinste von einem Ohr zum anderen.
Verstimmt gestand Kall ein: „Gut, Sie haben mich eiskalt erwischt. Was ist schon dabei, wenn ich hin und wieder bei ihm übernachte? Dagegen kann wohl niemand etwas haben. Und da wir gerade beim Thema sind: wo ist der Captain eigentlich? Ich dachte, er sei bereits im Dienst.“
„Er ist seit dem frühen Morgen bereits in seinem Bereitschaftsraum und wälzt Geheimdienst-berichte über alles, was das Dominion betrifft. Er hat zu mir gemeint, daß die intensive Vor-bereitung auf diese Verhandlungen, wenn sie zustande kommen sollten, vielleicht von funda-mentaler Bedeutung für die Beziehungen der Föderation zu dem Dominion sein könnten,“ erklärte die Erste Offizierin ihr.
In diesem Moment erklang die Stimme des Captains über Interkom auf der Brücke: „Mr. Ka-zuki, kommen Sie bitte in meinen Bereitschaftsraum.“
Der Sicherheitschef warf Leardini einen fragenden Blick zu und antwortete bedächtig: „Ich komme, Sir.“
Kall sah ihm nach und fragte mehr sich selbst als jemanden Bestimmten: „Was ist jetzt los? Der Captain holt nicht sehr oft Offiziere während ihres Dienstes von der Brücke zu ver-traulichen Gesprächen in sein stilles Kämmerlein.“



Nach über einer Stunde wurde die Counselor langsam nervös. Gereizt sah sie Leardini an, die sich gerade eine Kleinigkeit zu Essen am Brückenreplikator geholt hatte. „Das dauert aber lange. Wissen Sie, was das zu bedeuten hat?“
Leardini kaute genüßlich und beobachtete die ansteigende Anspannung Kalls, bevor sie schluckte und antwortete: „Ich glaube, ich weiß es.“
„Und?“ Die junge Betazoide hielt es kaum noch aus.
„Ich vermute, der Captain möchte Sie auf die Probe stellen. Wahrscheinlich haben sie in sein-em Büro einen Detektor für extrakorporale Neuralenergien aufgestellt, sich dann etwas Leck-eres zu trinken und ...sagen wir, ein dreidimensionales Schachspiel repliziert und sitzen jetzt in Seelenruhe zusammen bei einer Partie und warten darauf, daß Sie vor Neugier platzen und versuchen, ihre Gedanken zu lesen.“ Leardini grinste wölfisch beim Anblick von Kalls frust-rierter Miene.
„Machen Sie sich nur lustig über mich! Als ob es nicht schon schlimm genug für mich wäre. Wie lautet dieses dämliche terranische Sprichwort mit dem Schaden und dem Spott?“
„Eine vortreffliche Weisheit, wie ich meine.“ Die Commander amüsierte sich offenbar köst-lich über ihr Dilemma, nicht in den Gedanken anderer herumschnüffeln zu dürfen.
„Ich war schon immer der Meinung, daß viele Ihrer sogenannten ‘Weisheiten’ in Wahrheit nichts Anderes sind als ausgemachter... nanu?“ Kall hielt in ihrer Tirade inne, als die vulcan-ische Chefingenieurin Nidor auf die Brücke kam und sogleich zum Bereitschaftsraum weiter-ging, wo sie unverzüglich eingelassen wurde.
„Jetzt hat er auch noch Nidor zu sich gerufen. Allmählich wird mir das Ganze ein wenig un-heimlich,“ gestand sie Leardini.
Diese erwiderte beruhigend: „Das muß es nicht, Sam. Der Captain ist einfach gründlich mit seinen Vorbereitungen. Und was sein Auge fürs Detail betrifft, da ist wirklich ein Cardassia-ner an ihm verlorengegangen.“
„Da könnten Sie recht haben.“ Kall widmete ihre Aufmerksamkeit einem ihrer Displays, die sich neben ihren Armlehnen befanden.
„Mrs. Wuran, wenn Sie etwas Zeit für uns erübrigen könnten...“ Unvermittelt erklang wieder Lennards Stimme per Interkom.
„Sofort, Captain.“ Unverzüglich begab sich die Bajoranerin mit vor Verwunderung gerun-zelten Nasenstirnfalten zum Büro des Captains.
„Ich glaube, ich höre einfach auf, mir darüber Gedanken zu machen,“ ließ Kall mit gespielter Teilnahmslosigkeit verlauten.
Nach einer weiteren Stunde kam Kazuki aus der Besprechung zurück und ging ohne Um-schweife zum nächsten Turbolift. Seinem Stellvertreter an der Sicherheitsstation rief er zu: „Ich wünsche noch einen angenehmen Dienst, Wenjorookk. Der Captain hat mich bis heute Abend freigestellt. Ich bin dann in meinem Quartier oder vielleicht ein Weilchen auf dem Holodeck, wenn meine Frau Zeit hat.“
Der andorianische Fähnrich mit der blauen Haut und dem weißen Haar drehte seine beiden Fühler aud dem Kopf, in deren trichterförmigen Enden sich sowohl Seh- als auch Hörorgane befanden, in Kazukis Richtung, während seine humanen Augen nur zur Seite blickten, ohne daß er den Kopf drehte. Kall fröstelte es immer bei der Art, mit der Andorianer sich umsahen. Mit der für seine Rasse typischen Aggressivität knurrte der große kräftige Mann mit dunkler Stimme: „Jawohl, Lieutenant Commander. Wenn ich erst einmal Sicherheitschef eines Schif-fes bin, hat mein Untergebener auch nichts zu lachen.“
Kazuki mußte schmunzeln. „Oh, da bin ich ganz sicher. Also dann.“



Nach geraumer Zeit verließ Nidor die Besprechung und verließ kommentarlos die Brücke, sehr zum Verdruß von Kall. Allerdings hatte sie sich von der Vulcanierin auch nichts anderes erwartet, da allgemeinhin bekannt war, daß sie sich lieber in Kiloquads ausdrückte als in Worten. Sie war eine hervorragende Ingenieurin, doch ansonsten reichlich unterkühlt, wie die Counselor meinte.
Kurz darauf kam Vakuf in vulcanischer Meditationsbekleidung aus einem Turbolift, nickte den Brückenoffizieren höflich zu und betrat danach ohne weitere Umschweife den Bereit-schaftsraum. Leardini meinte schelmisch lächelnd: „Ich gäbe einiges darum, jetzt Ihre Bio-werte zu sehen, Sam.“
„Das ist nicht komisch, Stefania. Ich sitze hier wie auf glühenden Kohlen, um ein weiteres Ihrer geflügelten Worte zu benutzen.“ Sie zögerte einen Moment und wollte dann zweifelnd wissen: „War das richtig gesagt... geflügelte Worte?“
Leardini lachte: „Ja, Sie machen Fortschritte.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist,“ grummelte die Schiffsberaterin.



Die Steueroperatorin blieb nicht lange beim Captain, was verschiedene Gründe haben konnte. Kall hatte es jedoch inzwischen aufgegeben, Spekulationen anzustellen, weil sie das nur noch nervöser gemacht hätte, als sie ohnehin schon war. Natürlich begab sie sich sofort wieder in ihr Quartier, wahrscheinlich um weiterzumeditieren.
Nun war lediglich Wuran noch bei diesem mysteriösen Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel mit von der Partie. Kall warf zum wiederholten Mal einen Blick auf ihren Terminkalender und meinte dann schweren Herzens: „So, ich habe jetzt Termine mit einigen Besatzungsmit-gliedern. Sie halten mich doch auf dem Laufenden, nicht wahr?“
Leardini grinste wieder und deutete nur an: „Wenn es etwas Interessantes für Sie persönlich gibt, werde ich es Sie wissen lassen.“
Unzufrieden mit dieser Antwort, ging sie auf einen Turboliftschacht zu und wartete auf die Ankunft der nächsten Kabine. Zu ihrer großen Überraschung befand sich Bordarzt Stern dar-in, als sich die Türen öffneten. Sie hatte vor lauter Zerstreutheit nicht einmal seine Annäher-ung gespürt.
Resolut trat sie in den Lift ein, ohne ihm Platz zum Aussteigen zu lassen und sagte gleich: „Deck zwei.“
Kaum hatte sich die Kabinentür geschlossen, befahl sie mit ernstem Gesicht: „Computer, Lift anhalten.“
„Sam, was ist denn?“ fragte der ahnungslose Stern.
Mit eindringlicher Stimme berichtete sie: „Hör zu, David, irgend etwas geht hier vor sich. Der Captain holt seit Stunden andauernd Brückenoffiziere zu sich, manchmal mehrere zur gleich-en Zeit, und bespricht etwas mit ihnen. Und alle bekommen danach dienstfrei bis zum Abend, wenn sie nicht sowieso aus ihrer Freizeit heraus zu dieser ominösen Besprechung geholt wur-den.“
„Mich hat er auch gerade gerufen. Kann ich jetzt bitte auf die Brücke? Er ist zwar ein alter Freund von mir, aber er hat gesagt, ich solle umgehend kommen. Ich möchte ihn nicht verärg-ern,“ erklärte er drängend.
Sie drückte sich an ihn und küßte ihn leidenschaftlich, während sich in seinem Geist die Worte formten: <Dann gehe, Imzadi. Ich werde dich nachher treffen.>
Er löste sich von ihr und antwortete: „Gut, ich freue mich darauf, Liebes. Computer, Ziel Brücke, weiterfahren.“
Beleidigt bemerkte sie: „Du könntest mir ruhig auch einmal telepathisch antworten, David, das ist in intimen Momenten viel schöner als Sprechen. Wir sind schon lange genug zusammen, um das zu tun.“
Er verteidigte sich: „Das stimmt, aber es ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Ich bin nun mal kein Betazoide... und der Turbolift auch nicht. Er reagiert nicht auf Telepathie.“
„Irgendwann bekommen wir dieses technische Problem auch noch in den Griff,“ meinte sie leichthin und sah ihm nach, als er ausstieg und zu seinem Rendezvous mit Lennard ging.



Kall sah auf die Türen, die sich hinter ihrem letzten Vormittagstermin schlossen. Den näch-sten hatte sie erst in einer Stunde, was für sie eine angenehme Pause bedeutete. Als sie auf den Korridor trat und zum nächsten Turbolift ging, erwog sie kurz, auf der Brücke vorbeizu-schauen, doch diese Bestätigung wollte sie Leardini nicht gönnen.
Sie betrat die Liftkabine und stellte sich Stefanias zufrieden grinsendes Gesicht vor, wenn sie jetzt in ihrer Pause oben erscheinen würde. Sie gab als Ziel ihr Quartier an und freute sich auf eine warme Mahlzeit. Worauf hatte sie heute Appetit? Am liebsten wäre ihr jetzt...
„Counselor Kall, hier Captain Lennard.“ Kall machte vor Schreck fast einen Satz, als sie Lennards Stimme plötzlich in der Kabine erschallen hörte.
Schweratmend lehnte sie sich an die Wand und tippte ihren Kommunikator an. „Kall hier. Was gibt es, Captain?“
„Kommen Sie bitte in meinen Bereitschaftsraum.“ Der Klang in seiner Stimme duldete keine Frage nach einem zeitlichen Aufschub.
Sie seufzte leise - soviel zu ihrer Mittagspause. „Ich bin schon unterwegs, Sir.“
„Braves Mädchen.“ Sie stutzte, als sie jemanden im Hintergrund lachen hörte. War das nicht David gewesen? Der würde etwas erleben können, sobald sie allein waren. Sich mit seinem alten Akademiefreund, dem Captain, gegen sie zu verschwören...
Ach, halb so wild. Sie sprach mißmutig den Computer an, worauf der die Brücke ansteuerte.



Mit gemischten Gefühlen trat Kall in Lennards Bereitschaftsraum ein. Neben dem Captain war nur noch ihr Freund, der Bordarzt da, der versonnen an seinem dunkelblonden Schnurr-bart zupfte.
„Wir haben eine angenehme und eine unangenehme Nachricht für sie, Sam. Zunächst die an-genehme: Sie haben bis heute Abend dienstfrei und sind dazu angehalten, sich bis dahin aus-zuruhen. Nun zur unangenehmen: heute Abend, wenn wir bei dem ehemaligen Gründer-planeten eintreffen, möchte ich, daß Sie bei eventuell zustandekommenden Verhandlungen zugegen sind. Ich möchte Sie eindringlich darauf hinweisen, daß der Ausgang dieser Ge-spräche die Zukunft der gesamten Föderation der Vereinigten Planeten beeinflussen kann. Sind Sie sich darüber im klaren?“
„Ich möchte nicht selbstüberschätzend klingen, Sir, aber ich empfinde diese Nachricht nicht unbedingt als unangenehm. Ich bin für solche Aufgaben geschult und fühle mich ihr durchaus gewachsen,“ merkte Kall mit gerunzelter Stirn an.
Lennard erwiderte: „Wir werden sehen. Unser Verhandlungspartner wird aller Voraussicht nach ein Vorta sein, da einer dieser Rasse gewöhnlich als Kommandant oder Beobachter auf Jem’hadar-Schiffen eingesetzt ist. Und weil Vorta gewisse telepathische Fähigkeiten besitzen, müssen wir davon ausgehen, daß sie oder er es merken würde, wenn Sie versuchen würden, ihre Gedanken zu lesen. Das sollten wir also nicht machen. Ihre empathischen Fähigkeiten sind jedoch um einiges subtiler, sodaß Sie wenigstens die Empfindungen unseres Gegenübers diskret erkunden können.“
Sie nickte ernst: „Ich verstehe.“
Lennard fuhr fort: „Dann kommen wir jetzt zum für Sie unangenehmsten Teil. Das Dominion besitzt inzwischen sicherlich erhebliche Mengen an Material über alle Mitgliedswelten der Föderation; deshalb müssen wir befürchten, daß Sie als Betazoide erkannt werden. Eigent-lich sehen Sie ja aus wie eine ganz normale Terranerin, von einer auffälligen Ausnahme abge-sehen. Und diesen kleinen Schönheitsfehler werden wir verbergen.“
Noch ehe sie ganz begriffen hatte, was er meinte, trat Stern grinsend hervor und hielt ihr einen kleinen PADD hin. „Ich habe einige Vorschläge für dich, Sam. Sieh’ sie dir in Ruhe an und komm’ dann mit auf die Krankenstation. Ich verspreche dir, es wird nicht wehtun - und das Resultat wird sicher umwerfend sein.“
Als sie sein breites, ehrliches Lächeln und das Bild auf seinem PADD sah, stöhnte sie leise auf. „Das kann nicht euer Ernst sein! Oh nein, es ist euer Ernst!“



Gegen Abend näherten sie sich dem Gründerplaneten und riefen beim Einschwenken in einen Orbit das Jem’hadar-Schiff. Lennard, der bis zu ihrer Ankunft noch weitere Zeit mit dem Stu-dium von Geheimdienstmaterial verbracht hatte, befahl nur eine Audioverbindung.
Sie können sprechen, Sir,“ meldete Kazuki von seinem Pult aus.
„Hier spricht Captain Kyle Lennard vom Föderationsraumschiff Fairchild. Wir rufen die Jem’ hadar im Orbit dieser Welt.“
Nach einem Moment kam die Antwort herein. „Hier spricht Kuljoun, Beauftragter des Domi-nion. Darf ich den Grund Ihrer Anwesenheit hier erfahren, Captain? Sie befinden sich immer-hin mitten in unserem Territorium, und zwar sozusagen auf heiligem Boden.“
„Wir wissen, daß dies einst die Heimat der Gründer, Ihrer Götter war. Mit der Wahl dieses Zieles wollten wir nur die Wichtigkeit unseres Auftrages symbolisieren. Ich bin offiziell vom Rat der Föderation der Vereinigten Planeten zu Verhandlungen mit jemandem ermächtigt worden, der die nötige Autorität besitzt, um für das Dominion zu sprechen.“
Dieses Mal dauerte das Schweigen in der Verbindung beunruhigend lange an, dann fragte die Stimme wieder: „Worüber wollen Sie mit uns verhandeln?“
Lennard erwiderte mit angestrengter Höflichkeit: „Ich würde mich freuen, Sie mit einer klein-en Delegation hier bei uns an Bord begrüßen zu dürfen. Wir haben bereits alles vorbereitet, um in vertraulicher Atmosphäre unser Anliegen zu besprechen.“
„Ich werde keine Delegation benötigen, da ich wie die meisten Vorta auf Raumschiffen un-eingeschränkte Befugnis zur Repräsentation der Politik des Dominion besitze. Einen Moment, bitte. “ Wieder entstand eine nervenzerreißend lange Gesprächspause, bis Kuljoun noch hin-zufügte: „Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich zu meinem... persönlichen Schutz eine Eskorte von drei Mann mitbringe. Sie können alles hören, was Sie zu sagen haben, ohne auch nur ein einziges Wort davon weiterzugeben, das können Sie mir ruhig glauben.“
„Die Einschätzung der Loyalität Ihrer Leute ist bewundernswert, Mr. Kuljoun. Ich bin einver-standen. Wir werden Sie direkt in unseren Konferenzraum hineinbeamen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Lennard atmete tief ein und legte die Fingerspitzen in einer Geste der Be-sinnlichkeit aneinander.
„Das Schiff der Jem’hadar nähert sich uns, Captain. In einer Minute werden sie längsseits gehen.,“ meldete Darrn von der Ops.
„Wie war der Name Ihres Schiffes, sagten Sie?“ erklang die Stimme des Vorta nochmals.
„Ich kommandiere die U.S.S. Fairchild, ein neues Schiff. Mein altes habe ich abgegeben an eine unerfahrenere Crew und habe mit meiner kompletten Stammannschaft dieses Komman-do angetreten.“ Nicht nur Lennard mußte grinsen, als er diese Aussage machte.
„Wozu hat er nach unserem Namen gefragt? Will er ihn auf die Torte schreiben, die er als Gastgeschenk mitbringt?“ fragte Leardini spöttisch.
„Er hat wahrscheinlich in seinen Datenbänken kein Schiff dieses Namens gefunden und fühlt sich nun wohl etwas unwohl in seiner Haut, weil er keine Informationen über uns besitzt. So schlecht war die Umbenennung doch nicht, muß ich sagen. Daß mir aber niemand ein Ster-benswörtchen über die Aldebaran verliert! Kuljoun müßte nur noch zwei und zwei zusam-menzählen und unser taktischer Vorteil wäre hinüber.“
„Aye, Sir. Das Schiff der Jem’hadar ist jetzt auf Parallelorbit zu uns,“ meldete Kazuki und fügte nach einem Moment des Zögerns hinzu: „Soll ich ein Bild auf den Hauptbildschirm geben?“
„Nur zu,“ bejahte Lennard und richtete seinen Blick nach vorne, wo jetzt das flache, gedrun-gene Kriegsschiff mit rundlichem Hauptrumpf und zwei seitlich angehängten Warppylonen, welche violett leuchteten, längsseits ging. Es konnte nicht viel größer sein als ein gewöhn-licher Bird of Prey der Klingonen, durfte jedoch keinesfalls unterschätzt werden, was seine Gefährlichkeit betraf.
Plötzlich rief Kazuki alarmiert: „Captain, ich registriere Transporteraktivität auf dem Schiff.“
„Der erste Moment der Wahrheit. Wenn das Dominion eines versteht, dann ist es die Fähig-keit, durch etwas hindurchzubeamen. Sehen wir doch ‘mal, wie es ihnen mit den verbesserten metaphasischen Schilden der Fairchild ergeht.“ Lennard sah Leardini an.
„Ziemlich unverfroren von ihnen, sich selbst einladen zu wollen,“ bemerkte sie.
„Sie rufen uns Captain,“ gab Darrn bekannt und dann huschte tatsächlich der Anflug eines Lächelns über sein Gesicht. „Sie geben uns ihre Koordinaten und teilen mit, daß vier Perso-nen bereit zum Beamen sind.“
„Sie haben es also nicht geschafft,“ feixte Lennard und erhob sich. „Lennard an Sicherheits-wache: angefordertes Team zur Beobachtungslounge. Lennard an Counselor Kall, bitte zur Beobachtungslounge.“
Nachdem über Interkom die Bestätigungen eingegangen waren, sah Lennard sich auf der Brücke um. „Mr. Kazuki, Mr. Darrn, Numero Uno, folgen Sie mir bitte. Ich möchte Ihnen ver-sichern, daß dort drinnen nicht alles streng nach diplomatischem Protokoll ablaufen wird, was mir jedoch vom Föderationsrat zugestanden wurde.“
Kaum waren sie in der Beobachtungslounge eingetroffen, kam das Sicherheitsteam an, das aus sechs Mann mit Phasergewehren bestand, von denen vier vor der Tür warteten. Schließ-lich wollten sie nicht den Eindruck einer Bedrohung erwecken, sondern nur die nötige Ent-schlossenheit demonstrieren, ihre Vorgesetzten ausreichend zu schützen. Lennard wartete, bis sich die Türen zur Brücke hin geschlossen hatten und befahl dann: „Captain an Transporter-raum zwei: übertragen Sie die Transporterkontrollen zur Sicherheitsstation auf die Brücke.“
„Hier Transporterraum zwei: Kontrollentransfer durchgeführt und bestätigt,“ kam postwen-dend die Antwort
„Captain an Fähnrich Wenjorookk: Führen Sie den Transport simultan zum Herunter- und Hochfahren der Schilde durch, sodaß die Jem’hadar keine Chance zur Zielerfassung be-kommen.“
„Aye, Sir, ich beame jetzt,“ meldete der Andorianer an den Sicherheitskontrollen.
Kazuki sagte leise: „Ein hervorragender Zug von Ihnen, Captain. Da Andorianer beidhändig veranlagt sind, kann mein Stellvertreter diesen Prozeß problemlos schnellstmöglich auf ma-nuellem Wege durchführen.“
„Das ist es tatsächlich, was ich dabei bedacht habe, Mr. Kazuki. Sie haben einen ausge-prägten Sinn für die Feinheiten einer Operation,“ lobte Lennard wohlwollend.
„Einen unbedeutenden im Vergleich zu Ihrem, Sir,“ widersprach der Japaner und verbeugte sich leicht ehrerbietend.
„Mr Wenjorookk, warum dauert das so lange?“ fragte er dann nach, als ihre Gäste nicht er-schienen.
Die Stimme des Andorianers antwortete umgehend: „Ich habe die Muster noch im Puffer, da zwei der drei Jem’hadar geladene und entsicherte Waffen bei sich tragen. Ich mache sie un-brauchbar und leite dann die Rematerialisierung ein.“
„Gute Arbeit, Fähnrich. Dann los,“ meinte Lennard in dem Moment, in dem Kall die Lounge betrat und sich mit demütig gesenktem Haupt, als schäme sie sich für ihre Verspätung, neben Leardini stellte.
Und dann begann die Luft am Eingangsbereich zu flimmern und zu leuchten. Das Leuchten bildete innerhalb von Sekundenbruchteilen vier humanoide Umrisse und wurde darauf von den Körpern ihrer Verhandlungsgegner ausgefüllt. Kaum waren sie rematerialisiert, da sahen sich die bedrohlich aussehenden Jem’hadar-Krieger auch schon um, als ob sie nach Zielen suchen würden. Ihre Haut war lederartig und von bläulichgrauer Farbe. Die Körperteile, wel-che nicht in ihren dunklen Uniformen steckten, wie Hände und Köpfe, waren von Dornen-reihen und exoskelettartigen Schildplatten bedeckt, was ihnen das Aussehen von gepanzerten Echsen gab. Ein dünner weißer Schlauch führte vom Brustbereich der Uniformen direkt in die Seite ihres Halses hinein.
Der Vorta, in der natürlichen Hierarchie des Dominion immer Befehlshaber auf solchen Mis-sionen, sah etwas nervös aus und warf einige Seitenblicke auf seine ‘Leibwachen’, bevor er sich Lennard zuwandte. Er sah beinahe menschlich aus, wären da nicht seine Ohren gewesen, welche - ähnlich den cardassianischen Hörorganen - aus der Kinnpartie heraus nach hinten in einem großen Bogen bis zum Hinterkopf verliefen. Nur daß sie bei dieser Spezies mit Haut und Fleisch überzogen waren und eine fein gezeichnete Musterung sowie eine winzige Öff-nung für den Schallkanal aufwiesen. Ansonsten waren nur noch seine tiefschwarzen Kraus-haare auffällig, was wohl ebenfalls ein Wesensmerkmal darstellte.
„Willkommen auf der Fairchild, meine Herren, ich bin Captain Kyle Lennard. Bitte setzen Sie sich, dann stelle ich Ihnen erst einmal einige meiner Brückenoffiziere vor.“ Höflich deutete Lennard auf einige der Stühle des langen Konferenztisches.
Kuljoun nickte dankbar und wies mit einigen Blicken und vagen Gesten die Jem’hadar an, sich abseits seines Sessels mit dem Rücken zu den Aussichtsfenstern zu postieren, wo sie so-wohl die anderen Gesprächsteilnehmer als auch die Wachen an der Tür im Auge hatten. Mit grimmigen Visagen nahmen die Krieger des Dominion schweigend ihre Posten ein.
Der Vorta hatte am ersten fensterseitigen Platz neben dem Kaptiänssessel am Ende des Ti-sches Platz genommen, gegenüber von Leardini. Nun machte Lennard sie bekannt: „Dies ist meine Erste Offizierin, Commander Stefania Leardini. Sie wird heute den größten Teil der Verhandlungen übernehmen müssen, da heute ‘die Prüfung’ für sie ansteht. Ich werde mich natürlich auch beteiligen, wenn es angemessen sein sollte.“
Verwirrt sah Kuljoun Lennard an. „Das ist etwas... außergewöhnlich für eine solche Situation. Was ist das für eine ‘Prüfung’?“
Mit einem freundlichen Lächeln meinte Lennard: „Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich nicht näher auf die Kommandostruktur unserer Schiffsführungs-Protokolle eingehen will. Nennen wir es einfach ‘die Prüfung’. Das hat ja auch nichts mit Ihnen zu tun, der Termin steht nur rein zufällig heute an. Ist das in Ordnung für Sie, Mr. Kuljoun?“
„Sicher, sicher. Oh, bitte nennen Sie mich einfach Kuljoun, diese menschlichen Titel... nun, sie verlieren an Gewicht in der Übersetzung.“ Etwas unsicher sah er eine seiner Wachen an, welche einen kurzen Seitenblick hinunter auf seinen Vorgesetzten warf und dann wieder starr geradeaus blickte.
„Wunderbar,“ fuhr Lennard unbekümmert fort, „dies hier ist unsere Schiffsberaterin, Coun-selor Sam Kall. Dann haben wir hier unseren Sicherheitschef Onue Kazuki und den Einsatz-leitenden Offizier, Mr. Darrn.“
Darrn überragte bis auf den Captain alle im Sitzen um einen halben Kopf und knurrte nun leise, worauf zwei der Jem’hadar ein wenig nervös zu werden schienen. Leardini nahm das jedoch nur am Rande wahr. Sie sah zur Seite und blickte in Kalls Gesicht, als diese dem Ver-handlungsführer des Dominion schwach lächelnd zunickte. Ihre betazoiden großen schwarzen Augen hatten nun eine grünlichgraue Iris vorzuweisen, was sie völlig menschlich erscheinen ließ. Das war also einer der Trümpfe in Lennards Ärmel, dachte sie.
„Sehr schön. Dann lassen Sie doch ‘mal hören, weshalb wir hier an diesem Tisch sitzen,“ be-gann Kuljoun, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, seine Begleiter vorzustellen.
Leardini erklärte mit gefaßter Stimme: „Es ist doch so, daß sich unsere beiden Völkerbünd-nisse bisher sehr feindselig und aggressiv gegenübergestanden haben und es auf beiden Seiten häßliche Ereignisse gab, die die Fronten verhärtet haben. Die Föderation hat in den letzten Monaten und Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und glaubt deshalb, noch einen Versuch des Dialoges starten zu können, der einen annehmbaren Kompromiß für beide Seiten erzielen könnte.“
Kuljouns Augenlider verengten sich: „Interessant. Wie soll das Ihrer Meinung nach aus-sehen?“
„Nun, wir verstehen in gewisser Hinsicht, daß Sie den Gamma-Quadranten als ihr uneinge-schränktes Territorium ansehen, aber das muß doch nicht ausschließen, daß unsere Völker friedlichen Handel miteinander führen können und die Siedlungen, beispielsweise von Bajo-ranern, welche vor der ersten Begegnung mit dem Dominion aufgebaut und dann von Ihnen zerstört wurden, bestehen bleiben können,“ sagte Leardini mit eindringlicher Stimme.
„Das ist die Kernaussage, über die wir hier reden sollen? Ich habe nichts Neues darin ent-decken können. Haben Sie vielleicht vergessen zu erwähnen, daß die Föderation dem Domi-nion jetzt doch gestattet, ungehindert durch das Wurmloch in den Alpha-Quadranten einzu-fliegen und dort Handel zu betreiben und Siedlungen zu gründen?“ Kuljoun lächelte jetzt nicht mehr.
Leardini schloß für einen Moment die Augen: „Bitte, so funktioniert das doch nicht. Wir wissen, daß das Dominion eine Invasionsflotte in der Nähe des Wurmloches zusammenzieht und wollen nur ein unnötiges Blutvergießen vermeiden. Die Technik der Föderation hat einen unerwarteten Vorwärtsschub gemacht, wir haben neue Schiffe und Taktiken, von denen Sie nichts oder nur wenig wissen. Nehmen Sie dieses Schiff als Beispiel, oder die Defiant. Sie glauben, ihre Agenten haben uns vollkommen infiltriert und alles ausspioniert, was es zu wis-sen gibt, und doch erleben Sie immer neue Überraschungen mit uns. Die Föderation ist in ein-em höheren Maße entschlossen und auch bereit, sich gegen eine Angriffsstreitmacht zu ver-teidigen, und sie wird Strategien anwenden, von denen Sie auch nicht nur das kleinste Biß-chen ahnen. Wir wollen das wirklich nicht tun, aber wir werden es, wenn Sie uns dazu zwin-gen. Die Wahl liegt nun bei Ihnen. “
Nun lehnte der Vorta sich zurück und fixierte mit seinen stechenden blauvioletten Augen sein Gegenüber. „Wissen Sie, was ich glaube, Commander? Ich glaube, Sie erzählen mir hübsche Märchen, von denen nicht viel mehr wahr ist als die Existenz dieser zwei von Ihnen ge-nannten Schiffe. Glauben Sie ernsthaft, mit diesen beiden Schiffchen unsere Armada aufhal-ten zu können? Sie kennen ja bisher nur unsere Patroullienraumer, die richtigen Schlacht-schiffe haben Sie noch gar nicht zu Gesicht bekommen.“
Der eine der Jem’hadar verdrehte für einen Augenblick die Augen nach oben, was Leardini als Zeichen dafür deutete, daß er als Krieger nichts von diesem Säbelrasseln hielt und es ihm lieber gewesen wäre, sein Vorgesetzter hätte diese ihnen unbekannten Schlachtschiffe nicht erwähnt. Doch allmählich geriet sie in Rage.
„Na prima! Ich versuche hier, einen Frieden auszuhandeln und Sie drohen mir und prahlen mit Ihrer Kriegsflotte.“ Sie funkelte ihn wütend an.
„Nun, Ihr Appell gerade eben war auch nicht besonders freundlich gemeint, oder habe ich da etwas falsch verstanden?“ gab er zurück.
Lennard erhob sich von seinem Sessel und ging auf einen der Jem’hadar zu. Ernst sagte er zu diesem: „Hören Sie, ich habe genug von diesem Geplänkel. Wir sind nicht hier, um uns von Ihnen für dumm verkaufen zu lassen, also werde ich jetzt mit Ihnen reden. Dieser Vorta hat uns wohl nichts Ernsthaftes zu sagen. Aber Sie haben sicher erkannt, daß meine Erste Offi-zierin alles so meint, wie sie es sagt. Also nehmen Sie es bitte für bare Münze.“
Der Jem’hadar sah ihn unwillig an und wollte wissen: „Was wollen Sie von mir?“
„Ich will nur diese Scharade beenden und mit Ihnen über den Weg reden, den unsere Völker nehmen können, wenn auch Sie es wollen... verehrter Gründer.“ Er legte dem Krieger eine Hand auf seine Schulter und nickte ihm ehrerbietig zu.
„Wie haben Sie es gemerkt?“ fragte sein Gegenüber mißmutig.
„Wir Menschen sind nicht ganz so dumm, wie Sie vielleicht meinen. Ich hoffe, das veranlaßt Sie, über Einiges nachzudenken. Uns ist bekannt, was Ihrer Art in der Vergangenheit wider-fahren ist. Es muß für Sie grauenvoll gewesen sein, doch wir haben aus ähnlichen trauma-tischen Erlebnissen gelernt, das Andersartige nicht zu fürchten, sondern es so zu akzeptieren, wie es ist. Haben Sie denn nichts aus dem Fall von Odo gelernt? Er wird respektiert und ge-achtet und lebt seit Jahren unter Solids. Und auch wenn er sich nicht immer restlos wohl und heimisch unter ihnen fühlt, so hat er doch Bindungen zu manchen Personen aufgebaut, die alles versuchen, damit er diese Geborgenheit in ihrer Umgebung erlangen kann.
Ich verlange von Ihnen nicht, die Vergangenheit zu vergessen. Wer das tut, riskiert, daß sie sich wiederholen kann. Aber wenn Sie Ihre Vergangenheit verarbeiten, dann sehe ich die Möglichkeit, daß wir uns die Hand in Frieden reichen und nebeneinander leben können.“
Der entlarvte Formwandler sah auf Lennards ausgestreckte Hand, dann begann sich seine Form zu verflüssigen. Für mehrere Sekunden war der goldbräunlich schillernde, gallertartige Zustand seiner Materie sichtbar, bevor er die Form ausbildete, die man von Odos Aussehen her gewohnt war. Er starrte noch immer auf die Hand des Captains hinab und meinte dann fast bedauernd: „Noch nie war die Versuchung so groß, Ihr Angebot anzunehmen.“
„Mit den Klingonen waren wir jahrzehntelang in kriegerische Konflikte verwickelt, bevor sie eine Allianz mit uns geschlossen haben. Ihre Rasse ist in seinen Grundzügen weise und vor-ausschauend. Ich meine, uns genügen diese wenigen Jahre der Feindschaft.“
Der Gründer senkte den Kopf und widersprach leise: „Unser Mißtrauen ist zu tief verwurzelt, um auf unserem Weg noch umkehren zu können. Aber ich muß gestehen, daß Sie mich be-eindruckt haben, Captain. Gäbe es mehr Männer wie Sie in Führungspositionen ihrer Födera-tion und Sternenflotte, dann müßten wir uns keine Sorgen um die Zukunft machen. Leider sieht die Realität anders aus, das wissen wir beide. Für uns war bislang absolute Kontrolle die beste Garantie für absolute Sicherheit. Ich glaube, wir werden dieses Gespräch jetzt beenden. Man erwartet mich auf der neuen Heimatwelt, wo ich von diesem Tag berichten werde. Bitte transportieren Sie mich und meine Begleiter zurück auf unser Schiff.“
„Wie Sie wollen. Es wäre schade, wenn wir uns wirklich ohne irgendein Ergebnis trennen würden.“ Lennard gab unzufrieden den Befehl zum Rücktransport.
Kaum waren sie verschwunden, sank Lennard auf seinen Stuhl zurück und verbarg für einen Moment sein Gesicht in den Händen. Dann sagte er leise: „Ich dachte, ich hätte es geschafft.“
Kall legte ihm trostspendend eine Hand auf den Unterarm. „Captain, Sie haben wirklich alles Menschenmögliche getan, um ihn zu überzeugen. An Ihnen liegt das Scheitern des ersten Tei-les unserer Mission ganz bestimmt nicht.“
„Wie haben Sie gemerkt, daß dieser Jem’hadar ein Formwandler war?“ wollte Leardini wis-sen. „Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung.“
„Ja, das war unglaublich, Sir,“ pflichtete Kazuki der Ersten Offizierin bei, „selbst ich mußte mich beherrschen, daß mir meine Gesichtszüge nicht völlig entgleisten, als Sie ihn mit dieser Lässigkeit enttarnt haben.“
„Wie Sie wissen, habe ich mir alles Material über unsere Gegner angesehen, um auf dieses Treffen gut vorbereitet zu sein... und ich meine wirklich alles. Nachdem während unserer erst-en Kontaktaufnahme über Funk dauernd diese Gesprächspausen entstanden, kam mir die Möglichkeit in den Sinn, daß Kuljoun in diesen Pausen eventuell mit jemandem über ihr wei-teres Vorgehen diskutierte oder sogar Befehle entgegennahm. Da jedoch ein Vorta normal-erweise das ranghöchste Wesen an Bord eines Jem’hadar-Schiffes ist, dachte ich mir so etwas in der Art bereits.
Dann waren da während der Verhandlung immer diese unsicheren Seitenblicke auf den einen seiner Wachposten, als ob er ihn am liebsten um Rat gefragt hätte. Natürlich hätte er das nie tun dürfen, da wir dann sofort gewußt hätten, wie das Spiel läuft.
Nur zwei der drei Jem’hadar hatten ihre Waffen geladen und entsichert. Warum wohl? Weil der Dritte gar keine Waffe besaß; sie war lediglich ein Teil seiner Maskerade. Wechselbälger brauchen keine Waffen.
Als mir dann auffiel, daß durch den dünnen Schlauch von seiner Brust aus in seinen Hals kei-ne Flüssigkeit pulsierte, war ich mir sicher. Bei dieser Vorrichtung handelt es sich um einen Versorgungsschlauch, durch den eine Art Droge von dem Brustreservoir in der Rüstung des Jem’hadar kontinuierlich direkt in seinen Körper gepumpt wird. Sie benötigen diese Sub-stanz, die als „ Ketracel White“ geläufig ist, ununterbrochen, was sie ihrem Lieferanten, den Formwandlern, gefügig macht. Ein Jem’hadar, der so lange Zeit ohne „White“ gewesen wäre, wäre nicht seelenruhig im Hintergrund gestanden, sondern hätte erhebliche Entzugserschein-ungen gezeigt,“ beendete Lennard seine Beobachtungen.
Darrn sagte bewundernd: „Ihr intensives Studium der Geheimdienstberichte hat sich offen-sichtlich gelohnt.“
Kazuki verbeugte sich und sagte ehrerbietend: „Ich bin unwürdig, Meister.“
„Hören Sie auf, Onue, wir haben keine Zeit für derlei. Unsere letzte Hoffnung auf Frieden ist hiermit gescheitert, wenn es so etwas überhaupt je gegeben hat. Ich werde das Gefühl nicht los, daß dieses Gespräch nur eine Farce war.“ Lennard rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Captain, achtern enttarnt sich romulanischer Warbird mit geladenen Waffen, fährt Schilde hoch.“ Alle in der Beobachtungslounge wurden von dieser Meldung überrumpelt.
Lennard sprang auf. „Verd... roter Alarm, Phaserbänke laden, Quantentorpedos abschußbereit machen. Alle auf ihre Stationen.“
Fluchtartig stürmten alle Konferenzteilnehmer aus der Lounge auf die Brücke und besetzten ihre Stationen. Im Nu saß Lennard auf dem Kapitänssessel und forderte: „Sicherheit, Status-bericht.“
„Warbird nähert sich schnell von achtern, hat jetzt Disruptorenfeuer eröffnet. Achterschilde sind getroffen, keine Schäden zu verzeichnen. Er feuert weiter auf uns,“ kam Wenjorookks schnelle Antwort, bevor er beiseite trat und Kazuki die Kontrollen überließ.
Sicht nach hinten, Feuer frei nach eigenem Ermessen,“ entschied der neuseeländische Kom-mandant der Fairchild.
Der Hauptschirm zeigte nun die furchteinflößende Frontansicht des monströsen romulan-ischen Schlachtschiffes, welches Breitseite um Breitseite abfeuerte und direkt auf sie zuhielt. Ihre Schutzschirme absorbierten die tödlichen Energieentladungen problemlos; die einzigen Auswirkungen auf sie war ein kaum wahrnehmbares Flackern der Schilde an der Stelle, an der die intensiven grünen Strahlen auf sie prallten.
Dann hörte man auf der Brücke das akustische Warnsignal für abgefeuerte Torpedos und Pha-serfeuer. Die kohärenten Energiestrahlen trafen direkt auf die Frontschilde des Romulaners und ließen sie hell aufleuchten, ein Zeichen für die empfindliche Wirkung, welche die Treffer erzielten. Durch die enormen Ausmaße des gegnerischen Schiffes war die benötigte Energie-menge für so große Schilde natürlich um Einiges höher als bei ihnen. Die Schwächung des Bugschildes konnte demnach nicht ganz so schnell kompensiert werden wie bei einem Raum-schiff von der Größe der Fairchild.
In diese Bresche schlugen die Quantentorpedos, welche von der Wirksamkeit den herkömm-lichen Photonentorpedos um eine Größenordnung überlegen waren. Es mochte wohl auch daran liegen, daß bisher noch nie ein Einsatz dieser neuen Waffen gegen ein romulanisches Schiff erfolgt war und so kein romulanischer Ingenieur die Wirkung kannte, geschweige denn Gegenmaßnahmen hätte ergreifen können. In diesem Zusammenhang war die Übernahme des Warbirds durch das Dominion der Sache auch nicht besonders dienlich.
Der erste Sprengkopf detonierte auf dem bereits geschwächten Bugschild, der zweite durch-schlug ihn beinahe. Der letzte der drei abgefeuerten Torpedos passierte die Schilde des Ro-mulaners, als seien sie nicht vorhanden und sprengte mit einem grellen Blitz ein riesiges Loch mitten in die Bugsektion, die bei dieser Bauart als Primärrumpf galt. Danach hörte der Be-schuß auf sie auf.
„Gute Arbeit, Mr. Kazuki. Jetzt auf die Maschinensektion,“ befahl Lennard mit grimmiger Miene.
Der Japaner feuerte die Heckphaser ab und traf genau in die Mitte des Schiffsrumpfes, wo der Maschinenraum des Warbirds lag. Es gab eine weitere, grelle Explosion, worauf die Haupt-energie ausfiel und sämtliche Lichter in der Bugsektion verloschen.
„Sehr guter Schuß,“ lobte Lennard. „Das wird sie für eine Weile beschäftigen. Jetzt zum Jem’ hadar-Schiff.“
Vakuf entgegnete: „Ich fürchte, das wird nicht gehen, Sir. Der Gegner hat den Angriff des Warbirds auf uns zur Flucht genutzt und wird von den Scannern nicht mehr registriert. Da sie in dieser kurzen Zeitspanne unmöglich so weit gekommen sein können...“
„Schon gut, ich verstehe. Sie haben uns ausgetrickst. Die Sicherheit des Gründers war das einzige Wichtige bei dieser Aktion. Und wir haben ihnen wunderbar in die Hände gespielt.“ Er schlug wütend auf seine Armlehne.
Leardini sah ihn zögernd an. „Heißt das, wir fahren fort mit unserer Mission?“
Frustriert nickte er. „Ich hätte nicht gedacht, daß mir das so leichtfallen würde, aber nach die-sem heimtückischen Ablenkungsangriff habe ich keine Skrupel mehr. Unser Feind hat auch keine, wie es scheint, und da er sich bereits auf eine Invasion vorbereitet, ist es jetzt an uns, ihn auf andere Gedanken zu bringen.
Doch zunächst zum romulanischen Schiff.“
Als sie die Bewegungen ihres Gegners verfolgten, wurde wohl jedem auf der Brücke klar, daß die Besatzung dieses Schiffes nur wenig Erfahrung im Umgang mit diesem haben mußte und es im momentanen Zustand nur schwer beherrschen konnte. Lennard ließ die Fairchild wenden und direkt vor dem wehrlosen Warbird, der inzwischen mehr schlecht als recht in einen Orbit um den Gründerplaneten eingeschwenkt war, Position beziehen. „Laden Sie sämtliche Waffen und öffnen Sie einen Kanal.“
„Sie können jetzt sprechen, Captain,“ bestätigte Kazuki die Befehle.
„Hier spricht Captain Lennard vom Föderationsschiff Fairchild. Ich biete der Besatzung des romulanischen Schiffes an, von Bord zu gehen, bevor ich den Maschinenkern beschieße und ihr Schiff zerstöre.“


- 3 -

Noch während alle auf der Brücke ihren kommandierenden Offizier schockiert anstarrten, kam die Antwort des Gegners: „Die Jem’hadar ergeben sich niemals kampflos.“
„Gut, wenn Sie unbedingt einen sinnlosen Tod sterben wollen, ist das ihre Sache. Uns genügt ein Schuß, da wir bestens mit der Konstruktion dieses Schiffes vertraut sind, was man von Ihnen nicht gerade behaupten kann. Wenn Sie auch nur die geringste Ahnung von dem hätten, was ihren Warbird mit Energie versorgt, wäre nach meiner Ankündigung schon längst nie-mand mehr an Bord.“
Lennard unterbrach die Verbindung und wies Vakuf an: „Bringen Sie uns an die äußerste Transporterreichweite und gehen Sie wieder mit Front zum Romulaner auf Parallelkurs. So-bald wir diese Position erreicht haben, feuern wir einen schwachen Phaserstrahl in flachem Winkel auf eine der Tragflächen, so daß der größte Teil der Energie von der Beschichtung der Außenhülle reflektiert wird.“
Sie hatten ihren Warnschuß kaum abgefeuert, als sie gerufen wurden: „Hören Sie, Captain, hier spricht der Erste Jem’hadar. Wir brauchen mehr Zeit für die Evakuierung.“
Aufgebracht widersprach dieser: „Ich warne Sie, halten Sie mich nicht hin. Mir reicht Ihre Zeitschinderei allmählich! Glauben Sie denn, ich weiß nicht, daß Sie lediglich die Flucht des Gründers absichern sollen? Meine Sensoren zeigen mir genau, daß Sie nur eine Notmann-schaft für den allernötigsten Betriebsaufwand eines so großen Schiffes an Bord haben. Sie beamen sich jetzt sofort alle auf den Planeten hinab, oder ich beame Sie von hier aus. Aller-dings kann ich bei diesem Abstand für eine sichere Rematerialisierung leider nicht garan-tieren.“
Der Anführer der Dominion-Soldaten sah offenbar ein, daß er nur noch die Verluste mini-mieren konnte, als er resignierend forderte: „Bitte, ich brauche ein paar Minuten, bis wir die nötigste Überlebensausrüstung für alle hinuntergebeamt haben. Es gibt keinerlei natürliches Leben mehr auf dieser Welt, seit die Gründer sie verlassen haben.“
„Das ist mir egal. Wissen Sie eigentlich, was geschieht, wenn ich die Abschirmung Ihres Ma-schinenkernes zerstöre? Sie versuchen sicher im Moment, ihn zu deaktivieren, aber lassen Sie sich gesagt sein, daß das zwecklos ist. Es handelt sich hierbei nämlich um eine künstliche Quantensingularität, im Prinzip ein kleines Schwarzes Loch. Können Sie sich vorstellen, was mit diesem Schiff passiert, wenn das freigesetzt wird? Wir haben nicht ohne Grund einen so großen Sicherheitsabstand eingenommen, bevor wir schießen.“ Lennard gab wieder Zeichen, die Verbindung zu unterbrechen.
„Das hat gewirkt, Captain. Sie transportieren die Mannschaft auf die Oberfläche des Plane-ten... recht zügig, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf.“ Die Genugtuung in Darrns Stimme war nicht zu überhören, als er seine neuesten Sensorenabtastungen auswertete.
„Mrs. Vakuf, Mrs. Wuran, melden Sie sich in den Transporterräumen und begleiten Sie die bereitgestellten Schadenskontrolltrupps. Sobald alle Jem’hadar von Bord sind, beamen wir Sie hinüber und versuchen die Tarnvorrichtung in Gang zu bekommen. Wenn wir es schnell genug schaffen, können wir eine Zerstörung des Warbirds vortäuschen und das Schiff in Be-sitz nehmen, ohne daß das Dominion Kenntnis davon bekommt. Scannen Sie nach Dämpf-ungsfeldern, versteckten Sendern oder ähnlichen ungewöhnlichen Emissionen, die auf Peil-geräte oder versteckt zurückgelassene Soldaten hinweisen, für den Fall, daß sie etwas ahnen,“ führte Lennard aus.
Kall meinte: „Wie könnten Sie? Nicht einmal ich hatte den blassesten Schimmer von Ihrer Idee. Es könnte klappen, wenn wir bei unserem Angriff nicht zuviel beschädigt haben.“
„Glauben Sie mir, Sam, darauf haben wir großen Wert gelegt, als wir unseren direkten Be-schuß durchgeführt haben. Die Schutzschild-Generatoren sollten lediglich überlastet und das zentrale Energieverteilersystem in der Maschinensektion kurzgeschlossen sein. Das Loch in der Außenhülle des Primärrumpfes erstreckt sich über fünf oder vielleicht sechs Decks - nichts, was wir mit ein paar Notfallkraftfeldern und provisorischer Neubeplankung nicht hinbekommen würden.“ Zuversichtlich klopfte er der Counselor auf die Schulter.
Ungläubig fragte diese: „Sie hatten das doch nicht etwa geplant? Das können Sie nicht ge-wußt haben...“
„Wie gesagt, wir haben uns auf dieses Treffen gut vorbereitet.“ Er grinste schelmisch.
„Sie haben die Transporte auf die Oberfläche abgeschlossen,“ verkündete Darrn, „das Schiff ist leer. Die Sensorenabtastungen haben auch keinerlei Hinweise auf verborgene Sender oder Sensoren entdeckt.“
„Dann los. Sie haben zehn Minuten Zeit,“ verfügte Lennard. „Und keine Funkübertragungen, sobald Sie von Bord sind. Mrs. Nidor, Sie wissen Bescheid über das, was zu tun ist. Ich wün-sche Ihnen allen viel Erfolg bei diesem schwierigen Auftrag. Lennard Ende.“
Kall wollte wissen: „Was wird jetzt geschehen? Da Sie das alles offenbar heute vorbereitet haben, können Sie mir das sicher auch sagen.“
Leardini antwortete anstatt des Captains: „Sie beamen sich direkt in den Maschinenraum, zum Energieverteiler-Hauptrelais und in den Primärrumpf, auf die Brücke. Sie haben zu-nächst nichts weiter zu tun, als die Energieversorgung so weit wiederherzustellen, daß wir tar-nen können. Danach haben wir alle Zeit der Welt, es soweit instandzusetzen, um es als kleine Rückversicherung an unserer Reiseroute hier im Gamma-Quadranten zurückzulassen.“



Sie warteten ungeduldig Minute um Minute, bis Darrn endlich meldete: „Sie stoßen einen Photonentorpedo aus, Captain. Er ist antriebslos und driftet langsam in Richtung des Plane-ten.“
„Sehr gut, sie haben es offenbar geschafft. Mr. Kazuki, visieren Sie den Torpedo mit einem Phaser an und feuern Sie mit voller Energie; es soll schließlich so aussehen, als zerstörten wir den Warbird.“ Lennard war zufrieden mit der schnellen Arbeit seiner Reparaturtrupps.
Der Sicherheitsoffizier löste den Phaserstoß aus, worauf es einen grellen Lichtblitz unterhalb des Romulaners gab, als der mit einer ungefährlich geringen Menge Antimaterie bestückte taktische Flugkörper vom Energiestrahl der Fairchild zerrissen wurde. Die Sensoren der Jem’ hadar auf der Oberfläche - und Lennard zweifelte keinen Moment daran, daß sie welche be-saßen - waren jetzt gewissermaßen geblendet.
Und fast genau in der richtigen Sekunde verschwamm der bedrohliche Umriß des Warbirds, verlor schnell an Kontur und wurde dann gänzlich unsichtbar. Perfektes Timing.
„Öffnen Sie einen allgemeinen Kanal,“ verlangte Lennard und fuhr dann fort: „An das Domi-nion: hier ist das Föderationsschiff Fairchild. Wir haben soeben einen vom Jem’hadar geka-perten romulanischen Warbird durch Neutralisaton seiner Maschinenkern-Eindämmung zer-stört. Die Besatzung hat das Schiff vollständig verlassen, es gibt keine Wrackteile. Betrachten Sie die vorangegangenen Verhandlungen nach Ihrem hinterhältigen Angriff als gegenstands-los. Fairchild Ende.“
Nun wandte sich Lennard wieder an Kazuki: „Senken Sie bitte unsere Schilde für zehn Se-kunden, das müßte genügen.“
„Aye, Sir.“ Kaum hatte der Japaner den Befehl des Captains ausgeführt, als mitten auf der Brücke drei Personen materialisierten. Die Sicherheitsposten und auch Kall sprangen er-schreckt auf, entspannten sich jedoch gleich wieder, als sie Vakuf, Nidor und Wuran er-kannten.
Lennard lehnte sich nach wie vor entspannt in seinem Sitz zurück und sagte nur: „Bericht.“
Kall hatte sich noch nicht ganz von ihrem Schreck erholt, als ihr bereits die nächste Über-raschung bevorstand: anstatt der zweiten Offizierin Vakuf trat nun die Chefingenieurin Nidor vor, während die anderen beiden wieder ihre Stationen auf der Brücke einnahmen.
Ohne die geringste Regung begann die Vulcanierin mit ihrer Aufzählung: „Die Schadens-kontrollteams haben die Verteilung der Hauptenergie soweit wiederhergestellt, daß wir die Tarnvorrichtung aktivieren konnten. Nach einem ersten internen Scan ist das Schiff von den Jem’hadar vollständig geräumt worden und gesichert. Jedes Crewitglied an Bord, das etwas von der romulanischen Schrift, Sprache und Technologie versteht, hilft uns bei der Reparatur und Bedienung der Anlagen. Wir sollten in etwa einer Woche alle Schäden behoben und die Integrität der Außenhülle notdürftig sichergestellt haben.“
Dann fügte sie mit einem Seitenblick auf Kazuki hinzu: „Wir hätten es gewiß leichter, wenn das Ausmaß der angerichteten Schäden etwas geringer ausgefallen wäre.“
„Hey, die Jem’hadar sollten den Warbird verlassen, und zwar in der Überzeugung, daß wir ihn vernichten wollen. Man vernichtet etwas nicht, indem man es verhätschelt,“ gab der Japaner leicht beleidigt zurück.
„Sie haben beide Ihre Arbeit gut gemacht. Fahren Sie jetzt bitte fort,“ drängte ihr Vorge-setzter leicht ungeduldig.
„Jawohl, Captain. Unsere Energie-, Luft- und übrigen Vorräte sind ausreichend für unsere Mannschaft, um ein halbes Jahr den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wir werden gemäß unseren Anweisungen mit einem Achtel Impuls aus der Umlaufbahn austreten und den Rendezvous-punkt anfliegen, wo wir in etwa zwei Wochen ankommen sollten, wenn wir den Warpantrieb in der geschätzten Zeit in Funktion setzen können.“
Anerkennend nickte Lennard ihr zu. „Gute Arbeit, Mrs. Nidor. Sie erhalten hiermit den Be-fehl, genau einhundertundvierzig Tage Erdstandardzeit ab heute auf uns zu warten und sich dann in den Alpha-Quadranten abzusetzen, wenn wir bis dahin nicht eingetroffen sind. Ich be-fördere Sie kommissarisch zum Commander und übertrage Ihnen den Befehl über die H.M.S. Remus, dem meines Wissens nach ersten Raumschiffes romulanischer Herkunft in der Ster-nenflotte. Alles Gute für Sie und Ihre Leute, Commander.“
„Danke, Captain. H.M.S. Remus erscheint mir eine ausgezeichnete Namenswahl für ein über-nommenes romulanisches Schiff. Aber ist diese Abkürzung vor dem Namen des zweiten Hei-matplaneten der Romulaner nicht für alte irdische Wasserfahrzeuge ohne eigenen Antrieb verwendet worden?“
„Ich hätte nie gedacht, daß Sie das wissen würden. Es ist jedoch als Anspielung auf die H.M.S. Bounty gedacht gewesen,“ erklärte Lennard.
„Ich verstehe, Sir. Bis bald.“ Nidor erhob ihre Hand zum vulcanischen Gruß, den Lennard er-widerte, und gab das Signal, das sie zurück auf ‘ihr’ Schiff transportierte, nachdem Kazuki die Schilde nochmals kurz gesenkt hatte.
„Sagen Sie mir, Captain,“ begann Kall bedächtig, „habe ich das richtig gedeutet, daß wir unsere Mission ohne Chefingenieurin fortführen?“
„Sowie den benötigten Mannschaften, um den Warbird instandzusetzen und für unsere spe-ziellen Bedürfnisse ein wenig umzurüsten. Zusätzlich noch Kundige des Romulanischen, un-terstützendes Personal sowie Angehörige, um eine erträgliche Atmosphäre auf einem ver-lassenen Schlachtschiff mit über siebzig Decks zu schaffen,“ sprang Leardini für ihren Vorge-setzten ein.
Die Schiffsberaterin wirkte nun abwesend, als sie bemerkte: „Ja, ich spüre, daß eine größere Anzahl von Personen auf der Remus ist.“
„Einhundertundachtundzwanzig, um genau zu sein. Machen Sie kein so schockiertes Gesicht, Sam, das ist eben nötig, um unsere neueste Errungenschaft wieder flottzukriegen. Und unsere taktische Operation erfordert bestimmt nicht mehr als 850 Personen an Bord, nicht wahr?“ Er sah sie an und wartete auf eine Antwort.
Als sie sich wieder gefaßt hatte, preßte sie hervor: „Ich möchte mit Ihnen reden, Sir. Jetzt gleich, wenn sich das einrichten läßt.“
Er wechselte einen schnellen Blick mit Leardini, die jedoch nur die Schultern hob. Dann wies er mit seiner Hand auf die Tür zu seinem Bereitschaftsraum. „Nach Ihnen, Counselor.“
Der Captain der Fairchild ahnte schon, was jetzt kam, als er seiner Counselor ins Büro folgte. Und tatsächlich hatten sich kaum die Türen hinter ihnen geschlossen, als Kall auch schon los-legte: „Ich muß protestieren, Captain! Diese ganzen Aktionen hinter meinem Rücken und ohne meine Konsultierung durchzuführen, entspricht in keinster Weise...“
„Setzen Sie sich erst einmal, Sam,“ unterbrach Lennard sie, „bevor ich Ihnen alles erkläre.“
Sie hielt in ihrer Tirade inne und setzte sich nach einer Sekunde trotzigen Zögerns dann un-willig hin. Lennard fuhr in verständnisvollem Tonfall fort: „Ich verstehe durchaus, daß Sie sich in allen wichtigen Angelegenheiten der letzten Zeit übergangen fühlen, aber Sie müssen mir glauben, daß sich das niemand hier an Bord ausgedacht hat.“
Als ihr klar wurde, was seine Worte bedeuteten, klappte ihr Kiefer nach unten. Lennard machte ihr mit ernster Miene klar: „Es wurde alles so vom Oberkommando der Sternenflotte angeordnet. Sie ahnen es schon, daß es mit unserer letzten Mission zu tun hat. Nach unserem Kampf mit den klingonischen Renegaten wurden wir alle einzeln vor einem Untersuchungs-ausschuß angehört. Ich war nicht bei Ihrem Hearing dabei, wie Sie wissen, aber nach dem, was ich gehört habe, waren Ihre Antworten für den Ausschuß, vor allem was dieses Ramm-manöver von Ihnen angeht, nicht zufriedenstellend.
Ich wollte es Ihnen nicht so direkt sagen, aber ich hätte eigentlich Sie als Kommandantin der Remus vorgeschlagen. Da Sie aber sozusagen während dieser Mission auf dem Prüfstand sind, blieb mir diese Option verwehrt. Durch den Schaden, den Sie an der Aldebaran mit Ihrem nicht autorisierten Flugmanöver angerichtet haben, ist ein schlechtes Licht auf Sie gefallen. Das muß nicht heißen, daß Ihre Dienstakte dadurch einen unschönen Flecken bekommen wird, aber um das zu erreichen, müssen Sie momentan die Füße stillhalten. Haben Sie verstanden, was ich Ihnen zu sagen versuchte, Counselor?“
Sie war mittlerweile aschfahl im Gesicht geworden und nickte nur schwach. Nachdem sie ge-schluckt hatte, konnte sie mit dünner Stimme herauspressen: „Ich hatte nicht gewußt, daß es so schlecht um meine Position steht. Meine Handlungen damals waren intuitiv. Es erschien mir als richtig, auch wenn ich später einsehen mußte, daß es in höchstem Maße töricht war, Schiff und Besatzung derart in Gefahr zu bringen.“
Beruhigend meinte Lennard daraufhin: „Wissen Sie, Sam, nachdem ich Sie das habe sagen hören, glaube ich doch noch an einen Hoffnungsschimmer für Sie. Aber lassen Sie die Dinge bitte ein wenig ruhiger angehen und entwickeln Sie die Ansätze von Gelassenheit, welche ich erfreulicherweise in letzter Zeit bei Ihnen feststellen konnte, weiter.“
Die junge Betazoidin nickte und meinte schwach lächelnd: „Sehen Sie, Kyle, jetzt sind Sie schon mein Berater.“
„Gehört alles zum Job eines Captain,“ erwiderte er und fügte dann grinsend hinzu: „Ach ja, und lassen Sie sich Ihre Augen wieder in den Originalzustand zurückversetzen, bevor ich mich noch daran gewöhne. Dieser Grünton hast etwas Besonderes...“
Sie schmunzelte: „Das hat David auch gesagt. Er will sich beinahe weigern, mich zu be-handeln, aber ich muß sagen, daß diese menschliche Iris, so schick sie auch aussehen mag, meine Sehschärfe doch leicht behindert.“
„Dann tun Sie sich keinen Zwang an und melden Sie sich gleich auf der Krankenstation. Wir werden jetzt bestimmt eine Weile auch ohne Sie zurechtkommen.“ Er entließ sie mit einer Handbewegung aus ihrem Gespräch.
Kall gab sich große Mühe, möglichst geknickt zu wirken, als sie die Brücke verließ, um den Anschein einer schroffen Zurechtweisung von seitens des Captains erhalten zu haben. Ja, auch das gehörte dazu: nur nicht die Autorität des Kommandanten untergraben. Im Turbolift angekommen, grinste sie vor sich her und freute sich bereits, diese furchtbaren menschlichen Dinger aus ihren Augen entfernt zu bekommen.



Sie hatten abgedreht und den Kurs eingeschlagen, den Lennard ihnen genannt hatte. Sie be-wegten sich mit Warp 9,2 - der ‘offiziellen’ Höchstgeschwindigkeit, tief im Raum des Domi-nion auf einem Kurs, der sie parallel zum Zentrum der Galaxie, sozusagen auf einem Radius und immer weiter vom Wurmloch wegführte. Dabei nahmen sie ununterbrochen Tiefen-raumscans vor und untersuchten den sie umgebenden Raum bei ihrem Flug durch das Territo-rium des Feindes.
Nach zehn Tagen hatten sie beinahe drei Raumsektoren durchflogen und näherten sich einem Nebel, den sie durchqueren mußten, wenn sie ihren derzeitigen Kurs beibehalten wollten. Da-hinter befand sich ein großes Stück leeren Raumes von mehreren Parsec Durchmesser.
Lennard stand zusammen mit Leardini und Wuran an der Wissenschaftsstation und besah sich auf der Sternenkarte das vor ihnen liegende Gebiet. Wuran bemerkte: „Das ist ein äußerst un-gewöhnliches Phänomen, Captain; im uns bekannten All gibt es keinen ähnlich großen Leer-raum in diesem Abstand zum Zentrum der Galaxie. Für mich liegt die Vermutung nahe, daß er durch ein natürliches Phänomen entstanden sein muß. Was meinen Sie?“
Leardini und Lennard sahen sich etwas verlegen an. Die Erste Offizierin biß sich auf die Un-terlippe und antwortete dann: „Da haben Sie wohl recht, Cluy. Das ist auch einer der Gründe, weshalb wir diesen Kurs eingeschlagen haben. Wenn wir Glück haben, weiß das Dominion weniger als wir.“
„Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, was Sie damit meinen, Commander,“ wollte Wuran nüchtern wissen.
Lennard antwortete kryptisch: „Alles zu seiner Zeit. Was halten Sie von dem Nebel? Die Zu-sammensetzung und Partikeldichte lassen es ratsam erscheinen, ihn zu umfliegen oder zumin-dest soweit abzudrehen, daß wir nur die Randbezirke durchqueren müssen.“
Wuran tippte ein paar Befehle ein und studierte die Resultate kurz. „Das ist korrekt, Sir. Wir sollten den Kurs soweit abändern, daß wir nur in diese Gebiete hineinkommen, wo die Kon-zentration der Partikel etwa fünf Prozent der Werte erreicht, wie sie in der Mitte des Nebel-gebietes vorkommen. Allerdings müßten wir die Geschwindigkeit dann auf Warp Drei be-schränken, um der erhöhten Teiledichte im Raum Rechnung zu tragen.
Die Alternative wäre, das fragliche Gebiet weiträumiger zu umfliegen und dafür nur auf Warp Acht zu verlangsamen.“
„Wir werden den zweiten Weg wählen; für uns ist es momentan wichtig, uns schnell zu bewegen.“ Lennard drehte sich nach vorn, so daß Darrn und der diensthabende Conn-Offizier seine Anweisungen hören konnten. „Bitte berechnen Sie den notwendigen Kurs, um den Rand des Nebelgebietes in möglichst kleinem Abstand zu passieren. Die Astrophysiker sollen sich auf eine Sonderschicht vorbereiten, wenn wir die größte Annäherung erreichen, damit wir so viele Daten wie möglich sammeln können. Schließlich erforschen wir ja nebenbei auch noch das All, das wir durchfliegen.“
Der klingonische Einsatzleitende Offizier gab die Anweisungen des Captains weiter, während der junge Leutnant an den Steuerkonsolen noch den neuen Kurs vom Navigationscomputer errechnen ließ. Als er das getan und ihn eingegeben hatte, machte er Meldung an Lennard.
Sie waren erst einige Minuten auf ihrem neuen Kurs, als ein Perimeteralarm angezeigt wurde. Lennard war sofort auf dem Posten und forderte: „Meldung, Leutnant.“
Der Trill an der Conn-Station antwortete: „Wir empfangen eine Warp-Signatur an der äuß-ersten Erfassungsgrenze der Fernsensoren. Ich kann keine Klassifizierung erhalten, aber dem Muster nach könnte es sich um ein Jem’hadar-Schiff handeln. Es kommt von der anderen Sei-te des Nebels, aus Richtung 068,315 und bewegt sich mit Warp Sieben auf das Zentrum der Partikelansammlung zu. Das Signal wird nun schwächer... ich habe es verloren.“
„Was ist passiert?“ wollte Lennard mißmutig wissen.
„Die Chrom- und Hafniumpartikel im Nebel schirmen ihr Signal vor uns ab, was eine Ortung unmöglich macht. Wahrscheinlich sind sie noch gar nicht in die Randgebiete eingeflogen, aber da die Hauptmasse zwischen uns und ihnen liegt...“
„In Ordnung, ich habe verstanden. Ihre Sensoren können uns dafür aber ebenfalls nicht empfangen, ist das richtig?“
„Das wäre anzunehmen,“ bestätigte der Conn.
Lennard überlegte, dann meinte er: „Was halten Sie davon, Numero Uno, wenn wir unseren jetztigen Kurs beibehalten, bis wir unsere größte Annäherung an die Nebelwolke erreicht hab-en, wo sie uns nicht mehr orten können, und dann in diese hineinfliegen und uns das einmal ansehen? Es würde doch so aussehen, als hätten wir sie nicht entdeckt, so daß wir ein gewisses Überraschungsmoment auf unserer Seite hätten.“
„Hört sich gut an für mich,“ meinte Leardini.
„Ich orte zwei weitere Signaturen, den Anzeigen nach identisch mit der ersten. Beide steuern den gleichen Punkt im Inneren des Nebels an und halten sich über die alte Höchstreichweite unserer Sensoren hinaus entfernt.“
Wuran sagte nachdenklich: „Sie wissen, daß wir hier sind, glauben jedoch, daß sie sich auß-erhalb unserer Sensorenreichweite befinden. Das legt den Schluß nahe, daß sie nichts von den Modifizierungen an der Fairchild wissen.“
„Und wir werden uns so lange wie möglich so verhalten, als gebe es diese Verbesserungen nicht.“ Lennard mußte ein wenig grinsen. „Ich habe nämlich ein Faible für Überraschungs-momente. Wir bleiben auf unserem Umrundungskurs und stoßen dann in den Nebel hinein, sobald wir der Peripherie am nächsten sind. Verlangsamen Sie dazu auf ein halbes Impuls, Lieutenant Merven.“
„Aye, Sir. Wir nähern uns gerade dem fraglichen Punkt. Ich gehe unter Warp und aktiviere den Impulsantrieb. Neuer Kurs in den Nebel hinein liegt an,“ meldete der Trill.
Leardini beobachtete auf dem Hauptmonitor, wir die Fairchild den Warptransfer beendete und die Sterne damit in ihren normalen dreidimensionalen Zustand zurückfanden. Gleich darauf schwenkte das Bild auf die Außenbereiche des Nebels zu, die in einem matten Rosarot glimmten. Sie beugte sich zu Lennard hinüber und bemerkte leise: „Dieser neue Lieutenant an der Conn ist gut. Wie heißt er gleich nochmal?“
„Merven. Nur Merven, solange er nicht mit einem Symbionten vereinigt ist. Nach dieser Mis-sion geht er auf Trill gleich in die Aufnahmetests, hat mir Kall berichtet.“ Er sah wohlwollend zu den Navigationskontrollen hinüber und beobachtete dann wieder die leuchtende Gas- und Staubwolke, in die sie nun eintauchten. Sogleich wurde die Brücke in ein sanftes, aber irgendwie auch unheimlich wirkendes rosarotes Licht getaucht.
„Unsere Sensoren werden von den Metallpartikeln im Nebel massiv blockiert. Die maximale Reichweite ist unter 500’000 km gesunken,“ sagte Darrn leicht beunruhigt.
„Alarmstufe Gelb,“ befahl Lennard. „Ich kann nur hoffen, daß ihre Sensorsysteme nicht viel besser sind als unsere. Das Jem’hadar-Schiff, dem wir begegnet sind, hat sicher von dem fehl-geschlagenen Versuch,durch unsere Schilde hindurchzubeamen, berichtet. Fragt sich nur, ob diese Schiffe vor uns bereits über uns informiert sind.“
„Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob es Jem’hadar sind, Captain,“ wandte Wuran ein, „dafür waren unsere Anzeigen zu ungenau.“
„Unsere Sensorenreichweite ist auf unter 300’000 km gesunken,“ meldete Merven mit dring-lichem Unterton.
„Das heißt, wenn vor uns ein Hindernis auftaucht, vergehen bis zum Aufschlag auf das Schiff acht Sekunden. Rückschub, Lieutenant; verlangsamen Sie auf ein Achtel Impuls und infor-mieren Sie mich, wenn die Reichweite der Sensoren noch weiter fällt.“ Lennard war mit der Situation gar nicht zufrieden.
„Wie hoch ist wohl die Chance, daß außer diesen Raumschiffen noch andere, vielleicht natür-liche Gegenstände in diesem Nebel liegen?“ fragte Leardini mehr sich selbst als jemand Be-stimmten.
Darrn antwortete: „Ziemlich gering, Commander. Die meisten Nebel dieser Art bestehen nur aus Gas- und Staubteilchen, die von unserem Deflektor und den Schutzschilden problemlos aus der Flugbahn entfernt werden können. Nur der erhöhte Widerstand des Mediums, durch das wir uns momentan bewegen, stellt eine nennenswerte Behinderung dar. Worauf wollen Sie hinaus?“
„Ach, es ist nichts Wichtiges, Mr. Darrn. Ich überlege nur gerade, wie effektiv wir uns im Falle des Falles zurückziehen können. Wir sind zwar insofern besser dran als die Pioniere der Sternenflotte, als unsere Schilde in dieser Metallsuppe arbeiten, aber man sollte dennoch auf alles gefaßt sein. Mir gefällt dieses Versteckspiel überhaupt nicht, da ich der Meinung bin, unsere Mission könnte eventuell gefährdet werden.“
Lennard schaltete sich ein: „Ich nehme Ihren Einwand zur Kenntnis, Commander. Bitte lassen Sie sich gesagt sein, daß mir durchaus bewußt ist, was für die gesamte Föderation auf dem Spiel steht. Offiziell ist das hier keine Erkundungsmission, aber dennoch könnten die In-formationen, die wir hier sammeln, von immenser Wichtigkeit sein.“
„In Ordnung, Captain. Ich wollte Sie nur daran erinnern, wie sehr mir die Sicherheit der Fairchild am Herzen liegt... und die des Captains natürlich auch. Das ist Teil meiner Pflich-ten.“ Sie lächelte ihn warm an.
„Ich habe es nicht vergessen, Stefania.“ Lennard wurde durch ein Blinken auf seinen Arm-lehnenkonsolen abgelenkt. Es war eine Sensorenerfassung.
Merven rief fast auf: „Sir, wir orten eine ganze Anzahl größerer Objekte vor uns. Zeit bis zum Sichtkontakt zwölf Sekunden.“
„Was verstehen Sie unter ‘größere Objekte’, Lieutenant? Und wieviele?“ wollte Lennard unge-duldig wissen.
Entschuldigend antwortete Merven: „Einen Moment, Sir, die Anzeigen werden klarer. Ich zähle fünfundsechzig Objekte von unterschiedlicher Größe. Oh mein Gott!“
Merven sah wie versteinert auf den Hauptschirm. Leardini dachte noch unsinnigerweise, daß es seltsam war, daß der Universaltranslator seinen letzten Ausruf mit ‘Oh mein Gott!’ übersetzt hatte. War in ihrem Kommunikator vielleicht gespeichert, daß sie römisch-katholische Christin war?
Als sich ihr Blick auf den großen Wandmonitor richtete, vergaß sie diesen beiläufigen Gedan-ken sofort.
Direkt vor ihnen befand sich eine ungeheuer große Flotte von Jem’hadar-Schiffen. Aber es waren nicht nur die ihnen bekannten Patroullien-Raumer, sondern auch die großen Schlacht-kreuzer, mit denen der Vorta bei ihrem Disput geprahlt hatte. Diese Raumfahrzeuge existierten wirklich, und sie sahen sehr groß und sehr gefährlich aus.
Und die Fairchild flog direkt in ihren Verband hinein.



„Roter Alarm! Not-Abort mit Warp Eins! Fragen Sie nicht, Merven, tun Sie es. Jetzt!“ schrie Lennard, nachdem die Schrecksekunde überwunden war.
Im nächsten Moment sahen Sie, wie über ein Dutzend der Feindschiffe sich auf sie ausrich-teten und in Feuerbereitschaft gingen. Merven rief mit schriller Stimme: „Sie laden ihre Waf-fen, Sir! Warp-Transfer eingeleitet.“
Ein wahres Gewitter von Energiestrahlen und Photonentorpedos brach über ihnen los, doch bevor ein einziger Treffer bei ihnen einschlug, blitzten die Warpgondeln der Fairchild bläu-lichweiß auf und ließen sie mit Lichtgeschwindigkeit davonschießen. Hinter ihnen gab es einen blendendhellen, gleißenden Blitz, wo sie eben noch gewesen waren.
„Es hat funktioniert, Captain. Wir fliegen mit Warp Eins durch den Nebel. Die Deflektoren sind am Rand ihrer Leistungsgrenze, halten aber durch.“
„Sehr gut, Leutnant, Sie haben schnell reagiert. Steuern Sie aus dem Nebel heraus und be-schleunigen Sie dann auf Warp Neun.“ Lennard gab ihm einen Zielpunkt an, der etwa zwei Lichtjahre von ihrem eigentlichen Ziel entfernt war, um eventuelle Verfolger nicht direkt zu diesem hinzuführen, dann sah er auf den Schirm, wo sich der Nebel durch die Reibung mit den Frontschilden bei dieser Geschwindigkeit in weißglühendes Plasma verwandelte.
Düster sagte er: „Wir haben es geahnt, aber ich hätte nie gedacht, daß ich es mit eigenen Augen zu sehen bekommen würde. Das war kein Übungsmanöver, Stefania. Sie haben eine Angriffsflotte versammelt, um dann aus dem Nebel heraus direkt durch das Wurmloch hin-durch in den Alpha-Quadranten einzufallen. Ist das nicht eine Ironie des Schicksals, daß wir ausgerechnet bei diesem Auftrag auf ihre Flotte stoßen?“
„Sie verfolgen uns, Captain, jedoch nur mit vollem Impuls. Offenbar sind ihre Schilde nicht stark genug, um auf Warp zu gehen. Sie fallen immer weiter zurück.“ Die Zufriedenheit in Darrns Stimme war unverkennbar. „Ich habe sie jetzt verloren.“
In diesem Augenblick stießen Sie aus dem Nebel hinaus und verloren ihren Feuerschweif aus glühenden Gas- und Metallpartikeln. Dann stieg die Geschwindigkeit immens an, als sie in kürzester Zeit auf Warp Neun beschleunigten.
„Und wieder einmal haben unsere ‘Wunderschilde’ uns die Haut gerettet. Wir sollten dem Ewigen von Alnilam wirklich ein Dankesgebet für diese Gabe senden. Wie oft wären wir be-reits auf der Strecke geblieben ohne ihn?
Was wir in diesem Nebelgebiet gesehen haben, hat uns die Entscheidung darüber abgenom-men, ob unser Handeln moralisch vertretbar ist oder nicht. Wenn diese Flotte sich gesammelt hat, wird sie die Reise zum Wurmloch von Bajor antreten. Dann geht es nicht mehr um ethi-sche Bedenken für uns, sondern um das Überleben und die Freiheit unserer Völker.
Ich wünschte, wir könnten eine Warnung an die Föderation schicken, aber dazu müßten wir umkehren, was für uns nicht zur Diskussion steht. Die Mission ist zu wichtig.“ Grimmig be-endete Lennard seine kleine Ansprache.
„Captain, könnten wir nicht eine Sonde mit der Botschaft aussenden?“ schlug Merven vor. „Wenn wir sie so konfigurieren, daß außer einem Subraum-Sender nur noch Reaktionsmasse an Bord ist, könnten wir sie statt auf Warp Neun bis auf Warp 9,4 beschleunigen. Sie hätte dann zwar keine 760 Lichtjahre Reichweite mehr, doch bis zum Wurmloch würde sie mit Leichtigkeit kommen.“
„Die Chance ist nicht sehr groß, daß sie durchkommen wird, aber ein Versuch kann nicht schaden. Darrn, bereiten Sie die Sonde vor und senden Sie eine Warnung an die Sternenflotte. Fügen Sie auch hinzu, daß wir wie geplant weiterfliegen,“ verfügte Lennard.
„Aye, Sir.“ Der Klingone gab alles Erforderliche auf seiner Konsole ein und meldete den Ab-schuß der Sonde, die gleich darauf damit begann, vorprogrammierte Ausweichmanöver zu fliegen, die sie über einen kleinen Umweg in den Nebel hineinführen würden. Zumindest dort war sie verhältnismäßig sicher vor Entdeckung. Niemand auf der Brücke machte sich jedoch falsche Hoffnungen, was die Chancen betraf, daß sie nicht vor dem Wurmloch vom Dominion entdeckt und zerstört werden würde.
„Verfolgerschiffe treten aus dem Nebel aus und gehen auf Warp, Sir,“ berichtete Merven nun. „Es sind insgesamt drei der großen Schlachtschiffe. Sie sind jetzt auf Warp 9,2 und kommen langsam auf Abfangkurs näher.“
„Nur drei Schiffe? Vielleicht nehmen sie an, daß wir verzweifelt sind und glauben, es zum Bajoranischen Wurmloch nicht mehr zurückzuschaffen, sodaß wir uns von ihm entfernen, um wenigstens unsere Haut zu retten,“ spekulierte Leardini.
Mit gespannter Miene entgegnete Lennard: „Aber sie zeigen normalerweise eine viel größere militärische Überlegenheit. Es besteht die Möglichkeit, daß sie uns nur für einen Lockvogel halten, ein Ablenkungsmanöver, durch das wir möglichst viele Schiffe von der Angriffsstreit-macht abziehen und für unsere Verfolgung binden sollen. Wir waren schließlich noch nie so unverschämt, uns derart tief in ihr Territorium hineinzuwagen.“
„Falls das unser Plan wäre, hat er nicht funktioniert,“ meinte Leardini zynisch lächelnd. „Sie lassen sich von uns nicht allzusehr ablenken. Lieutenant, wie lange noch, bis sie uns bei diesem Tempo eingeholt haben?“
„Wenn wir mit Warp Neun und sie mit 9,2 weiterfliegen, knapp zwei Minuten, Commander,“
kam prompt die Antwort.
„Erhöhen Sie ebenfalls auf Warp 9,2, dann bleibt der Abstand gleich. Dann wollen wir doch ‘mal sehen, ob wir sie nicht aus der Reserve locken können.“ Lennard lächelte schelmisch.
Nach nicht einmal dreißig Sekunden sagte Merven: „Verfolger beschleunigen auf Warp 9,4 und nähern sich, Sir. Warten Sie... eines der Jem’hadar-Schiffe dreht ab und fliegt zur Nebelwolke zurück.“
„Interessant. Offenbar verlieren wir an Bedrohungspotential, je schneller wir uns vom Eingang des Wurmloches entfernen. Bereiten Sie sich darauf vor, ebenfalls auf Warp 9,4 zu gehen, und zwar kurz bevor sie sich der maximalen Waffenreichweite genähert haben. Sie sollen denken, daß wir nur mit Mühe und Not auf diese Geschwindigkeit hinaufkommen, um sie uns gerade so vom Hals zu halten.“ Der Captain beobachtete interessiert sein taktisches Display, das die Entfernung der beiden Verfolger anzeigte. Etwa fünfzigtausend km hinter ihnen verharrten die Icons der Jem’hadar-Schiffe dann, als die Fairchild ihr Tempo dem ihren angepaßt hatte.
Kazuki sah auf seine Anzeigen. „Sir, sie laden ihre Waffen auf.“
„Vielleicht wird es Zeit, ein paar Spielchen zu spielen. Mr. Kazuki, machen Sie alle Front-waffen für einen gezielten Beschuß des rechten Schiffes bereit. Mr. Merven, Sie zählen auf mein Kommando einen Countdown hinab und steuern bei null drei km nach oben. Gleichzeitig gehen Sie unter Warp. In dem Moment, in dem sie uns passieren, geben wir eine Breitseite auf die Maschinensektion des einen Schiffes ab und beschleunigen unverzüglich wieder auf unsere jetztige Geschwindigkeit.“ Lennard sah versonnen zum Sicherheitschef hoch. „Kann das funktionieren?“
„Ich würde sagen... versuchen wir es.“ Fieberhaft tätigte Kazuki die nötigen Eingaben und meldete dann: „Bereit!“
„Conn bereit, Captain.“
Leardini raunte: „Warum kannst du nicht sagen ‘Führen Sie Manöver Lennard Beta Drei aus’ wie jeder andere Captain auch?“
„Weil mir das eben erst eingefallen ist. Manchmal muß auch ich improvisieren.“ Nach dieser Antwort fügte er lauter hinzu: „Beginnen Sie den Countdown.“
In diesem Moment gingen die Türen eines Turboliftes auf und Counselor Kall stürzte auf die Brücke. Völlig außer sich rief sie: „Halt, Captain! Warten Sie!“
Überrascht sagte Lennard: „Countdown stoppen und bereithalten zum Weitermachen. Wenn wir noch ein wenig warten, läßt ihre Reaktionsbereitschaft eventuell sogar noch ein wenig nach.“
Dann drehte er den Kopf zur atemlosen Kall, die ihren Sessel ansteuerte, und verlangte von ihr: „Erklären Sie mir sofort, was das soll.“
„Sie wollen allen Ernstes versuchen, einen Nahkampf mit diesen zwei Schlachtkreuzern aus-zutragen? Ich halte das für keine empfehlenswerte Option, Captain. Bedenken Sie, daß unser Schwesterschiff Odyssey von nur drei ihrer viel kleineren und schwächer bewaffneten Pat-roullienschiffen zerstört wurde. Wir wissen noch nichts über die Feuerkraft dieser Kolosse. Und außerdem besitzen sie doch bestimmt eine Verfolgungsautomatik, die ihre Schiffe ebenfalls abbremst, wenn wir das tun,“ gab die junge Betazoidin zu bedenken.
Mit mühsam beherrschter Stimme gab Lennard zurück: „Also gut, dann passen Sie jetzt ‘mal gut auf, denn ich erkläre Ihnen das nicht zweimal. Dieser neue Typ besitzt eine etwas größere Masse als die Fairchild, ihre Technologie in Bezug auf die Trägheitsdämpfung und damit ihre Manövrierbarkeit ist jedoch nach unseren bisherigen Erfahrungen nicht nennenswert besser als unsere. Außerdem bremst man nicht im herkömmlichen Sinne, wenn man mit Warp fliegt. Die Schubumkehr macht dabei nur einen kleinen Teil der Verzögerung aus. Man kann aber das Warpfeld abbauen oder deaktivieren, um seine Geschwindigkeit im Warpflug zu verringern. Und da die Grundform unseres Rumpfes zweiteilig ist und die Warpgondeln bei Schiffen der Galaxy-Klasse am hinteren Ende des Rumpfes weit oben angesetzt sind, erzeugen sie auch ein hochgradig unsymmetrisches Warpfeld. Da die gesamte Form der Konstruktion so ausgerichtet ist, optimal in diesem - selbstverständlich nur auf der Längs-Hoch-Achse - unsymmetrischen Feld zu liegen, wird dieser Nachteil neutralisiert.
Und jetzt sehen Sie sich einmal die Grundform der gegnerischen Raumschiffe an. Sie ist ein-teilig und homogener, die Warpgondeln sind mittschiffs angeordnet. Dadurch können sie ein für ihre Größe verhältnismäßig kleines und sehr gleichmäßig geformtes Warpfeld um ihre Außenhülle herum aufbauen, was ihnen diese hohe Geschwindigkeit trotz dieser Masse er-laubt. Wenn wir jetzt aber unser Warpfeld kollabieren lassen, dann fällt es sehr viel schneller zusammen als das gleichförmigere von ihnen, das besser um den Rumpf herum ‘anliegt’. So wie beispielsweise ein Diskus in einer Atmosphäre schneller geworfen werden kann als... was weiß ich, ein Handtuch. Wir werden vom interstellaren Medium stärker gebremst als sie, was uns den entscheidenden Vorteil liefern wird, direkt hinter sie zu gelangen. Alles klar?“
Ich hoffe nur, ihre Gedankengänge entsprechen der Realität,“ sagte Kall immer noch zweif-elnd.
„Schön. Übrigens erhalten Sie hiermit einen Verweis in Ihrer Akte, da Sie von diesem Ma-növer durch telepathische Sondierung von mir erfahren haben, was ich Ihnen ausdrücklich un-tersagt habe. Überlegen Sie sich schon ‘mal, wie Sie das wieder gutmachen können.“ Er wandte sich wieder der aktuellen Situation zu.
Kall wollte protestieren. „Aber, Sir...“
„Ich hatte Ihnen gesagt, Sie sollten die Füße stillhalten, Sam. Seien Sie froh, daß Sie den Rest der Mission noch als Crewmitglied erleben anstatt als Passagier,“ zischte er ihr erbost zu.
„Ja, Sir,“ bestätigte sie kleinlaut und gab dann niedergeschlagen Ruhe.
„Captain, die Jem’hadar beschleunigen auf Warp 9,5 und aktivieren ihre Zielerfassung.“ Merven wurde sichtlich nervös bei dieser Entdeckung.
„Das ist perfekt. Während sie beschleunigen, ist ihre Reaktionszeit sicher noch länger, wenn sie plötzlich in die Lage kommen, verlangsamen zu müssen. Starten Sie den Countdown.“ Lennard mußte wider Willen sogar leicht lächeln. Jetzt würden sie ja sehen...
„Fünf, vier, drei, zwei, eins...LOS!!“
Der Warpantrieb wurde deaktiviert, worauf sie schlagartig unter Lichtgeschwindigkeit fielen. Die beiden Verfolger wurden tatsächlich überrascht und waren schon an ihnen vorbeige-schossen, bis sie ebenfalls ihre Triebwerke stoppen konnten. Ihre Automatik reagierte wirklich nur unmerklich später nach dem Einleiten ihres ‘Bremsvorgangs’, da sie bei Warp 9,4 jedoch in nur einer Tausendstelsekunde fast 500’000 km zurücklegten, waren sie trotzdem zu langsam. Sie schossen nur knapp zwei km unter ihnen hindurch und fielen dann unter Warp, wurden jedoch wie vermutet von ihren sich langsamer abbauenden Subraumfeldern noch ein Stück weitergetragen, bis auch sie sich wieder im Normalraum befanden, nur gut fünfhundert km vor ihnen.
Kazuki hatte die Zielerfassung bereits gestartet, so daß die Schiffssensoren schon ihr Ziel ge-funden hatten. Er feuerte beide Phaserbänke der Untertassensektion (Abk.:UTS) für fünf Sekunden ab und startete gleichzeitig eine Salve von vier Quantentorpedos. Durch die kurze Distanz verstrich praktisch keine Zeit bis zum Einschlag sämtlicher abgefeuerter Waffen; vorbeizuschießen war unmöglich.
Die konzentrierte Salve traf das rechte der beiden großen Schlachtschiffe noch während dem Übergang vom Warp- in den Normalflug. Sie wurden kurz von den Detonationen der Tor-pedos und dem grellen Aufflackern der feindlichen Schilde, die die kombinierten Energien aus den Phaserbeschüssen und den Sprengkörpern kompensieren mußten, geblendet. Dann wurde die automatische Abdunkelung zugeschaltet, was auch gut war.
Denn nun ereignete sich eine erheblich größere Detonation, die den gesamten Sichtschirm ausfüllte. Glücklicherweise ließ sich Merven keineswegs davon beeindrucken, sondern war bereits wieder auf Warp gegangen und beschleunigte auf den Faktor 9,4 hinauf, genau wie be-fohlen.
Lennard lobte den Trill dafür und verlangte dann einen Bericht. Darrn übernahm das und be-richtete, was er aus seinen Instrumentendaten ersehen konnte: „Wir haben den Jem’hadar-Kreuzer getroffen, bevor sein Warpfeld gänzlich abgebaut war. Offenbar hat die Energiemen-ge unseres Beschusses einen nicht vorhersehbaren Feedback der Schutzschilde des Feindes direkt über die EPS-Leitungen zu seinem Warpkern hin ausgelöst. Die folgende Überlastung muß die Eindämmung zerstört und zu einem Kernbruch geführt haben.
Es war einfach nur ein Zufall.“
Kazuki feixte über Darrns fassungslose Miene und sagte theatralisch: „Oh, das wollte ich wirklich nicht.“
Lennard herrschte ihn an: „Lassen Sie den Sarkasmus, Onue. Wie ist die Lage jetzt?“
„Wir sind wieder auf Kurs, Captain, Warp 9,4. Das verbliebene Schiff hat die Verfolgung wieder aufgenommen und liegt momentan etwa eine Lichtminute hinter uns, hat aber ein Tempo von Warp 9,5 erreicht und kommt näher. Ihrem Energieausstoß nach dürften sie keine großen Reserven mehr zur Verfügung haben,“ mutmaßte Merven aufgrund seiner Sensoren-anzeigen.
„Danke, Lieutenant. Bitte einen Audiokanal öffnen.“ Lennard wartete kurz auf die Bestätigung von Kazuki, stand auf und sprach dann leise und bedacht: „Hier spricht Captain Lennard von der U.S.S. Fairchild. Wir wollten ihr Schiff nicht zerstören, sondern nur flugunfähig schießen. Tut uns sehr leid; wirklich dumme Sache, das. Wir schätzen, daß wir gerade einen Konstruktionsfehler ihrerseits aufgedeckt haben und empfehlen baldige Nachbesserung, da wir diesen Schwachpunkt natürlich schnellstmöglich ans Flottenhauptquartier weitergeben werden. Lennard Ende.“
„Captain, Sie beschleunigen auf Warp 9,6 und kommen schnell näher. Ihr Reaktorausstoß liegt bei 107 Prozent und ihre vorderen Torpedolauncher werden zum Abschuß bereitgemacht.“ Wieder lag diese gewisse Nervosität in Mervens Stimme.
Leardini grinste breit, während Kall noch über die Morbidität von Lennards Funkspruch schockiert war. Die Erste Offizierin bemerkte spitz: „Da sind Sie wohl jemandem auf die Ze-hen getreten, Kyle. Sie wollen unseren Hintern.“
„Stimmt, aber den kriegen sie nicht. Wir beschleunigen ebenfalls auf Warp 9,6 und halten einen Abstand knapp über der maximalen Waffenreichweite. Dann werden wir ja sehen, wie wütend sie sind.“ Lennard ließ sich wieder in seinen Sessel nieder.
„Wir halten sie auf 50’000 km, Captain. Sie haben versucht, einen Torpedo abzuschießen, waren aber bei dieser hohen Geschwindigkeit nicht erfolgreich.“
„Gut, mal sehen, ob wir das besser können. Mr. Kazuki, den hinteren Torpedolauncher. Feu-ern nach eigenem Ermessen.“
„Aye, Sir.“ Kazuki gab eifrig alle Daten ein und ließ dann erneut den doppelten Warnton hören, der den Abschuß eines Flugkörpers von der Fairchild signalisierte. Die Quantentorpedos benötigten bei dieser Geschwindigkeit eine kaum meßbare Zeitspanne, bis sie auf den Frontschilden der Verfolger aufschlugen und sie hell aufflackern ließen. Nach dem vierten Volltreffer in Folge drehten sie frustriert ab, da sie unmöglich ausweichen konnten und ihre vorderen Schutzschirme praktisch nicht mehr existierten. Beim nächsten Treffer hätten sie das Schlachtschiff gewiß schwer beschädigt, wenn nicht sogar zerstört.
„Das hat Spaß gemacht, Captain,“ ließ Kazuki verlauten, „auch wenn dieser Bursche höllisch zäh war. Nichts im Alpha-Quadranten würde nach diesem Beschuß noch existieren. Warum machen wir ihn nicht frisch? Entkommen kann er uns anscheinend nicht und...“
„Es tut mir leid, Lieutenant Commander, aber wir haben Prioritäten. Wenn wir ihm folgen würden, könnten wir auf massive Verstärkung stoßen, die sich momentan noch außerhalb der Sensorenreichweite befindet, aber in unsere Richtung unterwegs sein könnte. Wir haben unser Ziel erreicht, unsere Verfolger zu zermürben und abzuschütteln. Nun fliegen wir noch einen Ausweichkurs, bis wir sicher außerhalb ihrer Sensoren sind und sie uns nicht mehr orten können.
Auf uns wartet eine wichtigere Aufgabe. Und nach dieser Entdeckung ist es wichtiger denn je, daß wir sie schnell erfüllen... wenn wir dazu überhaupt in der Lage sind.“
Lennard brütete kurz und gab dann Order: „Conn, wir fliegen mit momentanem Kurs in diesem Tempo weiter, bis wir tief genug in diesem offenen Stück Weltraum sind, um nicht mehr geortet werden zu können. Dann Kurs auf ursprünglichen Zielpunkt setzen mit maximalem Warp.“
„Aye, Sir.“ Merven sah gespannt zu seinem Kommandeur hinüber.
Lennard sagte daraufhin: „Ich denke, wir haben das Schlimmste im Moment überstanden. Roten Alarm aufheben, zurückgehen auf Bereitschaftsstufe zwei. Ich bin in meinem Bereit-schaftsraum.“
„Soviel zur angeblichen Unbesiegbarkeit des Dominion,“ raunte Kazuki beinahe schon über-heblich der immer noch fassungslosen Kall zu, die sich daraufhin zu ihm umdrehte und ihn anstarrte, als sei sein Oberstübchen nur teilmöbliert.
„Lassen Sie sich einen Termin bei mir geben,“ zischte sie ihn an, „Sie brauchen ihn!“
Dann rauschte sie in den nächsten Turbolift.



Nachdem sie mit Warp 9,9 Dauertempo über zwei Parsecs weit in den freien, sternenlosen Weltraum eingedrungen waren, konnten sie sich sicher sein, daß sie nicht weiter verfolgt wur-den. Sie steuerten daraufhin ihren eigentlichen Zielpunkt an.
„Das ist ein ungünstiger Zeitpunkt,“ bemerkte Vakuf, die gerade das Kommando auf der Brücke innehatte.
„Was meinen Sie damit?“ wollte Darrn von der Ops aus wissen.
Die Vulkanierin erklärte: „Der Captain hat mich damit beauftragt, ihn unverzüglich auf die Brücke zu rufen, wenn wir im Zielgebiet angekommen sind. Offenbar war ihm nicht bewußt, daß das um zwei Uhr fünfzig Bordzeit sein würde.“
„Noch zwei Minuten bis zum Eintreffen bei unseren vorherbestimmten Koordinaten. Wie lau-ten Ihre Befehle, Lieutenant Commander?“ wollte der Fähnrich an der Conn wissen.
„Sobald wir an den Koordinaten sind, voller Stopp und Scan der nächsten Umgebung. Geben Sie nur wenig Energie auf die Sensoren; niemand soll unsere Signale auffangen.“ Vakuf schien leise zu seufzen und fuhr dann fort: „Vakuf an Captain Lennard.“
Nach einigen Sekunden ertönte über Interkom die müde Antwort: „Lennard hier. Sprechen Sie.“
„Wir nähern uns unserem Ziel, Sir. Sie wollten doch...“
„Schon gut, ich bin gleich bei Ihnen. Lennard Ende.“ Nachdem Lennard aufgehört hatte zu reden, hörte man noch eine andere Stimme im Hintergrund, bevor die Interkom-Verbindung abbrach.
„Ja, die kleinen Reize der Gamma-Schicht,“ witzelte der Posten an der Wissenschaftsstation.
„Das habe ich nicht gehört, Fähnrich,“ wies Vakuf ihren Untergebenen zurecht. „Bereiten Sie lieber die Sensorenphalanx vor. Und richten Sie besonderes Augenmerk auf Verteronen-partikel.“
„Hier draußen, zig Lichtjahre von der nächsten festen Materie entfernt?“ fragte er, fing dann jedoch Vakufs Blick auf und fügte hinzu: „Jawohl, Ma’am, auf... Verteronen achten.“
Kurz darauf erschien Lennard auf der Brücke. Er sah nicht besonders verschlafen aus, so als habe er durchaus gewußt, daß er in dieser Nacht aufstehen mußte. Er sagte schlicht: „Bericht, Mrs. Vakuf.“
Nach einem kurzen Blick auf ihre Konsolen begann sie: „Wir haben soeben die fraglichen Koordinaten erreicht und einen vollen Stopp durchgeführt. Ich habe einen niederenergetischen Scan der nächsten Umgebung angeordnet.“
„Sehr gut.“ Lennard lehnte sich über die Rückenlehne und studierte die Anzeigen wie auch Vakuf, die sich leicht befremdet ebenfalls vorlehnte, um Körperkontakt zu vermeiden. Nach-dem er einen Blick auf die Daten geworfen hatte, meinte er: „Setzen Sie die Fairchild lieber noch ein Stückchen zurück, vielleicht fünfzig km. Wir wollen kein unnötiges Risiko eingehen, bevor wir die Lage nicht erkundet haben.“
Dann verließ er die Brücke wieder und rief aus dem sich schließenden Turbolift noch: „Ich erscheine dann pünktlich zur Alpha-Schicht. Frohen Dienst noch.“
„Unglaublich! Dafür ist er mitten in der Nacht aufgestanden?“ Der Fähnrich an der Wissen-schaftsstation machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.
Vakuf, selbst ein wenig neben sich stehend, merkte an: „Er wollte wohl nur die genauen Gitterpunkte im Raum kontrollieren, an denen wir gehalten haben. Schließlich kennen nur er und Commander Leardini diese; mir sowie Mr. Darrn ist lediglich die Natur unserer Mission bekannt.“
„Warum so gesprächig heute, werte Kollegin? Morgen früh informiert der Captain doch sicher die Mannschaft, dann ist Ihre Plauderei ohnehin überholt,“ brummte Darrn daraufhin. Er war offensichtlich verstimmt, weil sie erwähnt hatte, daß sie beide ebenfalls wußten, was sie hier draußen mitten in diesem riesigen Nichts verloren hatten.
„Ich habe gerade einen schwachen Anstieg an Verteronen gemessen, Lieutenant Commander, jedoch nur für etwa dreißig Sekunden.“ Der Fähnrich an den Science-Konsolen runzelte die Stirn bei diesen Anzeigen.
„In Ordnung, Fähnrich. Speichern Sie die Koordinaten und machen Sie eine Sonde der Klasse IX bereit; wir werden Sie zwar vorraussichtlich erst in mehreren Stunden benötigen, aber wie heißt es so schön? Allzeit bereit hat nie gereut.“ Vakuf lehnte sich entspannt zurück, so als ob sie nicht mehr damit rechnete, daß während der restlichen Zeit ihrer Schicht noch etwas Auf-regendes geschehen würde.



Der Captain erschien pünktlich zur Alpha-Schicht und übernahm das Kommando von Vakuf, welche ihm berichtete: „Wir haben vor etwas mehr als drei Stunden einen dreißigsekündigen Anstieg der Verteronenemissionen in etwa neunzig km Entfernung vor dem Bug des Schiffes gemessen. Ich habe eine Sonde vorbereiten lassen, die jederzeit auf Abruf gestartet werden kann.
Die übrigen Beobachtungen und Messungen ergeben nichts Neues. Dieser Raum hier enthält praktisch keine Staub- oder Gaspartikel, was angesichts der Nachbarschaft zu dem Nebelge-biet, welches wir passiert haben, sehr ungewöhnlich, aber nicht unerklärbar ist. Auch die Hintergrundstrahlung ist durch das Fehlen von Sternen oder anderen Emissionsquellen beinahe um die Hälfte niedriger, was die Reichweite von Fernsensoren erheblich erhöhen dürfte. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, habe ich die Schilde hochfahren lassen, da diese aufgrund ihres besonderen Feldmusters die Ortung der Fairchild auf weite Entfernung ein wenig erschweren. Des Weiteren haben wir keine aktiven Sondierungen mehr vorgenommen, durch die wir entdeckt werden könnten.“
„Ich sehe, Sie haben sich meine Anweisungen zu Herzen genommen, Mrs. Vakuf. Eine Tarnvorrichtung wäre mir zwar lieber gewesen, aber unter den herrschenden Umständen glau-be ich, haben wir uns so gut es geht unsichtbar gemacht. Sie werden uns bestimmt ein oder zwei Patroullienschiffe nachgeschickt haben, doch die werden entlang unseres ursprünglichen Kurses eine starke Warpsignatur suchen. Wir sind jedoch Lichtjahre entfernt und stehen still, haben unsere Signatur auf ein Minimum reduziert. Damit rechnen sie sicher nicht.“ Lennard setzte sich zufrieden in seinen Sessel.
Er wartete noch ein paar Minuten auf Kall und Leardini, dann öffnete er einen allgemeinen Kanal der Bordkommunikation und begann: „Hier spricht der Captain an alle Besatzungsmit-glieder. Ich bin ermächtigt, Ihnen nun mitzuteilen, worum es in unserer Mission geht.
Der erste Teil, ein Verhandlungsversuch mit dem Dominion, ist bekanntlich fehlgeschlagen. Damit beginnt der zweite, noch gefährlichere Teil. Das Oberkommando der Sternenflotte hat genügend Informationen zusammengetragen, um zumindest zu erahnen, was sich nun vor un-seren Augen bestätigt hat: das Dominion steht vor einem Erstschlag gegen den Alpha-Quad-ranten und damit gegen die Föderation. Wir sollen das vereiteln, indem wir ihre militärischen Ressourcen anderweitig binden. Und an dieser Stelle kommt das gewaltige Wissensarchiv, welches der Ewige von Alnilam uns überlassen hat, zum Tragen.
Wir haben uns zwar dazu verpflichtet, unseren gewaltigen Technologievorsprung nicht zur Entwicklung von Angriffswaffen zu verwenden und werden diese Verantwortung auch nicht mißbrauchen. Doch wir haben einen großen Spielraum, um die Daten zur Ausarbeitung von Strategien zu benutzen, die zu unserem Vorteil beitragen können. Bei der Auswertung des Erbes der letzten Besucher vor uns, die vor etwa 250’000 Jahren lebten, entdeckten wir, daß diese Rasse über einen extrem langen Zeitraum die Galaxis bereiste und dabei einen fast un-erschöpflichen Wissensschatz auf astronomischem Gebiet angesammelt hatte. Darunter befand sich auch etwas, das man lapidar als ‘Wurmlochatlanten’ bezeichnen könnte. Sie führten über Jahrtausende hinweg genaue Aufzeichnungen über stabile, periodische und instabile Wurmlöcher. Sogar das künstliche ‘stabile’ Wurmloch von Bajor kannten sie, mieden es aber, um die darin lebenden Wesen nicht in ihrem natürlichen Lebensraum zu stören.
Es sind Gebiete verzeichnet, in denen man leicht in instabile Wurmlöcher geraten konnte, aber auch einige langlebige Verteronenschläuche wurden über nahezu zwanzigtausend Jahre lang beobachtet. Und hier - inmitten dieses Stückes leeren Raumes - befindet sich eines davon, das noch existent sein könnte. Es öffnet sich nur bei Annäherung von festen Körpern und auch nur alle dreieinhalb Stunden für knapp dreißig Sekunden. Während seiner Erscheinungsperiode steigt der Wert an Verteronenpartikel nur geringfügig über die natürlichen Umgebungswerte, was die Entdeckung zusätzlich erschwert. Dies sind wohl die Hauptgründe, weshalb es vom Dominion bislang nicht entdeckt wurde... und wahrscheinlich auch von niemandem auf der anderen Seite.
Nach unseren Berechnungen führt es in unserer Ära etwa vierzigtausend Lichtjahre weit bis in den Delta-Quadranten hinein. Wir werden als nächsten Schritt eine Sonde hindurchschicken und prüfen, ob es noch immer sicher durchquert werden kann. Falls das der Fall ist, haben wir die Ehre, das erste Föderationsschiff zu werden, das den Delta-Quadranten erforschen wird. Das ist alles, was ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt zu sagen habe. Captain Ende.“
Nachdem Lennard seine Rede beendet hatte, herrschte Totenstille auf der Brücke. Kall hatte so ein Gefühl, daß es in diesem Augenblick wohl auf dem gesamten Schiff so sein mußte. Sie selbst konnte immer noch nicht glauben, daß er ihr nichts davon erzählt hatte. Geheimhaltung war verständlicherweise eine Prämisse bei einem Unternehmen solcher Tragweite, doch daß wirklich nur ganze vier Personen an Bord überhaupt etwas gewußt hatten...
Und sie als Schiffsberaterin hatte nicht dazugehört.
Natürlich wußte sie, daß sie auf dem Prüfstand stand, aber daß sie derart ausgegrenzt wurde, das schmerzte sie doch. Die Befehle, die der Captain von oben erhalten hatte, mußten diesbe-züglich recht eindeutig gewesen sein.
„Captain, ich glaube, es ist bereits so weit. Die Verteronenwerte beginnen zu steigen,“ bemerkte Wuran.
„Sonde starten,“ gebot Lennard und sah auf dem Bildschirm zu, wie der abgeschossene Flug-körper sich von ihnen entfernte. Nach nur wenigen Sekunden geriet er in die Peripherie des Wurmloches, worauf es sich öffnete.
Es sah nicht genauso aus wie dasjenige von Bajor, aber nach der Aussage von Captain Picard, der bereits mehrere dieser Raumphänomene gesehen hatte, glich keines dem anderen. Es machte tatsächlich den Eindruck eines Trichters, der dreidimensional in die Tiefe führte. Ob-wohl der Rand um den Eingang dieses galaktischen Portals herum nicht so beeindruckend aussah wie beim bajoranischen, so war doch der Schlund, der ins schier Unendliche führte, atemberaubend. Lennard glaubte, ein schwaches grünliches Leuchten an seinem Ende zu se-hen, war sich aber nicht sicher.
Dann war die Sonde in den Verteronenschlauch eingeflogen, worauf es sich - ebenfalls ganz unspektakulär - wieder schloß. Die Augenblicke nach dem Schließen eines Wurmloches fand er immer am faszinierendsten, ja, beinahe unheimlich. Der normale Raum lag vor einem, da wo gerade eben noch ein riesiges Gebilde aus, wie es schien, reiner Energie gewesen war.
„Krankenstation an Brücke. Habe ich das richtig verstanden, daß wir jetzt dreieinhalb Stunden bewegungslos wie die Katze vor dem Mauseloch verharren, bis die Sonde zurückkehrt und dann weitere dreieinhalb, bis wir zur nächsten Öffnungsperiode hindurchfliegen können?“
„Ganz recht, Doktor Stern,“ antwortete Lennard mit gerunzelter Stirn, „denn wir müssen die von der Sonde gesammelten Daten ja zuerst auswerten, bevor wir überhaupt den Entschluß fassen können, die Passage zu durchqueren. Gibt es ein Problem?“
„Nein, nein, alles in bester Ordnung,“ entgegnete die Stimme über Interkom beschwichtigend.
„Ich wollte nur sicher sein, daß ich den Sachverhalt auch richtig verstanden habe.“
„Es gibt keinen Grund zur Sorge, David. Wir verhalten uns hier mucksmäuschenstill, um vom Dominion nicht entdeckt zu werden. Keine aktiven Sensorabtastungen, keine Funk- oder Sub-raumemissionen jeglicher Art. Zufrieden?“ Kall grinste, als sie das sagte.
Empört widersprach er: „He, wer hat denn hier etwas von Angst gesagt? Ich wollte nur...naja, sichergehen, ihr wißt schon. Stern Ende.“
Leardini grinste Kall an. „Er hat Angst.“
Besorgt entgegnete Lennard: „Ich weiß nicht. Seine Stimme hatte so einen Unterton... das gefällt mir nicht. Ich kenne ihn zu gut...“



Als der nächste Öffnungsintervall fällig war, erschien die Weltraumanomalie wieder und ent-ließ ihre Sonde zurück in den Normalraum. Den Sensorenauswertungen nach gab es zur Zeit keine Anzeichen auf gefährliche Schiffe oder andere Bedrohungen am Ausgang im Delta-Quadranten. Also beschlossen sie, bei der nächsten Gelegenheit in mehreren Stunden das Wagnis einzugehen und hindurchzufliegen.
Kall wollte zur Mittagszeit schnell bei Stern in der Krankenstation vorbeischauen, fand ihn dort aber nicht vor. Da ihr auch niemand vom Personal mit Bestimmtheit seinen Aufenthaltsort nennen konnte, verließ sie den Arbeitsort ihres Freundes wieder und blieb im Gang an der nächsten Wandkonsole stehen.
„Computer, wo ist Doktor Stern?“
„Chefarzt Doktor David Stern befindet sich zur Zeit nicht an Bord der Fairchild,“ antwortete die Synthetikstimme des Computers.
„Ja, klar,“ gab Kall mißmutig zurück. Begann der Hauptcomputer jetzt zu spinnen? Das konnten sie gerade jetzt nun wirklich nicht gebrauchen.
Oder hatte der Captain doch recht gehabt und Stern hatte irgendeinen seiner kindischen Scherze vor, für die er weit über die Außenhülle der Fairchild hinaus berüchtigt war? Wahr-scheinlich hatte er seinen Replikator zu einem Transporter hochfrisiert und seinen Kommu-nikator aus dem Schiff hinausgebeamt, noch innerhalb des Schildparameters. Für den Compu-ter würde das so aussehen, als hätte er das Schiff verlassen. Und nun rechnete er wohl damit, daß sie hysterisch werden und eine Riesen-Suchaktion starten würde. Aber nicht mit mir, dachte sie.
Und für so einen Unsinn hatte sie einen Großteil ihrer Pause verschwendet. Wütend trat sie in den nächsten Turbolift und fuhr zur Brücke zurück. Von ihr würde niemand ein Sterbenswort erfahren. Hoffentlich ärgerte er sich grün und blau, wenn er feststellen mußte, daß niemand ihn vermissen würde.


- 4 -

„Wie lange noch bis zur nächsten Öffnungsperiode?“ wollte Lennard mit einer Spur Ungeduld in der Stimme wissen.
„Noch wenigstens fünf Minuten, Sir,“ antwortete Wuran mit einer gewissen Müdigkeit in der Stimme. Diese Schicht zog sich beträchtlich in die Länge, vor allem, wenn man auf etwas Be-stimmtes warten mußte.
Lennard sah nach links zu Counselor Kall hinüber, die seit ihrer Mittagspause einen recht un-willigen Eindruck auf ihn machte. Er fragte sich, ob sie nicht doch wieder in seinen Gedanken gelesen hatte, doch er glaubte nicht wirklich, daß sie ihre Karriere dafür riskieren würde.
Als sie bemerkte, daß er sie ansah, lächelte sie ihn andeutungsweise an, wobei sich sein Ver-dacht verflüchtigte.
Oder war es genau das, was sie wollte?
Er diente jetzt schon so lange mit ihr zusammen, doch in vielen Belangen war sie noch immer ein Rätsel für ihn und immer wieder für eine Überraschung gut.
In diesem Moment fingen ihre Sensoren den Anstieg der Verteronenpartikel-Konzentration auf. Sofort ließ Lennard Fahrt aufnehmen, so daß sie langsam nach vorne glitten. Eigentlich lief es ganz unspektakulär ab. Das Wurmloch öffnete sich unmittelbar vor ihnen und nahm sie in sich auf. Die Fairchild glitt in den Sternenschlund hinein, bis sie den glühenden Punkt an dessen Ende erreicht hatten. Dann gab es ein grünliches Aufblitzen und sie verließen das Subraum-phänomen an dessen anderem Ende.
„Das war alles?“ fragte Leardini. „Keine Verweilzeit im Inneren? Einfach hier hinein und dort hinaus, ohne einen Flug durch den Schlauch hindurch?“
„Ich muß sagen, dieses Wurmloch ist recht bequem zu bereisen,“ bemerkte Lennard. „Ebene-Drei-Diagnose einleiten und dann einen Fernbereichsscan durchführen. Positionsbestimmung durchführen und mit einem Viertel Impuls voraus.“
„Aye, Sir.“ Wuran leitete die Abtastung durch die Langstreckensensoren und die Positions-bestimmung ein. „Wir sind 41’352 Lichtjahre von unserer letzten Position entfernt, in der in-neren Hälfte des Deltaquadranten. Von hier aus ist es näher zum Beta- als zum Gamma-Quad-ranten. Erste Abtastungen haben keine Flugobjekte innerhalb unserer Sensorenreichweite ausmachen können.“
„Ein abgelegenes Fleckchen Raum, Captain. Suchen wir hier etwas Bestimmtes?“ Sowohl Lennard als auch Leardini drehten die Köpfe und starrten Kall an, als sie das sagte.
„Was habe ich Ihnen über das Füßestillhalten empfohlen, Sam?“ Lennards Stimme klang warnend.
Betroffen und mit leicht trotziger Miene sah Kall zu Boden. „In Ordnung, ich habe verstanden. Keine Füße mehr.“
„Das hoffe ich.“ Lennard wandte sich wieder dem allgemeinen Geschehen zu. „Weiterhin mit voller Energie Langstreckenscans vornehmen und mit Warp Sieben auf Kurs 027,356 gehen, sobald die Diagnose der Bordsysteme abgeschlossen ist. Wenn wir etwas erfassen, können Sie mich rufen.“
Der Captain begab sich nun in seinen Bereitschaftsraum, während Leardini das Kommando übernahm. Kall sah ihm besorgt nach und wandte sich dann an die Erste Offizierin, kaum daß diese sich auf den Kapitänssessel gesetzt hatte.
„Er wirkt so bedrückt, Stefania. Ist unsere Mission wirklich so schlimm?“
Leardini lächelte müde. „Netter Versuch, Sam. Sie wissen doch, wie unsere Order lautet; wir sind zu striktem Stillschweigen verdonnert worden. Ich kann mich nicht daran erinnern, über-haupt jemals unter solch strengen Geheimhaltungsvorkehrungen operiert zu haben. Seitdem wir auf der geheimen Werft, in der die Aldebaran zur Fairchild aufgerüstet wurde, unsere Befehle empfangen haben, mußten wir absolutes Stillschweigen bewahren, um das Dominion nicht auf unsere Spur zu bringen. Bis jetzt hat sich das bezahlt gemacht, da sie anscheinend noch nichts von unserem Vorstoß in den Delta-Quadranten ahnen.“
„Sie haben sämtliche Befehle nur in schriftlicher Form erhalten? Keinerlei Bild- oder Sprech-kontakte zum Oberkommando?“ Ungläubig fixierte die Betazoide ihre Freundin und Kollegin.
Befremdet begegnete Leardini ihrem Blick. „Was soll das, Sam? Sie wissen doch, was zur Zeit in der Sternenflotte vor sich geht. Die Infiltration des Hauptquartiers durch Wechselbälger ist noch immer ein großes Problem. Allein schon sicherzustellen, daß sie nichts von der Bibliothek des Ewigen von Alnilam erfahren, muß schwer genug gewesen sein. Und unsere Mission... halt, ich habe schon mehr erzählt, als ich dürfte. Wenn Kyle das wüßte...“
„Ach, kommen Sie, Numero Uno, als ob er Ihnen das ankreiden würde,“ lenkte Kall schnell ab und fügte dann noch beiläufig hinzu: „Aber die Art Ihrer Befehlsübermittlung macht mich schon stutzig. Sie nicht?“
„Wissen Sie, wenn ich über jeden seltsamen Wink nachdenken müßte, den ich Tag für Tag feststelle...“
„Okay, ich habe verstanden. Dann werde ich jetzt meinem Tagesdienst nachgehen.“ Kall schlenderte zur Station von Wuran und sagte im Vorbeigehen: „Wie ist es, Cluj? Haben Sie Lust, nach Ihrer Schicht ein wenig... Sie wissen schon, auf dem Holodeck.“
Wuran erwiderte Kalls Geste und kniff ein Auge zu. „Ja, wir müssen in Übung bleiben. Ich treffe Sie dann.“
Leardini sah ihr nach, bis sie im Turbolift verschwunden war und richtete ihren Blick dann auf Wuran. Als diese das bemerkte, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte: „Jeder hat so seine kleinen Geheimnisse, Commander. Also fragen Sie nicht.“
Darauf mußte Leardini seufzen. „Wie Sie meinen.“



Sie hatten bei ihrer ersten Sondierung nichts Außergewöhnliches entdeckt und deshalb gleich nach Beendigung der Schiffsdiagnose den vom Captain befohlenen Kurs eingeschlagen, der in Richtung auf den Beta-Quadranten wies und etwa rechtwinklig vom Zentrum der Galaxie verlief. Wenn sie mit Höchstgeschwindigkeit in dieser Richtung weitergeflogen wären, hätten sie in etwa dreißig bis vierzig Jahren das romulanische Imperium erreicht. Eine genauere Schätzung war unmöglich, weil die Ausdehnung ihres Einflußbereiches der Föderation noch nie genau bekannt gewesen war. Die entmilitarisierte Zone, welche die Grenze zum Födera-tionsraum bildet, machte die einzige Ausnahme, abgesehen von den nächsten Welten, die an der klingonischen Grenze zu den Romulanern lagen. Obwohl die Klingonen und Romulaner das Gebiet jenseits ihrer Grenzen uneingeschränkt für sich beanspruchten, nahm man dennoch an, daß weite Teile des Beta-Quadranten in deren Hinterland noch immer unerforschter Raum waren.
Und sie waren nun in einem der abgelegensten Teile der gesamten Galaxie, wo noch nicht einmal Forschungssonden der Föderation hingelangt waren. Deshalb arbeiteten während des gesamten Fluges ihre Langstreckensensoren mit voller Leistungsstärke. Nach zehn Stunden Flug erhöhten sie ihre Geschwindigkeit auf Warp 9,6, um möglichst schnell ein größeres Stück Raum zu durchqueren. Dann waren sie tagelang unterwegs und suchten das All weiter ab, während sie immer weiter in unbekanntes Terrain vorstießen.
Kall ließ sich inzwischen fast nur noch auf der Brücke sehen, wenn der Captain nicht an-wesend war. Man brauchte kein Betazoide zu sein, um die unterschwellige Spannung in ihrem Verhältnis zu bemerken, die beinahe schon offen zutage trat. Die Counselor hatte indes trotz eindeutiger anderslautender Befehle vermehrt damit begonnen, ihre Vorgehensweise zu hinterfragen, aber immer nur in vertraulicher Diskussion mit Leardini. Diese bekam dadurch allmählich ein schlechtes Gewissen und fühlte sich beinahe schon wie eine Verschwörerin.
Bei der gemeinsamen Beta-Schicht saßen sie beisammen, als Kall erneut begann: „Und Sie bleiben dabei, daß Sie mir kein Sterbenswörtchen verraten wollen?“
„Was heißt hier wollen?“ protestierte Leardini. „Sie sind sogar namentlich erwähnt in unseren Befehlen. Was um Himmels Willen ist bei Ihrer Anhörung nur vorgefallen, Sam?“
„Das... nun, wir alle haben offenbar unsere Geheimnisse.“ Unangenahm berührt sah die Counselor zur Seite. „Aber damit wollen Sie nur vom Thema ablenken. Wir suchen hier etwas, soviel ist mir inzwischen klar. Wozu sonst sollten wir sonst wohl mit Volldampf durch dieses Gebiet hier fliegen und unsere Sensoren mit Höchstleistung scannen lassen? Und das, nachdem wir uns im Gamma-Quadranten so auffällig verhalten haben wie ein Loch im leeren Raum. Äußerst verdächtig, wenn Sie mich fragen.“
Leardini sah sie von der Seite her an und bemerkte: „Warum wollten die hohen Herren nicht, daß Sie von der Mission etwas erfahren? War es etwas, was Sie damals hinter verschlossenen Türen gesagt haben?“
„Sie können es einfach nicht lassen, oder? Jemand von denen hat wohl damals gemerkt, daß es in der Sternenflotte auch noch Leute gibt, die nicht nur blind Befehle befolgen, sondern ab und zu auch einmal nachdenken, was sie tun. Das ist jetzt nicht speziell gegen jemanden Be-stimmten gerichtet, aber ich ...“
„Sie sollten jetzt besser schweigen, Sam. Ich habe mir wirklich genug davon angehört, ohne etwas zu sagen, aber Sie überspannen den Bogen allmählich.“
„Sehen Sie, Stefania, genau das meine ich,“ ereiferte sich Kall und machte Leardini dadurch nur noch ärgerlicher. Dann wandte sie sich an Wuran. „Haben unsere Sensoren etwas Neues entdeckt, Cluy?“
„Bisher nicht,“ antwortete die Wissenschaftsoffizierin. „Keine Schiffe, keine höherentwickelten Lebensformen, keine...“
„Moment mal,“ unterbrach Kall, „wollen Sie sagen, daß wir bisher nicht einen einzigen Pla-neten entdeckt haben, der in irgendeiner Form bewohnt ist? Keine elektromagnetischen Emissionen oder Subraumfunk? Das ist doch kaum möglich in dem großen Gebiet, das wir bisher durchflogen haben.“
„Nun, jetzt, da Sie es erwähnen, Counselor... das ist in der Tat merkwürdig.“ Wuran zog die Stirn in Falten, wodurch sich ihr bajoranischer Nasenrücken krauste.
„Gibt es vielleicht Hinweise auf eine natürliche Katastrophe, die diesen und die umliegenden Sektoren entvölkert haben könnte?“ mutmaßte Kall.
„Weder erhöhte Hintergrundstrahlung noch sonstige Meßwerte, die einen solchen Schluß zu-lassen würden.“ Je länger Wuran darüber nachdachte, desto neugieriger wurde sie.
Leardini meinte mißmutig: „Können wir das nicht lassen? Es gehört nicht zu unserer Mission...“
„Der Captain sagte in seiner Ansprache, daß wir im Delta-Quadranten forschen werden. Ich interpretiere das so, daß wir uns auch darüber Gedanken machen sollten, warum wir bisher noch nicht auf andere Lebensformen gestoßen sind. Vielleicht können unsere Sensoren nichts wahrnehmen, weil wir uns keines der Sonnensysteme, die wir passiert haben, näher angesehen haben. Vor uns ist eine Doppelsonne mit sieben Planeten, davon scheint einer der Klasse N anzugehören. Was halten Sie davon, wenn wir diesen Planeten anfliegen und eine nähere Sondierung vornehmen?“ Fragend sah Wuran ihre Vorgesetzte an.
Die Erste Offizierin seufzte leise: „Es tut mir leid, aber das wird nicht möglich sein. Die Zeit reicht dafür nicht, denn die Flotte des Dominion hat sich vielleicht bereits gesammelt und ist unterwegs zum Wurmloch. Wir müssen so schnell es geht ein möglichst großes Gebiet ab-suchen.“
„Und was suchen wir, wenn ich fragen darf?“ säuselte Kall mit zuckersüßer Stimme.
Leardini zischte sie an: „Sie dürfen nicht. Und wenn Sie kein persönliches Gespräch mit dem Captain wünschen, rate ich Ihnen dringend, endlich mit diesem verkappten Ungehorsam aufzuhören und ebenso mit diesen - übrigens nicht sehr subtilen - Versuchen, die Mannschaft aufzuwiegeln. Haben wir uns verstanden, alte Freundin?“
Mit trotzig vorgeschobener Unterlippe und gesenktem Haupt antwortete Kall leise: „Ja, Sir.“
Leardini sprach eindringlich auf sie ein: „Sehen Sie mich an, Sam! Das ist kein Spiel mehr, sondern eine ernste Sache. Es geht hier nicht nur darum, daß Sie gerade dabei sind, Ihre Kar-riere zu ruinieren. Hier geht es um viel mehr, vielleicht um die Zukunft des gesamten Alpha-Quadranten. Wir alle haben gesehen, wie groß die Bedrohung durch das Dominion geworden ist.“
„Und was tun wir dann hier? Suchen Sie nach irgendeiner Wunderwaffe oder nach neuen Verbündeten? Das ist doch lächerlich, Stefania. Wenn wir etwas tun sollen, dann sollten wir jetzt bereits wieder durch das Wurmloch zurückgeflogen sein und unserer Flotte bei der Ver-teidigung von DS9 helfen. Ich kann mir nicht vorstellen, was...“ Plötzlich hielt sie inne.
Als sie das Gesicht der Counselor sah, tippte Leardini auf ihren Kommunikator und sagte nüchtern: „Erster Offizier an Captain: Mrs. Kall möchte sofort mit Ihnen reden. Es duldet kei-nen Aufschub, verstehen Sie?“
Lennards ernste Stimme kam über die Brückenlautsprecher: „Ja, ich glaube schon. Ich bin in meinem Bereitschaftsraum. Captain Ende.“
Flehentlich sah Kall Leardini an. „Oh nein! Das können Sie nicht machen, Stefania.“
Diese wies mit ausgestreckter Hand auf die Tür zum Raum des Captains. „Ich kann Sie auch an den Haaren hineinschleifen, wenn Sie das bevorzugen.“
„Das war nicht sehr freundlich,“ meinte Kall konsterniert und erhob sich widerwillig.
Die Brückenbesatzung tauschte Blicke aus, die ihr Wissen um das, was jetzt folgen mochte, ausdrückten.



„Können Sie mir sagen, was ich mit jemandem wie Ihnen machen soll, Sam? Wir sind doch jetzt unter uns.“ Lennard lief mit hinter dem Rücken verschränkten Armen hinter Kalls Rücken hin und her. Sie saß steif auf einem der Besucherstühle seines Büros und starrte geradeaus, während Leardini mit vor der Brust verschränkten Armen im Hintergrund an der Wand lehnte und das Geschehen still beobachtete.
„Sieht wohl so aus,“ murmelte die Betazoide mürrisch.
„So kann es doch nicht weitergehen. Sie untergraben die Befehlshierarchie auf meinem Schiff und glauben, ich sehe tatenlos zu. Was treibt Sie dabei an? Haben Sie doch wieder Gedanken gelesen und die Ziele unserer Mission in Erfahrung gebracht?“ Fragend sah er sie an.
Sie starrte weiter geradeaus und antwortete: „Nein, Sir, ich beginne nur zu ahnen, was wir vorhaben. Und ich werde das Gefühl nicht los, daß es falsch ist. Das kann ich nicht genauer erklären, aber ich konnte mich bislang immer auf meine Instinkte verlssen. Vielleicht liegt es daran, daß mein Großvater ein El’Aurianer ist.“
Ihre beiden Vorgesetzten riefen wie aus einem Munde: „WAAAS?“
Leardini hatte sich zuerst wieder gefaßt. Leise hauchte sie: „Warum haben Sie uns das nie erzählt, Sam?“
„Weil ich es nicht wollte. Sie sind beide reinrassige Menschen und auch wenn es keiner von Ihrem Planeten je zugeben würde, gibt es in der Geschichte meines Volkes und einem in Ihrer Geschichte gewisse Parallelen.“
„Was meinen Sie?“ wollte Lennard wissen.
„Die El’Aurianer sind gewissermaßen die Juden der Galaxie. Nein, kein Protest, lassen Sie mich zuerst erklären. Auf der Erde wurde diese kleine Volks- und Glaubensgruppe jahrtausendelang verfolgt und über die gesamte Oberfläche des Planeten verstreut, bevor ihnen endlich ein eigener, wenn auch winziger Staat zugestanden wurde, nachdem sie von diversen dik-tatorischen Regimes beinahe gewaltsam ausgerottet worden waren. Und selbst dann hatten sie noch immer keinen Frieden gefunden, sondern wurden dauernd von andersgläubigen, fanati-schen Nachbarstaaten attackiert. Deshalb wohl werden diese Juden immer noch von anderen Erdenbewohnern auf eine Art und Weise behandelt, die unterschwellig Rücksichtnahme und übertriebene Toleranz ausdrückt, weil man sie ja bloß nicht an das erinnern will, was deren Vorfahren wegen ihren Vorfahren durchmachen mußten.
Mit den El’Aurianern ist es ähnlich, wenn auch nicht gleich: sie wurden zwar nicht von der Föderation beinahe ausgerottet und über die halbe Galaxie verstreut; das haben ja die Borg sehr effektiv besorgt.“
Lennard und Leardini sahen sich an, als Kall fortfuhr: „Es kann jedoch nicht geleugnet wer-den, daß dem Volk meines Großvaters nicht gerade mit übertriebener Fürsorge begegnet wurde - um es deutlich auszusprechen, sie wurden mehr oder weniger sich selbst überlassen. Und wann immer ich eine Begegnung eines El’Aurianers mit einem Erdenmenschen beobachten konnte, mußte ich dieses Verhalten beobachten, welches ihnen entgegengebracht wurde. Wenn die Lage momentan anders wäre, hätte auch ich bestimmt nichts gesagt. Sie wissen, über welche Wahrnehmungsfähigkeiten diese Rasse verfügt?“
„Es wurde noch nie schlüssig bewiesen, über welche Sinnesorgane in Bezug auf das Wahr-nehmungsvermögen von Raum-Zeit-Linien und anderer für den Menschen nicht erklärbarer Phänomene die El’Aurianer verfügen. Und da Sie nur zu einem Viertel...“
„Diese Anlagen sind stark in mir, Captain,“ versicherte Kall ihm.
„Aber nichts von dem rechtfertigt Ihr Verhalten. Sie können sich nicht anmaßen ,besser zu wissen, was richtig und falsch ist, als das gesamte Oberkomando. Ich würde Ihnen am liebsten einen Helm aufsetzen lassen, der ihre telepathischen Fähigkeiten hemmt, aber ich möchte Ihnen das nicht zumuten. Aber noch einmal warne ich Sie nicht. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Jawohl, Captain.“ Kall stand stramm und starrte wieder geradeaus.
Über Interkom meldete sich der Brückenoffizier, der das Kommando über das Schiff über-nommen hatte. „Captain, wir haben auf den Fernsensoren etwas registriert. Ich habe den Kurs leicht korrigieren lassen, so daß wir darauf zusteuern. Wollen Sie es sich ansehen?“
„Ich komme.“Lennard schritt forsch aus dem Bereitschaftsraum und übernahm die Brücke. Derweil blieb Leardini noch im Büro stehen und sah Kall aufmerksam an. „Sie hätten etwas sagen können, Sam. Das hätten Sie wirklich. Mein Gott, Sie sind zu einem Viertel El’ Aurianerin! ...Wie hoch ist Ihre Lebenserwartung?“
Kall seufzte: „Ich wußte, Sie würden das fragen. Schon gut, sehen Sie mich nicht so an. Etwa 320 Jahre, plusminus dreißig Jahre. Bin ich Ihnen jetzt unheimlich?“
„Nein, dazu kenne ich Sie zu gut. Jedenfalls glaubte ich das bis jetzt, aber Sie überraschen mich ja stets aufs Neue. Ach, vergessen Sie’s. Wenigstens verstehe ich jetzt ansatzweise Ihr seltsames Verhalten, auch wenn ich es nicht tolerieren kann.“



„Bericht, Lieutenant Commander,“ sagte Lennard gespannt, als er sich auf seinen Sessel setzte.
„Offenbar handelt es sich um ein Raumschiff, ein Stück kleiner als die Fairchild, den Sensor-enwerten nach schwer beschädigt. Keine Hauptenergie, keine Schwerkraft, Lebenserhaltung auf Minimum. Wir können noch nicht ermitteln, ob noch jemand an Bord lebt. Sichtkontakt in zehn Sekunden.“
„Auf Alarmstufe Gelb gehen. Maximale Vergrößerung auf den Hauptmonitor.“
„Aye, Sir.“ Auf dem Schirm erschien nun ein seltsam geformtes Raumschiff in brauner Farbe, das mehrere große Einschlaglöcher von Energiewaffen aufwies und führungslos durch das All driftete. Es hatte einen rundlichen Bug und eine große Leitfläche darunter, die Lennard an einen Schiffskiel erinnerte.
„Das Schiff ist praktisch zu Schrott geschossen worden, Captain. Es ist zwar ziemlich gut be-waffnet, aber an die Effektivität unserer Phaser kommt ihre Technik nicht heran. Moment, ich orte ein einzelnes Lebenszeichen, sehr schwach.“ Fragend sah Darrn den Captain an.
Ohne zu zögern reagierte er: „Lennard an Transporterraum: erfassen Sie die Signatur und bea-men Sie sie direkt in die Krankenstation. Lennard an Doc Stern: Sie bekommen gleich einen Patienten auf Ihre Station, dessen Zustand wahrscheinlich kritisch ist und dessen Physiologie uns nicht bekannt ist. Treffen Sie bitte Vorkehrungen zu seiner Behandlung.“
„Bestätigt,“ kam die Antwort vom Doktor und nach einem Moment des Zögerns: „Eine Leb-ensform mit unbekannter Physiologie und in kritischem Zustand? Wie soll ich darauf Vorbe-reitungen treffen?“
„Wir alle wissen um die Schwierigkeit Ihrer Arbeit, Doktor. Lennard Ende.“ Als die Verbin-dung unterbrochen war, murmelte er entnervt: „Pillendreher.“
„Captain, wir leiten den Transport ein.“ Nach einer Sekunde des Wartens erklang es: „Trans-port erfolgreich abgeschlossen. Transporterraum Eins Ende.“
In diesem Moment betraten Leardini und Kall die Brücke. Lennard überlegte einen Augenblick und entschied dann: „Commander, Sie haben die Brücke; Counselor, kommen Sie mit, ich brauche Sie auf der Krankenstation.“
Die beiden Frauen sahen sich überrascht an, bevor sie den Befehlen ihres Captains Folge lei-steten. Nachdem sich die Türen des Turboliftes hinter Kall geschlossen hatten, sagte er umge-hend zu ihr: „Wundern Sie sich nicht, Sam. Betrachten Sie das einfach als einen Vertrauens-beweis von mir.“
„Weil ich eine Viertel-El’Aurianerin bin?“
„Treiben Sie es nicht zu weit, hören Sie?“ fuhr er sie unbeherrscht an.
Erschrocken gab sie klein bei: „Entschuldigen Sie bitte, so war es nicht gemeint. Ich werde es nie mehr erwähnen, wenn Sie es auch nicht tun. Einverstanden?“
„In Ordnung... Sie ‘intergalaktischer Jude’.“ Er grinste ein wenig.
„Das ist nicht witzig, Kyle. Sie sollten sich in Erinnerung rufen, was Sie im Geschichtsunter-richt über die Vergangenheit Ihrer eigenen Heimatwelt gelernt haben. Es ist kein besonders komisches Thema,“ rügte Kall.
„Tut mir leid. Ich als Neuseeländer nehme mir das eben nicht so sehr zu Herzen. Wichtig ist doch vor allem, daß wir diese Schwierigkeiten überwunden haben,“ bemerkte er.
Dann öffneten sich die Lifttüren.



Sie betraten die Krankenstation und stolperten mitten in eine Krisensituation hinein. Ein Krankenpfleger mit einem Kortikal-Stimulator in der einen Hand und einem Hypospray in der anderen rannte sie beinahe über den Haufen, würdigte sie jedoch keinen zweiten Blickes. Ty-pisch für medizinisches Personal, dachte Lennard.
Stern war über einen humanoiden Körper auf einem der Medo-Betten gebeugt und streckte einen Arm nach hinten aus, ohne über die Schulter zu sehen, bis der Pfleger den Stimulator in seine Hand legte und dann zum Kopf der Kreatur eilte, um ihm den Hypospray in die Hals-schlagader zu injizieren.
Vorsichtig trat Lennard näher, während ein Leutnant zur Bedienungskonsole des Stimulators eilte. Der Unbekannte besaß dunkle Haut und ähnliche Knorpel- oder Knochenauswüchse auf Gesicht und Stirn, wie sie Cardassianer oder Klingonen besaßen, jedoch in keiner ihm bekann-ten Form. Das auffälligste Merkmal jedoch war seine riesige schwarze Haarmähne, die wirr in allen Richtungen abstand und ein großes Volumen besaß.
Stern brachte den Kortikal-Stimulator, ein kleines flaches Instrument zur Wiederbelebung, das die Methode der Elektroschocks auf den Herzmuskel ersetzt hatte, auf der Stirn des Verletzten an und sah gleichzeitig auf den medizinischen Tricorder, den ihm ein zweiter Pfleger hinhielt. Alarmiert rief er dabei: „Kein Puls, keine Atmung. Schnell, wir verlieren ihn!“
Der Körper des Patienten bäumte sich reflexartig auf, als der Stimulator einen Impuls abgab, um ihn zu reanimieren. Gebannt starrte Stern auf die Anzeigen des Tricorders, während er mit der kleinen zylindrischen Sonde des medizinischen Gerätes seinen Brustkorb und Kopf unter-suchte. In den nächsten Sekunden mußte er entscheiden, ob er einen weiteren Wiederbeleb-ungsversuch durchführen sollte und in welcher Stärke dieser Impuls abgegeben werden sollte.
Er entspannte sich kurz, stutzte dann und fuhr mit ungläubiger Miene nochmals über den Brustkorb und weiter hinab über die Bauchhöhle.
„Jetzt sag’ doch was, David. Wie steht’s um ihn?“ wollte Lennard ungeduldig wissen.
„Ruhig Blut,“ murmelte Stern konzentriert, „sein Puls ist sehr schwach, aber gleichmäßig. Er hat viel Blut verloren und wahrscheinlich schwere innere Verletzungen in der Bauchhöhle. Atmung sehr flach und langsam. Mein Gott, ich dachte immer, die Innereien eines Klingonen wären ein Riesendurcheinander, aber dieser Kerl... also, operieren möchte ich ihn nicht gera-de.“
„Seine Rasse scheint von robuster Natur zu sein. Ich glaube, er kommt zu sich,“ bemerkte einer der Pfleger.
Und tatsächlich schlug der Schiffbrüchige die Augen auf und starrte sie an. Dann begann er mit schwacher Stimme etwas zu murmeln. Sie verstanden zuerst nichts, da der Computer ein wenig Zeit benötigte, bis er aufgrund seines Sprachmusters eine Übersetzungsmatrix anfertigen konnte. Nach knapp einer Minute begannen sie erste Sprachfetzen zu verstehen, als der Universaltranslator seine Arbeit aufnahm.
„Werde... nur mit ihr sprechen...“ begann er und hob kurz den Arm, um schwach damit auf Kall zu deuten. Überrascht sah sie darauf den Captain an, der jedoch nur mit den Schultern zuckte und ihr einen angedeuteten Schubs gab, worauf sie sich zu seiner Liege begab und auf ihn hinabbeugte.
„Beruhigend und mitfühlsam sagte sie: „Sie brauchen keine Angst zu haben. Wir werden alles tun, um Sie wiederherzustellen. Ich kann Ihnen versichern, daß wir gut ausgerüstet sind, um Ihnen alle erdenkliche medizinische Betreuung zukommen zu lassen.“
Er verzog sein Gesicht zu einem Versuch eines Grinsens, was jedoch deutlich mißlang. „Ich... weiß... habe gehört von eurem Schiff... wußte nicht, daß seid schon so weit gekommen... muß warnen euch... auch wenn seid Feinde unsere, habt nicht das verdient... hat niemand ver-dient...“
„Ich verstehe Sie nicht,“ sagte Kall etwas verwirrt. „Sie können uns nicht kennen, wir sind erst seit einigen Tagen in Ihrem Teil der Galaxie. Und wir sind auch keine Feinde. Unsere Mission ist friedlicher Natur und...“
„Sam, fragen Sie, was passiert ist,“ drängte Lennard leicht ungehalten.
„Natürlich. Verzeihen Sie. Was ist mit Ihrem Schiff passiert?“
„Kamen in Sturm... Viele Lichtjahre vom Kurs weggetragen worden... dann hier... sie haben uns gefunden und überfallen... es waren drei... hatten keine Chance... alle anderen gefangen... mich haben sie liegengelassen.“ Der Unbekannte faßte Kalls Hand und flüsterte eindringlich: „Sie müssen weg von hier, Captain. Wenn die Würfel sie finden...“
„Sie müssen mich verwechseln, ich bin nicht der Captain, sondern...“
„Man erzählte uns, der Captain sei eine Frau. Das verstehe ich nicht. Sie sind doch Födera-tion?“ Nun war auch der Verletzte sehr verwirrt. „Ihr fliegt schon lange durch unser Gebiet und bringt alles durcheinander... die Kazon wollten euch töten...“
„Ist das der Name Ihres Volkes?“ fragte Kall neugierig.
„Kazon Ogla, ja. Hört her, ihr müßt schnell hier weg. Dieser Teil des Raumes ist verseucht von den Würfeln. Sie kennen keine Gnade. Und sie...“ Erschöpft schloß er die Augen.
Sofort sprang Stern auf. „Mach’ Platz, Sam, schnell. Sein Kreislauf bricht zusammen! Ich verabreiche ihm ein Stärkungsmittel, um ihn zu stabilisieren.“
Der Bordarzt spritzte ihm das Medikament ein und sah weiterhin auf den Tricorder, klappte ihn dann zu und wandte sich ab. „Eintrag ins medizinische Logbuch, Sternzeit 49801,3. Der geborgene Kazon ist um 18.49 Uhr Bordzeit verstorben. Der Tod trat ein durch wiederholtes Kreislaufversagen, nachdem bereits eine Reanimation erfolgreich angewandt wurde. Aufgrund der unbekannten Physiologie wird von einem erneuten Versuch abgesehen. Eintrag Ende.“
Lennard schaltete sich ein: „Du willst es nicht noch einmal versuchen?“
Der Arzt seufzte und erklärte dann: „Das würde wenig Sinn machen. Offenbar reagiert sein Körper viel empfindlicher auf elektrische Stimulation als unserer. Ich habe seine Nervenbah-nen bei der Wiederbelebung durch einen für Menschen harmlosen Stromstoß anscheinend schwer geschädigt. Ein weiterer Versuch ...“
„Ich habe verstanden.“ Lennard winkte ab. „Kannst du eine Autopsie machen?“
„Wenn’s sein muß,“ brummte Stern und wandte sich zu seinem Leutnant: „Legen Sie den Kerl bitte in ein kryostasisches Fach, damit er frisch bleibt, bis wir ihn uns vornehmen.“
Kall wandte sich an Lennard: „Wie kommt es, daß er mich für den Captain gehalten hat?“
„Er dachte, daß eine Frau der Captain des Schiffes sei. Ich vermute, er hat phantasiert und uns verwechselt,“ mutmaßte Lennard.
„Ja, er hat ziemlichen Unsinn geredet. Aber er hat die Föderation erwähnt. Wie konnte er das wissen?“ merkte sie an.
„Das ist allerdings eine gute Frage. Es befinden sich keine Föderationsschiffe im Delta-Quadranten. Er behauptete auch, daß wir schon länger hier unterwegs seien und alles durch-einanderbrächten, obwohl wir das erste Schiff sind, das dieses Wurmloch vom Gamma- in den Delta-Quadranten benutzt haben. Bevor wir das taten, wußten wir ja nicht einmal genau, ob es überhaupt noch existiert. Ich kann mir jedenfalls keinen Reim darauf machen.“ Lennard dachte angestrengt darüber nach, was er von dem Kazon gehört hatte.
Da ertönte das Interkom: „Brücke an Captain; wir haben einen Perimeteralarm. Ein Objekt von beträchtlicher Größe kommt mit hoher Warpgeschwindigkeit auf uns zu. Geschätzte An-kunftszeit etwa vierzig Minuten.“
„Ich komme auf die Brücke zurück; hier gibt es ohnehin nichts mehr zu tun, da der geborgene Humanoide seinen Verletzungen erlegen ist. Bilden Sie ein Außenteam und sehen Sie sich auf dem fremden Schiff um, bevor das sich nähernde Objekt unsere Position erreicht hat. Viel-leicht finden wir etwas Brauchbares, das Licht in das Dunkel bringen könnte. Uns sind hier unten einige Rätsel aufgegeben worden.“ Er bedeutete Kall, mitzukommen, und verließ die Krankenstation.
Im Turbolift äußerte Kall ihre Bedenken: „Sollten wir uns nicht lieber absetzen, Captain? Was der Kazon erzählt hat, klang nicht sehr positiv. Sein Schiff ist von einem absolut überlegenen Feind angegriffen worden, der keine Gnade kennt und alle Besatzungsmitglieder gefangen-genommen hat. Er hat sie die Würfel genannt. Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?“
„Ich weiß, was Sie sagen wollen, Sam. Aber dennoch müssen wir das Kazonen-Schiff unter-suchen, um alle Zweifel über die Angreifer und vor allem über das, was er von dem Födera-tionsschiff gesagt hat, auszuräumen. Seit dem ersten Kontakt mit dem Dominion gelten unge-wöhnlich viele Föderationsschiffe als vermißt, und zwar sowohl in den Badlands des Alpha-Quadranten als auch vor allem im Gamma-Quadranten. Und da wir auf dem direkten Weg zu diesem Wurmloch die Trümmer der Proxima gefunden haben, besteht die Möglichkeit, daß ein anderes Schiff ebenfalls in diese Richtung geflogen ist und zufälligerweise durch das Wurmloch in diesen Teil der Galaxie geriet.“
„Wie groß ist diese Chance?“ wollte Kall mit ironisch hochgezogenem Mundwinkel wissen.
Er räumte ein: „Sie haben recht, astronomisch klein. Aber ich bin der Meinung, wir sollten keine Möglichkeit außer Acht lassen, so unwahrscheinlich sie auch sein mag.“



Als sich die Turbolifttüren öffneten, standen bereits Leardini, Kazuki und Wuran davor. Die Erste Offizierin sagte: „Wir werden uns das Wrack ansehen. Haben Sie einen Tip für uns, worauf wir achten müssen?“
„Nichts Genaues leider; der Verletzte hat nur wirres Zeug geredet. Aber seien Sie vorsichtig und kommen Sie rechtzeitig zurück, damit wir in keine brenzlige Lage kommen, wenn das unbekannte Objekt uns erreicht. Sie wissen, daß wir Sie nicht zurückbeamen können, wenn wir die Schilde zum Schutz der Fairchild hochfahren müssen. Versuchen Sie nach Möglichkeit, eine Datenbank auf dem Schiff anzuzapfen und etwas über andere Föderationsraumschiffe in diesem Gebiet hier in Erfahrung zu bringen,“ wies Lennard sie an.
„Sie machen Witze,“ versetzte Leardini ungläubig.
„Ich fürchte nicht. Wir sind uns zwar noch nicht sicher darüber, weil alles sehr vage wahr, was der Kazon uns vor seinem Tod erzählt hat. Es könnte aber sein, daß er etwas von einem anderen Sternenflottenschiff wußte. Das sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen.“
„Wir werden daran denken.“ Sie nickte ihm nochmals zu und lächelte ihn warm an.



Sie materialisierten dort, wo sie ihren Messungen nach die Brücke des Kazonen-Schiffes ver-muteten. In der Tat fanden sie eine Kommandozentrale mit wenig Komfort und - für ihre Ver-hältnisse - schlichten Instrumentarien. Kazuki und ein weiterer Sicherheitsoffizier hielten ihre Phaser und sahen sich wachsam um, während Wuran und Leardini mit ihren Tricordern die Umgebung sondierten.
„Keine Lebenszeichen an Bord,“ bestätigte Wuran die Sensorenwerte der Fairchild.
„Gehen wir uns umsehen, Lieutenant. Wuran, Sie und Kazuki bleiben hier und versuchen, aus einem ihrer Bordcomputer Informationen zu sammeln.“ Leardini schob sich durch eine halb geöffnete Tür und betrat einen düsteren Gang, wo sie sich vorsichtig mit dem Sicherheits-offizier im Rücken vorarbeitete.
Ihr Kommunikator wurde aktiv. „Lennard an Außenteam: was gibt es zu berichten, Comman-der?“
„Das Schiff ist in keinem guten Zustand, Captain. Auf der Brücke gibt es Kampfschäden, die von abgefeuerten Energiewaffen herrühren, was darauf schließen läßt, daß die Kazon von ih-rem Feind geentert wurden. Ich befinde mich jetzt in einem Verbindungsgang und... warten Sie. Das gibt es doch nicht!“
„Was haben Sie gefunden?“ fragtre Lennard mit drängender Stimme.
Sie blieb stehen und betrachtete den Boden vor sich genauer. „Es ist der Umriß eines huma-noiden Körpers auf dem Fußboden. Er scheint eingebrannt zu sein, als ob der Körper des-integriert worden ist. Es sieht fast so aus wie...“
Plötzlich richtete sie sich auf und rief alarmiert: „Außenteam an Fairchild: Beamen Sie uns sofort zurück! Wir müssen schnellstens weg von hier. Wir sind fündig, ich wiederhole, wir sind fündig.“
„Verstanden, Außenteam. Brücke an alle Decks, Alarmstufe rot...“
Lennards Stimme verstummte abrupt, als Leardini vom Transferfokus des Transporters erfaßt und in ihre Quarcks zerlegt wurde. Nach einer Sekunde hellen Schillerns materialisierte sie sich zusammen mit den anderen drei Mitgliedern ihres Außenteams auf der Transporterplattform auf der Fairchild. Im selben Moment setzte ihr Hörvermögen wieder ein. „...und alle auf die Gefechtsstationen. Lennard Ende.“
Wuran protestierte verständnislos: „Was ist denn passiert? Ich war gerade dabei, diese Daten-banken über ein Föderationsschiff abzufragen. Jetzt werden wir nie erfahren...“
„Manchmal muß man eben Prioritäten setzen, Cluy. Kommen Sie mit auf die Brücke. Sie auch, Mr. Kazuki; besonders Sie werden wir demnächst brauchen.“
„Aye, Sir,“ bestätigte der Japaner nicht ohne eine Spur Begeisterung in der Stimme.
Als Wuran neben ihr den Transporterraum verließ, raunte sie ihr zu: „Männer!“
„Ich weiß,“ gab die Erste Offizierin zurück und grinste sie an.



Als sie die Brücke betraten, entfernte sich die Fairchild bereits mit hoher Warpgeschwindigkeit von dem Wrack und auch dem sich nähernden unbekannten Schiff. Leardini setzte sich gespannt neben den Captain und fragte: „Wie ist die Lage?“
„Wir haben Kurs zurück auf das Wurmloch in den Gamma-Quadranten gesetzt und auf Warp Sieben beschleunigt. Das fremde Flugobjekt kommt näher, da es mit mindestens Warp Neun fliegt,“ berichtete Lennard.
„Wir lassen es uns einholen? Warum fliegen wir nicht noch schneller, wenn wir ihm ent-kommen wollen?“ wollte Kall wissen.
„Ganz einfach: ich möchte mir dieses Schiff zwar von Nahem ansehen, aber gleichzeitig den Eindruck erwecken, vor ihm zu flüchten, damit die Besatzung annimmt, wir hätten gehörigen Respekt vor ihnen.“ Lennard lächelte.
„Haben wir denn keinen? wir werden ihn vielleicht bald haben,“ entgegnete die Counselor düster, „wenn mich meine Vorahnung nicht trügt.“
„Wann hat es uns eingeholt?“ wollte Lennard wissen.
„Bei diesem Tempounterschied in circa einer halben Stunde,“ antwortete Vakuf, die jetzt ihren Platz an der Conn eingenommen hatte.
„Mrs. Wuran, Mrs. Vakuf, bitte begleiten Sie mich in die Sternenkartenkammer. Ich möchte mit Ihnen diverse Optionen erläutern, was diese Verfolger angeht. Commander, Sie haben die Brücke. Roten Alarm aufheben, auf erhöhter Alarmbereitschaft bleiben. Wenn sich an der derzeitigen Situation etwas ändert, möchte ich sofort informiert werden. “ Er erhob sich rasch und verließ mit den genannten Senior-Offizieren ohne ein weiteres Wort die Brücke.
„Jedenfalls hat er die Ruhe weg, in einer solchen Situation die Brücke zu verlassen, das muß man ihm lassen, „ brummelte Kall skeptisch.



Nach etwa fünfundzwanzig Minuten erschienen die Brückenmitglieder wieder und nahmen ihre Plätze ein. Lennard fragte gleich: „Wie sieht es aus, Commander?“
„Das unbekannte Schiff hat unverändert aufgeschlossen und kommt nun in die Reichweite der Nahbereichssensoren. Die Fernsensoren haben nur ungenaue Werte geliefert, zum Beispiel konnte die Außenhülle nicht exakt erfaßt werden.“ Sie hob etwas hilflos die Schultern. „Auf den Anzeigen sah das recht seltsam aus, so als sei die Hülle des Schiffes transparent oder strahlungsdurchlässig. Es erweckte fast den Eindruck, als könne man direkt ins Innere hineinscannen.“
„Hauptschirm auf Blick nach hinten einstellen, maximale Vergrößerung.“ Lennard lehnte sich unwillkürlich ein wenig nach vorne, als das Bild umgeschaltet wurde.
Zuerst dachte er, mit dem Bild sei etwas nicht in Ordnung , doch dann fiel ihm wieder ein, was er erwartet hatte. Es war nur ein graues, diffuses Quadrat, doch als es sich weiter näherte, erkannte er es... und auch, warum die Sensoren Probleme einer korrekten Erfassung hatten. Tatsächlich handelte es sich um einen Würfel, der mit einer Kante nach vorne hinter ihnen herflog. Die Außenhülle schien tatsächlich nicht aus einer geschlossenen Oberfläche zu beste-hen, sondern aus einem komplexen Geflecht mechanischer Strukturen. Trägern und Rohren, zwischen denen hindurch man wirklich ein Stück weit in das Innere des Flugkörpers hin-einsehen konnte.
„Mein Gott, ich wußte es. Das hat der Kazon mit den ‘Würfeln’ gemeint,“ hauchte Kall um Fassung ringend.
„Dürfte ich Ihnen empfehlen, Alarmstufe Rot anzuordnen, Sir?“ schlug Vakuf mit der typisch vulcanischen Objektivität vor.
Als sei Lennard aus einem Moment der Trance erwacht, entgegnete dieser: „Wie? Oh ja, na-türlich. Alarmstufe Rot, alle Mann auf Gefechtsstation, sämtliche Phaserbänke sowie Torpe-dolauncher laden.“
Leardini raunte der Navigationsoffizierin zu: „Der Captain ist stets dankbar für brauchbare Vorschläge.“
Lennard sah über die Schulter zu Kazuki und meinte leise zu ihm: „Es ist soweit; die Borg sind uns auf den Fersen.“
„Das Schiff kommt weiter näher, Sir. Ihre Befehle?“ fragte Vakuf.
„Was sagen die Sensoren?“ wollte der Captain nachdenklich wissen.
„Kein Antrieb erkennbar, ebenso keine Brücke, Quartiere, Lebenserhaltung oder Waffen. Kantenlänge etwa neunzehnhundert Meter. Allen Daten nach ein Borg-Schiff.“
„Nein, nein, Vakuf,“ widersprach er kopfschüttelnd, „zu diesem Schluß bin ich nach einer er-sten visuellen Sondierung meinerseits selbst gekommen, um es mit Ihren Worten zu sagen. Ich meinte die Fernsensoren; zeigen sie weitere Objekte?“
„Einen Moment,“ erbat Vakuf, während sie ihre Konsole kontrollierte. „Es gibt in der Tat zwei weitere Ortungen an der äußersten Erfassungsgrenze der Sensoren, die jedoch stationär liegen.“
Dann sah sie erneut erwartungsvoll über die Schulter.
„Voller Stopp,“ befahl Lennard mit finsterer Miene.


-5 -

„Das ist nicht Ihr Ernst!“ rief Kall halb empört, halb entsetzt.
„Counselor, setzen Sie sich.“ Lennards Stimme duldete keinen Widerspruch.
„Volle Schubumkehr eingeleitet. Wir fallen unter Warp. Die Borg passen ihr Tempo an und nähern sich schnell; es gibt keine Versuche, Kontakt aufzunehmen,“ berichtete Darrn über die Lage.
„Meiner Meinung nach ein Indiz dafür, daß diesem Schiff die Existenz der Föderation nicht bekannt ist.“ Lennard rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Bei allem Respekt, Captain,“ preßte Kall nur mühsam beherrscht hervor, „die Borg wollen nicht kommunizieren, sondern assimilieren. Sie verstehen nur etwas von Gewalt und Zer-störung... und das ist auch die Sprache, die sie sprechen.“
Lennard erstarrte und sah Kall aus dem Augenwinkel an, ohne ihr den Kopf zuzuwenden, was ihm ein beinahe verschlagenes Aussehen gab. Sie rechnete damit, im nächsten Moment erneut für ihre Widerspenstigkeit zusammengestaucht zu werden.
„Mr. Kazuki, Sie haben die Schiffsberaterin gehört,“ sagte Leardini da. „Halten Sie sich ber-eit.“
„So bereit war ich noch nie in meinem Leben, Commander,“ entgegnete der Sicherheitsoffizier mit schweißglänzender Stirn.
„Sie sind auf zwanzig km heran,“ meldete Vakuf, während Kall sich in ihre Armlehnen krallte und leicht zitternd von einem zum anderen sah. Sie begriff offenbar nicht, was da eigentlich geschah.
Als Lennard sie ansah, begriff er zum ersten Mal, was in ihr vorgehen mußte. Jetzt, da er ihre Herkunft kannte, wurde ihm vieles klar. Wenn der el’aurianische Einfluß in ihr wirklich so ausgeprägt war, wie sie behauptet hatte, sah die Welt, das Universum, um sie herum mit Sinnen und einer Wahrnehmungsgabe, die noch immer das Begriffsvermögen der fähigsten Föderationswissenschaftler überstieg. Und wenn man bedachte... mein Gott, sie sah die Welt in der Tat wie durch Kinderaugen, wenn man ihre Langlebigkeit berücksichtigte. Das war unter anderem der Grund, weshalb sie viele Dinge so unbekümmert handhabte und so häufig Ärger bekam. In gewisser Weise war sie vielleicht noch nicht so reif, wie ihr äußeres Erscheinungs-bild einem Glauben machen wollte.
In einem Sekundenbruchteil gingen ihm viele Situationen durch den Kopf, in denen er sich maßlos über ihr Verhalten gewundert hatte. Wenn man Bescheid wußte, war die Lösung so einfach...
„Sie haben gestoppt, Entfernung zehn km. Captain, der Borg-Kubus sendet einen Impuls aus, den ich nicht näher verifizieren kann... oh mein Gott!“ Darrn sah schreckerfüllt auf den Hauptschirm, wo ihr Schildperimeter an zwei Stellen grünlich zu glimmen schien. Dann ma-terialisierten zwei Borg im freien Weltraum und begannen mit steifen Bewegungen um sich zu schlagen.
„Sie wollten einen Erkundungstrupp an Bord der Fairchild beamen, konnten unsere Schilde jedoch nicht durchdringen,“ hauchte Wuran entsetzt. „Wie grauenvoll.“
„Sehen Sie sich das an! Sie scheinen im Vakuum überleben zu können. Faszinierend,“ stellte Vakuf fest, und diesmal hätte Lennard schwören können, daß in ihrer Stimme eine Spur Emo-tion mitschwang.
Der furchterregende Anblick der halb biologischen, halb mechanischen Humanoiden blieb ihnen nicht lange erhalten, da der kollektive Verstand der Borg seinen Irrtum schnell bemerkte und seine zwei im All gestrandeten Komponenten zurück auf ihr Schiff transportierte. Einen Moment später wurde das gesamte Schiff von einem bläulichgrünen, breit gefächerten Strahl erfaßt, der die Abschirmung jedoch ebenfalls nicht durchdringen konnte.
„Die zwei weit entfernten Flugkörper haben eben einen Kurs auf uns gesetzt und auf Warp beschleunigt.“ Darrn klang gar nicht zuversichtlich über ihre Zukunft, als er diese Meldung abgab.
„Es wird also ungemütlich,“ meinte Leardini und sah sich nach Kazuki um. Mit leiser, gefähr-licher Stimme zischte sie: „Onue, volle Energie auf alle Frontphaser. Dauerfeuer, bis schwere Schäden zu verzeichnen sind. Da sie sich an Phaserfeuer ziemlich schnell anpassen können, muß das glattgehen. Feuer frei nach Belieben.“
„Aye, Sir,“ bestätigte der Japaner und eröffnete umgehend das Feuer aus beiden Phaserbänken der UTS sowie der unteren kleineren Phaserbank der Maschinenhülle. Die Borg wurden von dem massiven Angriff offenbar völlig überrumpelt, so wie Lennard es von den Berichten der ersten Begegnungen her, die er studiert hatte, erwartet hatte. Da der Würfel so groß war und so nahe bei ihnen lag, konnte Kazuki sowohl mit der oberen als auch der unteren Energie-richtwaffe, die um die Untertassensektion herum lag, angreifen, was perspektivisch bei einem kleineren Ziel unmöglich gewesen wäre. Er feuerte einen mehrsekündigen Stoß nach dem anderen ab und durchschlug an den Ecken des Kubus sogar mehrfach dessen Struktur, bis es im Inneren des Feindschiffes Sekundärexplosionen gab. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, weiterzufeuern und immer größere Bereiche des Borgschiffes zu zerstören.
„Kazuki, Feuer einstellen,“ rief Leardini endlich, worauf der Chef der Sicherheit noch ein paar vereinzelte Schüsse abgab. Ausgerechnet der letzte von ihnen schien tief ins Innere der Schiffsstruktur zu dringen und eine wichtige Anlage zu treffen, denn es gab plötzlich eine ge-waltige Detonation, die eine der Seitenkanten des Würfels praktisch auseinanderriß, so daß ein riesiges, gezacktes Loch entstand, in dem die Fairchild Platz gefunden hätte.
Vakuf las ihre Anzeigen ab und verkündete mit stoischer Ruhe: „Mr Kazuki hat seinen Auftrag allem Anschein nach erfüllt, da über die Hälfte der internen Struktur des Kubus praktisch nicht mehr existent ist. Ich muß sagen, daß ich nicht vermutet hätte, einen solchen Effekt nur durch Phaserfeuer zu erzielen, auch wenn das der massivste Dauerbeschuß war, den ich in meiner bisherigen Laufbahn bei der Sternenflotte erlebt habe. Es dürfte nach dieser Energieabgabe jedoch noch etwa zwei Minuten dauern, bis wir wieder Warpenergie haben.“
„Das ist unglaublich; sie sind wehrlos. Captain, ich kann den kollektiven Verstand der Borg wahrnehmen. Sie sind momentan ratlos, was sie in ihrer Lage unternehmen sollen.“ In Kalls Worten schien beinahe so etwas wie Mitgefühl für die Borg mitzuschwingen.
Leardini schien das nicht zu registrieren. Sie sprach ihre Kollegin und Freundin an: „Ja, ich muß sagen, Sie haben uns gut beraten, Sam. Mr. Kazuki, Sie wissen, was nun zu tun ist. Wal-ten Sie Ihres Amtes, wenn ich es so ausdrücken darf.“
„Jawohl, Commander,“ knurrte der Japaner und stieß mit finsterer Miene zwischen zusam-mengebissenen Zähnen hervor: „So, ihr miesen, herzlosen Cyborgs, das hier ist für meine bei-den Cousins, die bei Wolf 359 auf der Melbourne waren.“
Auf dem Schirm wurden, nachdem die obligatorischen Warntöne erklungen waren, vier grelle bläulich glühende Sterne sichtbar, die von der Fairchild aus auf den Borgwürfel zurasten und in einer diagonalen Reihe von links oben nach rechts unten einschlugen. Die Einschlaglöcher glühten eine Sekunde lang blauweiß, dann traten zuerst dort, dann überall an der Außenhülle gelbgrünliche Plasmawolken aus. Als das Feindschiff in einer gleißenden Explosion zerrissen wurde, vibrierte das Deck durch die Druckwelle.
Nachdem die kurze Erschütterung vorbei war und der Bildschirm mit glühenden Trümmern übersät war, welche in alle Richtungen auseinanderdrifteten, forderte Lennard: „Bericht, Mr. Darrn.“
Der Klingone hörte sich stolz an, als er verlauten ließ: „Die Borg sind vernichtet, Captain. Da ihr Kollektiv nicht mehr existiert, macht es keinen Sinn, nach Überlebenden zu scannen. Die Druckwelle der Explosion hat keine Schäden an der Fairchild verursacht; wir sind weiterhin voll einsatzbereit. Die beiden anderen Flugobjekte haben ihre Geschwindigkeit auf Warp Neun erhöht und fliegen direkten Kurs auf uns.“
„Ich kann nicht glauben, was ich eben gesehen habe,“ erklang nun Kalls Stimme. „Sie haben sie einfach massakriert. Ein ganzes Kollektiv, ohne daß sie uns angegriffen haben. Die Sternen-flotte ist kein Aggressor, Commander! Wir haben einen Forschungsauftrag und eine Erste Direktive, die uns...“
„Ja, wir haben so etwas, die Borg jedoch nicht. Ich bete zu Gott, daß das nie geschehen mag, aber falls doch einmal der Tag kommt, an dem Sie in den Gewölben tief im Inneren eines solchen Würfels an eine Wand festgeschnallt sind und ihnen ihr rechtes Auge herausgebohrt wird, damit dort ein mechanisches Optikimplantat eingesetzt werden kann...“ Leardini beugte sich zur Counselor hinab und sah sie mit dem Gesichtsausdruck an, mit dem die Ausbilderin Leardini einen Kadetten ‘rund macht’: „... dann hoffe ich, Sie erinnern sich an das, was Sie heute zu mir zu sagen die Frechheit und Borniertheit gehabt haben.“
Kall schluckte hart und lehnte sich tief zurück. Sie schloß gequält die Augen und flüsterte leise: „Das ist nicht richtig... wir sollten das hier nicht tun...“
„Die beiden Fremdobjekte sind als würfelförmig klassifiziert worden, erheblich größer als die Fairchild.“ Darrn warf dem Captain einen wartenden Blick zu.
„Nun gut, sie sind offenbar auf uns aufmerksam geworden. Setzen Sie direkten Kurs auf das Sternensystem, in dem das Wurmloch in den Gamma-Quadranten liegt.“
In diesem Augenblick sprang Kall wie von der Tarantel gestochen auf und schrie entsetzt, fast schon hysterisch: „Das ist es! Sie wollen die Borg durch das Wurmloch hindurch in den Gamma-Quadranten locken und dort in das Gebiet des Dominion hinein, weil Sie sich dadurch erhoffen, daß die Jem’hadar den Angriff auf die Föderation abbrechen müssen, um die Borg zu bekämpfen. Das also haben Sie damals vor unserem Abflug gemeint, als Sie sagten, wir sollten den drohenden Angriff des Dominion verhindern oder wenigstens verzögern. Indem wir ‘ihre Ressourcen anderweitig binden’, ja?
Captain... Kyle, bitte hören Sie mich an. Wir dürfen das nicht tun. Es ist falsch. Ich kann das spüren; bitte vertrauen Sie mir. Denken Sie an das Risiko, dem all die Zivilisten und Famil-ienangehörigen an Bord der Fairchild ausgesetzt werden. Die ganzen unschuldigen Völker im Dominion, die von den Borg assimiliert werden könnten. Und was ist mit der Gefahr, daß die Borg die Jem’hadar überrennen und durch das bajoranische Wurmloch in den Alpha-Quad-ranten einfallen? Sie müßten nur ein Schiff kapern und dessen Datenbank in ihren kollektiven Verstand übernehmen, dann wüßten sie alles über die Gebiete im Gamma- und auch im Alpha-Quadranten. Das könnte solch eine Verlockung für sie darstellen, daß sie eine horrende Anzahl von Schiffen durch die Wurmlöcher holen und die gesamte Galaxie unterwerfen könnten. Wir wissen ja nicht einmal, wie viele es von ihnen gibt. Den El’Aurianern nach existieren sie schon seit Jahrmillionen und...“
„Gut, das war’s,“ beendete Lennard unwirsch ihren flehentlichen Appell. „Wir haben unsere Befehle und werden sie auch ausführen. Und was Sie jetzt erwartet, haben Sie sich selbst zu-zuschreiben, Counselor. Sicherheit, geleiten Sie Ms. Kall in Ihr Quartier, wo sie bis auf Wei-teres bleiben und über ihre Lage nachdenken kann.“
Als sie die harten Gesichtszüge ihres kommandierenden Offiziers und die beiden Sicherheits-leute auf sich zukommen sah, sah sie einen Moment lang verwirrt und verzweifelt aus, so als wisse sie nicht, wie sie auf die Lage reagieren solle, in die sie sich durch ihren offenen Protest vor versammelter Brückencrew gebracht hatte. Dann sackten ihre Schultern und ihr Kopf herab und sie ließ sich widerstandslos von der Brücke bringen. Lennard spürte einen Kloß im Hals, als er ihr nachsah. Es sah so aus, als sei mit einem Mal etwas in ihr zerbrochen, was sie jeden weiteren Widerspruch aufgeben ließ.
„Alle Führungsoffiziere in die Beobachtungslounge,“ sagte er tonlos.



„Was halten Sie von unserer Situation, Onue?“ verlangte Lennard von seinem Sicherheitschef eine Stellungnahme.
„Das Hauptproblem ist nach wie vor der Öffnungszyklus des Wurmloches. Wie beschäftigt man ein paar Borgkuben über drei Stunden lang? Damit sollten wir uns auseinandersetzen.“ Kazuki sah den langen Tisch im Besprechungszimmer hinab und musterte die Mienen der anderen Führungsoffiziere.
„Wir sollten alle angedachten Optionen, die unsere Schilde uns ermöglichen, ausschöpfen,“ merkte Leardini an.
„Tatsache ist, daß die Borg auf uns zuhalten und uns bei dem derzeitigen Abfangkurs in etwa zwei Stunden einholen werden. Wir müssen uns unbedingt Zeit verschaffen, ohne zerstört zu werden, ohne sie zu zerstören und ohne sie ihr Interesse an uns verlieren zu lassen. Keine leichte Aufgabe, wenn sie mich fragen,“ meinte Wuran.
„Was sagen Sie denn zu den Einwänden, die die Counselor zu unserer Mission vorzubringen hatte?“ fragte Vakuf überraschend.
Lennard wandte sich ihr zu und seufzte: „Sie hat ihre subjektive Meinung kundgetan, obwohl ich sie mehrfach vorgewarnt hatte, und muß nun die Konsequenzen tragen. Da es jetzt ohne-hin so weit gekommen ist, kann ich ihnen ruhig erzählen, daß Mrs. Kall bei einigen oberen Dienststellen in erheblichem Maße in Ungnade gefallen ist. In meinen Augen rechtfertigt nichts ihr unangebrachtes Verhalten. Wenn jeder der Brückenoffiziere eine solche Einstellung zu direkten Ordern an den Tag legen würde, wo kämen wir dann hin?“
Mit zaghaftem Tonfall sagte Leardini: „Sollten wir nicht vielleicht berücksichtigen, daß Sam...“
„Ihre Herkunft gibt ihr nicht automatisch Narrenfreiheit, Commander. Ich weiß, was Sie dazu anmerken möchten, aber es ändert nichts an der Tatsache, daß wir Befehle haben, die wir be-folgen müssen. Sie alle wissen, daß ich auch nicht restlos glücklich mit der Lage bin, aber es ist leider etwas spät für einen Rückzieher. Wenn wir unseren Schirm auf rückwärtige Sicht schalten, sehen wir die Borg. Ob wir wollen oder nicht, wir haben sie jetzt am Hals.
Außerdem ist die Lage anders als bei ihrem Angriff auf die Föderation. Wir sind in ihren Raum eingedrungen und haben eines ihrer Kollektive vernichtet. Da die Borg weder Ungeduld noch Gnade kennen, werden sie uns so lange weiterverfolgen, bis sie uns haben. Und da dies für uns keine Option darstellt, bleibt uns nur die Flucht, der Kampf... oder ihnen ein besseres, verlockenderes Ziel zu bieten als uns. Wir...“
„Sicherheit an Kazuki,“ wurde Lennard da vom Interkom unterbrochen.
„Ja, was gibt es?“ fragte der Japaner leicht verärgert, da er eigentlich angeordnet hatte, nur in Notfällen gestört zu werden.
„Wir haben einen Sicherheitsalarm an der Tür zu Counselor Kalls Quartier. Wir haben sie ge-rade erst dort untergebracht und die Tür versiegelt. Es...“
„Das kann doch nicht wahr sein!“ Kazuki sprang auf und sah den Captain an, der ernst nickte.Sie verließen die Besprechung und eilten zum nächsten Turbolift, wo sie zu Kalls Quartier fuhren.
„Das kommt mir bekannt vor, Captain,“ bemerkte Kazuki während der Liftfahrt.
„Ich weiß genau, was Sie meinen, Onue,“ entgegnete Lennard mißmutig. „ Unseren klingoni-schen Freund Baor, der sich als Informatiktechniker in die Sternenflotte einschleusen ließ und dann die Computerkerne der Aldebaran sabotierte. Auch ihn hatten wir in seinem Quartier arrestiert, als er die Tür von innen kurzschloß und blockierte. Ich kann nicht glauben, daß uns das schon wieder passieren soll.“
„Aber es sieht so aus, als habe Sam genau das getan. Fast so, als wollte sie uns absichtlich ärgern,“ meinte Kazuki nachdenklich.
„Ich frage mich nur, wie sie den Mechanismus von innen her so schnell überbrückt hat. Sie ist doch nur die Counselor.“
Der Sicherheitschef schüttelte fast bedauernd den Kopf. „Unsere Counselor ist weit mehr als nur eine Counselor. Diese Aufgabe allein hat sie noch nie ausgelastet. Denken Sie daran, daß Kall nebenbei Brückenoffizierin ist, was sie für die selbständige Führung des Schiffes quali-fiziert, sowie eine der besten Pilotinnen, die ich kenne, ganz egal, ob man ihr ein Fünf-Meter-Shuttle oder eine Galaxy-Klasse in die Finger gibt. Und wahrscheinlich besitzt sie noch das eine oder andere Talent, von dem wir gar nichts ahnen. Sie erzählt den wenigsten ihrer Kollegen von ihren Fähigkeiten.“
„Wenn Sie wüßten, wie recht Sie haben,“ meinte Lennard seufzend.
„Gibt es vielleicht etwas, was Sie mir erzählen wollen?“
„Momentan nicht.“ Ihr kurzer Dialog wurde beendet, als die Lifttüren sich öffneten und sie nur wenige Meter neben der Tür zu Kalls Räumen auf den Gang traten.



„Da ist nichts zu machen, Sir. Ganze Arbeit.“ Kazuki kratzte sich ratlos im Nacken. „Der Mechanismus ist tot. Wir müssen die Tür mit mechanischen Hilfsmitteln öffnen.“
Wieder seufzte der Captain. „Sie wissen, daß sie aus Duranium besteht.“
„Leider.“ Mit saurer Miene tippte Kazuki seinen Kommunikator an. „Kazuki an Technik. Wir brauchen sofort zwei Mann mit jeweils einem Gamma-Schweißgerät auf Deck Acht, Sektion zweiunddreißig. Und ich meine sofort.“
„Wir sind schon unterwegs, Sir,“ kam die Bestätigung über die nächsten Ganglautsprecher. Dem Tonfall des Ingenieurs nach konnte man entnehmen, daß ihm bewußt war, wie ernst es dem Sicherheitschef des Schiffes war.
„Das wird eine Weile dauern, schätze ich.“ Lennard richtete sich auf. „Captain an Brücke. Was machen die Borg?“
Einen bedrohlichen Eindruck, wenn man sie mit voller Vergrößerung betrachtet,“ kam die Antwort von Leardini.
„Ich weiß Ihren Humor zu schätzen, Numero Uno, kann ihn jedoch nicht nachvollziehen. Wir stehen hier vor einer absolut unbrauchbar gemachten Tür, die aufgeschweißt werden muß. Wenn das alles vorbei ist, lasse ich Kall in ihrem Zimmer wohnen, wo jeder durch den nicht mehr vorhandenen Eingang im Vorübergehen hineinsehen kann. Capisce?“
Im Hintergrund hörten sie jemanden sagen: „Mann, ist der Captain sauer.“
Dann meldete sich die Erste Offizierin wieder: „Sie nähern sich noch immer mit hohem Warpfaktor und werden unseren Kurs in etwa anderthalb Stunden kreuzen. Es macht den Eindruck, als haben sie ihre Geschwindigkeit noch ein Stück erhöht.“
„Sehr gut. Und schon beim zweiten Versuch. Gehen Sie auf Warp Acht hinauf und halten Sie den Kurs; ich möchte diese Sache mit der Counselor zuerst ein für alle mal aus der Welt ge-schafft haben, bevor wir uns mit den Borg auseinandersetzen müssen. Lennard Ende.“
„War das nicht etwas hart, Sir?“ fragte Kazuki vorsichtig, nachdem die Verbindung beendet war.
„In einer solchen Lage macht man bei einer Meldung keine Witze, wenn man das Kommando auf der Brücke...“ Lennard brach seine zornige Antwort ab und sah seinen Untergebenen von der Seite her an. „Sie haben ja recht. Ich war wohl etwas grob zu ihr, da haben Sie recht. Ich werde mich entschuldigen, sobald wir ungestört sind.“
In diesem Moment trafen die Techniker mit den großen, unhandlichen Gamma-Schweißge-räten ein. Einer der beiden sagte fröhlich: „So, da sind wir. Treten Sie bitte zurück, Sir, das haben wir gleich.“
Nachdem sie der Aufforderung Folge geleistet hatten und sich abwandten, um ihr Augenlicht nicht der blendenden Strahlung der Schweißflamme auszusetzen, bemerkte Kazuki leicht amüsiert: „Sehen Sie die Unbekümmertheit dieses jungen Burschen? Manchmal glaube ich fast, daß die Jungs unten in der Technik gar nicht mitbekommen, was eigentlich los ist.“
„Glauben Sie mir, Onue, sie wissen es. Aber wenn sie sich ihren Alltag dadurch beeinflussen lassen, dann tragen unsere Gegner schon ein kleines Stückchen vom Sieg davon, bevor wir überhaupt aufeinandergetroffen sind. Und das wollen sie niemandem zugestehen.“ Lennard sah ein wenig abwesend, aber mit Stolz im Blick in unbestimmte Fernen.
„Wir wären soweit, Sir,“ meldete sich der junge Alpha-Centaure wieder.
„Das ging aber schnell,“ meinte Lennard anerkennend und musterte die Türen, die rundherum am Rand eine graubraune, fingerdicke Schlackespur aufwiesen.
Bescheiden erklärte der Techniker: „Danke, Sir. Es muß allerdings noch ein Weilchen abküh-len, danach können wir vorsichtig mit einem Hydroschlüssel am Rand entlang...“
Dann verstummte er, als Lennard ausholte und mit dem Fuß kräftig gegen die Türhälften trat, worauf diese unter lautem Poltern und umherfliegenden Schlackeflocken ins Innere des Quartiers fielen. Der Captain stieg vorsichtig über sie hinweg ins dunkle Zimmer und sah über die Schulter: „Ich komme schon zurecht.“
Die beiden Techniker sahen sich an und der eine meinte dann schluckend: „Mann, ist der Captain sauer. In der Haut der Counselor möchte ich jetzt nicht stecken.“
Lennards Stimme erklang von drinnen: „Sehen Sie sich das an! Sie hat ganze Arbeit geleistet; der Öffnungsmechanismus hinter dem Paneel ist zu Klump zusammengeschmolzen worden. Sie hat sich selbst eingesperrt.“
„Aber wo ist sie?“ Mit auf leichte Betäubung gestelltem Phaser kam Kazuki hinein und leuch-tete mit einer am Unterarm befestigten Lampe den Raum ab.
Lennard sah seinen Sicherheitschef an und schmunzelte. „Sind Sie nicht ein klein wenig zu vorsichtig?“
„Sie waren es schließlich nicht, der ihr alles beigebracht hat, was Sie über irdischen, vulcani-schen und klingonischen Kampfsport wissen, nur um eines Tages von ihr auf’s Kreuz gelegt zu werden. Bleiben Sie lieber ein wenig zurück, bevor wir nicht wissen, in welcher emotionalen Verfassung sie sich befindet.“ Er winkte Lennard mit drängendem Gesichtsausdruck hinter ihn.
Dann ging er in den benachbarten Raum und anschließend ins Badezimmer. „Das gibt es doch nicht! Sie hat die Türschaltungen von innen her zerstört. Wie kann sie dann herausgekommen sein, nachdem sie sich selbst eingeschlossen hat?“
„Vielleicht sollen wir lediglich denken, daß sie das getan hat. Kann sie das Zerschmelzen der Türschaltkreise irgendwie mit einer Zeitverzögerung bewerkstelligt haben?“ mutmaßte einer der Techniker, der seinen Kopf zur Tür hereinsteckte.
„Sie war erst mehrere Minuten eingeschlossen, als der Alarm erklang. Wollen Sie mir erzählen, daß eine Schiffsberaterin in ihrem Quartier ständig einen Thermalzünder mit Zeituhr herum-liegen läßt? Und treten Sie zurück, bis das Quartier gesichert ist.“
„Jawohl, Captain. Entschuldigen Sie.“ Eilig zog sich der Gescholtene zurück.
Kazuki rief aus dem Badezimmer: „Wir haben ein Problem, Kyle.“
„Wie ich das liebe.“ Lennard verdrehte die Augen und trat in Kalls Schlafzimmer, wo Kazuki an der Wand neben ihrem Bett kniete. Er schob es ein wenig beiseite und deutete auf eine Wandverkleidung, die einen Spaltbreit neben ihrer normalen Position in der Verankerung hing.
„So hat sie es gemacht. Nachdem sie ihre Tür unbrauchbar gemacht hat, ist sie durch eine Zwi-schenwand und die Servicegänge des Schiffes geflüchtet.“ Kazuki rückte das Bett schnell zur Seite und riß die Abdeckung heraus, die er achtlos hinter sich warf. Etwa zwanzig Zentimeter tief im Inneren der Wand war eine zweite, stabilere Abdeckung.
Wütend trat Kazuki sie aus ihrer Halterung, worauf sie polternd in den Servicetunnel fiel. Er stieg hinterher und verschwand dann nach oben. Lennard kroch hinterher und verschaffte sich einen Überblick.
Die Zwischenwand bot nur einen guten halben Meter Platz, nach links hin wurde die Decke in flachem Winkel immer niedriger, bis sie vier Meter entfernt in den Boden überging. Das war die Wölbung der Untertassensektion, da sie sich dort an der Außenwand befanden. Nach rechts hin wurde die Decke immer höher und erreichte an der Begrenzung zum Außenflur eine Höhe von etwa drei Metern. An dieser Wand führten Sprossen nach oben, von wo aus schwaches bläuliches Licht in den schmalen Schacht, in welchem er sich befand, hinabfiel. Sein kleinwüchsiger japanischer Kollege war bereits behende hinaufgestiegen und in dem an-grenzenden Servicetunnel verschwunden.
Schnell kletterte er hinterher und erreichte die Oberkante, von wo aus er sich in die Jeffries-Röhre zog. Eine verlief in einem Bogen zu beiden Seiten, praktisch direkt über dem Flur, der kreisförmig in einem Radius um die Untertasse herum verlief. Eine weitere, ebenso mit einem Querschnitt von etwas über einem Meter und schwach blau illuminiert, führte geradeaus etwa zweihundert Meter weit bis fast ins Zentrum der UTS. Er wußte, daß sich das andere Ende dieses Tunnels an einem der beiden Primär-Computerkerne befinden mußte, obwohl er es in dem schwachen Schimmer des Wartungstunnels nicht erkennen konnte.
„Sie ist sicher den gebogenen Tunnel entlang, da sie dort schneller außer Sicht ist als in dem geraden,“ vermutete Kazuki frustriert. „Ich kann das alles immer noch nicht glauben. Sie muß in dem Augenblick, in dem sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, begonnen haben zu han-deln. Sie hat keine Sekunde gezögert und völlig professionell gehandelt. Ist sie eine Schiffsbe-raterin der Sternenflotte oder eine vulcanische Terroristin ohne Emotionen?“
„Im Moment bemühe ich mich, nicht darüber nachzudenken,“ entgegnete Lennard durch zu-sammengebissene Zähne hindurch. „Kommen Sie, Onue. Wir veranlassen eine schiffsweite Scannung aller Servicetunnel. Und wenn wir sie dann nicht finden, können sich Ihre Leute auf eine Doppelschicht freuen, in der sie durch die Jeffries-Röhren kriechen können. Wir werden sie finden... und dann kann sie was erleben.“
Als Kazuki die Stimme seines Kommandeurs hörte, dachte er nur: ‘Mann, ist der Captain sauer. In Sams Haut möchte ich jetzt nicht stecken.’



Es war bereits dreiundzwanzig Uhr Bordzeit, als Chefarzt Stern das Licht seiner Schreibtisch-lampe löschte. Er fand auch noch nach mehreren Jahren Dienst auf Raumschiffen, daß es lä-cherlich war, einen künstlichen Tageszyklus zu schaffen, indem man das Licht während der Gamma-Schicht dämpfte. Naja, es gab einiges, was er hier in der Sternenflotte mißbilligend ertragen mußte. Er sah durch die Scheibe aus transparentem Aluminium auf den ebenfalls düsteren Gang hinaus, der an seinem Büro vorbei vom Eingang aus in die primäre Kranken-station führte und nebenbei als Wartezimmer fungierte.
Er konnte noch immer nicht fassen, was in Sam gefahren war. Er konnte sich das nur damit erklären, daß die Anspannung und der Streß der Situation zuviel für sie geworden war. Man mußte sich das einmal vor Augen führen: sie war ja nicht nur mit ihren eigenen Ängsten und Zweifeln belastet, sondern mußte auch ständig in ihren Beratungsgesprächen mitanhören, wie sich unsichere Besatzungsmitglieder bei ihr ‘ausweinten’. Wenn man dann noch berücksich-tigte, daß sie praktisch rund um die Uhr die Emotionen und manchmal sogar Gedanken der sie umgebenden Leute empfing, dann war es für ihn kein Wunder...
Er schreckte hoch, als er ein kratzendes Geräusch hörte. Verwundert stand er auf und sah sich um. Wo war das hergekommen? Er stand auf und sah zu seiner Bürotür hinaus.
Nichts.
Vorsichtig ging er in die schwach beleuchtete primäre Krankenstation, die momentan nur mit einem Bereitschaftssanitäter besetzt war. Dieser nickte dem Bordarzt müde zu, als er ihn be-merkte und senkte seinen Blick wieder auf den PADD, den er gerade las.
Doch dann ruckte sein Kopf wieder hoch und seine Gesichtszüge entgleisten förmlich. In dem Moment, in dem Stern bewußt wurde, daß etwas hinter ihm im Wartezimmer war, zischte ein gelborangener, dünner Strahl dicht an ihm vorbei und traf den Sanitäter, der daraufhin zu-sammensackte. Er wollte sich umdrehen, doch es war bereits zu spät.
Er begriff kaum, wie ihm geschah, als er ins dunkle Wartezimmer gerissen und zu Boden ge-zwungen wurde. Er hatte nur einen Gedanken, als er auf den Bauch fiel und ein Knie kraftvoll in sein Kreuz gedrückt wurde, während jemand seinen Arm auf den Rücken drehte.
Die Borg.
Sie mußten einen Weg gefunden haben, über diese große Entfernung durch ihre Schilde hin-durchzubeamen und waren jetzt gerade dabei, das Schiff zu assimilieren. Sein Kopf drehte sich zur Seite, als er darauf wartete, daß sich diese dünnen Schläuche, von denen er gehört hatte, in seinen Hals bohrten und die Nanniten in seinen Körper schleusten, welche den Prozeß in Gang setzten, an dessen Ende er ein Teil des Kollektives sein würde.
„Ich will nicht assimiliert werden! Ihr könnt uns Menschen nicht so einfach...“ fing er an zu schreien, doch gleichzeitig fiel ihm eine losgelöste Wandverkleidung in seinem Büro auf.
„Hör’ sofort auf zu brüllen wie am Spieß. Assimilieren? Bist du übergeschnappt?“ zischte eine Stimme und er spürte eine Phasermündung an seinem Nacken.
Dann wurde er umgedreht und sah hinauf in Sams ärgerliches, aber auch besorgtes Gesicht. Sie hielt einen Typ-II-Phaser, der auf mittlere Betäubung eingestellt war, wie er sehen konnte, unruhig vor sich und zielte nach wie vor in seine Richtung. Etwas brüskiert entgegnete er: „Dasselbe wollte ich dich auch gerade fragen. Wie kommst du dazu, auf einen meiner Leute zu schießen? Und was soll diese ganze Aktion...“
„Still, David, ich habe keine Zeit für lange Erklärungen.“ Sie nahm ihn in die Arme und küßte ihn leidenschaftlich, ließ jedoch schnell wieder von ihm ab. „Du mußt mir vertrauen, Bärli, ich weiß, daß ich das einzig Richtige tue. Der Captain ist dabei, einen großen Fehler zu machen, ohne selbst etwas dafür zu können. Es ist an mir, ihm zu beweisen, daß ich recht habe. Du weißt ja gar nicht, was das für ein Gefühl ist, zu wissen, daß man die einzige vernünftige Person in einer verrückt gewordenen Welt ist.“
„Hör’ dir doch zu, Sam,“ versuchte Stern ihr eindringlich klarzumachen, „genauso redet jem-and, der dringend Hilfe braucht. Du weißt das selbst, du bist in Psychologie ausgebildet. Ich möchte dir so gerne helfen...“
Als er einen Schritt auf sie zumachte, hob sie den Phaser und richtete ihn auf seine Brust, worauf er erstarrte. Drohend sagte sie mit leiser Stimme: „Hör’ sofort mit diesem Unsinn auf. Ich bin aus einem bestimmten Grund hier und werde nicht gehen, bevor ich es nicht habe und du mir gezeigt hast, wie es funktioniert. Ich möchte dich nicht in Verdacht bringen, deshalb werde ich dich nachher auch betäuben müssen, so leid es mir tut. Los jetzt, zum Gerätelager.“
Sie bemerkte seinen Blick auf die Außentür der Krankenstation und bemerkte: „Darauf kannst du lange warten. Ein Phaserstoß löst die internen Schiffssensoren erst ab Stufe vier aus, meiner ist auf Stufe zwei eingestellt. Also los.“
„Was hast du vor?“ wollte er mißmutig wissen, als er zur Wand der Station ging, in der diverse Fächer mit speziellen medizinischen Instrumenten und Komponenten der Medo-Betten eingelassen waren.
Mit Bedauern in der Stimme antwortete sie:„Das kann ich dir leider nicht verraten. Und ich bitte dich, keinem etwas von dem zu erzählen, was ich hier getan habe.“
Er drehte sich um und sah ihr einige Sekunden lang in die Augen. Dann sagte er mit ent-schlossener Stimme: „Also gut. Ich vertraue dir. Hoffentlich irrst du dich nicht.“



Leardinis Kopf schien jeden Augenblick zu explodieren, so rot war er, als sie den Bordarzt anschrie: „Das ist ungeheuerlich! Etwa vierzig Mitglieder der Sicherheit kriechen den ganzen Abend lang durch Jeffries-Röhren und scannen mühsam jedes Zwischendeck, und Sie haben Kall direkt vor der Nase, auf dem Präsentierteller sozusagen...“
„He, sie hatte einen Phaser dabei, den sie mir auf die Brust gesetzt hat. Sie hat einen meiner Männer niedergeschossen und machte den Eindruck, daß sie die Waffe auch gegen mich be-nutzen würde... was sie dann ja auch getan hat. Ich wußte ja nicht, daß sie nur auf Betäubung eingestellt war. Sie muß völlig übergeschnappt sein, wenn sie mich fragen.“
„Diese Wandlung zum perfekten Guerilla-Krieger muß doch einen Grund haben. Wie kann sie sich nur so wirkungsvoll den Schiffssensoren und den Suchtrupps entziehen?“ Leardini grübelte und sah dabei zufällig Wuran an, die sich dabei offensichtlich sehr unbehaglich fühlte und zu überlegen schien, ob sie etwas dazu sagen sollte.
„Sie wollen etwas zu unserem Problem hier beitragen, Cluy?“ fragte sie fordernd.
Die bajoranische Wissenschaftsoffizierin wand sich sichtlich unter dem Blick ihrer Vorge-setzten. „Nun... es ist so... ich fürchte, ich weiß etwas darüber.“
„Heraus mit der Sprache, auch wenn es noch so unbedeutend ist.“
„Nun, es hängt sicher mit den Holodeck-Simulationen zusammen, die wir regelmäßig ge-meinsam mit einem weiteren bajoranischen Besatzungsmitglied durchspielen. Es heißt ‘Rettet die Aldebaran’ und ist, wie der Name schon verlauten läßt, bereits seit längerer Zeit fester Bestandteil unserer Freizeitunterhaltung.
Wie Sie vielleicht wissen, Commander, war ich vor meinem Eintritt in die Sternenflotte mehrere Jahre im bajoranischen Widerstand gegen die Cardassianer. Kall fragte mich vor etwa zwei Jahren, wie die Zeit damals für mich gewesen war. Ich erklärte ihr darauf, daß man das nur verstehen könne, wenn man es selbst miterlebt habe. Damals entwickelte ich ein Holodeck-Programm meiner Heimatstadt zu Besatzungszeiten und ging es mehrmals mit Kall durch, wobei ich praktisch damit begann, ihr die Grundzüge des Widerständler-Daseins nahe-zubringen. Sie fand das alles jedoch nicht sehr zufriedenstellend und wünschte sich einen Schauplatz der Handlung, zu dem sie einen besseren Bezug herstellen könne, wie sie sagte. Außerdem meinte sie, man sehe mir an, daß dieses so realistische Wiedererleben all dieser traumatischen Erlebnisse für mein geistiges Wohlbefinden... nicht besonders zuträglich sei. Nun, was soll ich sagen... sie ist die Counselor.
Infolgedessen entwickelten wir ein Szenario mit der Aldebaran als Schauplatz, den es gegen einen hochgradig überlegenen Feind zu verteidigen galt. Wir variierten die Bedrohung von Zeit zu Zeit, so daß das Schiff abwechselnd von Cardassianern, Klingonen, Romulanern, Jem’hadar, Borg, Breen oder auch Terroristen übernommen worden war und wir aus dem Un-tergrund heraus agieren und sie schwächen mußten. Als wir den Schauplatz auf das Schiff verlegten, stieß noch eine weitere Bajoranerin zu uns und beteiligte sich. Sie hatte es in der Resistance bis zum Major gebracht, obwohl sie hier nur als Lieutenant diente. Sie nahm Kall regelrecht unter ihre Fittiche und brachte ihrem wißbegierigen Lehrling in wenigen Monaten alles bei, was sie wußte. Bald schon mußte sie eingestehen, daß ihre Schülerin sie überflügelt hatte.“
Ungläubig wollte Leardini wissen: „Habe ich das richtig verstanden, daß sie und eine Ihrer Mitbürgerinnen in ihrer Freizeit Starfleet-Offiziere zu Partisanen und Freiheitskämpfern aus-bilden? Auf unserem Schiff und unter unseren Augen?“
Abwehrend hob Wuran die Hände: „Es waren nur Simulationen. Außerdem ist meine bajora-nische Kollegin nach unserer Mission, auf der wir dem ‘Ewigen von Almnilam’ begegneten, von Bord gegangen.“
„Nur Simulationen, ja? Erklären Sie das Sam! Das haben Sie wirklich gut gemacht. Wie schätzen Sie unsere Chancen, sie zu erwischen? Und wie lange könnte das dauern?“ Sie beugte sich auf dem Kapitänssessel nach vorne.
„Die Frage nach dem ‘wie lange’ können wir uns wohl sparen,“ entgegnete Wuran ein wenig entmutigt.
Leardini vergrub ihr Gesicht einen Moment lang in den Händen und murmelte: „Großartig! Wir haben zwei Borg-Kuben, die uns kriegen wollen und eine total durchgeknallte Counselor, die auf einem Rambo-Trip durch die Jeffries-Röhen kriecht.“
„Verzeihen Sie die Neugier,“ wollte Vakuf wissen, „aber was bitte ist ein ‘Rambo’?“
„Ach, nur eine uralte irdische Redewendung. Sie müßten Italienerin sein, um das zu verste-hen,“ wiegelte sie ab und überlegte fieberhaft, was als nächstes zu tun sei.



Es war etwa vier Uhr morgens Bordzeit, als Lennard auf die Brücke geholt wurde. Mit klei-nen, verschlafenen Augen wollte er wissen: „Was ist passiert?“
„Wir haben gerade unsere Geschwindigkeit auf Warp vier verringert, Captain.“ Der Naviga-tionsoffizier schluckte.
„Welche Erklärung können Sie mir dafür anbieten?“ Ungnädig musterte er seinen Unterge-benen.
„Zur Zeit leider keine. Es liegt kein erkennbares Nachlassen der Warpenergie vor und die Kon-trollen reagieren auch nicht auf Eingaben, um das Tempo wieder zu erhöhen. Es ist fast so, als ob...“ Der Conn zögerte, als er auf seiner Konsole eine Eingabe vornehmen wollte.
„Lieutenant?“
„Meine Steuerkonsole reagiert nicht mehr, Sir. Es hat den Anschein, als sei sie umgeleitet worden,“ erklärte er mit unglücklicher, hilfloser Miene.
„Umgeleitet wohin?“ fragte Lennard alarmiert.
„Das läßt sich nicht feststellen, so leid mir das tut,“ räumte der Conn ein.
„Das kann nur Kall gewesen sein. Aber wie hat sie...?“ Plötzlich ging Lennard etwas auf. „Wie lange brauchen die Borg bei diesem Tempounterschied, um uns einzuholen?“
Darrn tippte eine Anfrage ein und keuchte: „Knapp vier Minuten, Sir!“
„Roter Alarm! Alles auf die Kampfstationen,“ rief er und setzte sich auf seinen Platz.
Im nächsten Moment wurde das ohnehin schwache Licht der Nachtbeleuchtung auf der Brük-ke noch etwas dunkler. Gleichzeitig spürte Lennard eine schwache Beschleunigung nach rechts, als sich die Sterne auf dem Hauptschirm wegdrehten.
„Wir fliegen eine Linkskurve mit Warp Vier, Captain. Die Trägheitsdämpfer sind mit 110 % Leistung beschickt worden. Dazu wurde zusätzliche Energie von dem Warpantrieb, der Leb-enserhaltung und der Schiffsversorgung abgezogen.“ Darrn traute seinen Augen nicht, als er seine Instrumente ablas.
„Wir haben einen Dreiviertelkreis mit Warp Vier geflogen und halten jetzt direkt auf die Borg zu, Captain. Durch unsere Schleife fliegen wir genau von der Seite an.“ Der taktische Offizier hämmerte wie wild auf seine Konsole. „Meine Station ist ebenfalls umgeleitet worden, Sir. Ich kann nichts unternehmen.“
„Verd...“ Lennand biß seine Zähne zusammen. „Was geschieht jetzt?“
„Wir sind eben unter Warp gegangen und...“ Noch ehe der Gefragte weitere Auskunft geben konnte, ertönte das Warnsignal für den Abschuß eines Marschflugkörpers. Danach erschienen auf dem Hauptschirm fünf blauweiß schimmernde Sterne und rasten hinaus ins All. Dann schoß nur wenige km von ihnen entfernt etwas Riesiges so schnell vorbei, daß man die Kon-turen nur schemenhaft verwischt wahrnehmen konnte; es riß dabei alle fünf Quantentorpedos mit sich. Einen Moment später schoß noch ein zweites Objekt gefährlich nahe an ihnen vorbei.
„Meldung!“ forderte Lennard vom taktischen Offizier.
„Der eine Borg-Kubus ist direkt in die Salve hineingeflogen und hat fünf Volltreffer einge-steckt, der zweite hat uns eben passiert. Sie gehen jetzt beide unter Warp. Am getroffenen Schiff kann ich erhebliche interne Schäden feststellen.“
„Das ist nicht gut. Sie sabotiert unser Vorhaben,“ murmelte Lennard besorgt.
„Wir halten auf den beschädigten Borg-Würfel zu, Captain. Alle Phaserbänke und Torpedo-launcher werden neu geladen. Der zweite Gegner wendet und hält auf uns zu.“
„Das... ist... nicht... gut,“ wiederholte der Captain der Fairchild mühsam beherrscht, während der beschädigte Flugkörper vor ihnen auftauchte und mit einem Energiestrahl auf sie schoß, ohne ihre Abwehrschilde zu durchdringen. Dann wurde es erneut von vier Quantentorpedos getroffen und schien von der Wucht der Detonationen zu vibrieren. Plasmawolken traten explosionsartig aus dem Inneren des Schiffes aus, das nun von ihren Phasern beharkt wurde.
Das zweite Borgschiff hatte sie nun erreicht und beschoß sie mit Energiewaffen, was ihnen jedoch nichts anhaben konnte. Ihre Schilde hielten allem stand, was ihnen entgegengesetzt wurde.
Und Kall nutzte das gnadenlos aus.
Lennard war sich nicht einmal mehr sicher, ob sie es nur aus den Gründen tat, die sie bei ihr-em Protest genannt hatte, oder ob sie nicht auch von blindem Haß gegen die Borg und Vergel-tungssucht geleitet wurde.
Geschickt umrundete die Fairchild das zweite Borgschiff und ging auf Warp, während das erste, von ihnen angegriffene Objekt schnell zurückfiel. Als es nicht mehr zu sehen war, wurde die Schwärze des Alls hinter ihnen von einem gleißenden Aufblitzen erhellt.
„Captain, ich habe wieder Zugriff auf die Steuerkontrollen,“ vermeldete der Conn-Offizier plötzlich.
„Gehen Sie auf Warp 9,6 und nehmen Sie unseren ursprünglichen Kurs wieder auf. Wir müs-sen diesem Borg-Würfel entkommen.“ Lennard lehnte sich zurück und sagte frustriert: „Ich hoffe, Kall ist mit ihrer Meisterleistung zufrieden.“
Der Conn sagte leise zu Darrn: „Das war direkt unheimlich. Es passierte alles so schnell, ohne daß wir etwas tun konnten. Fast so wie ein Spuk.“
„Sie schwatzen wie ein altes Weib, Lieutenant. Suchen Sie sich für diese Art der Unterhaltung einen anderen Gesprächspartner,“ entgegnete der Klingone knurrend.
Lennard grinste schwach und meinte: „Was ist mit dem zweiten Kubus?“
„Er hält den Abstand zu uns ein, Sir. Ich fürchte, er hat Respekt vor uns bekommen.“
Lennard sah Darrn ungläubig an: „Sie... fürchten?“
Erklärend meinte der Ops-Offizier: „Nun, wenn wir nicht mehr in der Opferrolle sind, ver-lieren die Borg vielleicht das Interesse daran, uns zu assimilieren.“
„Sie haben leider recht,“ erwiderte der Captain, „so ungern ich das auch zugebe. Auch wenn die Borg nicht so schnell aufgeben werden. Ich befürchte eher, daß wir für sie spätestens jetzt zu Freiwild geworden sind. Heben Sie den roten Alarm auf.“
In diesem Moment kam Leardini mit wirrem Haar und einer Hand auf dem Rücken, wo sie offenbar noch mit dem Verschluß ihres Jumpsuit kämpfte, auf die Brücke gestürzt. Lennard winkte müde ab und sagte: „Keine Bestzeit, Numero Uno. Legen Sie sich wieder hin.“
Worauf diese nur fragend mit den Schultern zuckte und sich wieder in den Turbolift zurück-zog, dem sie eben entstiegen war.
Der Captain sah mit düsterem Blick zu seinem Einsatzleitenden Offizier. „Wir schließen sämtliche Schotten in den Jeffries-Röhren und schicken die Sicherheitsteams nochmals hin-durch.“
„Das wird ein sehr zeitintensives Verfahren werden, Sir...“
„Das ist mir bewußt, Mr. Darrn. Sie koordinieren die Einberufung der Bereitschaftsmann-schaften. Die Männer arbeiten sich von Schott zu Schott und bleiben mit ihnen und mehreren Ops-Offizieren in Verbindung. Sobald sie durch eine Luke hindurch sind und es hinter sich geschlossen haben, versiegeln Sie es mit einem Kraftfeld. So grenzen wir den Raum allmählich ein, in dem Kall sich befinden kann. Zusätzlich werden alle leerstehenden Quartiere durchsucht und ebenfalls mit Kraftfeldern versiegelt. Wir müssen sie finden, bevor sie noch mehr Schaden anrichten oder gar die gesamte Mission zunichte machen kann.“
Lennard schlich beinahe von der Brücke, was den Conn zu der Bemerkung veranlaßte: „Die Counselor hält unseren Captain ganz schön auf Trab.“
Darrn fauchte: „Wenn ich noch ein Wort von Ihnen höre, das nichts mit der Erfüllung Ihrer Dienstpflicht zu tun hat, werde ich nach Beendigung unserer Schicht mit Ihnen eine Trai-ningsstunde auf dem Holodeck absolvieren... mit Steinboden. Steinboden kann sehr hart sein, wenn man auf ihn fällt.“
„Jawohl, Sir,“ bestätigte der junge Offizier an der Conn schluckend und unter den schaden-frohen Blicken einiger anderer Brückencrew-Mitglieder.



„Und es gibt keinerlei Spur von ihr?“
Leardini ging in Lennards Badezimmer und nahm ihr Nachthemd mit, während sie über die Schulter sah.
Lennard, der gerade nochmals auf der Brücke war, setzte sich auf sein Bett und zog seine Uniformschuhe aus. „Nicht den Hauch einer Spur. Ich kann es nicht fassen, welche Fähigkei-ten Sam besitzen muß, um sich mit dieser spielerischen Leichtigkeit unserem Zugriff entziehen zu können. Kazuki sagt, er hat inzwischen herausgefunden, wie sie in solcher Windeseile den Türöffnungsmechanismus lahmlegen konnte... glaubt er.“
„Spann’ mich nicht lange auf die Folter,“ rief Leardini aus der Naßzelle heraus, um das Fließ-en des Wassers zu übertönen.
„Sie hat ihren Replikator ein wenig modifiziert und zu einer Art Transporter für kurze Ent-fernungen umgebaut. Das heißt, sie hat die Energiemenge für eine gewisse Menge Nahrung in die Öffnungsrelais der Tür gebeamt und den Schaltkreis für die Materialisierung kurz-geschlossen. Wenn man bedenkt, daß... sagen wir, ein Ramar-Steak etwa achtzehnhundert Kilojoule Brennwert hat und sich dann vorstellt, daß sie zehn Stück davon angefordert hat... die Energie für das Fleisch wird in den Mechanismus hineintransportiert, kann aber wegen des zerstörten Kontrollrelais im Replikator nicht materialisiert werden und erscheint daher in der energetischen Form. Das schmort natürlich alles zusammen. Einfach genial,“ schloß er und faltete seine Uniform säuberlich zusammen, bevor er sie in ein Fach seines Nachttisches schob.
„Wo hat sie das nur her?“ erklang die Stimme seiner Freundin.
„Aus unzähligen dieser glorreichen Holodeck-Simulationen und einer natürlichen Raffinesse, die niemand hier an Bord ihr je zugetraut hätte.“ Lennard setzte sich erneut auf die Kante seines Bettes und hielt nach Ghor Ausschau. Gut, er war im Nebenzimmer.
„Du hörst dich beinahe so an, als würdest du sie bewundern,“ bemerkte sie, als sie in ihrem verführerischen seidenschwarzen Nachthemd aus dem Bad kam und an der Tür stehenblieb.
Er gestand widerstrebend ein: „Wie könnte ich anders? Ich habe geglaubt, ich kannte sie und dann... stelle ich fest, daß das Bild, das ich von ihr hatte, nur oberflächlich war. Sie hat sich wirklich alle erdenkliche Mühe gegeben, uns im Unklaren darüber zu lassen, wer sie eigentlich ist. Als hätte sie gewußt, daß es ihr eines Tages zugute kommen würde.“
„Vielleicht hat sie das ja? Vergiß ihre el’aurianischen Wurzeln nicht,“ meinte sie sinnierend und lehnte sich an seinen alten handgefertigten Kleiderschrank aus echtem Holz, dem einzigen Familienerbstück, das er besaß und das durch seine wuchtige Erscheinung das Zimmer domi-nierte.
„Wenn ich nur wüßte, was in ihr vorgeht? Wie hat sie es nur geschafft, das Schiff in ihre Gewalt zu bringen? Dazu bräuchte sie meine Kommando-Codes.“ Grübelnd schwang er seine Beine auf die Liegefläche und streckte sich der Länge nach auf der Bettdecke aus.
Grinsend meinte Leardini: „Dazu müßte sie schon Gedanken lesen können, nicht wahr?“
Gequält schloß Lennard die Augen. „Natürlich! Wie dumm von mir, daß ich nicht selbst darauf gekommen bin!“
„Laß uns das alles für eine Weile vergessen, Liebling. Na, was meinst du?“ Sie machte An-stalten, sich vom Schrank abzustoßen und zu ihm aufs Bett herüberzukommen.
Über seinem Körper gab es plötzlich eine subraumstatische Entladung, wie von einem Kraft-feld, das aktiviert wurde. Lennard zuckte zusammen und wollte aufspringen, stieß aber gegen ein unsichtbares Hindernis, das bei seinem Versuch, sich zu bewegen, bläulich aufleuchtete und ihn leise knisternd auf das Bett zurückzwang. Verblüfft keuchte er auf: „Was zum Henker ist das? Stefania!“
Seine Freundin gab einen leisen Schreckenslaut von sich und wollte sich auf ihn zubewegen, da glitt eine der Schranktüren ein Stück weit auf. Eine Hand erschien und legte sich mit ge-spreizten Fingern fest auf den Übergang ihres Schlüsselbeines zum Hals. Die Erste Offizierin blickte regungslos und erstaunt auf die Hand herab, verdrehte dann die Augen und sackte be-sinnungslos zusammen. Die Hand packte sie und ließ sie sanft zu Boden gleiten.
Während die Schranktür nun langsam aufging, erklang eine Stimme: „Es hat tatsächlich ge-klappt. Hehe! Ich hätte nicht gedacht, daß ich den vulcanischen Nervengriff doch noch irg-endwann einmal einsetzen könnte. Hiermit bitte ich um eine Audienz, Captain.“
‘Bitte nicht!’ fuhr es ihm durch den Kopf, als die Counselor gutgelaunt aus dem Schrank heraustrat, doch er war ihr machtlos ausgeliefert.
„Ein medizinisches Begrenzungsfeld, um Patienten ruhigzustellen. Ja, das war es, was ich auf der Krankenstation gesucht habe. Das mit der Commander tut mir leid, aber ich dachte mir, so ist es... nun, ethischer, als wenn ich sie beide auf dem Bett festnagele.“ Sie zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Könnten Sie mich jetzt freundlicherweise von diesem albernen Kraftfeld befreien? Es schränkt meine Handlungsfreiheit ein wenig ein,“ bemerkte er zynisch.
Entschuldigend meinte Kall: „Oh, nur noch ein klitzekleines Minütchen, dann brauchen wir es nicht mehr. Ich möchte Ihnen etwas erläutern.“
„Ich bin ganz Ohr,“ erwiderte Lennard zähneknirschend.
„Dachte ich mir. Sehen Sie diesen PADD hier? Ich war gestern vormittag in Ihrem Bereit-schaftsraum und habe mir erlaubt, in Ihren persönlichen Dateien nach den Missionsbefehlen zu sehen. Bitte sehen Sie mich nicht so böse an, ich hätte das unter anderen Umständen nie gewagt, wirklich. Aber ich habe es noch nie so deutlich... gespürt, daß die Dinge nicht so lau-fen, wie sie sollten. Es ist falsch, verstehen Sie?“ Eindringlich sah sie ihn an, konnte jedoch keine Zustimmung in seinem Blick erkennen.
„Nun, ich denke, Sie müßten ebenfalls zumindest teilweise el’aurianischer Abstammung sein, um Dinge zu verstehen, die über den gewöhnlichen Raum-Zeit-Rahmen hinausgehen. Jeden-falls habe ich die ganze Zeit über nach dem gesucht, was ich hier direkt in Ihren Befehlen ge-funden habe. Sie können es gerne nachprüfen lassen, was ich Ihnen hier zeige. Bitte beachten Sie diese Dateien und Codierungen dort bei der Unterschrift und dem Genehmigungssiegel. Wenn man weiß, wonach man suchen muß, kann man es gar nicht übersehen; der Missions-befehl ist authentisch, die Identifikationsbestätigung des unterzeichnenden Admirals ebenso, nur nicht die Genehmigung des Sternenflotten-Hauptquartiers. Verstehen Sie nicht, was das heißt?
Wir haben ein ernstes Problem, wenn ein Admiral der Flotte uns wissentlich mit gefälschten Befehlen auf diese Mission schickt, um auf diese Weise dem Dominion den Garaus zu mach-en. Wenn Sie mich fragen, war die Säuberung des Hauptquartiers von extrem militaristischen Elementen nicht ganz so erfolgreich, wie man dachte.“
Lennards Augen wurden immer größer beim Lesen des elektronischen Notizblocks, den Kall ihm unter die Nase hielt. Das war zweifellos korrekt, was Sam ihm da erzählte. Sie waren alle gründlich hereingelegt worden.
„Grundgütiger, was haben wir nur angerichtet?“


- 6 -

Lennard kam in die Beobachtungslounge gestürmt und fuhr richtiggehend in seinen Sessel hinein. Er hatte gerade von seinem Zimmer aus eine Ansprache an die gesamte Mannschaft gerichtet und sich wieder angezogen, während Kall sich um Leardini gekümmert hatte. Die Besatzung war nun auf dem neuesten Stand und wußte um die geschickte Fälschung ihrer Befehle, der sie aufgesessen waren und auch um den Ernst der Lage, in der sie sich damit befanden.
„Bitte zunächst einen Lagebericht, Mrs Vakuf. Sie hatten doch die Brücke, nicht wahr?“
„Das ist korrekt, Sir. Der Borgwürfel hinter uns hält seinen Abstand von zwei Lichtminuten exakt ein und folgt uns auf unserem Kurs. Wir haben am Perimeter unserer Langstrecken-scanner insgesamt sieben weitere Objekte ausgemacht, die allesamt einen Abfangkurs auf uns halten und sich mit über Warp Neun bewegen. Sie sind jedoch zu weit entfernt, um uns vor unserem Eintreffen bei der Position des stabilen Wurmlochs, welches uns in den Gamma-Quadranten führt, zu erreichen.“ Vakufs Gesicht war anzumerken, daß die Situation nicht ganz so einfach war, wie sie sie dargelegt hatte.
„Ich seh’s Ihnen an, die Sache hat einen Haken. Welchen?“
Erstaunt zog die Vulcanierin eine ihrer dünnen, diagonalen Augenbrauen hoch. „Faszinierend, wie Sie zu diesem Schluß gekommen sind. Wir müssen natürlich den Öffnungszyklus des Wurmloches berücksichtigen, der bekannterweise über dreieinhalb Stunden beträgt. Das bringt uns in einen gewissen Zugzwang, da wir den ideal erreichbaren Zeitpunkt nicht einmal mit Warp 9,9 rechtzeitig erreichen würden. Es fehlen ganze dreizehn Minuten dazu. Wir können jetzt auf Maximum-Warp gehen, würden jedoch trotzdem von mindestens einem Borg-Würfel erwartet, den wir dann etwas über drei Stunden beschäftigen müßten.
Allerdings könnten wir damit eventuell den Gegner hinter uns abhängen, aber wir brauchen auf jeden Fall einen Plan, um die Borg so lange hinzuhalten, daß wir genau zur richtigen Zeit, nämlich zur Öffnung des Verteronen-Schlauches, am richtigen Ort, nämlich an dessen Eingang sind. Das wird nicht leicht zu bewerkstelligen sein.“
„Dann timen wir den Zeitpunkt, zu dem wir auf Warp 9,9 beschleunigen, so, daß wir bei Eintreffen im System noch eine knappe Stunde Zeit bis zum Öffnen des Wurmloches haben. So gewinnen wir einen ausreichenden Abstand zum Verfolger und können uns für die Begeg-nung mit den anderen Borgschiffen wappnen. Wir haben für diesen Fall mehrere Optionen, die zwar dem ursprünglichen Plan entstammen, für unsere Zwecke jedoch in leicht adaptierter Form verwendet werden können. Dafür machen wir uns die Beschaffenheit des Sonnen-systems, an dessen Rand sich der Eingang des Wurmloches befindet, zunutze. Mr. Kazuki, Ihren Vorschlag bitte.“ Er nickte dem taktischen Offizier zu, worauf dieser das Wort ergriff.
Er holte gerade Luft, um mit seinen Ausführungen zu beginnen, als sich die Tür öffnete. Allen stockte der Atem, als Kall eintrat und einen Arm der noch immer leicht benommenen Leardini über ihre Schulter gelegt hatte und sie stützte. Sie ließ die Erste Offizierin sanft auf ihren Sitz gleiten und setzte sich dann mit gefaßter Miene auf ihren eigenen.
„Mr. Kazuki,“ erinnerte Lennard seinen Sicherheitschef an dessen Ausführung.
Dieser räusperte sich leicht verlegen und begann dann: „Wir haben zwischen dem fünften und sechsten Planeten des Systems einen Asteroidengürtel registriert, dessen Ausmaße um ein Mehrfaches größer sind als bei demjenigen im Sol-System. Wir werden die Tatsache nutzen, daß die Fairchild erheblich kleiner als der Borgkubus ist und versuchen, einen von ihnen in diesem Feld abzuhängen. Wir müssen weniger Gesteinsbrocken aus dem Weg schieben wie sie und können ihnen das Vorankommen noch zusätzlich erschweren, indem wir mit dem Traktorstrahl größere Felsstücke in eine Bahn hinter uns ziehen. Diese müssen sie dann alle aus dem Weg räumen, um uns folgen zu können.“
Erstmals meldete sich Kall: „Wie in Star Wars ‘Das Imperium schlägt zurück’. Was hält sie aber davon ab, uns nicht ins Asteroidenfeld zu folgen und uns einfach von der Peripherie aus zu beobachten oder sogar zu beschießen, während wir nur beschränkt manövrieren können und ihrem Feuer relativ wehrlos ausgeliefert sind?“
„Von ihrer nicht nachvollziehbaren Begeisterung für antike SF-Filme abgesehen, ein guter Einwand,“ räumte Kazuki ein, „jedoch ein unberechtigter. In dem System vor uns ist alles eine Nummer größer als in meinem Heimatsystem, um einen Vergleichsfall heranzuziehen. Der Asteroidenring, von dem wir sprechen, beginnt etwa anderthalb Milliarden km von der Sonne entfernt, besitzt eine Stärke von etwa fünf und eine Höhe von knapp zwei Millionen km. Ferner besteht er größtenteils aus stark eisen-, radioaktiv- und schwermetallhaltigen Körpern, die eine Ortung bereits nach mehreren hundert km im Inneren praktisch unmöglich machen, selbst für die Sensoren der Borg.“
„Sie beziehen sich sicher bei dieser Aussage auf die Daten und Beobachtungen, welche die Enterprise während des ersten Angriffes der Borg auf die Erde gemacht hat, als sie sich in einem Nebel vor ihnen verbarg,“ mutmaßte Vakuf.
„Unter anderem. Hinzu kommt eine relativ große Dichte an Körpern und der hohe Anteil an großen Brocken. Und damit meine ich wirklich große. Wir haben bei unserem ersten Scan des Ringsystems über fünfhundert Objekte entdeckt, die aufgrund ihrer Größe und Masse eine Kugelform angenommen haben. Zwölf davon besitzen sogar eine Atmosphäre. Der Computer hat in einer Annäherungsrechnung etwa zwanzig Prozent der Gesamtmasse des Gürtels, die in etwa der unseres Jupiters entspricht, als Planetoiden mit einem Durchmesser von einem km oder mehr bestimmt. Versuchen Sie da einmal, eine Ortung aufrecht zu erhalten oder gar uns zu beschießen. Technisch nicht machbar.
Und da wir uns aufgrund der enormen Größe des Ringsystems bequem aus dem Staub machen könnten, sobald wir uns ihnen entzogen hätten, bleibt ihnen gar keine andere Wahl, als uns da hineinzufolgen. Mir ist natürlich bewußt, daß es auch für uns ein Risiko darstellt, aber ich denke, wir können es schaffen. Der Vorteil liegt klar auf unserer Seite.“
„Ich hätte da eine Idee, Captain, wie wir zusätzliche Ressourcen der Borg binden könnten, eventuell sogar ein zweites Schiff von ihnen.“ Nachdem Lennard genickt hatte, erläuterte sie ihren Gedanken. Einige Gesichter zeugten dabei von Zustimmung, andere von Skepsis oder offener Ablehnung. Sie diskutierten kurz darüber und beschlossen dann, es zu versuchen.
„Soweit, so gut. Und wenn das nicht klappt?“ fuhr Lennard fort.
„Für diesen Fall werden wir den siebten Planeten anfliegen, einen Gasriesen der Klasse A, einen braunen Zwerg. Sozusagen eine Sonne, die es nicht schaffte, da zur Kernfusion die Masse nicht ausreichte. Er strahlt jedoch noch immer Kontraktionswärme ab, etwa das Fünf-fache dessen, was er von seiner Sonne an Wärmestrahlung erhält. Dennoch sind seine obersten Atmosphäreschichten nicht sehr viel wärmer als die Jupiters, aufgrund der Entfernung von über drei Milliarden km vom Muttergestirn und dessen vergleichsweiser tiefen Oberflächen-temperatur von lediglich zweitausend Grad Kelvin bei einem Durchmesser von achtzehn Millionen km. Der siebte Planet hat einen ungefähren Durchmesser von 700’000 km und eine dichte Atmosphäre aus Wasserstoff sowie Spuren von Methan und anderen einfachen Kohlen-wasserstoffen, jedoch wenig Helium. Wir werden eventuell versuchen, in seine oberen Atmosphärenschichten einzudringen und uns so vor den Borg verbergen.“
„Dann werde ich alles Nötige veranlassen, wenn es nicht noch mehr zu besprechen gibt,“ be-merkte Darrn und beeilte sich, aufzustehen und zur Brücke zurückzugelangen.
Kall sah ihm verduzt nach, als alle anderen Brückenoffiziere sich ebenfalls erhoben. Leise sprach sie Leardini an: „Warum diese Eile? Habe ich etwas überhört?“
„Darrn ist der Einsatzleitende Offizier, schon vergessen? Das heißt, er muß den Einsatz leiten, der uns bevorsteht. Unter anderem die Koordination zwischen der Navigation, den Sensoren-phalanxen und den Bedienmannschaften der einzelnen Traktorstrahlemittern. Na?“ Sie zwinkerte ihrer Kollegin zu und verließ die Beobachtungslounge.
Nachdenklich stand Kall noch im Raum, als sie unerwartet angesprochen wurde: „Counselor?“
„Ja, Mrs. Vakuf?“
„Ich würde gerne etwas von Ihnen erfahren,“ begann die Conn-Offizierin umständlich.
Kall sah sie einen Moment lang an und meinte dann: „Es ist wegen der Art, wie ich die Com-mander betäubt habe, nicht wahr?“
„Exakt. Ich weiß, daß ich Ihnen den Vulcanischen Nervengriff einmal gezeigt habe, aber so-weit ich weiß, hat noch niemals ein nichtvulcanisches Lebewesen diesen Griff erfolgreich an-wenden können,“ erläuterte Vakuf.
„Das stimmt so nicht ganz, Gora,“ erwiderte Kall, „denn mir ist ein solcher Fall bekannt. Ich habe sogar mit demjenigen gesprochen, der den Griff bei einer Romulanerin angewandt hat.“
„Sie beziehen sich auf Lieutenant Commander Data und die Geheimmission auf Romulus, bei der es um die Rettung von Botschafter Spock ging. Das würde ich nicht...“
„Glauben Sie mir, werte Kollegin, er lebt,“ widersprach Kall energisch. „Mir können Sie das ruhig glauben, wenn ich es Ihnen sage. Und zu der Erklärung, die Sie von mir erwarten, kann ich Ihnen nur sagen, daß ich einfach gut aufgepaßt habe und eine gelehrige Schülerin bin.“
Und mit diesen Worten ließ sie die Vulcanierin im Besprechungszimmer stehen.



Bis sie in das System eintraten (Doc Stern hatte mit seiner üblichen Ironie den Namen ‘Borgson’ für die Sonne vorgeschlagen), hatten sie durch einen Dauerflug mit Warp 9,9 einen Vorsprung von fünfzehn Minuten zu dem sie verfolgenden Borg-Schiff herausgeschlagen. Nun hielten jedoch zwei weitere Kuben auf sie zu und würden sie in wenigen Minuten abfangen, wenn sie weiterhin auf diesem Kurs bleiben würden. Und mehrere andere waren nur noch eine Stunde oder wenig länger entfernt.
In fünf Minuten müssen wir unter Warp gehen, um nicht in die Peripherie des Asteroiden-feldes zu geraten, Sir,“ meldete Vakuf.
„Also, meine Damen und Herren, es ist soweit. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.“ Lennard sah sich auf der Brücke um, als unter anderem Leardini, Vakuf und Kall aufstanden und ihre Plätze der Bereitschaftscrew überließen. Er sah seine Erste Offizierin und Gefährtin an und flüsterte ihr zu: „Seid vorsichtig, ja?“
„So vorsichtig, wie man in einem Asteroidenfeld mit einem oder zwei Borgschiffen im Nacken nur sein kann,“ raunte sie ihm schelmisch lächelnd zu und drückte kurz seinen Arm, als taktvollerweise alle anderen auf der Brücke gerade nicht zu ihnen hinsahen.
Sie betraten alle den wartenden Turbolift und sahen dann erwartungsvoll zur Ersten Offizierin. Nach einem Moment begriff sie: „Ach, gebührt mir die Ehre? Soll mir recht sein.“
Sie erhob die Stimme ein wenig. „Deck acht, Sektion achtzehn achteraus.“
Die Lifttüren schlossen sich leise zischend. Leardini sah sich in der Kabine um und bemerkte ironisch: „Wie, kein Applaus?“
„Dies hier ist kein Spaziergang, Stefania. Wir werden den Borg kräftig in den... Hintern treten, wenn ich diese irdische Metapher gebrauchen darf,“ erwiderte Kall mit entschlossener Miene.
„Sie dürfen nicht, Sam. Herrgott, müssen diese Universalübersetzer denn alles... vergessen Sie’s.“ Die Türen des Liftes öffneten sich und entließen sie in einen relativ kleinen Raum, der in etwa kreisförmig war und mehrere Kontrollkonsolen sowie Sitzplätze aufwies.
„Warum gibt Kyle mir Sam als Pilotin mit? Will er mich loswerden?“ fragte sie leise mehr sich selbst als jemanden Bestimmten.
„Commander?“
„Das haben Sie nicht gehört, Mrs. Vakuf, okay? Bemannen Sie die Ops.“ Ungnädig musterte sie die vulcanische Offizierin und nahm auf einem zentral im Raum angeordneten Sessel Platz.
„Aye, Sir,“ bestätigte diese und begab sich auf die linke der beiden dicht nebeneinander an-geordneten Stationen; die rechte war bereits von der Counselor besetzt worden.
„Conn meldet Bereitschaft, Commander,“ ließ sie mit einem begeisterten Unterton in der Stimme, welcher Leardini überhaupt nicht gefiel, verlauten.
„Wenn das ‘mal gutgeht. Vakuf, lassen Sie sich alle Bereitschaftsmeldungen hereingeben, bevor wir der Brücke grünes Licht für unseren kleinen Ausflug geben.“



„Wir gehen unter Warp, Sir,“ meldete Lieutenant Merven, der die Navigation der Fairchild übernommen hatte. „Ich gehe auf Kurs Asteroidenfeld und verlangsame auf ein Zehntel Im-puls, solange wir uns noch in dessen Randbezirk befinden.“
„Schön langsam, Conn, damit wir nichts beschädigen, was wir noch für die Heimreise benöti-gen,“ meinte Lennard bedächtig und beobachtete auf dem Hauptschirm, wie die ersten kleine-ren und auch schon größeren Gesteins- und Metallklumpen an ihnen vorbeirasten. Noch hatte der Hauptdeflektor keine Probleme damit, alles sich in ihrer Flugbahn befindliche Treibgut zur Seite zu schieben. Dennoch mußten sie ihr Tempo sehr bald drastisch verringern, sobald sie zwischen die dicht beisammenstehenden Teile der Kernregion dieses unglaublich großen Feldes gelangen würden.
„Die Borg kommen schnell näher, verzögern ihre Geschwindigkeit jedoch. Einer von ihnen bleibt wohl außerhalb des Feldes, während der andere uns langsam hinterherfliegt. Sie haben ganz offensichtlich keine Freude an dem, was wir hier tun, Captain.“ Kazuki stand hinter seinen taktischen Konsolen, als könne ihn momentan nichts aus der Fassung bringen. Das beruhigte die Mannschaft hoffentlich ein wenig.
„Das haben sie sich so gedacht. Einer fliegt den Rand des Asteroidengürtels ab, während der andere uns vor sich hertreibt. Jetzt geben wir ihnen ‘mal etwas zum Nachdenken. Mr. Darrn, haben wir Bereitschaft von allen fraglichen Stationen?“
„Jawohl, Sir, die Technik ist gerade mit den letzten Umbauten fertig geworden.“ Erwartungs-voll sah der Klingone seinen Kommandanten an.
„Lennard an Leardini.“ Er räusperte sich.
„Sprechen Sie, Captain,“ kam postwendend die Antwort über Interkom.
„Noch eine Minute bis zur Separation. Übernehmen Sie den Countdown und halten Sie den Zeitplan so gut es geht ein. Wir werden den Funkkontakt mit ihnen sicher bald verlieren,“ wies Lennard seine XO nochmals an.
„Alles in Ordnung bei uns. Wir schaffen das schon,“ versicherte sie ihm und unterbrach die Verbindung.
„Die Anzahl und Größe der Objekte nimmt zu, Captain,“ sagte Merven und fügte noch hinzu: „Der Borg-Würfel hat sowohl einen Traktorstrahl als auch eine Energiewaffe mehrmals ohne erkennbare Wirkung auf uns gerichtet. Nun wird er ebenfalls langsamer und stellt sein Feuer auf uns ein. Wahrscheinlich muß sich die Besatzung auf die Freihaltung ihrer Flugbahn kon-zentrieren.“
„Und darauf, uns nicht zu verlieren. Sperren Sie die Schnittstellen der Turboliftschächte sowie alle Versorgungs- und Energieplasmaleitungen. Sind wir bereit, Mr. Darrn?“
Pflichtschuldig antwortete der Ops-Offizier: „Sämtliche Verbindungen zur Kampfsektion sind getrennt. Impulsantrieb und UTS-Deflektor sowie Schilde, TrägheitsDämpfungsFelder(TDF), Waffensysteme, Lebenserhaltung und SIF melden grünes Licht für Separation.“
Kazuki meldete sich zu Wort. „Captain, es sieht so aus, als haben die Borg registriert, was wir vorhaben; der zweite Kubus hat soeben Fahrt aufgenommen und einen Abfangkurs auf uns angesetzt.“
„Jetzt kommt es also darauf an. Lieutenant Merven, direkten Kurs ins Innere des Gürtels nehmen und Countdown herabzählen,“ befahl Lennard gespannt und dachte an das, was nun kommen würde und von dem er gedacht hatte, daß er es vielleicht nie hätte tun müssen.
„Es bleiben nur noch fünf Sekunden, Captain,“ rief Merven und konnte gerade noch den Kurs dahingehend ändern, daß sie mehrere Sekunden lang geradeaus fliegen konnten, ohne größ-eren Planetoiden ausweichen zu müssen.
Denn jetzt brauchten sie freie Bahn.
Es kam Leben in das Innere des hinteren Randes der UnterTassenSektion (UTS). Achtzehn Paare von Halteklammern, massiv gebaut und durch das Strukturelle IntegritätsFeld (SIF) des Schiffes verstärkt, jede von ihnen 69 x 72 Dezimeter groß, wurden aktiviert und lösten sich von der UTS, um sich gleich darauf in die Oberseite der Kampfsektion zurückzuziehen. Die Impulsreaktoren an der Hinterseite der UTS wurden hochgefahren, trieben diese nun an und versorgten alle Bordsysteme mit Energie, während sich die große Ellipse von der nun unför-migen und entstellt aussehenden Maschinenhülle fortbewegte und zu einem autarken, eigen-ständig funktionierenden und operierenden Raumschiff wurde.
„Separation erfolgreich ausgeführt, Sir,“ meldete Darrn.
„Was machen die Borg?“ wollte Lennard nervös wissen. Sie flogen zwar vorneweg, da sie den Großteil der Mannschaft und sämtliche Zivilisten in ihrem Teil des Schiffes hatten, während die Kampfsektion hinter ihnen vorerst Rückendeckung geben sollte, doch wohl war ihm dennoch nicht.
„Blick nach hinten,“ meldete Darrn und zeigte die beiden großen, bedrohlichen Würfel, von denen der hintere auf einen Verfolgerkurs einschwenkte, jedoch allmählich langsamer wurde; der Zweite näherte sich der Maschinenhülle. Im nächsten Moment schlug ein kleiner Asteroid in die Front des Kubus und riß ein kraterförmiges Loch hinein, aus dem eine grünliche Plas-maexplosion austrat und ins schwarze All hinausschoß. Es sah wohl spektakulär aus, richtete aber dennoch keinen ernsten Schaden an, da sie praktisch keine Geschwindigkeit verloren.
„Wir gehen auf den vorherbestimmten Kurs, Conn,“ ordnete Lennard an und warf einen kur-zen Blick auf die Konsole an seiner linken Armlehne. Die beiden Teile der Fairchild flogen nun von oben her senkrecht hinein in das Kleinstsatellitensystem, das Borgson langsam und in unvorhersehbaren Bahnen umkreiste. Dabei legten sie einen immer größer werdenden Abstand zwischen sich, um die Borgschiffe voneinander zu trennen. Diese hatten keine andere Wahl, wenn sie nicht einen Teil des verhaßten, unbekannten Feindes, der ohne ersichtlichen Grund bereits mehrere ihrer Kollektive vernichtet hatte und nun augenscheinlich fliehen wollte, verlieren wollten.
Merven berichtete begeistert: „Sie holen nicht mehr auf. Counselor Kalls Theorie ist Gold wert; die beiden separierten Schiffsteile haben jeweils eine viel kleinere Stirnfläche als das verbundene Schiff und können so das Feld erheblich schneller durchfliegen. Unser Verfolger hat jetzt schon alle Mühe, mit uns mitzuhalten.“
Tatsächlich gingen vom Borgschiff viele kleine Deflektor- oder Traktrorstrahlen aus, mit denen sie die kontinuierlich zunehmende Anzahl an Fremdkörpern aus ihrer Flugbahn entfernten. Da sie jedoch in der Frontansicht etwa das zwanzigfache der Fläche der schlanken Diskussektion der Fairchild aufwiesen, mußten die Borg etliche Fels- und Metallbrocken beiseite räumen, zwischen denen sie mühelos hindurchgeglitten waren. Manche größere Brocken versuchten sie durch Energiewaffen zu vaporisieren, da es sich aber bei einem Großteil von ihnen um stark metallhaltige Körper handelte, zerbrachen sie höchstens in mehrere kleinere Teile, die dann nur mit noch größerem Aufwand beseitigt werden mußten. Bald schon gaben die Borg diese Strategie auf und stellten sämtliche Emitter ihrer Stirnseite auf Traktorfunktionen um. Damit waren sie praktisch unbewaffnet, kamen aber wieder unmerklich langsam näher heran.
Inzwischen betrug ihre Geschwindigkeit nur noch mehrere hundert m/s und nahm ständig leicht ab, je dichter die Felsen um sie herum zusammenrückten. Sie mußten sich nun zwischen den kilometergroßen Planetoiden hindurchmanövrieren und dabei noch den kleineren Teilen ausweichen, sofern sie nicht von den Schilden oder Deflektoren beiseitegeschoben wurden. Bisher klappte das ganz gut, doch auf der Brücke herrschte trotzdem Totenstille.
„Wir haben sowohl Kontakt zur als auch die Ortung der Kampfsektion verloren, Captain. Das Signal des zweiten Borgschiffes wird ebenfalls schwächer... nicht mehr vorhanden.“ Darrn kontrollierte eine Anzeige und fügte hinzu. „Letzter gemessener Abstand betrug knapp fünf-zehnhundert km.“
„Das ist so gut wie nichts in diesem gigantischen Trümmerfeld. Da sollte es uns doch leicht-fallen, unseren Verfolger abzuschütteln, meinen Sie nicht auch, Onue?“ Prüfend sah Lennard über die Schulter.
„Verzeihen Sie meine Wortwahl, Captain, aber ich meine, wir locken sie so weit hinein, daß kein Borgschiff von außen sie jemals wieder orten kann und zeigen es den Bastarden dann so gründlich, daß sie...“ Kazuki fing sich wieder und fügte in gemäßigterem Tonfall demütig hinzu: „Selbstverständlich nur, sofern sich das ohne ernsthafte Gefährdung des Schiffes be-werkstelligen läßt.“
„Das wollte ich hören. Wir lassen uns allmählich zurückfallen, so als ob unsere Navigations-systeme nicht mit höherer Geschwindigkeit durch das Feld manövrieren können...“
„Was nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt ist,“ murmelte Merven und fing sich dadurch einen bösen Seitenblick von Lennard auf.
Dieser fuhr nun fort: „Also machen wir alles bereit für Phase zwei. Das muß jetzt alles ganz schnell gehen, bevor sie Zeit haben zu reagieren. Vor allem müssen wir tief genug ins Innere des Asteroidengürtels und danach schnell genug wieder aus der Gefahrenzone heraus, was meiner Meinung nach der schwierigste Teil dieser Operation ist.“
„Dann wollen wir mal.“ Kazuki feuerte eine der beiden kleinen Phaseremitter auf den Borg-würfel, dieser schirmte jedoch den Strahl ab. „Wie wir es vermutet haben; sie haben sich auf das Phaserfeuer eingestellt. Also kommunizieren die verschiedenen Kollektive miteinander.“
„Schießen Sie sporadisch weiter,“ verfügte Lennard und beobachtete, wie Kazuki ab und zu einen kurzen Phaserstoß auf ihren Verfolger richtete, während sie immer weiter hineinflogen und sich zwischen den Felsbrocken hindurchschlängelten.
Nach etwa einer Minute reagierten die Borg und feuerten einen Strahl auf sie ab, der die UTS der Fairchild schwach erschütterte. Nach einigen Sekunden brachen die Vibrationen plötzlich ab. Als Lennard den Hauptbildschirm auf Sicht nach hinten schalten ließ, sah er auch, wieso.
Mitten auf der Frontfläche des Würfels gab es zwei kleine Explosionen, wo Gesteinsbrocken den Deflektorstrahlen des Schiffes entgangen waren und in die Struktur der Außenhaut ein-geschlagen waren. Der Würfel fiel für einige Sekunden zurück und nahm dann wieder sein ur-sprüngliches Tempo auf. Sie unternahmen jedoich keinen Versuch mehr, ihr Ziel zu be-schießen.
Lennard sah Kazuki an, der ein wenig grinste. „Ich weiß, was Sie denken, Onue. Wir sollten das jedoch genauer wissen. Verstärken Sie das Feuer.“
„Aye, Sir.“ Wie sie sich gedacht hatten, reagierten die Borg nicht mehr auf ihr Feuer, obwohl sie jetzt öfter auf sie schossen und dazu sogar die leistungsstärkeren ringförmigen Phaserbänke, welche auf einem Radius der elliptischen Untertasse entlang verliefen, einsetzten. Dafür gab es nur zwei Erklärungen.
Erstens die, daß sie immun gegen ihre Phaserstöße waren, was sicherlich keine falsche An-nahme war.
Oder zweitens, was Lennards Meinung nach ebenso zutraf, daß sie keine Ressourcen mehr für einen Beschuß erübrigen konnten, weil diese vollständig durch die Räumung ihres Flugweges gebunden waren. Sie mußten alles, was sie erübrigen konnten, zur Ablenkung und Beseitigung von Asteroiden einsetzen.
„Kommt der große Planetoid bald, Mr. Merven?“ wollte Lennard mit einem Seitenblick auf seine Kontrolldisplays wissen.
„Noch etwa dreißig Sekunden, bis er in Sicht kommen sollte,“ war die Antwort des jungen Trill.
„Brücke an Shuttlehangar. Alle Mannschaften auf Bereitschaft gehen, es ist gleich soweit.“
„Verstanden, Captain, bei uns ist alles in Ordnung. Shuttlehangar Ende.“
Nach diesem kurzen Dialog legte sich die UTS nochmals zur Seite und passierte eine Lücke zwischen zwei kilometergroßen Felsen, zwischen denen sie quer nicht hindurchgekommen wären. Dann sahen sie ihr nächstes Ziel, einen Planetoiden mit einigen hundert km Durch-messer. Merven hielt auf den rechten Rand des großen Felskörpers zu und beschleunigte beständig, da nun weniger große Brocken in ihrer Flugbahn lagen. Alles Kleinere in der un-mittelbaren Nähe dieses Monstrums aus Metallerzen und Gestein wurde von dessen Anzieh-ungskraft auf ihn hinabgezogen, weshalb dessen Oberfläche auch mit Einschlagkratern aller Größen übersät war.
„Das könnte eng werden,“ murmelte Darrn mit Blick auf die Borg, die jetzt ebenfalls wieder an Fahrt aufnehmen konnten, nachdem sie ein ganzes Stück zurückgefallen waren, da sie nicht durch die von ihnen durchflogene Engstelle gepaßt hatten und sich einen anderen Weg hatten suchen müssen. Sie kamen gerade in das relativ freie Umfeld des Planetoiden, als die UTS der Fairchild dessen Horizont umflog und hinter ihm verschwand.
Merven beschleunigte weiter, während sie das große Hindernis umrundeten und auf das ent-fernte Ende des freien Raumes zuhielten. In dieser Zeit öffneten sich die Tore des Haupt-shuttlehangars und entließen insgesamt zehn Personen- und Frachtshuttles, welche sofort be-schleunigten und sich vor ihr Mutterschiff setzten. Aufgrund ihrer sehr geringen Größe konn-ten sie natürlich viel schneller und agiler in diesem Asteroidengürtel manövrieren. Innerhalb von Sekunden waren sie vor ihnen in das dichte Trümmerfeld eingetaucht und aufgrund des hohen Erzgehaltes der Gesteinsrocken nicht mehr zu orten, wenn man nichts von deren Existenz ahnte und konkret nach Plasmaspuren der Impulsantriebe scannte. Und da der große Planetoid hinter ihnen, an dessen Rand jetzt der Borgwürfel erschien, ebenfalls jede Ortung abgeschirmt hatte, war die unbemerkte Ausschleusung der Shuttles gelungen.
Die Borg beschleunigten ebenfalls und schossen auf sie, konnten jedoch nicht mehr viel aus-richten, da sich ihre schlanke Untertassensektion bereits wieder zwischen die ersten größeren Felsen des Asteroidenfeldes schob und so aus der direkten Schußinie geriet.
„Die Borg kommen wieder näher, Sir,“ meldete Darrn, „müssen aber bereits bremsen, da das Feld wieder dichter wird.“
„Noch etwa zehn Sekunden, dann koordinieren Sie die Aktion, Mr. Darrn.“
„Aye, Captain,“ bestätigte der Klingone und beobachtete auf einer Anzeige seines Paneels, wie die Abstände zwischen den Gesteinsklumpen allmählich kleiner wurden. Dann sah er auf die Anzeige, die den Abstand zu den Borg betraf und langsam kleiner wurde.
Nachdem sie zwischen drei großen Brocken durch eine mehrere km breite Lücke geflogen waren, aktivierten sie ihren Traktorstrahl am Heck der UTS, mit dem sie normalerweise anfliegende Shuttles in den Haupthangar bugsierten. Mit ihm peilten sie beinahe im Sekun-dentakt Gesteinsbrocken von bis zu zehn Metern Durchmesser an und zogen diese hinter sich in die Bahn des herannahenden Borgschiffes, das in diesem Moment durch die Lücke stieß, die sie eben hinter sich gelassen hatten.
Gleichzeitig vollführten die Shuttles dasselbe Manöver mit zusätzlich für extra diesen Zweck angebrachten Traktorstrahl-Projektoren und kleineren, metergroßen Felsen.
Dadurch sahen sich die Borg völlig unerwartet mit einem regelrechten Bombardement von Asteroiden konfrontiert, welches sie nicht mehr bewältigen konnten und so hilflos direkt hin-einrasten in dieses von ihnen gelegte natürliche Minenfeld.
Es mußten wohl hauptsächlich stark metallhaltige Objekte sein, denn sie schlugen an beinahe zwei Dutzend Stellen wie riesige Kanonenkugeln in die Stirnfläche des Kubus ein, wobei sie schwere Schäden und mehrere heftige Explosionen verursachten. Das Kollektiv wurde lang-samer, versuchte aber mit unmenschlicher Hartnäckigkeit weiterhin, ihnen zu folgen. Nach kürzester Zeit jedoch, als sich die Bedienungsmannschaften der Traktorstrahlen an Bord der Shuttles und der UTS erst einmal so richtig ‘eingeschossen’ hatten und den beinahe hilflosen Verfolger nunmehr mit einem Trommelfeuer von Gesteinstrümmern eindeckten, mußten die Borg wohl oder übel zurückstecken.
Da sie so viel größer waren als ihr Gegner, konnten sie nicht so schnell navigieren wie diese, mußten mehr Hindernisse aus der Flugbahn räumen und konnten es ihnen auch nicht mit gleicher Münze zurückzahlen, da sie ja vor ihnen herflogen. Die Föderationsschiffe mußten die Brocken nur geringfügig beschleunigen, so daß diese bis in die Bahn der Borg hineintrieben, was für einen Zusammenstoß bereits genügte. Die Borg hingegen waren nun derart intensiv mit der Ablenkung der vielen Hindernisse beschäftigt, daß sie unmöglich auf die verschiedenen kleinen und sich schnell bewegenden Ziele feuern konnten, um die Quelle der Bedrohung zu beseitigen.
Als der Traktorstrahl der Fairchild einen besonders großen, stark länglichen Klumpen erfaßte und in Rotation versetzte, zeigte dieser während der Erfassungsphase der Borgdeflektoren dem Würfel gerade seine kleinste Oberfläche, drehte sich dann aber und schlug querliegend mit einer Länge von über fünfzig Metern in die Front ein. Als der Würfel daraufhin vibrierte und stehenblieb, zog die UTS in einer weiten Linksschleife durch das Feld und wies alle Shuttles an, in der Nähe des Feindes hinter größeren Brocken in Stellung zu gehen und auf das Kommando vom Mutterschiff zu warten.
„Volle Energie auf die Frontdeflektoren. Mr. Kazuki, laden sie den Torpedolauncher. Wir wa-gen einen nahen Vorbeiflug.“ Lennard studierte ihre Flugbahn und rief dann: „Diesen dort!“
Sie flogen auf den Borgwürfel zu und benutzten ihren Frontdeflektor, um einen weiteren großen Felsbrocken auf das gegnerische Schiff zuzuschieben. Was sie jetzt vorhatten, war fast schon wie bei einer Breitseite in einer mittelalterlichen Seeschlacht, nur mit dem Unterschied, daß ihr Schiff selbst die fünfzig Meter große Kanonenkugel auf ein Tempo von etwa vier-hundert Stundenkilometern brachte, bevor es abdrehte und beim Wegfliegen mit dem Torpedolauncher der UTS, der in der Schnittstelle zur Maschinenhülle lag, nur im getrennten Modus freilag und nach hinten feuern konnte, dem Feind eine Vierersalve Quantentorpedos hinterherschickte.
Das natürliche Geschütz konnte von den Deflektoren der Borg noch etwas abgelenkt werden, schlug dann aber in eine Ecke ein, drang tief in die Struktur des Würfels ein und trat an einer anderen Fläche wieder aus, wobei es eine Menge Material aus dem Inneren mit sich riß. Eine grelle, grünlichgelbe Stichflamme schoß aus der Öffnung hinaus ins All, einen Moment bevor die Torpedos ankamen. Sie schlugen nun nahezu ungehindert in die Struktur des feindlichen Schiffes ein und verursachten zusätzliche schwere Beschädigungen, die sich durch weitere Plasmaexplosionen zeigten.
„An alle Shuttles: Feuer frei!“ rief Lennard.
Die kleinen Raumschiffe, von denen jedes über Nacht mit einem Quantentorpedo unter dem Rumpf ausgerüstet worden war, zeigten sich nun und feuerten ihre militärische Nutzlast fast gleichzeitig ab. Die Quantentorpedos wurden zwar nicht so schnell beschleunigt, als wenn sie von einer Abschußröhre mit magnetischen Querschnittsverengern heraus gestartet worden wären, aber ihre Marschtriebwerke genügten doch vollauf für die Distanz von wenigen Dutz-end km innerhalb des engen Asteroidenfeldes. Innerhalb weniger Sekunden schlugen alle zehn Explosivgeschosse ein und besiegelten das Schicksal ihres Gegners.
„Rückzug nach Plan,“ befahl Lennard und ließ Kazuki noch eine Salve Torpedos abfeuern, bevor sie mit zunehmender Geschwindigkeit aus dem Feld hinaus auf den offenen Raum über sich zusteuerten. Etwa zehn Sekunden später gab es hinter ihnen einen grellweißen Lichtblitz, als das Borgschiff explodierte und durch die Detonation eine Kettenreaktion sich gegenseitig anstoßender Asteroiden auslöste, der sie nur knapp entkamen.
Als allen auf der Brücke klarwurde, daß sie die unmittelbare Gefahr überstanden hatten, brach Jubel aus. Allen war die Erleichterung anzusehen, daß sie diese schwere Prüfung gemeistert hatten.
„Ich nehme Kurs auf unseren Treffpunkt, Sir,“ sagte Merven und schwenkte die Primärhülle der Fairchild um etwa neunzig Grad, um zwischen zwei riesigen, kantigen Asteroiden hin-durchzugleiten. Man konnte beinahe mit bloßem Auge zusehen, wie die Dichte des kosmi-schen Trümmerfeldes stetig abnahm. Es war nicht mehr weit bis zu den Koordinaten, die sie vereinbart hatten.
„Ich hoffe nur, die Counselor hat sich im Zaum gehalten,“ brummte Darrn mißmutig. Ihm hatte die Tatsache, daß Kall an den Navigationskontrollen der Kampfsektion saß, keinen Moment lang zugesagt. „Ansonsten wird das ein sehr, sehr langer Heimflug.“
„Ich weiß selbst, daß wir ohne Warpantrieb tagelang bis zum Wurmloch zum Gamma-Quad-ranten brauchen würden, ganz zu schweigen von dem jahrelangen Flug durch das Territorium des Dominion zum Bajoranischen Wurmloch hin. Aber das muß Sie wirklich nicht sorgen, da die Borg uns in weniger als einer Stunde mit ziemlicher Sicherheit im freien Raum eingeholt hätten.“
„Danke, daß Sie mich daran erinnert haben, Sir. Damit bliebe uns nur die Option, uns solange in den Tiefen dieses Asteroidenfeldes zu verbergen, bis uns die Vorräte ausgehen oder die Borg uns zufällig aufspüren.“ Der Klingone knurrte bei dem Gedanken, von den Borg assimiliert zu werden. So weit würde er es nie kommen lassen, das schwor er sich insgeheim.
„Oder die Föderation Entsatz sendet, um uns zu suchen,“ bot Merven eine weitere Möglichkeit an.
„Im Delta-Quadranten? Sie reden wie ein betrunkener alter Narr, der sich selbst Hoffnung einredet, wo keine existiert, Lieutenant.“
„Verzeihen Sie, Sir, das war nicht meine Absicht.“ Der Conn warf seinem Sitznachbarn noch einen letzten befremdeten Seitenblick zu und sagte dann nichts mehr.
Sie gelangten zum letzten großen Planetoiden, der noch die Sicht auf ihren Treffpunkt ver-sperrte. Mit klopfendem Herzen starrten alle auf den Hauptmonitor, als sie den Kleinstplaneten umrundeten.
Der Raum vor ihnen war leer.



Totenstille auf der Brücke.
„Das muß nicht zwingend bedeuten, daß sie es nicht geschafft haben, Captain,“ bemerkte Ka-zuki mit leiser Stimme. „Vielleicht haben sie einfach nur ein wenig länger gebraucht oder...“
Merven unterbrach aufgeregt: „Ich empfange ein sich näherndes Signal genau hinter uns! Es ist nur ein Echo, da der Planetoid das direkte Signal abschirmt, kommt aber langsam näher. Es ist exakt auf dem Kurs, auf dem wir gekommen sind. Gleich tritt es hinter dem Asteroid hervor.“
„Mr. Kazuki...“
„Torpedolauncher ist geladen, Captain. Bereit zum Feuern.“ Kazuki flüsterte beinahe, so als ob der Feind ihn hören könnte, wenn er lauter spräche. Es wäre direkt zum Lachen gewesen, wenn die Lage nicht so gespannt wäre.
Dann konnte man am rechten Horizont ein bläulichweißes Schimmern erkennen. Lennard rief augenblicklich: „Nicht schießen! Warten Sie noch.“
Als die vertraute und doch so ungewohnte Silhouette ihrer Maschinenhülle auftauchte, ging ein kollektives Aufatmen der Erleichterung durch die Brücke.
„Wie können die es wagen, uns so einen Schrecken einzujagen?“ wollte Merven lachend wissen.
„Das ist garantiert Counselor Kalls Pragmatismus. So wie ich sie kenne, wird sie wohl be-haupten, daß sie keine Zeit verschwenden wollte und deshalb gleich von hinten anflog, um ohne Verzögerung andocken zu können.“ Lennard mußte wider Willen schmunzeln.
Voller Stopp, Mr. Merven. Lassen wir sie gewähren.“
„Aye, Sir.“ Merven ließ die UTS nun treiben und überließ damit Kall den Rest des Andock-manövers. Er beobachtete, wie die Maschinenhülle langsam auf sie zuglitt. Dann kniff er die Augen zusammen und spähte auf einen Teil am Übergang von der Verbindungssektion zum eigentlichen Sekundärrumpf.
„Was ist denn das für ein grünvioletter Fleck auf der Außenhülle?“
„Was meinen Sie?“ wollte Lennard wissen.
„Dort, auf Höhe des Hauptdeflektors, genau hinter dem Andockkragen bei der Luftschleuse. Oh, zu spät.“ Das Schiff war bereits zu nahe und aus dem Erfassungsbereich der hinteren Ka-meras hinausgeglitten.
„Wird wohl nichts weiter gewesen sein,“ wiegelte Merven ein wenig peinlich berührt ab. „Meine Augen haben mir wohl einen Streich gespielt.“
Lennard beruhigte ihn: „Keine Sorge, Conn, Sie werden gleich abgelöst. Sie haben Ihre Sache gut gemacht.“
„Danke, Sir,“ murmelte der junge Trill müde, aber zufrieden.



Sobald sie die beiden Sektionen der Fairchild zusammengefügt hatten, rief Lennard die Kampfbrücke über Interkom: „Hauptbrücke an Kampfbrücke: wir übernehmen hiermit wieder die Kontrolle über das gesamte Schiff. Melden Sie sich bitte umgehend hier. Lennard Ende.“
Kaum zwanzig Sekunden später öffnete sich der Notfall-Turbolift, der ausschließlich die Kommandozentralen beider Schiffssektionen miteinander verband. Heraus kam die gesamte Besatzung der Kampfbrücke.
Leardini richtete sich auf und nahm Haltung an: „Melden uns zurück an Bord, Captain. Die Kampfbrücke räumen wir später auf.“
Unter allgemeinem Gelächter und Gejohle der beiden Brückencrews nahmen die Senioroffi-ziere wieder ihre Posten ein. Lennard sah mit in die Hüften gestemmten Fäusten auf seine Erste Offizierin herab und schüttelte nur den Kopf.
„Ihr habt wohl eine Menge Spaß gehabt?“
„Sicher nicht soviel wie ihr, da gehe ich jede Wette ein.“ Sie strahlte ihn glücklich an.
Er zuckte mit den Achseln. „Eigentlich hatten wir keine ernsten Schwierigkeiten. Wie hat sich Sam gehalten?“
„Vorbildlich. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft, das steht fest. Ich werde sie für eine Aus-zeichnung vorschlagen, wenn wir die Mission beendet haben.“
„Das meinst du nicht ernst, oder?“ Als ihm aufging, daß das sehr wohl ihr Ernst war, klappte seine Kinnlade nach unten. „Was... was hat sie...?“
„Sieh’ dir nachher doch die Aufzeichnung der Logbücher an. Jetzt muß ich zuerst etwas mit dir besprechen.“ Sie wollte ihn in den Bereitschaftsraum geleiten, er hielt sie jedoch unauffällig zurück, bevor er sich an Vakuf an der Conn wandte.
„Wie lange noch, bis das nächste Borg-Schiff im System eintrifft?“
„Etwas über sechs Minuten, Sir. Ich steuere so schnell wie möglich aus der Peripherie des Asteroidengürtels heraus und nehme Kurs auf den siebenten Planeten.“
„Das schaffen wir mit maximalem Impulsantrieb nicht. Können Sie risikolos auf Warp zwei gehen?“
„Bestimmt, Sir.“ Vakuf rechnete im Kopf nach. „Es wird knapp, ist aber zu schaffen.“
„Dann los. Informieren Sie mich, wenn wir Borgson VII erreichen. Die Commander will mir gerade etwas mitteilen.“ Und damit zog Leardini ihn förmlich in den Bereitschaftsraum hinein.
Kall sah auf den nächsten Chronometer. „Mal sehen, ob das zu schaffen ist.“
„Counselor, nicht so laut!“ zischte Kazuki hinter ihr.
„Verzeihung,“ murmelte sie daraufhin, auch wenn ihr unschwer anzusehen war, daß sie das nicht so meinte.


- 7 -

„Wir erreichen den Orbit von Borgson VII, Captain,“ meldete Vakuf über Interkom dem Captain. Sie sah über die Schulter zu Kall und zog eine ihrer diagonal verlaufenden Augen-brauen nach oben.
Im nächsten Moment erschienen die beiden ranghöchsten Offiziere der Fairchild auf der Brücke. Man konnte ihnen keine Veränderung ansehen. Lennard ging mit weit ausholenden Schritten voran und hielt auf seinen Sitz zu. „Was wollen Sie dort im Orbit, Mrs. Vakuf? Führen Sie den Plan durch.“
„Selbstverständlich, Sir. Bitte verzeihen Sie,“ beeilte sich Vakuf zu sagen.
Kall beugte sich nach hinten und flüsterte Kazuki zu: „Wie machen sie das bloß?“
Äußerst selbstzufrieden entgegnete der taktische Offizier: „Wissen Sie, Sam, wenn Sie das eines Tages herausfinden, bekommen Sie vielleicht auch ein Kommando. Aber solange Sie solche Einlagen nicht draufhaben...“
Leicht gekränkt wandte sie sich daraufhin nach vorne... und sah auf dem Hauptschirm, wie sie auf die Atmosphäre von Borgson VII hinabstürzten.
„Äh, Captain, gehört das zum Plan?“ fragte sie mit einem schwachen Anflug von Ironie.
Er grinste darauf schelmisch. „Ach, das vergaß ich ja völlig, Ihnen gegenüber zu erwähnen! Wie ungeschickt von mir.“
„Wir werden alle älter,“ brummte sie daraufhin frech und unwirsch. „Was ist das also für ein Plan?“
„Warum lehnen Sie sich nicht zurück, entspannen sich und sehen einfach zu?“ gab er genüß-lich zurück und beobachtete die orangeroten Wolkenformationen des Planeten der Klasse A, einem Gasriesen ohne substantielle Oberfläche und mit geringer Restwärmeabstrahlung aus dem Inneren, noch von der Entstehung dieser Welt herrührend. Jetzt, da sie immer dichter herankamen, waren auch gelbliche, rote und sogar weiße Wolkenbänder auszumachen, was den Planeten vom Aussehen her dem Jupiter im Sol-System sehr ähnlich scheinen ließ.
„Wir verlangsamen und treten in zehn Sekunden in die obersten Atmosphärenschichten ein. Der uns verfolgende Borgwürfel tritt in das System ein und geht unter Warp. Er kommt mit dem anderthalbfachen unseres vollen Impuls auf unsere Position zu,“ berichtete Vakuf.
„Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie als gemeinsamer Verstand den Kontakt zu zwei ihrer Kollektive verloren hätten?“ fragte Lennard die Schiffsberaterin.
„Mit Bestimmtheit unwohl, unsicher, ich würde wissen wollen, warum mein anderer Teil nicht antwortet. Und bis ich es herausgefunden hätte, würde ich sehr vorsichtig handeln. Ohne eine gewisse Provokation würde ich nichts Gewagtes unternehmen.“ Automatisch kam diese Einschätzung aus ihr herausgesprudelt und zeigte Lennard, daß sie trotz aller Geschehnisse nach wie vor eine kompetente und erfahrene Counselor war.
Sie schloß die Augen und schien ihren Geist nach innen zu kehren. „Dieses Mal kann ich sie spüren, auch wenn es sehr fremdartig ist... mit nichts zu vergleichen, was ich bisher erlebt habe. Viele schwache Stimmen, die eine unscharfe mentale Artikulierung haben, aber doch alle das gleiche zu denken scheinen. Sie erwägen offenbar gerade die Lage und überlegen sich ihren nächsten Schritt.“
„Wir erreichen die Atmosphäre und tauchen ein, Captain. Ich verlangsame auf zweitausend km/h und leite Warpenergie zur Verstärkung ins SIF.“
„Danke, Mrs Vakuf. Unsere strukturelle Identität ist momentan jedoch unser geringstes Prob-lem. Mr. Kazuki.“
„Aye, Captain.“ Mehr sagte der Japaner nicht, bevor er einen Phaser auf die herannahenden Borg abschoß und sie auch traf, aber natürlich keine Wirkung zeigte. Kall krallte sich völlig erschrocken in die Armlehnen ihres Sessels und zischte: „Was tun Sie da, zum...?“
„Haben Sie nicht gerade etwas von Provokation gesagt, Mrs. Kall? Ich habe eben nicht so genau zugehört.“ Bei diesem lässigen Kommentar grinste der Sicherheitschef der Fairchild von einem Ohr zum anderen, als habe er nicht alle Tassen im Schrank.
Als ihr Blick dann auf die sichtlich amüsierten Kommandeure neben sich fiel, ging ihr auf, daß sie sich über Kalls Unkenntnis ihres Vorhabens lustig machten. Eingeschnappt sagte sie darauf mit über der Brust gekreuzten Armen: „Gut, ich habe verstanden.“
„Die Borg feuern auf uns. Keine Wirkung. Jetzt setzen sie ihren Traktorstrahl ein... sie können uns nicht halten. Oh, ich liebe diese Schilde.“ Kazuki war richtiggehend verzückt und schien vor Bewunderung über ihre vom Ewigen von Alnilam verbesserten metaphasischen Schilde beinahe den Ernst ihrer Lage zu verkennen.
„Wir bremsen ab auf eintausend km/h und halten Kurs, tauchen aber in flachem Winkel tiefer ein in die Wolkenschichten. Sobald wir vom freien All aus nicht mehr zu sehen sind, gehen wir auf einhundert km/h herunter und fliegen Ausweichmanöver,“ ordnete Lennard an.
„Aye, Sir,“ bestätigte Vakuf und fügte hinzu: „Wenn die Borg den Gesetzen der Logik folgen, gehen sie davon aus, daß wir glauben, uns ihrer Erfassung entzogen zu haben, obwohl sogar wir ein Objekt unter diesen Voraussetzungen problemlos orten könnten. Das können sie na-türlich nicht wissen, sodaß sie annehmen werden, daß wir uns nun sicher fühlen und versuchen, sich vorsichtig von hinten an uns heranzupirschen, um uns zu überrumpeln.“
„Ich danke Ihnen, Mrs. Vakuf, das klingt wie Musik in meinen Ohren,“ bemerkte Lennard.
„Ich wollte meiner Stimme keineswegs einen melodischen Unterton verleihen, Sir. Meine Absicht war lediglich, Ihnen klar und kurz umrissen...“
Lennard unterbrach sie amüsiert: „Das war nur eine irdische Redewendung, Lieutenant Com-mander. Aber von diesem kleinen Mißverständnis abgesehen war ihr Kommentar schon kor-rekt. Mr. Darrn, was macht unser spezieller Frachtraum?“
„Alles bereit zum Einsatz, Sir,“ antwortete der klingonische Ops-Offizier.
„Status des Borgschiffes?“
Vakuf antwortete: „Abstand fünfzig km, langsam näherkommend.“
Lennard überlegte kurz und ordnete dann an: „Mr. Kazuki, senken Sie die Schilde.“
Kall sprang alarmiert auf: „WAAAS?“
Leardini ergriff ihre Schulter und drückte sie mit sanfter Gewalt zurück auf ihren Sessel. „Ruhig Blut, Sam. Der Captain weiß schon, was er tut.“
Völlig konsterniert stammelte sie: „Das hoffe ich.“
„Beginnen Sie, Mr. Darrn,“ fuhr Lennard fort und wartete, bis der Angesprochene bestätigt hatte.
„Sir, die Borg haben bemerkt, daß wir unsere Schilde gesenkt haben und beschleunigen.“ Vakufs Stimme war völlig sachlich, trotz der Bedeutung ihrer Aussage. Kall indes schluckte hart, während sich auf ihrer Stirn einzelne Schweißperlen bildeten und ihre Augen unruhig von einem zum anderen huschten.
„Ich bin fertig, Sir,“ meldete Darrn, indem er zu Kazuki hintersah.
„Noch fünf Sekunden... vier...drei... zwei... eine... jetzt!“
Lennard rief: „Schilde hoch! Feuern sie einen Photonentorpedo auf die Borg.“
Während Kazuki seine Befehle befolgte, fragte Kall ratlos: „Einen einzigen Torpedo, noch dazu einen alten nach dem Photonenprinzip? Was kann der schon bewirken?“
Hinter ihnen ereignete sich eine gewaltige Detonation und ließ einen ungewöhnlich großen Teil der Atmosphäre aufleuchten. Die Fairchild beschleunigte und schoß gleichzeitig drei Quantentorpedos aus dem Hecklauncher in das Zentrum der Explosion, deren Druckwelle sie jetzt erreichte und leicht durchschüttelte.
Fassungslos starrte Kall auf den Hauptmonitor, der einen Blick nach hinten lieferte und beob-achtete den rückwärtigen Himmel, der förmlich zu brennen schien. „Was ist da nur gesche-hen?“
In diesem Augenblick kam der Borgwürfel aus dem Hölleninferno herausgetrudelt. Er trieb anscheinend steuerlos mit einer leichten Seitenneigung in ihre Richtung. Einen Moment später rasten die abgeschossenen Quantentorpedos in den riesigen Würfel hinein, als ob seine Außenhaut nicht existieren würde. Sie mußten wirklich tief eingedrungen sein, bevor sie de-tonierten, da der gesamte Würfel ohne Vorwarnung von innen heraus komplett auseinander-gerissen wurde. Glücklicherweise waren sie bereits ein ganzes Stück aufgestiegen und be-schleunigten stetig, so daß diese Druckwelle keine nennenswerten Auswirkungen mehr auf sie hatte.
Kall wandte sich nun Lennard zu: „Also gut, jetzt, da alles vorbei ist, könnten Sie mir ja viel-leicht verraten, was das war? Haben Sie den ganzen Planeten abgefackelt? So sah es jedenfalls aus.“
„So ähnlich. Wie Sie wissen, ist Borgson VII ein Planet der Klasse A, das heißt eine gasför-mige Welt mit geringer Restkontraktionswärme. Diese oberen Atmosphärenschichten setzen sich hauptsächlich aus Wasserstoff zusammen, mit einem kleinen Anteil gasförmiger einfacher Kohlenwasserstoffe wie Methan und Ethan sowie Spuren von Helium und Edelgasen. Wir hatten im hinteren Frachtraum der UTS große Mengen an Sauerstoff in Flüssigtanks gelagert, den wir in seinen gasförmigen Zustand überführt und durch extra für diesen Zweck präparierte Vorrichtungen in den Frachtraumtoren großflächig hinter uns zerstäubt haben. So haben wir eine riesige Wolke aus dichtem, explosiven Gasgemisch erzeugt, die wir dann nur noch zünden mußten, als die Borg hineinflogen. Dadurch haben wir sie zwar nicht zerstört, aber ihre Verteidigungsanlagen wirkungsvoll neutralisiert. Den Rest haben die Torpedos besorgt.“
„Wem fallen bloß solche Tricks ein?“ meinte Kall bewundernd.
„Es ist vielleicht besser, wenn Sie nicht immer alles wissen, verehrte Counselor.“ Geheimnis-voll lächelte er sie an.



Keine Minute später hatten sie die äußeren Atmosphärenschichten verlassen und gingen sofort auf vollen Impuls. Nun steuerten sie genau auf die Koordinaten, bei denen das Wurmloch in den Gamma-Quadranten lag, zu. Es galt nicht länger, ihr wahres Ziel geheim zu halten, sondern genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich der Verteronenschlauch in einen anderen Teil ihrer Galaxie öffnete, dort anzukommen und hindurchzuschlüpfen.
„Wie knapp wird es werden, Mrs. Vakuf?“ wollte Lennard mit einem bangen Gefühl im Bauch wissen, während er neben der Conn stand und Vakuf über die Schulter sah.
„Ich fürchte, zu knapp. Wir werden zwei Sekunden nach Beginn des nächsten Zyklus eintref-fen, die nächsten vier Borgwürfel sind jedoch nur dreißig bis vierzig Sekunden hinter uns, wenn sie einen günstigen Abfangkurs anlegen.“
„Es wird in der Tat sehr eng werden. Jedenfalls werden wir es schaffen; was mit den Borg geschieht, geht uns dann nichts mehr an.“ Der Neuseeländer kratzte sich am Kinn und fügte betreten hinzu: „Hoffentlich.“
„Mr. Kazuki, machen Sie zwei Quantentorpedos abschußbereit,“ sagte Lennard mit einem Seitenblick auf den Sicherheitschef.
Mit erstauntem Gesichtsausdruck bestätigte Kazuki.
„Wenn wir kurz vor Eintritt ins Wurmloch stehen, schießen Sie die Torpedos hinein. Und stellen Sie sie auf maximale Detonationsverzögerung ein.“
„Was haben Sie vor, Captain?“ wollte Kall wissen.
Er antwortete: „Wir feuern die Torpedos durch das Wurmloch hindurch und lassen sie erst ex-plodieren, wenn sie im Gamma-Quadranten wieder ausgetreten sind. Auf diese Weise räumen wir eventuelle Hindernisse vor dem Ausgang aus dem Weg... wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Ich glaube schon,“ seufzte die Counselor.
Vakuf rief: „Wir sind da, Sir! Ich fahre den Impulsantrieb herab und schwenke auf den Öff-nungswinkel ein.“
Die Sterne auf dem Hauptbildschirm drehten sich rasch nach rechts oben weg, dann kamen sie wieder zur Ruhe. In diesem Moment feuerte Kazuki die Torpedos ab. Die blauweißen Lichtkugeln waren nur einen kleinen Augenblick lang zu sehen und öffneten dann den Verte-ronen-Schlauch. Einen weiteren Moment darauf waren sie im unendlich scheinenden Sternen-schlund verschwunden. Dann schloß das Wurmloch selbst sich wieder und ließ nur leeren Raum zurück.
„Die Borg sind in zwanzig Sekunden in Waffenreichweite, Sir,“ meldete Darrn, während sie sich auf die Position des Wurmloches zubewegten.
Dann öffnete sich der Eingang noch einmal und nahm sie auf. Die Fairchild stürzte in den ho-rizontalen Abgrund aus Sternen hinein und verschwand an dessen glühendem Ende mit einem grünlichweißen Aufblitzen.



Sie glitten am anderen Ende im Gamma-Quadranten aus dem Subraum-Phänomen heraus und mitten hinein in ein Chaos. Ein großes Schlachtschiff und die übliche Dreierstaffel der klein-eren Patroullienschiffe der Jem’hadar befanden sich unmittelbar vor ihnen.
„Roter Alarm! Alle auf die Gefechtsstationen.“ Lennard hastete zu seinem Sitz zurück und sah dabei auf dem Bildschirm, wie die gegnerischen Schiffe sich auf sie ausrichteten, als sie ebenfalls ihre Anwesenheit wahrnahmen.
„Schnell, durchbrechen. Voller Impuls!“ befahl Lennard und verfolgte gebannt das Ausweich-manöver der Fairchild, als diese sich stark beschleunigend zwischen zweien der kleinen Schiffe hindurchwand. Sobald sie die Umzingelung durchbrochen hatten, beschleunigten sie mit vollem Impulsantrieb und entfernten sich schnell.
„Blick nach hinten.“ Kaum hatte Lennard das gesagt, hatte Darrn den Monitor schon auf rück-wärtige Sicht eingestellt. Die Jem’hadar wendeten bereits, wobei der große Schlachtkreuzer natürlicherweise einiges länger brauchte. Offenbar hatten die Krieger des Dominion doch eine ausgedehntere Suche nach ihnen veranschlagt und hatten eventuell dabei die erhöhten Verteronenkonzentrationen an dieser Stelle aufgespürt. Und ausgerechnet jetzt mußten sie hier aufkreuzen! Die Patroullienschiffe feuerten bereits die ersten Energiewaffen auf sie ab.
Doch da sahen ein Aufblitzen hinter dem Schlachtkreuzer, als das Wurmloch sich erneut öffnete. Die kleinen Jem’hadar-Schiffe ließen sofort von ihnen ab, als ein riesiger grauer Würfel erschien und sich zunächst zu orientieren schien, bevor er sich dem Schlachtschiff zuwandte und es mit einem Strahl scannte. Lennard atmete unwillkürlich auf, als er sah, daß der Sondierungsstrahl der Borg die Schutzschilde der Jem’hadar durchdrang.
„Gehen Sie auf Warp neun, Kurs...oh!“ Der Kommandant brach mitten im Satz ab, als das Wurmloch nochmals erschien und weitere drei Borgschiffe in den Gamma-Quadranten entließ. Der Schlachtkreuzer begann inzwischen den ihn untersuchenden Würfel mit einer Art Photonentorpedo zu beschießen. Da die Borg jedoch untereinander Informationen austausch-ten, waren sie bereits auf diese Art des Beschusses vorbereitet und hatten ihre Abwehrsysteme darauf eingestellt.
„Kurs auf den Nebel, in dem die Flotte liegt! Warp neun, aber verändern Sie den Kurs ein wenig, sodaß er nicht direkt auf das Bajoranische Wurmloch weist und knapp an dem Nebel vorbeiführt. Es muß so aussehen, als wollten wir eigentlich daran vorbeifliegen und würden uns dann in die kosmische Wolke hineinflüchten, um uns zu verbergen.“
„Taktisch äußerst logisch, Sir,“ kommentierte Vakuf und leitete den Warp-Transfer ein, worauf die Gondeln grell aufblitzten und das Schiff sich für den Betrachter von außen scheinbar in die Länge zog, als es davonschoß und im schwarzen All einen hellen Stern in der Ferne bildete, der einmal kurz aufgleißte und dann verblasste.



An Bord der Fairchild schienen die Sterne an ihnen vorbeizurasen, doch zumindest auf der Brücke wußte momentan niemand die Schönheit dieses Anblickes zu würdigen. Dafür über-schlugen sich die Ereignisse momentan viel zu drastisch.
„Unglaublich! Alle vier haben es noch geschafft. Jetzt haben wir ein Problem,“ sagte Leardini bange.
„Momentan haben wohl eher die Jem’hadar Probleme,“ gab Kall zurück und konnte nicht umhin, laut zu seufzen. „Jetzt haben die militaristischen Elemente im Hauptquartier doch noch erreicht, was sie wollten.“
„Machen Sie sich keine Vorwürfe, Sam, wir haben wirklich alle Register gezogen, um sie ab-zuhängen. Leider haben die Borg es trotzdem noch geschafft. Alles, was wir jetzt noch tun können, ist, dafür zu sorgen, daß sie uns nicht noch weiter folgen und vor allem nicht das Wurmloch in den Alpha-Quadranten finden.“ Leardini war offenbar drauf und dran, aufzuste-hen, ihre Kollegin in den Arm zu nehmen und zu trösten. Und das, obwohl sie sie erst kurz zuvor noch betäubt hatte. Lennard bewunderte seine Freundin dafür, daß sie ihr das kein biß-chen nachtrug. Bestimmt dachte sie daran, wie sehr es Kall mit ihren teil-el’aurianischen Sinnen schmerzen mußte, diesen Verlauf der Dinge erleben zu müssen.
„Zwei der Borgwürfel nehmen die Verfolgung auf. Ich registriere auf den Langstreckenscan-nern nur noch eines der Patroullienschiffe und das große Schlachtschiff. Sie liefern sich ein ziemlich heftiges Gefecht. Das dritte der kleineren Jem’hadar-Schiffe ist jetzt ebenfalls ver-schwunden. Das dritte Borgschiff nimmt jetzt auch Kurs auf uns.“ Vakufs Stimme ließ nicht den leisesten Hauch von Unsicherheit erkennen.
„Beschleunigen Sie auf Warp 9,9 und halten Sie den Kurs.“
„Aye, Sir,“ bestätigte die Navigationsoffizierin und beschleunigte das Schiff um beinahe ein weiteres Drittel ihrer bisherigen Geschwindigkeit.
„Das wird schwer werden, Leute. Vor uns ist die Flotte des Dominion und hinter uns kommen die Borg. Ich weiß nicht, ob es eine sehr gute Idee ist, unsere beiden Feinde aufeinander los-zulassen, doch momentan haben wir, so fürchte ich, kaum eine andere Wahl. Bis jetzt sind vier der Kollektive in das Gebiet des Dominions eingedrungen, aber wir müssen davon ausgehen, daß sie weitere Verstärkungen herholen, sobald das Wurmloch sich das nächste Mal öffnet,“ führte Lennard aus.
„Damit könnten Sie Recht haben, Captain,“ wandte Darrn ein, „wenn ich die Daten richtig in-terpretiere, die ich hier erhalte. Demnach haben sie alle Jem’hadar-Schiffe zerstört, lassen je-doch eines ihrer Schiffe am Eingang des Wurmloches zurück. Sobald sich dieses das nächste Mal öffnet, könnte es zurück in den Delta-Quadranten fliegen und dort weitere Kollektive aufbringen.“
„So weit muß es gar nicht gehen,“ meldete sich Wuran zum ersten Mal seit geraumer Zeit wieder zu Wort. „Ich messe hier hochenergetische Energieimpulse, die vom Kubus aus mit sehr hoher Warpgeschwindigkeit in Richtung Delta-Quadrant abgestrahlt werden. Die Signale sind um ein Vielfaches schneller als unsere Subraumimpulse; offenbar haben sie so eine Art Interplex-Bake entwickelt, um über große Entfernungen ohne die Verwendung von Subraum-Relaisstationen zu kommunizieren.“
„Was läuft noch alles schief?“ fragte sich Kall beinahe verzweifelt. Sie ließ nicht mehr sehr viel von ihrer Stärke und Entschlossenheit erkennen, was wohl daran lag, daß sie dies alles viel intensiver empfand als alle anderen.
„Eines jedenfalls nicht,“ beruhigte Vakuf sie, „die uns verfolgenden Borg fallen zurück. Zwar nur unwesentlich, aber doch deutlich meßbar; ihre Geschwindigkeit beträgt etwas unter 3000c. Unser Vorsprung beträgt momentan etwa 17 Lichtstunden und wächst langsam an.“
„17 Lichtstunden?“ rief Kall unglücklich. „Das sind bei unserem Tempo nicht einmal zwanzig Sekunden, wenn wir unter Warp gehen.“
Erstaunt über ihre Kopfrechenkünste, erwiderte Leardini: „Dann beten Sie lieber, daß unsere Warpspulen Warp 9,9 aushalten, bis wir die Wolke erreichen.“
Kall verlor etwas Farbe im Gesicht, doch Vakuf merkte beinahe sofort an: „Ich würde mir da keine Sorgen machen. Wir sind doch bereits ganze drei Wochen ohne technische Komplika-tionen mit diesem Tempo durch von Klingonen besetztes Gebiet geflogen. Die Chancen, daß auf diesem Flug von knapp neunzehn Stunden ein System versagt, ist äußerst gering. Zudem hat Lieute... Verzeihung, Commander Nidor dafür gebürgt, daß eine Dauergeschwindigkeit von Warp 9,9 problemlos durchführbar ist.“
„Natürlich, die vulcanische Unfehlbarkeit hatten wir total vergessen. Sie müssen entschuldigen, daß wir das nicht berücksichtigt haben; das muß wohl am Streß liegen,“ entgegnete Leardini hämisch.
„Und Sie stehen wohl auch unter solchem, Commander,“ fuhr Lennard barsch dazwischen. „Ich schlage vor, Sie beenden Ihren Dienst jetzt sofort und denken über eine Methode nach, den Streß abzubauen, ohne andere Brückenoffiziere miteinzubeziehen. Oder soll ich vielleicht mein gutes altes Warnprogramm anschalten? Sie wissen sicher, was ich meine.“
Einen Moment funkelte sie den Captain wütend aus zusammengekniffenen Augen an, dann senkte sie jedoch den Kopf und murmelte: „Sie haben ja recht, Captain. Es tut mir leid, Gora, ich habe das nicht so gemeint. Ich gehe in mein Quartier.“
„Eine weise Entscheidung, Numero Uno. Roten Alarm aufheben, erhöhte Alarmbereitschaft aufrechterhalten. Ich werde noch bis zum Ende der Beta-Schicht in meinem Bereitschaftsraum bleiben und mir Gedanken zu unserem weiteren Vorgehen machen. Counselor, übernehmen Sie die Brücke.“ Lennard nickte ihr gönnerhaft zu und erhob sich.
Sie sandte ihm einen dankbaren Blick zu und nahm in dem Sessel Platz, von dem sie vor Kur-zem noch gedacht hatte, daß sie nie mehr in ihm sitzen würde. Zufrieden lächelnd räkelte sie sich kurz in den Polstern und lehnte sich dann zurück. Damit war sie anscheinend wieder voll rehabilitiert.
Nun ja, noch nicht ganz. Aber das würde sich schon einrenken.
Ihr Lächeln verbreiterte sich.



„Sie haben was gemacht?“ fragte Lennard ratlos.
„Es ist mir ein Rätsel, wenn ich ehrlich sein soll,“ antwortete Vakuf. „Seit achtzehn Stunden fliegen Sie hinter uns in exakt der gleichen Dreiecksformation her. Von ihnen geht eine hohe Subraumaktivität aus, aber auf einem so starken Niveau, daß wir es mit unseren Instrumenten kaum noch messen können. Es scheint, als ziehen sie eine Schleppe hinter sich her, jedoch in einer extrem tiefen Subraumschicht - falls es überhaupt noch etwas mit dem Subraum zu tun hat. Es ist schwer zu bestimmen unter diesen Voraussetzungen.“
„Schon gut, Mrs. Vakuf. Dann stelle ich mir jetzt vor, ich wäre ein Borg... nein, die Borg, wenn ich von einem kollektiven Bewußtsein ausgehe. Wir haben dieses seltsame kleine Raumschiff verfolgt, das uns objektiv gesehen unterlegen ist, jedoch über ungewöhnlich ef-fektive Schutzschilde, Marschflugkörper und einen recht flotten Antrieb verfügt. Plötzlich durchquert es eine Subraum-Anomalie und konfrontiert uns mit einer anderen Spezies, deren Technik anderen Ursprungs ist, sogar auf vielen Gebieten fortgeschrittener als bei dem ur-sprünglichen Ziel. Für uns Borg eine fette Beute.
Wir kümmern uns also um die ersten paar dieser Schiffe und folgen dann dem Primärziel, um unser Streben nach Assimilierung fortzusetzen. Als wir merken, daß sie auf diesen Nebel zusteuern, scannen wir diesen und versuchen uns ein Bild von ihm zu machen, können aber dessen Materie nicht durchdringen.“
Vakuf fuhr fort: „Aber dann registrieren sie die vielen starken Warp-Signaturen, die aus dem Nebel herausführen und denken sich: das muß eine ganze Flotte sein, die zu assimilieren eine lohnende Sache zu sein scheint. Ihnen wird klar, daß sie auf einen ausgewachsenen Macht-block gestoßen sein müssen.“
Kall bemerkte zaghaft: „Um mit unserer Stimme zu sprechen: die Flotte des Dominion hat sich zusammengezogen und ist vor kurzer Zeit in Richtung Wurmloch aufgebrochen. Inzwischen hat sie jedoch ebenfalls von dem Eindringling - und selbstverständlich auch von unserer Rückkehr - erfahren und zur Sicherheit einen Teil der Jem’hadar-Schiffe als Rückendeckung zurück-gelassen.“
„Diese sind nun auf dem Weg zu uns. Hoffentlich beschäftigen Sie sich miteinander und nicht alle mit uns,“ gab Leardini zu bedenken. „Mich beunruhigt die Tatsache, daß bereits mehrere Öffnungszyklen des Wurmlochs in den Delta-Quadranten verstrichen sind, ohne daß auch nur ein einziger zusätzlicher Kubus erschienen wäre. Sie haben beim letzten Mal sogar den einen Würfel zurückgezogen, den sie vor dem hiesigen Eingang postiert hatten. Was soll das?“
„Sie erhalten vielleicht gerade ihre Antwort, Commander,“ meldete Wuran sich von der Wis-senschaftsstation aus. „Die Borg haben ihre Subraumaktivitäten beendet. Die Werte steigen trotzdem weiter an und befinden sich jetzt in so tiefen Subraumschichten, daß ich kaum noch Meßwerte empfange.“
„Sicht nach hinten, maximale Vergrößerung,“ verlangte Lennard.
Was sie sahen, gefiel ihnen nicht.
Urplötzlich erschienen, die Konturen umrahmt von weißglühendem Schimmern, eine ganze Anzahl von Borgschiffen praktisch aus dem Nichts. Einer nach dem anderen materialisierten sich die dunkelgrauen, bedrohlich wirkenden und Vernichtung verheißenden Würfel hinter ihnen im Raum.
„Wie ist das möglich? Wir sind beinahe drei Parseks vom Wurmloch entfernt,“ schrie Kall beinahe.
„Ein Transwarp-Kanal,“ antworteten Wuran und Vakuf wie aus einem Munde und sahen sich darauf befremdet an.
„Kein Wunder, daß wir nicht messen konnten, was sie taten,“ sagte Lennard und fluchte in breitem neuseeländischem Englisch. „Sie haben einen Transwarp-Kanal erzeugt, um das Wurmloch zu umgehen und ihre Flotte direkt hierherzulotsen. Sie müssen das Interplex-Signal, welches sie vom Eingang des Wurmloches empfangen haben, zur Positionsbestimmung benutzt und eine ganze Kette solcher Kanäle gelegt haben, um sich direkt hinter uns zu setzen. Wahrscheinlich ist sogar das Schiff dabei, das anfangs beim Wurmloch die Stellung gehalten hat.“
„Und da soll einer sagen, die Borg seien nicht raffiniert.“ Leardini kratzte sich bestürzt in ihrer dunklen Haarmähne.
„Vielleicht haben sie früher einmal Romulaner assimiliert, das ist meiner Meinung nach die einzige Erklärung.“ Kall knirschte fast mit den Zähnen.
Lennard erinnerte sie: „Wir wissen nicht, wie weit das Territorium der Romulaner zum Delta-Quadranten heranreicht. Was glauben Sie denn, warum man jahrzehntelang nichts vom ro-mulanischen Imperium gehört hat? Wenn Sie mich fragen, waren sie in dieser Zeit ordentlich beschäftigt mit den Borg.“
„Eine privat geäußerte Theorie, Captain?“
„Durchaus, Mrs. Wuran. Aber nun zu unserem neuen Problem. Wie viele Schiffe zählen Sie?“
„Siebzehn. Abstand wird langsam größer, vermutlich aufgrund der gestiegenen Partikeldichte im Raum hier in der Nähe des Nebels und der daraus resultierenden höheren Reibung des interstellaren Mediums. Die Jem’hadar-Flotte hat die Borg entdeckt, sie stellen aber nur einen kleinen Teil ihrer Flotte ab, um sich darum zu kümmern.“
Lennard kneifte die Augen zusammen „Das wollen wir doch erst ‘mal sehen. Wir ändern den Kurs.“
Vakuf setzte sich aufrecht. „Bereit zur Eingabe.“
„Steuern Sie den ehemaligen Gründerplaneten an.“



Man hätte meinen können, die Brücke sei eine Filmszene, die angehalten worden wäre. Nur Lennard behielt die Fassung und sah sich mit ausdrucksloser Miene um, bis Vakuf reagierte und meldete: „Kurs eingegeben, Sir, Maximum Warp.“
„Wenn Sie das nicht umstimmt, weiß ich auch nicht. Schließlich sind die Gründer für die Jem’hadar Götter. Dann wollen wir doch einmal sehen, welcher Stellenwert bei ihnen die Entweihung eines Heiligtums hat.“
Vakuf warf dem Captain einen undefinierbaren Seitenblick zu. „Sechs der Borgschiffe folgen uns, die restlichen elf halten weiter auf die Angriffsstreitmacht zu. Die Flotte des Dominions hat soeben gestoppt und scheint sich nun umzugruppieren. Ihr Plan funktioniert wohl, Captain.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie dazu beglückwünschen soll, Kyle,“ sagte Kall leise.
Darrns Augen wurden größer und größer. „Ein Großteil der Jem’hadar-Schiffe wendet und hält auf das Hauptkontingent der Borg zu.“
Er holte tief Luft. „Und der Rest schlägt einen Abfangkurs auf uns ein.“
„Jetzt bin ich sicher: ich gratuliere nicht,“ raunte Kall.
„Jaja, Sam. Vakuf, wie viele?“ Lennards Stirn legte sich in Falten.
Die Navigatorin sah keinen Moment von ihren Anzeigen auf: „Die genaue Anzahl ist wegen der dichten Formation und der noch großen Entfernung nicht ermittelbar. Zwischen einhund-ertfünfzig und einhundertachtzig.“
„Wegen der ‘noch großen’ Entfernung. Das haben Sie schön gesagt.“ Leardini wandte sich kurz an Lennard: „Das war noch okay, nicht wahr?“
„Herrgott, muß ich jedesmal erst roten Alarm ausrufen, damit hier jeder seine Arbeit ernsthaft erledigt?“ Er rollte die Augen verzweifelt gen Himmel.
„Ich glaube, ich habe eine gute Nachricht für Sie, Captain,“ unterbrach Vakuf, „es sieht so aus, als könnten uns die Jem’hadar nicht mehr abfangen, bevor die Borg sie erreichen. Sie haben offensichtlich die gleichen Schlüsse gezogen, denn sie lassen von uns ab und stellen sich den Borg.“
„Hört sich gut an,“ meinte Lennard. „Wir können jedoch sicher sein, daß sie uns irgendwann auf unserem Rückflug noch die eine oder andere Patroullie auf den Hals hetzen werden. Doch für den Moment scheinen wir außer Gefahr zu sein. Ändern Sie den Kurs dahingehend, daß wir einen weiten Bogen zum Wurmloch fliegen, aber so, daß man nicht voraussehen kann, wo wir vorbeikommen werden. Und denken Sie auch daran, bei der Position der Remus vorbei-zufliegen.“
„Mein Gott, die hätte ich fast völlig vergessen nach dem, was wir alles durchgemacht haben.“ Leardini klang so, als meine sie das ernst, worauf Kall sie ungnädig musterte.
„Sehen Sie, Commander, dafür haben wir einen Captain.“
„Wie recht Sie doch haben. Ich bewundere Ihr Verständnis für die Befehlskette und Ihren Autoritätssinn.“
„Der Punkt geht wohl an Sie,“ murmelte Kall und wandte sich rasch ab, um äußerst interessiert eine ihrer Konsolen zu betrachten.
Darrn blickte auf, als eine Anzeige auf seinem Pult zu blinken begann. „Sir, ich fange Sub-raumfunk von den Borg auf, der allerdings nicht an uns gerichtet ist.“
„Schalten Sie die Botschaft auf die Brückenlautsprecher.“ Der Captain rieb sich gespannt das Kinn, während er auf die Übertragung wartete.
„Wir sind die Borg. Ergeben Sie sich und deaktivieren Sie Ihre Waffen und Schilde. Ihre tech-nologischen und biologischen Charakteristika werden den unseren hinzugefügt. Sie werden uns dienen und in unserer Rasse aufgehen.“
„Die Jem’hadar ergeben sich niemandem. Unsere Treue und Ergebenheit gilt nur den Grün-dern.“
„Treue ist irrelevant. Ergebenheit ist irrelevant. Ergeben Sie sich oder Sie werden ver-nichtet.“
„Schalten Sie das ab, Ops,“ rief Lennard gereizt, als er die Mienen der Brückencrew sah. Auch ihm lief es kalt den Rücken hinab bei dieser nicht körperlichen, gefühllosen Stimme des Borg-Kollektives. Das hier konnte man getrost als Großangriff der kybernetischen Rasse auf das Dominion ansehen, wenn man bedachte, welche Gefahren ein einzelner ihrer würfelförmigen Schiffe für die Föderation bedeutet hatte.
Andererseits war es nicht anzunehmen, daß die gesamte Flotte den Borg unterliegen würde, da machte er sich keine großen Illusionen. Sie selbst hatten es schließlich geschafft, sich gegen mehrere der bedrohlichen Kollektive zu behaupten, obwohl ihre Waffen nicht ganz so weit entwickelt waren wie die des Dominion. Der Einsatz der neuartigen und sehr effektiven Quantentorpedos hatte gezeigt, daß diese Marschflugkörper auf einem Niveau arbeiteten, welches es den Borg schwermachte, sich auf diese Art des Beschusses einzustellen, so wie sie es mit den Phasern machten.
Allerdings war sich jeder an Bord der Fairchild klar, daß jedes andere Föderationsschiff ohne ihre Schildtechnologie schon längst zerstört worden wäre.
Wenn man diesen Vorteil taktisch geschickt nutzte, so wie sie es bislang getan hatten, hatte man tatsächlich einen gewissen Hauch der Unverwundbarkeit. Eines der wichtigsten Dinge war die Tatsache, daß niemand, vor allem der Kommandeur des Schiffes, sich diesen Umstand zu Kopf steigen ließ.



Sie konnten die nächsten sechs Tage mit Warp 9,9 auf ihrem maskierten Kurs zum Bajorani-schen Wurmloch relativ unbehelligt fliegen, da die Tatsache ihres Aufenthaltes offenbar für das Dominion momentan nicht von Bedeutung war angesichts der schweren Kämpfe und Verluste ihrer Streitmacht, die doch eigentlich für den Angriff auf den Alpha-Quadranten bestimmt gewesen war. Zweimal orteten sie noch Jem’hadar-Patroullien, die versuchten, sie abzufangen, doch allein aufgrund der hohen Geschwindigkeit der Fairchild war es ihnen unmöglich, einen Abfangkurs anzulegen, der den ihren jemals kreuzen würde. Nachdem sie die Kämpfe selbst mit den Langstreckenscannern nicht mehr verfolgen konnten, wurde es ruhiger. Nachdem das Dominion festgestellt hatte, daß sich der Kurs des Föderationsschiffes immer weiter von ihrem heiligen ehemaligen Gründerplaneten im Omarion-Nebel wegbewegte, ließen sie offenbar ganz von ihnen ab, so daß sie unbehelligt auf den mit der Remus vereinbarten Treffpunkt in der Nähe des Bajor-Wurmloches zuhalten konnten.



Als sie die besagten Koordinaten erreichten und unter Warp gingen, hatte Leardini gerade das Kommando auf der Brücke. Sie sah nachdenklich auf einen ihrer Armlehnendisplays, auf den sie den Langreichweiten-Scan geschaltet hatte. Sie konnte jedoch keine Spur von anderen Schiffen ausmachen, weder von feindlichen noch dem erwarteten romulanischen. Sie holte hörbar Atem und ließ dann verlauten: „Wir sind an Ort und Stelle, jetzt fehlt nur noch Nidors ‘Kriegsbeute’.“
„Halten Sie diesen Ausdruck für gerechtfertigt, Commander?“ wollte Vakuf wissen.
Leardini drehte ihren Kopf und sah die Navigatorin befremdet an: „Ich weiß, daß wir keinen Krieg haben, zumindest keinen offenen. Aber einer Sache können Sie sich gewiß sein: ohne unseren riskanten Ausflug in den Delta-Quadranten hätten wir inzwischen einen.“
„Das ist korrekt, wenn ich auch nicht darauf abgezielt habe. Immerhin ist Commander Nidor Vulcanierin und befehligt ein Raumschiff romulanischer Bauart.“
„Das stört mich nicht, solange sie nicht auf mich schießt,“ erwiderte Leardini leichthin, um sich dann zur Wissenschaftsstation zu wenden: „Können Sie bitte einen Scan nach erhöhten Neutrino-Werten durchführen? Wenn wir sie schon nicht kommen sehen, können wir ja wenigstens ahnen, wann sie näherkommen.“
„Aye, Sir,“ bestätigte die diensthabende Offizierin und begann gleich mit der Ausführung des Befehles.
Darrn merkte auf einmal mit ungläubigem Gesicht auf: „Ich empfange hier einen Feueralarm... aus dem Bereitschaftsraum des Captains. Die Eindämmungsfelder funktionieren nicht.“
„Das will ich sehen.“ Augenblicklich war Leardini auf den Beinen und stand vor dem Eingang des Büros von Lennard. „Computer, errichte ein Eindämmungsfeld in der Tür und öffne dann den Bereitschaftsraum des Captains, Autorisation Leardini Beta Eins Eins Null.“
Die künstliche Computerstimme antwortete: „Kraftfeld steht. Tür wird geöffnet.“
Als sich die Türhälften leise zischend in die Wandverschalung zurückzogen, erwarteten die Brückenoffiziere beinahe so etwas wie eine hell lodernde Feuersbrunst, mußten jedoch er-staunt feststellen, daß es keine sichtbare Spur eines Feuers gab.
Leardini warf Darrn einen Seitenblick über die Schulter zu. „Ein Fehlalarm?“
„Ich habe die Anzeige überprüft. Die Meldung bleibt bestehen: ein Rauchmelder registriert nach wie vor Qualmspuren.“ Ratlos hob der Klingone die Schultern.
„Computer, Kraftfeld abbauen.“ Mit der für sie typischen Kühnheit betrat Leardini selbst ohne zu zögern den gefährdeten Bereich, sobald das schützende Kraftfeld sich mit einem kurz sichtbaren statischen Knistern abgeschaltet hatte. Wachsam sah sie sich in dem Büroraum um und entdeckte dann einen winzigen grauen Qualmfaden, welcher sich aus einer der Wandver-schalungen an der Innenwand zur Hauptbrücke zur Zimmerdecke emporwand. Vorsichtig öff-nete sie die betreffende Verkleidung und machte einen Satz nach hinten, falls sich dahinter eventuell eine stärkere Zündquelle befand, die nur auf Sauerstoffzufuhr wartete.
Nichts geschah.
Darrn betrat jetzt ebenfalls de Raum und fragte umsichtig: „Haben Sie den Brand bereits ge-löscht, Commander?“
„Noch nicht, aber Sie können mir gerne dabei zusehen,“ erwiderte sie und wies auf drei kleine verkohlte Chips, welche rechtwinklig in ihren Halterungen steckten und aufgrund eines Kurz-schlusses unspektakulär vor sich hinschmorten und nun begannen, ein feines Flämmchen an einer Ecke zu bilden.
Leardini grinste Darrn an, holte dann tief Luft und pustete alle drei Chips auf einmal aus.
„Ich sehe, Sie haben die Situation unter Kontrolle, Sir,“ bemerkte der Conn-Offizier darauf respektvoll.
„Korrekt erkannt. Sehen Sie sich das an; wie kann so etwas geschehen?“
„Schwer zu sagen. Ich wußte bisher nicht einmal, daß diese Speicherchips überhaupt Feuer fangen können. Die Überlastung muß immens gewesen sein, und das, obwohl der Captain nicht einmal an seinem Logbuch gearbeitet hat.“
„Was sagen Sie da?“ Der Kopf der Italienerin ruckte hoch.
„Diese Chips dort; soweit ich das beurteilen kann, sind es die Speicherchips des persönlichen Logbuches des Captains. Wahrscheinlich sind alle Querverweise im Computerkern von dieser Panne ebenfalls betroffen.“ Darrn zeigte unbefangen auf die Ableitungen der isolinearen Speicherchips, die zur nächsten Transferleitung führten.
„Das heißt, die Eintragungen der jüngsten Vergangenheit des Captains, vielleicht auch einiger Führungsoffiziere sind demnach verloren gegangen? Und das durch eine grundlose Über-hitzung der Datenträger? Für mich sieht das nach Absicht aus.“ Leardini sah ihren Kollegen an. „Und wer könnte wohl einen Nutzen daraus ziehen?“
Bedächtig nickte Darrn. „Auch mir kommt diese Handschrift bekannt vor.“
Die Commander tippte ihren Kommunikator an: „Leardini an Kall.“
Nach einigen Sekunden meldete sich die Counselor schweratmend: „Sprechen Sie.“
Ich möchte Sie sofort auf der Brücke sprechen, Sam. Es...“
Kall unterbrach sie und protestierte: „Ich bin zur Zeit nicht im Dienst. Kann das nicht warten?“
„Nein, zum... wo sind Sie? Sie klingen, als seien Sie ein gutes Stück gerannt,“ merkte Leardini argwöhnisch an.
„Nein, das stimmt nicht. Ich möchte nicht sagen, wo ich mich zur Zeit befinde. Geben Sie mir ein paar Minuten, um...“
Nun war es an der Ersten Offizierin, ihre Gesprächspartnerin unwirsch zu unterbrechen: „Wenn Sie nicht augenblicklich hier erscheinen, lasse ich Sie auf die Brücke beamen wie einst den guten Baor. Dann wollen wir doch ‘mal sehen...“
„Tun Sie das nicht, Stefania!“ erklang unerwartet Doc Sterns Stimme. „Herrgott, sind Sie jetzt zufrieden? Sam ist in meinem Quartier und ist auch nicht gerannt, wenn Sie es genauer wissen wollen. Soll ich noch weitere Details nennen?“
„Uh, bitte nicht. Entschuldigen Sie die Störung und... weitermachen.“ Leardini unterbrach die Verbindung und sah peinlich berührt Darrn an. „Glauben Sie das?“
„Verlangen Sie nicht von mir, das nachzuprüfen,“ gab dieser zurück.
Entrüstet sagte sie: „Ich bin doch kein Unmensch. Eines sage ich Ihnen: diese Frau ist clever. Diese diskreditierende Situation ist ein gutes Alibi. Sie sitzen jetzt gerade entweder bei einer Partie 3-D-Schach zusammen und lachen sich kaputt über uns oder Kall hat ihr kleines Atten-tat mit einer Zeitverzögerung versehen. Jedenfalls können wir ihr nichts beweisen und ihre Karriere ist durch das Fehlen entscheidender Aufzeichnungen möglicherweise gerettet. Nicht übel.“
Sie schüttelte mit widerwilliger Bewunderung den Kopf, als jemand auf der Brücke rief: „Pe-rimeteralarm! Es sind Jem’hadar.“



Im Nu waren die beiden Offiziere wieder auf ihren Posten. Noch gab es keinen Grund, auf er-höhte Alarmbereitschaft zu gehen, da die feindlichen Patroullienschiffe noch zu weit waren, um eine ernste Bedrohung darzustellen. Leardini studierte die Entfernung und Geschwindigkeit der insgesamt neun kleinen Kampfschiffe des Dominion und biß sich auf die Unterlippe. „Jetzt wird es allmählich Zeit für Nidors Auftritt. Wo bleibt sie bloß?“
„Sie hatten vielleicht Probleme mit Jem’hadar-Patroullienschiffen und mußten sich ein Stück weit zurückziehen. Sie wissen doch, daß die Technik des Dominion unter bestimmten Umständen auch getarnte Schiffe aufspüren kann, wenn diese mit Warp fliegen,“ erinnerte Vakuf.
„Ich hoffe nicht, daß sie den ganzen Weg mit Impuls hierherfliegen müssen, sonst können wir noch eine ganze Weile auf sie warten.“ Leardini ließ sich ein wenig in den Kommandan-tensessel hineinsinken.
„Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß sich die Remus in der Nähe befindet, jedoch höch-ste Vorsicht walten läßt und sich nur langsam nähert, um zuerst zweifelsfrei unsere Identität feststellen zu können, bevor sie sich zu erkennen geben. Gegen eine Staffel von Jem’hadar-Patroullienschiffen ist der einzige klare Vorteil des Warbirds seine Tarnvorrichtung. In der Manövrierbarkeit, Geschwindigkeit und Bewaffnung sind sie deutlich unterlegen.“
„Es ermutigt mich stets aufs Neue, ihren Analysen und Lageeinschätzungen zu lauschen,“ bemerkte die Erste Offizierin und überlegte dann kurz, bevor sie befahl: „Wir werden folgen-des machen: wir setzen einen Kurs, der in die Nähe des Bajoranischen Wurmloches, aber nicht direkt zu diesem führt. Der Feind weiß zwar ohnehin, wohin wir als nächstes wollen, aber so direkt müssen wir es ihm auch nicht auf die Nase binden. Mit einem Drittel Impuls voraus. Als nächstes aktivieren wir unsere Freund-Feind-Kennung und senden diese mit voller Leistung.“
„Aye, Sir,“ bestätigte Vakuf und hakte dann nach: „Ich bin ein wenig verwirrt, Commander. Weshalb sollten wir als wahrscheinlich einziges Schiff in den umliegenden 27 Sektoren eine Freund-Feind-Kennung senden? Das macht nicht nur auf uns aufmerksam, sondern läßt bei den Jem’hadar auch die Vermutung aufkommen, daß wir eventuell doch einen Verbündeten hierhaben, den wir kontaktieren wollen. Weshalb sollten wir sonst hier stillstehen?“
„Ich denke mir das so, daß es der Remus auf jeden Fall die Ortung erleichtern wird, so daß wir schon einmal die Rendezvouz-Koordinaten verlassen und uns, wenn auch nur sehr langsam, auf unser nächstes Ziel hin- und von den Kämpfen mit den Borg wegbewegen können. Wenn das Dominion von der Existenz des anderen Schiffes weiß, spielt es sowieso keine Rolle, daß sie unser Signal empfangen; sie werden dann zwei und zwei zusammenzählen können.
Wenn sie aber nichts von der Remus ahnen, könnten sie denken, daß wir eine weitere List planen und absichtlich Aufmerksamkeit auf uns lenken wollen, sei es, um sie in eine ausge-klügelte Falle zu locken, die zu meinem Bedauern nicht existiert, oder um sie von den eigent-lichen Kämpfen gegen unseren neuen ‘Verbündeten’ abzulenken.“
„Logisch überlegt, bis auf die zweifelhafte Annahme, das Dominion könnte die Borg eventuell für unsere Verbündeten halten.“ Vakuf nickte ihrer Vorgesetzten zu und betätigte dann die Freund-Feind-Kennung.“
„Und jetzt warten wir darauf, daß Nidor zu uns stößt oder die ersten Jem’hadar-Schiffe uns erreichen.“



Es war etwa gegen vier Uhr Bordzeit, als in einem dunklen Quartier ein Interkom-Signal er-tönte. „Lennard an Stern.“
Nach einigen Sekunden regte sich etwas im Raum und eine verschlafene Stimme murmelte: „Stern hier. Was gibt’s, Kyle?“
„Ich möchte Sie in genau fünf Minuten auf Deck elf, Sektion vierzehn auf dem Außengang sehen. Ist die Counselor bei Ihnen?“
Empört entgegnete Stern: „Wo denkst du hin, es ist schließlich mitten in der Nacht und...“
„Ach, vergiß es,“ murrte Kall verdrießlich. „Ich bin hier, Captain.“
„Das ist ja ideal, daß ich alle beisammen habe, die ich benötige. Also, bis dann. Lennard Ende.“
„Überleg’ nicht lange, beeile dich lieber, David. Er hat sich so angehört, als ob er sehr unge-halten war. Da sollten wir uns nicht noch verspäten. Computer, Licht.“ Kall glitt aus dem Bett, als Sterns Schlafzimmer beleuchtet wurde.
Er griff nach seiner Uniform und schlüpfte lustlos hinein. „Was ist denn nun schon wieder?“
„Das könnte ich dich fragen,“ entgegnete sie beim raschen Einkleiden, „da er schließlich dich zuerst gerufen hat.“
„Aber dich hat er genauso gesucht. Wahrscheinlich sind wir automatisch die zwei Hauptver-dächtigen, wenn sich jemand anonym einen Scherz erlaubt hat. Wir passen einfach gut zu-sammen.“ Er drückte ihr einen flüchtigen Kuß auf die Wange. „Können wir?“



Sie traten aus dem Turbolift und gingen einen der gebogenen Gänge entlang, bis sie auf Len-nard trafen, der vor einer offenen Tür zu einem unbewohnten Quartier wartete. Er winkte von Weitem und trat wortlos in den leeren, unbeleuchteten Raum. Fragend sahen sie sich an und folgten ihm.
Er stand an einem Fenster, das vom Boden aus in einem sehr flachen Winkel anstieg und einen Blick nach außen gewährte. ihr Kommandant hielt in einer Hand ein elektronisches Fernglas, an den anderen Unterarm hatte er einen Scheinwerfer geschnallt, wie sie seit Neuestem für Außen-teams benutzt wurde. „Sie kennen doch die alte Tradition, daß der Captain vor der Schlacht nochmals sein Schiff inspiziert. Nun, ich pflege diese Tradition. Da wir ein sehr schönes Schiff haben, wie der Name bereits ausdrückt, sehe ich auch gelegentlich an diversen Stellen aus Fenstern auf andere Teile der Außenhülle.“
„Du hast recht, Kyle. Jetzt, wo du es erwähnst, fällt es mir auch auf; ‘fairchild’ bedeutet ‘schönes Kind’, nicht wahr?“ bemerkte Stern ein wenig nervös.
„Willst du mich ablenken? Warst du es? Gib es lieber gleich zu,“ verlangte Lennard streng.
Etwas verlegen fragte Stern: „Was meinst du damit?“
„Gut, wenn du es nicht anders willst...“
„Können Sie uns bitte aufklären, weshalb Sie uns mitten in der Nacht aus dem Bett geholt haben?“ Kall war etwas ungnädig mit ihrem Vorgesetzten.
„Sehen Sie hinaus; ich werde die Stelle beleuchten, dann sehen Sie es gleich.“ Er wies durch das transparente Aluminium nach unten. Von hier aus sah man aus der Unterseite der UTS auf der Steuerbordseite nach achtern auf die Verbindung zwischen Primär- und Sekundärhülle. Der kräftige Lichtstrahl der Lampe an Lennards Arm fiel auf eine Stelle der Seitenwand in Höhe der Deflektorschüssel, etwa achtzig Meter unter und fünfzig hinter sich, an der Wurzel zwischen Maschinenhülle und Übergang zur UTS. Es war nur ein paar Meter hinter der kreisförmigen Andockschleuse, wo das Schiff an Raumbasen festmachte und ein Übergang zwischen Schiff und Basis hergestellt wurde.
„Was ist das? Es sieht wie ein unregelmäßiger Fleck aus, ziemlich groß.“ Kall kniff die Augen zusammen.
„Hier, bitte.“ Mit unbewegter Miene reichte Lennard ihr das Fernglas. Als sie hindurchsah, klappte ihr Kiefer herab.
„Unglaublich! Das war doch noch nicht da, als wir von Deep Space Nine aus losgeflogen sind. Wie...?“ Kall brach ab und wandte sich mit argwöhnisch zugekniffenen Augen Stern zu.
„Willst du es dir nicht auch ansehen, alter Freund? Interessiert es dich denn gar nicht, was da für ein Geschmiere auf meinem Schiff angebracht ist? Ich denke, dazu mußt du gar nicht erst durch das Fernglas sehen.“ Lennard wedelte mit dem Fernglas vor der Nase des Bordarztes herum.
Kalls Augen waren zu Schlitzen verengt. Gefährlich leise sagte sie: „Können wir uns das noch genauer ansehen?“
„Wieso nicht? Bis die erste Welle von Jem’hadar bei uns eintrifft, sind es noch mehrere Stunden.“ Lennard grinste ob der Ergebenheit Sterns in seine Lage.



„Commander, der Captain hat soeben auf Shuttlerampe drei eine Shuttlekapsel für einen kurzen Inspektionsflug der Außenhülle angefordert, zusammen mit Counselor Kall und Doktor Stern.“ Der diensthabende Offizier an der Ops sah fragend über die Schulter.
Leardini, von der Anspannung der letzten Tage und der Länge ihrer bereits zu Ende gehenden Schicht erschöpft, fuhr im Sessel hoch. „Wie bitte? Wozu das denn?“
„Für einen kurzen Inspektionflug der Außenhülle, steht hier in der Anforderung.“
Sie rieb sich mit Daumen und Zeigefinger das Nasenbein. „Stimmt, das sagten Sie ja bereits. Geben Sie ihnen eine Shuttlekapsel des Typs Fünf, das sollte wohl genügen.“
Einige Besatzungsmitglieder sahen sich erstaunt an, als Leardini diese stoische Ruhe an den Tag legte. Nach allem, was sie bislang auf dieser Mission durchgemacht hatten, war es ja eigentlich nicht verwunderlich, daß es irgendwann nichts mehr geben konnte, was sie noch aus der Fassung bringen konnte.



Kall steuerte das winzige Fluggerät, das nur etwa dreieinhalb Meter lang und mit drei Personen bereits gut ausgelastet war. Zu Sterns Bestürzung hatte Lennard auch noch ein kleines Aufzeichnungsgerät mitgenommen. Während die Counselor zielsicher aus dem kleinsten der drei Hangars der Fairchild heraus und um die Auslaßöffnung der Impulstriebwerke herum-steuerte, wollte Lennard wissen: „Wann hattest du bloß Gelegenheit, das zu tun?“
Kall antwortete: „Ich glaube, ich weiß es, Kyle. Es war an dem Mittag, an dem wir ruhig vor dem Eingang des Wurmloches zum Delta-Quadranten gelegen haben und auf die Rückkehr der Erkundungssonde gewartet haben. Ich wollte in meiner Pause David auf der Krankenstation besuchen, doch er war nicht da, obwohl er sonst nie mittags abwesend ist. Ich habe ihn vom Computer lokalisieren lassen, doch mir wurde mitgeteilt, daß er nicht an Bord sei. Ich hielt das natürlich für einen Scherz von ihm, doch daß er wirklich nicht an Bord war, um einen ganz anderen Scherz auszuführen, hätte ich mir nie träumen lassen.“
„Du hast es also gemerkt? So was... ich hätte wohl meinen Kommunikator auf der Kranken-station lassen sollen.“ Offenbar gab Stern sich nun geschlagen.
„Anfänger,“ murmelte sie geringschätzig, worauf Lennard losprustete.
„Verzeihung, ich wußte damals nicht, daß ich mit einer nebenberuflichen Profiterroristin zusammen bin, sonst hätte ich mir natürlich noch ein paar Tips geholt,“ murrte Stern darauf-hin.
„Ich weiß gar nicht, warum ich noch aufs Holodeck gehe, wenn ich einfach ein wenig mit euch beiden zusammensitzen kann.“ Lennard versuchte bewußt, die Situation ein wenig ins Lächerliche zu ziehen, um die Anspannung zu lockern.
„Wir sind da. Sehen Sie sich das an.“ Sie brachte die Shuttlekapsel zum Stehen, relativ zum Schiff gesehen. Direkt neben der Außenschleuse war ein lebensgroßes Gemälde einer jungen humanoiden Frau mit schulterlangen roten Haaren und leuchtend grünen Augen in einer sprungähnlichen Pose und herausforderndem Lächeln, während sie offenbar zu einem Schlag ausholte. Sie trug einen hautengen grün-violetten Anzug, der nichts von ihren figürlichen As-pekten verbarg.
Ärgerlich fragte Lennard: „Wirst du eigentlich nie erwachsen, David? Wir fliegen keinen Bomber aus einem der terranischen Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts! Ist das die ‘Mem-phis Belle’? Wieso wirkt diese Figur so... unrealistisch? Und wie hast du das so gut hinge-kriegt?“
„Eines nach dem anderen. Es ist keineswegs ein Charakter von einem der damaligen Kriegs-flugzeuge. Und sie wirkt ein bißchen unnatürlich, weil es eine Comicfigur ist. Du weißt schon, Bildergeschichten mit Sprechblasen für den Text der Akteure. Ich möchte dir hiermit Caitlin Fairchild vorstellen. Ist sie nicht wunderschön?“ Stern grinste tatsächlich wie ein kleiner Schuljunge, als er stolz auf sein Werk wies.
„Das ist also unsere Namenspatronin... nun ja, hübsch anzusehen ist sie ja. Aber wie hast du sie entdeckt? Erzähl’ mir bloß nicht, sie sei dein Kindheitstraum oder so etwas. Hast du nicht mehrere Stunden dafür gebraucht?“ Lennard war nun nicht mehr so sehr erzürnt, je länger er sich die Darstellung dieser fiktiven Figur betrachtete.
„Ich habe ehrlich gesagt schon an so etwas wie das berühmte Flugzeug gedacht, das du er-wähnt hattest. Zunächst habe ich die Datenbank nach diesen Motiven abgesucht, aber solche leichtbekleideten Damen in derartigen Posen würden heutzutage höchstens noch Ferengi auf ihre Raumschiffe malen. Es war eigentlich nur so eine Idee, daß ich den Namen unseres Schiffes als Querverweis bei der Suche miteinbezogen habe. Praktisch augenblicklich spuckte der Rechner diese gezeichnete Figur aus der Zeit der irdischen Jahrtausendwende aus. Nach-dem ich das passende Motiv gefunden hatte, habe ich das besagte Bild vom Hintergrund ge-trennt und in einen Lackierautomaten eingelesen. Ich bin dann schnell durch die Raumschleuse hinaus, habe ein kleines Kraftfeld an der Außenhülle errichtet, dieses mit Luft gefüllt und den Sprühcomputer das Bild auftragen lassen. Die ganze Prozedur hat lediglich ein paar Minuten gedauert.
„Respekt, Doktor.“ Anerkennend nickte Lennard. „Ich denke, ich will ‘mal nicht so sein. Diese junge Dame ist ethisch gerade noch vertretbar; was meinen Sie dazu, Counselor?“
„Abgesehen von der leichten chronischen Geistesverwirrung, die ich an dem Patienten diag-nostiziere, abgesehen, stimme ich Ihnen zu, Kyle. Lassen wir das ‘schöne Kind’ dort, wo es ist.“ Sie schmunzelte und steuerte zurück in den Hangar.


- 8 -

Am folgenden Mittag näherten sich ihnen die ersten sechs Jem’hadar-Schiffe, gingen jedoch weit außerhalb der maximalen Waffenreichweite unter Warp und näherten sich mit nur einem Zehntel Impuls. Lennard befahl Alarmstufe Gelb und ließ sämtliche Waffen laden. Gespannt warteten sie darauf, was als nächstes geschehen würde.
„Sie scannen uns,Captain. Durch unsere Schutzschirme wird jedoch nicht allzuviel hindurch-gelangen, wenn sich unsere bisherigen Erfahrungen bestätigen.“ Kazuki war sich seiner Sache sicher.
Lennard ermahnte ihn: „Behalten Sie die Schildintegrität trotzdem ständig im Auge, Onue. Wenn jetzt mit unseren Wunderschilden etwas passiert, sind wir geliefert. Vergessen Sie das nicht vor lauter Kühnheit.“
„Ja, Sir. Natürlich, Sir.“ Nachdem Kazukis Mütchen gekühlt war, kümmerte Lennard sich um den nächsten Punkt der Tagesordnung.
„Wir fliegen mit unverändertem Kurs und Tempo weiter; lassen wir uns nicht von ihnen be-eindrucken.“ Der Captain erhob sich aus seinem Stuhl und ging ein wenig mit hinter dem Rücken verschränkten Händen auf und ab.
Erstaunt meldete Darrn: „Sie... sie rufen uns! Nur über Audio.“
„Sieh an! Öffnen Sie einen Kanal.“ Nachdem der Ops mit dem Kopf genickt hatte, begann Lennard: „Hier spricht der Captain des Föderationsraumschiffes...“
„Was wollen Sie hier im Raum des Dominion?“ Lennards Miene verzog sich säuerlich bei dieser ungestümen Unterbrechung.
„...der Captain des Föderationsraumschiffes Fairchild, Kyle Lennard. Wir befinden uns auf dem Rückweg einer gescheiterten diplomatischen Mission. Niemand von uns hier will Ärger, deshalb schlage ich vor, Sie lassen uns zum Bajoranischen Wurmloch zurückkehren, damit wir aus ‘Ihrem’ Quadranten verschwinden können.“Er spuckte das viertletzte Wort beinahe aus.
„Wir wissen genau, was Sie angerichtet haben. Ihre Lügen nutzen Ihnen nichts, Sternenflotte. Wenn Sie sich sofort ergeben und ihre Schilde sowie Waffen herunterfahren, garantieren wir Ihnen eine Behandlung gemäß den Statuten der Gründer. Andernfalls...“
Diesmal war es an Lennard, seinem Gesprächspartner ins Wort zu fallen. „Nehmen Sie das ‘andernfalls’. Wir lassen uns nichts von Ihnen bieten, haben Sie das verstanden? Wenn Sie uns nicht glauben, daß wir nichts mit Ihrem neuen Gegner zu tun haben, außer ihn zu bekämpfen, wann immer wir ihn antreffen, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen. Wir behalten unsere Flugbahn bei. Lennard Ende.“
„Sie rufen uns nochmal,“ ließ Darrn verlauten.
„Wir antworten nicht und fliegen weiter wie gehabt.“ Lennard ließ es offenbar darauf ankom-men. Und da er gerade hinter der Conn stand, konnte er deutlich sehen, wie die eine der Drei-er-Staffeln einen Abfangkurs auf sie ansetzte und beschleunigte.
„Ich sehe es. Roter Alarm. Mr. Kazuki, Zielerfassung, aber nicht schießen, bevor sie nicht ge-feuert haben. Wir sind kein Aggressor.“
„Macht das jetzt noch einen Unterschied?“ murmelte der taktische Offizier leise, aber nicht unhörbar.
„Sicht nach vorne, maximale Vergrößerung.“ Sie konnten es gut auf dem Bildschirm verfol-gen, wie die flachen, käferförmigen Kampfschiffe der Jem’hadar auf sie zuhielten. Sie waren wirklich nicht groß, in etwa so groß wie ein klingonischer Bird of Prey, doch seine Bewaffnung und Wendigkeit war nicht zu unterschätzen. Sie eröffneten dann auch sogleich das Feuer und beschossen sie mit ihrer Energiewaffe im Bug, während sie in Formation wie an einer Perlenkette aufgereiht auf sie anflogen. Das gefährliche an dem energiereichen, blauweißen Strahl, den jedes der Kampfschiffe abfeuerte, war die Beständigkeit. Selbst lange konventionelle Phasersalven dauerten nicht länger als höchstens sechs oder sieben Sekunden, doch mit diesen Strahlern waren sie einem durchgehenden, langanhaltenden Impuls ausgesetzt, von dem sich normale Schilde nicht erholen konnten, bis der koordinierte Beschuß die Schutzschirme zusammenbrechen ließ.
Ihre metaphasischen Schilde jedoch hatten keinerlei Probleme damit, die gewaltigen Energie-mengen, welche ihnen entgegengeschleudert wurden, in ihren unzähligen, komplex ineinander verschachtelten und niederenergetischen Subraumschichten zu zerstreuen, ohne nennenswert an Integrität zu verlieren. Man durfte dabei natürlich nicht vergessen, daß ihre Modifizierung auf den Plänen eines ungewöhnlichen Wesens mit einem Wissen, das dem der Föderation um Hunderttausenden von Jahren voraus war, basierte.
Jetzt waren die drei Ziele so nah, daß Kazuki unmöglich vorbeischießen konnte. Mit grimmiger Befriedigung beobachtete Lennard am unteren Rand des Bildschirms, wie auf der oberen Phaserbank der UTS von beiden Rändern der bogenförmigen Waffenanordnung her der schnelle Nadionimpuls von einem Emitterelement zum nächsten lief und die dabei freigesetzte Energie sich kumulierte, bis sich die beiden umlaufenden Impulse trafen und auf das Ziel abgestrahlt wurden, dessen Schilde grell aufflackerten. Kazuki achtete gar nicht auf den ge-fährlichen Dauerbeschuß des Feindes, sondern konzentrierte sich ganz auf die Beharkung nur eines der Schiffe mit Phasersalven und zwei Quantentorpedos, um dessen Schilde mit Erfolg entscheidend zu schwächen.
Als die Jem’hadar nach ihrem ersten Anflug links, rechts und oberhalb von ihnen passierten, blieb Kazuki an dem einen Ziel, das er bis jetzt seit Erwiderung des Feuers unentwegt be-schossen hatte. Nachdem er mit der unteren großen Phaserbank der UTS noch einen Volltref-fer auf die Schilde der Gegner erzielt hatte, traf er zusätzlich mit einem unmöglich flachen Schußwinkel der unteren drei Phaser der Maschinensektion, als er an Steuerbord passierte und wieder ein wenig hochzog. Dadurch bekam der Japaner die Gelegenheit, den hinteren rechten Phaser und die obere UTS-Phalanx gemeinsam einzusetzen und ihm noch drei Quan-tentorpedeos aus dem Hecklauncher nachzuschicken.
Überraschenderweise durchschlug der letzte der Marschflugkörper die Heckschilde des Jägers und ließ ihn in weniger als hundert km Entfernung von der Fairchild mit einem grellen Aufblitzen detonieren. Da das jedoch hinter dem Schiff geschah und sich dieses mit mehreren zig Tausend km/h vorwärts bewegte, erreichte sie die Druckwelle nicht. Kazuki rief verblüfft: „Sehen Sie nur, Captain! Die Quantentorpedos sind wirkungsvoller gegen das Dominion, als wir zunächst gedacht hatten. Dabei wurden sie eigentlich entwickelt, um gegen die Borg be-stehen zu können.“
„Das wurde die Defiant ursprünglich auch. Und auch sie hat eine nicht unerhebliche Chance im offenen Kampf gegen die Jem’hadar, wie mir Captain Sisko bei unserem Gespräch auf DS9 versicherte. Ihre Taktik ist gut, Onue. Bleiben Sie dabei, dann werden wir ja sehen, wie oft sie solche Angriffe fliegen werden.“
„Die zweite Staffel fliegt an, Sir; sie geben nicht so leicht auf. Ich fürchte, diese Angriffe sollen uns nur aufhalten, da ich am Rande unserer Ortungsgrenze weitere Verbände in Richtung Wurmloch ausmache. Sie wollen uns den Rückweg abschneiden.“ Darrn klang tatsächlich etwas besorgt.
„Achtung, sie kommen,“ rief Kazuki.
„Feuer frei nach Belieben!“ Lennard hielt sich noch immer bei Angriffen auf die Fairchild in Erwartung der Erschütterungen, welche ein Raumschiff bei einem gegnerischen Waffentreffer normalerweise erfuhr, fest. Dabei waren ihre Schilde seit dem schier unfaßbaren Eingriff seitens des Ewigen von Alnilam in der Lage, sogar die kinetische Energie der Aufschläge, ganz gleich ob von Marschflugkörpern oder Energieentladungen, praktisch vollständig zu absorbieren.
„Ich iniziiere Ausweichmanöver Delta drei,“ verkündete Vakuf und erntete von Kazuki ein bestätigendes Nicken. Dann beschleunigte sie das Schiff stark, während die kleinen Patroul-lienraumer der Jem’hadar das Feuer eröffneten. Kazuki pickte sich das Schiff an der gleichen Stelle aus der Formation wie bei der ersten Angriffswelle und begann es seinerseits mit Pha-serstößen einzudecken.
Die Fairchild führte nun einen Immelmann aus, das heißt sie flog einen halben Looping und rollte gleichzeitig um ihre Längsachse, sodaß sie ein Stück über ihre vorherige Position, jedoch in die entgegengesetzte Flugrichtung gelangte. Durch diese spezielle Drehbewegung hatte Kazuki die Gelegenheit, während des Anfluges des Feindes nahezu alle Phaserbänke in Folge auf das ausgewählte Schiff abzufeuern, sowie einige Treffer mit den Quantentorpedos zu erzielen. Nach dem vierten Aufschlag der Antimateriesprengkörper explodierte auch dieses Schiff in einer feurigen Blume, die das stille, dunkle All kurz erhellte.
„Das macht zwei,“ bemerkte der Japaner am Waffenkontrollpult beinahe genüßlich, als sie wendeten und wieder ihren alten Kurs einnahmen.
„Öffnen Sie einen Kanal,“ forderte Lennard und fuhr dann fort: „Lennard hier. Hatte ich be-reits erwähnt, daß wir ein Schiff neuerer Bauart fliegen, welches lediglich das Aussehen mit den ursprünglichen Galaxy-Modellen gemein hat? Ich rate Ihnen, sich Ihre nächsten Schritte zu überlegen. Wir wollen wirklich nur zurück nach Hause, aber wir werden uns gegen jede Aggression mit den gebührenden Mitteln zur Wehr setzen. Lennard Ende.“
Nachdem Darrn die Leitung geschlossen hatte, fragte Leardini mit hochgezogenen Brauen: „Sie bluffen, Captain?“
„Nach der letzten Umrüstung war das doch gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt,“ rechtfertigte sich dieser.
Darrn sah auf. „Sir, einer der beiden verbliebenen Jem’hadar wendet und geht auf Kollisions-kurs. Ich glaube, er will uns rammen!“
„Oh, nein, ich werde keine zweite Odyssey zulassen. Ausweichen.“ Lennards Miene wurde verbissen, als er auf dem großen Bildschirm beobachtete, wie sich das kleinere und wendigere Schiff des Dominion trotz ihrer Ausweichmanöver schnell näherte.
„Not-Abort nach 030, 044. Warp eins!“
Zufrieden registrierte der Kapitän den kurzen Sprung auf Lichtgeschwindigkeit, mit dem sie den selbstmörderischen Anflug ihres Gegners ins Leere laufen ließen. Sie kamen durch die Richtungsänderung nur knapp hinter dem zweiten Kampfschiff wieder in den Normalraum, wobei ihre Geschwindigkeitsdifferenz keine einhundert Stundenkilometer betrug. Offenbar hatte niemand an Bord des gegnerischen Raumschiffes mit so etwas gerechnet.
Mit tonloser Stimme sagte Lennard: „Auge um Auge, Zahn um Zahn... gehen Sie auf Abfang-kurs. An alle Decks: Kollisionalarm.“
Keiner hatte Zeit, überrascht zu sein; dafür ging alles viel zu schnell. In dem Moment, in dem die vulcanische Navigatorin von der rechten Seite her auf ihr Ziel zusteuerte, begriff dessen Besatzung, was sie vorhatten. Sie beschleunigten, doch da hatte die Fairchild sie schon er-reicht und rammte mit ihren Schilden den Angriffsjäger des Dominions. Dank des relativ niedrigen Tempos war nicht viel zu spüren, nicht einmal eine direkte Berührung resultierte aus dem Manöver. Das andere Schiff besaß jedoch eine viel kleinere Masse und hatte daher keine guten Karten, als sich die verstärkten metaphasischen Schilde vor ihm zusammendrückten und einen grünlich flackernden Energiekeil gegen dessen Rumpf trieben.
Zuerst wurde es aus seiner Flugbahn gerissen und zur Seite gedrückt, dann gab die Struktur des Rumpfes nach, worauf eine der seitlich angebrachten Warpgondeln abbrach. Nur Sekun-denbruchteile darauf wurde der hintere Hauptrumpf eingedrückt und brach schließlich eben-falls vom Bug des Raumschiffes ab. Sie waren so nah am Schiff, daß sie beobachten konnten, wie eine Wolke aus gefrorener Luftfeuchtigkeit aus dem Inneren des Schiffes heraus wie eine feine Staubwolke ins All hinausstob. Diverse Jem’hadar an den Bruchstellen wurden ebenfalls ins tödliche Vakuum hinausgezogen; sie erkannten sogar den Vorta, der das Schiff kom-mandierte, als dieser ebenfalls die lethale Erfahrung machte, schlagartig einem Luftdruck von Null Pascal und einer Temperatur von etwa zwanzig Kelvin ausgesetzt zu sein. In diesem Augenblick war der Feind nicht nur aus einer abstrakten Distanz zu sehen, sondern direkt und unmittelbar vor ihren Augen gestorben.
„Die anderen sechs Schiffe nehmen Kurs auf uns, Sir,“ meldete Kakuki mit belegter Stimme.
Verbissen antwortete Lennard: „Für die Jem’hadar ist Aufgeben offenbar wirklich keine Op-tion. Es sieht so aus, als würden wir dieses Mal herausfinden, was unsere Schilde wirklich leisten können.“
Darrn wurde von einer ankommenden Funkmeldung in Beschlag genommen. Er keuchte auf und rief: „Captain! Meldung von Commander Nidor!“
Lennards Kopf ruckte hoch: „Na endlich! Worauf warten Sie noch, Ops?“
Einen Moment später erklang die Stimme von Chefingenieurin Nidor: „Captain, bitte halten Sie den jetztigen Kurs und senken Sie umgehend die Schilde.“
Totenstille auf der Brücke.



Schnell hatte sich Lennard wieder gefaßt. Mit sehr ernster Stimme antwortete er: „Wissen Sie, was Sie da von uns verlangen, Nidor? Es wäre Wahnsinn, in dieser Situation unsere einzige Chance zu riskieren, die...“
„Bitte, Captain, für Erklärungen ist keine Zeit, der Feind fliegt bereits seinen nächsten Angriff. Ich weiß genau, was ich tue.“ Nidors Stimme klang fest und überzeugt. Wie sollte es auch anders sein bei einer vollblütigen Vulcanierin?
„Also gut, ich vertraue Ihnen, Atarma. Tun Sie es, Kazuki, überlegen Sie nicht lange,“ beeilte sich Lennard hinzuzufügen, als er den unsicheren, widerwilligen Gesichtsausdruck seines Si-cherheitschefs sah.
Kaum war die Schutzbarriere deaktiviert worden, als ein Transporterfokus direkt neben der Comm-Konsole sichtbar wurde. Nidor selbst materialisierte, trat sofort darauf zu den Naviga-tionskonsolen und sagte höflich zu Vakuf: „Sie gestatten doch, werte Kollegin?“
Statt einer Antwort räumte die zweite Offizierin der Fairchild ihren Platz, worauf Nidor sogleich eine kurze Folge von Kommandos in die Navigationskontrollen eingab. Zeitgleich bemerkte Lennard ein seltsames Flimmern auf dem Hauptschirm, welches den gesamten Sektor des Alls über ihnen einnahm. Dann wurde die Beleuchtung gedämpfter, als sich die Energiesignatur des gesamten Schiffes neu einstellte.
Dann sahen sie ihn endlich.
Der riesige Rumpf des Romulanischen Warbirds erschien mit einem ungewöhnlichen opti-schen Effekt, wie ihn noch niemand von ihnen zuvor beobachtet hatte. Jedermann hielt die Luft an, denn er lag genau über ihnen, die Unterseite der Tragflächen keine einhundert Meter von dem höchsten Punkt der Fairchild, der Hauptbrücke, entfernt.
Lennard bemerkte einige kleine Kursänderungen, die die beiden Schiffe ausführten und hörte gleichzeitig Leardini protestieren: „Könnten Sie uns jetzt bitte endlich erklären, was Sie... nun, im Schilde führen?“
Während Kall ungewollt über die in dieser Lage wahrhaft ironische terranische Redewendung grinsen mußte, wandte sich Nidor dem Captain zu. „Subcommander Nidor meldet sich zurück an Bord, Sir.“
Die Erste Offizierin erwiderte verduzt: „Durchleben Sie gerade eine Identitätskrise? Oder warum bezeichnen Sie sich mit einem romulanischen Dienstgrad? Sie waren wohl etwas zu lange auf diesem...“
„Verzeihen Sie bitte, Commander, dieser Ausspruch war die Idee eines meiner irdischen In-genieure. Er sollte als Begrüßungsscherz fungieren, um die Anspannung der Crew etwas zu lockern und...“
„Begeben Sie sich nie in Notlagen wie dieser auf Neuland, Mrs. Nidor. Das gilt auch für Vul-canier und Humor. Jetzt berichten Sie endlich.“ Augenscheinlich war Leardini aufs Äußerste angespannt angesichts des halben Dutzends gegnerischer Raumschiffe und ihrer gesenkten Schilde.
„Wir haben während unserer Wartezeit einige Strategien ausgearbeitet. Diese hier umfaßt eine Ausdehnung der Tarnschilde der Remus, um die Fairchild mit aufzunehmen und sich durch langsame Schleichfahrt von den Kampfkoordinaten zu entfernen. Dadurch mußten Sie jedoch ihre Schilde senken, um von uns aufgenommen werden zu können. Wir haben sehr lange gebraucht, bis wir die Funktionsweise der Tarnvorrichtung an Bord enträtselt hatten, und noch länger, bis wir die Geometrie der ‘Schildblase’ so weit nach unten ausgedehnt hatten, um die Fairchild unter dem Hauptrumpf aufnehmen zu können. Mein Ingenieurteam hat zusätzlich eine Synchronsteuerung etabliert, die ich mit nur wenigen Befehlen hier aktivieren konnte, so daß wir beide Schiffe parallel steuern können und damit gewährleistet ist, daß die Fairchild nicht durch ein unbedachtes Manöver aus dem Tarnschildperimeter austritt. Ich habe einige kleinere Kurskorrekturen vorgenommen, nachdem wir beide auf Tarnung gegangen sind und danach die Hauptenergie so weit wie möglich gedrosselt, um unsere Emissionen so gering wie möglich zu halten. Zusätzlich haben wir beide Impulsantriebe deaktiviert, so daß wir mit der momentanen Geschwindigkeit von den Jem’hadar in eine ihnen unbekannte Richtung wegtreiben, ohne Plasmaspuren von den Triebwerken zu hinterlassen.“
Lennard hatte stumm zugehört und sagte jetzt tief beeindruckt: „Deshalb also dieses seltsame Lichtspiel, als der Warbird sichtbar wurde. Wir haben ihn von innerhalb des Tarnschirmes beobachtet. Wenn das funktioniert, können Sie ihren Commander-Rang behalten, das verspre-che ich Ihnen, Nidor.“
„Danke, Sir, aber dieser Verdienst gebührt nicht nur mir allein.“ Die Chefingenieurin beob-achtete auf dem Hauptmonitor, wie die Jem’hadar in blinder Wut und sicher auch Ratlosigkeit die Stelle, wo das Föderationsschiff jetzt eigentlich hätte sein müssen, mit einem tödlichen Kreuzfeuer belegte. Lennard bezweifelte zwar, daß das ihren Schirmen irgendwelchen Schaden hätte zufügen können, doch er hätte nur ungern herausgefunden, ob das bei sechs Kamikaze-Anflügen zugleich auch der Fall gewesen wäre.
„Und Sie sind sicher, daß man uns momentan nicht orten kann?“ wollte Leardini skeptisch wissen.
„Wir haben während ihrer Abwesenheit einige Erfahrung gesammelt, wenn ich das so aus-drücken darf. Einmal ist während der Expansionsarbeiten des Tarnfeldperimeters unser Tarn-schirm zusammengebrochen, während eine Dreierpatroullie von Jem’hadar-Schiffen nur ein Lichtjahr entfernt war. Wir hatten danach nur wenige Stunden, um den Schaden zu beheben und uns getarnt so weit wie möglich von der letzten ungetarnten Position zu entfernen. Leider haben wir uns dabei wohl etwas zu schnell bewegt, denn den Dominion-Schiffen gelang die Ortung. Was dann folgte, war ein stundenlanges taktisches Dauermanöver aus Totstellen, Wegschleichen, Blitzangriff, erneutes Tarnen und Totstellen. Wir haben im Verlauf dieser Auseinandersetzung zwar die Hälfte unseres Photonentorpedo-Vorrats verbraucht, aber dafür wertvolle Informationen und Erfahrungen in der wirkungsvollen Anwendung dieser Taktik ge-wonnen.
Ich muß Ihnen mitteilen, daß wir viel Glück bei der Übernahme dieses Warbirds hatten. Die Jem’hadar-Crew an Bord dieser D’Deridex-Klasse war offenbar weitgehend nicht vertraut mit der Technik und Bedienung des Schiffes. Wir haben mehr Effizienz durch Anwendung geeig-neter Taktiken gezeigt und am Ende zwei der drei Gegner zerstört, ohne selbst einmal getrof-fen worden zu sein. Der Dritte hat bemerkenswerterweise nicht aufgegeben, sondern so lange weitergekämpft, bis wir ihn manövrierunfähig geschossen hatten.“
„Das hört man gerne. Wenn das möglich ist, möchte ich die Remus gerne inspizieren,“ sagte Lennard.
„Sicher, sobald wir aus der unmittelbaren Gefahrenzone herausgekommen sind. Das Risiko einer Ortung nimmt selbstverständlich antiproportional im Quadrat zur Entfernung ab, die wir zwischen uns und den Gegner bringen. Ich möchte so bald wie möglich alle Angehörigen und Zivilisten von Bord der Remus holen, damit diese im Ernstfall den besonderen Schutz der Schilde der Fairchild genießen.“ Nidor nickte dem Captain ehrerbietend zu.
„Selbstverständlich, Commander. Wie schätzen Sie unsere Möglichkeiten ein, mit Warp zu zweit in dieser erweiterten ‘Tarnblase’ zu fliegen?“
„Leider nur beschränkt, Sir. Bis etwa Warp Fünf können wir gefahrlos gehen, wenn sich kein Schiff des Dominion in einem Radius von etwa fünf Lichtjahren befindet. Wir können auch schneller fliegen, die Fairchild müßte dann jedoch einen größeren Abstand zu der Remus einnehmen, damit die Warpfeldsignatur der beiden Schiffe sich nicht überschneiden. Diejenige unseres Schiffes würde die Peripherie des Tarnfeldes dann jedoch durchdringen und eine auffällige Spur hinterlassen.“ Natürlich lag kein Bedauern in der Stimme der Chefingenieurin. Es war nur eine weitere Tatsache, die man akzeptieren und logisch behandeln mußte.
Ihnen lag ein etwas längerer Flug bevor.



Sie waren noch über drei Wochen unterwegs.
Wenn sie ihren Anzeigen nach alleine im Raum waren, erhöhten sie das Tempo auf Warp Sechs, jedoch nie für sehr lange.
Mehrmals gerieten sie in die Nähe von Jem’hadar-Patroullien und mußten unter Warp gehen, um nicht von deren Sensoren erfaßt zu werden. Ansonsten hatten sie keine technischen Prob-leme zu beklagen, das Zusammenspiel der Navigationskontrollen beider Schiffe verlief zu-friedenstellend. Innerhalb des Tarnschildes konnten sie ohne Weiteres von einem Schiff zum anderen beamen, um die auf der H.M.S. Remus verbliebene Kontrollmannschaft periodisch auszuwechseln.
Sie registrierten mit den Fernbereichssensoren der Fairchild, dessen Erfassungsbereich um ei-nige Lichtjahre größer war, daß das Dominion weitere Verbände hinter sie in Richtung Nebel schickte, was den Schluß nahelegte, daß der Kampf mit den Borg weiterhin anhielt. Auch wenn das zuletzt nicht mehr ihre Absicht gewesen war, so hatten sie doch ihre Mission erfüllt. Lennard hoffte inständig, daß sie es zurückschaffen würden, damit er unter anderem dafür sorgen konnte, daß diverse Elemente aus der Führung der Sternenflotte entfernt wurden. Jene Elemente, die leichtfertig das Leben von beinahe eintausend Lebewesen, seine Besatzung nämlich, für ihre zweifelhaften Motive aufs Spiel gesetzt hatten.
Dann änderte sich alles schlagartig, als sie nur noch zwanzig Lichtjahre vom Wurmloch entfernt waren.
Zuerst orteten sie einen der kleinen Patroullienkreuzer hinter sich, der ihnen genau auf ihrem Kurs mit exakt ihrer Geschwindigkeit, also Warp fünf, folgte. Als sie unter Warp gingen, um einer Erfassung zu entgehen, beschleunigte der Verfolger gar auf Warp Sechs. Damit war klar, daß ihnen zumindest ihre ungefähre Position und ihr Kurs bekannt sein mußte. Die Reichweite der Sensoren des Dominion mußte um einiges größer sein, als sie angenommen hatten, sodaß sie sie aufgrund der Subraumemissionen der Fairchild beim schnellen Warpflug mit Faktor Sechs hatten verfolgen können.
Da es nun ohnehin keine Rolle mehr spielte, gingen sie wieder auf Warp Fünf und setzten eine kleine Kurskorrektur an. Das feindliche Schiff hinter ihnen blieb tatsächlich auf seinem alten Kurs, womit Nidors Einschätzung bestätigt war, was ihre Fähigkeit zur Tarnung anging. Sie konnten sie nun auf weite Distanzen nicht mehr orten, wußten aber in etwa, wo sie waren, und genau, wohin sie wollten.
Als ob daran je ein Zweifel bestanden hätte, dachte Leardini bitter, als ihnen bei einem Briefing von Vakuf ihre Lage dargelegt wurde.
Als nächstes entdeckten sie das Netz von Jem’hadar-Schiffen, das nur einen Lichtmonat vor dem Eingang des Wurmloches im Indrani-System lag. Jeder wußte augenblicklich, was das zu bedeuten hatte.
Lennard hieb wütend mit seiner Hand in die Faust. „Sie schlagen uns mit unseren eigenen Waffen! Zwischen diesen Schiffen haben sie bestimmt ein Netz aus Tachyonenstrahlung er-richtet. Wenn wir hindurchfliegen, werden wir geortet.“
Wuran widersprach nur widerstrebend: „Ich fürchte, so simpel ist es nicht. Ich kann keinerlei Anzeichen, weder von Tachyonen- noch von irgendeiner anderen uns bekannten Strahlung ausmachen. Da wir nicht genau wissen, welche Möglichkeiten sie zum Aufbau dieses Such-netzes verwenden und die Möglichkeit einer Täuschung wohl ausschließen können, können wir leider keinerlei Gegenmaßnahmen auf technischer Basis treffen.“
„Dann müssen wir eine andere Strategie auffahren, um durchzukommen. Wie viele Schiffe, Mr. Kazuki?“
Der Japaner an der taktischen Station stöhnte leise auf. „Sieben große Schlachtkreuzer und fünfzehn der kleinen Angriffsschiffe. Ich würde nicht empfehlen, einen Durchbruch zu wagen, Sir.“
„Damit bleiben uns nur noch wenige Optionen. Hat jemand eine Idee, wie wir durchkommen könnten, ohne die Remus zu opfern?“ Fragend sah der Captain in die Runde.
Nachdem alle betreten geschwiegen hatten, fuhr er fort: „Es bricht mir das Herz, aber ich fürchte, wir müssen dieses wunderbare Schiff opfern. Die D’Deridex-Klasse ist eine wirklich bemerkenswerte Konstruktion, und da außer uns bislang nur sehr wenige Starfleet-Angehörige einen Fuß auf ein solches Schiff setzen konnten, wäre es eine äußerst wertvolle ‘Kriegsbeute’ für uns geworden. Dennoch haben wir einige Taktiken und Szenarios entworfen, bei denen es auf der Strecke bleiben wird. Wir müssen uns die Blockade aus der Nähe ansehen und dann entscheiden, welcher dieser Pläne der Beste ist.



Es war soweit.
Sie flogen in unmittelbarer Nähe der Barriere dessen Zentrum an, wo sich die größeren der Dominion-Kriegsschiffe befanden. Vor kurzem waren sie auf vollen Impuls hinabgegangen und damit auf größere Entfernungen nicht mehr zu orten.
Nidor befand sich nun ebenfalls auf der Brücke und überwachte von ihrer Station im Hinter-grund der Brücke aus den Ablauf ihrer Vorbereitungen. Sie sah jetzt auf und bestätigte dem Captain, daß alles in Ordnung war und die letzten der Bedienmannschaft die Remus verlassen hatten, sodaß Nidor von ihrer Konsole aus den romulanischen Warbird befehligte.
Leardini stand gerade neben der Maschinenstation und sah fasziniert der Chefingenieurin zu, die ihr Instrumentenpaneel so umprogrammiert hatte, daß es dem Original auf dem romula-nischen Schiff entsprach. Durch diese Konfiguration war ihr die Bedienung des D’Deridex-Schiffes vertrauter, da sie es etliche Wochen nur mit diesen Kontrollen geflogen war.
„Wissen Sie noch, was der Captain zu Ihnen gesagt hat, als Sie zurück an Bord kamen? Ich schließe mich dem an: wenn das klappt, könnnen Sie von mir aus Ihren Commander-Titel be-halten.“
„Ich komme allmählich zu der Überzeugung, daß sämtliche terranische Führungsoffiziere der irrigen Annahme sind, ich wollte meinen kommissarischen Titel unbedingt halten.“ Nidor sah nicht einmal auf von ihren Anzeigen, als sie das bemerkte.
Verblüfft fragte die Erste Offizierin: „Sie wollen ihn gar nicht?“
Nun sah sie doch auf und verzog keine Miene bei ihrer Antwort: „So habe ich das nicht ge-sagt.“
Leardini grinste. „Sehen Sie, das habe ich doch gleich gewußt.“
Schnell entfernte sie sich, bevor die Vulcanierin etwas erwidern konnte, und ließ sie mit of-fenem Mund an ihrem Platz sitzen. Nidor beschränkte sich daher darauf, sich ihr schwarzes schulterlanges Haar aus dem Gesicht zu streichen und dann weiterzuarbeiten, als sei nichts vorgefallen.
„Wann sind Sie soweit, Nidor?“
„Wir können jederzeit anfangen, Sir.“
Kall beugte sich ein wenig zu ihm hin. „Ich hoffe nur, dieser Bluff funktioniert.“
„Als Bluff würde ich das nicht gerade bezeichnen. Wir versuchen nur, ihnen weiszumachen, daß wir das jederzeit wieder tun können. Ob das die erwünschte Abschreckungswirkung er-zielen wird, ist nicht sicher. Sie wissen selbst, daß die Jem’hadar für die Gründer nur Kanon-enfutter sind. Sie haben keine Bedenken davor, ihre Armee einer völlig neuartigen Waffe auszusetzen.“
„Es wäre auch der Idealfall, wenn sie uns alles abgekauft haben. Die einzige Tatsache, die sie uns unbesehens glauben, ist die, daß ihre Waffen gegen unsere ‘neuen’ Schilde völlig ohne Wirkung sind. Aber ob sie glauben, daß wir den Warbird wirklich zerstört haben, uns selbst tarnen können und jetzt das...“ Kall hob ein wenig ratlos die Schultern.
„Wir werden sehen. Jedenfalls muß ich jetzt gleich ganz schön dick auftragen.“ Er räusperte sich und sah zu Nidor hinüber. „Wie soll ich das jetzt formulieren? Halber voller Stopp?“
Die Chefingenieurin hob eine Braue und ließ zur allgemeinen Belustigung der Brückencrew verlauten: „Ich denke, ich weiß, was damit gemeint ist, Sir.“
Lennard dachte noch bei sich, daß es ungeheuerlich gut um ihre Moral stehen mußte, wenn sie angesichts dieser angespannten Lage immer noch scherzen und vor allem lachen konnten. Dann wurde seine volle Aufmerksamkeit von der Entwicklung der Dinge in Anspruch genommen.
Die Fairchild ging auf Schubumkehr und glitt damit aus dem Tarnfeld der Remus, die mit unverminderter Geschwindigkeit weiterflog, heraus, wobei sie natürlich sichtbar wurde. Die Reaktion blieb nicht aus. Augenblicklich gruppierten sich die Jem’hadar-Schiffe zu einer ge-schlossenen Formation um und flogen langsam auf sie zu. Lennard verlangte eine Verbindung.
„Hier spricht Kyle Lennard, Captain des Föderationsraumschiffes Fairchild. Bitte geben Sie den Weg frei, damit wir unbehelligt durch das Wurmloch nach Bajor zurückkehren können. Andernfalls sehen wir uns gezwungen, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln den Zutritt zum Eingang des Wurmlochs zu erlangen. Es wird keine weitere Warnung geben. Lennard Ende.“
„Keine Antwort, Sir. Sie fahren ihre Waffen hoch. Eines der großen Schlachtschiffe feuert einen Torpedo auf uns.“ Darrn sah von seinen Anzeigen auf und beobachtete den gleißend-hellen Stern, der auf sie zugeflogen kam und auf ihre Schilde aufschlug.
Kazuki gähnte kurz und meldete dann: „Direkter Treffer, keine Schäden.“
„Werden wir wieder überheblich, Sensei?“ fragte Kall aggressiv, worauf der Japaner ein wenig verlegen und unter dem schadenfrohen Grinsen einiger Crewmitglieder zu Boden sah.
„Wie lange noch, bis die Remus in den Verband eindringt?“ wollte Leardini wissen.
„Noch knapp dreißig Sekunden,“ antwortete Darrn geistesgegenwärtig.
„Dann müssen wir in zwanzig Sekunden schießen, um die Illusion zu wahren,“ gab die Érste Offizierin zu bedenken.
„Öffnen Sie einen Kanal,“ forderte Lennard und fuhr gleich fort: „Hier Fairchild. Sie haben noch zehn Sekunden, um den Weg freizumachen, bevor wir Vergeltungsmaßnahmen ergrei-fen. Fairchild Ende.“
„Keine Reaktion, Captain, die Flotte des Dominion behält Kurs und Geschwindigkeit bei. Ich habe die Vorlaufzeit zum Abschießen eines Quantentorpedos berechnet, damit er zeitgleich mit dem D’Deridex den Verband erreicht.“ Erwartungsvoll sah Kazuki wie alle anderen auf der Brücke ihren Kommandanten an.
Mit grimmiger Miene sagte Lennard: „Feuer frei.“
Kazuki löste die Freigabe aus. Als der berechnete Zeitpunkt gekommen war, schoß der vordere Torpedolauncher einen der Marschflugkörper heraus, worauf dieser sich selbst weiter auf Überlichtgeschwindigkeit beschleunigte und mit einem weißlichblauen Schillern auf den inzwischen geschlossen auf sie zurückenden Jem’hadar-Verband zuraste. Die Krieger des Do-minion mochten wohl einen Moment lang verwirrt sein, als die vermeintliche ‘Wunderwaffe’ zwischen den vorderen Schlachtkreuzern hindurchzischte. Irgendwo dort mitten in dieser For-mation befand sich jetzt die Remus, der ein unmerklich kurzes Signal vom Torpedo zugesandt wurde.
Darauf schaltete sich die Eindämmung seiner Energiequelle ab.
Ein romulanischer Warbird der D’Deridex-Klasse ist ein Raumschiff von gewaltigen Ausmas-sen, viel größer als ein Schiff der Galaxy-Klasse und mit etwa der doppelten Masse. Die En-ergiequelle dieses Flugkörpers war entsprechend dimensioniert, es war jedoch keine Materie-Antimaterie-Reaktionskammer wie bei den Schiffen der meisten anderen Rassen in der be-kannten Galaxie. Hierbei handelte es sich um eine künstliche Quantensingularität, ein kleines Schwarzes Loch.
Und so reagierte es jetzt auch.
Innerhalb einer Planck’schen Zeiteinheit wurde der Mantel der Energiequelle in die Singularität hineingerissen, dann die umliegenden Sektionen. Nach einem Lidschlag war das gesamte Schiff, von innen her mit dem Zigtausendfachen der Erdanziehungskraft beschleunigt, implodiert. Darauf folgte nun der umgebende Raum.
Noch ehe jemand wußte, wie ihm geschah, wurde jedes einzelne Schiff des Dominion ausein-andergerissen und zu einem einzigen Punkt hingezogen. Nach der gigantischen, lautlosen Im-plosion war die gesamte Flotte verschwunden.
Selbst an Bord der Fairchild hatten die verbesserten Trägheitsdämpfer alle Mühe, den gewal-tigen Ruck nach vorne hin auszugleichen, als das Schiff die letzten Wehen der Freisetzung des romulanischen Antriebs zu spüren bekam und schlagartig vorwärtsgerissen wurde.
„Unfaßbar,“ flüsterte Leardini und merkte erst jetzt, daß sie unwillkürlich ihre Hand auf Lennards Unterarm gelegt hatte. Schnell nahm sie sie wieder zu sich und setzte sich aufrecht hin.
„Vakuf, gehen Sie sofort auf Maximum Warp. In vierzehn Minuten haben wir es geschafft, wenn nichts mehr dazwischenkommt.“ Lennard spannte sich an und beobachtete den Warp-Transfer. Leise sagte er noch: „Ich hätte nie geglaubt, daß die Wirkung so groß sein könnte. Die Singularität hatte einen Durchmesser von nicht einmal einem Meter. Ich darf mir gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn die Romulaner dieses Verfahren zur Waffenfähigkeit entwickeln würden.“
Leardini entgegnete in beruhigendem Tonfall: „Ich glaube nicht, daß es jemals so weit kommen wird. Eine so starke Energiequelle jagt man nicht einfach beliebig hoch. Dafür ist sie viel zu schwierig herzustellen und zu wertvoll. Und auch eine Freisetzung dieses Antriebskernes bei einem Gefecht ist wohl eher der Ausnahmefall. Du hast selbst gesehen, wie viele Sicherungsmechanismen wir überbrücken und außer Kraft setzen mußten, um eine fernge-steuerte Abschaltung der Eindämmung vornehmen zu können. Verglichen damit fliegen wir ja buchstäblich auf einem Pulverfaß mit unserem Warpkern.“
Er sah sie an und flüsterte: „Du hast recht. Danke, Stefania. Sieh’ nur, wir haben es bald ge-schafft.“
Er lächelte.



Als sie aus dem Wurmloch austraten, ordnete Lennard an: „Voller Nahbereichsscan.“
„Deep Space Nine ist da, wo sie hingehört... drei klingonische Bird of Preys in der Nähe der Station!“ Kazuki war der Schrecken deutlich anzusehen.
„Roter Alarm! Alle Waffen laden.“
„Moment, Captain, da stimmt etwas nicht,“ rief der Sicherheitsoffizier, „die Station hat die Schilde gar nicht oben. Und auf der uns abgewandten Seite ist ein klingonisches Schiff ange-dockt. Ah, sie rufen uns.“
„Stellen Sie durch, Mr. Kazuki.“
Das besorgte Gesicht von Major Kira, der Ersten Offizierin von DS9 erschien auf dem Bild-schirm. „Willkommen im Alpha-Quadranten, Fairchild. Schön, Sie doch noch wiederzuse-hen.Wir sind allerdings etwas nervös wegen dem Aktivieren Ihrer Bordwaffen.“
„Eine reine Vorsichtsmaßnahme angesichts der Präsenz der Klingonen. Wenn Sie uns viel-leicht aufklären könnten?“
„Natürlich, Sie waren ja monatelang von jeglicher Information abgeschnitten. Demnach hatten Sie auch keinen Kontakt mit einer Relaisboje der Föderation im Gamma-Quadranten?“
Lennard und Leardini sahen sich einen Moment lang an und tauschten ein kurzes, unauffälli-ges Lächeln aus, bevor Lennard antwortete: „Nein, wirklich nicht. Wir mußten außerdem die meiste Zeit absolute Funkstille wahren und konnten daher auch keine Funkfeuer anpeilen.“
„Ich verstehe.“ Kira nickte kurz. „Nun, es hat sich eine Menge getan hier, während Sie Pause gemacht haben von der Wirklichkeit.“
„Sie hätten es nicht besser formulieren können. Wie ich sehe, sind Sie freudiger Erwartung. Ich wünsche Ihnen alles Gute für ihren Nachwuchs. Ach ja, teilen Sie bitte Captain Sisko mit, daß ich ihn dringend sprechen muß.“ Lennards Miene wurde sehr ernst, als er daran dachte, was ihm bevorstand.
„Sehr wohl, Captain. Bitte legen Sie an Andockmast eins an.“ Die Bajoranerin etablierte die Subraumverbindung zwischen Andockkontrolle und den Navigationskontrollen des Schiffes.



Beim Durchschreiten der Luftschleuse sah Lennard durch ein Fenster und erblickte sich gegen-über Captain Sisko, der seinerseits durch ein ‘Bullauge’ sah und interessiert eine Stelle an ihrer Außenhaut betrachtete. Was nun kam, war wohl unvermeidlich.
Der afroamerikanische Terraner mit der Glatze und dem Bart um den Mund-Kinn-Bereich reichte dem Captain der Fairchild freundlich die Hand. „Willkommen daheim, Captain Len-nard. Sie haben sich eine eindrucksvolle Galeonsfigur zugelegt. Bei Ihrem Abflug war sie noch nicht dort, oder täusche ich mich?“
„Durchaus nicht. Ihr Name ist Caitlin Fairchild und sie ist eine irdische ‘Comicfigur’ aus der Zeit der Jahrtausendwende. Falls Sie Näheres dazu wissen wollen, wenden Sie sich bitte an unseren Bordarzt; er hat dieses Kunstwerk verbrochen. Wir haben jetzt etwas von äußerster Wichtigkeit zu besprechen, Captain. Es geht um die innere Sicherheit der Föderation.“
Nun lächelte Siko nicht mehr.
Sie fuhren mit dem Turbolift auf die Ops und betraten ohne weitere Umschweife das Büro des Stationskommandanten. Gleich, nachdem sich die Doppeltüren mit den Glaseinsätzen ge-schlossen hatten, begann Sisko: „Also dann, berichten Sie einmal, was genau geschehen ist.“
„Verzeihen Sie, aber ich würde doch gerne zuerst auf den neuesten Stand der Geschehnisse im Alpha-Quadranten gebracht werden. Wir waren monatelang ohne jede Verbindung zur Außenwelt, wie Sie sicher wissen.“
„Selbstverständlich. Dann setzen Sie sich besser erst einmal...“



Nachdem Sie eine halbe Stunde lang gegenseitig Informationen ausgetauscht hatten, schüttelte Sisko beinahe ungläubig den Kopf. „Unfaßbar, wie zäh sich diese reaktionären Elemente in der Führungsspitze der Sternenflotte halten. Wir können von Glück sagen, daß Ihre Counselor diesen unfaßbaren Betrug aufgedeckt hat. Die Aufzeichnungen auf diesen PADDs hier sind eindeutig. Ich werde mich direkt an den Erdpräsidenten wenden. Wissen Sie, ich habe ihn damals während der Sicherheitskrise auf der Erde persönlich kennengelernt und denke, daß er auf mich hören wird.“
„Freut mich zu hören. Wenigstens eine gute Nachricht in Zeiten wie diesen. Ich kann kaum glauben, daß die Klingonen trotz der Enttarnung des Wechselbalges, der General Martok ersetzt hatte, weiter ihre Aggressionen bis hin zu offenem Krieg vorangetrieben haben. Manchmal kann man die klingonische Politik als Außenstehender wohl nicht einmal mit viel gutem Willen verstehen.“
„Sie sagen es.“ Sisko rieb sich müde den Nasenansatz. „Was glauben Sie, wohin werden Sie als Nächstes beordert?“
„Oh, das weiß ich bereits. Die Fairchild wird einen längeren Flug an einen streng geheimen Ort unternehmen, wo sie vorübergehend stillgelegt und gründlich untersucht werden wird. Ich werde dann voraussichtlich ein neues Kommando erhalten. Wissen Sie eigentlich schon etwas Neues über den Stand der... nun, sagen wir ‘jüngsten Forschungsarbeiten’?“ Verschmitzt sah er seinen Kollegen an.
Dieser verstand ihn offenbar, denn er entgegnete im gleichen belanglosen Tonfall: „Oh, uns wurden gerade einige bemerkenswerte technische Anleitungen zur Verbesserung der Schild-parameter zugeleitet. Die Auswertung Ihrer Fundgrube läuft auf vollen Touren, geht aber bei Weitem nicht so schnell voran, wie wir es uns wünschen.“
„Ja, es sind viele Barrieren zu überwinden, um alles zu verstehen, was da direkt vor unserer Nase liegt. Wir sehen das an unserem eigenen Schiff: schließlich haben wir selbst alle Än-derungen an der Schildkonstruktion vorgenommen und dabei lediglich die Anweisungen dieser Lebensform befolgt, von der ich Ihnen damals bei unserem gemeinsamen Essen erzählt hatte. Und bis heute ist es uns nicht annähernd gelungen, diese Modifikationen zu verstehen, geschweige denn zu reproduzieren, auch wenn sie uns einige Denkanstöße geliefert haben. Auch Sie werden auf DS9 davon profitieren, dessen bin ich mir sicher.“



Entspannt saßen Sisko, Kira, Lennard, Leardini, Kall und Stern an diesem Abend zusammen im Quark’s und genossen das Essen und die multikulturelle Geselligkeit der Bar. Lennard sah aus dem Augenwinkel den Sohn des Stationskommandanten zusammen mit Kazukis älterer Tochter Yoko an einem der Tische auf der zweiten Ebene des Lokals sitzen und sich angeregt unterhalten. Er bezweifelte, daß ihre Beziehung über diese Entfernungen etwas Ernsteres er-geben könnte, fand diese latente Romanze jedoch dennoch rührend.
Gerade fragte Kira Kall: „Haben Sie denn für die nächste Zukunft irgendwelche Pläne, Coun-selor?“
Mit nichtssagender Miene meinte die Betazoidin darauf: „Ach, wissen Sie, Major, ich spiele mit dem Gedanken, meine blaue Uniform gegen eine rote zu tauschen. Was halten Sie davon, Captain?“
Leardini verschluckte sich fast an ihrem Raktajino. Lennard wurde weiß wie eine Wand und murmelte: „Gott behüte uns davor. Eine Counselor auf einem Kommandosessel...“
„Wie bitte?“ fragte Kall spitz.
„Ich sagte, wer weiß, was die Zukunft uns bringt,“ beeilte der Neuseeländer sich zu sagen.
„Wir werden jedenfalls übermorgen aufbrechen,“ sage Stern und lenkte mit ungewohntem Feingefühl das Thema auf andere Bahnen. „Ein Flug von fast neun Wochen mit Warp Acht.“
„Nur Warp Acht? Aber ich dachte...“
„Sie haben recht mit Ihrer Vermutung, Captain Sisko. Jedoch hat unsere Chefingenieurin bei einer Überprüfung der Warpantriebsspulen eine Destabilisierung der neuen Verterium-Korte-nid-Legierung feststellen müssen, was bedeutet, daß der Antrieb bei maximalem Warp nur noch etwa fünfundneunzig Betriebsstunden durchhalten würde, bevor die Beschichtung wegbrennen würde. Deshalb ist nun leider Schluß mit Dauertempo Warp 9,9. Aber ich denke, auch dieses Problem wird die Metallurgie in den Griff bekommen... eines Tages.“ Lennard seufzte ohnmächtig.
Wie immer sich auch die Ereignisse im Alpha-Quadranten entwickeln würden, die Besatzung der Fairchild würde eine Zeitlang nicht mehr aktiv daran beteiligt sein. Niemand konnte ahnen, wie dramatisch sich die Ereignisse zuspitzen würden, doch wenn der Sturm über die von der Föderation verwaltete bajoranische Station hereinbrechen würde, würden sie bereits weitab vom Geschehen hier sein.
Lennard jedoch sah relativ zuversichtlich in die Zukunft. Wenn ihr Schiff im geheimen Trockendock nochmals eingehender untersucht werden würde, konnte man die genaue Funk-tionsweise der supermetaphasischen Schutzschilde vielleicht doch noch enträtseln. Solange jedoch würde ihr Schiff ein wertvolles Einzelstück bleiben, welches eines Tages dann doch noch für eine Mission von solcher Wichtigkeit eingesetzt werden würde, wie das bei dieser eben abgeschlossenen der Fall gewesen war.
Und dann würden sie nicht mehr als Spielball von totalitären Generälen, die ihre Uniform für üble Machenschaften mißbrauchten und die oberste Direktive der Föderation verrieten, dienen.
Nein, ihnen stand sicher noch anderes bevor. Vielleicht nicht unbedingt diese Geschichte mit dem ‘kühn dorthin zu gehen, wo noch kein Mensch zuvor war’, aber die Galaxie war so groß, da war genügend Raum für Abenteuer und Entdeckungen für Tausende von Schiffen wie ihrem.
Das Leben ging weiter.









- ENDE -

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