Dienstag, 12. Juni 2007
StarTrek4 - Im Krieg und in der Liebe...
YES, YES, YES !!! - Und schon wieder ein neues Buch von Andilone !
Hier ist das gesamte Buch der vierten Episode der StarTrek Quintologie: 'StarTrek4 - Im Krieg und in der Liebe...' zum Download
ACHTUNG: Wenn die Datei im Browser angezeigt, anstatt downgeloaded wird, einfach im Menü: Datei ->Speichern unter... anklicken und das Dokument als rtf- Textdatei nochmal abspeichern.

Oder hier einfach das gesamte Buch online lesen
(Ich empfehle aber zuerst die Bücher 1-3 zu lesen :-)
Viel Spaß !
V
V
V
Star Trek - U. S. S. Fairchild ( N.C.C. - 71912)


Im Krieg und in der Liebe...


- 1 -

Sternzeit 51287,6

Vor wenigen Monaten noch wäre es ein faszinierender Anblick gewesen. Doch nun hatte das Staunen der Ernüchterung des Alltags und dem Bewusstsein, warum sich ihnen dieser An-blick bot, Platz gemacht.
Kyle Lennard, der Captain der U.S.S. Fairchild, einem der wenigen Schiffe der neuen Sovereign-Klasse, sah dennoch mit einer gewissen Ehrfurcht durch die nach hinten gerich-teten Fenster der Beobachtungslounge. Die Untertassensektion verjüngte sich in mehreren Absätzen nach hinten, bis sie an der Kante des Haupthangardecks auslief. Ungefähr auf ihrer Höhe und zweihundert Meter hinter ihnen verliefen die blauweiß glühenden Warpgondeln, zwischen denen er hindurchsah und die vorbeihuschenden Sterne, die den optischen Effekt des schnellen Warpfluges ausmachten, beobachtete. Normalerweise hätte er allein diesen faszinierenden Anblick schon zu genießen gewußt, doch er nahm es nur am Rande wahr.
„Eine beeindruckende Ansammlung, nicht wahr?“ kommentierte Commander Stefania Lear-dini, seine Erste Offizierin. Sie bezog sich auf die mehrere Dutzend Raumschiffe der ver-schiedensten Klassen, die alle in Formation mit ihnen flogen. Von den kleinen und wendigen Raidern bis hin zur U.S.S. Aldebaran, seinem alten Schiff, einer Galaxy-Klasse der ganz besonderen Art, war nahezu das gesamte Spektrum an kampftauglichen Schiffstypen der Ster-nenflotte präsent.
„Ich hoffe nur, das Dominion findet es genauso beeindruckend wie Sie, Commander,“ er-widerte der Steuermann Merven Soares eine Spur zu sarkastisch. Es war noch nicht allzu-lange her, da hätte er sich für diesen Ausspruch einen Rüffel bei seiner Vorgesetzten einge-handelt, doch nun reagierte sie nicht einmal darauf. Die letzten drei Monate der Kampf-handlungen, der ständigen Anspannung und Gefahr hatten sie alle ein wenig nachsichtiger ge-macht, was das haargenaue Einhalten der Protokolle der Sternenflotte betraf. Manch böse Zungen behaupteten sogar, die häufigen Gelegenheiten, bei denen sie Kontakte mit klingo-nischen Truppenkontingenten hatten und Umgang mit diesen pflegten, hätten ihren Teil zur Verrohung der Manieren beigetragen.
Lennard persönlich war das mittlerweile auch ziemlich egal, solange die Schlägereien und Messerkämpfe in deren Mannschaftsmessen nicht auch mitübernommen wurden. Er hatte ge-nerell nichts gegen den Ehrenkodex der klingonischen Alliierten, den Teil jedoch, der zur un-produktiven Verletzung oder gar Tötung von wertvollem Personal führen konnte und oft ge-nug auch tatsächlich führte, ging ihm gegen den Strich, jetzt mehr als je zuvor. In diesen Zei-ten wurde wirklich jeder einzelne Mann gebraucht.
„Wie lange noch bis zum Treffpunkt, Merven?“ wollte er von seinem Navigationsoffizier wis-sen.
Der junge Trill antwortete rasch: „Etwa neunzig Minuten noch, Sir. Erlauben Sie mir eine Frage, Captain?“
„Schießen Sie los.“
„Was genau wird ihr nächstes Ziel sein? Ich erkenne in unmittelbarer Umgebung keine Ziele, für die sich eine solche Massierung von Feindschiffen rechtfertigen ließe.“
„Es ist das Tyra-System, da bin ich mir völlig sicher. Sie wollen es einnehmen,“ flüsterte Len-nard beinahe, so leise redete er.
„Wenn ich mich recht erinnere, gibt es dort aber nichts zu holen,“ entgegnete Merven ein wenig ratlos.
„Dann sollten Sie sich vielleicht einmal die Mühe machen, sich das weitere Umfeld dieses Systems noch einmal auf der Sternenkarte anzusehen. Wenn es Ihnen dann nicht ins Auge fällt, weiß ich auch nicht, wie Sie an Ihren Job gekommen sind,“ versetzte Leardini hitzig. „Sie kennen sich wohl nicht besonders gut aus in dieser Gegend?“
„Stefania, bitte. Wir sind alle ein wenig angespannt zur Zeit, aber wir wollen den Jem’hadar doch nicht die Arbeit abnehmen und uns gegenseitig an die Gurgel gehen. Computer?“ Len-nard war zum einen Bildschirmterminal am schmalen Ende des Konferenzraumes gegangen und sprach nun die Steuerung des holografischen Wandmonitors an, der mit einem kurzen akustischen Signal seine Bereitschaft signalisierte.
„Eine Sternenkarte vom Tyra-System, ganzer Sektor.“ Augenblicklich bildete sich ein Würfel von zwanzig Lichtjahren Kantenlänge, in dem das betreffende System herausgehoben wurde. Die Grafik war ziemlich simpel gehalten, erfüllte aber voll und ganz ihren Zweck.
Merven trat heran an die Sternenkarte und studierte die allgemeinen Symbole und Pikto-gramme, die alle Besonderheiten dieses Sektors heraushoben. Die hell leuchtende Doppel-sonne von Tyra besaß nur zwei kleinere Wüstenplaneten, die in weit von den Muttergestirnen entfernten, stark elliptischen Bahnen deren gewaltigem Schwerefeld ihren Tribut zollten. Das Gestirn lag am Rand des Sektors, der zur Galaxismitte hin verlief.
„Was sind das für markierte Zonen hier am Sektorenrand? Computer, Massstab vergrössern und sämtliche Nachbarsektoren anzeigen.“ Neugierig geworden, studierte der junge Lieute-nant Commander die neue Ansicht. In einer bezeichnenden Geste schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Natürlich! Jetzt erkenne ich es. Dieses Muster hier, das sind Subraumspalten, und zwar ein ganzer Haufen davon und alle mehrere Lichtjahre lang. Das ist der Lantaru-Sektor, in dem man aufgrund der Subraumstörungen kein stabiles Warpfeld erzeugen und den man nur mit Impulsgeschwindigkeit durchfliegen kann. Ich erinnere mich noch daran, dass wir dieses Phä-nomen an der Akademie durchgenommen haben. Und jetzt wird mir auch klar... Computer, zeige die politischen Grenzen der dargestellten Region auf.“
„Ich glaube, er hat es herausgefunden,“ bemerkte Leardini leise, jedoch nicht so leise, dass er es nicht hören konnte.
„Und das Tyra-System grenzt als Einziges direkt an diese Region. Dahinter befinden sich noch zwei Sektoren von Föderationsraum, die abgeschnitten würden, wenn Tyra fallen würde. Durch den Lantaru-Sektor könnte man diese Gebiete zwar auf direktem Weg erreichen, aber da man in diesem Gebiet nicht auf Warp gehen kann, bräuchte man Jahre, um ihn zu durch-queren.“ Merven musste schlucken, als ihm etwas aufging.
„Was... was befindet sich alles in diesen gefährdeten Sektoren?“
Zufrieden und zugleich grimmig antwortete Lennard: „Ich sehe, Sie haben den Ernst der Lage erkannt. Nun, es sind einige Erz- und Mineralvorkommen, leider auch Dilithiumminen, in dem fraglichen Gebiet angesiedelt. Was noch viel schlimmer ist, das Minoris-System ist von über fünfzig Millionen Siedlern bevölkert, die unmöglich so schnell evakuiert werden können und daher unter die Herrschaft des Dominion fallen würden. Das darf einfach nicht gesche-hen.“
„Wir müssen endlich einmal dem Vorstoss des Feindes Einhalt gebieten,“ ereiferte sich nun Leardini. „Seit Beginn der Kämpfe sind wir an allen Fronten zurückgefallen und haben noch keine einzige wichtige Schlacht für uns entscheiden können... von unserem bescheidenen Er-folg einmal abgesehen, dass wir ihnen vor der Nase die Pflanzenbestände auf Tiragoni ver-nichtet haben, dank derer sie White im Alpha-Quadranten hätten herstellen können. Aber dennoch steht es schlecht um uns. Der Verlust des Tyra-Systems wäre eine Tragödie. Die Langstreckensensoren haben bereits erste Truppenbewegungen des Dominion auf das Theta Sigma Rho System zu gemeldet, also in direkter Stossrichtung auf Tyra. Die dortige Miliz-flotte wird ihnen nicht viel entgegensetzen können, so daß das nächste Angriffsziel bereits feststehen dürfte.“
„Und deshalb dieser verfrühte Aufbruch,“ folgerte Merven. „Ich kann mich jetzt noch gut an das Gesicht von Chefingenieur Nirm erinnern, als Sie ihm erklärten, er könne die restlichen Reparaturen während des Fluges durchführen. Dabei sind Lurianer doch eigentlich eher gemütliche Zeitgenossen.“
Lennard nickte. Sie hatten seit den Gefechten im Tiragoni-System gleich nach Ausbruch des Krieges eigentlich nie Gelegenheit gehabt, die Fairchild vollständig instandzusetzen. Seit sie der siebten Flotte zugeteilt worden waren, waren sie in vierzehn Gefechte verwickelt gewes-en, drei davon in Flottenstärke. Dabei war auch ihr Schiff oft getroffen und beschädigt wor-den und hatte des öfteren Reparaturen bedurft. Dabei war die Fairchild als Sovereign-Klasse, das modernste Schiff der Flotte, mit den besten Schildsystemen ausgestattet, die derzeit gebaut werden konnten. Und dennoch sah ihre Aussenhülle inzwischen aus wie eine Art Flickenteppich.
Dabei war es ihnen noch gut ergangen. Andere hatten weniger Glück gehabt als sie und waren auf anderen Schiffen stationiert, die kleiner, weniger gut bewaffnet und geschützt und damit viel verletzlicher als sie waren. Gut, in einer grösseren Raumschlacht zogen sie auch nicht das feindliche Feuer in einem solchen Masse auf sich wie die Fairchild, aber nichtsdestotrotz hatten sie der Zerstörung von vielen Schiffen und der Vernichtung von tausender Leben bei-nahe tatenlos zusehen müssen.
Auch an Bord der Fairchild waren insgesamt siebenundsechzig Crewmitglieder in direkter Folge von Angriffen ums Leben gekommen. Lennard verfolgten manche der Gesichter nachts in seinen Träumen. Und in jeder Woche, wenn die neuen Verlustmeldungen der Föderation durchgegeben wurden, beteten alle, dass keine Verwandten, Freunde oder Bekannte dabeisein mochten. Entsprechend gross war die allgemeine Ernüchterung und die Verbitterung darüber, dass das Dominion, die fremde Grossmacht aus dem Gamma-Quadranten, einen für sie sinn-losen Krieg in ihre Heimat getragen hatte. Für die Gründer gab es nur absolute Sicher-heit,wenn sie alles kontrollieren konnten, was auch nur entfernt in ihrem Einzugsbereich lag. Die Bürger der Föderation jedoch schätzten ihre Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung sehr hoch ein, weshalb dieser Konflikt unvermeidlich gewesen war.
Ab und zu fragte sich Lennard, wie ihr Gegner die Bedrohung durch die Borg so schnell hatte beseitigen können. Er selbst war wider besseren Wissens des Teufels rechte Hand gewesen, als er aufgrund von Befehlen, die sich während ihrer Mission als gefälscht erwiesen hatten, die Borg durch ein Wurmloch vom Delta-Quadranten in das Gebiet des Dominion gelockt hatte. Die Verschwörer, welche mittlerweile zur Rechenschaft gezogen worden waren, hatten sich dadurch wohl eine Verminderung oder gar Neutralisation der Bedrohung durch die Jem’hadar versprochen, indem sie deren Ressourcen in einem Kampf gegen die Borg zu binden versucht hatten. Da dies sich alles tief im Hinterland des Dominion abgespielt hatte, besassen sie natürlich keinerlei Informationen über die Dauer oder den Ausgang dieses Kampfes; wenn man aber bedachte, wie schnell sich das Dominion nun zur Eroberung des Föderationsraumes entschlossen hatte, konnte es sie nicht allzulange aufgehalten haben.
Viel Aufwand für nichts.
Lennard sah hinüber zum stromlinienförmigen Rumpf der Aldebaran, die ein Stück weit querab und hinter ihnen flog. Nur dank der noch immer einzigartigen verbesserten metaphasischen Schildkonfiguration, die sie von dem beinahe allwissenden Wesen im Alnilam-System erhalten hatten, waren sie überhaupt mit dem nackten Leben aus dieser Sache herausgekommen. Auf der einen Seite das Dominion, auf der anderen Seite die Borg... auch das verursachte bei ihm noch gelegentlich schlechten Schlaf.
Natürlich hatte die Aldebaran während des ganzen Krieges noch keinen einzigen Treffer abbekommen. Ihre Schilde waren schlicht und einfach so weit jenseits aller bisher bekannten technischen Möglichkeiten, dass es Lennard wunderte, warum das Sternenflottenkommando sie noch nicht längst zum Admiralskreuzer umfunktioniert hatte... oder auf eine Selbstmord-mission nach Cardassia Prime schickte.
„Mit Ihrer Erlaubnis werde ich auf die Brücke zurückkehren, Captain,“ sagte Merven und wartete auf das bestätigende Nicken von seinem Kommandanten, bevor er die wenigen Stufen hinauf zur Verbindungstür auf die Brücke nahm.
„Was denkst du? Werden wir es schaffen?“ Gespannt sah er sie an.
Die Erste Offizierin lehnte sich an ihn, während sie gedankenversunken hinausblickte. „Ich bin mir nicht sicher... am Anfang dieses Konfliktes war ich noch fest überzeugt davon, dass wir es schaffen würden, unsere Freiheit zu verteidigen. Beim momentanen Stand der Dinge gilt es wohl, so lange wie möglich auszuharren und auf den entscheidenden taktischen Vorteil zu hoffen. Lass uns erstmal abwarten, wie unsere nächste Begegnung mit den Jem’hadar und Cardassianern ausgehen wird. Die Cardassianer... ich hatte ihnen noch nie getraut. Seit mei-ner Dienstzeit während den Grenzkonflikten schon habe ich gelernt, was ihr Wort gilt. Wir hätten uns nicht einmischen sollen, als die Klingonen ihr Reich überfallen haben. Dann hätten wir jetzt ein grosses Problem weniger. Statt dessen haben wir einen Bruch des Bündnisses mit den Klingonen und einen langen, blutigen Konflikt in Kauf genommen.“
„Naja, hinterher ist man immer klüger. Ich bin jedenfalls heilfroh, dass Captain Sisko die Klingonen wieder zurückgewinnen konnte. Ohne ihren Beistand würde es uns schlecht er-gehen.“
„Wir werden sehen.“ Er lächelte ein wenig schelmisch. Ab und zu versuchten sie, durch neue Listen und Taktiken einen Vorteil für sich herauszuschlagen. Manchmal funktionierte es.



Sie traten am nächsten Tag in das Tyra-System ein. Alle auf der Brücke bewunderten das Schauspiel der Doppelsonnen, die sich in für astronomische Begriffe sehr kurzer Distanz um-einander, also um einen gemeinsamen Schwerpunkt zwischen ihnen, drehten und sich dabei durch ihre grossen Anziehungskräfte zu Ellipsoiden verformten. Glühende Finger leckten von einem Stern zum anderen, als sie gegenseitig Materieströme in einem ständigen Wechsel aus-tauschten. Das Ganze war deshalb so imposant, weil die kleinere der beiden Sonnen eine sehr helle kraftvolle und heisse Sonne war, deren Strahlung einen bläulichen Schimmer aufwies, während die zweite mindestens den doppellten Durchmesser, aber erheblich weniger Energie besass. Sie leuchtete in einem dunklen, kraftlosen Rot - diesem Stern sah man an, dass er im Sterben lag.
„Welch eine Kulisse für ein Scharmützel,“ sinnierte Darrn, der Ops-Offizier der Fairchild. „Für einen Klingonen ist Ehrfurcht äusserst selten.“ Leardini stichelte nicht zuletzt deshalb ihren Untergebenen, um damit die schier unerträgliche Spannung, die vor einem Konflikt immer auf der Brücke herrschte, ein wenig abzubauen.
Und weil er normalerweise sofort darauf ansprach.
Nicht jedoch diesmal. Versonnen murmelte er nur: „Es sieht genauso aus wie in der alten Er-zählung vom ‘Feuer der Himmel’ in der Sage meiner Heimat. Ich meine natürlich, so hat man es sich vorgestellt, wenn man es vor dem Zubettgehen vorgelesen bekam.“
„Letztes Jahr?“ hakte die Erste Offizierin nach.
Nun knurrte der Klingone doch unartikuliert.
Leardini setzte noch einen obendrauf: „Kann mir das jemand übersetzen? Mein Universal-translator muss wohl defekt sein...“
„Commander, könnten wir jetzt zur Tagesordnung übergehen?“ rief Lennard sie zur Ordnung, nicht ohne jedoch selbst eine Spur zu schmunzeln.
„Aye, Sir,“ erwiderte sie schmissig und setzte sich kerzengrade auf.
Darrn meldete sich: „Captain, wir werden vom Admiralsschiff gerufen.“
„Auf den Schirm.“ Augenblicklich erschien die Brücke der Olympus Mons, die unverkennbar der Ambassador-Klasse angehörte. Wie Lennard wusste, war sie im selben Jahr in Dienst ge-stellt worden wie ihr Schwesterschiff Diligence, auf welchem er jahrelang gedient hatte. Ihre Brückenaufbauten waren beinahe identisch.
„Na, Kyle, alles bereit?“ wollte Vizeadmiral Zendirre, ein altgedienter Benzite und Bekannter von Lennard, ohne Umschweife wissen. Er war vom Aussehen her ein typischer Vertreter sei-ner Art: blassblaue Haut, ein haarloser Kopf mit mehreren kleinen Buckeln und seitlich stark zurückgesetzten, angelegten Ohren sowie tiefliegende, schlitzförmige Augen wie bei asia-tischen Humanoiden. Das Auffälligste an ihm jedoch war das kleine sechseckige Kästchen auf seiner Brust, aus welchem eine dünne Röhre und ein Atemaufsatz vor den Mund des Vizeadmirals herausragten. Wie Lennard wusste, enthielt es ein Gemisch aus extrem seltenen Edelgasen, das nur auf Benzar III, der Heimatwelt der Benziten, natürlich vorkam und für deren Atmung immens wichtig war. Deshalb mussten sie es stets bei sich tragen und wurden dadurch mit dem lebenserhaltenden Zusatz versorgt, was für viele Benziten sehr umständlich und für noch viel mehr von ihnen der Hauptgrund war, ihren Planeten nicht zu verlassen. Entsprechend selten waren Vertreter dieser Gattung in der Sternenflotte anzutreffen, obwohl sie von der Veranlagung her sehr begabte Computerspezialisten waren. Und wie hier zu se-hen, konnten sie es durchaus auch in die höheren Ränge schaffen, wenn sie die Einschrän-kungen ihrer Lebensweise in Kauf nahmen.
„Alles in Ordnung bei uns, Sir,“ bestätigte Lennard nun und deutete einen Gruss an.
Zendirre nickte und sah dann über die Schulter, als ihm ein Fähnrich einen PADD reichte, den er schnell überflog. Seinem Gesicht waren keine Regungen anzusehen.
„Es könnte schneller zum Kampf kommen, als wir dachten. Ich habe eben eine verschlüsselte Meldung erhalten, nach der Theta Sigma Rho bereits gestern bei Sternzeit Komma Acht über-rannt worden ist. Sie treiben einen Keil in diesen Teil des Sektors und versuchen das Hinter-land jenseits von Tyra von der Aussenwelt abzuschneiden. Ganz so, wie wir es befürchtet hat-ten. Und es stört sie offenbar überhaupt nicht, dass wir Kenntnis von ihren Absichten haben, da sie sich im Vorteil wähnen.“
„Haben wir schon neue Daten der Langstrecken-Horchposten?“ wollte Leardini zögerlich wissen.
Zendirre schüttelte langsam den Kopf. „Keine genauen. Sie stören die Sensoren in diesem Ge-biet, die leider alle älterer Bauart und stark anfällig für ihre sensorischen Gegenmassnahmen sind. Sie können so nah an sie herankommen, dass sie sie mit Torpedos zerstören können, bevor die Sensoren ihre Störimpulse durchdringen können. Wir haben nur Anzeigen über einen grösseren Pulk an Subraumfeldern, die auf mit Warp fliegende Schiffe deuten. Genauer geht es leider nicht.“
„Tja, wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass wir in diesem gottverlassenen Winkel der Föderation so weit innerhalb unseres Gebietes moderne taktische Fernsensoren brauchen wür-den?“ Lennard hob ohnmächtig die Schultern.
„Warten wir ab, wer die elektronische Kriegsführung diesmal gewinnen wird,“ orakelte der Benzite.
Verschwörerisch meinte Lennard: „Ich denke, ich weiss, was sie meinen. Viel Erfolg uns allen. Fairchild Ende.“
Nachdem der Monitor wieder auf Aussenansicht umgeschaltet worden war, wisperte Leardini: „Seine Zuversicht wollte ich haben.“
„Nana, denk an unsere Verbündeten. Über Subraum wollte ich nichts sagen...“
Sie fuhr ihn an: „Die Klingonen? Sieh doch hinaus! Wo sind sie?“
Alle starrten sie an, als habe sie den Verstand verloren.
Merven meinte ein wenig unverschämt: „Sollte Ihr Laienspiel ein Versuch sein, uns zu erhei-tern, Commander? Bitte, bitte, ärgern Sie wieder Lieutenant Commander Darrn.“
Leardini öffnete den Mund, die Erwiderung blieb ihr aber im Hals stecken, als ihr aufging, was er eigentlich gemeint hatte.
„Schon gut, tut mir leid. Mein Humor ist mit mir durchgegangen.“
Lennard sah zur Ops. „Mr. Darrn, bitte Bereitschaftsmeldungen abfragen. Nur so zur Rou-tine.“
„Aye, Sir. Einen Moment bitte. Alle fünfzig Schiffe melden volle Bereitschaft. Und von der Aldebaran lässt Mrs. Kall fragen, ob Sie schon so richtig nervös sind. Was soll ich antwor-ten?“ Fragend sah er über die Schulter.
„Fragen Sie, wann Commander Vakuf endlich zu uns stösst und das Kommando auf ihrem Schiff wieder übernimmt,“ bestimmte Lennard.
Begeistert antwortete Darrn: „Aye, Sir!“



Gerade hatte die Gamma-Schicht begonnen, da erhielten sie einen peripheren Alarm von den Langstrecken-Sensoren. Der Fähnrich an den Sensorenkontrollen rief alarmiert: „Mehrere Schiffe mit hoher Warpgeschwindigkeit mit Kurs aufs Tyra-System, Sir. Entfernung etwa zehn Lichtjahre.“
Darrn, der der höchstrangige Diensthabende Offizier auf der Brücke war, hatte es sich gerade auf dem Kommandanten-Sessel ein wenig bequem gemacht und war sofort hellhörig. „Anzahl und Art der Schiffe?“
„Den Signaturen nach definitiv Dominion. Die Anzahl kann leider nicht ermittelt werden, da sie die Sensoren mit Subraumverzerrungen stören, es sind jedoch mehrere Dutzend und ver-schieden grosse Anzeigen. Da kommt einiges auf uns zu.“
„Lesen Sie das von den Instrumenten ab oder geben Sie hier Mutmassungen zum Besten, Fähnrich?“ wollte Darrn mürrisch wissen.
„Verzeihung, Sir. Ich wollte nichts sagen, was die Moral schädigen könnte.“
„Jaja, schon gut. Gelben Alarm auslösen. Benachrichtigen Sie die Flotte und bitten Sie um Bestätigung der Ortung. Und teilen Sie dem Captain mit, was vor sich geht,“ wies er den Komm-Offizier an.
„Wir haben bereits Bestätigungen von drei Schiffen, Lieutenant Commander. Captain Len-nard lässt mitteilen, dass er demnächst auf die Brücke kommen wird.“ Der junge vulcanische Komm-Lieutenant hob fragend eine Braue.
„Demnächst ist ein nicht näher definierter Zeitraum, der jedoch in näherer Zukunft liegt. Be-antwortet das ihre Frage?“ meinte Darrn lapidar, worauf der Angesprochene seinen Kopf schnell hinter seine Konsole zurückzog, um ausser Sicht zu sein. Sehr diplomatisch. Wie sie nun einmal so sind, diese Vulcanier, dachte Darrn leicht belustigt.
Er sah auf, als von der Aldebaran, der Olympus Mons und vier weiteren Führungsschiffen einzelne Flugkörper gestartet wurden. Mit dem charakteristischen rötlichen Schillern, das auf Photonentorpedogehäuse hinwies, schossen sie davon und waren bereits Sekunden darauf verschwunden. Der Plan war in vollem Gange.
Knapp zehn Minuten darauf trat ein leicht zerknittert wirkender Lennard aus einem Turbolift und übernahm die Brücke. Darrn informierte ihn beim Verlassen des Kommandantensessels: „Die Aufklärungssonden sind bereits gestartet worden und mit Warp Neun zu ihren Position-en unterwegs. Es dürfte noch eine Weile dauern, bis wir von ihnen brauchbare Daten erhalten werden. Sie wissen ja, zu welchen Täuschungen das Dominion auf dem Gebiet der Sensorik imstande ist.“
„Ja, und die Tatsache, dass ihnen eine ganze Anzahl an romulanischen Schiffen mitsamt Tarnvorrichtungen in die Hände gefallen ist, lässt mich auch nicht unbedingt ruhiger schlafen. Glücklicherweise haben sie offenbar erhebliche Schwierigkeiten beim Enträtseln und Ko-pieren von romulanischer Technologie, wie uns unser Trip in den Gamma-Quadranten damals gezeigt hat. Aber sie können wohl ab und zu einiges für sie Brauchbares ableiten und setzen es dann während Schlachten in Feldtests ein, wie mehrere Berichte von diversen Schar-mützeln belegen. Unsere Wissenschaftler arbeiten noch immer mit Hochdruck an der Nutz-barmachung des Datenwust, den uns der Ewige von Alnilam hat zukommen lassen, doch es sieht wohl so aus, als würden die Jem’hadar noch für eine längere Zeitspanne die techno-logische Überlegenheit auf allen Gebieten behaupten.“
Der Klingone seufzte. „Mit Ihrer Erlaubnis würde ich gerne noch eine Ebene-Drei-Diagnose der allgemeinen Schiffssysteme durchführen, bevor wir eventuelle Feindberührungen haben.“
„Lieutenant Nirm wird das nicht gefallen, doch von mir aus können Sie loslegen,“ willigte Lennard ein und liess sich nun endgültig auf seinem Sitz nieder. Er überprüfte die Instrumen-te, die in seinen Armlehnen eingelassen waren, als auch Commander Leardini und die Schiffscounselor Shania Dween eintrafen und ihre Plätze links und rechts vom Captain ein-nahmen.
„Counselor, haben Sie irgendwelche guten Neuigkeiten für uns?“ wollte Lennard in einem halbherzigen Versuch, höfliche Konversation zu betreiben, wissen.
Sie seufzte nur leise. „Nun... das Bajoranische Wurmloch ist noch immer vermint.“
„Donnerwetter, Lieutenant! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich doch glatt behaupten, das war ganz schön unverschämt.“ Er musterte sie mit fragendem Blick.
Sie seufzte wiederum und schien dann auf die vulcanische Hälfte ihrer Persönlichkeit umzu-schalten. „Nun, ich denke, das war es auch. Bitte entschuldigen Sie, Sir. Ich bin wohl selbst ein wenig emotional angekratzt in löetzter Zeit. Sie können sich denken, welche Art von Be-ratungsgesprächen ich seit Ausbruch des Krieges hauptsächlich führen muss. Und ohne meine Schweigepflicht verletzen zu wollen, den Grossteil des Tages muss ich helfen, den Kummer über Verluste von Freunden und geliebten Personen, die Frustration und Ohnmacht wegen des schlechten Kriegsverlaufes und die vielfältigen Ängste, die die bewaffnete Raumkriegs-führung nach sich zieht, verarbeiten zu helfen. Da kann einem so etwas schon einmal heraus-rutschen, wenn die Nerven blankliegen. Ich meine, mich schützt meine Herkunft wenigstens teilweise vor der Neurose, aber wie muss es Ihnen anderen ergehen?“
„Schon gut, wir wollen das Thema nicht allzusehr vertiefen. Mr. Merven, gibt es Neuigkeiten von der Flotte?“
Der junge Trill an der Steuerkonsole gab kurz eine Anfrage ein. „Sie geben das Bereitschafts-signal zum Verlassen des Systems. Wir werden ihnen entgegenfliegen und sie knapp aus-serhalb von Tyra stellen. Der Countdown zum Abflug in Formation ist bei etwa drei Minuten angelangt. Die Telemetrie der ausgesandten Sonden wird direkt an alle Schiffe übermittelt.“
„Wunderbar, dann geht es ja gleich los. Was zeigen die konventionellen Langstrecken-Sen-soren bisher an?“
„Sie schwanken noch aufgrund der Störungen. Momentan siebzehn grosse und achtundzwan-zig kleinere Signale, aber darauf wetten würde ich nicht. Oh, gerade ist wieder einer der Horchposten ausgefallen. Vermutlich ebenfalls von den Jem’hadar abgeschossen. Nach den letzten Werten sind sie weniger als zwei Lichtjahre von uns entfernt.“
„So schnell können sie nicht geflogen sein. Das heisst also, sie haben uns anfänglich eine grössere Entfernung vorgetäuscht, um uns in Sicherheit zu wiegen.“ Lennard runzelte besorgt die Stirn. Das hiess nichts Gutes. Hoffentlich funktionierte ihre List diesmal.
Nun richteten sie sich auf ein Signal vom Führungsschiff aus und gingen koordiniert auf Warp, mit Kurs auf den feindlichen Verband. Dabei achteten alle sorgsam darauf, einen gebührend grossen Abstand zwischen den einzelnen Schiffen zu halten. Da auch einige ältere und mehrere stärker beschädigte Exemplare dabei waren, flogen sie nicht schneller als Warp Acht, was sie dennoch recht schnell dem Gegner näherbrachte. Es war nun nur noch eine Frage von Minuten, bis sie in Waffenreichweite sein würden.
„Captain, die Sensoren liefern jetzt genauere Anzeigen, auch wenn sie noch von Interferenzen überlagert werden. Es sind 21 Schlachtkreuzer und 31 kleine Kriegssschiffe. Alles starke Sig-nale, fast schon zu stark.“ Merven sah erwartungsvoll über die Schulter.
„Dann steht es momentan also bei 52 ihrer Schiffe gegen 51 unserer. Mal sehen, ob wir die Rechnung nicht noch zu unseren Gunsten verändern können.“ Lennard sah auf den Chrono-graphen. Es sollte eigentlich soweit sein.
Prompt kam über allgemeinen Subraum die tragende Stimme von Vizeadmiral Zendirre. „Hier spricht der Kommandant der Siebten Flotte. Verlassen Sie sofort den Föderationsraum, oder Sie werden von uns unter Beschuss genommen.“
„Was für einen Unfug uns die Statuten der Sternenflotte manchmal zu tun zwingen,“ bemerk-te Leardini lakonisch und erntete vor allem bei den jüngeren Crewmitgliedern verhaltene Zustimmung damit.
„Noch eine Minute bis zum Feindkontakt,“ meldete Darrn, der die Anzeigen studierte. „Eine der ausgesandten Sonden liegt direkt in der Flugbahn der Dominionflotte. Irgendwie scheint sie ihnen durch die Lappen gegangen zu sein. Mit einem bisschen Glück bekommen wir sogar Sichtkontakt.“
„Dies ist die letzte Warnung. Hier spricht der Kommandeur der Glorreichen Siebten Flotte.“ Auf dieses Signal hin begann die sternenerfüllte Schwärze des Alls überall um sie herum zu wabern und zu schillern. Zuerst verschwommen, dann immer deutlicher bildeten sich die Umrisse vieler klingonischer Schlachtkreuzer und Scoutschiffe, als sie ihre Tarnung aufhoben und damit offiziell die Flotte verstärkten. Vom kleinsten Bird of Prey der B’rel-und der grösseren K’vort-Klasse über die uralten D -7 und deren Nachfolger K’t’inga bis zu einem knappen Dutzend grosser Vor’cha-Kreuzer war das gesamte Spektrum der klingonischen Schiffstypen vertreten.
„So, nun steht es 52 zu 112. Mal sehen, was ihnen dazu einfällt.“ Darrn schien zufrieden, blickte dann jedoch ungläubig auf seine Anzeigen. „Unglaublich! Sie halten weiter auf uns zu. Sind die denn wahnsinnig?“
Der Komm-Offizier rief: „Captain, wir empfangen eine Botschaft vom Führungsschiff der Jem’hadar. Sie lautet schlicht: Flieht, solange ihr könnt.“
„Das riecht mir verdächtig nach einer ihrer verdammten Selbstmordmissionen, Sir,“ zischte Merven mit grimmiger Miene.
„Sichtkontakt!“ rief Darrn plötzlich.
„Auf den Schirm!“
Was sie sahen, liess ihnen das Blut in den Adern gefrieren.
Jemand stammelte fassungslos: „Selbstmordmission? Ja, für uns vielleicht.“
Nur für Sekunden war das Bild des feindlichen Verbandes sichtbar, bevor sie die Anwesen-heit der Sonde registrierten und diese sofort zerstörten. Doch was sie in dieser Zeit sahen, genügte ihnen vollauf.
Die Schlachtkreuzer flogen alle paarweise ganz dicht über- und untereinander. Die kleineren, käferförmigen Angriffsschiffe sogar in Dreierformationen alle zu dritt übereinander, wie zusammengeleimt. Als sie einsahen, dass ihr Manöver entdeckt worden war, lösten sie ihre dichte Formation auf und verteilten sich fächerförmig.
„Ich registriere eine grosse Anzahl von Trennungen der Signale. Die Schlachtkreuzer haben sich verdoppelt, es sind jetzt 42 Stück. Bei den Angriffsschiffen ist eine Verdreifachung aufgetreten, so dass wir jetzt 93 von ihnen gegenüberstehen.“ Merven konnte nicht glauben, was er auf seinem Monitor sah.
Verbittert meinte Lennard: „Macht jetzt 135 von ihnen gegen 112 von uns. Diese Schlacht haben wir bereits verloren. Nur, dass wir uns unmöglich zurückziehen können. Zuviel hängt von uns ab. Wir müssen kämpfen, auch wenn sich unsere Falle als Bumerang erwiesen hat. Roter Alarm!“
Und während die Hälfte der Brückencrew sich noch insgeheim fragte, was wohl ein Bume-rang sein mochte, erschien der erste Feind auf dem Hauptschirm.
Was nun folgte war ein vollständiges Chaos. Wie immer überlebte der Schlachtplan die erste Feindberührung nicht, sodass sich die meisten Formationen in einem heillosen Duurchein-ander auflösten. Grosse Schiffe lieferten sich mörderische Schlagabtausche, während sie von den kleineren Schiffen umkreist wurden wie Elefanten von einem Mückenschwarm, nur dass diese Mücken versuchten, sich gegenseitig mit hochenergetischen Strahlenwaffen und Anti-materie-Sprengkörpern auszulöschen. Dreierformationen von Jem’hadar-Angriffsschiffen nahmen Föderationsschiffe in die Zange und zerstörten systematisch deren Schilde, während klingonische Kreuzer sich abwechselnd tarnten, Manöver flogen, aus dem Hinterhalt auf-tauchten und sich den Rücken freischossen und -hielten.
Auch Lennard hatte noch nie zuvor ein solches Scharmützel gesehen. Sie hatten natürlich nicht den Hauch einer Chance und wurden reihenweise mit chirurgischer Präzision vom Feind auseinandergenommen und zerfetzt. Die Jem’hadar feierten hier ein Schlachtfest in all ihrer gnadenlosen Grausamkeit, für die sie so berüchtigt waren und wegen der sie von jedem frei-heitsliebendem Volk der bekannten Galaxie so gehasst wurden.
Die Fairchild schlug sich tapfer. Auch nach mehreren schwereren Treffern hielt sie noch die Stellung und beharkte ihre Gegner mit allem, was sie hatte. Lennard konnte hinterher nicht mehr sagen, was genau passiert war, als ihre primäre Energieverteilung getroffen und über-lastet wurde. Eine EPS-Leitung auf der Brücke explodierte, wobei eine Wandverkleidung un-terhalb der Maschinenstation abgesprengt wurde und eine Vielzahl von elektrischen Entlad-ungen aus der entstandenen Öffnung hervorzüngelten. Danach überlud sich die Energieleit-ung der taktischen Konsole und sprengte diese förmlich auseinander. Eine Unzahl hocher-hitzter Splitter der Bedieneroberfläche fetzten quer durch die Brücke. Wenjorook wurde von mehreren von ihnen getroffen und brach auf der Stelle zusammen.
Die Beleuchtung fiel für einen Moment aus und wurde dann durch die rote Notbeleuchtung ersetzt. Lennard hielt sich krampfhaft an den Armlehnen seines Sessels fest. „Sofort ein medi-zinisches Notfallteam und ein Reparaturteam auf die Brücke! Die taktische Konsole ist ausge-fallen. Counselor, zur zweiten taktischen Station. Schiessen Sie uns den Weg mit allen ver-bliebenen Waffen frei. Commander, Sie...“
Lennard hielt mit Delegieren inne, als er den verblüfften und entrückten Ausdruck auf dem Gesicht von Leardini sah. Als sie sich ihm zuwandte, wurde ihm klar, wieso.
Sie sass direkt neben der taktischen Konsole.
Ein schmaler, spitzer Splitter aus transparentem Aluminium ragte aus ihrer rechter Schulter etwa zehn Zentimeter weit heraus. Als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, quoll Blut heraus. Wie in Zeitlupe kippte sie zur Seite und vornüber. Lennard schoss nach vorne und fing sie auf, bevor sie hart auf dem Deck aufschlagen konnte. Aus ihrem Rücken ragten drei weitere Konsolenfragmente heraus. Der Art nach, wie sie hustete und Blut spuckte, musste mindestens einer von ihnen ihre Lunge getroffen haben.
Mit mahlenden Zähnen sah er über seine Schulter zu Dween, der Schiffsberaterin, die gerade aufgesprungen war, um seinem Befehl nachzukommen und die Waffenkontrolle des Schiffes zu übernehmen. „Mrs. Dween, Sie haben eine medizinische Ausbildung. Leisten Sie hier Erste Hilfe, ich übernehme die Takik-Kontrolle.“
„Aye, Sir.“ Mit schreckgeweiteten Augen stürzte sie zur Ersten Offizierin und nahm sich ihrer an. Aus dem Sockel einer Treppenstufe fischte sie ein Erste-Hilfe-Set hervor und entnahm ihm augenblicklich einen medizinischen Tricorder. Lennard sprang an seinem Stuhl vorbei und übernahm die Ersatzstation für die Waffenkontrolle.
Vor sich schoss sich ein Schlachtschiff des Dominion auf sie ein. Lennards Gesicht war der grenzenlose Zorn auf seinen Gegner deutlich anzusehen, als er die Frontphaser beinahe im Dauerfeuer auf ihn entlud und eine Sechsersalve Quantentorpedos hinterhersandte. Die Anti-materie-Sprengkörper der neuesten Generation liessen die Schilde des Feindes kollabieren und schlugen mit einem schwachen Glimmen tief in den Rumpf des gewaltigen Kriegsschif-fes ein. Dieser wurde kurz darauf von etlichen Sekundärexplosionen nach und nach wie in Zeitlupe auseinandergerissen.
An ihrer Seuerbordflanke passierte die Aldebaran sie. Dank ihrer praktisch unverwundbaren Schilde war sie vielleicht ein entscheidendes Element in dieser für sie so ausweglosen Situa-tion. Nur nach und nach erkannte der Feind bei einer direkten Konfrontation, was da vor sich ging, und dann war es bereits zu spät. Dennoch war sie nur ein einzelnes Schiff, mit dem allein sie keine Schlacht gewinnen konnten.
Einer der schweren Schlachtkreuzer der Jem’hadar, der in Grösse und Masse etwa mit der Galaxy-Klasse vergleichbar war, wie man inzwischen wusste, hatte gerade die Budapest, ein Schiff der Norway-Klasse ins Visier genommen. Das kleinere und leichter bewaffnete Födera-tionsschiff musste mehrere schwere Treffer einstecken und begann an einer Warpgondel Plas-ma zu verlieren. Als der unbarmherzige Feind nachsetzen wollte, schob sich die Aldebaran schützend dazwischen, sodass dessen tödliche Polaronenstrahlen wirkungslos auf ihren Schil-den zerstreut wurden. Die Antwort in Form von anhaltendem Phaserfeuer liess nicht lange auf sich warten und schwächte die Schilde des Gegners entscheidend. Die Budapest, die kurz nach dem Feuerwechsel der beiden Giganten wieder aus dem Schatten der Aldebaran heraus-trat, schoss mit einer ganzen Serie von Quantentorpedos in die entstandene Schwachstelle und schaffte es tatsächlich, das gegnerische Schiff zu zerstören.
Doch es half nichts, sie wurden nach und nach unaufhaltsam dezimiert, sodass ihnen schliesslich doch nichts anderes übrigblieb als sich zurückzuziehen. Lennard musste sich im Nachhinein die Gefechtsaufzeichnungen mehrmals ansehen, um überhaupt halbwegs rekonst-ruieren zu können, was in dieser halben Stunde alles abgelaufen war. Es war so sinnlos; sie hatten von Anfang an auf verlorenem Posten gestanden und waren trotz aller tapferen Gegen-wehr mit wehenden Fahnen untergegangen. Mit Tränen in den Augen sah er das Bild vor sich, wie zwei Schlachtkreuzer gemeinsam die Maschinensektion der Olympus Mons ins Kreuz-feuer nahmen und mit Torpedos beharkten, bis ohne Vorwarnung der Antimaterievorrat des Antriebs detonierte und das Schiff in Stücke riss. Drei der Angriffsschiffe veranstalteten ein Scheibenschiessen auf die davontrudelnde Untertassensektion und schossen so lange Löcher in diese, bis die Chance auf Überleben darin gleich Null war.
Es starteten praktisch keine Rettungsmodule.



Er sah auf den Aussenmonitor. Nur vierzehn Schiffe waren der Hölle entronnen, acht davon Klingonenkreuzer. Vierzehn von einundertundzwölf. Die Verluste heute waren fünfstellig, dessen war sich Lennard sicher.
Drei der Schiffe wurden mittels Traktorstrahlen von den anderen geschleppt, da sie keinen funktionsfähigen Hauptantrieb mehr besassen. Eine Excelsior-Klasse war nur noch wenig mehr als ein treibendes Wrack; aus einer Warpgondel trat eine Plasmawolke aus und verteilte sich grosszügig im Raum hinter ihnen. Die Aussenhülle wies mehrere Brüche von beacht-lichem Ausmass auf, die strukturelle Integrität wurde nur noch mit Müh und Not aufrecht-erhalten. Dieses Schiff würde garantiert nur noch zum Ausschlachten herhalten können, falls sie ihre Basis je erreichen würden. Er war noch nicht einmal ihre eigene Schadens- und Ver-lustliste durchgegangen, doch ohne einen mindestens einwöchigen Reparaturaufenthalt auf einer Raumwerft gab es für die Fairchild in nächster Zeit keinen Kampfeinsatz mehr, wie er schätzte.
Es war zur traurigen Gewohnheit für sie geworden, dass die Aldebaran aufgrund ihrer poten-ziell unverwundbaren Schilde und ihrer missionsspezifischen Kapazitäten nach grösseren Ge-fechten mit vielen Schwerverletzten zum Sanitätsschiff umfunktioniert wurde. So auch dieses Mal. Vor allem die Klingonen profitierten von dieser Handhabung, denn aufgrund ihrer Tradi-tionen und Gepflogenheiten waren ihre Schiffe nur unzureichend für medizinische Notfälle ausgerüstet und ärztliches Personal, falls überhaupt vorhanden, nur schlecht ausgebildet. Ent-sprechend hoch war der Anteil an klingonischen Patienten.
Lennard begab sich nun, da sie auf dem Rückzug waren und ihnen keine unmittelbare Gefahr mehr drohte, auf die Krankenstation, um nach Leardini zu sehen. Sie war offenbar doch nicht so schlimm verletzt worden, dass sie auf die Aldebaran hätte verlegt werden müssen.
Als er eintrat, sah er zunächst nur ein ungewohntes Herumwuseln von viel zu vielen Leuten auf der Station. Viele nicht dem medizinischen Stammpersonal angehörenden Besatzungs-mitglieder, die jedoch eine Cross-Ausbildung als Sanitäter besassen, waren für den Hilfs-dienst auf die Krankenstation eingezogen worden. Lieutenant Wenjorook lag auf einem der Medobetten für leichtere Fälle. Aufgrund seiner andorianischen Physiologie, die auch insek-toide Aspekte beinhaltete, war er nicht so schwer verletzt, wie es zunächst den Anschein ge-habt hatte. Er besass ein gewisses Mass an dermaler Panzerung, die von den umherflieg-enden Aluminiumsplittern auf der Brücke zwar durchschlagen worden war, aber durch den zusätzlichen Schutz seiner Chininhaut nicht besonders tief eingedrungen waren. Nach Kon-sultation des Fähnriches, der ihn behandelte, würde er seinen Dienst morgen wieder auf-nehmen können.
Als er an das Bett von Leardini herantrat, musste er schlucken. Wie vor einer Stunde, als sie ihre Verletzung erlitten hatte, begann sein Herz zu rasen, als er sie da liegen sah, bei Bewusst-sein zwar, jedoch schwach durch den Blutverlust. Gerade trat Dween wieder zu ihr ans Bett und verabreichte ihr ein Hypo-Spray, worauf sie ein wenig klarer zu werden schien.
„Wie fühlen Sie sich?“ wollte sie mit einem dünnen Lächeln wissen.
Mit matter Stimme antwortete Leardini: „Sie müssen mir eines versprechen, Mrs. Dween.“
„Und was, bitte?“ fragte die Halbvulcanierin leicht verduzt.
„Die Splitter... ich möchte sie gerne haben... als Souvenir.“ Sie grinste ein wenig schief.
Dween machte grosse Augen. „Wenn Sie darauf bestehen... bitte liegen Sie jetzt ganz still, ich behandle Ihre Schulterwunde noch einmal mit dem Regenerator.“
Während sie mit dem medizinischen Instrument, das einen intensiven rubinroten Strahl aus-sandte, gleichmässig über der Austrittswunde hin- und herfuhr, murmelte sie irgendetwas über die menschliche Irrationalität.
Lennard fragte besorgt: „Wie lautet Doc Endis Diagnose?“
Dween antwortete ohne aufzusehen oder die Behandlung zu unterbrechen: „Die Chefärztin hat zur Zeit weitaus dringendere Fälle als einen Schulterdurchstoss und eine einfache Lungen-perforation zu behandeln. Sie ist bereits vor einer halben Stunde zur Aldebaran herüberge-beamt worden und verpflanzt ein Spenderherz von einem klingonischen Kameraden an dessen Steuermann, der mit zerfetztem Brustkorb dort auf der Intensivstation liegt. Ich bin momentan das dritthöchste medizinische Stabsmitglied an Bord, da ich eine abgeschlossene Ausbildung sowohl in...“
„Ich zweifle Ihre Kompetenz ja gar nicht an,“ unterbrach Lennard sie zögerlich, „aber eig-entlich wollte ich ja wissen, wie es der Commander geht.“
„Natürlich, verzeihen Sie, Sir.“ Dween nahm einen medizinischen Tricorder und begann vom Kopf herab mit der entnehmbaren Sonde Leardini zu scannen. „Enzephalogramm ist normal, Biofunktionen noch ein wenig schwach, aber mit guter Prognose. Den glatten Schulterdurch-stich zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt habe ich verheilt, ein Tag Ruhe wäre der Ge-nesung in Ihrem Zustand jetzt aber förderlich.“
„Bettruhe? Sie scherzen! Wir haben Krieg!“ protestierte Leardini lahm.
„Wir haben Rückzug,“ erwiderte Dween resolut und fuhr mit dem kleinen blinkenden Scan-ner weiter über den Brustkorb. „Das die Leute nie den Anordnungen des Mediziners Folge leisten wollen... so, die Eintrittswunden im Rückenbereich wurden verschlossen, das Lungen-gewebe gesäubert und zur Regeneration angeregt. Auch hier würde ich mindestens einen Tag absolute Ruhe empfehlen.“
Unter den mürrischen Blicken fuhr sie mit der Bauchhöhle fort. „Wie sieht es hier aus? Ah, alles in bester Ordnung. Der Kleine hat überhaupt nichts von Ihrer Verletzung mitbekommen. Tapferes Bürschlein, nicht wahr? Alle Werte sind hervorragend.“
Leardini sah die Counselor mit grossen Augen an: „Wovon zum Henker reden Sie da?“
„Natürlich von...“ Dweens tiefgrüne Augen weiteten sich ebenfalls. „Oh mein Gott, Sie wis-sen es noch gar nicht? Das kann doch nicht sein!?“
Lennard trat nun dichter an seine Untergebene heran und sah mit ungläubiger Miene auf das Scannerbild. „Das... das...“
Ein breites Grinsen erschien auf Dweens Gesicht: „Ich hatte keine Ahnung und dachte, Sie wüssten es schon längst... nun, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Nachwuchs, Commander... Stefania.“
Vertraulich drückte sie ihr die gesunde Schulter und zeigte ihr eine Aufnahme der Scannung. Völlig fassungslos sah sie den kleinen Umriss, der deutlich erkennbar darstellte, was da in ihr heranreifte. „Das... wie kann das sein... ich bin schwanger!!“
„Ein gesunder Embryo im achtzehnten Tag. Hier sehen Sie sich diese Werte an...“
Lennard fasste Leardini an der Hand und drückte sie gerührt. „Oh Stefania, du bekommst ein Kind! Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin so glücklich...“
Dween zog sich diskret zurück, als Stefania mit einem seligen Lächeln und Tränen in den Augen, aber auch ein wenig unsicher zu ihm aufsah. „Ich hatte keine Ahnung, das musst du mir glauben. Es war nicht meine Absicht, dir...“
„Nein, nein, du brauchst nichts zu sagen, wir haben schliesslich beide kräftig daran mitge-holfen. Das bedeutet eine Menge Änderungen für uns, meine Liebste.“ Er strich ihr beruhi-gend das schwarze lange Haar aus der Stirn.
„Ausgerechnet jetzt, mitten im Krieg. Was sllen wir nur machen, Kyle? Soll ich den Dienst vorübergehend quittieren und zur Erde fliegen, wo das Kind sicher sein wird? Wir müssen uns über so viele Dinge klarwerden...“ Nun rannen doch ein paar Tränen der Ergriffenheit ihre Wangen hinab.
Er setzte sich neben sie und sagte sanft: „Mach dir darüber noch keine Sorgen. Wir haben zum Glück noch einige Zeit, bis wir darüber Entscheidungen treffen müssen. Zuerst einmal musst du selbst wieder gesund werden. Und natürlich hältst du die verordnete Bettruhe ein.“
Unter seinem gestrengen Blick musste sie seufzen. „Fang’ jetzt aber bloss nicht an, mich wie ein kleines hilfloses Küken zu verhätscheln und umsorgen. Das könnte ich nicht ertragen.“
„In Ordnung, ich verspreche es dir. Zunächst einmal lassen wir es auf sich beruhen.“ Er stand wieder auf und verabschiedete sich von ihr, um danach in den Maschinenraum zu gehen und sich um die Instandsetzungsliste zu kümmern.
- 2 -


Lennard war nicht wirklich auf das vorbereitet gewesen, was ihn im Hauptmaschinenraum auf Deck 15 erwartete. ‘Ameisenbau’ wäre die treffendste Bezeichnung dafür gewesen, um das Herumgewusel von Technikern mit PADDs und Ersatzteilen in allen Grössen und Formen in Händen zu beschreiben. Andere ‘Gelbkittel’ krochen in Servicetunnel und -nischen, die hinter abgenommenen Verkleidungen zutage gefördert wurden, oder arbeiteten an ihren Stationen.
Nirm bemerkte die Ankunft des Captains nicht, da er mit dem Rücken zu ihm stand und wild mit den Armen fuchtelnd Leute deligierte. Für seine naturgegebene Behäbigkeit legte er ein erstaunliches Temperament an den Tag.
„Na, Lieutenant, wie steht’s denn?“
Überrascht fuhr Nirm herum. „Oh, Captain, welch seltener Glanz auf meinem Deck! Ich habe gute Neuigkeiten für Sie. Ich denke, wir werden das meiste der Schäden bereits während des Rückfluges notdürftig zusammenflicken können. Ich meine, sobald wir im Dock die notwen-dige Ausrüstung dafür haben, werden wir einiges davon wieder auseinandernehmen und rich-tig instandsetzen müssen, aber man kann ja nie wissen, was Ihnen da oben auf der Brücke so alles einfällt. Sie sind noch imstande und zetteln während des Rückfluges zum Dock ein Ge-fecht an, da dachte ich mir, wir sehen zu, dass unser ‘schönes Kind’ im Falle eines Falles zu-sammenhält. Und um...“
„Bitte, Mr. Nirm,“ unterbrach Lennard ein wenig ungeduldig, „ich weiss Ihre Sorge ja zu schätzen... und die Detailfreudigkeit Ihrer Ausdrucksweise selbstverständlich auch. Könnten Sie jetzt wohl zur Sache kommen?“
„Natürlich, Sir, entschuldigen Sie bitte. Ich komme nicht besonders oft dazu, Ihnen meine... ist ja gut, ich fange am besten mit den Schäden an der Aussenhülle an. Alle sind mit Not-beplankung versehen und mit Kraftfeldern gesichert. Da hätten wir zum einen...“ Nirm verstummte, als einer seiner Fähnriche im Hintergrund wild gestikulierte.
„Lieutenant, eine Subraum-Verbindung aus Utopia Planitia für Sie.“
„Können Sie mich bitte eine Minute entschuldigen? Ich habe gerade einen alten Kollegen über Subraum empfangen.“ Nirm watschelte zum nächsten Wandmonitor und stellte die Ver-bindung her.
Lennard sah aus einigen Metern Entfernung auf das Bild. Er erkannte gleich das Spiegelbild ihres Maschinenraumes, also musste das dort ebenfalls eine Sovereign-Klasse sein. Nun, da war die Auswahl nicht gross, da es nur eine Handvoll Schiffe dieses Typs gab und die Sternenflotte sich seit Beginn des Krieges hauptsächlich auf den Bau kleinerer Muster in grösserer Anzahl konzentrierte, ganz zu schweigen vom notdürftigen Herrichten beschädigter Schiffe und dem Ausschlachten solcher, die nicht mehr zu retten waren. Im Vordergrund stand ein schwarzhäutiger Humanoide und starrte auf den Bildschirm.
„He, Nirm, altes Haus! Na, wie geht’s dir denn so?“
„Mir geht’s bestens, wenn man davon absieht, dass mir regelmässig das halbe Schiff unter dem Hintern weggeschossen wird und ich nichts anderes mehr zu tun habe, als es wieder soweit zusammenzuflicken, damit die Jem’hadar es aufs Neue in Stücke ballern können. Diese Mistkerle haben einen ganz speziellen Hass auf Ingenieure: sie treffen nie dieselbe Stel-le zweimal. Du solltest mal eine Aussenaufnahme unseres ‘schönen Kindes’ sehen... es sieht aus wie ein Flickenteppich.
Naja, so schön wie du möchte ich’s auch einmal haben. Du sitzt sicher nur herum und wartest darauf, dass die Werfttechniker deine Arbeit erledigen. Oder warum ist dir sonst so lang-weilig, dass du in der Gegend herumfunken kannst? He, warte mal, Geordie, du siehst irgend-wie anders aus... wo ist dein Visor?“
La Forge grinste. „Unglaublich, dass du es überhaupt gemerkt hast. Ich habe jetzt Implantate, die sind doch ein wenig bequemer. Ausserdem hatte ich ein paar wirklich schlechte Erfahr-ungen mit dem Visor, das kannst du mir glauben. Er hat gewissermassen die Enterprise-D auf dem Gewissen.
Und was deine andere Frage angeht, bin ich wirklich empört. Nun ja, ich kann leider den neuen Hauptdeflektor nicht von Hand einsetzen, da hast du schon recht. Aber diese ver-dammten Borg haben das halbe Schiff assimiliert, und damit meine ich wirklich das halbe Schiff! Hast du eigentlich auch nur die leiseste Ahnung davon, was für eine Krampfarbeit das ist, den ganzen Mist wieder zu entfernen, den sie hier eingesetzt haben?
Ich habe mir echte Sorgen gemacht, als ich von der Siebten Flotte gehört habe. Aber Undank ist nun mal der Welten Lohn. Mann, Nirm, redest du immer noch so viel? Dein Captain ist sicher schon zur nächsten Luftschleuse herausgesprungen, weil er es nicht mehr ausgehalten hat...“
„Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, stand er noch direkt hinter mir,“ entgegnete Nirm grinsend, worauf sich La Forge an den Kopf griff.
„Kannst du mich nicht vorher warnen? Bitte verzeihen Sie den respektlosen Ton, Sir,“ be-mühte sich der Techniker um eine Entschuldigung.
„Ich bin ja selber Schuld, wenn ich Ihrem spätpubertären Geplänkel lausche,“ wiegelte dieser ab. „Ist die Enterprise wirklich so sehr mitgenommen?“
„Wir werden wohl noch eine Woche in der Werft sein, bevor wir zur Fünften Flotte stossen,“ antwortete der Gefragte. Im nächsten Moment erklang eine Stimme im Hintergrund.
„Wem verraten Sie da Geheiminformationen, Mr. La Forge?“
Ertappt sah der Chefingenieur des Flaggschiffes über die Schulter. „Oh, Sir, ich hatte Sie nicht vor einer Stunde erwartet...“
Er verstummte, als ein weiteres Gesicht vor dem Monitor erschien. Lennard hatte es nicht ganz so hager in Erinnerung. Offenbar hatte dieser Mann in letzter Zeit einiges mitgemacht. Als er an Nirm vorbeispähte und ihn sah, verzog er das Gesicht. Jetzt war Eile geboten.
„Wir haben eine Bildstörung! Alles auf Ihrem Bildschirm leuchtet plötzlich so, Mr. La Forge, ich kann gar nichts mehr erkennen.“ Lennard grinste bis über beide Ohren, als er die Reaktion auf dem Gesicht seines Gegenübers sah.
„Lennard, Sie junger, frecher Schnösel! Ich habe Ihnen doch gesagt, was passiert, wenn Sie sich noch ein einziges Mal über meine Glatze lustig machen. Warten Sie bloss, bis ich Sie in die Finger bekomme, dann werde ich Ihnen den Hintern versohlen!“ Er konnte sich nicht mehr beherrschen und lachte angesichts der bestürzten Miene seines Chefingenieurs los.
Auch Lennard musste lachen. „Bitte verzeihen Sie, werter Kollege. Ich wollte Sie nicht beim Liegen im Dock stören. Das muss sehr frustrierend für Sie sein, nicht wahr?“
Mit einem verschmitzten Lächeln, wie es typisch für ihn war, antwortete Picard: „Hören Sie, Inselbewohner, Ihre Tage als Captain sind gezählt. Ich habe mehrere Untersuchungsausschüs-se mit der Frage beauftragt, wie Sie jemals das Kommando über etwas Grösseres als eine siebzig Jahre alte Miranda-Klasse erhalten konnten.“
„Was sehe ich da im Hintergrund? Sie scheinen da ein ziemlich böses Leck im Warpkühl-mitteltank zu haben, wenn ich mich nicht täusche.“ Lennard genoss den Gesichtsausdruck sei-nes Kollegen sichtlich.
Picard gab zähneknirschend zu: „Das ist eine ganz dumme Geschichte, müssen Sie wissen. Letzte Woche hatten die Werftbetreiber aus Kapazitätsgründen die Wahl, einen neuen Kühl-mitteltank für uns zu giessen, oder aber eine Reihe Querschnittsverengersegmente für Warp-kerne der Excelsior-Klasse.“
„Sie brauchen nicht weiterzureden. Jaja, die Excelsior-Klasse, das Rückgrat unserer schönen Flotte. Aber keine Sorge, als Flaggschiff geniessen Sie bestimmt auch gewisse Privilegien bei der Vergabe von Reparaturaufträgen.“
Sein Gegenüber nickte bedächtig, ernster. „Ab nächster Woche sollen wir zur Fünften Flotte stossen und vorerst das Vulcan-System sowie die unmittelbare Nachbarschaft schützen. Ich denke, fürs erste werden wir aus der Schusslinie sein. Steht es denn bei Ihnen tatsächlich so schlimm, wie man sagt?“
„Nun, wir haben hier draussen an vorderster Front nichts zu lachen, wenn Sie es so aus-drücken wollen. Unsere Verluste sind allmählich unerträglich hoch. Irgendetwas muss pas-sieren, ansonsten sehe ich schwarz. Wir haben soeben Tyra verloren und hatten nicht einmal Zeit, einen Bruchteil der Zivilisten zu evakuieren, die im Hinterland wohnen. Ich kann jetzt über Subraum nicht mehr sagen, Sie wissen ja, wie es an der Front um die Abhörsicherheit steht. Aber mit einem bisschen Glück lässt sich diese missliche Lage vielleicht noch ein wenig bessern.“ Der Neuseeländer zuckte mit den Achseln und versuchte gleichgültig aus-zusehen, so als ginge ihn das alles gar nichts an.
„Das Glück ist auf der Seite der Mutigen,“ zitierte Picard irgendeinen klugen Kopf der Ge-schichte und schloss dann: „Aber jetzt sollten wir den Bildschirm vielleicht wieder unseren Ingenieuren überlassen. Eigentlich ist es ja deren Subraum-Verbindung.“
„Sie haben recht. Also dann, alles Gute für Sie. Und werfen Sie nicht gleich beim ersten An-zeichen von Gefahr Ihren Warpkern ab.“ Wieder grinste Lennard breit und verfiel in diesen neckenden Tonfall.
„Unter meinem Kommando ist das noch nie passiert. Ich habe nicht vor, jetzt noch mit sol-chen Unsitten zu beginnen.“ Er machte eine vage Grussbewegung mit der erhobenen Hand und begab sich danach aus dem Blickfeld.
Lennard ging nun eine Runde übers Deck und besah sich den Fortgang der Instandsetzungs-arbeiten genauer, als es manchen einfachen Mechanikern lieb war. Wer liess sich schon gerne vom Captain persönlich über die Schulter sehen?
Aber das Gespräch zwischen La Forge und Nirm konnte noch etwas dauern, nicht lange ge-nug, um auf die Brücke zurückzukehren zwar, aber wahrscheinlich lange genug, um sich ein wenig umzusehen. Die Techniker verfluchten Nirms Hang zum ausschweifenden, meist über-flüssigen Plappern. Waren eigentlich alle Lurianer so?



„Versetzung auf die Aldebaran?“ Lennard sah von den beiden PADDs mit den formellen Ge-suchen auf. „Warum?“
Merven antwortete zuerst: „Nun, Captain, zunächst einmal werden meine Dienste nicht unbe-dingt unverzichtbar sein, bis wir die Reparaturdocks bei Gamma Tau 40 erreicht haben, wo die Überreste der Siebten Flotte sich zur Instandsetzung einzufinden haben.“
„Und die Aldebaran fliegt die Sternenbasis 72 an, da sie mit über dreitausend zum Teil Schwerverletzten doch etwas überfordert ist. Ich habe das Gesuch von Commander Kall, alles verfügbare Personal, das über medizinische Schulung verfügt und nicht unbedingt an Bord der eigenen Schiffe zur Aufrechterhaltung des Flugbetriebs benötigt wird, zum Sanitätsdienst auf ihr Schiff abzustellen, zusammen mit den neuen Ordern vom Flottenkommando gelesen,“ er-gänzte Dween und beeilte sich hinzuzufügen: „Ach ja, ich wollte noch meine Glückwünsche aussprechen.“
Mit säuerlicher Miene entgegnete Lennard: „Wofür? Für die komissarische Ernennung zum Fleet-Captain für die Dauer der Rückführung und Neuordnung der Siebten Flotte? Im Klartext heisst das doch lediglich, dass sie jemanden brauchen, der theoretisch auf dem Papier die Führung innehat, bis sie die Flotte neu gebildet haben. Ich bin rein zufällig der Dienstältetste Captain, weshalb sie wohl mir dieses Ämtlein übertragen haben. Also, vierzehn halb zerstörte Schiffe zum Reparaturdock zu fliegen und dann das Kommando wieder abzugeben, würde ich nicht gerade einen Sprung auf der Karriereleiter nennen.“
„Ja, Sir. Tut mir leid, Sir,“ beeilte sich Merven zu sagen.
Lennard sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Ihnen ist das wohl ziemlich wichtig, oder? Wahr-scheinlich wollen Sie einfach nur ein paar ruhige Tage, bis die Aldebaran sich wieder mit uns bei den Raumdocks trifft, hab’ ich nicht recht?“
„Nun, diese Option spielte auch eine gewisse Rolle in unseren Überlegungen,“ gestand Dween mit unbewegter Miene ein.
„Wissen Sie was? Warum eigentlich nicht? Ich denke, diese eine Woche werde ich Sie beide entbehren können.“ Er presste seinen Daumen auf die Signaturfelder der PADDs und reichte sie zurück an die beiden. „Alles Gute.“
„Danke, Sir, vielen Dank,“ antworteten beide wie im Chor.



Kaum waren sie aus dem Bereitschaftsraum des Captains heraus, fielen sie sich lachend um den Hals. Die Gamma-Schicht auf der Brücke störte es nicht weiter, da die beiden momentan ausserhalb des direkten Blickfeldes der meisten standen und ohnehin ein so geschäftiges Trei-ben auf dem Deck herrschte, dass sie gar nicht weiter auffielen. Dutzende vom Techniker- und Hilfspersonal waren emsig dabei, die Brücke wieder voll funktionsfähig zu machen. Ger-ade schlossen drei Mann die neue taktische Konsole an, die ausgewechselt worden war.
Noch immer waren sie engumschlungen, als Dween flüsterte: „Das wird dein Untergang, mein Lieber.“
„Mach schon mal dein Testament,“ entgegnete er mit gespieltem Ernst.
Sie lösten sich voneinander und sahen sich an.
„Zum Holodeck?“
„Nichts wie los.“
Sie eilten zum Turbolift, um zum nächsten Zugang des Holodecks auf Deck Acht zu fahren. Dort luden sie beide ihre persönlichen Programme aus der Datenbank auf transportable Speichereinheiten. Merven seufzte tief, als er fertig war. „Wenn ich daran denke, dass wir unseren kleinen Holoprogramm-Krieg eigentlich während des Krieges aussetzen wollten...“
„Der Alltag hat uns auch in dieser Extremsituation eingeholt. Unsere kleinen gegenseitigen Streiche sorgen noch immer für Abwechslung, wofür das Holodeck eigentlich auch gedacht ist.“ Sie beendete ihrerseits den Datentransfer und hielt die verschiedenen isolinearen Chips hoch. „So, hier siehst du einige Dinge, die dir demnächst Albträume bereiten werden.“
„Warte nur, bis ich mein neues Programm fertig habe. Ich arbeite schon seit Wochen daran, um es zu perfektionieren. Die Rache wird mein sein,“ verkündete er theatralisch.
„Du bist richtig besessen, wenn du nachtragend bist. Hast du mir den letzten kleinen Spass noch immer nicht verziehen? Ich meine, es war doch ganz lustig, dass ich wusste, was uns erwartet und ganz Herr der Lage war, während du...“
„Sprich nicht davon. Das Miranda-III-Programm werde ich dir erst verziehen haben, wenn du von meiner Vergeltung gekostet hast. Dann werden wir ja sehen, wer von uns nachtragend ist. Schade nur, dass ich es nicht mehr fertigbekommen habe. Nun ja, es ist nie zu spät für eine kleine Revanche, nicht wahr?“ Er lächelte sardonisch.
Sie musterte seine Miene und sagte dann: „Wenn ich nicht die Counselor wäre, würde ich uns beide zu ihr schicken. Allmählich habe ich das Gefühl, wir zeigen die ersten Symptome einer Holodeck-Sucht.“
„Ach, komm schon, ich bin so auf die Welt gekommen. Und auch wenn der gute alte Enian sie stets verabscheut hat, so komme ich doch nicht ohne sie aus.“
„Du solltest der Stimme deines ersten Wirtes öfters folgen, dann würdest du einen Haufen weniger Unsinn machen.“ Herausfordernd stemmte sie die Hände in die Hüften, während sie auf den nächsten Turbolift warteten.
Er winkte ab. „Ach was. Gerade wegen ihm mache ich so viel Unsinn! Du hättest mich vor meiner Vereinigung erleben sollen; der reinste Musterknabe, ich schwöre es. Du wärst mir bestimmt noch mehr verfallen, als du es ohnehin bist. Aber dann haben sie diesen... diesen Brandstifter in mich ‘reingesteckt!“
Sie ging voraus in die angekommene Liftkabine. „Brandstifter? Und wer von euch beiden ist der Grössenwahnsinnige? Ich und dir verfallen...pah! Deck Zehn, Sektion Zwei.“
„He, nun sei doch nicht gleich eingeschnappt. Ja, das grosse Mundwerk habe ich ihm eben-falls zu verdanken, das stimmt. Aber irgendwie finde ich, wir ergänzen uns hervorragend. Er verleiht mir den Pep, der mir zuvor gefehlt hat.“ Mit diesen Worten nahm er sie in die Arme und sie versanken in einem stürmischen Kuss, der sie alles um sie herum vergessen liess.
„Könnten Sie bitte mit diesen heterosexuellen Aktivitäten aufhören? Das widert mich an.“
Erschrocken fuhren sie auseinander. Ohne dass sie es gemerkt hatten, hatte der Lift gehalten und Chefärztin Form Endi, eine kleinwüchsige und zartgliedrige Humanoide mit der für Lebe-wesen mit vier Hirnlappen charakteristischen Kopfform, trat ein und bedachte beide mit un-gnädigen Blicken. „Wenn die psychische Situation des Krieges eine Hormonüberproduktion bei Ihnen auslöst, kommen Sie ruhig auf der Krankenstation vorbei. Sie müssen das nicht in öffentlich zugänglichen Teilen des Schiffes miteinander abbauen.“
„Bitte verzeihen Sie, Doktor. Ich wusste nicht, dass Sie bereits wieder an Bord sind,“ ver-suchte Dween abzulenken und strich über ihre zerzauste kupferrote Haarmähne.
„Als ob das etwas ausgemacht hätte. Nun, Doc Stern kommt mittlerweile gut ohne mich zu-recht. Die Bordärzte von den zerstörten Schiffen, die überlebt haben, sind alle auf der Aldebaran, sowie alles verfügbare Hilfspersonal.“
„Ja, wir haben uns auch gemeldet. Wir sind gerade dabei, noch ein paar persönliche Dinge aus unseren Quartieren zu holen und dann zum Transport zu gehen,“ erzählte Merven.
„Dann viel Erfolg bei Ihrer Hilfsmission, Mr. Soares. Welch ein Zufall, dass sie beide gehen, nicht wahr? Nun, die Aldebaran ist gross. Zweiundvierzig Decks, die dreifache Raum-kapazität wie die Fairchild... da werden sich doch sicher ein paar ruhige Winkel finden las-sen.“
„Finden Sie nicht, dass Sie jetzt ein wenig weit gehen?“ wollte Merven wissen und schob sich an ihr vorbei aus der Kabine.
Die Ärztin stutzte und entgegnete dann müde: „Ja, Sie haben wohl recht. Ich bin etwas über-reizt nach dem Dauereinsatz der letzten zwei Tage. Die Schlacht war ein Desaster, wir haben noch so viele gute Leute auf dem Krankenbett verloren, die es nicht geschafft haben, trotz all unserer Bemühungen. Es ist so... unfair und frustrierend.“
Dween legte ihr eine Hand auf die Schulterpartie, die ähnlich stark ausgebildet war wie bei einem Cardassianer. „Ich weiss, für Sie muss es besonders hart sein. Allein die Fairchild hat siebenunddreissig Besatzungsmitglieder verloren bei der Schlacht im Tyra-System. Aber wir müssen da durch, denn schliesslich haben wir uns das nicht ausgesucht. Das Dominion hat uns diesen Konflikt aufgezwungen. Wir tun nichts weiter, als die Freiheit der gesamten freien Völker im Alpha-Quadranten zu verteidigen. Ich wüsste kein besseres Ziel, für das es sich zu sterben lohnen würde.“
Endi nickte tapfer. „Sie haben recht, Counselor. Bitte entschuldigen Sie mich, auch Epsilon-Iotaner brauchen Schlaf.“
„Machen Sie’s gut,“ rief Merven ihr noch unbeholfen nach. Dann sagte er zu Dween: „Das war wirklich ergreifend, Shania. Ich hätte vor Rührung beinahe geweint. Du bist eine sehr gute Counselor, das muss der Neid dir lassen.“
„Weil ich meine Standard-Durchhalteparole vor ihr heruntergebetet habe, mit der ich auf ihr Moralbewusstsein abgezielt habe?“ Sie winkte ab und ging auf ihr Quartier zu.
Desillusioniert folgte er ihr. „Wow, dass du schon so abgebrüht bist, um solche Psycho-Tricks anzuwenden, hätte ich wirklich nicht gedacht.“
„Dass sie aber auch so heftig reagiert... man muss sich wohl in sie hineinversetzen, um das verstehen zu können. Ihre Rasse pflanzt sich schliesslich seit Generationen nur noch durch künstliche Befruchtung fort und praktiziert nur noch gleichgeschlechtliche Beziehungen. Für sie muss es unnatürlich wirken, wenn eine Frau und ein Mann intim sind.“
„Lass uns packen,“ sagte sie nur lapidar. „Ich versuche bereits, nicht mehr darüber nachzu-denken.“



Als der Türsummer erklang, sah Dween auf. Müde sagte sie. „Komm ‘rein.“
Ihr fiel auf, dass Merven genau so erledigt aussah wie sie sich fühlte. Die letzten zwei Tage waren aber auch wirklich mehr als anstrengend gewesen. Sie hatten bis auf wenige Stunden Pause jeden Tag fast rund um die Uhr bei der Versorgung der Verletzten geholfen. Jetzt end-lich waren sie bei der Raumbasis 72 angekommen, wo die Patienten verlegt und auf der grossen Krankenstation und den zu Beginn des Konfliktes eingerichteten Feldlazaretten bes-ser versorgt werden konnten.
Einhundertundzwei von ihnen hatten den Flug zur Basis nicht überlebt. Zu schwer waren ihre Verletzungen gewesen. Dween hatte das Gefühl, dass jedesmal auch ein kleines Stückchen von ihr mitstarb, wenn einer der Patienten, die sie versorgt hatte, es nicht schaffte. Ihr half ihre halbvulcanische Abstammung und die erlernten Praktiken, mit denen sie ihre Emotionen kontrollieren konnte.
Doch das hatten sie jetzt zum Glück hinter sich.
„Wir haben’s geschafft. Die Verletzten sind alle von Bord, die Mannschaft für zwei Tage frei-gestellt und die meisten von ihnen auch schon in ihren Quartieren. Alle vom Sanitätspersonal sind genauso kaputt wie wir und werden sich erst einmal ausschlafen, doch danach wird das Schiff ziemlich leer sein. Man kommt schliesslich nicht jeden Tag auf eine grosse Basis wie diese und kann deren Freizeitmöglichkeiten nutzen. Die Verlockung ist einfach zu gross.“
„Und wir haben eines der Holodecks dann hoffentlich für uns,“ fügte sie zuckersüss hinzu.
Er zögerte und meinte dann: „Weisst du, ich habe kein sehr gutes Gefühl dabei. Ich habe zwar Commander Kall darüber informiert, dass wir das Deck nutzen wollen, aber...“
„He, was ist denn jetzt los? Es wird eine wunderbare Zeit werden, dessen bin ich mir sicher.“ Dween lag bereits im Bett und zog die Decke über sich. „Aber zuerst wird ausgeschlafen, damit wir morgen in Form für das grosse Abenteuer sind.“



Gelangweilt lümmelte sich Lennard auf seinem Sitz. Die Beta-Schicht näherte sich seinem Ende und wie schon seit Tagen war absolut nichts geschehen. Sie würden noch etwa drei Tage bis zum Raumdock brauchen, dann war er seinen lästigen Titel wieder los. Fleet-Cap-tain zu sein, mochte ja eine schöne Sache sein, aber gewiss nicht unter diesen Umständen. Er stand auf und ging zur Wissenschaftlichen Station, wo Wuran Cluj, die Bajoranische Offizier-in für dieses Fachgebiet, gerade eine Raumkarte des zu durchquerenden Gebietes studierte.
„Na, Cluj, gibt es etwas von Interesse für uns in dieser Region?“
„Bis auf den Lantaru-Sektor eigentlich nicht,“ antwortete sie und wies auf das fragliche Ge-biet. „Mich fasziniert dieser Gedanke immer wieder, dass dieser ganze Sektor von solch ge-waltigen Subraum-Spalten durchzogen ist. Dieses Gebiet ist so instabil, dass man nicht mit Warp fliegen kann, wie sie wissen. Mich würde es einfach interessieren, welche gewaltige Naturkraft so etwas bewirken konnte.“
„Naturkraft, ja,“ sagte Lennard lahm, da er es besser wusste, das aber nicht zeigen durfte. Nur um schnell abzulenken, sagte er: „Und was ist dies hier?“
„Oh, nur ein Nebel der Klasse Zehn D. Wir passieren ihn in etwa einem halben Lichtjahr... he, was ist denn das?“ Wuran war plötzlich auf etwas aufmerksam geworden. Sie vergrösserte den Ausschnitt der Karte und studierte die Anzeigen aufmerksam.
„Haben Sie etwas gefunden?“ fragte er ratlos.
„Ich bin mir nicht sicher. Geben Sie mir die Erlaubnis, die seitliche Sensorenphalanx zu be-nutzen?“
„Nur zu,“ erwiderte er und schlenderte zu Darrn hinüber, um ihn zu informieren.
Als er zurückkam, liess sie bereits einen Scan des fraglichen Gebietes durchlaufen. Sie las die Zusammensetzung der Gase und Schwermetallpartikel des Nebels sowie die verschiedenen Strahlungsspitzen darin ab. „Ich glaube, Sie sind da auf etwas gestossen, Sir. Diese Werte machen einen ungewöhnlichen Eindruck auf mich. Es ist nichts Bestimmtes, mehr so eine Ahnung aus der Erfahrung heraus. Manche wären einfach daran vorbeigeflogen, doch ich denke, wir sollten einen Blick darauf werfen.“
Er sah sie besorgt an. „Glauben Sie etwa, dass sich dort Jem’hadar-Schiffe verbergen könn-ten?“
Sie wog den Kopf hin und her und meinte abschätzend. „Nein, nicht wirklich. Die würden wir auf diese Entfernung in dieser Art Nebel orten können. Aber wer weiss schon, was sich dort verbergen kann?“
„Ein kleiner Abstecher dorthin wäre schon interessant. Allerdings liegen unsere Prioritäten zur Zeit anders; wir dürfen den Konvoi nicht schutzlos zurücklassen. Naja, vielleicht kommen wir ein andermal durch diesen Teil des Sektors und haben dann Gelegenheit, uns das genauer anzusehen.“ Er wandte sich ab und ging zu seinem Sitz zurück.
Nachdenklich studierte Wuran ihre Messwerte. „Ja, bestimmt... wenn ich nur wüsste, was mich so stutzig macht! Ich habe den Eindruck, es liegt direkt vor meiner Nase und ich er-kenne es nur nicht. Jedenfalls werde ich dieses Gebiet im Auge behalten.“



„Das ist das Lächerlichste in der langen traurigen Liste von Lächerlichkeiten, die dir je einge-fallen sind. Ich habe jetzt nur zwei Tage mit Doc Stern von der Aldebaran zu tun gehabt, aber inzwischen bin ich überzeugt, dass du in seine Schule des kranken Humors gegangen und mit Auszeichnung abgeschlossen hast. Auf keinen Fall werde ich dabei mitspielen. Wenn das deine Rache sein soll für Miranda III, dann akzeptiere ich das und gebe mich hiermit offiziell für geschlagen. Ich erkläre dich sogar zum Meister des Holodecks, aber das hier kannst du nicht von mir verlangen.“
„Bist du jetzt fertig? Shania, sieh es dir doch wenigstens an. Ich habe mir so viel Mühe gege-ben und alles repliziert, was wir brauchen. Bitte lies es dir durch und entscheide dich dann.“ Merven drückte ihr das altertümliche Heft aus gebleichter und bunt bedrucktem Zellstoff, damals auf der Erde als Papier bekannt, erneut in die Hand, worauf sie es unwillig durch-blätterte.
„Was gibt es denn da zu lesen? Das ist ein Bilderbuch für Kinder mit einigen Sprechblasen für die Figuren. So etwas Niveauloses habe ich noch nie gesehen.“
„Das ist keine objektive Bewertung. Gut, ich gebe zu, der Handlungsbogen lässt eine gewisse Tiefe vermissen, aber ist doch als solcher zu erkennen. Ich habe einige kurze Kapitel weg-gelassen, da ich wie erwähnt noch nicht ganz fertig war, aber die Programmierung reicht, um die Geschichte durchzuspielen. Na, was meinst du? Überleg’s dir wenigstens.“ Mit flehent-lichem Ausdruck sah er sie an.
„Und ich spiele demnach Fairchild, mein historisches Ebenbild? Dachte ich mir’s doch. Du liebst nicht mich, sondern eine alberne Comicfigur, deren Abbild ich zufällig bin,“ warf sie ihm mit gespieltem Ernst an den Kopf.
„Ach, komm schon, so schlimm ist es doch nicht. Immerhin verkörperst du eine junge, hoch-intelligente Frau mit hohen moralischen Werten, die Superstärke, -geschwindigkeit und eine Art... nun, Unverwundbarkeit besitzt,“ beschrieb er ihr mit weit ausholenden Gesten.
„Das bin ich, die du da beschreibst. Was soll ich dabei noch spielen?“ Dween grinste unver-schämt.
Er liess sich auf die Bettkante fallen. „Ich geb’s auf, mit dir darüber zu streiten. Also, ein Vorschlag zur Güte: du liest dir das ‘Bilderbuch’ durch und ich installiere das Programm in-zwischen. Wenn es dir wirklich nicht gefällt, habe ich mir die Mühe eben umsonst gemacht. Und sollte es dir wider Erwarten doch zusagen, können wir gleich loslegen.“
„Du scheinst dir ja sehr sicher zu sein,“ bemerkte sie und warf sich auf ihr Bett, wo sie auf dem Bauch liegen blieb und das Skript vor sich hielt. „Was ist das für eine Sprache? Ist das Französisch oder so?“
„Das ist vierhundert Jahre altes amerikanisches Englisch, durchsetzt mit vielen zeitgenös-sischen Ausdrücken. Ich habe ein Glossar hinten angehängt, das ich übrigens in mühevoller Kleinarbeit selbst zusammengestellt habe.“ Er verliess ihr Quartier und machte sich auf zum Holodeck, während sie sich dem Studium dieser skurillen Lektüre widmete.
Nach wenigen Seiten breitete sich allmählich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.



Wenjorook zeigte mit dem Finger auf die Stelle des Langstrecken-Sensorendisplays. „Da, Sir. Haben Sie das auch gesehen?“
Etwas hilflos erwiderte Lennard: „Ich fürchte nicht, Lieutenant, aber ich vertraue voll und ganz auf Ihre Erfahrung und Intuition als Sicherheitsoffizier. Was könnte das Ihrer Meinung nach sein?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher, Captain,“ gab der Andorianer zu, „aber es gehört jedenfalls nicht dorthin. Unsere Sensoren können keinerlei natürliches Phänomen in dieser Gegend aus-machen. Es sieht wie eine Spiegelung aus, da es sich offenbar mit gleicher Geschwindigkeit wie wir bewegt. Die Anzeige erscheint als eine Art Flimmern, wo nur leerer Raum sein sollte. Meiner Meinung nach etwas suspekt.“
„Sie vermuten nun doch eine List der Jem’hadar?“ Der Kommandant der Fairchild wurde hellhörig.
„Wenn ich an die manipulierten Sensorenwerte denke, die bei dem Deep Space Nine-Zwi-schenfall zur Zeit des Anschlusses von Cardassia an das Dominion auftraten, traue ich ihnen einiges zu. Es muss nicht einmal eine Tarnung im herkömmlichen Sinne sein, aber vielleicht eine andersgeartete Überlagerung ihres Signales, das lediglich Subraumsignale beeinflusst. Sie könnten sogar mit blossem Auge sichtbar sein, mit unseren Langstreckensensoren aber nicht zu entdecken.“ Er sah auf und richtete seine Antennen ebenfalls in Lennards Richtung. „In diesem Fall müssen wir damit rechnen, dass sie uns folgen, um uns noch vor Erreichen der Basis aus dem Hinterhalt zu überfallen.“
Lennard atmete hörbar durch. „Puh, das ist starker Tobak, wie es so schön auf der Erde hiess.
Behalten Sie diese anomale Anzeige im Auge und informieren Sie mich bitte sofort, wenn sich etwas tut. Wir sollten gerade jetzt mehr denn je auf der Hut sein.“
Zustimmend nickte Wenjorook und kratzte sich nachdenklich an seinem weissen, glatten Haarschopf. „Ich versuche, eine Subroutine einzurichten, die diese Parameter überwacht und auffällige Veränderungen meldet.“
Zufrieden sah Lennard zu seiner Ersten Offizierin, die das Gespräch im Hintergrund verfolgt hatte und ebenfalls zustimmend nickte. Fast wäre ihm ein unter Kommandooffizieren pein-licher Ausspruch herausgerutscht. Schnell formulierte er den Satz im stillen um und sagte zu Wenjorook: „Tun Sie das!“



„Du hast mich überzeugt, auch wenn ich doch das inhaltliche Niveau der Geschichte noch im-mer nicht schwindelerregend hoch ansehe.“ Dween schwang sich aus dem Bett und musterte Merven, der recht erfolglos etwas hinter seinem Rücken zu verbergen versuchte, seit er vor wenigen Sekunden ihre Kabine betreten hatte. „Was hast du da?“
Er grinste. „Ich ahnte, dass du ja sagen würdest. Und deshalb war ich so frei, schon einmal eine gewisse Vorbereitung zu treffen...“
Mit diesen Worten hielt er ihr ein ungewöhnlich aussehendes Stück Kleidung vor die Nase.
„Moment mal, du erwartest doch nicht etwa, dass ich das da anziehe?“ Sie betrachtete es sich genauer. Es war eine einteilige Kombination, eine Art Body ohne Beinbedeckung, dafür mit langen Ärmeln und fingerfreien Handschuhen. Dazu Sportstiefel mit kurzen Schäften, alles in grün gehalten, mit ein paar violetten Verzierungsdetails, etwa einem schmalen senkrechten Streifen auf der rechten Seite des Bodys.
„Dein Kostüm,“ sagte er nur schlicht und wedelte leicht damit vor ihrer Nase herum.
Sie nahm es an sich und befühlte den Stoff. Eine hochelastische Kunstfaser, die atmungsaktiv war und seidig schimmerte. Irgendwie war sie nun doch davon angetan. Wortlos schlüpfte sie aus ihrem Nachthemd und probierte es an.. Nach einigem Zupfen und Richten war der haut-enge Stoff in Position gebracht. Dween besah sich vor dem Spiegel und posierte scherzhaft ein wenig davor.
„Es steht dir hervorragend,“ schwärmte Merven. „Davon ein paar Holoaufnahmen und die Fairchild hat als erstes Schiff seine eigene fleischgewordene Galionsfigur.“
„Untersteh dich. Mit dem Fummel laufe ich nicht einmal auf einem Korridor herum, ge-schweige denn dass ich mich auf unserer Aussenhülle abbilden lasse. Oh nein, dieses Späss-chen bleibt hübsch privat, verstanden?“ Mit drohendem Unterton in der Stimme fixierten ihre grünen Augen seine braunen.
Er seufzte ergeben: „Du bist der Boss.“
„So ist’s recht,“ erwiderte sie und zog einen Mundwinkel leicht nach oben.
„Habe ich schon erwähnt, dass ich dich liebe?“ schmachtete er. Es war perfekt, dachte er bei sich, das würde ein toller Tag werden.



Durch die angespannte Situation hatte Lennard einen so leichte Schlaf, dass er nur zwei Mi-nuten nach der Meldung des Taktischen Offiziers vom Dienst bereits aus dem Turbolift trat und sich gleich der Anzeige auf dessen Konsole widmete.
„Sehen Sie, Sir, es ist die Subroutine, die Mr. Wenjorook vor Schichtwechsel noch einge-geben hatte. Diese Signalverzerrung wandert langsam, aber stetig auf uns zu. Wir hatten vor etwa fünf Minuten ein binäres Sternsystem, das direkt zwischen uns und den Raumdocks liegt, umrundet und hatten eine Kurskorrektur gemacht. Jetzt, da die Position dieser Anomalie ebenfalls den Doppelstern passiert hat, hat sich ihr Kurs ebenfalls geändert, aber so, dass er unsere Flugbahn eher trifft.“ Der junge vulcanische Fähnrich zeigte Lennard die betreffenden Aufzeichnungen.
„Raumanomalien berechnen keine Abfangkurse,“ bemerkte Lennard dazu. „Es müssen Jem’hadar sein. Sie sind sich ja sehr sicher, dass wir sie nicht entdecken können, wenn sie solch offensichtliche Manöver ausführen. Gelben Alarm auslösen. Spruch an den Konvoi: Wir untersuchen eine Raumanomalie hinter uns.“
Lennard setzte sich auf seinen Stuhl und befahl weiter: „Conn, Schiff wenden und mit Warp Neun einen Abfangkurs auf die vermutete Position des Feindes anlegen. Schilde hoch, Pha-serbänke und Torpedo-Abschussrampen laden.“
Um ihn herum war nun hektische Betriebsamkeit ausgebrochen. Wenjorook, Leardini und Wuran trafen auf der Brücke ein und besetzten ihre Stationen, während das rangniedere Per-sonal weiterhin auf dem ganzen Deck herumeilte, um die Kommandozentrale der Fairchild gefechtsbereit zu machen.
„Wuran, Sie sehen so frisch aus. Und das um diese Uhrzeit?“
„Ich habe in meinem Quartier Zugriff auf die Dateien genommen, die uns der Ewige von Alnilam damals überlassen hat. Ich dachte, ich könnte irgeneinen Hinweis auf den Nebel fin-den, den wir vor kurzem passiert haben.“ Sie zuckte bedauernd mit den Achseln. „Leider fand ich nichts Relevantes, wenngleich ich auf einige andere Anregungen stiess, die uns später vielleicht noch von Nutzen sein könnten.“
„Vergessen Sie vor lauter Schmökern nicht, dass ihr Kopf auf einem Körper sitzt, der hin und wieder etwas Schlaf benötigt, damit der Kopf darauf auch weiterhin funktioniert,“ schalt er sie ungnädig.
Ohne jede Spur von Reue erwiderte sie: „Aye, Sir, ich werde es nicht mehr erwähnen, wenn ich mir die Nächte mit Forschungen um die Ohren schlage, anstatt ein gesundes Mass an Schlaf einzuhalten.“
„Es freut mich, dass wir das nicht geklärt haben,“ entgegnete er darauf ernüchtert. Wie viel Schlaf brauchte ein Bajoraner eigentlich? Soweit er wusste, war ein bajoranischer Tag etwa sechsundzwanzig Stunden lang, da sollte sie doch einen ähnlichen Biorhythmus haben wie ein Terraner? Oder hing das nun von ganz anderen Faktoren ab?
Egal, er musste sich nun auf das konzentrieren, was vor ihnen lag.
Oder auch nicht, sagte er sich. Ein Fehlalarm wäre eine hübsche Abwechslung.
- 3 -


Keuchend rollte sich Merven zur Seite. Er starrte breit grinsend nach oben in den dunklen wolkenlosen Himmel und sagte schweratmend: „Es ist nicht ganz so, wie ich mir dieses Programm vorgestellt habe, aber von mir aus können wir ruhig öfter den Ablauf für ein Weilchen anhalten, wenn du willst.“
„Das nennt man Spontaneität, mein Lieber.“ Dween küsste ihn und setzte sich dann lächelnd auf. „Wollen wir trotzdem weitermachen?“
„Wenn du willst. Bist du nicht ein wenig ermattet?“ Er beugte sich nach vorne und griff nach seiner Kleidung.
Sie schlüpfte in die Ärmel ihrer grün-violetten Kombination und schloss dann den Reissver-schluss bis unter den Hals. „Davon? Nein, nein, nicht wirklich.“
„Ich weiss nicht, ob ich jetzt beleidigt oder frustriert sein soll. Ich muss mir immer wieder klarmachen, wie gut deine körperliche Verfassung ist. Wenn ich auf einem Planeten mit an-nähernd doppelter Erdschwerkraft aufgewachsen wäre...“
„Nun krieg’ nicht gleich Komplexe! Für einen Trill machst du deine Sache echt gut, du gibst dir alle Mühe. Mehr kann ich nicht verlangen.“ Noch einmal zog sie ihn an sich und küsste ihn lange.
„Shania, du verstehst es wirklich, einem das Gefühl von Unzulänglichkeit zu geben. Eine Mustercounselor.“ Lachend erwiderte er ihre Zärtlichkeit und balgte ein wenig zum Spass mit ihr.
„Ich bin nicht im Dienst,“ erinnerte sie ihn beim Aufstehen und meinte dann: „Also, zwei Kapitel haben wir jetzt durchgespielt. Wie geht es gleich noch weiter?“
Er überlegte kurz und antwortete dann: „Okay, du bist hier in der Wüste und musst in die geheime Genversuchsanlage eindringen, in der deine vier Freunde gefangengehalten und für unmenschliche Versuche missbraucht werden. Du hast nichts weiter als dieses Projektil-gewehr, dass du auf dem Kampfschauplatz draussen in der Einöde gefunden hast, wo die Söldnertruppen dieser Gentechnik-Organisation euch gejagt haben. Nun steigst du den Hügel hier herab und schleichst dich ein.“
„In Ordnung, ich bin wieder im Bilde. Wir können von mir aus weitermachen.“ Sie hielt die leeren Hände auf.
Merven nickte. „Computer, vorbereiten zur Programmfortsetzung bei Beginn Kapitel Drei. Waffe und Fernglas erzeugen.“
Vor Dween materialisierte sich ein übergrosses, klobiges Sturmgewehr, welches sie sogleich ergriff und sich dann das zugehörige Reflektor-Infrarotfernglas um den Hals hängte. Er ging um die nächste Felsbiegung und rief ihr nach: „Ich sehe dich unten.“
Dween legte das Sturmgewehr an der Felskante ab und legte sich auf den Bauch, so dass sie über die Kante nach unten spähen konnte. Merven hatte ihr erklärt, dass das Szenario im Südwesten des Nordamerikanischen Subkontinents der Erde spielte, in einer Gegend namens Death Valley, das damals bis zu einhundert Meter tief unter dem globalen Meeresspiegel gelegen hatte und in dessen Wüstenklima oft bis zu 320 Grad Kelvin erreicht oder gar über-schritten wurden.
Ein lauer Frühlingstag auf Vulcan also.
Nun, momentan war es tiefste Nacht und damit ein ganzes Stückchen kälter als es ihr ange-nehm war, da sie bewegungslos verharren musste. Der einzige Trabant der Erde stand in Opposition zu Sol und war deshalb als fahlweisse Kugel am klaren Himmel sichtbar; ein willkommener Lichtspender. Sie konnte deutlich mehrere Zwillingslichtkegel erkennen, die sich in akribischer Formation hintereinander durch das versteckt gelegene Seitental wanden. Als sie das Fernglas ansetzte, konnte sie die klobigen Transportfahrzeuge ausmachen, deren Ziel, die riesige Versuchsanlage, von hier aus unübersehbar in den Nachthimmel ragte.
<Dann wollen wir mal>, dachte sie und ergriff ihre Waffe.



„Captain, wir verlieren den Kontakt zur Flotte,“ meldete der Kommunikationsoffizier auf der Brücke der Fairchild. „Etwas stört die Subraum-Trägerwelle.“
„Sie wollen nicht, dass wir den Konvoi oder die Sternenflotte im allgemeinen warnen können. Das kann entweder bedeuten, dass sie noch andere Schiffe oder Einrichtungen in dieser Ge-gend auf diese Weise hinterrücks überfallen wollen. Oder sie probieren ihre Tricks nur zu-fällig an uns aus, wobei mir diese Version weitaus besser gefallen würde.“
„Dieses Risiko können wir nicht eingehen,“ schaltete sich Leardini ein, „Wir müssen die nächsten Aussenposten unbedingt warnen. Meiner Ansicht nach könnte das sogar wichtiger sein als der Schutz des Konvois.“
Er sah sie an und überlegte kurz, bevor er entschied: „Konn, entladen Sie eine der vorderen Torpedo-Abschussrampen und machen Sie dafür zwei Kuriersonden der Klasse IX bereit, die Sie im Fall der Fälle zum Raumdock und zur Sternenbasis 72 mit Warp Neun schicken wer-den. Ferner eine Nachrichtenboje der Klasse VI zum Konvoi, alle drei bestückt mit den takti-schen Informationen, die wir über das hier vorliegende Tarnmanöver gesammelt haben.“
Leardini lächelte zustimmend. „Eine kluge Wahl, Sir.“
„Nicht unbedingt. Wir werden es vielleicht bereuen, nicht alle Torpedorohre mit Quanten-torpedos geladen zu haben, wenn es ernst wird. Aber wie du sagtest, das Risiko ist es wert, dass diese Ereignisse gemeldet werden. Nichtsdestotrotz habe ich vor, diese allfällige Kon-frontation zu überleben und morgen selbst Meldung darüber zu machen, wenn wir am Dock ankommen. Man sollte nur alle Fälle berücksichtigen.“
„Noch eine Minute bis Sichtkontakt,“ meldete der Steuermann.
Wenjorook rief: „Drei Signale, bestätigt als Angriffsschiffe.“
Lennard knirschte mit den Zähnen. „Also doch... Jem’hadar! Alarmstufe rot! Sonden los, da-nach sofort Torpedorampe durchladen. Feuer frei nach Belieben, Combat.“
„Aye, Sir,“ knurrte Wenjorook und beeilte sich, die lästigen Sonden abzufeuern, damit er die Kapazität der Abschussrampe wieder für militärische Flugkörper nutzen konnte. „Sonden sind gestartet... Mist!“
„Was ist passiert?“ wollte der Captain sofort wissen.
Ärgerlich entgegnete der Befragte: „Sie haben eine der Sonden erwischt; sie muss ihnen wohl zu nahe gekommen sein. Ich kann leider nicht sagen, für welches Ziel sie bestimmt war, da sie gleich nach dem Start mit vorprogrammierten Ausweichmanövern begonnen und ihre Kurse mehrfach geschnitten haben.“
„Tja, soviel dazu. Wir haben jetzt erstmal andere Sorgen.“
Dieser Kampf würde nicht lange dauern, so oder so.



Dween sprang behende mit kleinen Sätzen den Hang hinab und kam unten an eine kleine, ver-lassene Servicebucht. Von hier aus ragte die Geheimanlage viele Stockwerke hoch hinauf in den Himmel, war jedoch gleichzeitig tief in den senkrechten Felshang gegenüber hinein-gebaut. Gerade lugte sie vorsichtig um eine Ecke, als sie direkt vor sich einen Wachposten in einer fremdartigen roten Uniform sah, der mit dem Rücken zu ihr stand.
Er schien gerade über ein Funksystem unter seinem vollverspiegelten Visier mit einer Kom-mandozentrale in Verbindung zu stehen und gab eine Meldung ab, dass bei ihm alles in Ord-nung sei. Im nächsten Moment stand sie hinter ihm, richtete die Mündung ihres Gewehres auf die Rückseite seines Helmes und sagte mit entschlossener Stimme: „Keine Bewegung, dann passiert dir nichts.“
Der Posten erstarrte. Gut für ihn.
Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Hinter sich hörte sie ein metallisches Klicken. Aus dem Augenwinkel registrierte sie eine Wache mit anderer Ausrüstung in blauer Panzerweste, die ihrerseits eine Projektilpistole auf ihren Hinterkopf richtete. Die durch einen Lautsprecher modulierte Stimme troff vor Hohn: „Süsse, hier passiert nur einer was, und zwar dir!“
Merven hatte keinen Ton davon gasagt, dass zwei diverse Wacheinheiten hier Dienst taten. Ihr wurde klar, dass das wohl mit dem geheimnisvollen Transport zusammenhing, der eben in der Anlage eingetroffen war. Nun gut.
Blitzschnell duckte sie sich, als der Posten hinter ihr den Abzug seiner Waffe zog. Der Knall des Schusses war ohrenbetäubend laut und das Mündungsfeuer deutlich sichtbar, als die Kugel den kurzen Lauf der Pistole verliess. Sie liess sich aber von dieser schockierenden Er-fahrung nicht ablenken, sondern trat augenblicklich zu. Der Fuss ihres gestrecktes Bein traf ihren Scharfrichter in der Magengrube und fällte ihn wie einen Baum, worauf er reglos am Boden liegenblieb.
Der andere Wächter wollte den Moment des Durcheinanders nutzen und begann eine Alarm-meldung abzugeben: „Zentrale, ich hab...“
Dween zog ihm den Kolben ihres klobigen, schweren Gewehres wie eine Keule über den Schädel, wobei die untere Hälfte seines Visieres zersplitterte und die vor Schmerz zusam-mengebissenen Zähne des Mannes offenbarte, als dieser verstummte und der Mann zu Boden ging.
Schweratmend stand sie einen Moment erstarrt mit dem Gewehrlauf in Händen über ihren schachmatt gesetzten Gegnern, dann fasste sie sich und sah nach, ob sie noch ‘lebten’. Als nächstes würde sie sich eine der Uniformen nehmen und sie zur Tarnung anziehen, um unbe-merkt in den Komplex eindringen zu können.
Sie nahm dem bewusstlosen Mann in der blauen Uniform den Helm ab, als sie plötzlich eine schwache Erschütterung spürte. Danach erklang eine Lautsprecherdurchsage, die sie zusam-menfahren liess.
„Achtung an alle Decks, Alarmstufe Rot. Alle an Bord verbliebenen Crewmitglieder auf ihre Stationen!“
Eindeutig Commander Kalls Stimme.
Neben sich hörte sie eine Stimme: „Computer, beende bitte das Programm und zeige den Ausgang.“
Total aus dem Konzept gebracht, entging Dween sogar die höfliche Ausdrucksweise von Merven, als sich zuerst die am Boden liegenden Figuren und dann die gesamte Szenerie um sie herum auflöste. Einen Moment lang hatte sie ein Gefühl der Desorientierung, als er plötzlich dort stand, wo einen Moment noch ein leerer Korridor ins Komplexinnere geführt hatte. Um sie herum sahen sie jetzt die dunkle Oberfläche des Holodecks, die von einem leuchtenden, quadratisch angeordneten Gitter überzogen war.
Am anderen Ende wurde das grosse zweiteilige Portal sichtbar, dessen Hälften nun aus-einanderfuhren und den Gang der Aldebaran freigaben. Augenblicklich waren die auf Hüft-höhe befindlichen, rot blinkenden Alarmstreifen und der nervenzermürbende Signalton des roten Alarms sicht- und vernehmbar.
„Was kann da nur los sein? Wir liegen doch am Dock.“ Merven rannte los und sah sich dann ungnädig nach seiner Freundin um. „Shania, wach auf! Wir haben Alarm und sollen auf unsere Stationen.“
Sie schien nun endlich zur Besinnung zu kommen und spurtete ihm hinterher. Kaum waren sie auf dem Gang, wurden sie beide von einer heftigen Erschütterung von den Beinen geholt. Der Gang nahm eine bedenkliche Schräglage an, während ein anhaltendes dumpfes Grollen aus weiter Ferne durch den Korridor hallte, begleitet von anhaltenden heftigen Vibrationen.
„Die Schwerkraftgeneratoren und Gyroskope spielen verrückt! Das ist gar nicht gut,“ rief der Trill mit sich überschlagender Stimme. Er war schwer gegen die Wand geprallt und hielt sich die Schulter, während Dween nur mühsam wieder auf die Beine kam.
„Wir müssen sofort zum Hangar Drei, wo wir Dienst gemacht haben. Sie haben den Hangar bestimmt noch nicht vom provisorischen Lazarett zur Shuttlebucht zurückgerüstet. Wenn wir...“
Dweens Stimme erstarb, als eine neue, diesmal von schweren Störungen überlagerte Durch-sage von Kall übers Interkom kam: „Hier spricht Kall; die Basis wird von Jem’hadar ange-griffen. Wir konnten unsere Schutzschirme nicht mehr hochfahren, bevor die Schildgenera-toren schwer getroffen wurden. Die Maschinenhülle liegt unter schwerem Beschuss und wir müssen in wenigen Mintuen mit einem Versagen der Antimaterie-Eindämmung rechnen. Bitte verlassen Sie das Schiff auf dem schnellsten Weg. Den Rettungsbooten sind bereits die Koordinaten zum nächsten Sammelpunkt eingespeist worden. Ich wiederhole: räumen Sie das Schiff auf dem kürzesten Weg. Die Basis wird...“
Die Durchsage endete mit einem lauten statischen Knacken im Lautsprecher, begleitet von einem Erbeben des Decks. Dweens Augen waren weit aufgerissen. „Oh mein Gott, das darf doch nicht wahr sein!“
Merven bewies wieder einmal seine jahrzehntelange Erfahrung als Sternenflotten-Offizier, indem er sie am Arm packte und bestimmt sagte: „Shania, das ist ein Albtraum, auch für mich. Aber bitte reiss dich jetzt zusammen, es geht hier um unser Leben, verstehst du? Komm endlich!“
Er lief los. Da er auf diesem Schiff gedient hatte, sich darum hier gut auskannte und seinen Schock offensichtlich bereits überwunden hatte, überliess sie ihm bereitwillig die Führung und folgte ihm mechanisch, ohne gross nachzudenken.
Sie waren auf dem achteren Backbordholodeck auf Deck Zehn und damit dummerweise tief inmitten der Untertassensektion, aber zum Glück wenigstens auf einem Deck, auf dem sich auch Rettungsmodule befanden. Hätten sie eines der grösseren Holodecks auf Deck Elf in An-spruch genommen, hätten sie nicht einmal einen direkten Zugangsweg zu den Lifepods ge-habt. Dween orientierte sich nun: rechts von ihnen endete der schwach gebogene Korridor nach etwa zwanzig Metern bei einem Turboliftzugang, weshalb sie sich nach links wandten. Nach ebenfalls zwanzig Metern kamen sie zur nächsten Kreuzung, wo sie den rechten Gang nahmen, der geradeaus nach aussen führte und damit zur Oberfläche der Untertasse, wo die Rettungsboote auf sie warteten.
Nach fast fünfzig weiteren Metern erreichten sie endlich die nächste Abzweigung. Nach links und rechts erstreckten sich soweit das Auge reichte, lange Reihen von Zugangstüren für die Rettungsmodule. Merven war nicht besonders wählerisch. Die erste Kapsel war bereits von jemand anderem genommen worden, also stürzte er in die nächste und machte sie sofort bereit für den Abschuss. Dween sprang kurz hinter ihm hinein und liess sich auf einen der Sitze gleiten, worauf er die Einstiegsluke schloss.
Die Trägheitsdämpfer hatten Mühe, die plötzliche Beschleunigung auszugleichen, als der Mikrofusionstreibsatz der Kapsel zündete und sie mit einem kurzen Schubimpuls mit vierzig Metern pro Sekunde nach unten aus der Aldebaran herausschoss.
Merven atmete hörbar auf und lächelte Dween an. „Wir haben’s geschafft.“
Sie reagierte überhaupt nicht auf ihn. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie über seine rechte Schulter. Automatisch drehte er sich um und sah aus dem kleinen Fenster hinaus, das in die Einstiegsluke eingelassen war.
Um sie herum tobte die Hölle.
Ein Jem’hadar-Angriffsschiff raste unglaublich schnell knapp über sie hinweg. Um Haares-breite wären sie am Rumpf des Feindschiffes zerschellt. Als nächstes flog eine Dreierstaffel der verhassten käferförmigen Schiffe an und beschoss die Untertassensektion der Aldebaran mit ihren Polaronen-Strahlern, deren weissblaue Strahlen tiefe Kerben in die Hülle des Schif-fes schlugen. Einer von ihnen musste ein Antimaterielager getroffen haben, da eine gewaltige Explosion einen grossen Teil der internen Struktur zerriss und sowohl nach oben als auch nach unten auf grosser Fläche die Aussenhülle in einen Feuerball hüllte.
Durch dieses Loch hätte ein Jem’hadar-Angriffsschiff hindurchfliegen können.
Unbeirrt vom Kampfgeschehen um sie herum nahm der Computer ihres Rettungsmodules nun sein Haupttriebwerk in Betrieb und nahm einen Kurs auf die festgelegten Koordinaten des Evakuierungs-Sammelpunktes. Während ihre Kapsel lnagsam Fahrt aufnahm, konnten sie hinter sich sehen, was geschah.
„Sieh dir das nur an, sie müssen diesen Überfall schon lange geplant haben und haben uns damit jetzt eiskalt erwischt. Diese Schweine.“ Mit zusammengekniffenen Zähnen beobachtete Merven den Beschuss auf die gigantische Sternenbasis und die Starfleet-Schiffe ringsum.
„Wie machen sie das nur, dass sie überhaupt nicht geortet werden konnten? Vielleicht haben sie von den Romulanern doch ein Tarnsystem nachbauen können und... he, sieh mal, die An-griffsschiffe ziehen sich zurück.“ Dween wies nach draussen.
Er nickte bestätigend. „Du hast recht. Sie haben sicher eingesehen, dass sie so etwas grosses wie diese Sternenbasis nicht so einfach...“
Der Satz blieb ihm im Hals stecken, als eines der grossen Schlachtschiffe im Hintergrund einen einzelnen Flugkörper abschoss, der nur wenige Sekunden den freien Raum durchquerte und dann kurz vor der Basis mit einem grellen Aufblitzen detonierte.
Vor ihren Augen entstand ein wogender Riss im Raum-Zeit-Gefüge, der mit erschreckender Geschwindigkeit anwuchs und die Materie vor sich in seine unwirklich rötlich-gelb schim-mernde Mitte hineinsog.
„Diese Wahnsinnigen! Sie haben eine Subraum-Waffe auf die Basis abgefeuert! Das ist...“
Vor ihren entsetzten Augen zerbarst der etwa zwanzig Kilometer lange metallene Pilz in Mil-lionen von Bruchstücke, die von der Spalte erfasst und hineingesogen wurden. Kurz darauf verlor das Phänomen offenbar bereits an Energie, was darauf hindeutete, dass dies keine be-sonders weitentwickelte Waffe ihrer Art sein konnte, da sie derart instabil war.
Oder...
In dem Moment, als es Dween in den Sinn kam, geschah es bereits.
Eine weitere Spalte öffnete sich direkt vor einem der feindlichen Schlachtschiffe und riss ihm augenblicklich eine seiner Warpgondeln ab, worauf eine Folge von Explosionen durch seinen Rumpf lief. Danach wurde es vollständig auseinandergerissen und von dem Subraumphäno-men verschlungen.
Merven reagierte augenblicklich und fuhr beide Reaktoren ihres Rettungsbootes herab. Im nächsten Moment setzte die Schwerkraft aus und sie begannen durch das Kapselinnere zu schweben.
„Das hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet,“ bestätigte Dween seine Massnahme.
Merven erklärte mit grimmiger Miene: „Wir sind viel zu nahe am Lantaru-Sektor. Man kann nicht in einer derart instabilen Region aufs Geratewohl mit Subraumwaffen herumschiessen und glauben, es passiere nichts weiter. Alle Generatoren, die irgendwelche Subraumfelder erzeugen, egal ob zur Trägheitsdämpfung, Energieerzeugung, künstlichen Schwerkraft oder auch als Antrieb, alles kann im Moment eine weitere Spalte aufreissen. Sieh nur nach draus-sen: das Dominion erhält gerade seine Abrechnung.“
Und tatsächlich wurden sämtliche Jem’hadar-Schiffe von spontan auftretenden Subraumspal-ten, die von ihren Warpfeldern ausgelöst und angezogen wurden, vernichtet. Auch nachdem das letzte Feindschiff den Erscheinungen zum Opfer gefallen war, öffneten sich noch weitere Spalten unkontrolliert überall um sie herum.
„Ich fahre jetzt den Antriebsgenerator wieder hoch; die Trägheitsdämpfungsfelder müssen lei-der ausgeschaltet bleiben. Wenn ich uns hier ganz vorsichtig herausmanövriere, sollten wir dieses Gebiet halbwegs sicher verlassn können. Zum Glück sind wir nicht auf Warpenergie angewiesen, sondern auf Mikrofusionsenergie. Ich drehe die Kapsel so, dass die Oberseite in Flugrichtung zeigt, dann können wir ein g Beschleunigung vorlegen und haben während des Fluges gleichzeitig Schwerkraft.“ Merven schien den neuerlichen Schock gut verkraftet zu haben. Insgeheim bewunderte Dween ihn für seine Professionalität.
Stockend sagte sie nun: „Glaubst du, dass es ausser uns noch jemand geschafft hat?“
„Ich habe keine Ahnung. Da wir nur Subraum-Funk haben, können wir keine Meldungen ab-setzen oder empfangen, ohne uns in Gefahr zu bringen. Wir werden blind navigieren müssen und hoffen, dass uns jemand am Sammelpunkt bergen wird. Der Subraum hier ist vielleicht für immer zerstört, so dass man nur noch mit Impulsantrieb fliegen kann, wie im ganzen be-nachbarten Sektor.“ Er sah nach draussen, wo jedoch nur die allgegenwärtige Schwärze des Alls war, so friedlich, als sei nie etwas geschehen.
Plötzlich lief ein Ruck durch das Rettungsmodul und warf sie zur Seite.
Direkt vor ihnen hatte sich eine Spalte geöffnet, auf die sie nun zutrieben.
„Oh nein! Festhalten!“ Kaum hatte Merven das ausgerufen, da wurde es dunkel um sie, als sie in den Spalt eintraten und das normale Raum-Zeit-Kontinuum verliessen.



Lennard hielt sich fest, als die Dreierstaffel der kleinen, aber hochgefährlichen Angriffs-schiffe ihren ersten Anflug startete und ihr gemeinsames Dauerfeuer aus Polaronenstrahlen auf eine Stelle der Schilde konzentrierten. Wenigstens hielten die neueren Schutzschirme nun für eine Weile der Penetration durch Jem’hadar-Waffen stand; bei der ersten bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Föderation und Dominion hatte das noch anders ausgesehen.
Die unglückselige Odyssey, ein Schwesterschiff ihrer alten Aldebaran und somit eine Galaxy-Klasse, hatte sich nicht mehr rechtzeitig auf die rotierende Frequenz des Beschusses einstel-len können und war stark beschädigt worden. Durch einen Kamikazeangriff eines jener Schif-fe, die gerade die Fairchild attackierten, wurde der Hauptdeflektor gerammt und bei der Anti-protonen-Explosion, die folgte, zerstört.
Wenjorook setzte sich jedoch erfolgreicher zur Wehr. Während er die grossen Phaserbänke halbautomatisch auf die Angreifer feuern liess, konzentrierte er den Torpedobeschuss auf der-en hintere Schilde, sofern das bei diesem Winkel möglich war. Seine Bemühungen wurden belohnt, als das vorderste der Raumschiffe in einem grellgelben Feuerball zerbarst, durch den seine beiden Begleiter ungerührt hindurchflogen, um ihren Angriff fortsetzen zu können.
Das Deck erbebte, als die beiden tödlichen Käfer ihren Beschuss erneut konzentrierten und die Frontschilde der Fairchild an einer Stelle durchschlugen. Sofort wurden Notfall-Kraft-felder aktiv, um den Hüllenbruch abzudichten und das Entweichen von Atmosphäre aus dem Schiff zu verhindern. Darrn machte die entsprechende Meldung.
„Jetzt habe ich aber genug,“ knurrte Wenjorook. Mit einer Dreiersalve Quantentorpedos dezi-mierte er die Schilde des einen verbliebenen Dominion-Kampfschiffes und vaporisierte es da-nach förmlich mit der vollen Ladung aus beiden vorderen Phaserbänken. Die Schutzschirme des letzten Angriffsschiffes waren mittlerweile so geschwächt, dass es hier nur noch einer weiteren Salve torpedos brauchte, um auch dieses zur Strecke zu bringen. Unglücklicherweise gelang es ihm noch kurz vor seiner Zerstörung, einen weiteren Teil ihrer Schilde zu durch-dringen und einen der Warppylonen zu beschädigen, bevor es von den ihm entgegengeschleu-derten Energien zerrissen wurde.
Kaum war der Feuerschein der letzten Detonation verklungen, da forderte Lennard schon: „Lagebericht, Combat! Sind weitere Angreifer in Reichweite?“
„Negativ, Captain. Die Staffel Angriffsjäger wurde vernichtet.“ Wenjorook nickte grimmig.
„Ops, Schadensbericht?“ fuhr der Kommandant, an Darrn gewandt, fort.
„Die Meldungen gehen gerade ein, Sir. Vordere Steuerbordschilde sind zusammengebrochen, hintere Steuerbordschilde ‘runter auf elf Prozent. Einige hässliche Schrammen am Steuer-bord-Warppylon, aber keine funktionellen Schäden. Dann haben wir einen kapitalen Hüllen-bruch auf den Decks Neun und Zehn, Sektion Vier bis Sieben. Vier Rettungsmodule wurden zerstört, eines schwer beschädigt, eines leicht, sowie elf Quartiere verwüstet. Zum Glück kei-ne Toten diesmal.“ Der Klingone hielt inne. „Das wird der Counselor nicht gefallen; ihr Quartier liegt mitten in dem betroffenen Bereich. Ich fürchte, ihre Innenausstattung wurde bei der explosiven Dekompression in den Raum gesogen.“
„Man kann nicht immer Glück haben,“ kommentierte Leardini lakonisch und erntete damit einen missgünstigen Blick von Lennard.
Wenn sie nur gewusst hätte, wie recht sie damit hatte.



Dween war einen Moment lang orientierungslos. Oder war es eine Stunde? Sie hatte durch das Fehlen jeglicher optischer und akustischer Reize das Zeitgefühl verloren. Umso schlim-mer war der Schreck, als direkt neben ihr plötzlich Mervens Stimme erklang: „Shania, bist du in Ordnung?“
Sie zuckte zusammen, als er sie berührte. Instinktiv klammerte sie sich an seine Hand und zog ihn an sich, bis sie ihn umarmen konnte und an sich drückte. Mit schwacher Stimme wisperte sie: „Was ist mit uns geschehen?“
„Wir sind in eine Subraum-Spalte gezogen worden,“ stellte seine Stimme neben ihrem Ohr nüchtern fest. „Wenn wir die Aggregate eine Minute später ausgeschaltet hätten, wären wir jetzt mit Sicherheit tot. Dann wäre die Rettungskapsel so wie die Jem’hadar-Schiffe zerrissen worden.“
Zögerlich fragte sie: „Was lässt dich glauben, dass wir nicht tot sind?“
„Oh, das ist anders,“ meinte er sorglos, fügte dann aber nachdenklich hinzu: „Im Normalraum jedenfalls. Wer weiss, in welchem Zustand wir uns gerade befinden. Aber wir sind noch zu-sammen, das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr?
Ich nehme an, wir treiben momentan in unserer Kapsel durchs Nirgendwo, abgeschnitten vom normalen Universum. Es scheint in diesem Zustand hier kein Licht zu geben, also vielleicht überhaupt keine elektromagnetischen Erscheinungen, aber Schallwellen durchaus. Ich bin froh, dass wir uns wenigstens unterhalten können.“
Sie schauderte, als der junge Trill vorsichtig mit der Hand über ihre Wange fuhr, tastend und sanft. „Hast du eine Ahnung, wie lange wir schon... hier sind?“
„Nein,“ gab er ehrlich zu, „aber ich habe es auch noch nie für eine gute Idee gehalten, ohne ein stabiles Warpfeld um uns herum unkontrolliert in den Subraum einzutreten. Wir könnten überall sein, an jedem Ort, zu jeder Zeit, in einem parallelen Universum... je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stinkt mir die Sache.“
„Wie kannst du nur so reden?“ reklamierte sie. „Hast du denn gar keine Angst?“
„Denke einfach an deine vulcanische Ader, Liebes,“ entgegnete er, bevor sich ihre Lippen fanden. „Nach dem Kuss, wenn es sich einrichten lässt.“
Sie lächelte beim Austausch ihrer Zärtlichkeit.
Als sie voneinander abliessen, glaubte sie, ein Leuchten vor sich zu sehen. Es hatte die Form seines inzwischen so vertrauten Antlitzes. Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf, dass sie vielleicht doch tot waren und sie nun seine Aura in der vollkommenen Dunkelheit ihrer Zwischenstation zur nächsten Bewusstseinsebene erkennen konnte.
„Wow, ich kann dich erkennen,“ bestätigte er ihre Beobachtung. „Sieh nur, da rechts von dir ist die Luke. Draussen scheint sich irgendeine Lichtquelle zu befinden.“
Und wirklich war da ein winziger Punkt in einer unbekannten Weite, der langsam näher kam und dabei immer mehr Licht spendete, auch wenn dieses recht schwach und fahl war.
„Es ist soweit, mein Liebster,“ hauchte sie und nahm ihn mit einem seligen Gesichtsausdruck bei der Hand.
Verwirrt starrte er sie an. „Was machst du da für einen Unfug? Wir sind nicht tot, okay? Wir werden ein langes und erfülltes Leben haben, das verspreche ich dir. Sieh doch nur, wir wer-den von diesem Lichtfleck richtiggehend angezogen.“
Mittlerweile waren viele Details der Innenausstattung ihres Lifepods zu erkennen. Merven setzte sich auf einen der Plätze, behielt dabei jedoch Dweens Hand in seiner. „Die Geräte funktionieren noch immer nicht. Wir werden es wohl noch ein wenig aushalten müssen, bis...“
Dween wurde völlig überrascht. Für sie hatte es so ausgesehen, als würde dieses mysteriöse Licht sich ihnen nur ganz langsam nähern und noch eine ganze Weile benötigen, um auch nur in ihre Nähe zu kommen. Mit einem Mal jedoch wurde die Kanzel von grellweissem Licht durchflutet, das sogar durch die schmerzhaft zusammengekniffenen Augenlider hindurch-brannte und sie reflexhaft mit beiden Händen das Gesicht bedecken liess.
Die orgiastische Ausschüttung von unzähligen Lux ebbte ebenso schnell ab, wie sie begonnen hatte, sodass sie noch einen Moment länger wartete, um sicher sein zu können, die Augen wieder öffnen zu können. Was sie erwartete, war zu schön, um wahr zu sein.
Sie befanden sich im freien Weltraum, der von myriaden Sternen durchsetzt war, die teil-namslos ihr schwaches Licht auf sie warfen. Der Unendlichkeit war es herzlich egal, was mit ihnen geschehen war.
Dween fiel ihrem Freund lachend um den Hals und konnte sich sogar ein paar Freudentränen nicht verkneifen, eine für sie wahrhaft extreme Reaktion. „Oh, Merven, wir haben es über-lebt. Wir haben diese grauenhafte Erfahrung hinter uns. Alles wird gut werden.“
Als sie merkte, dass er ziemlich steif in ihrer Umarmung sass, liess sie langsam von ihm ab und sah ihn an. Noch bevor sie fragen konnte, was los war, sah sie seinen entgeisterten Blick und folgte diesem über ihre Schulter. Sie bemerkte, dass die Instrumente und die Lebenser-haltung wieder angesprungen waren. Und dass er fassungslos auf den Monitor vor sich starrte.
„Schatz, was ist denn?“
Tonlos sagte er: „Ich habe keine Ahnung, was das da ist.“
„Eine Sternenkarte dieser Region...“
„Shania, bitte! Ich bin Navigationsoffizier,“ rügte er sie. „Ich meine natürlich, dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, welche Konstellationen dort abgebildet sind. Irgendetwas müsste mir bekannt vorkommen, wenigstens ein einziger Bezugspunkt, aber da ist nichts.“
Sie sah ihn verständnislos an. „Was kann das nur bedeuten?“
„Computer, bestimme unseren Standort,“ forderte er mit einer Spur Verzweiflung in der Stim-me, was für sie nicht zu überhören war.
„Die Position ist nicht bestimmbar. Kein bekannter Bezugspunkt vorhanden,“ liess die un-barmherzige Synthetikstimme verlauten.
Mit zusammengepressten Lippen sah Merven zur Luke hinaus. „Es ist schlimmer, als ich dachte. Wir könnten an praktisch jedem Ort im Universum wieder ausgetreten sein, am ande-ren Ende der Galaxie, in einer völlig anderen Galaxie, am anderen Ende des Universums...“
Er hielt inne und schloss die Augen. „...oder in einer längst vergangenen Zeit, beziehungs-weise in ferner Zukunft.“
Ängstlich sah sie ihn an. „Was sollen wir jetzt bloss tun?“
Er erwiderte ihren Blick. „Wir müssen uns zuerst einmal umsehen, ob wir einen bewohnbaren Planeten finden. Die Ressourcen in diesem Lifepod sind ziemlich begrenzt, obwohl wir nur zu zweit sind.“
Sie atmete tief durch und schloss die Augen kurz. „Gut, lass’ uns ein Problem nach dem ande-ren angehen. Zuerst einen Landeplatz suchen und danach weitersehen.“
„Braves Mädchen, so gefällst du mir.“ Er küsste sie flüchtig auf die Stirn und fragte dann die Sensorenwerte ab.
„Wir scheinen in einem Sonnensystem mit erdähnlichem Mutterstern zu sein, der von ins-gesamt fünf Planeten umkreist wird. Der zweite ist den Werten nach Klasse M, sogar mit aus-geprägter Tektonikaktivität, wenn ich das hier richtig ablese. Aber es wird zumindest ein Be-wuchs angezeigt, was schon mal ein positives Zeichen ist. Wenn wir es dorthin schaffen, hab-en wir bestimmt eine Nahrungsquelle in Form von essbaren Früchten und Gemüsen.“ Er hielt inne mit dem Abfragen der Tastatur, als er ihre Blicke bemerkte.
Bewundernd sagte sie: „Du bist so sicher und routiniert in dieser ausweglosen Lage. Was wür-de ich nur ohne dich tun?“
Als sie eine Hand auf seine Schulter legte, meinte er lässig: „Komm schon, Shania, wir müs-sen uns zusammenreissen... noch solange, bis ich den Kurs auf diese Welt eingegeben und den Autopiloten aktiviert habe. So!“
Und damit drehte er sich um und riss sie förmlich an sich. Sie erwiderte seine ungestümen Liebkosungen. Es musste wohl an der psychischen Belastung liegen, der sie in dieser extre-men Lage ausgesetzt waren.



Die Fairchild war wieder zu ihrem Konvoi aus klingonischen und Sternenflotten-Schiffen gestossen und flog brav am Ende der Formation, nach hinten deckend. Für Lennard war das hier nur ein fader Vorgeschmack, was die Routine der nächsten Zeit sein würde: Begleit-schutz für Konvois fliegen.
Er hatte eine Botschaft erhalten, dass in den durch die Besetzung von Tyra abgeschnittenen Sternensystem Blockadebrecher organisiert wurden, Flüchtlingsschiffe, die an den Jem’hadar vorbei in sicheres Gebiet der Föderation fliegen wollten. Er hatte bereits jetzt die Order er-halten, nach Beendigung der Reparaturen mit einigen anderen Schiffen entlang der momen-tanen Frontlinie Patroullie zu fliegen, wenn Flüchtlingstransporte durchkamen, diese einzu-weisen, wohin sie fliegen sollten, sowie natürlich ein sicheres Geleit für sie zu gewährleisten. Wie viele der Flüchtlingstransporte es durch vom Dominion kontrolliertes Gebiet wirklich schaffen würden, stand allerdings in den Sternen.
„Wie lange noch bis zur Raumwerft?“ fragte Lennard den Conn zum wiederholten Male.
„Noch knapp zehn Stunden, Sir,“ kam die müde Antwort.
„Ich hoffe nur, wir werden nicht allzulange im Dock liegen. Es ist immens wichtig, dass wir so viele der eingeschlossenen Föderationsbürger wie möglich da herausbekommen. Ich denke, wir haben momentan keine Möglichkeit, Tyra dauerhaft zurückzuerobern, aber mit einer Ent-satzflotte, die stark genug ist und überraschend zuschlägt, sollten wir wenigstens den Korridor durch das System für eine kurze Zeit freibekommen können. Wir haben hier eine ähnliche Si-tuation wie im Tiragoni-System, nur müssen wir das System unter Kontrolle bringen, um einen Weg aus dem vom Dominion kontrollierten Raum hinaus zu schaffen, nicht um das System selbst zu schützen, das ja unbewohnt ist.“
Darrn warf ein: „Mr. Nirm vollbringt wahre Wunder bei der Reparatur des Schiffes während des Fluges. Wir sollten nicht allzulange untätig im Dock liegen. Und mit etwas Geschick schaffen wir es auch, die eingeschlossenen Flüchtlinge zu befreien.“
„Ich teile Ihre Zuversicht, was Ihre Einschätzung über die Verweilzeit in der Werft betrifft, Mr. Darrn. Allerdings sehe ich schwarz, was die Entsatzflotte für Tyra betrifft. Offenbar ist ein gewisses Kontingent an Truppentransportern hierher unterwegs, um allenfalls bei der Eva-kuierung jenes Sektors eingesetzt zu werden, aber ob sie je zum Einsatz kommen werden, ist fraglich. Uns fehlen einfach die Schiffe für einen Angriff.“
„Ja, es ist frustrierend,“ stimmte Leardini zu.



„Und, was hältst du davon?“ fragte Merven, indem er sich gemeinsam mit Dween vor dem kleinen Sichtfenster der Einstiegsluke drängte.
„Sieht für mich aus wie ein ganz normaler Planet der Klasse L oder M,“ urteilte sie nach einer eingehenden Betrachtung.
Er sah nochmals auf seine Anzeigen. „Es ist eine Klasse M, glaub’ mir. Und wie... ausgedehn-te seismische Bewegungen der Planetenkruste. Aber ich werde versuchen, uns ein ruhiges Eckchen zu suchen.“
„Können wir nicht doch eine Umkreisung machen und uns die gesamte Oberfläche ansehen, bevor wir die Landestelle festlegen?“ Sie strengte die Diskussion nochmals an, die sie die ganze letzte halbe Stunde ihres Anfluges mehrmals geführt hatten.
Er seufzte. „Ich würde auch lieber auf Nummer Sicher gehen, aber unser Fusionstreibstoff wird zu knapp, wenn wir lange im Orbit herummanövrieren. Ausserdem haben wir einen denkbar schlechten Anflugwinkel dafür. Wenn ich die Wahl zwischen einem sicheren Lan-dungsanflug und einer ausgedehnten Wahl des Landeplatzes habe, entscheide ich mich in je-dem Fall für die erste Option, denn die Sensoren dieses Rettungsmodules sind nicht besonders leistungsstark. Wir wissen erst, was genau uns dort unten erwartet, wenn wir im Endanflug sind. Wenn wir dann noch genug Treibstoff haben, um uns bequem einen beliebigen Platz auf mehreren hunderttausend Quadratkilometern auszusuchen, hilft uns das mehr. Warum ver-traust du mir nicht einfach in dieser Angelegenheit, Shania?“
Sie sah ihn nochmals nachdenklich an und meinte dann: „Das muss ich wohl, schliesslich bist du der Steuermann, nicht ich. Also gut, wir fliegen direkt an.“
Er nickte und gab mit zusammengepressten Lippen die Steuerbefehle an die Positionsdüsen weiter. „Das könnte etwas holperig werden.“
„Kein Problem, ich bin raumfest,“ gab sie zurück, rutschte jedoch trotzdem tiefer in ihren Sitz hinein und krallte sich an den Lehnen fest.
Durch das Sichtfenster schwoll die blaugrüne, von vielen Wolkenfeldern grösstenteils be-deckte Kugel schnell an und rückte dann nach unten, während sie sich gleichzeitig im Fenster drehte. Eine unsichtbare Kraft zerrte schwach an ihnen und drückte sie nach rechts und hinten. Mit leicht erhobener Stimme wollte Dween wissen: „Was machst du da?“
„Ich ziehe ein wenig Kraft von den Trägheitsdämpfern zur zusätzlichen Schuberhöhung der Steuerdüsen ab. Ich hoffe, das geht für dich in Ordnung; wir werden Fliehkräfte von höch-stens 0,5 g spüren.“ Er sah sie fragend an.
„Wenn es uns hilft, nur zu,“ entgegnete sie mit abwiegelnder Handbewegung.
„Alles klar.“ Merven hielt auf die oberen Schichten der Atmosphäre des Planeten zu, der vielleicht für längere Zeit ihre neue Heimat werden konnte, wie Dween nun durch den Kopf ging. Die Drehbewegung der Kapsel nahm noch etwas zu, als sie in eine Flugbahn ein-schwenkten, die ihnen einen optimalen Eintrittswinkel in die Lufthülle ermöglichte. Gleich darauf begann der Boden heftig zu vibrieren und das Fesnter wurde erst von rotem, dann von gelbem und schliesslich von weissglühendem Plasma umgeben, worauf Merven nur noch auf seine Instrumente sah. Dann nahm das Schlingern ab, als auch das Glühen des Eintritts in die Atmosphäre nachliess.
„Wir sind jetzt noch in sechzig km Höhe. Willst du dir ansehen, wo wir landen sollen?“ Mer-ven war hochkonzentriert und liess seine Instrumente nicht aus den Augen.
„Mach du nur,“ erwiderte sie mit dünner Stimme.
„Wir haben zum Glück noch reichlich Treibstoff für eine sanfte Landung. So, mal sehen, am östlichen Horizont sieht es reichlich bergig, karg und düster aus und offenbar gibt es dort auch vulkanische Aktivität. Es gibt mehrere scharf umrissene Gebirgsketten, typisch eigent-lich für eine Welt mit starker Tektonik. So, vor uns ein grosser Strom, der in etwa von Norden nach Süden fliesst und in einem grossen Delta mündet. Am West- und Südwesthorizont Meere. Ich wähle eine hügelige Wald- und Graslandschaft westlich des Flusses und beginne mit der Suche nach dem definitiven Landeplatz. Das sieht gut aus. Vorsicht, wir durchqueren eine turbulente Luftschicht.“
Sie wurden durchgerüttelt und sackten mehrmals bedrohlich ab, worauf Merven die würfel-förmige Kapsel in eine abwechselnde Kurvenbewegung legte, was die schlechte Aerodynamik ihres Fluggefährtes nur unwesentlich ausglich. Dann sagte er plötzlich: „Ah, das dort unten ist nahezu ideal. Achtung!“
Die Rettungskapsel kippte etwa fünfundvierzig Grad zur Seite und schraubte sich nach vorne gekippt nach unten, wobei sie sich kontrolliert ihrem Landeplatz näherte. Kurz vor dem End-anflug fing Merven das Lifepod ab und liess es nochmals schwach absacken, bevor er sanft aufsetzte.
Zufrieden bemerkte er: „Na, das war doch kaum zu spüren, oder? Eine Bilderbuchlandung! Und wir haben sogar noch Treibstoff für knapp zwei Minuten Flug; im äussersten Notfall könnten wir noch einen tiefen Orbit erreichen.“
„Ja... ganz... hervor... ragend,“ erklang Dweens brüchige Stimme im Hintergrund, worauf er sich umdrehte.
„Shania, was hast du?“ Besorgt sah er, wie sie zur Aussenseite der Kabine hin tief nach unten über ihre Sitzlehne gebeugt war, hustete und würgte.
„Es geht schon, gib mir nur eine Minute.“ Sie hustete noch mehrmals und richtete sich dann wieder auf. Sie hatte Tränen in den Augen und strich sich angeekelt über eine Seite ihrer Haare, die unübersehbar etwas von dem Mallheur abbekommen hatten. „Ich habe meine Obergrenze beim Aushalten von Fliehkräften wohl etwas überschätzt.“
„Das tut mir wirklich leid, Schatz, ich wollte das nicht. Bitte versprich mir, dass du nicht böse auf mich sein wirst,“ brabbelte er bestürzt.
„Ach was, warum sollte ich auf dich böse sein? Das ist doch nicht deine Schuld. Du hast uns wunderbar heruntergebracht,“ entgegnete sie mit dünner Stimme und lächelte schwach.
„Tapferes Mädchen.“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und prüfte dann die Sensoren. „Dann wollen wir doch mal sehen: nicht ganz ein g Schwerkraft, Atmosphäre erd-ähnlich, Aussentemperatur genau dreihundert Grad Kelvin, Luftfeuchtigkeit Siebzig Prozent. Fast zu schön, um wahr zu sein. Ich glaube, wir können uns draussen umsehen, ich orte auch keine höheren Lebensformen in nächster Umgebung.“
„Dann nichts wie los - es fängt nämlich allmählich an, ziemlich übel zu riechen hier drin.“ Sie sah mit verzogenem Mund auf den Haufen, der eben noch Inhalt ihres Magens gewesen war.
Er nickte und reichte ihr einen Typ-I-Phaser. „Nur zur Sicherheit.“
Dann öffnete sich mit leisem Zischen die Ausstiegsluke. Sofort strömte ein intensiver, frisch-er Duft nach Blumen und Gras ins Innere, begleitet von leisem Vogelgezwitscher. Ermutigt wechselten sie einen kurzen Blick, bevor er voranging und einen ersten vorsichtigen Schritt machte. Der weiche Wildrasen trug ihn und gab nur ein wenig nach, worauf er einige Schritte ging und seiner Freundin Platz zum Aussteigen machte. Mit entspannter Miene atmete er tief ein und sagte dann: „Was für ein schöner Ort!“
Staunend folgte Dween und stimmte zu: „Wow, du hast uns ja direkt ins Paradies hineinge-flogen. Wie machst du das nur immer?“
Er zwinkerte ihr zu und meinte mit falscher Bescheidenheit: „Ach weisst du, schon sehr bald wirst du es wissen.“
„Soso.“ Sie sah sich um und nahm die ersten Eindrücke dieser Welt auf. Sie befanden sich auf einer weitläufigen Waldlichtung, die gleichzeitig eine leichte Anhöhe bildete. Sie war be-wachsen von fast kniehohem Wildgras und einer grossen Vielfalt von Blumen. Am Waldrand gediehen mannshohe Büsche und grenzten das Unterholz des recht lichten Waldes dahinter ab, der aus nur einer Sorte nadelähnlicher Bäume bestand. Durch die leicht erhöhte Position ihres Landeplatzes hatten sie einen guten Panoramablick auf das Blätterdach des Waldes in den umliegenden Senken. Im Hintergrund konnte sie im Westen eine nahe Gebirgskette aus dunklem Gestein und mit schneebedeckten, steilen Gipfeln und im Osten in weiter Ferne die dunklen Schatten eines weitaus grösseren Bergmassivs aufragen sehen. Hinter diesem türmten sich düstere, schwere Wolken unnatürlich weit in den Himmel hinauf.
„Ist doch ganz schön hier, was meinst du?“ wollte Merven wissen und folgte ihrem Blick nach Osten.
Mit zögerlicher Stimme gab sie zurück: „Ja, schon, aber dieses Gebirge da hinten sieht un-heimlich aus. Und es scheint so viel grösser zu sein als das dort in unserer Nähe, aber auf seinen Gipfeln liegt überhaupt kein Schnee. Ist das nicht seltsam?“
„Vielleicht liegt es mehr südlich?“ meinte Merven nicht besonders aufmerksam, da er sich wohl mehr für die unmittelbare Umgebung interessierte.
Sie zuckte mit den Achseln und ging zurück zum Lifepod. „Wir sollten uns gut überlegen, wie wir jetzt weiter vorgehen wollen. Eventuell werden wir längere Zeit hier sein.“
„Wir sollten zuerst einmal den Wald in der näheren Umgebung erkunden und uns einen Über-blick verschaffen. Ausserdem sollten wir die Sensoren der Kapsel benutzen und die nähere Umgebung scannen, solange wir noch Energie haben.“ Voller Tatendrang inspizierte Merven die Ausrüstung, die zum Teil im Inneren, zum Teil aber auch in Aussenfächern der Kapsel untergebracht war.
„Also dann, von mir aus können wir gleich los.“ Sie stieg in die Kapsel und kam mit zwei Handlampen, einem Medpack zum Umhängen, etwas Proviant und einem Tricorder wieder heraus. Als sie ihm eine der Lampen gereicht hatte und die andere über ihrem Handgelenk be--festigte, sah sie, dass er sie beobachtete. „Was ist?“
„Es ist zwar grotesk, aber mir ist eben aufgefallen, dass du deine Uniform aus unserem Holo-roman noch immer trägst. Du siehst einfach umwerfend damit aus, das ist alles.“ Er musste ungewollt lächeln.
Sie hob nur flüchtig einen Mundwinkel. „Ich hatte noch keine Gelegenheit zum Umziehen. Weisst du, dieses Ding ist unglaublich bequem zu tragen und bei den hier herrschenden Tem-peraturen auch ganz angenehm von der Materialwahl her. Ich behalte ihn vorläufig an, da un-sere Auswahl künftig sehr begrenzt sein wird.
Er erwiderte ernst: „Ist dir eigentlich klar, dass wir vielleicht für den Rest unseres Lebens hier sein werden, Shania? Nur wir zwei ganz allein auf dieser Welt an einem gänzlich unbekann-ten Winkel des Universums.“
Sie hielt inne und sah auf. In seinen Augen konnte sie vor allem inbrünstige Zuneigung, aber auch eine Spur schelmisches Vergnügen, das sie sich nicht erklären konnte, erkennen. „Du scheinst darüber nicht allzu unglücklich zu sein.“
„Es hätte schlimmer kommen können. Wir sind zusammen, das ist das Wichtigste für mich.“ Er legte seine Arme um ihre Hüften und zog sie an sich.
„He, he, du planst doch nicht schon etwa jetzt, unsere eigene Kolonie auf dieser Welt zu grün-den? Wir sollten die Hoffnung nicht zu schnell aufgeben.“ Sie legte ihre Stirn an seine und er-widerte sein seliges Lächeln.
„Aber wir sollten keine Ressourcen verschwenden, die unser langfristiges Überleben sichern, um eine Möglichkeit der baldigen Rettung zu verfolgen. Später würden wir uns selbst ver-wünschen, so kurzsichtig gewesen zu sein. Wie es momentan aussieht, haben wir alle Zeit der Welt, um uns hier einzurichten und zurechtzufinden,.“
Sie spürten plötzlich den Boden unter ihren Füssen beben und klammerten sich reflexhaft aneinander, um ihren Stand zu sichern. Ein dumpfes Grollen im Osten liess sie aufschauen, wo hinter dem düsteren Gebirgsmassiv eine schwarze Wolke mit einer erschreckenden Ge-schwindigkeit gigantisch weit hinaufstieg. Im unteren Teil schien sie von innen heraus zu leuchten, als würde ein Feuer in ihr brennen.
„Ich glaube, wir haben gerade eine Antwort auf meine Frage bekommen.“ Ehrfürchtig starr-ten sie auf das Naturschauspiel. „Diese Bergkette ist vulkanisch aktiv und deshalb von innen heraus so warm, dass selbst auf den Gipfeln kein Schnee liegenbleibt. Deshalb auch diese dunklen Wolken - sie müssen aus Asche und Gasen aus dem Erdinneren bestehen.“
„Ein ungemütlicher Ort. Aber ich glaube, wir sind hier weit genug davon entfernt, um nicht in unmittelbarer Gefahr zu sein,“ sagte Merven und beantwortete damit bereits die Frage, die sie als nächstes gestellt hätte.
Als das dumpfe Grollen nachliess, widmeten sie ihre Aufmerksamkeit wieder der näheren Umgebung und begaben sich auf Erkundungstour. Das Unterholz des Waldes war gut begeh-bar, wie sie feststellten. Sie mussten auch gar nicht lange gehen, bis sie fündig wurden.



Mit gemischten Gefühlen betrachtete Lennard die riesige, weitverzweigte Werftanlage, die im Orbit um Cestus II, einen Gasriesen der Klasse B, schwebte. Einerseits war er erleichtert, dass der Konvoi der verbliebenen Schiffe die Anlage ohne weitere Zwischenfälle erreicht hatte, andererseits ärgerte es ihn, dass er nun für eine ihm unbekannte Zeitspanne zur relativen Un-tätigkeit verdammt sein würde. Allerdings war dies natürlich ein notwendiges Übel, wenn sie bald wieder im Geschehen mitmischen wollten.
Als der Stationskommandant ihn rief, liess er die Verbindung in seinen Bereitschaftsraum legen und verschlüsseln. Kaum hatte er sich dort in seinen Sessel gesetzt, da hob sich auch schon der Displayteil seines Laptop-Computers und erwachte zum Leben. Ein älterer Tellur-aner erschien auf dem Bild. „Seien Sie gegrüsst, Captain Lennard. Mein Name ist Vernkor.“
„Einen guten Tag wünsche ich, Captain Vernkor. Wie steht es bei Ihnen?“
Sein Gegenüber gab einen schnorchelnden Laut von sich. „Es könnte besser sein. Ihre Sonde ist bei uns angekommen und wir haben die Informationen auch gleich ans Oberkommando weitergegeben. Zu einigen Schiffen und grenznahen Einrichtungen haben wir derzeit jedoch jeden Kontakt verloren, da die Feindkräfte im gesamten Sektor um das Tyra-System herum Subraum-Relais und Horchposten zerstören. Sie ahnen, dass wir eventuell versuchen wollen, den Sektor zurückzuerobern und behindern unsere Koordinationsfähigkeit durch diese Ak-tionen. Nichtsdestotrotz ist ein Geschwader von Truppentransportern unterwegs, das mehrere Millionen Menschen aus den Gebieten hinter Tyra evakuieren könnte. Vorläufig werden sie bei Sternenbasis 72 stationiert, wo auch das erste Kontingent einer möglichen Entsatzflotte erwartet wird.“
„Ah ja, haben Sie von dort vielleicht Nachrichten für mich? Die Aldebaran müsste be-reits eingetroffen sein.“
Bedauernd hob Vernkor die Schultern. „Wir können zur Zeit keine Verbindung mit der Ster-nenbasis oder irgendeinem Schiff in diesem Gebiet aufnehmen. Die Sternenflotte hat bereits mehrere Schiffe im Einsatz, die provisorische Subraum-Bojen auslegen, aber das könnte noch ein Weilchen dauern.“
„Naja, macht nichts. Es ist nur, weil ich zum Teil wichtiges Personal zum Sanitätsdienst auf der Aldebaran habe und sie bald zurückerwarte. Ausserdem liegt mir das Schiff am Herzen, ich war ihr letzter Kommandant.“ Er lächelte verlegen.
„Ja, das ist mir bekannt. Ich hörte davon, dass sie erst wieder seit Kriegsbeginn aktiv im Dienst ist und aufgrund des akuten Personalmangels noch immer keinen Kommandanten im Rang eines Captains hatte. Aber das soll sich ja bald ändern, wie mir zu Ohren gekommen ist.“ Verständnisvoll erwiderte das schweinsähnliche Gesicht mit der platten Nase und den kleinen schwarzen Knopfaugen sein Lächeln, welches jetzt jedoch merklich dünner wurde.
„Sie wissen da offenbar etwas mehr als ich, werter Kollege. Was ist denn mit Commander Kall? Sie hat das Schiff in den letzten Monaten doch vorbildlich geführt...“
„Das mag schon sein, aber ihre Vergangenheit ist, wenn ich das so ausdrücken darf, ein offenes Geheimnis in Kapitänskreisen. Offenbar ist jemand gefunden worden, der auf eigenen Wunsch das Kommando des Schiffes übernehmen wird. Er scheint aus dem Stab des Sternen-flotten-Hauptquartieres direkt aus San Francisco zu kommen. Mehr weiss ich allerdings selbst nicht, so leid mir das tut. Wann hat man in diesen Zeiten schon Gelegenheit, aus dem Näh-kästchen zu plaudern... wenn dieser irdische Ausdruck korrekt gewählt ist.“ Fragend sah der Stationskommandeur ihn an.
„Gewiss,“ bestätigte Lennard abwesend. Wer konnte das nur sein?
Diese Neuigkeit gefiel ihm irgendwie nicht. In seinem Magen machte sich ein undefinierbares flaues Gefühl breit.
- 4 -

„Das ist nicht zu fassen. Hättest du dir das je erträumen lassen?“ Dween starrte auf den Boden vor sich.
„Ich weiss nicht, ob das hier gut oder schlecht für uns ist.“ Merven kniete nieder und wischte etwas Grünzeug und Moos zur Seite. Darunter befand sich, kaum erkennbar für einen unauf-merksamen Beobachter, eine Steinplatte von etwa Drei mal Drei Meter Grösse.
„Sieh dir das nur an, das muss uralt sein.“ Dween trat neben ihn und fuhr mit ihrem klobig wirkenden, grünen Stiefel über den Boden. „Hier ist noch eine. Was das wohl sein soll?“
Sie untersuchten die Umgebung und stellten fest, dass im Waldboden, so stark überwuchert, dass man gründlich danach suchen musste, eine lange Reihe dieser Steinplatten in Zweier-reihen eingelassen war.
„Das sieht tatsächlich so aus wie eine Art Weg. Das Material macht jedoch einen ziemlich primitiven Eindruck.“ Merven untersuchte die Felsblöcke per Tricorder und keuchte auf. „Sie reichen fast drei Meter tief in den Boden hinein. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Bauaufwand gewesen sein muss? Zum Teil beginnt hier schon in einem Meter Tiefe eine harte Felsschicht. Sie mussten zuerst ein Fundament in den Fels treiben, bevor sie die Blöcke einsetzen konnten. Unvorstellbar.“
„Wenigstens konnten sie sicher sein, diese Strasse niemals ausbessern zu müssen,“ meinte Dween nüchtern. „Jetzt erkennt man auch die Schneise, die der Weg durch den Wald zieht, wenn man weiss, dass er da ist. Soweit man sehen kann, führt er schnurgerade in beide Rich-tungen. Faszinierend. Was meinst du, wollen wir uns das einmal genauer ansehen?“
„Na klar. Die Richtung spielt wohl keine Rolle, oder?“ Er nahm aufs Geratewohl den rechten Abschnitt und folgte ihm, wobei er sich bedächtig durch das Unterholz arbeitete. Sie folgte ihm dichtauf, bis er verblüfft stehenblieb.
„Sieh dir das nur an! Der muss hier schon seit Jahrzehnten stehen.“ Sie waren auf einen Baum
gestossen, der an einer Stelle mitten auf dem Weg wuchs, wo die Witterung eine mindestens meterdicke Humusschicht über den Stein angetragen hatte. So hatten die Wurzeln des sicher fünfzig Zentimeter dicken Stammes genug Halt.
„Eher seit Jahrhunderten. Wenn wir an dieser Stelle den Weg gekreuzt hätten, wären wir ger-adewegs über ihn hinweg gelaufen, ohne auch nur von seiner Existenz zu ahnen. Im Grunde haben wir nur Glück gehabt.“
Merven entgegnete: „Naja, auf ein Artefakt dieser Grösse wären wir ohnehin früher oder spä-ter gestossen. Wir wissen ja noch gar nicht, was noch alles zu dieser Strasse dazugehört.“
„Geschweige denn, ob das hier überhaupt eine Strasse ist oder ob es nicht eine andere Funk-tion erfüllt. Da vorne scheint etwas Grösseres zu sein.“ Der ‘Weg’ hatte eine sanfte Steigung hinauf geführt und fiel jetzt wieder in eine leichte Senke ab. Unwillkürlich beschleunigten sie ihren Schritt.
„Da sind wir wohl auf etwas gestossen... das...“ Merven schien keine Worte mehr zu finden angesichts dessen, was er sah.
Rechts und links ihrer Strasse ragte je eine Reihe unterschiedlich hoher, quaderförmiger Ge-bäude empor, die etwa zehn bis zwanzig Meter hoch und um ein mehrfaches breiter und län-ger waren. Sie waren aus demselben hellgrauen Stein mit dem leicht bläulichen Schimmer gemacht, aus denen auch ihre erste Entdeckung bestand. Auf den Seiten, die dem Weg zuge-wandt waren, befanden sich genau in der Mitte der Häuser grosse Eingangsportale, die be-stimmt ebenfalls an die drei Meter hoch waren. In den Stockwerken über dem Bodenniveau waren grossflächige, aber niedrige Fenster in den ansonsten vollkommen glatten Aussenwän-den, welche sich nach oben hin merklich verjüngten und so einen trutzigen, festungshaften Eindruck machten, ausgespart. Durch die spartanische Anmutung wurde dieser bedrohliche, unheimliche Eindruck noch verstärkt. Im Hintergrund waren noch weitere Reihen von ähnlich aussehenden Gebäuden sichtbar. Es schien sich um eine ganze Stadt zu handeln.
„Ist das nicht wunderbar, Merven? Jetzt haben wir ein festes Dach über dem Kopf.“ Dween sah sich unternehmungslustig in der ‘Hauptstrasse’, wie sie sie bereits insgeheim getauft hatte, um.
„Moment mal, Shania, du willst doch nicht wirklich hier einziehen?“ fragte ihr Freund fas-sungslos.
Sie antwortete lapidar: „Das ist doch nur logisch, oder? Wir können wohl davon ausgehen, dass diese Stadt verlassen ist, wenn die dazugehörige Strasse seit so langer Zeit nicht mehr benutzt worden ist. Zudem ist augenscheinlich niemand zugegen. Und davon abgesehen sind diese Gebäude sehr solide und grosszügig angelegt. Ich schätze, dass seine Bewohner eine Körpergrösse von zweieinhalb Metern oder auch etwas mehr gehabt haben müssen. Wir wissen noch nicht, inwiefern dieser Planet oder auch diese spezielle Region den Jahreszeiten unterworfen ist. Wenn es einen strengen Winter geben sollte, sind wir vielleicht bald froh, dass wir uns hier ein Quartier einrichten können. Auf den näheren Bergen haben wir ja bereits Schnee gesehen.“
„Eine äusserst praktische Denkweise. Du bist so liebenswert und leidenschaftlich, dass ich manchmal einfach vergesse, dass du Halbvulcanierin bist.“ Erstaunt über sie, hielt er einen Moment inne und sagte dann: „Wir sollten uns die Stadt genauer ansehen und eventuell sogar das Rettungsmodul hierherfliegen, wenn wir einen geeigneten Platz gefunden haben, um uns niederzulassen. Was meinst du?“
„Bevor wir hierherfliegen, sollten wir den Nahbereichsscan durchführen, um einen ungefäh-ren Überblick über die nähere Umgebung zu haben. Und wenn wir etwas in der anderen Rich-tung der Strasse finden, zuerst noch das untersuchen.“
„Guter Vorschlag.“ Er gähnte. „Wie lange sind wir wohl schon auf den Beinen?“
„Nach Bordzeit wäre es jetzt wohl später Nachmittag, aber wir sollten vielleicht abwarten, bis es dunkel wird, bevor wir schlafen. Die Rettungskapsel ist bestimmt der sicherste Ort für die erste Nacht. Und deshalb werde ich zuallererst den Boden der Kapsel säubern, wenn wir zu-rück sind. Danach können wir weiterforschen.“
Sie waren gerade zurück bei ihrem Lifepod, als die Sonne unterging und es rasch dunkelte. Sie erledigten noch die nötigsten Dinge und legten sich dann im verschlossenen Inneren zum Schlafen.



Die nächste Überraschung war die Länge der Nacht, denn bereits nach knapp fünf Stunden fiel wieder helles Tageslicht durch das Sichtfenster. Sie fluchten darüber, dass sie nicht auf die Idee gekommen waren, das Fenster zu verdunkeln und nahmen eine Sternenflotten-Notration als Frühstück zu sich, obwohl es von der Zeit ihres Biorhythmus her eher ein spätes Nachtessen war.
„Und was leiten wir aus der kurzen Nacht ab?“ fragte Dween dann, als sie sich auf den Weg machten, die andere Richtung der Strasse zu erforschen, nachdem die Scans mit den Sensoren der Kapsel mehr als dürftig ausgefallen waren.
Merven begann aufzuzählen: „Entweder hat diese Welt eine kurze Rotationsperiode, oder wir befinden uns ziemlich weit nördlich oder aber es ist gerade Hochsommer.“
„Oder eine beliebige Kombination dieser Möglichkeiten.“ Sie betrat den alten Weg und schlug die andere Richtung ein. „Ist dir eigentlich auch aufgefallen, dass wir hier in der Ge-gend nirgendwo ein Gestein gefunden haben, dass dem der Artefakte ähnlich ist?“
Er überlegte kurz. „Du hast recht! Sie müssen diese gewaltigen Mengen an Felsblöcken über eine weite Entfernung hierher transportiert haben. Es muss eine Hochzivilisation gewesen sein, die zumindest mit den Ureinwohnern von M-113 oder den terranischen Ägyptern ver-gleichbar ist.“
Sie kamen nun aus dem Wald heraus und standen unversehens am Rande einer Tiefebene. Die Strasse war nun völlig bedeckt mit einer Humusschicht und demnach so stark über-wachsen, dass ohne Einsatz der Tricorder gar nicht mehr zu sagen war, wo sie verlief. Vor ihnen gab es immer wieder kleinere Waldstücke von jeweils ein paar Hektar Grösse, die manchmal beinahe wie künstlich angelegte Haine anmuteten.
Sie schritten den Weg ab und kamen so durch mehrere der Waldstücke, die sich allmählich wieder verdichteten, je tiefer sie in die Ebene vordrangen. Merven vermutete: „Das hier muss das Tal sein, in dem der grosse Strom fliesst, den wir im Orbit beim Anflug gesehen haben. Das hier muss ein weitläufiges Flusstal sein, an dessen Rand wir gelandet sind. Und je näher wir dem Fluss kommen, desto dichter wird der Bewuchs wieder.“
Und tatsächlich kamen sie nach etwa einer Stunde unbeschwerten Marsches in ein grösseres Stück Wald, wo die Bäume etwas dichter beisammen standen und weniger Licht durch die Baumkronen liess.
„Gut, dass wir uns nicht verlaufen können, solange wir nur der Strasse folgen,“ bemerkte Dween nach einer Weile des andächtigen Schweigens, während der sie immer tiefer in den Forst hineingegangen waren.
„Du klingst so, als wolltest du dich selbst beruhigen. Kennst du das irdische Sprichwort von dem Mann, der pfeifend durch den finsteren Wald spaziert? Ziemlich passend, findest du nicht auch?“ meinte er süffisant.
„Wer hat hier Angst?“ brauste sie auf. „Du kannst froh sein, dass du mich dabeihast.“
„Natürlich, verzeih mir,“ gab er grinsend zurück und stieg zwischen zwei Büschen hindurch. Das Dickicht war immer undurchdringlicher geworden, seit sie in den Wald gekommen waren.
Plötzlich blieb Dween wie angewurzelt stehen. Merven lief ein paar Schritte weiter, bevor er ihr Zurückbleiben bemerkte. Als er sie nach dem Grund fragen wollte, hob die Hand und for-derte ihn dadurch zum Schweigen auf. Leise wisperte sie: „Hörst du das nicht auch?“
Er harrte aus und lauschte. „Ehrlich gesagt, nein.“
Sie schob ihr rotes Haar zur Seite und legte ihr spitzes Ohr frei. „Ich kann etwas hören. Ge-schrei. Klappernde, metallische Geräusche. Und es kommt näher.“
Er hob hilflos die Schultern. Da ihr Gehör für die dünnere Atmosphäre auf Vulcan ausgelegt war und sie darurch um einiges besser hörte als er, musste er ihr wohl vertrauen. „Und was sollen wir tun? Ziehen wir uns zurück?“
„Wir sollten vielleicht zuerst herausfinden, was da von sich geht. Es klingt jedenfalls so, als wären dort humanoide Wesen zugange.“ Sie sah nach rechts.
Merven war skeptisch. „Aber wir sollten besser den Weg nicht verlassen. Ich weiss nicht, ob dein natürlicher Orientierungssinn genauso gut ist wie dein Gehör, aber ich für meinen Teil befürchte, dass wir uns in diesem dichten Wald verlaufen könnten.“
Sie überlegte. „Du hast wahrscheinlich recht. Aber so wie es aussieht, wird uns diese Ent-scheidung abgenommen werden, die Geräusche kommen nämlich immer näher auf uns zu.“
Er erstarrte. „Du hast recht. Ich kann es jetzt auch hören: Geschrei, dieses klappernde Ge-räusch und etwas, das sich nach vierbeinigen Reittieren anhört. dieses Klappern, das sind me-tallene Hieb- und Stichwaffen, die aufeinandertreffen. Und zwischen dem wirren Gebrüll hört man auch Schmerzensschreie. Und ab und zu ein Sirren wie von Bogen. Das muss ein bewaff-neter Konflikt sein!“
Als sie ihn ungläubig anstarrte, verteidigte er sich: „He, nur weil du besser hörst, muss das nicht heissen, dass andere Rassen nicht ein feineres Gehör für Details haben. Die Trill sind berühmt dafür...“
„So ein Unsinn, das höre ich zum ersten Mal in meinem Leben! Lass uns lieber schnell ein Versteck suchen, damit wir nicht in diesen Kampf hineingezogen werden. Irgendwie fällt das hier schliesslich immer noch unter die Oberste Direktive.“ Sie zog ihn mit sich, worauf sie sich ein grosses, dichtes Gebüsch suchten, das ihnen im Zwielicht des Waldes genug Sicht-schutz bot.
„So ein Mist, hier ist alles voller Dornen. Und ich laufe hier in diesem beinfreien Dress her-um!“ Sie kroch, leise Verwünschungen ausstossend, tiefer ins Dickicht des Busches hinein. Er folgte bedächtig und sah sich vor, wo er seine Hände auflegte.
Keine Minute später tobte das Gefecht um sie herum, untermalt von den verschiedenen Kampfgeräuschen.. Man sah nur bruchstückhaft, was um sie herum vorging, aber sie bekamen doch mit, dass eine Partei am Boden und die andere auf Reittieren kämpfte. Logischerweise war die letztere im Vorteil und nutzte diesen auch gnadenlos aus. Schreiend wurden die Bo-denkämpfer nur wenige Meter neben ihnen verwundet, man hörte schwere Körper auf den Boden aufschlagen.
„Diese Reiter sind eindeutig humanoide Wesen,“ wisperte Dween fast unhörbar, „aber bei den anderen bin ich mir nicht ganz sicher. Vielleicht sind es zwei unterschiedliche Arten.“
„Du glaubst ernsthaft, dass sich mehrere dominante Arten unabhängig voneinander auf ein und derselben Welt bis zu diesem kulturellen Grad hin entwickeln könnten?“
„Beispiele gibt es mehrere dafür.“ Sie liess sich nicht so einfach von ihrer Vermutung ab-bringen.
Dann fiel eines der Wesen direkt vor ihnen in den Busch hinein. Dween riss die Augen auf beim Anblick des grobschlächtigen, warzenübersäten Gesichtes, aus dessen Mund die unteren Eckzähne herausragten. Seine Haut war dick, wie Leder und von einer gräulichen Farbe. Auf seinem Kopf sass ein primitiver Helm, aus blankem Metall von Hand geschmiedet. In seinem stämmigen, massigen Körper steckten mehrere dünne Pfeile aus Holz und mit Federn am Ende.
„Das sieht menschenähnlich aus, halbwegs humanoid. Oder metamenschlich, wenn du so willst.“ Merven schauderte nun doch angesichts dessen, was da vor ihnen lag und sich noch schwach bewegte. Er beugte sich über ihn und hielt seinen Phaser so dicht an ihn, dass niemand ausserhalb des Gebüsches sehen konnte, wie er eine betäubende Ladung abfeuerte.
„So hat er wenigstens keine Schmerzen,“ kommentierte er, als er ihr fassungsloses Gesicht sah. „Was hätte ich denn tun sollen? Ich wollte nicht, dass er schreit... oder grunzt, oder irg-endetwas tut, um andere auf sich und uns aufmerksam zu machen. Ausserdem erinnert mich sein Konterfei ein wenig an einen Jem’hadar.“
„Und deshalb lässt du ihn verbluten?“ Sie konnte es noch immer nicht fassen.
„Leise, du verrätst uns noch,“ zischte er erbost.
Nach nur wenigen Minuten war die Schlacht vorüber. Sie bekamen halbwegs mit, wie die Sieger ihre gefallenen Feinde auf einen Haufen warfen und verbrannten. Einen Moment lang wurde es kritisch, als einer der Männer die Beine des Toten aus ihrem Gebüsch ragen sah und zwei Mann zusammen ihn herauszogen. Doch sie krochen noch etwas tiefer in den Busch hinein und verhielten sich mucksmäuschenstill, sodass niemand sie bemerkte.



Sie mussten für mehrere Stunden in ihrem unbequemen Versteck ausharren, bis die Kämpfer mit dem Beseitigen der Unterlegenen sowie dem Plündern derselben und dem Absuchen des Kampfschauplatzes fertig waren. Dann endlich zogen sie ab.
„Ich glaube, wir können uns jetzt herauswagen.“ Mit etwas mehr Zuversicht kroch sie jetzt heraus und sah sich um.
Viel war nicht mehr vom Kampf zu sehen, ausser einigen Kleidungsfetzen und kaputten Waf-fen. Den qualmenden Haufen am Rande der Lichtung umging Sween mit einigem Respekt-abstand und einer grossen Portion Ekel, bis sie auf einen grossen Haufen frisch aufgeschüt-teter Erde stiess, an dessen Fuss fein säuberlich Helme, Schilder und mehrere Exemplare ein-er Art Schwertwaffe aufgereiht waren.
„Ich kenne das,“ erklärte Merven, „das ist ein Hügelgrab, in dem sie ihre gefallenen Krieger bestattet haben. Die Beigaben hier sollen ihnen im nächsten Leben dienen.“
„Ich wusste gar nicht, dass du dich auch für Anthropologie interessierst,“ merkte sie an.
Er hob nur die Schultern. „Und da hast du auch völlig recht. Es war der gute Enian, den die-ses Thema brennend interessierte und der jede greifbare Publikation darüber verschlungen hat.“
„Dein Wissen über solche alten Völker und Kulturen kann uns noch von Nutzen sein, Mer-ven. Bitte richte Soares einen Gruss von mir aus und danke ihm dafür, dass er sich dieses gan-ze Zeug gemerkt hat.“ Kaum hatte sie den Satz beendet, da merkte sie schon, dass das ein Fehler gewesen war, als er wie angewurzelt stehenblieb und sie anstarrte.
„Ist das die Art, wie du über meinen Symbionten denkst? Hör mal, Shania, ich stehe hier als Merven und als Soares vor dir, als vereinigtes Wesen. Ich dachte, du hast die Trill-Natur ak-zeptiert, aber offenbar hast du noch einiges an Nachholbedarf, was das angeht.“ Er war sicht-lich entrüstet über ihren laxen Kommentar.
Sie lenkte gleich ein: „Es tut mir leid, Merven, ich wollte dich nicht verletzen. Natürlich weiss ich, was dein Symbiont für dich bedeutet. Es war nicht meine Absicht, deine Ver-bindung mit ihm abzuwerten. Okay?“
Als sie ihm ein versöhnliches Bussi gab, nahm er ihre Entschuldigung an, wenn auch nur zö-gerlich. „Nun gut, lass uns das vergessen. Wir wollen doch später einmal sagen können, dass wir einen guten Start hier hatten, oder?“
Sie nickte und sah dann etwas in ihrem Augenwinkel hinter ihm. Leise und mit erschrockener Miene sagte sie: „Merven, da ist etwas im Gebüsch hinter dir. Beweg’ dich nicht.“
Sie ging langsam um ihn herum und bewegte sich vorsichtig auf die Stelle zu, wo sich das un-bekannte Wesen verbarg. Als sie noch etwa zehn Meter entfernt war, sprang plötzlich ein gro-teskes, zwergenhaftes Wesen auf, schleuderte blitzschnell einen Stein auf sie und war ebenso-rasch wieder in seiner Deckung verschwunden. Nur durch ihre übermenschlichen Reflexe konnte sie sich schnell genug ducken; sie spürte sogar, wie das Wurfgeschoss ihre Haare streifte. Merven schrie überrascht auf, als der Stein auch an seinem Kopf nur eine Handbreit vorbeiflog.

Dween sprang wieder auf und spurtete zu dem Gebüsch, in dem sich der kleine Humanoide verbarg. Dieser suchte daraufhin sein Heil in der Flucht, kam aber mit seinen kurzen Bein-chen nicht weit. Er wollte wegspringen und wie ein Hase einen Haken schlagen, aber Dween hechtete und bekam ihn an seinem nackten Fuss zu fassen. Während sie beide der Länge nach auf den Waldboden plumpsten, registrierte sie am Rande, dass seine Fusssohle eine dicke, fast lederartige Hornhaut besass und die Oberseite der Füsse stark behaart war. Dieses eigentlich putzig anzusehende Wesen brauchte nie Schuhe zu tragen, soviel war sicher.
„He, ganz ruhig, ich tu’ dir nichts,“ redete sie mit beruhigender Stimme und schwachem Lächeln auf den kleinen Kerl ein. Er sah sie aus grossen Knopfaugen und mit ängstlicher Miene an. Es war dies offensichtlich ein weiterer menschlicher Metatyp, jedoch nur etwa einen Meter gross, nicht sehr kräftig gebaut und mit zotteligem Haupthaar sowie einem leicht einfältig wirkenden Pfannkuchengesicht, wenn auch eindeutig empfindungsfähig. Zudem trug er einfache Kleidung, ein Wams und eine Hose aus grob gewebten Stoffen.
Er redete aufgeregt vor sich hin, sodass ihr Universaltranslator schnell imstande war, eine Übersetzungsmatrix zu erstellen. Merven war an sie herangetreten, hielt sich jedoch im Hin-tergrund, um den kleinen Kerl nicht zusätzlich zu verunsichern. Sie versuchte es nun: „Na, warum bist du denn so ausser Rand und Band?“
„Wegen den Orks. Sie haben meinen Kameraden und mich entführt. Gefesselt, geschlagen und mehrere Tage lang durch die Lande verschleppt haben sie uns, jawohl.“ Er war ganz auf-gebracht.
„Orks? Sind das diese grossen, hässlichen Kerle?“ fragte sie neugierig.
„Ja, wir konnten uns gerade von ihnen wegschleichen, weil sie von berittetenen Truppen der Steppe umzingelt und angegriffen wurden. Aber mein Freund und ich wurden getrennt. Ich muss ihn unbedingt wiederfinden. Ihr steht doch hoffentlich nicht im Dienste von Mordor?“
„Nein, durchaus nicht. Und ich glaube sogar, ich kann dir helfen, deinen Freund zu finden. Ist er von deiner Art? Ja? Gut, ich werde dich schnell mit diesem Gerät untersuchen und deine Werte einscannen, dann werden wir gleich wissen, ob noch einer von der Sorte hier herumirrt. Diese Orks hatten übrigens kein Glück; die Reiter haben sie restlos umgebracht. Nun aber zu dir. Wieso wolltest du mich eigentlich mit einem Stein niederstrecken?“ Dween nahm ihren Tricorder hervor und scannte den Halbling, der den Prozess neugierig verfolgte.
„Ich dachte, wer so mit den Orks verfährt, der wird auch mit meinesgleichen nicht lange... oh!“ Sie sah auf, als er sich unterbrach und bemerkte, dass er mit grossen runden Augen ihr spitzes Ohr anstarrte, das unter ihrem Haar hervorlugte, weil sie sich über die Anzeige des Tricorders gebeugt hatte.
Urplötzlich senkte er sich auf ein Knie, nahm ihre Hand in die seinen und küsste sie mit ehr-erbietend gesenktem Haupt. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass Ihr eine Elbe seid. Bitte verzeiht mir den Angriff vorhin, ich habe wie ein dummes Tier gehandelt, dass man in die Enge ge-trieben hat. Sagt, oh Herrin, kommt Ihr aus Lothlorien? Ich war kürzlich dort, wo es mir aus-gezeichnet gefallen hat.“
„Nein, nicht direkt. Aber... du sagst, du hast Menschen meiner Art gesehen, Vulcanier?“ Un-gläubig sah sie ihn an.
„Nun, mein Volk und die Völker von Mittelerde nennen sie Elben, aber sie sind eindeutig von Eurer Art, gross, schlank und anmutig in ihren Bewegungen, mit spitzen Ohren, wie ihr sie besitzt,“ erzählte das Wesen begeistert.
Während Dween die Umgebung nach Lebenszeichen absuchte, die den Spezifikationen des kleinen Kerlchens entsprachen, sagte sie über die Schulter: „Hast du gehört, Merven? Auf die-ser Welt leben Vulcanier! Also besteht noch Hoffnung für uns. Kannst du mir sagen, wo die-ses Lothlorien liegt?“
„Natürlich, es ist der Silberwald, etwa zehn Tagesmärsche nördlich von hier, am Laufe des Silberflusses.“
„Prima, denen werden wir sicher bald einmal einen Besuch abstatten. He, ich habe deinen Freund entdeckt. Er ist fast zwei km nordöstlich von hier, bewegt sich aber weg von uns. Du wirst dich ganz schön beeilen müssen, wenn du ihn einholen willst. Versprich mir aber, dass du niemandem von unserer Begegnung erzählen wirst.“ Sie zeigte in die angezeigte Richtung und klappte dann den Tricorder wieder zu.
„Ich gelobe es hiermit. Wenn die Königin selbst Euch in geheimem Auftrag ausgesandt hat, dann verstehe ich eure Diskretion. Lebet wohl dann.“ Dankbar verbeugte sich die zwergen-hafte Gestalt und eilte von dannen.
Merven trat nun zu seiner Freundin heran. „Was für ein seltsamer kleiner Kerl. Wir haben ihn nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Und die Namen, die er benutzt hat, kommen mir irgendwie bekannt vor, ich komme aber nicht dahinter, woher. Er hat Steppenreiter und Orks erwähnt... und wie hat er dich genannt? Eine Elfe?“
„Ich glaube, er nannte mich Elbe. Sagt mir alles nichts. Es gibt zwar einen kleineren Fluss auf der Erde, der so heisst, aber das ist wohl nur Zufall. Von einem Lothlorien oder Mordor habe ich auch noch nie gehört.“ Sie zuckte mit den Achseln.
Er sah sich um. „Es beginnt bereits wieder zu dämmern. wollen wir nicht lieber zusehen, dass wir vor Einbruch der Nacht zum Lifepod zurückkommen? Ich für meinen Teil muss das heute erlebte erst einmal verarbeiten.“
„Da ist was dran,“ stimmte sie zu. „Warum müssen wir ausgerechnet auf einer Welt landen, auf der es mehrere humanoide Metatypen gibt, die sich auch noch gegenseitig bekriegen? Wo sind wir da nur gelandet?“
„Ich habe allmählich den Eindruck, das hier ist so eine Art Spiegeluniversum oder Phantasie-welt. Es wirkt vieles so absurd hier. Oh Mann, ich habe einen Hunger...“ Er wandte sich un-willkürlich in Richtung Rettungsboot.
„Gehen wir zurück,“ stimmte sie zu. „Wir können morgen noch überlegen, ob und wann wir dieses Lothlorien aufsuchen wollen.“



Die Fairchild war in das Dockgerüst eingespannt und wurde gerade an mehreren Stellen gleichzeitig wieder zusammengeflickt, wobei sich der Hüllenbruch in der Untertassensektion als besonders schwerwiegend erwies. Allein der Tatsache, dass das Schiff nur mit der Stamm-crew im Kriegseinsatz flog und die, dass so viele auf der letzten Mission ihr Leben verloren hatten beziehungsweise als Verletzte auf der Aldebaran im Lazarett zur Sternenbasis 72 ge-flogen worden waren, war es zu verdanken, dass bei diesem Treffer nicht noch mehr Leute gestorben waren.
Zuviele waren schon gestorben.
Er sass am Aussichtsfenster des Restaurants und sah durch die Scheibe auf die elegante, lang-gestreckte Silhouette seines Schiffes. Ein Stück weit entfernt, im abgelegenen Bereich der Werft, war noch immer ein extrem grosser Raum durch Sichtblenden abgeteilt, wie bereits zu der Zeit, als er das Kommando über die neu erbaute Fairchild hier übernommen hatte. Noch immer hatte er keine Ahnung, was dort gebaut wurde, doch ihm war aufgefallen, dass zur Zeit viele Sternenflotten-Angehörige eingeflogen waren, die seines Wissens nach auf kein Schiff der Siebten flotte versetzt worden waren. Ausserdem hatte er einige klingonische Wissen-schaftler gesehen, wobei diese sogar im klingonischen Reich eine Seltenheit waren, wie er sich mit innerer Belustigung sagte. Nun, vielleicht halfen sie ja in der einen oder anderen Weise bei der Entwicklung dessen, was immer sich auch hinter diesem Top-Secret-Bereich verbergen mochte.
Dann sah er wieder über den Tisch zu Leardini hinüber und lächelte glücklich bei ihrem An-blick. Das schicke rote Abendkleid stand ihr hervorragend. Er war mit seinem traditionellen dunklen Anzug fast schon zu schlicht gekleidet für diesen Anlass.
Das Kerzenlicht auf dem Tisch spiegelte sich in ihren dunklen Augen, als sie fragte: „Wann wollen wir es ihnen sagen?“
„Meinst du unsere Eltern? Ich weiss nicht so recht, ob der Zeitpunkt passend ist...“
Sie stutzte: „Hast du etwa Bedenken?“
„Nein, unsere Verlobung ist etwas Wundervolles. Es kommt nur alles so schnell, und wenn ich das schon sage, was meinst du, wie meine Eltern dann davon überrascht werden?“ Er nahm ihre Hand und hielt sie einfach.
Sie lächelte noch schelmischer: „Nun, unser ‘kleiner Unfall’ hat uns ja die Entscheidung quasi abgenommen, auch wenn es mir nichts ausgemacht hätte, wenn wir beschlossen hätten, unser Kind ohne offizielle eheliche Bindung grosszuziehen. Nur ist es so sicherer, dass uns die Sternenflotte nicht auseinanderdividieren kann. Und ich bin doch sooo romantisch.“
Er seufzte: „Ich sehe schon, wir werden die Holosuite in jeder freien Minute belegen müssen, für die Hochzeit ganz in weiss...“
Sie ergänzte schnell: „Im Mailänder Dom. Und Flitterwochen inclusive Gondelfahrt in Vene-dig. Den Rest können wir von mir aus zwischen Italien und Neuseeland aufteilen.“
„Da haben wir ja einiges vor uns.“ Er musste lachen und küsste sie über den Tisch hinweg just in dem Moment, als der Kellner mit zwei PADDs kam, auf denen die Speisekarten verzeichnet waren.



Dween wurde vor Merven wach und schlüpfte behutsam aus dem Bett, zu dem sie drei umge-klappte Sitzlehnen umfunktioniert hatten. Nachdem sie die Aussentemperatur abgefragt hatte, beschloss sie, mit dem Ankleiden noch bis nach der Morgentoilette zu warten. Wer sollte sie in dieser verlassenen Waldgegend auch beim Waschen stören?
Vorsicht, schalt sie sich selbst beim Verlassen ihrer schützenden Behausung, so verlassen ist diese Gegend auch wieder nicht, wie der gestrige Tag gezeigt hat. Hier lauern vielleicht mehr Gefahren, als uns lieb ist.
Sie lief zum nahegelegenen Bach, den sie gestern auf dem Rückweg noch entdeckt hatten und führte ihre Katzenwäsche durch. Gerade tauchte sie nochmals beide Hände ins kühle, klare Wasser und wusch sich ihr Gesicht, als sich am entgegengesetzten Bachufer etwas zwischen den langen Grashalmen und Farnen regte. Sie erstarrte und machte grosse Augen.
Das musste sie träumen.
Hinter einem grossen dickstämmigen Pilz lugte ein nicht einmal kniehohes Männchen hervor. Er hatte dunkelblaue Haut und war tatsächlich bekleidet mit einer weissen Hose und einer weissen Zipfelmütze, deren Spitze sich nach vorne neigte. Sie überlegte kurz und beschloss, sich nichts anmerken zu lassen. Das musste einfach der Stress sein, dem sie hier augesetzt war. Um sicherzugehen, dass sie nicht träumte, klatschte sie sich nochmals zwei Handvoll Wasser ins Gesicht, aber der drollige kleine Wicht kauerte noch immer hinter seinem ver-meintlichen Versteck.
Dieses Wesen, so dümmlich sein runder, haarloser Kopf mit der grotesken Kopfbedeckung auch wirkte, musste doch eine gewisse Intelligenz besitzen, denn er trug unverkennbar Klei-dung und bei der auffälligen blauen Färbung seiner Haut wäre er ohne Klugheit bestimmt bald irgendwelchen natürlichen Feinden zum Opfer gefallen. Warum blaue Haut? Vielleicht eine entfernte verkümmerte Abart der Bolianer? Vom Aussehen her wäre das gar nicht so unwahr-scheinlich.
„Hallo, kleiner Freund,“ sagte sie lächelnd.
Mit einem fiepsigen Aufschrei rannte der Kobold davon und versteckte sich in einem hohlen Baumstamm. Als er Fersengeld gab, bemerkte sie ein kleines rundes Pummelschwänzchen, das aus einer Aussparung seiner Hose hinten herauslugte. Äusserst skurril, das Ganze. Dween kniete noch immer wie vom Donner gerührt am Bachufer und starrte vor sich hin.
Das war zu viel so früh am Morgen.
Benommen trottete sie zurück zur Rettungskapsel und zog sich an, wobei Merven wachwurde und sie begrüsste.
„Ich könnte dir jetzt etwas erzählen, aber du würdest mich ja doch nur auslachen.“
Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich bin offen für alles.“
„Ich habe vorhin am Bach ein kleines humanoides Wesen gesehen, mit blauer Haut und so gross.“ Mit beinahe verschämter Miene zeigte sie ihm mit ausgestreckten übereinanderge-haltenen Händen das ungefähre Mass des blauen Gnomes. Merven hörte mit ernster Miene ihrer Beschreibung des Vorfalles zu und begann dann schallend zu lachen.
„He, das ist unfair! Du hast gesagt, du...“
„Bitte entschuldige, ich habe mir nur dein Gesicht vorgestellt, als du diesen Wicht erblickt hast. Das muss zu köstlich gewesen sein.“ Er wischte sich eine Lachträne aus dem Augen-winkel.
„Diese Welt ist voller seltsamer Wesen. Und dieser furchtbare Vulkan spuckt dauernd Feuer und Aschewolken. Der gesamte östliche Horizont ist ständig verfinstert, heute Nacht hat die Erde wieder gebebt... allmählich komme ich mir vor wie in einem psychotischen Traum oder Alptraum.“ Sie wirkte verzweifelt und war den Tränen nahe. „Und hier sollen wir unter Um-ständen den Rest unseres Lebens verbringen? Ich weiss nicht, ob ich das aushalten werde.“
Er nahm sie tröstend in die Arme und drückte sie an sich. „Nana, so schlimm wird es schon nicht werden. wir haben ja einander und bald ist sowieso alles vorbei.“
„Wie meinst du das?“ fragte sie, plötzlich hellhörig geworden.
Er schien auf einmal verlegen. „Ach weisst du, während du am Bach warst, habe ich Kontakt bekommen...“
Sie riss die Augen auf, als im gleichen Moment eine Botschaft ankam. „Kall an Merven. Sind sie endlich soweit? Wir können nicht ewig auf sie warten!“
„Commander Kall! Gott sei Dank, Sie leben! Und Sie haben einen Weg gefunden, um uns zu finden. Ist die Fairchild hier im Orbit um diese Welt? Wir können unser Positionssignal verstärken, dann können Sie uns besser lokalisieren und hinaufbeamen. Dies ist ein höchst interessanter Planet; wir haben bereits mehrere humanoide Spezies getroffen und...“
Sie brach verwirrt ab, als Merven ihr mit heftig schüttelndem Kopf und fuchtelnden Händen signalisierte, mit ihrem Redeschwall aufzuhören. Kalls Stimme erklang nun ein wenig ungnädig: „Was ist denn mit Ihnen los, Mrs. Dween? Sie haben wohl ein Holodecktrauma erlitten. Ich habe gerade eben Ihrem Freund schon gesagt, wenn er nicht gleich das Programm beendet und Sie beide sich nicht auf den Transporter zur Raumwerft beamen lassen, können Sie was erleben. Seit zwei Tagen blockieren Sie nun das Holodeck...“
„Waaas? Aber wir haben doch Schiffsbruch erlitten, als die Aldebaran angegriffen wurde und wir durch diese Subraumspalte...“
Merven sah sie mit bedauernder Miene an und sagte dann zu ihrer kompletten Konfusion: „Computer, das Programm jetzt beenden.“
Um sie herum verschwamm die Welt und löste sich auf, nur das gelbe Hologitter auf schwar-zem Hintergrund blieb übrig, abgesehen von ihrer grün-violetten Comichelden-Uniform, die am Boden lag. Sie drehte sich im Kreis, splitternackt wie sie war. „Das alles war nur ein Holoprogramm...?“
Dann verdrehte sie die Augen und sackte zusammen. Merven wurde von ihrer Reaktion über-rumpelt und konnte sie nicht mehr erreichen, bevor sie zu Boden fiel. „Shania! Merven an Krankenstation, medizinischer Notfall, wahrscheinlich Schock aufgrund von sensorischer Überlastung des Nervensystems.“
Das hatte er nicht eingeplant.



„Wie geht es ihr, Doktor?“ wollte Merven besorgt wissen.
Chefarzt Stern liess ihn nur in den Eingangsbereich der Krankenstation. „Sie hat einen Ner-venschock erlitten und braucht in nächster Zeit Ruhe. Wir werden sie direkt von hier aus in die Krankenstation des Truppentransporters beamen, der Sie zur Fairchild bringen wird. Wenn sie helfen wollen, dann sorgen sie lieber dafür, dass ihr beider Gepäck ebenfalls trans-feriert wird.“
Merven wollte sich nicht abwimmeln lassen. „Hören Sie, ich will doch nur einen kurzen Blick auf sie werfen und sehen, ob...“
„Wenn Sie nicht sofort die Station verlassen, rufe ich die Sicherheit, haben Sie verstanden, Mr. Soares? Ich mache keine Scherze.“ Doc Sterns gestrenge Miene zeigte ihm, dass er es wirklich ernst machte.
„Schon gut, schon gut, ich bin schon weg. Ein schönes Jahr wünsche ich noch.“ Ärgerlich über die Zurückweisung verliess er den Sanitätsbereich. Was konnte nur mit ihr geschehen sein?
Er wollte am liebsten zurückstürmen und sich mit Gewalt am Arzt vorbei einen Weg zu ihr bahnen. Der alte Mann in ihm riet ihm aber, sich erst einmal zu beruhigen und ihr Gepäck zusammenzupacken.
Also dann, in solchen Situationen hatte Enian immer einen kühlen Kopf behalten, weshalb er beschloss, seiner Absicht zu folgen. Wie er es bereute, sie in dieses Holodeck-im-Holodeck-Programm eingeschleust zu haben! Nun gut, diesen Aufenthalt auf der Aldebaran würde er sicher nicht so schnell vergessen. Jetzt war er beinahe schon froh, dieses Schiff zu verlassen, auf dem er doch beinahe ein Jahr lang gedient hatte.



Kaum hatte sich Merven an Bord des Truppentransporters rematerialisiert, da eilte er bereits auf die dortige Krankenstation. Jedoch wurde er auch hier bereits am Eingang abgefangen. Der Chefarzt war ein hünenhafter Humanoide mit blondem, kurzrasierten Haar, stechenden blauen Augen und einem kantigen, harten Gesicht. Er streckte gebieterisch die Hand vor und sagte herrisch: „Wo wollen Sie denn hin, bitte?“
„Zu Lieutenant Dween. Sie müsste bei Ihnen per Direkttransport eingetroffen sein. Kann ich sie sehen?“
„Aha, Sie sind also der nervige kleine Trill, vor dem mich mein verehrter Kollege gewarnt hat. Was glauben Sie denn, kann sich an ihrem Zustand verändert haben in der letzten Viertel-stunde? Natürlich können Sie sie noch nicht sehen. Mrs. Dween braucht dringend Ruhe.“ Der Arzt stemmte die Hände in die Hüften und musterte Merven ungnädig.
„Dann seien Sie bitte so freundlich und informieren mich, sobald sich ihr Zustand ändert,“ stammelte Merven ergeben und wandte sich zum Gehen um.
Kaum war er um die nächste Ecke gebogen, da ging er zu einem Zugriffsterminal und fragte einen Grundriss dieses Decks ab. Sehr gut, der Hauptkrankensaal hatte einen separaten Ein-gang, der im rechten Parallelgang lag. Er lief schnell um die nächste Ecke und fand die ge-suchte Tür auf Anhieb. Ungeduldig presste er auf den Einlassknopf.
Die Tür glitt zischend in ihre Versenkung in der Wand, worauf Merven rasch hineinschlüpfte. Er prallte beinahe gegen den Chefarzt, der sich im Gang direkt vor ihm mit vor der Brust ver-schränkten Armen drohend aufgebaut hatte. Mit wütender Stimme raunte er: „Für wie dumm halten Sie mich eigentlich?“
Mit schiefem Grinsen antwortete Merven: „Ich ziehe es vor, auf diese Frage nicht zu antwor-ten. Wer weiss, ob Sie nicht selbst einen weiteren Patienten aus mir machen.“
„Das hätten Sie wohl gern, Jungchen. Dann hätten Sie Ihr Ziel ja erreicht und würden bei ihr auf der Station liegen. Hören Sie zu, ich kann Ihre Sorge ja nachvollziehen, aber ich ver-sichere ihnen, dass ich Sie rufen lassen werde, wenn sich etwas tut, okay? Und jetzt trollen Sie sich.“ Er machte eine eindeutige Handbewegung zum ‘Hinterausgang’.
„Sie haben gewonnen, Doc. Hiermit füge ich mich.“ Anerkennend über die Voraussicht, mit der sein Gegenüber seinen Schritt erahnt hatte, zog der Trill sich nun zurück.
Was für ein Hüne! Wie kam der nur zu seinem Doktortitel?



Sie waren bereits anderthalb Tage unterwegs und nur noch wenige Stunden Flugzeit von der Raumwerft entfernt, als Shania aus ihrem künstlichen Beruhigungsschlaf erwachte. Sie sah sich benommen um, bis ihr wieder einfiel, was geschehen war. Sie musste den Gedanken, dass die Fairchild sie von dem unheimlichen Planeten gerettet hatte, schnell verdrängen. Der Moment, in dem sich Holophantasie und Realität vermischten, verging und sie bekam schlag-artig einen klaren Kopf. Mit einem Ruck richtete sie sich im Bett auf und löste damit eine Alarmmeldung des Überwachungssystems aus
Sie sah nun all die anderen Betten in halb in die Wand eingelassenen Nischen und die leicht gedämpfte Beleuchtung, als ein Sanitäter auf sie zukam. Ohne Umschweife fragte sie: „Wo bin ich hier? Und was ist geschehen?“
„Ganz ruhig; Counselor, Sie sind auf der Krankenstation der U.S.S. Belinda. Sie haben einen Holoschock erlitten, sodass wir sie in künstlichen Schlaf versetzt hatten.“
„Die Belinda? Das ist der Name eines Uranusmondes, demnach ist das hier ein Truppentrans-porter; alle Schiffe, die nach Monden des Sol-Systems und des Alpha-Centauri-Systems benannt sind, sind Truppentransporter.“ Sie stöhnte leise und sank wieder auf ihre Liege zu-rück.
„Schön zu sehen, dass Sie offenbar wieder bei vollem Bewustsein und Verstand sind. Der Doc hatte recht mit seiner guten Prognose. Übrigens gibt es dauernd Anfragen von einem Lieutenant Commander Soares, wie Ihr Zustand sei. Soll ich ihm Bescheid geben, dass Sie aufgewacht sind?“ Fragend sah der Sanitäter sie an und ergänzte: „Sofern der Chefarzt es ge-stattet, versteht sich.“
„Merven...“ flüsterte sie bei sich und sah dann auf. „Sagen Sie ihm ruhig Bescheid.“
Bestätigend nickte der Pfleger und entfernte sich vom Medo-Bett, eine nachdenkliche Dween zurücklassend.



Dieses Schiff musste entwerder sehr klein sein, oder er war Hals über Kopf hierhergestürzt, dachte Dween, als keine zwei Minuten später ein hochgradig aufgeregter Merven die Station betrat und vom hochgewachsenen Chefarzt wiederholt zur Ruhe ermahnt wurde, bevor er zu ihr ans Bett treten durfte.
Sie verfolgte die Debatte aufmerksam, bis er sich schliesslich langsam näherte und sie mit schuldbewusster Miene ansah. Mit gedämpfter Stimme fragte er: „Wie geht es dir, Shania?“
Sie lächelte matt. „Ich fühle mich prima. Weiss gar nicht, warum die mich noch hierbehal-ten.“
„Oh Schatz, es tut mir so leid! Wenn ich gewusst hätte, dass das so ausgeht, hätte ich nie... wie kann ich das nur wieder gutmachen?“ Er senkte seinen Blick.
„Merven...“ Beim Klang ihrer Stimme sah er wieder auf und sah ihr mit gefasster Miene tief in die Augen.
„Das war das Einzigartigste, was ich je gesehen habe. Du hast eine so perfekte Illusion ge-schaffen, dass mir keinen Moment lang der Gedanke gekommen ist, dass das nicht real sein könnte.“ Sie verdrehte die Augen. „Obwohl mir nach den albernen Figuren, mit der du deine kleine Welt vollgepackt hast, eigentlich ein Verdacht hätte kommen müssen.“
Sein Unterkiefer klappte herab: „Du meinst, du verzeihst mir?“
„Was heisst hier verzeihen?“ Sie lächelte erneut. „He, für einen Holodeck-Freak wie mich war das doch die ultimative Erfahrung. Wie könnte man das noch übertreffen? Ich muss wohl den Hut vor dir ziehen, so wie es aussieht. Du bist hiermit der offizielle Meister des Holo-romans. Allein die Stelle, wo du den Alarm während unseres ursprünglichen Programmes eingebaut hast, wie wir dann das Deck verlassen haben und mit der Fluchtkapsel... wie hast du das nur hinbekommen?“
„Ich... ich habe eine ganz bestimmte Formulierung eingebaut und bestimmt höflich um das Ende des Programmes sowie den Ausgang gebeten. Dadurch wurde das eigentliche Programm übergangslos gestartet...“ Er musste sich gegen die Wand ihrer Nische lehnen. „Du weisst ja gar nicht, wie glücklich du mich machst. Ich hatte schon Angst, du würdest kein Wort mehr mit mir reden wollen.“
Mit zuckersüssem Lächeln erwiderte sie: „Aber nein, wir sind schliesslich beide Führungs-offiziere auf einem tollen Schiff. Und nur weil unsere persönliche Beziehung nun endet, muss das nicht heissen, dass wir nicht gesellschaftlich normal verkehren können.“
Während ihres letzten Satzes rutschte seine fröhliche Miene langsam aus seinem Gesicht zu Boden und blieb dort liegen. „Was... was meinst du damit?“
Ihre Miene wurde nun ernst. „Wie schlecht ist Ihr Gehör denn nun, Lieutenant Commander Soares? Ich glaube, die Besuchszeit ist vorbei. Ich sehe Sie dann an Bord der Fairchild bei der nächsten Lagebesprechung.“
Und damit drehte sie sich von ihm weg und zog ihre Decke ein Stück hinauf.
Für Merven brach eine Welt zusammen. Er öffnete den Mund, nur um ihn sprachlos wieder zu schliessen. Mit gesenktem Kopf trottete er aus der Station hinaus. Zu Beginn des Ge-spräches war er auf alles vorbereitet gewesen, doch sie hatte ihn zunächst in Sicherheit ge-wogen und ihm dann, nachdem er seine Schilde gesenkt hatte, die volle Breitseite verpasst, so dass es ihn mit ganzer Wucht getroffen hatte, als er am wenigsten damit gerechnet hatte.
Naja, dachte er trübselig, vielleicht hatte er gar nichts besseres verdient gehabt.



Die Fairchild war bereits aus dem Dock herausmanövriert worden und bereit zum Abflug, als der letzte Transporter mit Personal ankam. Sie hatten die Verluste an Bord nicht ganz durch neues Personal ersetzen können, aber das war in den letzten Kriegswochen nie mehr der Fall gewesen; die Verluste der Sternenflotte waren einfach zu hoch.
Leardini hatte gerade das Kommando über die Brücke, als Dween vorbeischaute. Die Com-mander begrüsste sie erfreut: „Hallo, Counselor, wie ist es ihnen ergangen? Haben Sie sich auch gut erholt?“
„Wenn Sie wüssten!“ Dween winkte ab. „Das ist eine wirklich lange Geschichte, aber ich denke, ich werde sie Ihnen schon bald erzählen, wenn wir einmal Zeit haben. Und bei Ihnen alles klar?“
„Wir hatten ein Gefecht mit einer Dreierstaffel Angriffsschiffe der Jem’hadar, aber davon ab-gesehen war alles ruhig. Sie hätten es wahrscheinlich ruhiger gehabt, wenn Sie an Bord ge-blieben wären.“
„Oh ja, da haben Sie garantiert recht. Es sei denn, ich wäre gerade in meinem Quartier gewe-sen, als es vaporisiert worden ist. Ich habe den Verlust von einigen Dingen zu beklagen, die einen hohen persönlichen Wert für mich hatten. Eine Glückssträhne kann man das nicht gerade bezeichnen, was ich zur Zeit durchlebe.“ Mit säuerlicher Miene liess sie sich auf ihrem Sessel nieder. Im selben Moment kam Merven mit dem nächsten Turbolift an und schlich mit der Körperhaltung eines geprügelten Targs grusslos auf seine Station.
Leardini beobachtete das ganze verständnislos und und sah dann fragend zu Dween. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Ist wohl nicht sein Tag heute.“
„Shania, ich bin zwar keine hauptberufliche Counselor, aber...“
Dween sah sich um. „Begleiten Sie mich einen Moment in die Beobachtungslounge? Ich möchte nicht hier in aller Öffentlichkeit darüber sprechen.“
Mit ratloser Miene nickte Leardini und sah sich auf der Brücke um.
Mist.
Aber wenn es gerade keine andere Möglichkeit gab... ergeben hob Leardini die Stimme. „Mr. Soares, Sie haben die Brücke. Ich bin in einer kurzen Besprechung.“
Merven sah auf und erhob sich dann von seinem Sessel an der Navigation, worauf sich ein be-reitstehender Offizier als Ersatz an seine Station begab. Als er zum Kapitänssessel ging, trafen sich seine und Dweens Blicke.
„Guten Tag, Mr. Soares,“ grüsste Dween formell und ging dann voran nach hinten zum Ein-gang des Besprechungsraumes, gefolgt von der Ersten Offizierin, über deren Kopf ein grosses Fragezeichen zu schweben schien.
Unruhig rutschte Merven auf dem Sitz hin und her. Was hatten die beiden nur zu besprechen? Seit der Zeit, als sie gemeinsam auf Tiragoni V festgesessen hatten, verstanden sie sich ziem-lich gut. Er musste wohl davon ausgehen, dass Dween ihr alles erzählen würde. Was das für Konsequenzen haben mochte, wusste er nicht. Schliesslich war das eine rein private Ange-legenheit zwischen ihnen. Und Shania benahm sich, vermutlich dank ihrer vulcanischen Hälf-te, ihm gegenüber distanziert, aber keineswegs feindselig oder in anderer Hinsicht negativ. Ein Teil von ihm wünschte sich fast, dass sie emotioneller reagieren würde, auch wenn das für ihn in mancher Hinsicht unangenehmer sein würde. Aber so machte es alles nur noch schwerer für ihn. Er hatte ihren so überraschend vollzogenen Bruch noch nicht verkraftet, ge-schweige denn überhaupt verstanden, was eigentlich geschehen war.
Zum Glück erschien jetzt Darrn, dem er bereitwillig das Kommando über das Schiff überliess und den Abflug weiter überwachen konnte.
Sein Glück hielt nicht lange. Nur wenige Minuten darauf erklang eine Meldung von Leardini: „Mr. Soares, bitte begeben Sie sich in die Beobachtungslounge.“
Er erstarrte kurz und erhob sich dann mechanisch. Was kam jetzt? Wie schlimm konnte das noch werden? Als er den Eingang erreichte, öffnete sich dieser und Dween trat heraus. Sie lächelte ihn höflich an, doch in ihren Augen war ein undefinierbares Glitzern.
Hinter ihm schloss sich die Tür wieder, während er die wenigen Stufen auf die Ebene des nach hinten gerichteten Konferenzraumes hinabschritt. Leardini sass unten an dem langgezo-genen Tisch auf ihrem üblichen Platz und hatte die Hände mit gespreizten und gegenein-andergelegten Fingerspitzen mit auf den Tisch gestützten Ellenbogen vor sich plaziert. Es sah so aus, als fechte sie gerade einen inneren Kampf aus und überlege, wie sie beginnen sollte.
„Setzen Sie sich, Merven.“
„Commander?“ Gehorsam und gespannt liess er sich ihr gegenüber nieder. Er musste gerade daran denken, dass sie eine Zeitlang als Ausbilderin tätig geworden war und demnach eine antrainierte Fähigkeit zum Durchgreifen und zum Disziplinieren von Leuten besass, die nie-mand dieser relativ zart und feminin wirkenden Person zutraute.
Bedächtig fing sie ihr Gespräch an: „Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Nein, lassen Sie mich anders beginnen. Wie lange kennen Sie und Shania sich schon? Soweit ich weiss, sind Sie beide im Handumdrehen nach ihrer ersten Begegnung ein Paar geworden, was heutzutage, gelinde gesagt, höchst aussergewöhnlich ist. Es freut mich auch zu sehen, wie gut Ihre Bezie-hung im allgemeinen funktioniert und wie gut Sie harmonieren. Aber es gibt da einen Aspekt Ihrer Partnerschaft, auf den ich eingehen möchte.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, es liegt mir fern, mich in Beziehungen zwischen zwei Untergebenen einzumischen, sofern sie Berufliches und Privates auseinanderhalten können, was Sie bislang stets vortrefflich meistern konnten. Aber dennoch gibt es da etwas, was mich beunruhigt. Ihnen beiden fehlt offenbar irgendetwas, vielleicht aufgrund Ihres Alters, eine ge-setzte, ruhige Komponente, die Sie wohl mit Ihren wilden Holodeck-Abenteuern auszu-gleichen versuchen. Ich meine, bei Ihnen hatte ich schon vorher den Verdacht, dass Sie eine leichte Form der Holodeck-Sucht haben, was sich allerdings nie negativ auf Ihre Leistungen im Dienst oder Ihr allgemeines Betragen ausgewirkt hat, weshalb ich stets darüber hinweg-gesehen habe. Und zwar in einer Form, die für mich in meinem Aufgabenbereich als Erster Offizier schon fast Vernachlässigung meiner Dienstpflicht nahekommt. Sie verstehen mich?“ Mit strengem Blick fixierte sie den jungen Trill.
„Jawohl, Sir, voll und ganz.“
Leardini ignorierte seinen Ausspruch. „Und dann taucht da diese Frau auf, halb Alpha Cen-taure, halb Vulcanier, und es ist um Sie geschehen. Zu allem Überfluss teilt Dween auch noch Ihre Vorliebe, ich will gar nicht wissen, in welch groteskem Mass, was für Sie sicher perfekt sein muss. Selbst die Weisheit Ihres Symbionten kann nicht verhindern, dass Sie beide sich in einen albernen, spätpubertären Wettstreit verrennen. Mir fehlen die Worte, um das, was Sie auf dem Holodeck miteinander treiben, zu umschreiben... wie wäre es mit: ‘Wer kann den anderen mit seinem Programm mehr in Angst und Schrecken versetzen?’ Offenbar grenzen diese Ausschweifungen bereits an krankhaftes Verhalten, aber dummerweise ist die Schiffs-counselor eben auch dabei, was es schwer macht, Sie therapieren zu lassen.
Und jetzt haben Sie den Vogel abgeschossen, wie ein schönes italienisches Sprichwort sagt, und Sie beide zwei Tage lang in einer Simulation nach dem soweit ich weiss untersagten Schema ‘Holodeck im Holodeck’ eingesperrt, wobei Dween die ganze Zeit offenbar keine Ahnung davon hatte, was da mit ihr geschah. Nach ihrer Schilderung haben Sie während ein-es anderen Programmes einen Angriff auf die Aldebaran simuliert, das Verlassen des Holo-decks, die Flucht vom Schiff in einer Rettungskapsel und den Sturz in eine Subraumspalte. Mein Gott, Merven, ihre Freundin war zeitweise davon überzeugt, dass Sie beide tot und in einer anderen Bewusstseinsebene angelangt waren! Ist das noch Spass für Sie?“ Mit zorniger Miene hieb sie ihre Faust auf den Tisch, wobei Merven zusammenzuckte und mit schuldbe-wusstem Gesichtsausdruck den Kopf hängen liess.
„Es tut mir ja leid. Ich wollte nicht...“
Unbeirrbar und schonungslos fuhr Leardini fort: „Dann sind Sie an einem angeblich völlig unbekannten Ort, vielleicht am anderen Ende des Universums, wie Sie sich offenbar theatra-lisch ausgedrückt haben, wieder in den Raum eingetreten und auf einem Planeten notge-landet. Bei der Landung haben Sie Flugmanöver ausgeführt, deren Heftigkeit Dween zum Er-brechen gebracht haben. Zwei Tage haben Sie beide auf Ihrer kleinen Phantasiewelt ver-bracht, die so offensichtlich abgekupfert war, dass Tolkien sich jetzt noch im Grabe umdre-hen wird. Es war blosser Zufall, dass Shania nie eines seiner Meisterwerke gelesen hat, sonst wäre sie sofort diesem kindischen Schwindel auf die Spur gekommen.“
„Das stimmt, Commander. Aber die Ähnlichkeit zwischen den Elben und Vulcaniern ist mir zugute gekommen, wonach sie davon überzeugt war, dass eine Rasse von vulcanischer Her-kunft auf jener Welt lebte,“ berichtete Merven mit einer Spur Begeisterung in der Stimme.
„Sie sind wohl auch noch stolz auf Ihr Schandwerk!“ brüllte Leardini ungehalten, worauf er wieder ein Stückchen kleiner wurde. „Und was haben Sie jetzt davon? Sie sind hoffentlich zufrieden mit dem Resultat. Ein Nervenschock ist schon mehrfach aufgetreten, wenn Per-sonen aus solch einer heimtückischen Art der Simulation unvermittelt herausgerissen wurden, wussten Sie das nicht? Dachte ich’s mir doch. Vielleicht sollten Sie in Zukunft gründlicher Recherche betreiben, bevor Sie sich an solche Spielchen wagen. Ich überlege mir ernsthaft, sämtliche Programme von Ihnen einzuziehen und Ihnen jeglichen Zugriff zum Gestalten neuer Programme zu sperren.“
Als sie sein unglückliches und bestürztes Gesicht sah, grinste sie zufrieden: „So, ich denke, Shania hat erreicht, was sie wollte. Oder zumindest einen Teil dessen.“
Er horchte auf und fragte stutzig: „Wie bitte? Sie meinen...“
„Ja, ihre Freundin hat mich dafür eingespannt, Sie ein wenig ‘rund zu machen’, wie wir im Ausbilder-Fachjargon sagen. Und wie immer ist mir das vortrefflich gelungen; ich könnte Sie jetzt einen Korridor entlangrollen, wenn ich wollte.
Allerdings gibt es da noch etwas, was ich nicht bereit bin zu tun. Ich kenne Shania zwar durch unseren gemeinsamen Zwangsaufenthalt bei den Indianern von Tiragoni V sehr gut, aber Sie kenne ich erheblich länger, was es mir nicht erlaubt, in einem Interessenkonflikt zwischen Ihnen parteiisch zu werden. Ich habe Sie zwar ‘gefönt’, wie sie es von mir verlangt hat, und auch nur, weil ich der Meinung war, dass Sie es verdient haben, aber was ich nicht tun werde, ist vor Ihnen geheimzuhalten, was Sie mir erzählt hat. In dieser Hinsicht habe ich vor, nur zum Nutzen des Schiffes selbstverständlich, das Vertrauen Ihrer Freundin ein klein weinig zu hintergehen.“
„Sie meinen meiner ‘Ex-Freundin’,“ korrigierte er konsterniert.
„Und genau das ist der springende Punkt,“ erwiderte die Italienerin, „denn Dween hat nur mit Ihnen Schluss gemacht, um Ihnen eins auszuwischen. Sie liebt Sie viel zu sehr, um sich ernst-haft von Ihnen zu trennen. Jetzt wartet die Gute darauf, dass Sie nochmals reuevoll zu ihr ge-krochen kommen.“
Merven Augen schienen aus seinen Höhlen zu springen. „Sagen Sie das nochmal!“
„Ich denke gar nicht daran,“ gab Leardini spitz zurück und betrachtete ihre Fingernägel.
Sein Gesicht nahm einen hämischen Ausdruck an. „Nicht zu fassen. Diese gerissene kleine... und jetzt glaubt Sie, ich weine mir die Augen aus und rutsche auf den Knien vor ihr herum!“
„Und genau das ist es auch, was Sie tun werden!“ fügte Leardini hinzu. „Vergessen Sie das, woran Sie gerade denken, auf der Stelle, das ist ein Befehl! Keine kleinlichen Revanchen mehr.“
„Verd... können Sie Gedanken lesen?“
„Ich werde nicht umsonst ‘Numero Uno’ genannt.“ Noch immer besah sie sich mit grossem Interesse ihre Nagelspitzen. „Ihnen ist wohl nicht klar, dass ich Ihnen das nicht hätte sagen müssen? Aber ich kann jetzt unter Kriegsbedingungen keinen Steuermann brauchen, den pri-vate Probleme plagen. Sie werden demnach folgendes tun: Sie schleichen ein wenig betrübt herum, machen ihr Geschenke, bringen ihr Blumen und flehen sie - wenn möglich auf Knien - um Vergebung an, dann werden Sie ja sehen.“
„Ich soll mich vor ihr erniedrigen?“ protestierte er.
„Das ist das Mindeste, was Sie verdient haben!“ schnauzte sie ihn an und fügte süffisant hinzu: „Ausserdem brauchen wir Frauen das ab und zu.“
„Grossartig! Ich muss mich wohl auch einmal ein wenig mit dem Captain von Mann zu Mann unterhalten.“ Er grinste.
„Wenn Sie das tun, werde ich Sie eigenhändig kielholen, aber ohne Raumanzug; ich darf das. Und wenn ein einziges Wort von unserer Unterhaltung diesen Raum verlässt oder Dween auch nur ahnen sollte, was ich Ihnen gesteckt habe, geschieht das gleiche mit Ihnen, nur wer-de ich mir in diesem Fall noch ein wenig mehr Zeit lassen.“
„Wie Sie wollen, Commander.“ Er seufzte, in sein Schicksal ergeben.
„Und jetzt raus hier! Und vergessen Sie nicht so auszusehen, wie das nach der ersten Hälfte unserer kleinen Unterredung der Fall war.“ Sie grinste leicht bösartig.
„Ich werde mir Mühe geben. Und... danke, Stefania.“ Er nickte ihr zu und liess dann beim Hinausgehen wieder seine Schultern hängen.
- 5 -

„Nach fast einer Woche Liegezeit im Raumdock und umfangreichen Reparaturen sind wir endlich wieder unterwegs und nahmen den Kampf gegen das Dominion wieder auf. Nun, zumindest wenn es nach mir ginge.“ Lennard stand am Kopfende des langen Besprechungs-tisches in der Beobachtungslounge vor seiner gesamten Führungscrew und erntete von dieser nun höfliches Gelächter.
„Tatsächlich aber sind unsere neuen Order so: Patroullie entlang der Grenze zum Tyra-Sektor und Geleitschutz ankommender Flüchtlingstransporte, falls nötig auch durch Eindringen in feindlichen Raum. Ferner das Sammeln von Informationen, die vielleicht bei einer eventuel-len Entsatzmission, um einen Korridor in die abgeschnittenen Systeme hinter Tyra zu schla-gen, von Nutzen sein könnten. Noch hat die Föderation die Hoffnung nicht aufgegeben, das System wenigstens kurzzeitig zurückzuerobern, um dadurch einen sicheren Weg für Evaku-ierungsflüge zu schaffen. Solch eine Mission wird vorraussichtlich eine hohe Verlustrate fordern, doch für das Leben von vielen Millionen wehrlosen Föderationsbürgern ist man vielleicht dennoch bereit, das Risiko einzugehen.“ Lennard unterbrach seine Ausführungen, als Wenjorook eine Frage anzeigte.
„Stehen denn überhaupt genügend bewaffnete Schiffe in dieser Gegend zur Verfügung, um solch eine Mission durchführen zu können?“
Lennard seufzte. „Das ist das Groteske an der momentanen Lage: uns stehen mittlerweile ge-nügend Truppentransporter zur Verfügung, um innerhalb von zwei Tagen eine zweistellige Millionenzahl an Zivilisten auszufliegen, aber an bewaffneten Schiffen mangelt es uns noch. Die Transporter sind im umgebenden Raum so verteilt, dass sie vom Feind nicht konzentriert angegriffen werden können, aber trotzdem in wenigen Stunden im Tyra-System stehen kön-nen, um weiter zu den bedrohten Welten zu fliegen.“
„Was für uns bedeutet, wir können zur Zeit gar nichts tun,“ übersetzte Leardini seine Aus-führungen in Klartext. Er sah sie an und hob hilflos die Schultern.
„Nun ja, es... ja, es sieht so aus. Das Dominion rückt derart massiv auf allen Fronten vor, dass ihr Stillstand auf diesem Frontabschnitt höchstens eine kleine Atempause für uns bedeuten kann. Sie haben uns soeben vernichtend geschlagen und konsolidieren ihr neu erobertes Terri-torium in den benachbarten Sektoren, bevor sie hier weiterrücken. Uns verschafft das eine kurze Atempause und mit ein wenig Glück und Geschick eben besagten Schlag, der uns die Evakuierungsmission ermöglichen kann. So sieht es aus.“
„Wir zuckeln also die Grenze entlang und freuen uns des Lebens,“ schloss Merven und fügte nach einem kurzen, traurigen Seitenblick auf Dween hinzu: „Mehr oder weniger.“
„Darauf läuft es wohl hinaus,“ folgerte Wenjorook. „Gibt es ansonsten etwas Neues?“
Bedauernd schüttelte Lennard den Kopf. „Natürlich haben die Jem’hadar sämtliche Subraum-Funkrelais um das Tyra-System herum ebenfalls zerstört, sodass nichts hinaus- oder hinein-gelangt in das neueroberte Gebiet. Hier im Randgebiet zu unserem Raum werden die bei Vor-stössen des Dominion ausgeschalteten Relais nach und nach ersetzt, wodurch wir wenigstens wieder mit den näheren Starfleet-Einrichtungen wie der Sternenbasis 72 Kontakt aufnehmen können. Aber ansonsten herrscht Funkstille.“
„Dadurch werden wir zu so etwas wie Entdeckern, nicht wahr?“ wollte Dween mit gespielter Naivität wissen.
„Sie haben es gemerkt?“ gab Leardini bissig zurück.
„Also gut, da in dieser Besprechung offenbar nichts Produktives mehr vorgetragen wird, er-kläre ich sie für beendet. Meine Damen, Sie dürfen sich nun an den Haaren ziehen,“ kom-mentierte Lennard diesen kleinen Zwist und erntete dafür hämisches Grinsen - von allen, auch den Betroffenen.
„Dass Sie derart von Vorurteilen beherrscht werden, Captain!“ Dween erhob sich als erste und verliess schnurstracks die Besprechung.
Ungewohnt schnell leerte sich der Raum. Bei der jetztigen Lage verspürte niemand das Be-dürfnis nach Small-Talk. Er konnte es ihnen nicht verdenken.



Am Abend des nächsten Tages war Lennard auf dem Kommandosessel, ansonsten hatten nur noch Darrn und Wuran von der Führungscrew Dienst. Sie flogen entlang der Grenze, konnten aber nichts Aussergewöhnliches feststellen.
Darrn sah auf, als eine Anfrage bei ihm ankam. „Captain, Mrs. Wuran möchte gerne die seit-liche Backbord-Sensorenphalanx benutzen.“
„Genehmigung erteilt.“ Fünf Sekunden später stand der Captain neben der Wissenschafts-station und sah Wuran über die Schulter.
„Na, etwas entdeckt, Cluj?“
Die Bajoranerin kratzte sich in ihren braunen Haaren und wies dann auf einen Monitor. „Ah, nicht direkt. Wir durchfliegen nur die Gegend, die wir neulich schon passiert haben und ich wollte mir diesen Nebel noch einmal ansehen. Etwas an ihm irritiert mich, aber ich komme einfach nicht darauf, was.“
„Meinen Sie denn, dass etwas in ihm verborgen sein könnte?“
„Das weniger, es ist eher die Zusammensetzung. Es ist kein ganz gewöhnlicher D-10-Nebel, aber ich weiss immer noch nicht, was... einen Moment!“ Auf einmal schien sie hellwach zu sein und überprüfte eilig eine Reihe von Sensorenwerten.
„Was haben Sie gefunden?“ fragte Lennard ungeduldig.
„Eine Sekunde noch... das kann nicht sein! Captain, was wir da vor uns haben, ist kein natür-liches Phänomen.“ Sie klang fast schon bestürzt.
„Erläutern Sie das!“
„Nun, mir fiel es nicht gleich auf, weil die Werte durch die Konzentration des Nebels auf den Anzeigen verfälscht dargestellt werden, aber ich habe es jetzt zweimal nachgeprüft und immer dasselbe Resultat erhalten: die Zusammensetzung dieses Nebels entspricht exakt der des stellaren Mediums in diesem Sektor. Nur ist es in stark verdichteter Form dort angesam-melt, weshalb es uns als Nebel erscheint. So dürfte sich diese Gas- und Staubmischung auf keinen Fall verhalten, es wiederspricht einfach jedem bekannten Gesetz der Physik.“ Sie seufzte, als sie seine Miene sah.
„Ich werde es erklären: das, was wir dort haben, ist einfach normaler Weltraum mit den üblichen freien Bestandteilen wie Staubpartikeln und leichten Elementen, also Wasserstoff, Helium und so weiter, wie sie in Spuren durch den offenen Weltraum treiben. Allerdings scheinen diese Ansammlungen dort stark verdichtet zu sein, was wir zwar sehen können, was aber nicht sein kann. Das wäre etwa so, als wenn Sie in einen grossen Raum gehen, dort eine Druckluftflasche aufdrehen und die Pressluft aus der Flasche kommt, ohne sich mit der umgebenden Luft zu vermischen und sich auszudehnen. Sie schwebt in ihrer zusammen-gepressten Form unter Druck heraus und behält diese einfach bei, ohne ersichtlichen Grund. Verstehen Sie, was ich meine?“
„Ja, auch wenn es kaum vorstellbar ist. Irgendeine Kraft muss diesen Nebel doch zusammen-halten, ob natürlich oder künstlich?“ Er kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
„Das sollte man annehmen, Sir, auch wenn wir von hier aus keine solche Kraft feststellen können. Da ist nur dieser abnorme Strahlenwert, den ich schon bei unserem ersten Vorbeiflug registriert hatte.“ Bestätigend nickte sie, zufrieden darüber, dass er den Sachverhalt gleich be-griffen hatte.
„Sie haben mich neugierig gemacht. Komm, Nachricht an die Flotte. Wir machen einen Ab-stecher, um uns einen Klasse-Zehn-Nebel etwas näher anzusehen. Wir werden dann später wieder auf unsere normale Route zurückkehren.“ Lennard setzte sich wieder auf seinen Platz. Vielleicht würde die grausame Kriegsroutine einmal von einer interessanten wissenschaft-lichen Entdeckung unterbrochen werden.



„Captain auf die Brücke.“ Nur Sekunden nach diesem Aufruf des Diensthabenden Offiziers öffnete sich die Tür zum Bereitschaftsraum.
„Danke, Lieutenant, ich übernehme wieder. Bericht.“
„Wir sind am Rand des Nebels angelangt und unter Warp gegangen. Fliegen mit einem Achtel Impuls in die Randbezirke ein. Die Sensorenwirkung wird noch nicht besonders stark beein-trächtigt,“ beschloss der junge Offizier seinen Lagebericht und räumte den Kapitänssessel.
Nachdem Lennard sich gesetzt hatte, sah er über die Schulter nach rechts. „Mrs. Wuran, kön-nen Sie eine Quelle der aussergewöhnlichen Strahlungswerte ausmachen?“
„Nur ungefähr, Sir. Die Intensität hat nicht prägnant zugenommen, was meiner Meinung nach sehr ungewöhnlich ist. Wir müssen aber schon sehr nahe sein. In etwa Richtung 016, 023.“ Wuran machte einen etwas ratlosen Eindruck.
„Conn, korrigieren Sie den Kurs entsprechend und verlangsamen Sie etwas.“
„Aye, Sir,“ bestätigte der Steuermann den Befehl und gab die entsprechenden Kommandos ein. Auf dem Hauptbildschirm schwankte das Bild auch tatsächlich etwas nach rechts und oben. Dieser Nebeltyp war Lennard unbekannt, aber optisch machte er jedenfalls nicht be-sonders viel her. Er war von einer weiss-gräulichen Färbung und bildete milchige Schleier, die ihn an so manchen Abend oder auch Morgen in der Bucht von San Francisco erinnerten, wo die Sternenflotte ihr Hauptquartier hatte. Das wogende, wabernde Bild hatte irgendwie eine einschläfernde Wirkung auf ihn, so dass nach kurzer Zeit seine Aufmerksamkeit nachliess.
„Wie sind die Sensorenwerte jetzt?“ fragte er, mehr um sich selbst zu beschäftigen.
Die Bajoranerin runzelte ihre Nasenrückenfalten, ein eindeutiges Zeichen von Verwirrung. „Nur unmerklich ansteigend. Ich verstehe das nicht, wir sollten eigentlich...“
Ein gellendes Alarmsignal schallte durch die Brücke und liess allen das Herz für einen Mo-ment stillstehen. Der Conn rief: „Kollisionsalarm! Volle Schubumkehr eingeleitet!“
Es gab auch tatsächlich eine leicht spürbare Verzögerung nach vorne, als die Trägheitsdämpf-ungsfelder für einen kurzen, kritischen Moment überlastet wurden, in welchem vom Naviga-tionscomputer die Priorität gesetzt wurde, schnell Fahrt zu verlieren anstatt die Bremswirk-ung die Insassen nicht spüren zu lassen.
„Wow, eine Vollbremsung in der Art habe ich noch nie erlebt,“ kommentierte eines der jüng-eren Crewmitglieder im Hintergrund. Lennard verzichtete auf eine Zurechtweisung und ver-fuhr gemäss dem Protokoll: „Alarmstufe Gelb für alle Decks; Schilde hoch. Führungsoffi-ziere auf die Brücke.“
Wuran war nun völlig aus der Fassung geraten: „Wie konnten wir nur so nah an ein Hinder-nis herankommen, ohne es überhaupt konkret orten zu können?“
Noch ehe irgendjemand etwas dazu anmerken konnte, rief jemand: „Sichtkontakt!“
Alle sahen wieder zum Hauptbildschirm.
Und schwiegen.
Als eine der milchig-durchscheinenden Schwaden an ihnen vorbeitrieb, wurde der Blick frei-gegeben auf ein fremdartiges Gebilde von monströsen Ausmassen. Doch das allein war nicht der Grund für die kollektive Ehrfurcht, die auf der Brücke herrschte, obwohl die schiere Grösse durchaus genügt hätte. Das wirklich Unfassbare war die Erscheinung des Gebildes.
Das Material, aus dem diese Vorrichtung erbaut war, wies weder ein metallisches noch ein anders genau zu definierendes Aussehen auf. Die Struktur war trübe und matt, schien beinahe mit den Nebelschwaden zu verschmelzen, die sie umgab, obwohl sie doch eine deutlich um-rissene Abgrenzung aufwies. Man konnte die Grundform erkennen, aber keinerlei Einzel-heiten, die ihm ein dreidimensionales Erscheinungsbild gegeben hätten. Es änderte sogar die Formen und Farben mit den Nebelformationen um es herum, sodass man beinahe glaubte, um es herum zu sehen, während man direkt daraufstarrte.
„Hat irgendjemand eine Ahnung, was das sein könnte?“ wollte Lennard mit belegter Stimme wissen.
Wiederum Schweigen.
Wuran schien mit sich selbst zu reden, als sie leise sagte: „Was kann nur einen solchen Effekt bewirken? Es sieht aus wie diese seltsamen terranischen Echsen, Chamäleons, die immer die Struktur und Farbe des Hintergrundes annehmen. Soll das eine Art Tarnung sein?“
„Wenn es eine ist, funktioniert sie recht gut. Die Sensoren können nur ungefähr die Form und Grösse des Objektes bestimmen,“ entgegnete der Ops-Offizier. „Demnach ist es in etwa 410 mal 2460 mal 14760 Meter gross.“
„Das ist grösser als so manche Sternenbasis. Eine beeindruckende Leistung, ein solch gewal-tiges Objekt so gut vor Entdeckung zu schützen...“ Lennard versank in staunender Ehrfurcht, als sich einer der Turbolifte öffnete und Leardini sowie Dween erschienen. Beide erstarrten beim Anblick, der sich ihnen auf dem Hauptmonitor bot.
Wuran meldete sich erneut: „Wir scheinen auf eine der Kopfseiten des Objektes ausgerichtet zu sein. Merkwürdig, Captain, mir fällt gerade etwas auf... das Verhältnis von Höhe zu Breite sowie von Breite zu Länge scheint immer genau sechs zu sein.“
Ein kalter Schauer lief über Lennards Rücken hinab. „Uh... Arthur C. Clarke lässt grüssen. Welcher kluge Kopf hat einst gesagt, dass die Wirklichkeit immer wieder die kühnsten Fan-tasien zu übertreffen vermag?“
Nun erschienen in kurzer Folge nacheinander Merven und Wenjorook auf der Brücke und nahmen ihre Positionen ein. Noch während alle auf den neuesten Stand gebracht wurden, trat ganz langsam eine Veränderung auf dem Bildschirm ein, die erst nach einer Weile von je-mandem bemerkt wurde.
„Seht nur, es ist hohl!“
Alle fuhren herum und sahen nun, dass es in der Tat nur eine Art von rechteckigem Rohr zu sein schien, durch dessen entferntes Ende man Nebelschleier durchziehen sah. Die Innen-flächen des Objektes waren dunkler gehalten als das mysteriöse Äussere, doch technische De-tails konnte man auch hier nicht erkennen.
„Wieso kann man das jetzt auf einmal sehen? Hat es sich bewegt?“ fragte sich Leardini.
„Negativ, Commander.“ Der Trill an der Steuerkonsole stutzte. „Wir sind es, die noch lang-sam vorwärts driften. Durch den Nebel sind unsere Positionskontrollen beeinträchtigt, und das einzige erfassbare Objekt ist das vor uns.“
„...das sich nicht exakt erfassen lässt. Ich habe verstanden. Korrigieren Sie das und...“
Ein Ruck unterbrach sie.
„Wir werden von einer Art Kraftfeld festgehalten!“ rief Darrn mit dringlich klingender Stimme.
„Voller Umkehrschub! Setzen Sie sofort eine Nachricht ab, dass wir...“ Lennard brach ab, als er das Kopfschütteln des Komm-Offiziers sah.
„Durch die Interferenzen des Nebels ist der Subraumfunk gestört, Sir.“
„Wie in einem schlechten Roman,“ knurrte der Captain der Fairchild grimmig. „Was ge-schieht jetzt mit uns? Werden wir zur Öffnung des Quaders gezogen?“
„Ja, Sir, den Messwerten und optischen Beobachtungen nach schon,“ bejahte Merven. „Schubumkehr zeigt keine Wirkung.“
„Die Handlung wird immer schlechter. Roter Alarm.“ Er sah hinüber zu Leardini. Sie war wie immer professionell, liess sich nichts anmerken.
Sie waren nur noch wenige Schiffslängen von der rechteckigen Öffnung des unbekannten Artefaktes entfernt, als dessen Innenleben plötzlich zum Leben erwachte. Deutlich sichtbar wie eine lange Reihe von Lichtern wurden in den schmalen Innenwänden rechts und links, von ihnen aus gesehen, leuchtende Elemente von ihrem Ende aus zum entfernten Ende der Röhre hin eingeschaltet. In nur wenigen Sekunden raste die Beleuchtungskaskade durch die gesamte Länge bis nach hinten, was sehr eindrucksvoll aussah.
„Ich messe einen explosionsartigen Energieanstieg, Captain,“ liess sich Wuran vernehmen.
„Irgendetwas wird gleich geschehen. Und wir haben keinerlei Einfluss darauf.“ Die Frust-ration über die Ohnmacht, mit der sie dieser Lage ausgesetzt waren, war deutlich in seiner Stimme zu hören.
Überflüssigerweise bemerkte jemand der Sicherheitsleute:. „Wir werden hineingezogen.“
Sie passierten die vordere Kante und wurden wie von einem gigantischen Katapult durch die Röhre hindurchgeschossen.
Ihnen wurde schwarz vor Augen.



Langsam kam Lennard wieder zu sich. Er merkte, dass eine Hand auf seiner Schulter lag und ihn sanft schüttelte. Als er nicht gleich reagierte, klatschte eine Hand auf seine Wange. Nun öffnete er die Augen und sah direkt in das Gesicht von Leardini, das sein gesamtes Blickfeld ausfüllte. Sie sah ihn an und säuselte: „Guten Mo-horgen.“
Benommen fragte er: „Bin ich spät dran? Ich muss auf die Brücke...“
Als er verhaltenes Gelächter hörte und ihr verstimmtes Gesicht bemerkte, hielt er inne. Sie zischte ihm leise zu: „Herrje, Kyle, du bist bereits auf der Brücke. Erinnerst du dich nicht mehr? Wir haben dieses fremdartige Ding gefunden und wurden von ihm angezogen. Es hat uns wie einen Photonentorpedo durch eine Abschussvorrichtung durch sich hindurchge-schossen... was immer das auch bewirkt haben soll.“
Sie trat zur Seite, worauf er tatsächlich die Brücke erblickte. Vor sich auf dem Bildschirm sah er nur leeren Raum, angefüllt mit weissgrauen Nebelschwaden. Er sprach den ersten klaren Gedanken aus, der ihm kam: „Wie weit hat uns das Ding weggebracht?“
„Ist zur Zeit nicht feststellbar, die Kalibrierung der Abstandssensoren ist ausgefallen. Wir müssen sie erst neu angleichen.“ Wuran sah ihren Kommandanten an. „Hier ist einiges völlig durcheinandergebracht worden. Die Anzeigen auf meinem Display sind praktisch wertlos.“
„Conn, bitte wenden und vorsichtig von der Seite her an die Konstruktion heranfliegen.“ Lennard bekam nur langsam einen klaren Kopf. Versonnen beobachtete er, wie das seltsame, nur schlecht sichtbare Gebilde in ihr Blickfeld glitt und dann immer grösser wurde.
Wenjorook meinte plötzlich: „Da stimmt doch etwas nicht. Man könnte fast glauben, das Ding sei gewachsen, während es uns durch sich hindurchgelotst hat.“
„Wie sollte das denn funktionieren?“ ereiferte sich Wuran gereizt. „Nur keine wilden Speku-lationen, bitte. Das ist nur eine optische Täuschung, verursacht durch die diffuse Erscheinung des Objektes. Sobald wir die Sensoren wieder in Betrieb haben, können wir... wissen Sie, es sieht tatsächlich so aus...“
Ihre Stimme erstarb, als sie die Dimension des Artefaktes auf dem Hauptbildschirm sah.
„Das sieht eher so aus, als wären wir im Orbit um einen Planeten als würden wir an einem Konstrukt entlangfliegen, das nur mehrere Kilometer lang ist. Mrs. Wuran, ich brauche die Sensoren,“ sagte Lennard drängend.
Sie sah mit einem leichten Anflug von Hilflosigkeit zu ihm auf. „Das ist ja das Verrückte, Sir: die Sensoren arbeiten einwandfrei, wenn ich meinen Anzeigen glauben soll. Nur die Werte, die sie anzeigen, sind unglaubwürdig.“
„Stellen Sie mich auf die Probe, nennen Sie mir einen Wert. Zum Beispiel die Länge der Station.“
Die Bajoranerin grinste verschämt. „Etwa 114’774 km.“
„Hm, ich denke, ich verstehe Ihr Problem.“ Er sah auf, als eine kleine rote Leuchte auf einem seiner Armlehnendisplays, begleitet von einem durchdringenden Piepton, warnend blinkte.
„Perimeteralarm, Captain. Ich empfange Signale von drei Jem’hadar-Angriffsschiffen, die am Rand der Nebelzone entlangfliegen.“ Wenjorook musste nicht lange auf Lennards Reaktion warten.
„Alarmstufe Rot! Schilde hoch, Waffen laden, Abfangkurs setzen und mit halbem Impuls auf sie zuhalten.“ Wie von selbst kam seine Reaktion auf die Bedrohung.
Sobald sie einen gewissen Abstand von der riesigen Röhre gewonnen hatten, schien der Nebel nicht mehr so dicht zu sein. Kurz darauf hatten sie ihn hinter sich gelassen und kamen in den freien Raum. Wuran fragte vorsichtig: „Ist es denn klug, sich in unserem Zustand auf einen Kampf mit einer Dreier-Staffel Jem’hadar einzulassen? Wir wissen noch immer nicht genau, was vorhin mit uns geschehen ist.“
„Ein berechtigter Einwand, nur können wir das Risiko nicht eingehen, dass sie einen Konvoi Flüchtlingsschiffe aus dem Nebel heraus angreifen. Diese Schiffe sind uns offensichtlich heimlich gefolgt und versuchen einen Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt. Wenn wir jetzt um Hilfe rufen, kann uns niemand mehr erreichen, bevor wir mit ihnen in Berührung kommen. Also los,“ meinte Lennard entschlossen. „Mr. Wenjorook, wie weit noch bis zum Ziel?“
„Knapp zwei Lichtminuten, Ziel hält Kurs und Geschwindigkeit. Ich habe eine Fernerfassung mit Quantentorpedos vorgenommen.“ Der Andorianer sah erwartungsvoll von seinen Anzei-gen auf.
„Auf Warp Vier gehen. Eine Sechsersalve Torpedos, auf jeden zwei und auf die Antriebs-sektionen zielen, sobald sie in Reichweite sind. Wir sollten uns nicht auf einen längeren Kampf einlassen, aber wenn der Feind manövrierunfähig gemacht werden kann, haben wir schon mehr erreicht, als wir uns erhoffen können. Also los, Mr. Soares. Energie!“ Der Captain unterstrich seinen Befehl mit einer nach vorne weisenden Handgeste.
„Warp Vier, aye.“ Die Warppylonen blitzten auf und beschleunigten das Schiff auf fast ein-hundertfache Lichtgeschwindigkeit. Innerhalb kurzer Zeit schrumpfte die Distanz zwischen ihnen und dem Gegner auf dem Navigationsdisplay erheblich.
Leise murmelte Wenjorook: „Warum tun sie nichts? Keinen Abfangkurs, kein Ausweich-manöver... sie fliegen einfach weiter! Was macht sie so unbeirrbar, so sicher?“
„Keine Spekulationen bitte, Lieutenant,“ herrschte Lennard mit Nachdruck seinen Sicher-heitschef an.
„Ich empfange verschlüsselten Funkverkehr zwischen den Schiffen. Es scheint, als ob sie Sensorendaten miteinander austauschen würden. Sie lockern aber lediglich ihre Formation ein wenig auf. Kann es wirklich sein, dass sie uns nicht orten können?“ Der Komm war ratlos.
„Es kann etwas damit zu tun haben, dass wir durch diese Röhre gezogen wurden. Unser Schiff ist vielleicht mit einer Beschichtung oder Bestrahlung behandelt worden, die uns eben-so tarnt,“ schlug Wenjorook vor.
„Nicht sehr plausibel. Wir können das klären, wenn wir Gelegenheit dazu haben. Schiessen Sie, sobald Sie ein sicheres Ziel haben.“
„Aye, Sir. Sind jetzt in Waffenreichweite. Feuere Torpedos ab.“ Mehrere kurze Huptöne zeigten den Abschuss an. Dann erschienen drei Paare weissbläulich schillernder Lichtkugeln, die sich rasend schnell vom Schiff entfernten und sich dabei ein wenig im Raum verteilten. Jetzt konnte es nur noch Momente dauern...
„Volle Schubumkehr! Zeit bis zum Einschlag, Combat?“ Lennard sah angespannt abwech-selnd auf den Monitor und die taktische Anzeige seines Armlehnen-Displays. Die Werte dar-auf verwirrten ihn.
Wenjorook machte auch keinen besseren Eindruck. „Eigentlich hätten die Ziele bereits ge-troffen werden müssen. Die Entfernungssensoren zeigen noch immer falsche Werte an. Wenn man die Geschwindigkeit der Quantentorpedos berücksichtigt, extrem falsche Werte sogar. Ich hoffe nur, wir haben nicht vorbeigeschossen.“
Gerade als Lennard den Mund zu einer Antwort öffnete, erfolgten drei grelle Detonationen im All vor ihnen. Das waren nicht nur Torpedos, die auf die Schilde von Jem’hadar-Angriffs-schiffen auftrafen. Eine Folge von Sekundärexplosionen bestätigte seinen Verdacht.
„Sir, die Schiffe sind alle vernichtet worden. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie aus irgend einem unerfindlichen Grund den Beschuss nicht bemerkt haben und wir sie mit her-untergefahrenen Schilden erwischt haben. In diesem Fall wäre es natürlich möglich, sie mit je zwei Torpedos auf die Maschinensektion völlig zu zerstören.“ Wenjorook schluckte. „Ich kann es gar nicht glauben, dass wir so viel Glück hatten.“
„Ich auch nicht,“ stimmte Lennard zu. „Sehen wir uns einmal ein wenig die Trümmer an, vielleicht erhalten wir dann einige Antworten auf die vielen Fragen, die mir durch den Kopf gehen.“
„Nehme Kurs auf das Trümmerfeld,“ verkündete der Steuermann prompt.
Seltsamerweise bekam Lennard eher den Eindruck, sie durchflögen einen Asteroidengürtel, als sie die Trümmerzone erreichten. Wie doch die Bildschirmeinstellung täuschen konnte...
Langsam näherten sie sich einem grösseren unförmigen Teil, das noch keine erkennbare Kon-tur für sie aufwies. Als sie näher herankamen, traute Lennard seinen Augen nicht, so grotesk war der Anblick.
„Ops, ist der Bildschirm auf maximale Vergrösserung geschaltet?“
Darrn stammelte ebenso perplex: „Nein, Sir... auf Fenstersimulation.“
„Das kann nicht sein. Überprüfen Sie das.“ Fassungslos sah er, wie sie an dem gewaltigen Objekt entlangflogen, es passierten und dann wendeten, um es erneut zu umfliegen. In einem Anflug von unerklärlicher Tollkühnheit steuerte Merven das Schiff auf den hinteren Teil des Körpers zu, der aus einem grossen bügelähnlichen Gebilde von etwa rechteckiger Form be-stand. Niemand protestierte, als er die Fairchild bequem durch diese grosse rechteckige Lücke hindurchflog. Es wurde ihnen jetzt erst bewusst, wie riesig dieser Körper sein musste. Die Fairchild hatte eine Breite von 250 Metern und eine Höhe von 88 Metern - und es war nicht einmal Kollisionsalarm vom Computer ausgelöst worden
„Bitte etwas Abstand zwischen uns und das Objekt legen.“ Er musste sich das aus grösserer Distanz ansehen, um dieses Ding als Ganzes erfassen zu können. Als sie weiter entfernt waren, war wieder die Form als solche zu erkennen.
Einer der Fähnriche der Sicherheitscrew raunte einem anderen zu: „Wenn das nicht absoluter Blödsinn wäre, würde ich behaupten, das dort sieht ganz so aus wie ein Disruptorgewehr der Jem’hadar.“
„Klar, ein fünf Kilometer langes, durch dessen Schulterstütze wir gerade hindurchgeflogen sind. Das ist kompletter Schwachsinn.“ Lennard hörte nicht mehr auf das, was die beiden danach flüsterten, er war viel zu betroffen.
Wuran sprach als erstes aus, was die meisten dachten: „Captain, vielleicht ist nicht das Objekt vor uns riesig, sondern wir sind winzig klein.“
Darrn versuchte, ihr zu widersprechen; es klang nicht besonders überzeugt. „Wie soll denn das funktionieren? Stellen Sie sich vor, wie winzig wir sein müssten... wie hätten wir drei Jem’hadar-Angriffsschiffe vernichten können mit solch winzigen Waffen?“
„Ja, wie?“ Wuran kratzte sich nachdenklich an ihrem gefalteten Nasenrücken. „Darf ich einen Vorschlag machen, Captain?“
„Nur zu, solange es nur hilft, Licht ins Dunkel zu bringen.“ Lennard stellte einen Ellenbogen auf die Armlehne und stützte seinen Kopf auf die Handinnenfläche. Mit ratloser Miene sah er zu Leardini hinüber, die ihrerseits mit den Schultern zuckte.
Wuran fuhr fort: „Mr. Wenjorook, könnten Sie bitte einen Phaserschuss der schwächsten Stär-ke auf das vor uns liegende Objekt abgeben? Nein, nein, ich weiss, was Sie sagen wollen, aber versuchen Sie es doch einfach mal.“
Wenjorook schluckte seinen Protest hinunter und erwiderte stattdessen lapidar: „Wenn es Sie glücklich macht...“
„Durchaus. Und Sie eventuell auch.“ Bei der Schärfe in ihrer Stimme sah er verblüfft auf, wo-bei sich auch die trichterförmigen Antennen auf seinem Kopf in ihre Richtung drehten, dann kam er jedoch ihrer Bitte nach. Einen Moment lang hatte es für Lennard so ausgesehen, als würden die beiden einen Disput beginnen, da die Andorianer von Natur aus als aggressiv und streitlustig galten und sich auch Bajoraner seit der cardassianischen Besatzungszeit nichts mehr so leicht gefallen liessen. Hier jedoch hatte die Disziplin die Oberhand behalten.
Ein kurzer Phaserimpuls von der oberen Phalanx zuckte durchs All und traf auf die riesige Waffe. Erschreckt beobachteten alle, wie sie von einem grellen Leuchten eingehüllt wurde und vollständig vaporisiert wurde.
„Das... das ist unmöglich!“ rief Darrn und drückte damit aus, was die meisten gerade dachten.
Nur Wuran lächelte schwach. „Sir, ich denke, ich habe eine Theorie. Ich muss in das physi-kalische Labor und eine Vermutung überprüfen. Darf ich empfehlen, dass wir in der Zwisch-enzeit zu dieser seltsamen Vorrichtung, der ‘grossen Röhre’ im Nebelgebiet zurückkehren?“
„Da Sie momentan wohl die einzige sind, die zu ahnen scheint, was hier vorgeht, sollte ich wohl auf Ihren Rat hören, nicht wahr?“ Er nickte zustimmend. „Conn, Sie haben es gehört.“



Wuran betrat mit siegessicherem Lächeln die Brücke und nahm sogleich ihre Station ein. Geduldig wartete Lennard darauf, dass sie sich ihm zuwandte, bevor er sie um einen Bericht bat.
„Ich habe einiges herausgefunden, Captain. Unter anderem weiss ich, was mit uns passiert ist und welche Folgen dieser Effekt für uns hat, aber ich kann mir nicht erklären, wie das be-werkstelligt wurde. Und zwar ist das Artefakt, in deren Einfluss wir geraten sind, den Auf-zeichnungen nach, die wir vom Ewigen von Alnilam erhalten haben, etwa drei Millionen Jahre alt. Sie...“
Leardini fuhr, vor Verblüffung jeglichen Anstand missachtend, dazwischen: „Wie bitte?! Sie meinen, dieses... dieses Ding ist ihm bekannt gewesen?“
Leicht verärgert fuhr die Bajoranerin fort: „Wie ich gerade sagen wollte, dieses Artefakt wurde erbaut von einer unglaublich weitentwickelten Rasse namens Irtaleenier und diente in der Tat dazu, um Raumschiffe zu verkleinern. Der Sinn dieser Aktion bestand lediglich darin, gefährliche Regionen des Raumes in verkleinerter Form zu durchqueren, um am anderen Ende der Etappe durch ein Gegenstück zu fliegen und wieder die normale Grösse anzu-nehmen. Die Informationen, welche ich in der kurzen Zeit entschlüsseln konnte, sind sehr spärlich, besagen aber, dass es einst eine ganze Anzahl dieser Vorrichtungen im gesamten Quadranten verteilt gab. Da auch diese alte Rasse wie alle, die vor uns jemals mit dem Ewigen Kontakt hatten, keine Gewalt und kriegeerische Auseinandersetzungen kannten, diente diese Massnahme lediglich zum Schutz und nicht als Waffe irgendeiner Art.“
Darrn gab zu: „Das verstehe ich nicht ganz, Cluj. Wie soll es ein Objekt schützen, sich zu ver-kleinern? Und wie soll es sich noch schnell fortbewegen können, wenn es dann so winzig klein ist?“
Und nach einem kurzen Moment der Besinnung: „Und wie klein sind wir nun überhaupt?“
Wuran holte tief Luft. „Also gut, schön der Reihe nach. Ich konnte herausfinden, dass diese Wesen irgendeinen besonderen Bezug , vielleicht auch religiös, zur Zahl Sechs hatten. Jeden-falls beträgt das Verhältnis der Verkleinerungsvorrichtung, ich möchte sie Irtaleenier-Röhre nennen, in den Abmessungen immer Sechs, sowohl zwischen Höhe zu Breite als auch zwi-schen Breite zu Länge. Eins zu Sechs zu Sechsunddreissig. Das wäre das eine.
Dazu passend sind wir um mehrere Sechserpotenzen verkleinert worden, nämlich um Fünf. Das heisst, wir sind 7776 mal kleiner als gewöhnlich, also beträgt die Länge der Fairchild gegenwärtig noch 88,09 Millimeter.“
Leardini sprang auf. „Wir sind noch knapp neun Zentimeter lang? Das ist nur schwer zu glauben, wissen Sie. Wie kann man so etwas nur bewerkstelligen? Durch irgendein Subraum-phänomen?“
„In diesem Fall sieht es etwas anders aus, auch wenn natürliche Erscheinungen dieser Art mit einem Verkleinerungseffekt schon früher mehrmals beobachtet wurden. Nein, die Irtaleenier besassen eine einmalige Fähigkeit, die atomaren Bindungen zu kontrollieren und zu mani-pulieren. Wie Sie alle wissen, bestehen die Abstände zwischen den einzelnen Atomen aus leerem Raum, es befindet sich nichts Substanzielles dazwischen. Mittels einer Technik, die wir wahrscheinlich nicht in Jahrtausenden entwickeln können werden, haben sie es geschafft, kontrolliert die Abstände zwischen den Atomen zu reduzieren und so ein Objekt nach Be-lieben zu verkleinern. Das Beste dabei ist, dass die eigentliche Masse dabei nicht verändert wird, da die Anzahl der vorhandenen Atome gleich bleibt. Wir haben also noch immer unser normales Gewicht, können ein Warpfeld in normaler Stärke erzeugen und daher so schnell wie sonst auch fliegen. Ein Cochrane ist ein Cochrane, unabhängig von der Grösse des er-zeugten Feldes, solange die Energiemenge die gleiche ist.
Für unsere anderen Geräte gilt das ebenfalls. Daher konnten wir auch mit der schwächsten Einstellung unserer Phaser ein für uns so riesig erscheinendes Objekt wie dieses Jem’hadar-Gewehr mit nur einem Schuss völlig verdampfen, da die Energiemenge die gleiche wie im-mer ist.
Dieses Phänomen ist auch der Grund für die Erscheinungsform des Nebels: es handelt sich bei ihm schlicht und einfach um die Weltraummaterie, die im Laufe der langen Zeit durch Zufall in diese Vorrichtung hineingeriet und verkleinert wurde. Durch die hohe Dichte ist er für das blosse Auge sichtbar geworden und schwebt jetzt durch ein rein zufälliges Verteil-ungsschema rund um die Irtalenieer-Röhre. Übrigens sind wir momentan vielleicht das Ob-jekt mit der grössten bekannten Dichte und folglich auch Härte. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet?“
Lennard begann zu lächeln: „Wir sind nahezu unzerstörbar. Die Jem’hadar können uns nicht orten, sie ahnen höchstens anhand der Energiemenge unseres Subraumfeldes, dass wir im An-flug sind. Es wird ihnen schwerfallen, uns zu treffen und wir werden wahrscheinlich auch sonst noch den einen oder anderen angenehmen Nebeneffekt bei der praktischen Anwendung entdecken.“
Entgeistert sah Leardini ihn an und vergass jede Förmlichkeit. „Was hast du vor?“
„Wir wissen jetzt, dass der Reduktionseffekt jederzeit umkehrbar ist und können unsere Ent-fernungssensoren nun auch so rekalibrieren, dass sie die korrekten Abstände anzeigen. Was ich vorhabe, ist ganz einfach: Wir nehmen Kurs aufs Tyra-System.“



„Das ist Wahnsinn, Kyle!“ Leardinis Stimme war vor Aufregung heiser. „Wir können das nicht tun. Ein einziges Schiff gegen eine ganze Besatzungsflotte. Wie stellst du dir das vor?“
Er setzte sich hinter den Schreibtisch seines Bereitschaftsraumes und sah sie leicht befremdet an. „Wir werden die lästige Stechmücke für den Elefanten sein, wie es einst so schön hiess. Mir schwebt da schon so einiges vor...“
„Ich kann dich wohl nicht von dieser unsinnigen Idee abbringen, oder? Denk nur an die Verantwortung, die du trägst. Willst du dieses Risiko wirklich eingehen?“
„Das Risiko war nie kleiner für uns, seit wir in den Krieg eingetreten sind, wenn du mich fragst,“ erwiderte er. „Ich muss ständig an die Millionen von Zivilisten denken, die ver-zweifelt darauf warten, dass wir sie irgendwie hinter den Linien herausholen. Meinst du nicht, das ist einen Versuch wert? Schliesslich ist im Krieg und in der Liebe alles erlaubt.“
„Aber was ist, wenn sie herausfinden, was hier gespielt wird? Sie könnten in naher Zukunft auch das Gebiet, in dem der Nebel mit der Irtaleenier-Röhre liegt, erobern und diese dann finden. Wenn sie auf die gleiche Idee wie wir kommen, wäre ihr taktischer Vorsprung nicht mehr nur immens, sondern unerreichbar.“ Leardini sah ihm an, dass sie einen Nerv getroffen hatte.
„Du hast recht, Schatz. Und so sehr es mir widerstrebt, habe ich doch vor, die Röhre zu vernichten, wenn wir sie dieses eine mal benutzt haben. Sie darf auf keinen Fall dem Dominion in die Hände fallen, da stimme ich dir vollkommen zu. Nur diesmal werden wir diese grossartige Technik für uns nutzen... es sei denn, wir finden im Datenfundus des Ewigen von Alnilam Hinweise auf Standorte weiterer Irtaleenier-Röhren in Föderationsraum, und zwar in sicheren Ecken. Das ist auch der Grund, weshalb ich das hier nicht gleich dem Hauptquartier mitteile, sondern diese Mission auf eigene Faust durchführen will. Stell dir vor, wir könnten den gesamten Rest unserer glorreichen Siebten Flotte da durchschleusen... aber das Risiko wäre zu hoch, der Preis für eine Entdeckung durch den Feind unbezahlbar.“ Er sah sie bittend an.
„Je länger du argumentierst , desto mehr gefällt mir der Plan,“ gestand sie ein.
Er strahlte: „Wunderbar! Das war die kürzeste Pro-und-Kontra-Debatte vor einer wichtigen Entscheidung, die wir je hatten, oder?“
„Du solltest den Bogen nicht überspannen, mein Lieber,“ warnte sie lächelnd und erhob sich von der Schreibtischkante, auf der sie sich während des Gespräches niedergelassen hatte.
„Dann wollen wir mal!“
- 5 -

Beim Summen an ihrer Tür sah Dween auf. Das würde er sein, dachte sie zufrieden. Mit ge-nüsslichem Lächeln sagte sie: „Herein.“
Tatsächlich erschien ihr Freund Merven mit verschämtem Grinsen und einem Sträusschen Blumen in der Hand. Bei ihrem fragenden Blick streckte er den Arm aus und hielt ihr die Zierpflanzen hin. „Befehl des Commanders.“
„Dachte ich mir schon, dass du selbst nicht auf so eine romantische, nette Geste gekommen wärst,“ gab sie schlagfertig zurück und versuchte dabei so ungnädig wie möglich auszusehen. „Was glaubst du damit zu erreichen?“
„Ach weisst du, ich habe mich bei dir seit meinem Jahrhundert-Fauxpas...“
„Jahrtausend,“ verbesserte sie mit teilnamsloser Miene.
„Also gut, von mir aus,“ fügte er sich bereitwillig, „ich habe mich selbst überschlagen vor Entschuldigungen, Friedensangeboten, ich bin vor dir auf dem Boden rumgekrochen. Kurz gesagt: mir gehen langsam die Optionen aus. Kannst du mir vielleicht irgendeinen vagen Tip geben, was ich noch tun kann, damit du mir vielleicht - nur vielleicht - vergibst?“
„Steuere mit einer Fluchtkapsel in eine Subraumspalte,“ erwiderte sie schnippisch.
Er seufzte. „So kommen wir nicht weiter. Ich beschwöre hiermit deine vulcanische Hälfte, oh Tochter des Vulcan, bitte erscheine mir und rede mit mir in vernünftigen Worten, die einen Sinn für mich ergeben.“
„Wenn du so weitermachst, bist du hier schneller wieder raus, als du reingekommen bist.“ Offenbar wurde sie ungehalten.
Er ging langsam und beherrscht zu ihrer Couch und setzte sich neben sie, wonach sie ein Stückchen wegrutschte. Unbeirrt davon nahm er ihre Hand in seine, was sie nach einem Mo-ment des Zögerns zuliess. Sie sah auf ihre Hände hinab, während er fortfuhr.
„Bitte hör mich an, Shania,“ begann er in fast flehentlichem Tonfall. „Wir haben Krieg und stolpern von einem Extrem ins andere, aber jetzt will der Captain mit der Fairchild allein gegen eine ganze Besatzungsflotte vorrücken. Niemand weiss, wie das ausgehen wird, des-halb möchte ich die Dinge zwischen uns nun klären. Wer weiss, ob wir noch eine weitere Chance dazu haben werden. Bitte höre mich an.
Ich habe nie gewollt, dass dir irgendein Leid geschieht, das musst du mir glauben. Ich war so verrannt in den Gedanken, dir zu zeigen, wer diesen albernen Titel ‘Meister des Holodecks’ innehat, dass ich die Grenzen überschritten habe. Einen kurzen Moment lang habe ich das erkannt, als dir dieses Malheur beim Anflug auf unsere ‘Zufluchtswelt’ passiert ist, doch ich habe den Moment verstreichen lassen und mir nichts weiter dabei gedacht. Was immer auch geschehen wird, ich werde so etwas nie mehr tun, verstehst du mich? Ich liebe dich doch und möchte verhindern, dass dir irgendetwas Unangenehmes oder Schlimmes geschieht. Niemals könnte ich dir wissentlich Schaden zufügen. Bitte gib mir noch eine Chance, dann kann ich alles irgendwie wieder gutmachen.“
„War es das, was du mir sagen wolltest?“ fragte sie mit unbewegter Miene.
Verduzt über ihre Ungerührtheit, antwortete er: „...äh, ja.“
Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihn an sich. Schluchzend sagte sie: „Oh, Schatz, das ist das Liebste, Aufrichtigste und Ergreifendste, das ich je gehört habe. Ja, ich verzeihe dir. Du hast jetzt wirklich lange genug gelitten, es hat mich ja schon selbst geschmerzt, zuzusehen, wie du unter unserer Trennung gelitten hast.“
„Shania?“
Sie liess ihn los und sah ihm in die Augen. „Was ist?“
„Bitte tu mir das nie mehr an. Versprich mir, dass wir zusammenbleiben werden. Ich habe noch nie so für eine Frau gefühlt... und damit meine ich nicht die lumpigen paar Jahre von Merven, sondern alle 153 Jahre angesammelter Erinnerung von Soares.“
Ihre Augen wurden wässrig. „Und ich dachte, das vorhin war das Schönste, was ich je gehört habe.“
Sie umarmten sich erneut und küssten sich dann lange.
„Und wollen wir unsere Versöhnung jetzt gebührend feiern?“ wollte er dann wissen.
Statt einer direkten Antwort sagte sie nur: „Computer, Quartiers-Eingang verriegeln.“
Er lachte glücklich.



„Wir kommen in die Peripherie des Tyra-Systems.“ Darrn sah auf, als er die Meldung machte. Die Spannung in den letzten zwei Tagen war schier unerträglich geworden. Nun gut, jetzt würde sich zeigen, welche Möglichkeiten ihnen offenstanden.
„Noch drei Minuten Flugzeit bis zur Position der Besatzungsflotte,“ meldete Merven und fügte hinzu: „Als erstes wird uns eine Patroullie von Angriffsjägern gegenüberstehen.“
Lennard beruhigte ihn: „Keine Sorge, solange wir nur mit Impulsantrieb fliegen und die Schutzschirme nicht aktiviert haben, ist unser Energieausstoss zu niedrig für eine exakte Ortung, schliesslich ist der Energiebedarf für den Warpantrieb eine Million mal höher als nur für Impuls. Sie werden vielleicht etwas erkennen, aber nicht, wo es sich aufhält.“
„Wir kommen in Sichtweite, Captain. Befehle?“
„Gelber Alarm. Passen Sie Kurs und Geschwindigkeit an das nächste Schiff an. Wir nähern uns von unten und hinten und dringen mit dem Schiff in ihren Schildperimeter ein.“
Wenjorook studierte seine Anzeigen. „Sie haben ihre Schilde unten, Sir. Offenbar ahnen sie nichts von unserer Anwesenheit.“
Sie schwenkten nun auf einen Parallelkurs unter dem aggressiv wirkenden, gigantischen Kriegsschiff in stilisierter Käferform ein. Unter seinem ‘Hinterleib’ knapp hinter der Aus-trittsöffnung seines Impulssystems hielt Merven die Position.
„Mr. Wenjorook, volle Energie auf die obere Phaserbank und direkt unter die Impulsdüsen zielen. Schilde hoch und Feuer Frei nach Belieben. Conn, sofortigen Ausweichkurs zum näch-sten Schiff hin, sobald wir geschossen haben.“ Entschlossen klammerte sich Lennard an seine Armlehnen und beobachtete den Hauptbildschirm.
Ihr Timing war perfekt: kaum hatte der andorianische Sicherheitschef die Phaserbank ab-gefeuert, als Merven die Fairchild herumriss und zum benachbarten Schiff hinüberschwen-ken liess. Währenddessen wurde ihr erstes Ziel in einer Folge von grellen Explosionen zer-rissen.
„Worauf warten Sie? Dasselbe nochmal... und dann ist immer noch einer übrig,“ gab Lennard weitere Anweisungen.
Das zweite Schiff hatte noch gar keine Zeit zum Reagieren gehabt, als es bereits das Schick-sal seines Kameraden teilen musste. Diesmal hatten sie offenbar einen empfindlicheren Teil des Antriebes erwischt, denn die Maschine detonierte so rasch und heftig, dass ihnen kaum noch Zeit blieb, aus der Gefahrenzone herauszufliegen. Sie durchquerten eine lodernde Plas-mafackel, traten jedoch nur Sekundenbruchteile darauf unversehrt am anderen Ende der Feuerzunge heraus.
„Das war knapp,“ kommentierte Leardini knapp und fügte nach einem Blick auf ihre Anzei-gen hinzu: „Beim Letzten werden wir nicht ganz so leichtes Spiel haben, er hat gerade seine Schilde hochgefahren.“
„Wir werden sehen,“ entgegnete der Kommandant und wies Merven an, langsam auf den Heckschild zuzusteuern.
„Jetzt werden wir gleich sehen, was die Stunde geschlagen hat.“ Und tatsächlich trafen sie mit einem kleinen statischen Knistern des Abwehrschildes auf selbigen und - durchdrangen ihn mühelos! Nun waren sie im Inneren der Energieblase, wo ihnen das feindliche Schiff wehrlos ausgeliefert war.
„Meine Herren, walten Sie ihres Amtes,“ verlangte Lennard förmlich, worauf Wenjorook und Merven kurze Blicke tauschten. Dann begann der Mann an der Waffenkontrolle von fünf auf null herabzuzählen. Es funktionierte mit jedem Mal besser, dachte Lennard, als auch der dritte Dominion-Jäger zerrissen wurde und sie abdrehten.
„Das war gute Arbeit. Kurs auf das Hauptkontingent der Besatzungsmacht und halber Impuls voraus.“ Sie wandten sich wieder zum Systeminneren hin und beschleunigten.



Der Vorta auf dem Kommandodeck des führenden Schlachtkreuzers besah sich ungehalten seinen Ersten Jem’hadar und den Verbindungsoffizier der Cardassianer, Gul Manoj. „Bitte er-klären Sie mir das genauer. Waren es getarnte Schiffe?“
„Wir wissen es derzeit noch nicht, Thana Thethu. Die Patroullie hat keinerlei Meldung ab-gegeben, bevor sie zerstört wurde. Es waren weder Störungen des Funkverkehrs noch Tachy-onen-Emissionen zu verzeichnen, die auf getarnte klingonische Schiffe hingewiesen hätten. Wir müssen diesen Vorfall noch genauer untersuchen.“ Bedauernd sehkte der echsenähnliche Krieger seinen dornenbewehrten Kopf.
„Ich möchte umgehend Antworten. Wie kann so etwas passieren?“ Die Laune des Vortas ver-schlechterte sich zusehends.
Gul Manoj bot an: „Es kann durchaus sein, dass sich hier getarnte Schiffe herumtreiben, die aufgrund der starken Interferenzen von Tyras Sonnen auf weite Entfernungen nicht feststell-bar sind.“
„Klingonische Schiffe müssen sich enttarnen, bevor sie ihre Waffen benutzen können, das weiss doch jeder. Wir hätten sie sofort entdecken müssen, wenn das der Fall gewesen wäre. Konzentrieren Sie sich lieber auf das Mögliche, bevor Sie mir solche unhaltbaren Theorien auftischen.“ Thethu brach seine Tirade ab, als dem Ersten von einem niederrangigen Soldaten ein PADD mit einer Meldung gereicht wurde. Seine Miene versteinerte zusehends.
„Eine weitere Dreierstaffel wurde soeben vernichtet. Wenn es irgendein Raumschiff ist, dann führt sein Kurs jedenfalls genau hierher, wenn man zwischen der Position des ersten und des zweiten Vorfalls einen Zusammenhang herstellt.“ Der Erste reichte Thethu den PADD, wor-auf der ihn kurz oberflächlich studierte und ihn dann dem cardassianischen Gul mit einer hek-tischen Bewegung hinhielt.
„Hier, sehen Sie sich das an. Was soll das also? Sie wollen mir weismachen, dass urplötzlich unsere Patroullien rings um das System herum explodieren und keiner weiss, warum? Kein Strahlungsanstieg, keine Energiesignatur, keine Subraumfelder... nichts?“ Er montierte sich eine Headset-Einheit auf seine Schulter und justierte den Überträger vor seinem Auge, damit dieser den Bildschirm direkt auf seine Netzhaut projizieren konnte und ihm einen Überblick nach draussen ermöglichte
„Wir kümmern uns darum, Thana. Wenn hier im System etwas ist, werden wir es auch fin-den. Nichts, was grösser als zwei Meter ist, entgeht unseren Ortungssensoren.“ Überzeugt von sich selbst, warf Gul Manoj sich in Pose.
Passend dazu blitzte im Hintergrund etwas auf. Als Thana Thethu herumfuhr, konnte er durch das Headset gerade noch miterleben, wie eine Reihe von Detonationen von hinten nach vorne einen der grossen Schlachtkreuzer auseinanderriss. Er war parallel zu ihnen geflogen, löste sich jetzt aber in seine Bestandteile auf. Die Schockwelle liess das Deck erbeben. Eine seiner Warpgondeln kam unglückseligerweise direkt auf sie zugeschossen. Als das dreihundert Meter lange massive Trümmerstück sich selbst überschlagend auf sie zutrudelte, liess er sich instinktiv zu Boden fallen. Indes blieben die Jem’hadar und Cardassianer auf der Kommando-brücke allesamt ungerührt stehen, da sie in dem fensterlosen Raum nichts von der Gefahr ahnten, weshalb sich ein grotesker Anblick ergab. Als die Gondel knapp über sie hinweg-schoss, sah sich der auf dem Deck Liegende unsicher um und erhob sich zaghaft wieder, pein-lich berührt über seine offene Zurschaustellung von Furcht.
Mit wutverzerrtem Gesicht schrie er Gul Manoj an: „Das darf ja wohl nicht wahr sein, Sie Kriecher! Gerade haben wir einen unserer schweren Kreuzer verloren! Was zum Teufel ist hier los? Finden Sie’s heraus, und zwar sofort.“
„Jawohl, Thana Thethu. Ich werde sofort höchste Alarmstufe für das gesamte Geschwader geben und Tachyonen-Scans durchführen lassen. Wir finden die Angreifer!“ Eilig sprang der Cardassianer auf und hastete hinaus, froh, der Ungnade seines Vorgesetzten entfliehen zu können.
„Was für ein Ignorant! Glauben Sie wirklich, dass wir von feindlichen Schiffen angegriffen werden? Das müssten wir doch irgendwie feststellen können, wenn ausser uns noch andere Schiffe im System wären.“ Fragend sah der Vorta seinen obersten Jem’hadar an.
„Wir müssten Ionenspuren aus dem Impulsantrieb, freie Neutrinos aus dem Tarnfeld, ein Sub-raumfeld von bestimmter Grösse oder ein sich enttarnendes Schiff beim Abfeuern der Waffen entdecken können. Sie müssen sich zumindest für ein paar Sekunden zeigen, bevor sie die Tarnung nach dem Schiessen wieder reaktivieren können.“ Nachdenklich sah der Erste, der sein Headset ebenfalls trug, hinaus auf die Trümmer des Schwesterschiffes, die nun zurück-fielen.
Im nächsten Moment gab es ein weiteres Aufblitzen unter ihnen. Sofort wandten sich beide um und sahen hinab. Ausser ein paar herumfliegenden Metallteilen und einem Feuerball war nichts mehr zu erkennen.
„Gerade ist ein weiterer Schlachtkreuzer zerstört worden, oh Thana,“ berichtete ein gemeiner Jem’hadar.
„Wir müssen sofort unsere Formation auflockern, damit nicht andere Schiffe durch Trümmer-stücke beschädigt werden, falls das nochmals passiert. Und geben Sie an alle durch, sie sollen volle Energie auf die Schilde geben.“ Gereizt lief der Vorta ein paar Schritte auf und ab.
„Wir müssen diesem Phänomen doch irgendetwas entgegenzusetzen haben. Was haben die Scans des Raumes um uns herum ergeben? Irgendetwas Auffälliges im Tyra-System?“
Der Erste fragte schnell eine Konsole ab und sah seinen Kommandeur unbewegt an . „Wir haben nichts entdecken können. Die starke Strahlung in vielen EM-Bandbreiten von der Zwillingssonne überlagert viele kleinere Emissionsquellen, aber ein getarntes Schiff kann sie unmöglich verbergen. Selbst wenn die Föderation oder die Klingonen eine Möglichkeit gefunden haben, beim Feuern getarnt zu bleiben, müssten Spuren ihrer Impuls-Abgasstrahlen, wenn ich es so ausdrücken darf, nachweisbar sein. Das einzig Auffällige ist eine kleine An-zahl von örtlich begrenzten Subraumanomalien, doch die haben sich erstens bei einer Über-prüfung stets als natürlichen Ursprungs erwiesen und sind zweitens viel zu klein, um ein gan-zes Schiff mit der nötigen Feuerkraft darin zu verbergen. Wir sind hier einfach zu nahe an diesem Sektor, wo der Subraum zerstört ist.“
Der Vorta fuhr herum, als hinter ihnen ein dritter Schlachtkreuzer zerrissen wurde. Er sah durch seinen Head-Set direkt hinaus auf das Inferno. Mit knirschenden Zähnen presste er hervor: „Erster, was schlagen Sie denn vor, soll ich jetzt tun? Ohne ersichtlichen Grund ver-lieren wir ein Schiff nach dem anderen. Das kann doch nicht ewig so weitergehen!“



„Ich könnte ewig so weitermachen, Captain! Sagen Sie mir bitte, wenn Sie genug haben.“ Wenjorook schien tatsächlich so etwas wie grimmige Genugtuung, die an Freude grenzte, zu empfinden.
„Von mir werden Sie keine Klagen hören,“ erwiderte Lennard nur und sah genüsslich zu, wie Merven ihr Schiff zum nächsten Schlachtkreuzer steuerte, dessen Schilde durchstiess und am unteren Rumpf entlang zur Hecksektion flog, wo ihr Zwillings-Warpkern lag. Er hielt die Fairchild möglichst ruhig, während Wenjorook den Abschuss vorbereitete. Auf dem Monitor sah es beinahe so aus, als flögen sie in der Umlaufbahn um einen Planeten, dessen Oberfläche aus hohen Metall-Gebirgen bestehen würde.
Sie schossen den Quantentorpedo ab, dessen Breite in ihrem jetztigen Zustand nur noch gut zehn Mikrometer betrug, der aber dennoch noch immer mehrere Tonnen wog und dessen Druckgusshülle aus verdichtetem Tritanium- und Duranium-Schaum bestand, gepanzert mit einer Beschichtung aus plasmagebundenem Terminium-Keramik. Mühelos durchschlug der winzige blauweisse Feuerball die Aussenhülle des Schlachtkreuzers. Dann detonierte der Null-Punkt-Initiator im Sprengkopf des Torpedos und setzte direkt neben den Reaktionskam-mern der Warpkerne seine Materie-Antimaterieladung frei, die eine Sprengkraft von über fünfzig Isotonnen entwickelte.
Niemand auf dem Kreuzer bekam mehr mit, was geschehen war, als das gewaltige Schiff von innen heraus in kleinste Stücke gerissen wurde. Die Brückencrew der Fairchild besah sich das Spektakel auf dem Hauptschirm, der nun die Sicht nach hinten darstellte. Sie flogen be-reits den nächsten Kreuzer an.
„So ist’s gut, Merven, konzentrieren Sie sich auf die dicken Fische, die müssen wir uns als erstes vorknöpfen.“ Lennard war sichtlich zufrieden mit dem Verlauf ihrer Aktion.
Darrn meldete: „Die Flotte zieht sich noch weiter auseinander und unternimmt einen weiteren Tachyonen-Scan des umgebenden Raumes.“
„Sie suchen noch immer nach getarnten Schiffen,“ bemerkte Leardini spöttisch.
Dween beugte sich hinüber zum Captain. „Sir, mir kam da eben ein sehr verwegener Ge-danke. Wahrscheinlich halten Sie ihn für Unsinn, aber ich dachte mir, ich teile ihn Ihnen trotzdem mit.“
Nur zu, Counselor, ich bin offen für alles.“ Er hörte sich ihren leise gemurmelten Vorschlag an und meinte dann: „Hm, so schlecht ist das doch gar nicht. Unseren gefallenen Kameraden hätte das sicher gut gefallen.“
Gerade wollte er sich an Darrn wenden, als er sah, wie sie den nächsten Torpedoabschuss vorbereiteten. „Nun, es eilt nicht, bei der Quote von einem Torpedo für ein Schlachtschiff. Mr. Darrn, halten Sie sich bereit, um eine Funkboje zu programmieren und auszusetzen.“
Der klingonische Ops-Offizier sah seinen Kommandeur fragend an. „Was haben Sie vor?“



Thana Thethu tobte, als wieder ein Kreuzer zerrissen wurde. „Ich werde wahnsinnig! Erster, haben Sie diesmal irgendeinen äusseren Einfluss auf das betroffene Schiff feststellen kön-nen?“
„Negativ, Sir. Ich habe allmählich den Verdacht, dass die Zerstörung vom Inneren der Kreuzer ausgeht.“ Sein Untergebener war ebenso ratlos wie er.
„Prüfen Sie anhand der empfangenen Telemetrie-Daten dieser Schiffe, ob etwas daran un-regelmässig ist. Ein technischer Defekt ist wohl auszuschliessen. Oder was meinen Sie?“
„Die einzige vage Möglichkeit, die mir in den Sinn kommt, ist die, dass sich hier in dem Ge-biet, welches wir durchfliegen, spontane Subraumanomalien bilden und sich innerhalb der Schiffe öffnen, von Subraumfeldern angezogen, etwa im Bereich des Maschinenraumes oder der Antimaterie-Lagerstätten. Wenn die Eindämmungsfelder ausfallen, könnte durchaus der Effekt entstehen, wie wir ihn hier erleben.“
„Nein, das glaube ich nicht. Aber was sonst könnte noch in Frage kommen?“ Mit verächt-licher Miene und einer wegwerfenden Handbewegung tat der Vorta diese Möglichkeit ab. Auf einmal erstarrte er und sah den Ersten an.
„Hat jemand innerhalb des Schiffes die Explosionen ausgelöst? Könnte das sein?“
Entrüstet meinte der Jem’hadar: „Niemals! Ein Saboteur oder Verräter innerhalb unserer Rei-hen ist noch absurder als alle anderen Möglichkeiten. Höchstens jemand an Bord, der kein Jem’hadar ist, könnte zu so einer Tat fähig sein.“
„Womit nur noch ein Cardassianer oder Vorta in Frage käme, willst du das damit sagen? Nein, nein, verzieh’ dein Gesicht nicht so, Erster. Ich persönlich vertraue den Cardassianern ebenfalls nicht bedingungslos. Aber wenn man jemanden braucht, um auf ihm herumzu-trampeln und ihm die Schuld für etwas in die Schuhe zu schieben, sind sie ganz nützlich. Die meisten von ihnen begreifen nur einfach nicht, dass sie den Gründern unendlichen Respekt und Gehorsam schuldig sind.“ Der Thana sah sich um, als ein weiterer heller Punkt auf sein-em Monitor erschien. Dieser war weit entfernt und kaum noch zu sehen, da sie ihre Forma-tion weitgehend aufgelöst hatten, aber das Resultat war dasselbe.
„Das war jetzt der sechste. Wir haben über fünfzehntausend Mann, sechs Schlachtkreuzer und sechs Angriffsschiffe verloren, ohne überhaupt zu wissen, ob wir angegriffen werden oder einem anderen Phänomen zum Opfer fallen.“ Die Ohnmacht war Thethu deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Sir, wir empfangen eine Transmission, nur Audio.“ Ein Jem’hadar schaltete die Kommuni-kationsanlage der Brücke auf, worauf eine seltsam modulierte Stimme erklang.
„Hier spricht der Kommandant der Glorreichen Siebten Flotte. Verlassen Sie sofort das Tyra-System, oder wir werden damit fortfahren, ihre Schiffe zu zerstören. Es wird keine wei-tere Warnung geben. Glorreiche Siebte Flotte Ende.“
Während der Cardassianische Verbindungsoffizier hektisch auf die Brücke gerannt kam, ver-lieh der unbekannte Absender der Botschaft seiner Forderung Nachdruck, indem er ein weite-res Schlachtschiff in Stücke schoss.
„Haben Sie das gehört? Sie sind so vermessen und verlangen von uns, das Feld zu räumen... von uns, den wahren Herren des Alpha-Quadranten! Wir sind es, die unaufhaltsam vorrücken, die ihnen zeigen, wo es langgeht.“ Gul Manoj war kurz vor dem Durchdrehen vor Raserei.
„Beruhigen Sie sich! Konnten wir ihre Position feststellen?“ fragte der Vorta quer über die Brücke hinweg den Soldaten an der Komm-Konsole.
„Negativ, Sir. Der Ursprung liegt genau bei dem letzten Kreuzer, der zerstört wurde.“
Gul Manoj trat zu dem Jem’hadar, packte ihn von hinten und riss den überraschten Mann aus seinem Sitz. Im selben Atemzug stellte er sich vor die Instrumente und schrie in den Sender hinein: „Ihr elenden Feiglinge! Wir werden euch zeigen...“
Thana Thethu schrie erregt: „Nein! Holt den Idioten vom Mikrofon weg! Er verrät...“
Ein Grollen tief im Bauch ihres Kreuzers liess ihn verstummen. Der Cardassianer sah auf. „Was ist das?“
„Das, Sie Volltrottel, ist der Antrieb, der von den Feinden beschossen wurde, nun da Sie net-erweise die Position des Flaggschiffes mit Ihrer Sendung verraten haben. Gleich fliegt uns hier alles um die Ohren.“ Der Vorta stellte sich aufrecht hin, alle Jem’hadar taten es ihm gleich.“
Mit angstgeweiteten Augen rief Gul Manoj: „Um Himmels Willen! Wir... wir müssen zu den Fluchtkapseln...“
Thethu lachte schallend und warf den Kopf in den Nacken. „Fluchtkapseln? Was glauben Sie, wo Sie hier sind? Auf einer Vergnügungsreise? Dies hier ist ein Schlachtkreuzer der Jem’ hadar.“
Ernüchtert murmelte Manoj: „Na klar... wenn der Pott nicht ‘mal Fenster hat...“
Eine starke Erschütterung liess das Schiff erzittern, dann brach die Eindämmung der Anti-materie-Tanks vollends zusammen.



„Sie lockern ihre Formation noch weiter auf,“ bemerkte Merven, indem er bereits auf den nächsten Kreuzer zuhielt. Wenjorook fragte den Torpedobestand ab. „Also, unser Vorrat an Quantentorpedos hätte genügt, um jeden einzelnen von ihnen nach und nach zu terminieren. Das wäre mir lieber gewesen als diese Warnung auszusenden.“
„Aber so konnten wir ihr Führungsschiff eliminieren,“ gab Lennard zu bedenken, „und wenn das hilft, sie zu einem schnellerem Rückzug zu drängen, soll es mir nur recht sein. Die Jem’hadar sind so unberechenbar, dass ich selbst jetzt noch nichts dafür verwetten würde, dass sie sich zurückziehen. Sie wissen schon, dieser ‘Siegen ist Leben’-Quatsch. Wenn sie wirklich bleiben wollen, soll’s mir recht sein. Wir haben für jeden von ihnen einen Torpedo übrig, wie Mr. Wenjorook bereits so treffend bemerkt hat.“
„Ach komm, Kyle,“ widersprach Leardini wenig formell, „was sollen sie denn sonst tun? Sie werden gerade , ohne jede Chance zur Gegenwehr, einer nach dem anderen dezimiert, von der auf wundersamen Weise nicht mehr zu ortenden ‘Glorreichen Siebten Flotte’... die Klingonen werden diese Geschichte lieben, weisst du das eigentlich, Kyle?“
„Sie werden ein Lied über diese Schlacht schreiben,“ bestätigte Darrn, ohne von seinen In-strumenten auch nur aufzusehen.
Sie grinste: „Siehst du?“
„Und wieder einer,“ rief Wenjorook, worauf Merven schnell abdrehte und aus dem Explo-sionsradius des nächsten Schlachtschiffes herausmanövrierte, als dieses in tausend Stücke zerrissen wurde.
Der Andorianer stutzte: „Sir, sie scheinen das System zu verlassen; die meisten haben einen Kurs Richtung Theta Sigma Rho eingeschlagen und sind auf vollen Impuls gegangen.“
„Schicken Sie sofort die vorbereiteten Sonden los, damit die Flüchtlinge in den eingeschlos-senen Systemen und die Transportschiffe entlang der Grenze wissen, dass der Korridor durch das Tyra-System jetzt frei ist. Wir folgen ihnen noch eine Weile und stellen sicher, dass sie es sich nicht anders überlegen und doch noch umkehren.“
„Sir?“ Fragend sah Wenjorook seinen Captain an.
„Zerstören Sie noch so viele, wie Sie können, achten Sie aber darauf, dass Sie die zeitlichen Abstände zwischen den Abschüssen verlängern, je weiter die Jem’hadar sich vom System entfernen. Dann sieht es für sie so aus, als würden mehr und mehr Schiffe dieser ominösen Flotte die Verfolgung aufgeben, je weiter sie sich von Tyra entfernen.“
„Du wiederholst dich,“ raunte Leardini ihm zu.
„Wenn schon,“ gab er ebenso leise zurück. „Hauptsache, jeder weiss, was ich meine.“
Merven unterbrach ihren nicht gerade druckreifen Dialog: „Die Besatzungsflotte geht auf Warp und verlässt das System. Soll ich ihnen folgen?“
„Nein, wenn wir den Warpantrieb benutzen, steigen unsere Energieemissionen auf das Milli-onenfache an. Wir können nicht sicher sein, dass sie uns dann nicht doch orten können, vor allem auch weil dann die beiden Sonnen von Tyra zu weit entfernt sind, um unsere Signatur zu überlagern.“
„Aye, Sir, ich wende und nehme Kurs zurück auf den Nebel.“ Merven wartete einen Moment, ob Lennard nicht doch andere Order für ihn hatte, dann führte er die Kurskorrektur aus.
Eine Viertelstunde darauf traf die Bestätigung ihrer Nachricht bei ihnen ein. Ihre Sonde war angekommen und hatte die sofortige Mobilisierung der Truppentransport-Kontingente zur Folge gehabt. Die ersten zwanzig Schiffe nahmen Kurs auf die eingeschlossenen Gebiete. Ausserdem waren die meisten restlichen Schiffe der Siebten Flotte soweit instandgesetzt, dass diese zu Begleitschutzzwecken ebenfalls das Tyra-System ansteuerten und sozusagen einen ‘Brückenkopf’ etablierten.
Die Fairchild jedoch hatte im wahrsten Sinne des Wortes noch eine ‘Kleinigkeit’ zu erledi-gen. Einen bangen Moment lang, als sie die Irtaleenier-Röhre von der anderen Seite her an-flogen, stellte sich bestimmt jeder auf der Brücke die Frage, ob ihre Transformation auf die alte Grösse wirklich so reibungslos funktionieren würde, wie sich Wuran das gedacht hatte. Doch dann wurden sie von dem Äquivalent eines Traktorstrahles erneut angezogen und durch das Innere der langen hohlen Apparatur hindurchbeschleunigt.



Diesmal schien es nicht so lange zu dauern, bis alle wieder wohlauf waren, nachdem sie die Röhre passiert hatten. Sie nahmen eine schnelle Überprüfung durch und führten eine Ebene-Drei-Diagnose durch, wie sie es auch nach dem ersten Erlebnis dieser Art getan hatten. Das Schiff war durch diese einzigartige Erfahrung nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, so-viel stand fest.
„Und was jetzt?“ fragte Dween ein wenig ungeschickt.
Lennard seufzte. „Ich denke, das beste wird sein, wir sorgen dafür, dass diese Einrichtung dem Feind nicht in die Hände fallen wird. So sehr mir das auch widerstrebt, derart unersetz-liche Dinge sinnlos zu zerstören, in unserem Falle muss es wohl sein. Nicht auszudenken, was mit uns geschehen würde, wenn das Dominion unsere Taktik mit der Irtaleenier-Röhre gegen uns benutzen würde.
Mr. Wenjorook, versuchen wir es mit einem Phaserstoss?“
Der Andoraner nickte und nahm die entsprechenden Einstellungen auf seiner Konsole vor. „Phaser sind bereit, Sir.“
„Feuer,“ befahl Lennard mit bedauernder Miene.
Der goldorangene Strahl löste sich aus der unteren Phaserbank und traf auf die Röhre. Doch statt einen destruktiven Schaden anzurichten, wurde die Energie der Nadion-Entladung über die gesamte Röhre geleitet, so dass der gewaltige Körper kurz in einem goldenen Schimmer aufleuchtete, der langsam wieder verblasste.
Lennards Kopf fuhr herum zu Wuran. „Was ist passiert?“
„Einen Moment, Sir. Die Energie des Phasers wurde offenbar...“ Die Wissenschaftsoffizierin der Fairchild stutzte. „Da geschieht etwas! Die Werte meiner Anzeige spielen verrückt... ich verliere das Signal....“
Alle sahen auf, als die Konturen der Röhre, die ohnehin schlecht auszumachen waren, ver-schwammen und sich aufzulösen begannen. Eine Sekunde darauf war nichts mehr zu erken-nen.
„Die Röhre ist aus der Phase geraten, ich habe keine Anzeigen mehr. Das kann so ein ähnli-ches System sein wie die von der Föderation illegal entwickelte Tarnvorrichtung, mit der man nicht nur unsichtbar, sondern auch substanziell nicht mehr erfassbar war. Allerdings habe ich darüber keinerlei Aufzeichnungen gefunden, Captain. Einen Moment...“ Wuran rief etwas aus dem Hauptcomputer auf und überflog anscheinend einen Wust von Daten, bis sie aufmerkte.
„Hier habe ich etwas in den Aufzeichnungen des Ewigen von Alnilam gefunden. Es scheint sich hier um eine Art Schutzmechanismus gegen äussere Einflüsse zu handeln. Da die Irtaleenier keinerlei Waffenbeschuss kannten, ist unser Phaserstoss wohl als eine Art Strahlungssturm bewertet worden, wodurch die Automatik der Röhren-Steuerung als übliche Schutzmassnahme diese Phasenverschiebung vorgenommen hat, um sich jedwedem äusseren Einfluss zu entziehen.“
„Das heisst also, dass niemand mehr an sie herankommt,“ mutmasste Leardini. „Aber für wie lange? Und gibt es eine Möglichkeit, sie durch technische Manipulation wieder in die Nor-malphase zu bringen?“
Wuran studierte die zugehörigen Texte und meinte nach kurzer Zeit: „So, wie es hier steht, ist die Röhre in diesem Zustand praktisch unantastbar. Die einzige Möglichkeit, sie wieder in ihren Normalzustand zu bringen, ist ein verschlüsseltes Signal, das nur den Irtaleeniern selbst bekannt war. Und nach dem, was hier steht, wird sie so lange phasenverschoben bleiben, bis jemand sie wieder zurückholt. Den Texten nach konnten Ionenstürme und andere Raum-turbulenzen damals sehr lange anhalten; es muss eine sehr unruhige Zeit im Weltall gewesen sein. Offenbar waren manche dieser Einrichtungen für Jahrzehnte phasenverschoben, wenn sie nicht benutzt wurden.“
„Das beruhigt mich,“ sagte Lennard, „da es nun so aussieht, als könnte auf unbestimmte Zeit niemand mehr Hand an die Röhre anlegen. Damit hat sich unser Problem wohl von selbst er-ledigt.“
„Was hält uns dann noch hier? Auf ins Tyra-System,“ schloss sich Leardini an.
„Conn, Sie haben die Commander gehört. Kurs nach Tyra setzen.“



Sie kamen gerade im System an, als die ersten beiden Schiffe der nun überflüssigen Ent-satzflotte ankamen. Es handelte sich um zwei klingonische Vor’cha-Klassen, die Kum’sho und Veg’da. Der Kapitän der letzteren rief sie, kaum dass sie auf einer Umlaufbahn um die beiden Sonnen waren.
„Hier spricht Captain Sterok von der Veg’da. Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dür-fen.“
„Erteilt, Herr Kollege. Warum lassen Sie sich nicht direkt auf die Brücke beamen?“ schlug Lennard gönnerhaft vor.
Anstatt einer Antwort erschien der typisch klingonische Transporterfokus mit dem scharfen Sirren, das gleich wieder verklang, als sich die Kontur eines imposanten Kriegers in der übli-chen schwer gepanzerten Dienstmontur direkt vor dem Hauptbildschirm bildete. Sofort nach-dem er die Orientierung zurückgewonnen hatte, marschierte er an Ops und Conn vorbei auf den Captain zu. Lennard erhob sich und stieg die Stufe hinab auf seine Ebene, um ihm die Hand zum Gruss hinzustrecken.
„Einen guten Tag wünsche ich, Captain Sterok. Dies ist mein Erster Offizier, Commander Leardini und dort Counselor Dween.“
Der Klingone war offenbar ein wenig beeindruckt von Lennards festem Händedruck und seiner Körpergrösse, da er es sicher nicht gewohnt war, zu einem Terraner aufsehen zu müs-sen. Er gab sich jedoch Mühe, das zu verbergen und erwiderte den für ihn ungewohnten menschlichen Gruss. „Danke, Captain Lennard. Ich wollte mir ihr ‘schönes Mädchen’ einmal ansehen, da ich noch nie ein Schiff der Sovereign-Klasse von nahem gesehen habe. Es stimmt also, was man von diesen Raumschiffen sagt.“
„Was sagt man denn von ihnen? Und vor allem wer?“ fragte Leardini mit ihrer gewohnten Unverblümtheit, was ihrem Gegenüber aber zu gefallen schien.
„Ich sehe, in Ihnen steckt ein wenig von einem Klingonen, Commander. Nun, ich hörte von einem entfernten Bekannten, die neuen Flaggschiffe der Föderation sind ein wenig mehr wie Kriegsschiffe konzipiert und machen ein bisschen, wenn auch nur ein bisschen, einen klin-gonischeren Eindruck. Die Brücke zum Beispiel ist nicht mehr so hell und übertrieben freund-lich gestaltet wie bei der Galaxy-Klasse, die Instrumente sind eckiger, nicht alle so weich und abgerundet. Hier sieht man klare Flächen und Kanten.“ Er fuhr über eine Konsole, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
„Auf diese Weise habe ich es noch nie gesehen. Vielleicht spiegelt das Design einfach den Geist der Zeit wider; die Zeit der Weichheit ist vorbei, harte Tatsachen sind gefragt.“ Die Ital-ienerin lächelte grimmig.
„Fürwahr. Jetzt erzählt aber, wie ihr das geschafft habt, das Dominion aus dem System zu jagen. Wie kann ein einzelnes Schiff das vollbringen, was eine ganze Flotte nicht schafft?“
Lennard gab sich philosophisch. „Es kommt ganz auf die Grösse dieses Schiffes an, Captain.“
Als die gesamte Brückencrew lachen musste, wurde der Unwille des Klingonen geweckt. „Wie darf ich das verstehen?“
Lennard gab ihm eine Kurzfassung der Ereignisse wieder und beobachtete, wie sein Gesicht immer mehr in ehrfürchtiges Staunen verfiel. Schliesslich, als er geendet hatte, fragte er nur: „Und das soll ich glauben?“
„Lieber Herr Kollege, an Bord Ihres Schiffes hätten wir jetzt unsere D’k Tahgs gezogen und uns ein fröhliches Duell um die Ehre geliefert, nicht wahr? Ich habe etwas Produktiveres, was wir uns als Andenken an dieses Abenteuer aufgehoben haben. Bevor wir unsere alte Grösse erhielten, haben wir dieses Kleinod hier abgeworfen. Sehen Sie nur hier.“ Lennard führte Sterok nach vorne zum Hauptbildschirm, wo auf der Seite ein stabiler Displayständer in einer Nische stand, auf dem ein kleines transparentes Kunststoffkästchen mit etwa zwei Zentimeter Kantenlänge lag. An der Seite war eine kleine elektronische Lupe installiert.
„Wir haben leider auf die Schnelle keinen besseren Ort dafür gefunden, aber eigentlich sieht es auch so ganz gut aus. Wollen Sie durch die Lupe sehen?“
„Wozu? Ich sehe auch ohne Lupe, dass dieser Behälter leer ist.“ Der Klingone war nicht überzeugt.
„Gut, bitte reichen Sie ihn mir.“ Lennard wartete geduldig, während Sterok das Kästchen packte, um dann festzustellen, dass es sich keinen Deut rührte. Er versuchte es nochmals mit mehr Kraft, dann zog er mit aller Macht daran, bis es ihm zu dumm wurde.
„Was soll das, Captain? Ist der Kasten angeklebt oder wird er mit einem Kraftfeld an seinem Ort gehalten?“
„Nein, es ist tatsächlich das Gewicht seines Inhalts,“ erklärte der Neuseeländer grinsend, als sein Kollege den Behälter nun doch in genaueren Augenschein nahm.
„Da ist nur ein winziger schwarzer Fleck auf der Mitte des Bodens.“ Nun drehte er die Lupe zurecht und spähte mit einem zusammengekniffenen Auge hindurch. „Das... das ist ein Photo-nentorpedo!“
„Selbstverständlich ein leerer, der beinahe 250 kg wiegt,“ erklärte Lennard.
„Es stimmt also tatsächlich. Über ihre Tat wird ein Lied im Reich geschrieben werden,“ be-merkte der Klingone staunend.
„Das ist mir auch schon von anderer Seite versichert worden.“
- 6 -

Nach mehreren Stunden durchflog der erste Konvoi aus zwanzig Truppentransportern das System und nahm Kurs auf Minoris, wo die meisten der Siedler auf sechs der elf Planeten des Systems lebten. Die beiden Vor’cha schlossen sich ihnen an, worauf die Fairchild für die nächsten paar Stunden wieder das einzige Schiff im System sein würde, bis der Rest der Siebten Flotte zu ihnen stossen würde. Und endlich war auch die Nachricht eingetroffen, dass der Entsatz für sie unterwegs war.
Bei der Lagebesprechung studierte Leardini die Liste an Schiffen, die für sie abgestellt wor-den waren. Verwundert fragte sie: „Wo hat die Föderation nur so schnell so viele Schiffe her-bekommen?“
Lennard antwortete resigniert: „Das sieht auf dem PADD besser aus, als es in Wirklichkeit ist. Zunächst einmal grasen Frachtraumer die Schlachtfelder ab, die noch zugänglich sind, das heisst nach der Schlacht nicht hinter den Feindlinien liegen, was für meinen Geschmack viel zu selten der Fall ist. Aus geborgenen Komponenten mehrerer verschiedener Schiffe werden auf gut Glück die abenteuerlichsten Unikate zusammengebastelt, die auch keiner bestimmten Klasse zugeordnet werden können. Nach kurzen Flugtests werden diese dann wieder ins Feld geschickt.“
Merven warf ein: „Ich habe auch gehört, dass viele Schiffe, die gerade im Bau sind, gar nicht mehr innen voll ausgebaut werden, sondern nur noch mit zusätzlichen Waffen bestückt und mit Rumpfmannschaft zum Teil sogar ohne Namen und offizieller Registrierungsnummer provisorisch in Dienst gestellt werden. Manche Galaxy-Modelle sollen bis zu 65% in der In-nenstruktur leer sein, wenn sie auf dem Schlachtfeld auftauchen. Man nennt die namenlosen Typen bisweilen pathetisch die ‘Geisterschiffe’.“
„Das ist an Pathetik wirklich kaum noch zu übertreffen,“ stimmte Darrn zu und fügte hinzu: „Man muss sich auch nicht mehr über die recht seltsamen Namen wundern, welche die neuer-en Schiffe zum Teil tragen, da die namenlosen von der Crew mit zum Teil sehr persönlich ausgewählten Namen ausgestattet und diese dann später ohne langes Überlegen von der Flotte offiziell übernommen werden. Manchmal wirklich sehr befremdend.“
„Besondere Zeiten erfordern eben besondere Massnahmen, das war schon immer so. Haupt-sache, diese Schiffe funktionieren auch, wenn es darauf ankommt,“ erklärte Lennard seinen Standpunkt. „Wenn Sie Fragen haben...“
Dween merkte auf: „Mich würde interessieren, wie der Nachrichtendienst der Sternenflotte unsere Lage im Zusammenhang mit der Gesamtsituation in diesem Frontabschnitt sieht. Wis-sen Sie etwas darüber, wie hoch das Risiko eingeschätzt wird, dass das Dominion mit mas-sivem Einsatz versuchen wird, uns das Tyra-System wieder abzunehmen?“
Lennards Miene drückte offenes Staunen aus. „Mrs. Dween, was tun Sie eigentlich hier auf diesem Schiff als Counselor? Sie gehören in eine rote Uniform und in einen taktischen Analy-tikerstab auf eine Sternenbasis.“
„Ich weiss, Sir,“ stimmte Dween unbescheiden zu.
„Vergessen Sie’s gleich wieder. Meines Wissens brauchen die Admiräle und Captains dort ausnahmslos bescheidene Adjutanten, damit sie deren Arbeitserfolge für sich selbst ein-heimsen können.“ Alle lachten.
„Nun, um auf Ihre Frage zurückzukommen,“ fuhr er fort, „es sieht so aus, als haben sich die Prioritäten des Dominion, gleich nachdem sie uns so vernichtend geschlagen hatten, erheblich in andere Teile der Angriffslinien verlagert. Offenbar hat auch unsere nette kleine Aktion nichts daran geändert. Die Gründer planen stets extrem weit voraus, was uns die Analyse ihrer Absichten stark erschwert, doch sie denken dem Anschein nach, dass es uns wichtiger ist, un-sere Zivilisten so schnell wie nur irgend möglich aus dem gefährdeten Raum zu evakuieren. Sie trauen uns wohl soviel Weitsicht zu, dass wir annehmen, sie werden diesen Sektor früher oder später ohnehin erobern. Jedenfalls haben sie sich bisher damit begnügt, im betreffenden Raum nur die Systeme Z’essvaal und Epsilon Theta einzunehmen. Diese waren glücklicher-weise nur sehr dünn besiedelt; die Forschungs- und Siedleraussenposten wurden aus eigener Kraft mit den dort vorhandenen Schiffen vollständig evakuiert, auch wenn in manchen Fällen einiges an Überredungskunst der verantwortlichen Verwalter nötig war, wie ich gehört habe.“
„Und das Minoris-System?“ fragte Merven.
„Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind bislang auf unzähligen kleineren Schiffen im Raum zwischen Minoris und Tyra verteilt und in Wartestellung gewesen. Sie müssen in wenigen Minuten ankommen und gleich zur Sternenbasis 72 weiterfliegen, wo man sich ihrer anneh-men wird. Die Truppentransporter werden mehrmals hin- und herfliegen müssen, um alle aus dem Krisengebiet herausbringen zu können. Für uns heisst das, wir müssen mit den vor-handenen Kräften Stellung im Tyra-System und entlang der Route zum Minoris-System be-ziehen, um die Konvois vor potentiellen Angriffen von Jem’hadar-Patroullien zu schützen. Ferner gilt es, Eskorte für die Konvois selbst zu fliegen.“
„Und das alles mit der Handvoll Schiffe, die wir hier vor Ort haben?“ wollte Wenjorook wissen.
„Die Entsatzflotte wird bald ankommen,“ beschwichtigte Lennard seinen Sicherheitschef. „Für den ersten Konvoi werden wir selbst mit einigen anderen Schiffen direkt Eskorte fliegen, danach haben wir genügend Schiffe, um den Korridor zwischen beiden Systemen offenzu-halten. Uns kommt zugute, dass wir den Lantaru-Sektor im Rücken haben, was konkret be-deutet, dass wir nur aus zwei Richtungen angegriffen werden können: entweder direkt aus dem cardassianischen Raum oder von den besetzten Systemen hinter Theta Sigma Rho aus. Sie werden nicht zwei Jahre mit Impuls durch den instabilen Sektor fliegen, um uns über-raschend aus dem Hinterhalt anzugreifen.“
„Gestatten Sie einem alten Mann, etwas dazu zu sagen, Sir,“ sagte Merven bedächtig, worauf alle aufhörten. Es kam denkbar selten vor, dass er sich direkt auf seinen Soares-Symbionten berief, um seiner Meinung Ausdruck zu verleihen.
„Sie werden uns nicht angreifen. Nicht mit starken Kräften, höchstens sporadisch mit der einen oder anderen Patroullie.“
„Wie kommen Sie darauf, alter Mann?“ wollte Leardini wissen und betonte die letzten beiden Worte theatralisch, um das ganze ein wenig ins Lächerliche zu ziehen.
„Die Gründer streben vor allem eines an: Kontrolle. Ihr primäres Ziel ist es, alle Völker unter ihre Kontrolle zu bringen, denn Kontrolle ist für ihre Begriffe gleichbedeutend mit Sicherheit. Sie planen immer weit im voraus und legen viel Wert auf umfassende Informationsbe-schaffung. Unsere Vertreibung der Jem’hadar von Tyra ist etwas, was sie nicht - oder jeden-falls noch nicht - verstehen. Ich möchte nicht behaupten, dass ihnen das Angst macht, aber sie sind zumindest vorsichtig geworden. Sie sehen sich konfrontiert mit einer aus ihrer Sicht-weise unbekannten Technologie, die es ihnen unmöglich gemacht hat, den Feind zu orten. Sie waren uns praktisch wehrlos ausgeliefert. Bevor sie nicht wissen, was das war, ist dieses Ge-biet für sie unsicher geworden, weshalb sie sich zurückhalten und den Vorfall genauestens analysieren werden.
In der nächsten Zeit werden sie uns sicher besonders gut beobachten, vielleicht Aufklärungs-missionen starten, mit Sicherheit aber werden sie versuchen, in Erfahrung zu bringen, was sie hier so schwer und unvorbereitet erwischt hat. In diesem Zusammenhang sollten wir auch das Oberkommando der Sternenflotte benachrichtigen und sie vor der extrem hohen Gefahr der Infiltration durch Wechselbälger informieren.“
Während Dween ihn beeindruckt anhimmelte, bemerkte Lennard: „Das ist nicht von der Hand zu weisen, Mr. Soares. Ich muss zugeben, dass mir einige dieser Gedankengänge auch schon gekommen waren, aber sie so kurz und klar formuliert und in diesem deutlichen Zusammen-hang zu hören, erspart mir viel Kopfzerbrechen.“
„Wenigstens wissen wir jetzt, warum wir einen so schweren Stand gegen die Jem’hadar haben. Wenn die beiden besten Analytiker und Strategen im Sektor bei uns als Steuermann und Schiffsberaterin vergeudet werden, müssen wir ja verlieren.“ Leardinis Humor war wohl für die meisten im Saal nicht nachvollziehbar, jedenfalls blieb es ruhig, worauf die Erste Offi-zierin ernüchtert schwieg.
Eine Kommverbindung wurde geöffnet: „Brücke an Captain: der erste Flüchtlingskonvoi trifft im System ein.“
„Danke, wir sind hier gleich fertig. Captain Ende.“ Nachdem die Leitung wieder geschlossen war, sagte Lennard abschliessend: „Ich denke, damit sind wir alle informiert über die Lage und zumindest teilweise darauf vorbereitet auf das, was uns erwarten mag.“
„Bis auf den Anblick der zusammengewürfelten Schiffstypen der Ersatzflotte,“ fügte Nirm hinzu, worauf die Stimmung wieder gelöster wurde.
„Informieren Sie Ihre Stationen. Bis morgen vierzehnhundert.“
Die Beobachtungslounge leerte sich schnell, alle hatten zu tun.



Nach einer Woche kam die Nachricht an. Lennard beraumte sofort eine Sitzung der Führungs-offiziere an. Es dauerte ein paar Minuten, bis diejenigen, die gerade keinen Dienst gehabt hat-ten, in der Beobachtungslounge eingetroffen waren.
Kaum hatten sich Nirm und Endi, die letzten beiden Nachzügler, gesetzt, da begann der hoch-gewachsene Neuseeländer: „Es gibt Neuigkeiten.“
„Ihrem Gesicht nach nur die besten,“ bemerkte Merven ein wenig unverschämt.
„Sie können in mir lesen wie in einem Buch, Lieutenant Commander,“ erwiderte der Captain ohne jeden Anflug von Humor.
Als er sicher sein konnte, dass ihm alle aufmerksam lauschten, gab er genaueres bekannt: „Ich habe gerade eine verschlüsselte Mitteilung erhalten, dass Captain Sisko und seine Führungs-crew sich in einem Jem’hadar-Angriffsschiff ins Territorium des Dominion eingeschlichen haben und dort das Hauptvorratslager an Ketracel-White im Alpha-Quadranten vernichtet haben.“
Ein erfreutes Durcheinander an Kommentaren folgte, bis Merven fragte: „Warum machen Sie eine so ernste Miene, Captain? An sich ist das doch eine sehr gute Nachricht.“
Schnell wurde es wieder ruhig. „An sich schon. Nur die Konsequenzen sind nicht ganz so schön. Es ist sicher richtig, dass das Dominion jetzt unter starkem Druck steht. Andererseits gehen sie jetzt natürlich umso heftiger auf uns los, weil sie gewissermassen mit dem Rücken zur Wand stehen. An der gesamten Front ist es zu erhöhter Aktivität der Jem’hadar gekom-men; sie haben bereits drei Systeme überrannt, die wir eigentlich als befestigt angesehen hat-ten.
Und noch etwas: Sisko und seine Crew sind nicht zurückgekehrt. Sie gelten offiziell als ver-misst.“
Betretenes Schweigen.
Leardini fasste sich schliesslich als erste und wollte wissen: „Was bedeutet diese Verän-derung für uns?“
„Nur eines: die Schonzeit ist vorbei. Letzten Meldungen zufolge zieht das Dominion sowohl bei Z’essvaal als auch im Theta Sigma Rho-System neue Kräfte zusammen. Sie wollen uns Tyra wieder wegnehmen. Und sie werden es auch schaffen, da mache ich mir gar keine Illu-sionen. Die Flotte hat bereits reagiert und eine starke Verteidigungslinie aus zwei Flotten etwa zwanzig Lichtjahre hinter unserer Position etabliert. Das heisst für uns, dass der Raum vor diesen Linien mittelfristig als verloren angesehen wird. Die Verlegung der Sternenbasis 72 ist schon beschlossene Sache und in der Vorbereitungsphase.“
„Steht es denn so schlecht, dass die Föderation schon auf eine Raum-für-Zeit-Tausch-Politik zurückgreifen muss?“ Dween sah besorgt aus.
„Die Klingonen kämpfen um jeden Stern wie die Wölfe und haben mit dieser Methode im Verhältnis viel höhere Verluste zu beklagen als wir durch geschickte Raumaufgabe und tak-tischen Rückzug. In unserer Lage haben wir einfach kaum eine andere Wahl, als sie kon-trolliert ins Leere laufen zu lassen, bis sie dann wieder auf gut befestigte Verteidigungsstel-lungen von uns treffen. Und wir müssen uns endlich besser mit unserem Alliierten ko-ordinieren und ihn vor allem auch überzeugen, ein wenig mehr von unserer Taktik anzu-nehmen. Ich weiss, das klingt vermessen und menschlich-egozentrisch, was uns ja oft genug vorgeworfen wird, aber was nutzen uns ehrenvoll Gefallene, wenn der Feind schlussendlich unsere Heimat erobert und uns unsere kulturelle Identität nimmt? Und das wird das Dominion gleich als estes tun, sollte dieser finstere Tag wirklich einmal kommen, das können Sie mir unbesehen glauben!“ Lennard legte eine für ihn ungewöhnliche Leidenschaft an den Tag, so dass sich einige der Führungsoffiziere erstaunt ansahen.
„Nun, jedenfalls haben wir noch einen weiteren Transportkonvoi nach Minoris und zurück zu fliegen, bis wir alle Leute da herausgeholt haben. Schaffen wir das?“ wollte Leardini wissen.
„Ich hoffe es. Wenn wir Glück haben, greifen sie nicht an, bis wir den letzten Konvoi heraus-gebracht haben. Wenn nicht, müssen wir versuchen, das System zu halten, bis wir die Flücht-linge an Tyra vorbei ins sichere Föderationsgebiet geschafft haben.“
„Wunschdenken,“ murmelte Wenjorook mit vor der Brust verschränkten Armen.
„Mag sein. Wir werden sehen, was auf uns zukommt. Jedenfalls werden sie unsere Sensoren kein zweites Mal so schändlich täuschen können wie bei der ersten Schlacht. Ich habe vor, die Schiffe unserer Kampfgruppe umgehend zu informieren und auf das vorzubereiten, was uns erwartet.“
„Wen werden wir bei unserem Trip in Feindesland denn alles dabeihaben?“ fragte Merven wissbegierig.
„Nun, dem Vernehmen nach keine klingonischen Einheiten; diese werden verstärkt entlang der Route aus dem Minoris-System hinaus zu Z’essvaal hin in getarntem Zustand patroul-lieren, um die Jem’hadar zu irritieren. Solang die Schiffe nur mit Impuls fliegen, sind sie nicht präzise zu orten, was einen gewissen Unsicherheitsfaktor für die Feindkräfte darstellt. Nicht dass der taktische Wert dieser Vorgehensweise unermesslich hoch wäre...“
„...Aber zur Zeit nehmen wir wohl alles, was wir bekommen können, nicht wahr? Und die anderen Eskort-Schiffe? Wer ist denn alles dabei?“ Auch Leardini war recht ungeduldig.
Lennard las eine kurze Liste mit Schiffsnamen und Registrierungsnummern von einem PADD hinunter:

„USSRabinN.C.C. - 63293Akira-Klasse USSThunderchildN.C.C. - 63549Akira- Klasse USSRepulseN.C.C. - 2544Excelsior- Klasse USSTecumsehN.C.C. - 14934Excelsior- Klasse USSProkofiewN.C.C. - 68814Andromeda- Klasse USSBellerophonN.C.C. - 74705Intrepid- Klasse USSAdelphiN.C.C. - 26849Ambassador- Klasse USSBataiN.C.C. - 4601Nebula- Klasse USSEndeavourN.C.C. - 11805Nebula- Klasse USSPhoenixN.C.C. - 65420Nebula- Klasse USSUlyssesN.C.C. - 66808Nebula- Klasse USSVentureN.C.C. - 71854Galaxy- Klasse“
Leardini horchte auf: „Die Bellerophon? Aber wird die nicht von Admiral Ross befehligt? Du müsstest ihm doch das Kommando über den Verband übertragen, oder?“
Lennard schüttelte den Kopf. „Der Admiral ist seit über zwei Monaten auf der Sternenbasis 375 im dortigen Flottenbefehlsstab im Einsatz und bringt seine hervorragenden strategischen Fähigkeiten ein. Seine wertvolle kleine Intrepid-Klasse wird seitdem im Fronteinsatz vom ersten Offizier befehligt. Frag’ mich nicht, wie der gute Mann heisst, ich bin ihm noch nie be-gegnet.“
„Immerhin haben wir vier Nebulas und eine Galaxy im Verband, das ist doch schon mal etwas.“ Wenjorook schien wenigstens vom Feuerpotential ihrer Begleiter halbwegs zufrieden-gestellt.
„Ja, und ich beabsichtige, die Kommandanten der Venture, Endeavour und Adelphi zu einer kurzen Besprechung hierher einzuladen, bevor wir starten. Wir können uns dann absprechen, wie die vier Flügel des Konvois abgesichert und im Ernstfall verteidigt werden sollten. In etwa einer Viertelstunde sollten alle drei in Transporterreichweite sein. Sobald alle Captains an Bord sind, starten wir mit dem gesamten Konvoi und gehen unterwegs kurz unter Warp, um alle auf ihre Schiffe zurückzubeamen. Das wär’s fürs erste. Ich informiere Sie dann über die Ergebnisse der Konferenz, wenn...“ Lennard brach ab, als ein Audiosignal erklang.
„Brücke an Captain. Sir, wir haben einen Ruf von Commander Kall erhalten. Wollen Sie ihn in ihren Bereitschaftsraum geschaltet haben?“
„Nein, legen Sie ihn ruhig hierher, wir waren ohnehin fertig. Danke, Komm.“
Einen Moment später baute sich das Bild an einem der Monitore an der Stirnseite des Raumes auf und zeigte die relativ junge Betazoidin mit den langen, schwarzen Haaren und tiefdunklen grossen Augen. Sie sass auf dem Kommandantensessel auf der Brücke der Aldebaran und schien sichtlich vergnügt zu sein. „Ah, alle traut versammelt. Wie geht es Ihnen?“
„Wir haben einiges mitgemacht in letzter Zeit. Danke der Nachfrage. Und Sie? Noch immer auf meinem alten Stuhl?“ Lennard verfiel ungewollt in den neckenden Tonfall zurück, in dem er mit seiner ehemaligen Schiffsberaterin konversierte.
„Nun, noch, wie Sie ganz richtig gesagt haben. Aber die Ablösung hat sich etwas verzögert, da wir zu ihrer Verteidigungsflotte abkommandiert worden sind, als sich die Lage so drastisch verändert hat. Sie werden nicht erraten, wer die Aldebaran übernehmen wird.“
„Ich hatte gehofft, Vakuf, aber so wie Sie sich anhören, scheint diese Hoffnung vergebens zu sein.“
Kall nickte, nun weniger fröhlich. „Ich gebe Ihnen einen Tip: Er ist in letzter Zeit Sesselfurzer im Oberkommando der Sternenflotte in San Francisco gewesen, hat uns im Tiragoni-System ganz schönen Ärger bereitet und giert schon seit einer Ewigkeit nach dem Kapitänsstuhl einer Galaxy-Klasse... den er leider Gottes jetzt schlussendlich auch bekommen wird.“
Leardini war aufgesprungen. „Jellico? Vize-Admiral Jellico soll das Kommando über die Aldebaran erhalten? Ich wusste nicht, dass die Föderation so abgrundtief verzweifelt ist.“
Lennards Kehle wurde trocken, als er leise fragte: „Wann?“
In Kalls Gesicht kehrte das Lächeln zurück: „Das ist der gute Teil. Er war mit einem Fracht-transporter unterwegs und noch einen Tag von der Sternenbasis 72 entfernt, als die Lage hier so drastisch eskalierte und alle verfügbaren Schiffe den allgemeinen Marschbefehl zur Ver-stärkung der Siebten Flotte erhielten. Sie hätten sehen sollen, wie dieser alte Kauz auf dem Monitor getobt hat, als ich ihm mit zuckersüsser Stimme mitgeteilt habe, dass wir ohne ihn auf diese Mission losfliegen. Ich kann Ihnen eine Aufzeichnung schicken, wenn Sie etwas zu Lachen haben wollen.
Bis er nachgekommen ist, werde ich also das Kommando behalten. Gottlob kommt Vakuf in knapp zwei Wochen ebenfalls von Vulcan zurück und übernimmt meinen Posten als Ersten Offizier. Ich werde dann als Zweiter Offizier brav meine Brückenschichten und zusätzlich wieder einmal etwas Counselor-Dienst versehen, was bestimmt nicht schaden kann. Ist viel-leicht bei Ihnen noch ein Plätzchen frei? Ich kann auf Dauer nicht unter diesem Mann dienen, nicht einmal unter Kriegsbedingungen.“
Lennard seufzte: „Sie ahnen gar nicht, wie gut ich das nachvollziehen kann, Sam. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Aber wie Sie bereits erwähnt haben, befinden wir uns im Krieg und können uns derzeit nicht immer aussuchen, wo wir Dienst tun können.“
„Leider nur zu wahr. Naja, inzwischen freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Ihnen. Unsere Verstärkung besteht aus zwölf Schiffen und soll entlang der gefährdeten Route bis zum Minoris-System Stellung beziehen.“
„Das ist gut für uns. So können wir nach und nach die klingonischen Einheiten zu Minoris hin verlegen und uns zusätzlichen Flankenschutz während des Rückfluges geben lassen. Also, in diesem Sinne, bis bald. Lennard Ende.“
Nachdem der Bildschirm erloschen war, sah Lennard mit zuversichtlicher Miene seine Führ-ungsoffiziere an, bis sein Blick an Dween hängenblieb. „Was machen Sie denn für ein Ge-sicht, Counselor? Nur, weil Sie von Commander Kall ersetzt werden und auf eine Sternen-basis als Adjutantin eingesetzt werden sollen? Davon geht die Welt doch nicht unter.“
Betreten starrte die Halbvulcanierin auf die erleuchtete Tischplatte vor sich. „Naja, ich hielt das alles bislang nur für Spässe... aber wenn der Föderation damit gedient wird, werde ich meine Kenntnisse in Taktik ohne zu Zögern in ihren Dienst stellen. Ich verstehe natürlich, dass im Falle einer Versetzung Commander Kall automatisch der Posten als Schiffsberaterin zusteht. Ich könnte mich zwar zur Assistentin zurückstufen lassen, aber ein Karrieresprung wäre das nicht gerade.“
„Zur Zeit ist so etwas sogar nahezu ausgeschlossen. Wie Sie wissen, herrscht bei uns ein aku-ter Mangel an erfahrenen Offizieren, da wird garantiert keine Degradierung auf persönlichen Wunsch hin durchgeführt werden. Aber nehmen Sie sich das jetzt nicht so sehr zu Herzen, schliesslich ist noch nichts entschieden und es kann noch so viel geschehen.“ Dass ausge-rechnet Leardini ihr so tröstlich zusprach, erstaunte Lennard. Seit ihrem Abenteuer auf Tiragoni hatte sich wohl tatsächlich so etwas wie eine anhaltende Freundschaft zwischen den beiden Frauen gebildet.
„Das wäre für den Moment alles. Mr. Darrn, Mr. Wenjorook, wenn Sie so freundlich wären und unsere Gäste von den beiden nächstgelegenen Transporterräumen hierherbegleiten wür-den? Sie sollten in wenigen Minuten eintreffen und ich möchte keine Zeit verlieren. Com-mander, bitte bleiben Sie noch zur Besprechung, die anderen können dann wegtreten.



Die Tür zum Holodeck öffnete sich und liess Merven ein, der sich staunend umsah. Mit allem hätte er gerechnet, nur nicht damit. Rasch sah er sich um und rief dann: „Shania?“
„Hier drin bin ich.“ Der Trill folgte dem Klang ihrer Stimme und trat durch eine drei Meter hohe Türöffnung in eines der Häuser aus massivem Stein ein. Drinnen sah er sich um und ent-schied sich dann für die Treppe, deren Stufen so hoch waren, dass er sie kaum noch Schritt für Schritt erklimmen konnte. Im ersten Obergeschoss fand er sie.
„Was tust du hier in dieser Simulation, Shania? Ich dachte...“
„Dass ich sie nie wieder sehen möchte? Du hast keine Ahnung, was du bei mir ausgelöst hast, nicht wahr?“ Sie trug wieder das Fairchild-Kostüm, wie ihm auffiel. Momentan kniete sie am Boden und flechtete eine Art Matte aus breiten, strohähnlichen Grashalmen. Ausserdem hatte sie mit Ästen und Gras in einer zugfreien Ecke des düsteren Raumes ein primitives, aber den-noch gemütlich aussehendes Lager samt Trennwand errichtet.
Er gab zu: „Nun, ehrlich gesagt nicht. Du machst da weiter, wo wir das letzte Mal aufgehört haben und setzt dein Vorhaben um, hier ein Quartier zu errichten?“
Sie stand auf und sah ihm direkt in die Augen. „Merven, ich war so weit zu glauben, wir würden den Rest unseres Lebens hier verbringen, verstehst du? In meinem Hinterkopf haben wir uns hier bereits eingerichtet, damit begonnen, Nahrung zu sammeln, anzubauen und zu jagen, einen Haushalt mit primitiven Mitteln aufzubauen. In Gedanken habe ich unsere Kin-der hier aufgezogen. Aus diesem Leben bin ich zu plötzlich wieder herausgerissen worden, das war das Fatale in dem Moment, als es geschah.
Jetzt bin ich dabei, das zu verarbeiten; das zweite Leben, das ich bereits vor mir gesehen habe und das mir so unvermittelt wieder genommen wurde, muss noch aufgearbeitet werden. Die-ses Programm grenzt mehr an die Perfektion als alles andere, was ich je auf einem Holodeck gesehen habe. Deshalb möchte ich weitermachen damit.“
„Ich hatte keine Ahnung, dass es dich so sehr berührt hat.“ Ergriffen nahm er sie in die Arme und flüsterte in ihr Ohr: „Und ist für mich auch noch Platz in diesem Leben?“
„Du bist der Faktor, der diesem Leben erst einen Sinn gibt.“ Sie lachte verschmitzt. „Ausser-dem kannst du mir jetzt vielleicht ein paar Fragen beantworten, da du dich nicht mehr dumm stellen musst.“
„Gerne. Was willst du wissen?“ Froh über ihre Reaktion, gab er sich gerne hilfsbereit.
„Was ist das hier für eine Stadt? Ich habe inzwischen die Romanvorlage gelesen, aber dieses Artefakt taucht nirgends darin auf.“
„Das stimmt. Ich wusste nicht, ob du nicht vielleicht die Werke von Tolkien schon gekannt hast und wollte natürlich unbedingt vermeiden, dass du den Schwindel vorzeitig bemerkst, deshalb habe ich einiges verändert, um es nicht zu offensichtlich zu machen. Dies hier habe ich mir selbst ausgedacht und die alte Troll-Stadt genannt. Diese etwa drei Meter grossen, grobschlächtigen Meta-Menschen sind sehr lichtscheu und haben sich ins Innere von Höhlen und Bergen zurückgezogen. Ich war so frei, anzunehmen, dass sie vor Urzeiten auch oberird-isch gehaust hatten und deshalb diese Stadt von so gewaltigen Ausmassen geschaffen hatten, um ihrer Körpergrösse gerecht zu werden. Gleichzeitig habe ich auch solch schmale Fenster eingebaut, die nur wenig Licht ins Innere lassen, um ihrer Scheu vor dem Tageslicht Tribut zu zollen.
Unter anderem habe ich auch den Planeten an sich erschaffen und dann die Kartenvorlage aus den Romanen direkt auf ihn übertragen. Die ganze Landschaft, Bergketten, Flüsse, Wälder und so weiter, stimmt exakt mit den Vorgaben überein.“
„Ich bin beeindruckt. Jetzt, da du es sagst, fällt mir auch wieder das Bild des Planeten ein, das ich durch das Sichtfenster bei unserem Anflug gesehen habe. Du hast recht, das entspricht genau Mittelerde. Mann, hast du ein Glück, dass ich keine Ahnung von dem Buch hatte. Das hätte ich sofort gemerkt,“ behauptete sie leicht entrüstet.
„Das kann hinterher jeder sagen,“ antwortete er keck.
„Gut, das reicht. Hilfst du mir für den Rest deiner Pause, unser künftiges Eigenheim ein we-nig wohnlicher zu gestalten?“ Dween drückte ihm ein Reisigbündel in die Hand. „Jetzt kannst du mal zeigen, was du bei den Überlebenskursen der Sternenflotte gelernt hast.“
Mit abwesendem Blick murmelte er: „Ach, weisst du, die Hälfte von dem, was du da beige-bracht bekommst, kannst du getrost gleich wieder vergessen, wenn es ernst wird. Ohne Erfin-dungsgeist und einen guten Instinkt bist du verloren in der Wildnis.“
Sie horchte auf. „Weisst du, das hört sich bei dir an, als seist du wirklich schon einmal...“
Bei seinem Blick verstummte sie und wartete geduldig, bis er von sich aus begann: „Ich wollte es dir eigentlich nicht erzählen. Ich wollte mit niemandem darüber reden, weil es nicht gerade die beste Zeit meines Lebens war.“
Shania legte ihre Hand auf seinen Unterarm. „Merven, mir kannst du alles erzählen, das weisst du doch. Und aufgrund meines Berufes weiss ich sicher auch besser als manch anderer damit umzugehen, glaubst du nicht auch?“
„Ach weisst du, das ist schon lange her, etwa neunzig Jahre, um genau zu sein. Enian reiste mit einem Shuttle, das in einen kosmischen Teilchensturm geriet und auf einem Klasse-L-Mond eine Bruchlandung machte. Er war der einzige Überlebende und schleppte die ganzen vier Monate einen netten kleinen Leistenbruch mit sich herum, während er versuchte, am Leben zu bleiben und nicht wahnsinnig zu werden. Das zweite davon war das Schwierigere.“
Entsetzt starrte sie ihn an. „Du warst vier Monate lang allein und verletzt als Schiffbrüchiger auf einem Mond?“
„Wie ich schon sagte, es war nicht gerade die beste Zeit meines Lebens.“ Er zuckte mit den Achseln, als hätte es keine Bedeutung.
„Jetzt verstehe ich auch dieses Programm! Merkst du nicht, dass du selbst damit versuchst, dein altes Trauma zu verarbeiten? Indem du mich mitgenommen hast auf diese Welt, diesmal aber Bescheid weisst darüber, dass du jederzeit gerettet werden kannst. Andererseits hast du mich im Ungewissen gelassen, um sozusagen über meine Verzweiflung und Hilflosigkeit deine eigenen Gefühle damals besser verstehen zu können.“ Sie strich ihm tröstend über die Wange.
„Was erzählst du da für einen Psycho-Quatsch? Ich hätte es nie erwähnen sollen; damit hätte ich rechnen müssen, dass du mich gleich seelisch sezierst, wenn ich etwas darüber erzähle.“ Mit grimmiger Miene wandte er sich zum Gehen, sie hielt ihn jedoch am Arm fest.
„Warte, ich möchte mit dir darüber reden. Du musst dich jemandem anvertrauen, sonst schleppst du dieses Trauma noch jahrhundertelang mit dir herum.“
Er versuchte sich loszureissen, worauf sie ihn kraftvoll an sich zog und die Arme um ihn legte, so dass er sich ihr nicht mehr entziehen konnte. Seine Proteste ignorierend, hielt sie ihn fest an sich gedrückt, bis sie sein Zucken spürte und merkte, dass sich seine Verkrampfung löste. Beruhigend sprach sie auf ihn ein: „So ist es gut, Schatz, lass alles heraus, dann geht es dir bald besser. Und wenn wir darüber geredet haben, machen wir es uns noch ein bisschen auf unserem neuen Lager gemütlich, bis deine Schicht beginnt, okay?“
Schluchzend brachte er hervor: „Es... tut mir so leid, dass... ich dir das alles... angetan habe, Shania. Du... du bist so gut zu mir... ich habe dich gar nicht verdient...“
„Jetzt übertreib nicht gleich, ja? So, und jetzt setz dich.“



Der Konvoi hatte den grössten Teil der Strecke zum Minoris-System ohne Zwischenfälle zurückgelegt. Als Lennard seine Schicht antrat, hatte er eine unruhige Nacht hinter sich; stets bereit für einen Alarm, hatte er sozusagen mit einem offenen und einem geschlossenen Auge geschlafen. Sofort trat er zur Station von Wenjorook und erkundigte sich nach eventuellen Feindbewegungen.
„Nun, jedenfalls wissen sie, dass wir kommen, soviel steht fest. Auf diese Entfernung kann man feindliche Sensoren im schnellen Warpflug unmöglich täuschen. Wir hätten den gleichen Vorteil, wenn sie sich ebenfalls bewegen würden. Momentan sammeln sie sich allerdings nur im Z’essvaal- und im Theta Sigma Rho-System. Solange sie sich nur formieren, ist ihr Ener-gieausstoss zu gering, um ihre Störsender zu überwinden, das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist die, dass wir über die paar Lichtjahre Distanz augenblicklich ihre genaue Zahl ermit-teln können, sobald sie auf hohen Warp gehen.“
„Und solange tappen wir im Dunkeln?“ Lennard passte das überhaupt nicht. Zu stark waren noch die Erinnerungen an die Schlacht um Tyra in seinem Gedächtnis.
„Leider ja. Das einzige, was wir sagen können ist, dass ständig einzelne Gruppen von Schif-fen aus der Kernsektion des Dominion, also aus Richtung Cardassia Prime und ihrer Schiffs-werften, in beiden Systemen eintreffen. Sie können somit als vom Feind gesichert und auf un-absehbare Zeit als verloren angesehen werden. Im Raum direkt hinter Minoris sind derzeit keine Schiffsbewegungen auszumachen. Prinzipiell könnten wir zehn Lichtjahre weit in diese Richtung eindringen, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen.“
„Ja, aber wozu? Ganz davon abgesehen brauchen wir jedes Schiff, um den Abschluss der Eva-kuierung abzusichern und die Flanke des Tyra-Systems zu halten. Das wissen sie natürlich und sparen sich deshalb die Absicherung dieses Gebietes. Dumm sind sie nicht, dass muss man ihnen wirklich lassen.“ Lennard wirkte ärgerlich.
„Die Klingonen haben übrigens einige Aufklärungssonden ins Z’essvaal-System geschickt, die praktisch nicht aufzuspüren sind und die genaue taktische Lage dort erkunden sollen. Wir rechnen damit, dass sie die Resultate jede Minute senden werden.“ Wenjorook versuchte Zuversicht auszustrahlen.
Lennard nickte. „Sie werden die Sonde wahrscheinlich gleich zerstören, nachdem sie den Funkimpuls ausgesandt und damit ihre Existenz und auch Position verraten hat, aber das Sub-raumsignal ist dann bereits mit Warp 9,9997 unterwegs. Dagegen können selbst sie nichts mehr unternehmen. Gut zu wissen, nicht wahr?“
Er ging in seinen Bereitschaftsraum und trat an das Fenster, wo er hinaussah und die vorbei-huschenden Sterne betrachtete, die während des Warpfluges in schmalen Bändern und ver-schiedenen Farben des Spektrums schillerten. Für einen Moment konnte er alle Sorgen ver-gessen und den Anblick geniessen. Doch dann kehrte die grausame Realität des Krieges wieder zurück. Die Föderation hatte sich schon im Krieg mit mehreren feindlichen Mächten befunden und sich glücklicherweise stets behaupten können. Das Dominion war anders: die-ser Feind kannte keine Spur von Gnade oder Menschlichkeit, seine Herrscherkaste war von einer so fremdartigen Gestalt, dass es keinen Bezug zu humanen Lebensformen hatte. Ihr Mi-litär war gentechnisch gezüchtet und kannte nichts anderes als Kampf und Gehorsam. Sie stammten vom anderen Ende der Galaxie und wollten alle Völker ihres Quadranten unter-jochen. Lennard wusste nicht, ob ihre Grausamkeit so weit ging, dass sie sie während einer Rettungsmission von Zivilisten angreifen und Transportraumschiffe mit Unschuldigen angrei-fen würden.
Nein, eigentlich hatte er keinen Zweifel daran, wenn er länger darüber nachdachte.
„Captain auf die Brücke.“ Er fuhr ein wenig zusammen, als die Meldung ihn aus seinen Gedanken riss. Automatisch steuerte er die Tür an und betrat das Kommandozentrum der Fairchild.
„Was gibt es?“ fragte er niemanden Bestimmten.
Wenjorook antwortete: „Wir haben das Signal der Sonde aufgefangen, Sir.“
Als Wenjorook zögerte, hielt er es nicht mehr aus. „Also?“
„Zweihundertundelf Schiffe, Sir. Achzig Schlachtkreuzer und einhunderteinunddreissig An-griffsschiffe der Jem’hadar, keine cardassianischen Modelle. Gleich nachdem sie die Sonde bemerkt hatten, haben sie alle den Antrieb hochgefahren. Offenbar hatten sie einen Über-raschungsangriff geplant und sind durch die Sonde aufgeschreckt worden. Sie kommen jetzt mit mehr als Warp Neun auf uns zu.“ Der Sicherheitschef wirkte sehr angespannt.
„Wir müssen sofort sämtliche im Sektor verfügbare Hilfe anfordern, sonst wird es ein Blutbad geben. Setzen Sie eine entsprechende Meldung auf, Komm. Wie lange noch, bis wir Minoris erreichen?“
„Etwa eine Stunde,“ antwortete der Steuermann. „Die Evakuierung ist auf etwa neun Stunden angesetzt, könnte aber verkürzt werden, wenn die Sternenflotten-Schiffe ebenfalls Leute an Bord nehmen würden.“
„Daran habe ich auch schon gedacht. Es gefällt mir zwar überhaupt nicht, dass ich Zivilisten an Bord haben soll, wenn wir in Kampfhandlungen geraten sollten, aber die Zeit ist hier der entscheidende Faktor. Und je früher wir wieder aus dem System verschwinden können, desto kleiner die Chance, angegriffen zu werden. Ops, wie viele Leute müssen noch herausgeholt werden?“
Darrn fragte seine Anzeigen ab. „Noch dreieinhalb Millionen, Sir. Die Kapazität der Pas-sagierschiffe reicht knapp dafür, aber die Dauer der Transporte stellt uns vor ein zeitliches Problem, da wir nur eine begrenzte Anzahl Personen auf einmal auf die Schiffe beamen kön-nen.“
Der Captain liess sich auf seinen Sessel nieder. „Gut, dann lassen Sie uns einmal rechnen: wir haben eine Evakuierungskapazität von knapp 13000 Personen, die Venture 15000. Die vier Nebula-Klassen schaffen jeweils knapp 10000, die beiden Akira je 4500. Dann hätten wir die Adelphi mit 9000, die beiden Excelsior mit etwa gleich hoher Kapazität... wenn ich alles zu-sammenzähle und alle ein wenig zusammenrücken, sollten wir über einhunderttausend Leute auf unseren Schiffen transportieren können. Durch die Mitbenutzung unserer Transporter können wir das Beamen somit erheblich beschleunigen. Und wenn wir dazu noch sämtliche Shuttles zum Personentransport von der Oberfläche der Planeten direkt zu den Truppentrans-portern benutzen, verkürzen wir die Zeitspanne nochmals ein wenig.
Mr. Darrn, ich denke, wir haben einiges an Koordinationsarbeit vor uns. Machen wir uns an die Arbeit.“
Der Einsatzleitende Offizier der Fairchild bestätigte beeindruckt: „Jawohl, Sir, ich werde um-gehend meinen Stab informieren und die erste Ausarbeitung von Sammelpunkten auf den Pla-neten an deren Leiter und die Kommandanten der anderen Schiffe überstellen.“
„Hoffen wir, dass diese Massnahmen genügen werden, um uns einen weiteren Vorsprung zu verschaffen. Bei der Grösse der anrückenden Streitmacht zählt jede Minute. Schliesslich haben wir einen Grossteil des White der Jem’hadar zerstört; sie werden keinerlei Rücksicht mehr nehmen.“
„Als ob sie jemals welche geübt hätten,“ bemerkte Wenjorook.
„Warum beamen wir die Flüchtlinge nicht direkt auf die Passagierschiffe?“ wollte ein Fähn-rich der Sicherheit wissen.
Wenjorook belehrte ihn: „Das sollte Ihnen eigentlich klar sein; wenn wir sie nicht hier aufs Schiff, sondern an einen anderen Ort beamen, müssen die Muster erst durch unsere Puffer hier, bevor wir sie an dem endgültigen Zielort materialisieren können. Technisch entspricht das zwei Beamvorgängen, wodurch unsere Transportkapazität auf die Hälfte reduziert würde. Erst wenn wir bis auf den letzten Platz ausgebucht sind, können wir damit beginnen, zu-sätzliche Unterstützung zu den Transportern der Passagierschiffe zu bieten.“
„Selbstverständlich, bitte verzeihen Sie die Frage,“ antwortete der Untergebene kleinlaut.
„Nun gut, wie lange wird es dauern, bis wir auf die ersten gegnerischen Schiffe stossen?“
Wieder tippte der Steuermann auf seinen Armaturen. „Es kommt darauf an, ob sie weiterhin direkt auf das System zuhalten. Wenn ja, müssen wir in etwa siebzehn Stunden mit ihnen rechnen. Falls sie aber ihren Kurs ändern und einen Punkt auf unserem Rückweg anfliegen, verkürzt sich diese Zeit um schlechtestenfalls drei Stunden.“
„Nehmen Sie diesen Fall an, würde ich aus Erfahrung sagen. Immer mit dem Schlechtesten rechnen, wenn man es mit dem Dominion zu tun hat. Wir müssen uns dafür bereit machen, dass wir den Jem’hadar entgegenfliegen, um einen Überfall auf den Passagierkonvoi zu ver-hindern. Bitte sorgen Sie dafür, dass das denjenigen klargemacht wird, die auf Schiffe der Sternenflotte gebracht werden.“
„Captain, es sind Kolonisten auf abgelegenen Aussenposten. Diese Leute sind zäh, sonst wär-en sie nicht dort am unwirtlichen Rand der Föderation. Niemand von ihnen wird sich bekla-gen,“ erklärte Darrn überzeugt.
„Klingt nach Siedlerromantik, wenn Sie mich fragen. Die Wirklichkeit sieht meistens doch etwas anders aus. Aber ich will Ihnen einmal glauben,“ gab Lennard schmunzelnd nach.
„Da gerät etwas in unsere Flugbahn, Captain. Sieht wie eine Spähsonde aus, jedoch eine klin-gonische. Soll ich...?“ Fragend sah der Steuermann seinen Kommandeur an.
Nach einer Bedenksekunde meinte Lennard: „Ja, gehen Sie unter Warp. Wir scannen sie auf potenzielle Gefährlichkeit und holen sie mit einem Traktorstrahl an Bord. Dann gleich wieder auf Warp gehen und den Konvoi einholen.“
„Sieht so aus, als wollte das klingonische Kontingent uns unbemerkt vom Dominion eine Nachricht zukommen lassen,“ mutmasste Darrn.
„Wir werden sehen.“ Nachdenklich kratzte sich Lennard am Kinn.


- 7 -

Dween überliess Merven den Vortritt. Sie traten am Rande der Troll-Stadt in die Holosimula-tion ein und steuerten gleich darauf das Gebäude am Stadtrand an, in dem sie sich ihr Lager eingerichtet hatten. Buntes Herbstlaub wehte durch die Strassen, getrieben von einem schwa-chen, aber empfindlich kühlen Wind, der auch die tiefhängenden Wolken langsam über den Himmel ziehen liess. Merven sah sich um und meinte: „Der Winter kommt schneller heran, als ich es vorgesehen hatte. Ich muss wohl noch ein wenig an den Subroutinen der Programm-parameter arbeiten.“
„Der ‘Meister des Holodecks’, soso,“ kommentierte sie ein wenig hämisch.
„Ja, ich weiss. Aber du weisst selbst, wenn man ein Programm so realistisch wie möglich ge-stalten will, muss man auch gewisse Parameter dem Zufallsgenerator überlassen. Und je kom-plexer das Programm, desto grösser können die Abweichungen sein.“ Er gab sich redlich Mühe, sich beherrscht zu rechtfertigen.
„Dann wollen wir mal sehen, wie gross diese Abweichungen noch sein werden.“ Ihr spött-ischer Unterton wollte einfach nicht verfliegen.
Er verzichtete auf eine Erwiderung und betrat statt dessen ihr erwähltes Haus und stieg müh-sam die Treppe empor. Sie folgte ihm dichtauf und prallte beinahe gegen ihn, als er unerwar-tet am oberen Ende der Stufen erstarrte. Sie wollte protestieren, doch er hob schnell den Zei-gefinger an die Lippen und ermahnte sie zum Schweigen. Fast unhörbar flüsterte er: „Irgend-etwas stimmt hier nicht. Kannst du das nicht auch riechen?“
Sie schnüffelte und meinte dann: „Du hast recht, es riecht irgendwie faulig, wie verwest. Ein sehr unangenehmer Gestank.“
Langsam ging Merven weiter und spähte in ihr Zimmer hinein.
Ihr Lager war total verwüstet.
Sie sahen sich verblüfft an und zogen beide ihre Phaser. Vorsichtig lugte Merven um die Ecke ins Innere und erblickte einen dicken Wanst, in ein grobes Fell gehüllt, der sich allerdings auf Höhe seines Kopfes befand. Der Humanoid musste an die drei Meter hoch sein und hatte eine riesige Keule hoch über seinen Kopf erhoben. Offenbar wartete er darauf, dass Merven den Raum betrat, um ihm dann den Schädel einzuschlagen.
Schnell sprang er zurück, als der ungeschlachte Riese bemerkte, dass er entdeckt worden war. Ungestüm und rasend vor Zorn stürzte er mit einem lauten Aufschrei hervor und schwang wild mit der primitiven Hiebwaffe. Der Trill stolperte beim Rückwärtssprung über seine eig-enen Füsse und landete auf dem Hintern. Er feuerte seinen Phaser ab, doch da dieser nur auf mittlere Betäubung eingestellt war, bremste der Schuss den unglaublich hässlichen und riesigen Angreifer nicht einmal. Mit schriller Stimme rief Merven: „Schiess doch, Shania!“
Sie feuerte ihre Waffe ab, doch ihr Phaser war ebenfalls nur auf schwere Betäubung einge-stellt. Der Unhold zuckte zwar zusammen und taumelte ein wenig, war durch seine schiere Masse aber noch immer nicht gestoppt. Er fixierte aufs Neue den vor ihm liegenden Merven, der nun hastig die Einstellung seines Phasers änderte. Er würde es nicht schaffen, das war ihm klar, aber er musste es trotzdem versuchen.
Dween packte von der Seite her das Handgelenk des Angreifers und drehte kraftvoll daran, worauf dieser überrascht aufschrie und den Griff um seine Keule lockerte. Sie entriss ihm den Prügel und schwang ihn herum. Es gab ein hässliches Geräusch beim Auftreffen des schweren Holzknüppels auf den Hinterkopf der Kreatur. Der riesige Metamensch fiel um wie ein ge-fällter Baum.
Merven rollte sich schnell zur Seite. Der leblose Körper klatschte dort auf den kalten Steinbo-den, wo er noch einen Moment zuvor gelegen hatte. Mit aufgerissenen Augen starrte er auf das monströse Wesen, das mindestens drei Meter gross und zweihundert Kilogramm schwer sein musste. Keuchend sagte er: „Das... stammt... definitiv... nicht aus meinem Programm!“
„Das scheint einer der Vormieter gewesen zu sein.“ Polternd liess sie die Keule fallen, die neben Merven rollte, der sich gerade erhob. Das dicke obere Ende hatte einen Durchmesser von beinahe einem halben Meter.
„Wie kommt dieses Ding in das Programm? Ich habe die Stadt als endgültig verlassen pro-grammiert. Das verstehe ich einfach nicht.“ Er wollte die Keule von sich wegschieben, muss-te aber feststellen, dass er sie kaum bewegen konnte, so schwer war sie.
Als der Boden zu vibrieren begann, hielt er inne und sah zum schmalen Fenster hinaus. Draussen eruptierte der ferne Vulkan im düsteren Gebirge am östlichen Horizont und spie glühendheisse Lavafontänen gen Himmel, begleitet von einem infernalischen Donnern.
Merven fuhr herum und betrachtete Dweens teilnamsloses Gesicht. Ihr Blick war höchst kon-zentriert auf einen Punkt knapp oberhalb seiner linken Schulter gerichtet. „Shania... nein, das kannst du nicht getan haben! Wie hast du meine Zugangscodes zu dem Programm geknackt?“
Sie zuckte nur mit den Schultern. „Das war der leichte Teil. Die wirkliche Schwierigkeit be-stand darin, den Namen des Programmes aus dem riesigen Wust von Ausgeburten deiner zu-weilen recht seltsamen Phantasie herauszufinden.“
Er sah sie mit anklagendem Blick an. „Ich weiss genau, was du jetzt denkst.“
„Du bist kein Telepath,“ konterte sie lapidar.
Er sah in ihre Augen und erwiderte nach einigen Bedenksekunden: „Das ist wahr. Aber du bist ein Kontakttelepath. Aha, an deinem Gesicht sehe ich es, dass ich richtig liege. Ich höre.“
Sie sah ihn beinahe ehrfürchtig an. „Woher wusstest du es?“
„Erfahrung, Babe, Erfahrung. Du vergisst, das du mit jemandem sprichst, der mehr als ein-hundertundfünfzig Jahre Lebenserfahrung besitzt. Du hast es gemacht, als ich geschlafen habe, nicht wahr?“ Mit einem wissenden Lächeln musterte er ihre schuldbewusste Miene.
„Es ist nicht ganz so, wie du denkst. Als ich gestern morgen vor dir aufgewacht bin, hast du so friedlich neben mir gelegen. Ich habe mich in einem kurzen Moment gefragt, wie du nur auf diese Idee mit dem Programm gekommen bist. Und ich habe mich auch gefragt, ob ich dir jemals wieder voll und ganz würde trauen können. Die Verlockung war einfach zu gross. Und bei der Verschmelzung bin ich zufällig auf die Codes gestossen, obwohl es mir eigentlich gar nicht darum ging.“
„Und worum ging es dir?“
„Natürlich darum, ob du mich wirklich liebst,“ entgegnete sie entrüstet.
„Und dazu nimmst du eine Gedankenverschmelzung mit mir vor? Das finde ich ziemlich trau-rig, meine Liebe. Die meisten empfindungsfähigen Wesen haben diese Möglichkeit nicht, weisst du? Bei ihnen baut eine Beziehung auf etwas auf, was man Vertrauen nennt. Sie glauben einander, was sie sich erzählen.
Und was dieses unselige Programm angeht, das für dich zu einer Art heiligem Gral des Holo-decks geworden zu sein scheint: ich dachte, dass wir unseren dummen Wettstreit endgültig beigelegt hätten. Wenn die Versuchung zu gross für dich ist, dann lass mich dir helfen: Com-puter, Programm löschen.“
Sie schrie auf, als sich die Szene um sie herum abbaute, bis nur noch das Hologitter der Bild-erzeugungsanlage um sie herum übrigblieb. „Nein, Merven, das musst du nicht tun.“
„Zu spät. Ich muss eine Weile allein sein. Du weisst, wo du mich findest. Computer, Aus-gang.“ In dem Moment, als sich das Portal zum Gang hin öffnete, schritt er bereits hindurch und liess eine bedrückte Dween zurück.
Sie liess sich auf den nackten Boden des desaktivierten Holodecks nieder und verdaute erst einmal, was sie gehört hatte. Wahrscheinlich hatte sie das verdient. Aber hatte er denn gleich das Programm deswegen gleich löschen müssen? Es war die perfekteste Simulation gewesen, die sie jemals erlebt hatte.
Als sie darüber nachdachte, wurde ihr klar, dass es wohl das Beste für sie beide war. Schliess-lich hatte der ganze Beziehungsstress erst richtig mit der Erstellung dieses Programmes be-gonnen.
Und dass er eine Kopie des Programmes auf isolinearen Speicherchips von ihrem Ausflug auf die Aldebaran noch immer besass, musste sie ja nicht unbedingt wissen, dachte er gutgelaunt, als er den Gang zum nächsten Turbolift hinabging. Wenn die Zeit dafür reif war, konnte er es ihr ja sagen.
Irgendwann.



„Die Nachricht ist entschlüsselt und als authentisch klassifiziert, Captain. Sie stammt von Captain Sterok von der Veg’da. Er lässt uns wissen, dass sein gesamtes Kontingent sich mit langsamer Impulsgeschwindigkeit, um nicht entdeckt zu werden, in die Nähe des Kurses der Feindflotte begibt und sie unmittelbar nach ihrem Passieren von hinten attackiert. Sie hoffen, die Formation der Jem’hadar wenigstens ein bisschen anknabbern zu können und uns so zu-sätzliche Zeit zu verschaffen.“
„Sie werden ihr bestes tun, dessen bin ich mir sicher. Aber es wird dennoch nicht genügen. Wie lange noch, bis die Feindflotte eintrifft?“
„Etwa vier Stunden.“ Die Stimme des Steuermannes verriet seine Hoffnungslosigkeit. „Der Einsatzleiter auf der Oberfläche schätzt, dass sie noch fast zwei Stunden für die Evakuierung brauchen werden.“
Lennards Kiefer mahlten, als er angestrengt nachdachte. „Wie steht es mit der Aufnahme der Flüchtlinge an Bord der Sternenflotten-Schiffe?“
„Die ist abgeschlossen,“ verkündete Darrn. „Unsere Shuttles und Transporter helfen noch mit, die restlichen Leute auf die Passagierschiffe zu bringen, aber den Grossteil der Zeiter-sparnis haben wir ausgereizt. Viel schneller wird es nicht gehen.“
„Gut, wir haben Zeit gewonnen. Ich möchte, dass alle zwei Minuten nach uns ein Schiff Kurs auf die Feindflotte nimmt und die restlichen Transporter bis zum Abflug des jeweiligen Schif-fes optimal genutzt werden. Die Shuttles pendeln weiter hin und her und bringen so viele Menschen wie möglich zu den Truppentransportschiffen.“
„Captain?“ Der Steuermann sah seinen Kommandanten nervös an.
„Sie haben schon richtig gehört, Fähnrich. Kurs auf die Dominionflotte, Warp Neun. Wir bil-den eine Perlenkette von Schiffen, so dass sie in Intervallen immer wieder aufgehalten wer-den. So können wir sie vielleicht verlangsamen.“
„Ein Schiff gegen über zweihundert? Sie werden nicht einmal abbremsen, um sich mit uns abzugeben“ bemerkte Wenjorook düster.
„Mag sein, aber wir müssen es versuchen. Der Flüchtlingskonvoi kann nicht schneller als allenfalls Warp Acht fliegen, weshalb wir ihm so viel Vorsprung wie nur irgend möglich ver-schaffen müssen. Je grösser der Abstand zwischen den Feindschiffen und dem Konvoi, desto grösser ist die Chance, dass die erste Entsatzwelle mit der Aldebaran sie auf dem Rückflug erreichen kann. Kazuki wird ihnen einen Empfang bereiten, den sie nicht so schnell vergessen werden. Wenn sie erst einmal die nächste Kampfgruppe zwischen sich und dem Feind haben, ist die Chance recht gut, dass sie es zurück in Föderationsraum schaffen können.“ Lennard hörte auf, auf dem Deck hin- und herzuwandern, setzte sich auf seinen Stuhl und drückte eine Taste auf der Armlehne.
„Hier spricht der Captain. Alarmstufe Gelb für alle Decks. Das Reservepersonal auf die Kampfstationen.“
Der Fähnrich wartete auf den Befehl des Captains, bevor er Energie auf die Warpgondeln gab und der Kontimuuims-Distorsions-Antrieb sie weit über die Lichtgeschwindigkeit vorantrieb. Sie flogen direkt einer riesigen Flotte von Jem’hadar-Kampfschiffen entgegen, um sie aufzu-halten. Das konnte man getrost als Selbstmord bezeichnen.
Nach und nach nahmen alle Brückenoffiziere ihre Stationen ein. Dadurch, dass sie der schnell anfliegenden Feindflotte nun ebenfalls mit hohem Warp entgegenflogen, würde sich die Zeit bis zu ihrem Zusammentreffen rapide verkürzen. So brauchte Lennard nur ein Wort zu sagen, um das auszudrücken, was sich alle fragten: „Wann?“
Merven antwortete schnell: „In etwas über vierzehn Minuten.“
„Ist das auch sicher eine gute Idee? Wo wir jetzt doch bis unter die Brücke randvoll mit Zivi-listen sind...“ Leardini schien unentschlossen, ob sie seiner Entscheidung zustimmen sollte oder nicht.
„Meinst du, mir ist wohl bei dem Gedanken? Wir müssen auf unsere Schilde vertrauen.“ Irg-endwie klang er nicht so recht überzeugt.
Wenjorook stiess einen Laut der Verblüffung aus. „Captain, da geht etwas vor sich. In der Formation der Jem’hadar sind beinahe ein Dutzend Schiffe explodiert. Der gesamte Pulk hat gestoppt und sucht seine Umgebung mit hochenergetischen Tachyonenscans ab. Und jetzt enttarnen sich die ersten Klingonenschiffe; sie greifen an und tarnen sich wieder. Es scheint ein ziemliches Durcheinander zu sein. Am Rand der Formation sind eben wieder zwei An-griffsschiffe explodiert.“
„Die Klingonen müssen einen Minengürtel mitten in den Anflugskurs der Jem’hadar gelegt haben - in der Hoffnung, dass diese den Kurs nach Minoris beibehalten würden. Und siehe da, auf einmal hat die Flotte des Dominion ein provisorisches Minenfeld vor sich und die attackierenden Klingonen hinter sich. Alle Achtung, muss ich sagen. Wie haben sie das nur geschafft, im getarnten Zustand die Minen auszulegen? Die Defiant hat das offenbar nicht fertiggebracht, als bei DS9 das Wurmloch vermint wurde.“ Leardini war tief beeindruckt.
„Sie haben eine romulanische Tarnvorrichtung und keinerlei eigene Erfahrung mit dieser Technologie gehabt. Die Klingonen mögen zwar unsere Verbündeten sein, aber sie wissen schliesslich auch nicht restlos alles über unsere technischen Möglichkeiten,“ verteidigte Lennard die Crew von Sisko.
„Jedenfalls scheint ein Teil der gegnerischen Flotte einen weiträumigen Ausweichkurs einzu-schlagen, um das Feld sicher zu umfliegen. Sie werden unablässig von den klingonischen Schiffen angegriffen, während sie die Minen im Rücken haben. Das kostet sie viel Zeit, aber nicht genug. Sie müssen sich zerstreuen, um das Feld zu umfliegen, und wir empfangen sie dann am anderen Ende des Gefahrenbereiches. Bleibt nur die Frage, ob unsere Streitmacht ausreicht, um sie lange genug hinzuhalten. Wie weit ist die Aldebaran mit der zweiten Welle entfernt?“ fragte die Erste Offizierin.
„Noch etwa anderthalb Stunden, Commander.“ Merven schien nicht gerade glücklich zu sein bei der Aussicht, es so lange ohne Verstärkung gegen eine so hohe Übermacht aufnehmen zu müssen.
„Wenn wir je so etwas wie ein Wunder gebraucht haben, dann jetzt,“ bemerkte Dween und erntete dafür einen bösen Seitenblick von Leardini.
Wenjorook studierte die taktischen Anzeigen und bemerkte: „Einen Vorteil scheinen wir je-denfalls zu haben: durch die unmittelbare Nähe zum Lantaru-Sektor und die umfassenden Subrauminstabilitäten scheinen die Jem’hadar nicht in der Lage zu sein, die getarnten Klingo-nen aufzuspüren. Sie setzen ihnen offenbar ganz schön zu.“
Lennard sah auf seine Anzeigen. „Wir kommen gleich in Waffenreichweite. Alarmstufe Rot und volle Bereitschaft für die gesamte Kampfgruppe. Wir wollen es ihnen nicht zu leicht machen.“
Sie nahmen direkten Kurs auf das erste Geschwader, das das getarnte Minenfeld bereits um-flogen hatte und sich zum Weiterflug nach Minoris formierte. Die Sternenflotten-Schiffe visierten die Schlachtkreuzer auf grosse Distanz an und deckten sie mit einer ersten Salve Quantentorpedos ein, während sie unter Warp gingen und zum Endanflug übergingen.
„Wir haben ein paar von ihnen schwer beschädigt, aber es sind einfach zu viele. Wir werden sie nicht alle aufhalten können; sie werden es sich sogar leisten können, einen Teil ihrer Schiffe einfach um uns herum zu leiten und direkt auf die Passagierschiffe zuzuhalten, währ-end der Rest sich um uns kümmert.“ Der Sicherheitschef klang zornig.
„Vielleicht schafft der Entsatz es bis dahin ins Minoris-System, um dem Konvoi bei seinem Abflug Rückendeckung zu geben. Aber für meinen Geschmack ist das zu nah an den Zivilis-ten. Der eigentliche Kampf sollte hier stattfinden. Schlimm genug, dass wir selbst randvoll mit Flüchtlingen sind.“ Lennard war ebenso wütend über die Ohnmacht ihrer Lage.
Der Kampf entbrannte. Sie deckten eine Dreierstaffel Angriffsschiffe mit Phaserfeuer ein, was bei zweien der kleinen käferförmigen Schiffen zur Überlastung deren Schilde führte und sie explodierten. Die Schilde des dritten Schiffes kollabierten ebenfalls, die Restenergie des Phaserstrahles riss jedoch lediglich eine der Warpgondeln ab, worauf das Schiff sich unkon-trolliert überschlagend entfernte.
Die Brücke erzitterte, als sie von einer Marschflugkörpersalve eines Schlachtkreuzers er-wischt wurden. „Direkter Treffer auf die Frontschilde. Keine Schäden am Schiff, Schild-integrität auf 63% gesunken.“ Wenjorook hatte kaum Zeit für die Meldung, so sehr war er mit der Erwiderung des Feuers beschäftigt. Er schoss eine Dreiersalve Quantentorpedos auf die Maschinensektion des Jem’hadar-Schlachtschiffes ab, als sie diesen passierten. Merven zog die Fairchild gleich danach in einem Ausweichmanöver hart herum, sodass die vom Feind abgefeuerten Polaronenstrahlen bis auf einen ihr Schiff verfehlten. Der letzte ihrer eigenen Torpedos indes durchschlug die geschwächten Schilde des Gegners und legte deren Antrieb und Energieversorgung lahm. Eine der Akiras, die Rabin, flog eine enge Schleife und pumpte Phaserenergie in den Hüllenbruch, bis der grosse Kreuzer von innen heraus zerrissen wurde. Daraufhin nahm eine Staffel Angriffsschiffe das hochmoderne, aber recht kleine Födera-tionsschiff aufs Korn.
„Lange halten unsere Schilde das nicht mehr durch,“ rief der Andorianer, als das Deck unter einem neuerlichen Torpedoeinschlag erzitterte. Auf dem Monitor flog die Rabin vor ihnen vorbei, wurde vom Kreuzfeuer der drei Angriffsschiffe erfasst und explodierte augenblicklich in tausend Stücke. Entsetzt starrten sie auf den Bildschirm.
„Achtung, Captain, da enttarnt sich etwas direkt vor uns. Etwas sehr grosses.“ Alarmiert sah Merven auf den Hauptschirm, wo der Himmel zwischen den Jem’hadar und ihnen flimmerte.
„Was kann das sein? Ein romulanischer Warbird?“ Überrascht sah Dween ihren Freund an.
Er schüttelte den Kopf. „Meinen Anzeigen nach hat dieses Objekt in etwa die Masse von Deep Space Nine. Es ist definitiv kein bekannter Romulaner. Zu gross.“
„Sagen Sie das nochmal.“ Leardini starrte den Steuermann ungläubig an.
Nun wurde ein gigantischer, hellgrauer Schiffskörper sichtbar. Er war langgestreckt und stromlinienförmig nach dem, was sie sehen konnten, als der unbekannte Schiffstyp anmutig an ihnen vorbeiglitt. Lennard erkannte insgesamt vier bläulichweiss leuchtende Warpgondeln, im Rumpf integriert und nach aussen hin geschützt untergebracht. Vier rötliche Bussard-kollektoren und zwei Deflektoren, einer an der spitz zulaufenden Schnauze einer untertassen-ähnlichen Sektion und einer an der unteren Seite der Maschinensektion, bestätigten seinen unglaublichen Verdacht.
Darrn sagte leise: „Das ist eindeutig Föderationsbauart.“
Das unbekannte Schiff passierte sie und hielt auf die gegnerische Flotte zu. Lennard studierte die Bauart und musste feststellen, dass es nach ähnlichen Gesichtspunkten wie eine Defiant-Klasse konzipiert war: alle wichtigen Baugruppen waren nicht so exponiert wie an gewöhn-lichen Sternenflotten-Schiffen angebracht, sondern kompakt und geschützt zum Rumpf hin verlegt. Es machte den Eindruck, als sei es stark gepanzert und könnte auch schweren Be-schuss überstehen.
Dween sprach aus, was jeder dachte: „Was ist das?“
In diesem Moment geschah etwas. Das gewaltige Schiff trennte seine Untertassen- von der Machinensektion ab. Beide Teile nahmen eine Formation ein und hielten weiter auf die Dominion-Schiffe zu. In diesem Moment bemerkte Lennard etwas auf dem Rücken der Maschinensektion, das ihm vertraut vorkam. Es löste sich vom grossen Rumpf ab und stieg empor, während ein identischer Umriss, der auf der Unterseite der Untertassensektion eben-falls halb eingelassen war, es seinem Pendant gleichtat. Lennard kannte diese flache, ge-drungene Form, die keinem anderen Schiffstyp der Sternenflotte auch nur entfernt ähnlich sah. Somit war eine Verwechslung ausgeschlossen.
„Das sind zwei Schiffe der Defiant-Klasse.“ Er war masslos erstaunt.
„Wir erhalten einen Ruf auf Audio, Sir. Es ist Admiral Paris.“ Der Komm-Offizier sah seinen Kommandanten mit zweifelnder Miene an.
„Lassen Sie hören.“
Sofort erklang eine leicht von statischen Störungen verzerrte Stimme: „Admiral Paris an Fleet Captain Lennard.“
„Sprechen Sie, Admiral,“ erwiderte der Gerufene leicht verwirrt.
„Wir haben Ihren Ruf empfangen und uns schweren Herzens dazu entschlossen, den Schleier über unserem neuesten Schmuckstück zu lüften. Greifen Sie die Feindkräfte weiterhin mit allem an, was Sie haben und halten Sie sie so lange wie möglich auf. Der Flüchtlingskonvoi muss in sicheren Raum gelangen können.“
„Aye, Sir. Wenn Sie die Frage gestatten...“
„Schon gut, was Sie hier sehen, ist das Projekt Mars-Klasse. Es ist das einzige seiner Art, das bislang existiert.“
Leardini merkte auf. „Ah, eine Huldigung an den römischen Kriegsgott. Wie passend in die-sen Zeiten.“
Der Admiral erklärte: „Eigentlich sollte die U.S.S. Phobos, NCC-79189, so die offizielle Be-zeichnung, als Kommandoschiff für hochrangige Militärs und als schwerer Schlachtkreuzer dienen, sollte aber nicht so schnell auf das Schlachtfeld geschickt werden. Die Tarnvor-richtung ist ein Beitrag des Klingonischen Reiches, es ist aber auch sonst mit der modernsten Technik ausgerüstet, die uns bekannt ist. Es ist so ausgelegt, dass beide Sektionen im ge-trennten Modus völlig unabhängig voneinander voll funktionsfähig und kampftauglich sind. Jede Sektion trägt eine Defiant-Klasse: die Untertassensektion Phobos die U.S.S. Miracht, NCC-79541, benannt nach der Heimatwelt der Telluriten, die Maschinensektion mit dem Bei-namen Deimos für getrennten Flugmodus, Registrierungsnummer NCC-79189-A, beherbergt die U.S.S. Fesoan, NCC-79650, deren Name von der Andorianischen Heimatwelt entliehen ist.“
„Welch würdiger Name für ein Kriegsschiff,“ liess sich Wenjorook stolz vernehmen.
„Und alle Registrierungsnummern beginnen mit 79, was heisst, sie sind brandneu,“ merkte Merven an.
„Das stimmt, sie ist eben erst vom Stapel gelaufen, und zwar auf der Werft, in der noch vor wenigen Tagen euer eigener Verband zur Reparatur im Dock gelegen hat. Wenn ihr sonst nichts zu tun habt, wir werden uns jetzt auf ein kleines Gefecht mit den Jem’hadar einlassen. Paris Ende.“ Augenblicklich war die Verbindung abgebrochen. Auf dem Schirm sah man be-reits die anhaltenden Quantentorpedosalven aus den Werfern des zweigeteilten Mutterschiffes und die Entladungen aus den gigantischen Phaserbänken entlang der Warpgondeln der Phobos und Deimos, während die beinen kleinen Defiant-Klassen sich ebenso heftig mit Dauerfeuer aus ihren Impuls-Phaserkanonen ins Gefecht stürzten.
„Klar zum Gefecht, Feuer frei nach eigenem Ermessen.“ Lennard setzte sich kerzengerade hin und beobachtete den Gefechtsverlauf. Die vorderen Reihen des Feindes brachen angesichts des unerwartet heftigen Angriffes auf, aber so wie Lennard die Jem’hadar kannte, würden sie sich schnell von ihrer Überraschung erholt haben. Sie schlugen in die Bresche und nahmen gemeinsam mit drei der Nebula-Klassen eine Flanke unter Feuer, während die anderen Schif-fe die zweite Flanke attackierten. Was folgte, war eine ähnlich chaotische und zerstörerische Schlacht wie im Tyra-System, nur dass sie diesmal den Vorteil auf ihrer Seite hatten und die Kräfte des Gegners noch zerstreut im Umfeld lagen. Ein Teil von ihnen musste das Minenfeld noch umfliegen, wenn sie in den Kampf eingreifen wollten, wurden aber noch immer von den sich enttarnenden, feuernden uns sich gleich wieder tarnenden Klingonen angegriffen und zermürbt.
Diesmal hatten sie eine echte Chance, ihren Auftrag zumindest teilweise zu erfüllen.



Nach einer halben Stunde wilden Schusswechsels sammelten sie sich und traten den Rückzug an. Nur eine Handvoll Angriffsschiffe der Jem’hadar verfolgten sie noch in Richtung Minoris, wurden aber bald von den nachrückenden klingonischen Einheiten aufgerieben. Beinahe die Hälfte der Dominionschiffe schlugen einen Kurs in Richtung Theta Sigma Rho ein. Sie wür-den sich mit den dort aufmarschierenden Kräften vereinigen und wahrscheinlich gemeinsam auf Tyra gegen sie vorrücken. Nur würden sie dann nicht mehr dort sein, da das System be-reits als verloren geführt wurde. Die Lage war in diesen Tagen hochgradig kompliziert.
Eventuell würden sie auch versuchen, ihnen und damit auch dem Konvoi aus Flüchtlings-transportern den Weg zurück in Föderationsraum abzuschneiden, doch angesichts ihrer Ver-luste bei diesem provisorischen Hinterhalt und der Tatsache, dass die Sternenflotte erhebliche Mittel aufwandte, um eine sichere Passage der Flüchtlinge in ihren eigenen Raum zu ge-währleisten, würden sie davon wohl absehen. Letztendlich war es ihnen doch egal, wenn sie ihre Zivilisten in Sicherheit brachten, anstatt ihre wertvollen Ressourcen zu verteidigen.
Fasziniert beobachtete Lennard auf dem Brückenmonitor, wie die beiden separierten Schiffs-hälften des schweren Schlachtkreuzers sich langsam näherten. Die vordere Untertassensek-tion hatte nur entfernt die ursprüngliche Rundung der älteren Baumuster, sie lief nach vorne hin spitz aus und wurde vom schmalen, nach unten hin angewinkelten Navigationsdeflektor abgeschlossen. Nach hinten lief sie flach und breit aus und beherbergte in nach innen hin eingezogenen Verjüngungen die Impulstriebwerke dieser Sektion. Diese waren dadurch gut gegen Feindfeuer geschützt, wie auch die im Rumpf integrierten, nach aussen hin abge-schirmten Warpgondeln, ein Merkmal beider Sektionen.
Der Bug der Maschinen- oder Kampfsektion wirkte im getrennten Modus etwas plump, dieses Phänomen kannte Lennard jedoch bereits von der Galaxy-Klasse her. Aufgrund seiner flach-eren und kompakter geformten Bauart sah sie trotzdem ganz respektabel aus, wie er fand. Jedes der Teilstücke dieses gigantischen Schiffes übertraf in der Länge und der Masse eine Galaxy jedoch um einiges. Beide waren mit grossen Phaserbanken, die sich parallel zu den Warpgondeln am Rumpf entlangzogen, sowie mehreren Bug- und Hecktorpedowerfern ausge-stattet. Ihre gewaltige Kampfkraft hatten sie bereits im Gefecht erleben können, dabei wuss-ten sie praktisch nichts über diese hochmoderne Kampfmaschinerie.
Bei einer Geschwindigkeit von Warp Neun kamen sich die beiden Hälften der Phobos immer näher und fügten sich schliesslich zusammen. Ihre beiden Subraumfelder-Peristaltiken muss-ten über eine Datenfunk-Verbindung absolut synchron geschaltet sein, damit sie im Warpflug ihre Verbindung vollziehen konnten. Allein das war schon eine technische Meisterleistung. Auch im gekoppelten Modus blieben alle vier Warpgondeln in Betrieb, wie ihm auffiel, was aber eigentlich nicht weiter verwunderlich war. Bei dieser Masse hätte ein Gondelpaar dieser Grösse wahrscheinlich gar nicht genügt, um das Schiff anzutreiben.
Als dann auch noch die Fesoan über der Maschinensektion auf Parallelkurs ging, nahm Len-nard die Aussparung auf dem Rücken der Deimos genauer in Augenschein. Sie entsprach exakt der Form des kleinen Angriffsschiffes der Defiant-Klasse, so dass diese sich bündig in die Trägervorrichtung einfügen konnte. Auch ihr Warpfeld musste sich synchron schalten lassen können, damit solch ein Kunststück überhaupt möglich sein konnte. Nachdem sich die Fesoan langsam hinabgesenkt und vorsichtig in ihre Versenkung herabgelassen hatte, ragte nur noch die obere Hälfte ihres flachen Rumpfes aus der Oberseite des Schiffrückens heraus, die unteren beiden Decks waren komplett im Rumpf des Trägerschiffes versenkt. Vom vorde-ren Ende der Aussparung fuhr ein flexibler Dockkragen an die vorderen Luftschleusen heran, die an der abgeflachten Oberseite des Bugs lagen, worauf die Besatzung das Schiff verlassen und an Bord des Schlachtkreuzers gehen konnte. Die Miracht wartete, bis die Kopplung voll-zogen war und steuerte dann unter die Untertassensektion, wo sie ihrerseits an ihrer halb-versenkten Andockvorrichtung festmachen würde, was jedoch leider ausserhalb ihres Blick-feldes geschehen würde. Lennard war einen Moment lang versucht, die Fairchild unter den Bug der Phobos steuern zu lassen, um den Dockvorgang beobachten zu können, entschied sich dann aber doch dagegen. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, zu sehr beeindruckt zu sein. Schliesslich kommandierte er ein Schwesterschiff des offiziellen Flaggschiffes der Ster-nenflotte.



Sie konnten erst aufatmen, als sie das Tyra-System hinter sich gelassen hatten und über die - neue - Grenze des Föderationsraumes geflogen waren. Es war wirklich eine denkbar knappe und brenzlige Angelegenheit geworden.
Als sie im Minoris-System angekommen waren, war die Evakuierung beinahe abgeschlossen gewesen. Sie waren gerade rechtzeitig gekommen, um durch Einsatz ihrer Transporter den Rest der Zivilisten schneller auf die Passagierraumer beamen zu können. Ausserdem mussten sie ihre Shuttles und Transportfähren wieder aufnehmen, von denen ein Teil nicht warpfähig war und die damit nicht aus eigener Kraft in sicheres Gebiet hätten fliegen können.
Die Schiffe hatten von mehreren bewohnten Welten die Kolonisten und sonstigen Bewohner nach einem genau ausgearbeiteten Zeitplan abholen müssen und trafen sich jetzt bei der am stärksten bewohnten Welt, um sich zu sammeln und für den Abflug zu formieren. Während-dessen führte die Phobos eine schwere Orbital-Bombardierung der Dilithium-Minen auf der Oberfläche der Welt aus. Die Anlage war danach gänzlich unbrauchbar; wer hier noch etwas abbauen wollte, musste neue Schächte treiben und die gesamten Förderanlagen von Grund auf neu aufbauen.
Beim Rückflug musste Lennard immer wieder daran denken, was der Konvoi für ein beein-druckender Anblick war. Dutzende von riesigen Truppentransportern und Passagierraumern, die Millionen von Menschen in ihren dickbauchigen Rümpfen trugen. Mehr als Warp Acht Höchstgeschwindigkeit war mit ihnen nicht machbar, aber es sollte sich als ausreichend er-weisen. Kurz bevor sie das Tyra-System erreichten, stiess der Verband um die Aldebaran herum zu ihnen.
Zwei weitere Kampfgruppen sicherten die Route zum Theta Sigma Rho-System hin ab, wo nun ebenfalls über zweihundert Schiffe des Dominion in Richtung Tyra in Marsch gesetzt wurden. Es gab viele kurze Gefechte, die ganze Verteidigung des Konvois zum Gebiet des Dominion hin war ziemlich chaotisch organisiert und aufgrund der fehlenden Subraum-Relais und vom Feind gestörter Funkverbindungen war es schwierig, sich aus der Entfernung ein ge-naues Bild zu machen. Diejenigen, die dabei gewesen waren, nannten diese Zeit später die ‘Wirren von Tyra’.
In diesen Stunden wurden Helden geboren, aber auch ganze Schiffe mitsamt ihren Besatz-ungen vernichtet. Es waren einfach zu viele verschiedene Einheiten von diversen Stützpunk-ten aus allen möglichen Richtungen in grösster Eile herbeigerufen worden, als dass eine ver-nünftige Kommandostruktur hätte erstellt werden können. Es war einzig darum gegangen, so rasch es ging möglichst viel Feuerkraft gegen den in grosser Überzahl vorrückenden Feind ins Feld zu werfen, um dem riesigen Konvoi mit Millionen von Flüchtlingen ein sicheres Ent-kommen zu ermöglichen. Viele tapfere Männer und Frauen der Sternenflotte bezahlten dafür mit ihrem Leben. Manche wurden auch aufgrund von kurzsichtigen und sinnlosen Befehlen in einen sinnlosen Tod geschickt.
Zunächst jedoch bekam die Eskorte davon nichts mit. Die Kampfgruppe der Aldebaran liess sich dreimal zurückfallen, um einzelne Jem-Hadar-Geschwader, die einen Abfangkurs auf den Konvoi gelegt hatten, zu binden und fernzuhalten. Die Gruppe der Fairchild musste sich wohl oder übel zurückhalten, da jedes ihrer Schiffe noch immer Tausende von Zivilisten an Bord hatte. Ihnen reichten auch die Tausende von Toten von der Rabin. Zum Transport der Menschen auf die Truppentransporter war nicht genügend Zeit gewesen, und beim Warpflug zu beamen war fast unmöglich und nur vereinzelt unter höchster Gefahr für die zu teleportier-enden Personen durchführbar.
Also blieben sie beim Konvoi. Nur wenn es sich überhaupt nicht vermeiden liess und Schiffe des Dominion durch die Abwehrreihen der Sternenflotte durchbrechen würden, würden sie wohl oder übel nochmals direkt eingreifen müssen. Lennard gefiel der Gedanke gar nicht, doch zu seiner immensen Erleichterung blieb es bei den vereinzelten Attacken von nie mehr als neun feindlichen Angriffsschiffen auf einmal. Damit wurden ihre Kameraden fertig, auch wenn zwei ältere Schiffe, eine Ambassador sowie eine Promenadenmischung aus Excelsior- und Constitution-Klasse, schwer beschädigt wurden. Sie hatten mehrere Dutzend Tote und ebensoviele Verletzte zu beklagen.
Die Grenze ins sichere Föderationsterritorium war natürlich eine imaginäre Linie im freien Raum. Man konnte an nichts erkennen, dass man sie überflogen hatte und nun in Sicherheit war, doch die allgemeine Erleichterung war beinahe greifbar auf der Brücke.
Fürs erste hatten sie es geschafft.
Beinahe gleichzeitig kam eine Botschaft von Admiral Paris an: „Wir können uns glücklich schätzen, bei der Rettung einer so grossen Zahl von Föderationsbürgern geholfen zu haben. Ich denke, Sie kommen jetzt auch ohne uns aus, Fleet Captain Lennard. Hat mich gefreut, Ihnen begegnet zu sein.“
„Uns hat es gefreut, dass Sie gekommen sind, Admiral. Es war buchstäblich wie bei der Ka-vallerie: Rettung in letzter Minute. Was erwartet Sie nun?“
„Wir existieren ja offiziell noch gar nicht, aber da die Situation unser Eingreifen erforderte, haben jetzt leider Hunderttausende das Projekt Mars mit eigenen Augen gesehen. Das war nicht gerade in unserem Sinne, aber... naja, lassen wir das. Wir sind jetzt kein Gerücht oder dunkler Schatten mehr, sondern real. Das Dominion wird das erfahren. Ich werde mich hüten und Ihnen über Subraumfunk unseren nächsten Bestimmungsort nennen, doch ich denke, Sie werden sich so Ihre eigenen Gedanken machen. Machen Sie’s gut. Paris Ende.“
Lennard sah zu Leardini hinüber ünd wisperte leise: „Denkst du auch, was ich denke?“
Sie nickte: „Sektor 001.“
- 8 -

Kall betrat die Beobachtungslounge der Fairchild mit gemischten Gefühlen. Sie hatte von Lennard nicht viel erfahren und rechnete deshalb mit nahezu allem. Er hatte eine codierte Nachricht vom Flottenoberkommando erhalten, was ebenfalls alles und nichts bedeuten konn-te. Als sie die Stufen von der Brückenebene zur Lounge hinabschritt, kamen langsam alle Teilnehmenden der anberaumten Besprechung in ihr Blickfeld.
Zunächst, am Kopfende des langen, von innen heraus beleuchteten Tisches, Captain Lennard, der sie erwartungsvoll ansah und hintergründig anlächelte. Neben ihm sitzend, stand das un-verschämte Grinsen Leardinis in keinem Verhältnis dazu. Auf der ihr abgewandten Seite sass ihr abgewandt, eine hochgewachsene Person mit glatten, dunklen Haaren und spitzen Ohren. Jellico war das nicht, dachte sie erleichtert. Insgeheim hatte sie nämlich befürchtet, dass er bereits auf einem der Schiffe, die mit einer der Verteidigungsgruppen zu ihnen gestossen war, hätte sein können.
Als sich die dritte Person zu ihr herumdrehte, fiel ihre Kinnlade hinab: „Vakuf! Was... wie...?“
„Guten Tag, Commander. Ich hoffe, Sie erlangen die Fähigkeit, zusammenhängende Sätze zu formulieren, bald wieder zurück.“ Nüchtern und pragmatisch wie immer, wie es sich für eine waschechte Vulcanierin gehörte.
„Das... ach, vergessen Sie’s. Herzlich willkommen zurück, Commander. Wie geht es Ihnen denn? Haben Sie das Pon’Farr gut hinter sich gebracht?“ Kall war noch immer zu verblüfft über den Anblick ihrer alten Gefährtin, um etwas Vernünftiges sagen zu können.
Sofort verzog sich das Gesicht ihrer Kollegin, wenn auch nur ein klein wenig. „Sie sollten mittlerweile wissen, dass Vulcanier nie, und zwar wirklich nie über derlei Dinge reden. Davon abgesehen, danke der Nachfrage. Sie wissen natürlich, weshalb ich hier bin?“
„Meines Wissens nach übernehmen Sie den Posten des Ersten Offiziers wieder und verweisen mich nach der Kommandoübergabe an Vizeadmiral Jellico wieder auf den Zweiten Offiziers-rang. Was ehrlich gesagt zwar schade, aber kein allzu grosses Unglück ist. Ich werde mich wieder ein wenig der Counselor-Arbeit widmen und...“
„Hören Sie, Sam, die Hierarchie hat sich ein wenig geändert,“ unterbrach sie Lennard sanft, aber bestimmt. „Es mag zwar ungewöhnlich sein, dass eine Counselor als Zweiter Offizier an Bord eines Föderationsraumschiffes dient, doch so wie es jetzt aussieht, werden Sie nicht in ihre blaue Uniform schlüpfen können. Am Besten setzen Sie sich jetzt.“
Erschüttert liess die schwarzhaarige Betazoidin sich auf einem der Sessel nieder. Was hatte das zu bedeuten? Hatte ihre Vergangenheit sie eingeholt? Und das mitten im Krieg! Wo doch jeder Offizier gebraucht wurde...
„Es geht um Vizeadmiral Jellico,“ begann Leardini. „Er hat sich bei Bekanntwerden des Hil-ferufes auf dem erstbesten Raumschiff, das von seinem Wartepunkt aus zur Front flog, einge-nistet. Es war ein Schiff der Sojuz-Klasse, eine aufgerüstete Miranda. Er hat im Krisengebiet kurzerhand das Kommando über seine Kampfgruppe übernommen und seine Kräfte regel-mässig über ein Gebiet von zwei Lichtjahren verteilt, noch bevor sie Feindkontakt mit den Jem’hadar bekamen.“
„Das meinen Sie nicht ernst!“ ereiferte sich Kall.
Lennard nickte mit düsterer Miene. „Es war ein einzelner Schlachtkreuzer, der sich sein Schiff als die Stelle ausgesucht hatte, an der er diese Kette durchbrechen wollte. Er näherte sich mit hohem Warp und liess keinem anderen Sternenflottenschiff der ersten Linie eine Chance, auf Abfangkurs zu kommen.“
Noch immer perplex, stammelte Kall: „Sagen Sie mir, dass er sich zur zweiten Frontlinie zurückfallen liess und zusammen mit der Verstärkung den Kreuzer vernichtet hat.“
„Sie sollten Jellico besser kennen. Dieser Mann hat im Krieg gegen die Cardassianer ge-kämpft. Für ihn gab es keine zweite Linie, nur diesen Schlachtkreuzer und sein Schiff. Es war ein sinnloses Opfer. Jeder, der ihn dafür als Held bezeichnet, hat keine Ahnung, was dieses Wort bedeutet.“ Leardini ballte in ohnmächtiger Wut die Fäuste. Ihr stand ins Gesicht ge-schrieben, was sie über die Vorgehensweise des Vizeadmirals dachte.
Die sichtbaren Emotionen in Kalls Antlitz wechselten von Fassungslosigkeit über blankes Entsetzen hin zu Betroffenheit. „Oh mein Gott. Wie viel Leute waren an Bord des...“
Als ihre Stimme versagte, antwortete Lennard langsam. „Zweihundertundfünfzig Besatzungs-mitglieder. Keine Rettungskapseln. Wenigstens scheint es schnell gegangen zu sein.“
„Bei diesem Kräfteverhältnis... wahrscheinlich haben die Jemn’hadar nicht einmal gebremst für sie. Wie geht es jetzt weiter? Jellico sollte die Aldebaran übernehmen...“ Erst allmählich wurde ihr klar, was dieser Verlust der Sternenflotte für sie persönlich bedeutete.
„Mit ihm an Bord waren fünf weitere Reserveoffiziere, Captains und Commander, die Schlüs-selpositionen auf unterbesetzten Frontschiffen übernehmen sollten. Durch diesen erneuten Personalmangel wurde vorerst verfügt, dass ich das Kommando über die Aldebaran überneh-me, mit Ihnen als Erstem Offizier.“ Kein einziger Muskel in Vakufs Gesicht zuckte bei dieser Ankündigung.
Kall starrte vor sich hin ins Leere. „Wissen Sie, eigentlich sollte ich jetzt froh sein, aber angesichts der Umstände, unter denen ich diesen Posten erhalte, kann ich mich nicht so recht dafür erwärmen.“
Dann sah sie auf und Vakuf in die Augen. „Nichtsdestotrotz werde ich meine Pflicht erfüllen. Wir werden ein gutes Team sein, Mrs. Vakuf, und ich will Ihnen ein guter Erster Offizier sein, das verspreche ich Ihnen.“
Vakuf schien einen Moment lang wirklich verblüfft zu sein. Kall hatte sich in der kurzen Zeit, in der sie das Kommando über die Aldebaran innegehabt und gegen das Dominion gekämpft hatte, merklich verändert. Sie strahlte jetzt eine erstaunliche Reife und Gelassenheit aus, beinahe schon Professionalität. Von ihrer früheren Überschwenglichkeit und Impulsivität war nur noch ein gesundes Mass übriggeblieben.
Bedächtig sagte die Vulcanierin: „Ich hege keinen Zweifel daran.“
Und mit diesen Worten reichte sie ihr die Hand.
Kall lächelte und ergriff sie.



Sie waren bei der Sternenbasis 72 angekommen, wo sie fürs erste stationiert blieben. Warmes Licht fiel von der kleinen roten Sonne Beta Cygnus auf die praktisch atmosphärelose Silikat-welt der Klasse J, die als einzige um ihr Muttergestirn kreiste. Unter dem Licht von Sol hätte sie wahrscheinlich dem Erdenmond täuschend ähnlich gesehen, so jedoch hatte sie eine blas-se rosarote Färbung. Die gewaltige pilzförmige Konstruktion in ihrem Orbit wurde gerade komplett geräumt und für den extrem schwierigen Abtransport vorbereitet, während die Transportschiffe mit den Flüchtlingen weiter ins sichere Innere der Föderation gebracht wur-den. Lennard stand am Fenster seines Bereitschaftraumes und betrachtete das Schauspiel mit gemischten Gefühlen.
Das Bewegen einer solchen Masse war eine bislang noch nie dagewesene technische Leist-ung, die nur unter erheblichem Aufwand vonstatten ging. Dabei wurden von schweren Fracht-raumern angelieferte gigantische Impulstriebwerke, jedes so gross wie ein ganzes Raum-schiff, unter dem ‘Kopf’ der die Form eines Pilzhutes hatte, nach unten gerichtet installiert und mittels gewaltiger Verstrebungen direkt mit dem Raumrahmen der Station gamma-ver-schweisst. Gleichzeitig wurde an diesen Trägern ein Subraum-Emitternetz installiert, das ein verstärktes strukturelles Integritätsfeld erzeugen und so die hohen Beschleunigungskräfte, denen die Station ausgesetzt sein würde, kompensieren würde.
Ein zweites, komplexes Netz wurde installiert und würde beim Inbetriebnehmen des An-triebes ein Subraumfeld erzeugen, das die Massenträgheit der Raumbasis weit genug redu-zieren würde, um die Station mit einer angemessenen Beschleunigung zu bewegen. Jedes normale Raumschiff besass diese Einrichtungen von Grund auf, doch eine Raumstation war nicht für den Flug im Weltall konstruiert. Gegen dieses Vorhaben nahm sich die Verlegung von Deep Space Nine aus dem bajoranischen Orbit in den Denorios-Gürtel vor sechs Jahren wie ein Witz aus, auch wenn es damals als hervorragende Ingenieursleistung gewürdigt wor-den war. Die Zeiten änderten sich eben.
Wenn diese Basis nicht so immens wichtig und wertvoll für die Föderation gewesen wäre, hätte man diesen technischen Aufwand wohl für zu gross gehalten und die Station auf-gegeben. Womöglich wäre die Basis sogar gesprengt worden, um zu verhindern, dass sie dem Feind in die Hände fallen würde. Dem Dominion hätte das sicher gefallen, diese Einrichtung als vorgeschobene Basis benutzen zu können, da sie eine enorme Bandbreite an unter-stützender Infrastruktur für eine grosse Anzahl von Schiffen bieten konnte. Nun, noch war die Sternenbasis 72 nicht in Sicherheit, und vielleicht würde sie das Schicksal der Selbst-zerstörung doch noch ereilen beziehungsweise ereilen müssen, wenn das Dominion schneller als erwartet vorrücken würde. Man konnte nie wissen.
In dieser Hinsicht verstand Lennard das Verhalten von Captain Sisko nicht, was die Aufgabe von DS9 betraf. Sicher, keinem Kommandanten fiel es leicht, sein Schiff, seine Station oder was auch sonst für eine Einrichtung unter seinem Kommando stand, mutwillig zu zerstören, um sie nicht der Nutzung durch den Feind preiszugeben. Doch in diesem Fall hätte Sisko Lennards Meinung nach seine emotionalen Hemmungen überwinden, sämtliche Zivilisten vor dem bevorstehenden Angriff auf die Station nach Bajor, das zu diesem Zeitpunkt ja bereits unter dem Schutz eines Nichtangriffspaktes mit dem Dominion gestanden hatte, evakuieren und in dem Moment, als die Lage aussichtslos geworden war, die Selbstzerstörung aktivieren müssen.
Sicher hatte ein gewisser rechtlicher Aspekt bestanden, da Deep Space Nine nicht der Föde-ration gehörte, sondern von ihr lediglich mit wohlwollender Genehmigung der bajoranischen Übergangsregierung betrieben und verwaltet worden war. Auch war von dieser nach Lennards Wissen eine offizielle Protestnote eingegangen, die das Halten der Station durch Sternen-flottenkräfte und deren Weigerung, beim Aufmarsch der Dominion-Streitkräfte die Übergabe an Bajor auszuführen, verurteilte. Doch das war dem allgemeinen Verlautbaren nach lediglich ein formelles Papier, um den Schein zu wahren; selbst das Dominion wusste, dass Bajor noch immer mit der Föderation sympatisierte, hatte es doch nur wenige Monate vor Beginn des Krieges noch einen Aufnahmeantrag in die Föderation bestätigt bekommen. Dieser war offen-bar alleine durch Sisko verhindert worden, der wohl in einem Moment geistiger Erleuchtung die kommenden Ereignisse erahnt haben musste und Bajor vom Zustimmen des Aufnahmean-trages abgeraten hatte. Im Nachhinein betrachtet war das das Beste, was Bajor hatte tun kön-nen. Auch das Annehmen des Angebotes des Dominion, einen Nichtangriffspakt abzuschlies-sen, war von ihm befürwortet worden. Je mehr Lennard darüber nachdachte, desto merkwür-diger erschien ihm das alles.
Dieser Mann wusste offenbar immer, wirklich immer, was das beste für Bajor war. In den paar Jahren, die er die Station in diesem Sternensystem geführt hatte, war er dem Anschein nach zum vollendeten Experten für diese Welt und die politischen Beziehungen dieses Sek-tors geworden. Gut, er wusste, dass Sisko - mehr aus Zufall, wie er dachte - zu einer religiös-en Figur für das bajoranische Volk geworden war, als er das Wurmloch, den sogenannten ‘Himmelstempel’, entdeckt hatte. Waren damit vielleicht auch hellseherische Fähigkeiten verbunden? Nicht einmal Jellico würde ihm noch das Wasser reichen können, was die Kennt-nisse über Cardassianer und deren strategischer Überlegungen anging. Das machte ihn zum Mann der Stunde, was den Krieg anging, da dieser von cardassianischem Territorium aus und teilweise von Cardassianern geführt wurde, wenn auch nicht unter derer Führung. Es wurde allgemein angenommen, dass sie in der Hierarchie des Dominions tiefer standen und erheb-lich weniger zu sagen hatten, als ihnen lieb war. Lennard fragte sich, wie die Cardassianer im allgemeinen und Gul Dukat im besonderen wohl damit umgingen; der Akte nach, welche Sisko im Lauf der Zeit über den ehemaligen Leiter der Besetzungsmacht Bajors und jetzigen Führer des cardassianischen Volkes angelegt hatte, war er ein herrschsüchtiger und selbstver-liebter Egozentriker. Seine neue Stellung im Bündnis mit dem Dominion schien diese Eigen-schaften in Richtung Grössenwahn zu treiben, wenn man dem wenigen glauben konnte, was man seit der Rückeroberung der Station ‘Terok Nor’, wie sie DS9 auf cardassianisch nannten, von dort an Informationen bekam.
Was Deep Space Nine anging, schien Sisko sich jedoch verkalkuliert zu haben. Für Lennard sah es jedenfalls momentan nicht gerade so aus, als könnten sie die Station in absehbarer Zeit zurückerobern. Und selbst wenn das der Fall sein würde, wer konnte schon garantieren, dass die Cardassianer nicht das Versäumnis von Sisko nachholen und die Station sprengen wür-den, um sie nicht wieder der Föderation überlassen zu müssen? Das läge durchaus in ihrem Naturell. Ach Unsinn, sogar er würde das an ihrer Stelle tun. Es war das naheliegendste in dieser Lage.
Was für ihn noch erschwerend hinzukam war die Tatsache, dass Terok Nor von Cardassia selbst konstruiert und erbaut worden war. Die ehemaligen Besitzer mussten sich nicht mit einer fremdartigen Technologie herumärgern, wie das bei der Übernahme durch die Födera-tion der Fall gewesen war; sie kannten jede Schraube, wie es so schön hiess. Alles, was sie zu tun hatten, war die Reparatur der von Sisko mutwillig zerstörten Computersysteme und even-tuell das Entfernen von Technologie der Sternenflotte, die der ursprünglichen cardassianisch-en zu Adaptionszwecken hinzugefügt worden war. Falls sie gewisse Verbesserungen als sach-dienlich erachteten, würden sie sie womöglich gar beibehalten und so vom höheren technisch-en Stand der Föderation profitieren.
Alles in allem war es eine bestenfalls fragwürdige und schlechtestenfalls kurzsichtige und sentimentale Entscheidung gewesen, diese Schlüsselposition in Feindeshand gelangen zu las-sen. Ohne die Station hätte das Dominion es gewiss nicht so einfach in diesem System ge-habt. Auch die Bemühungen, das getarnte Minenfeld vor dem Eingang des Wurmloches abzu-tragen, wären nicht so einfach gewesen, wenn sie ohne feste Basis hätten operieren müssen.
Nun, sei’s drum, er konnte seinen Kollegen aus der Entfernung und ohne genaue Kenntnis der Lage leichtfertig verurteilen, was er dann doch nicht wollte. Er behielt seine Zweifel für sich und hoffte lediglich, dass der Tag nicht kommen würde, an dem Sisko seine Entscheidung bitter bereuen würde.
Wenn er überhaupt noch lebte. Er galt Lennards Wissens nach noch immer als hinter den feindlichen Linien vermisst, was er wirklich niemandem wünschte. Der Verlust seiner Kom-mandocrew wäre ein schlimmer Schlag für die Sternenflotte.
Der Captain der Fairchild schreckte hoch, als er die ersten rotglühenden Ausstossprodukte der Fusionstriebwerke aus den Vektordüsen austreten sah. Das würde ein erster Test der Im-pulstriebwerke sein. Später würde die Station so gedreht werden, dass ihre Oberseite in Flug-richtung weisen würde. Der Schub der nach unten gerichteten Düsen würde sie dann auf ihrer langen Reise antreiben, auf der sie von einer Staffel Schiffe zusätzlich gesichert werden wür-de, bis sie in halbwegs sicherem Gebiet sein würde. Es war müssig zu glauben, man könnte sie ohne Warpantrieb mehrere Lichtjahre weit ins nächste System transportieren, denn das würde etliche Jahre dauern. Jedoch gab es in den Tiefen des Alls selbst für ein so grosses Ob-jekt genügend sichere Plätze, wo sie nicht ohne weiteres gefunden werden konnte. Und wenn erst einmal die Reste ihrer Impulsspur sich verflüchtigt hatten, konnte man beruhigt warten, bis es wieder sicher war, die Station zu betreiben.
Er hoffte nur, sie würden nicht allzulange Begleitschutz für die langsam dahinkriechende Station spielen müssen.
Eine Botschaft kam auf Lennards Tisch-Laptop an. Verwundert nahm er sie entgegen. Als er das Bild eines asiatischen Mannes in Admiralsuniform sah, dachte er sich zuerst nichts wei-ter, da er eigentlich klare Befehle die Eskorte der Raumstation betreffend hatte. Gab es Än-derungen, so dass sie abgezogen werden mussten?
„Fleet Captain Lennard, erlauben Sie mir, mich vorzustellen: mein Name ist Nawenn Chon. Ich komme in Kürze zu Ihnen an Bord, um einige vertrauliche Gespräche mit Ihnen und ein-igen Ihrer Führungsoffiziere zu führen. Bitte informieren Sie die betreffenden Personen dies-bezüglich, damit diese sich zu meiner Verfügung halten werden. Und die Aldebaran ist auch noch zugegen, wie ich erfahren habe. Ich habe vor, auch von deren Führungscrew gewisse Mitglieder zu befragen. Eine Benachrichtigung ist bereits durchgeführt worden. Das wäre so-weit alles.“
Lennard musste bei dem unbewegten Gesicht seines Vorgesetzten schlucken. „Darf ich fragen, um was es geht, Sir?“
„Ich muss Sie bitten, sich in Geduld zu üben, da ich derlei Angelegenheiten nur persönlich er-örtern möchte. Das wäre alles, Captain.“ Grusslos beendete Admiral Chon die Verbindung und liess einen ratlosen und äusserst besorgten Lennard zurück.
Was hatte denn das zu bedeuten?



„Was hat denn das zu bedeuten?“ Entgeistert starrte Dween ihren Freund an, der auf seinem Conn-Sessel nervös hin- und herrutschte und immer wieder Seitenblicke auf den Zugang zur Beobachtungslounge warf.
„Ich habe keine Ahnung. Dieser Admiral ist hier wie ein Scharfrichter mit dem Beil über der Schulter hereingerauscht, hat sich den Captain und die Commander geschnappt und konferiert seit anderthalb Stunden da drin mit ihnen. Ich bin auch dazu aufgefordert worden, mich für eine Befragung bereitzuhalten. Aber du bist offenbar die erste, die von dem Admiral herzitiert wird, um zu ihnen zu stossen. Kann das etwas damit zu tun haben, dass du die Schiffsberat-erin bist?“
„Wohl kaum deshalb, weil ich so ein taktisches Genie bin. Der Captain wird mich schon nicht an den Stab der Strategen ausliefern.“ Sie überspielte ihre innere Unruhe mit Unfreundlich-keit, was er ihr nachsah. Ihm ging es auch nicht besser; auf der ganzen Brücke herrschte eine gedrückte Stimmung.
In diesem Moment öffnete sich der eine Ausgang und die beiden Führungsoffiziere der Fairchild traten gemeinsam auf die Brücke. Sie schienen überhaupt nichts um sie herum wahrzunehmen und waren stattdessen in einen leisen Disput vertieft. Nun, nicht leise genug für halbvulcanische Ohren, wie Dween gleich merkte.
„Wie sollen wir uns jetzt entscheiden, Kyle? Was ist das beste, das wir tun können?“ Der Ernst in Leardinis Stimme war unverkennbar und stand ihr auch deutlich ins Gesicht geschrie-ben. Lennards Antlitz schien ein Ebenbild des ihren zu sein.
„Wir müssen erst einmal abwarten, was hierbei herauskommt. Wir wissen noch nicht einmal genau, welche Optionen uns überhaupt bleiben. Vor allem dürfen wir uns jetzt nicht verrückt machen; wir müssen unbedingt ruhig und besonnen bleiben, so schwierig das jetzt auch sein mag. Die Lage könnte noch viel schlimmer sein.“ Er hob den Kopf und sah sich flüchtig auf der Brücke um.
„Mr. Darrn, Sie haben die Brücke. Commander Leardini und ich sind vorerst für niemanden ausser dem Admiral zu sprechen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Ich denke, das haben Sie, Captain.“ Darrn erhob sich von der Ops und übernahm den Kom-mandantensessel.
Kaum hatte sich die Turbolifttür hinter Lennard und Leardini geschlossen, als die Komm-anlage zum Leben erwachte. „Lieutenant Dween in die Beobachtungslounge.“
„Ich komme, Sir,“ bestätigte die Counselor den recht unhöflich formulierten Aufruf des Ad-mirals. Mit klopfendem Herzen bewegte sie sich zum hinteren Ende der Brücke und trat zu den Türhälften des Konferenzraumes. Sie glitten leise zischend auseinander und liessen sie ein.
Das Licht war im länglichen, leicht gebogenen Raum wie so oft gedämpft, so dass die unzähl-igen Sterne hinter den grossflächigen Fensterscheiben umso beeindruckender schienen, doch Dween liess sich davon nicht ablenken, sondern steuerte unbeirrt das entfernte Ende des Kon-ferenztisches an. Der Admiral sass auf dem Stuhl am Kopfende des Tisches, welcher normal-erweise dem Captain vorbehalten war. Sie musterte den alten Mann mit den hageren, asiat-ischen Gesichtszügen, dem schütteren grauen Haar und der blassen, leicht gelblichen Haut-farbe.
„Bitte setzen Sie sich, Counselor,“ sagte er einladend mit überraschend fester Stimme und liess dabei gleichzeitig durchblicken, in welcher Funktion er sie zu sprechen wünschte.
„Ich wünsche einen guten Tag, Admiral Chon,“ antwortete sie und gab sich alle Mühe, ihre vulcanische Seite zum Ausdruck zu bringen. Diese Unterhaltung sollte von Objektivität, nicht von ablenkenden Emotionen bestimmt werden.
„Sie wissen wohl nicht, warum ich Sie geladen habe?“ bemerkte er schlau und betrachtete sie, während sie sich den nächstgelegenen Stuhl nahm und auf diesen glitt. Sie folgte seiner Blickrichtung und merkte, worauf er starrte.
„Mein Gesicht ist hier oben, Admiral. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie sich mit mir in einer angemessenen Weise unterhalten würden.“
Das hatte gesessen.
Hochauf befriedigt registrierte sie seine Verlegenheit. Mit leicht stockender Stimme und verlegen gesenktem Blick gab er zu: „Da haben Sie mich wohl voll erwischt, Mrs. Dween. Bitte verzeihen Sie einem alten törichten Mann. Wissen Sie, auch ich bin zur Hälfte Alpha Centaure, doch meine zweite Heimat ist nicht der Vulcan, sondern das schöne China auf der Erde. Ich werde nicht den Luxus eines langen Lebens haben und gewiss werden Sie mit 98 Jahren auch besser aussehen als ich.“
„Das erklärt nicht Ihr Verhalten, doch ich werde darüber hinwegsehen. Wenn wir jetzt viel-leicht zum Grund dieser Unterredung kommen können...“
„Natürlich. Ich möchte mit Ihnen in Ihrer Funktion als Counselor dieses Schiffes reden. Es geht um ihren Captain und Commander Leardini. Was können Sie mir über sie erzählen?“ Gespannt wartete er auf ihre Reaktion. Sie verzog keine Miene.
„Nun, Captain Lennard besitzt einen sehr ausgeglichenen Charakter, bewahrt auch in hoch-brisanten Situationen absolute Ruhe und weist hervorragende Führungseigenschaften auf. Er ist nachsichtig und weiss seine Untergebenen stets im richtigen Masse zu motivieren, auch sehr hohe Leistungen zu erbringen und fördert den Teamgeist der Crew.
Commander Leardini ist zwar sehr temperamentvoll veranlagt, besitzt aber auch eine Professionalität, die ich bisher noch bei keinem anderen Ersten Offizier erlebt habe. Sie...“
„Bitte, Counselor, Sie wissen genau, was ich gemeint habe,“ unterbrach Chon sie unhöflich. „Ich sagte, erzählen Sie mir von den beiden. Damit meinte ich keineswegs eine Bewertung der beiden aus ihrer Sichtweise, sondern die Art ihrer Beziehung zueinander.“
„Admiral?“ Fragend hob Dween eine ihrer leicht diagonal gewachsenen, rötlichen Augen-brauen.
„Wenn Sie sich dumm stellen wollen, können wir diese Anhörung auch gerne vor einer Kom-mission unter Erbringung eines Eides Ihrerseits fortsetzen. Die beiden hatten gerade ein lan-ges, klärendes Gespräch mit mir. Ich habe vom Oberkommando die Befugnis erhalten, den beiden mehrere Optionen anzubieten, wie die Sternenflotte mit der hier vorliegenden Sach-lage verfahren soll. Ich kann und will mir jedoch kein vorschnelles Urteil bilden. Ganz davon abgesehen hat die Föderation derzeit weiss Gott andere Probleme als die Liaison eines Cap-tains und seiner Ersten Offizierin.“ Der Halbchinese seufzte.
„Meine Meinung darüber ist schnell abgefasst. Ich hatte bislang nie den Eindruck oder auch nur den Verdacht, dass sich ihre Beziehung negativ auf die Führung des Schiffes ausgewirkt hätte. Im Gegenteil verstehen die beiden es sogar beneidenswert gut, ihre private Verbindung vom Beruflichen zu trennen und bevorzugen oder benachteiligen weder sich noch andere des-wegen. Wir hatten nie auch nur im Ansatz Probleme.“ Dween bemühte sich, so neutral wie möglich zu klingen.
„Das mag ja sein,“ entgegnete Chon in seiner umständlichen Art, „und wir vom Oberkom-mando haben diese Liaison auch stets toleriert, solange wir davon wussten. Jetzt allerdings haben sich die Dinge verändert. Die beiden haben sich offiziell verlobt und erwarten ein ge-meinsames Kind.“
„Wirklich? Das wusste ich nicht.“
Der alte Chinese fuhr sie ärgerlich an: „Verkaufen Sie mich bitte nicht für dumm! In den medizinischen Logbüchern steht, dass Sie persönlich nach einer Notsituation im Sanitäts-dienst eingeteilt waren und die Schwangerschaft von Commander Stefania Nina Leardini fest-gestellt haben.“
„Ich meinte die Verlobung, mit Verlaub, Sir,“ gab sie nun leicht unbeherrscht zurück. „Wann soll das gewesen sein?“
„Das...“ Er stockte, als sein Blick auf die Sternzeit fiel, die auf seinem PADD stand. Er stellte eine kurze Querabfrage an und meinte dann bedauernd. „Ich muss mich bei Ihnen entschul-digen, Lieutenant. Ich sehe gerade, dass Sie zu diesem Zeitpunkt auf einer humanitären Mis-sion auf der Aldebaran eingeteilt waren.“
„Dann wäre das ja nun geklärt. Und wenn Sie von mir eine Beurteilung wollen: trennen Sie die beiden nicht. Sie sind bereits weit über dieses Stadium hinaus, in dem sich ihr Verhältnis störend auf den Betriebsablauf an Bord hätte auswirken können. Sie haben es verdient, eine Familie zu gründen. Und auch wenn während des Krieges eigentlich keine Zivilisten an Bord eines Sternenflotten-Schiffes gestattet sind, so sollte die Commander doch an Bord bleiben, auch wenn sie vom Dienst beurlaubt wird und ihr Kind bekommt. Sie wird trotz allem ein wertvolles Crewmitglied, eine weise Ratgeberin und eine Stütze der Moral an Bord sein. Wenn es die Entscheidung der beiden sein sollte, hier auf der Fairchild zusammenzubleiben, dann sollten Sie sie meiner Meinung nach gewähren lassen.“
„Sie scheinen wirklich grosse Stücke auf die beiden zu halten. Ich denke, mehr muss ich von Ihnen nicht hören, Counselor. Über dieses Gespräch haben Sie selbstverständlich Stillschwei-gen zu bewahren. Sie können wegtreten. Und einen schönen Tag noch.“ Wieder liess der alte Admiral seine Blicke wandern, als Dween aufstand und hinausging.
Alter Lustmolch, dachte sie angewidert.
Auf der Türschwelle kam ihr Darrn entgegen; offenbar war nun die Reihe an ihm, vom Admiral ausgequetscht zu werden. Sie warf ihm nur einen vielsagenden Blick zu, was seine fragende Miene nur noch verstärkte.



Jeder der Führungsoffiziere war froh, dass der Admiral wieder von Bord gegangen war. Er hatte praktisch die gesamte Brückencrew sowohl der Fairchild als auch der Aldebaran be-fragt und dann noch ein weiteres langes Gespräch mit Lennard und Leardini geführt.
Nun hatten die beiden alle zusammen auf die Offiziersmesse der Aldebaran bestellt, da die Beobachtungsloungen ihrer Schiffe ziemlich beengend für alle gewesen wären. Inzwischen waren sie alle zugegen und warteten jetzt nur noch auf ihre beiden Vorgesetzten.
Wenjorook und Kazuki standen beisammen und diskutierten über diverse Kampftaktiken und deren Vor- sowie Nachteile. Nebenbei bemerkte der japanische Sicherheitschef: „Sie schein-en eine Menge gelernt zu haben, seit ich Sie aus meiner Obhut entliess.“
„Ich hatte keine andere Wahl, Sir,“ entgegnete Wenjorook mit ernster Miene.
„Ja, der Krieg... manchmal kann er ganz nützlich sein, wenn man schnell Karriere machen will. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich möchte Ihnen keinesfalls etwas in derartiges unterstellen. Aber Sie müssen doch zugeben, dass etwas an dieser Aussage dran ist, nicht wahr?“
Der hochgewachsene Andorianer nickte. „Mag sein. Wir wollten ja eigentlich einen Testflug mit der Fairchild machen, als wir mitten in den Kriegsausbruch gerieten. Unser Schiffchen war noch brandneu und noch nie in einem Gefecht gewesen, als ich der Sicherheitschef wurde. Wie die Feuerprobe ausging, wissen Sie ja.“
„Pech, dass Sie nicht die Schilde der guten alten Aldebaran hatten. Obwohl der Multiphasen-schild der Sovereign-Klasse auch schon von der Modifikation des Ewigen von Alnilam profi-tiert hat. Die Enterprise-E jedenfalls hat das Feuer der Borg bei deren letztem Angriff auf die Erde ganz gut weggesteckt.“
„Jetzt, da Sie die Borg erwähnen... wissen Sie irgendetwas über den Ausgang des Konfliktes zwischen den Borg und dem Dominion, den wir so schön angezettelt haben?“
„Nein, es ist uns darüber nie etwas zu Ohren gekommen, soweit ich weiss. Ich hoffe nur, sie haben sich gegenseitig gründlich niedergemetzelt. Der Kampf fand natürlich so tief im Terri-torium des Dominions statt... nun ja, jetzt ist das Wurmloch vermint und vielleicht erfahren wir nie, was im Gamma-Quadranten passiert ist. Angeblich stehen jedoch mehrere Tausend Jem’hadar-Schiffe auf der anderen Seite des Wurmloches bereit und warten darauf, dass das Minenfeld bei DS9 abgetragen wird. So schlimm kann es das Dominion demnach nicht er-wischt haben. Und wenn die Enterprise dem Beschuss eines Borg-Kubus widerstehen konnte, werden die Jem’hadar sich sicher auch zu wehren gewusst haben.“
Kazuki sah sich kurz um und wollte dann mit leiser Stimme wissen: „Haben Sie das übrigens gehört von unserem geliebten Flaggschiff? Es soll zur Fünften Flotte kommen.“
„Na, da kann ihnen ja vorerst nichts passieren. ‘Front’ kann man den Abschnitt nicht gerade nennen, in dem diese Flotte stationiert ist. Es wäre wohl zu blamabel, so ein Statussymbol gleich in der Anfangsphase des Krieges als Kanonenfutter zu missbrauchen... so wie uns.“
Die beiden brachen ihre Unterhaltung ab und lauschten nebenan, wo gerade Merven und Dween auf Vakuf stiessen. Der junge Trill fragte höflich: „Wie geht es Ihnen, Commander?“
„Den Umständen entsprechend. Ich hatte mich schon an den Gedanken gewöhnt, unter Vize-admiral Jellico auf der Aldebaran Dienst tun zu müssen, was sicherlich keine besonders anregende Tätigkeit gewesen wäre. Da sich das nun erübrigt hat, frage ich mich natürlich, welche Option die Sternenflotte uns nun zugedacht hat.“ Wie immer klang die dunkelhaarige Vulcanierin sachlich und emotionslos.
„Sie meinen, wen man Ihnen jetzt aufs Auge drücken will? Ich vermute, dass unsere Zusam-menkunft genau diese Fragen beantworten wird. Allerdings bin ich mir auch noch nicht im Klaren darüber, wer für den freigewordenen Posten in Frage käme. Auf dem Schiff von Jellico waren sämtliche hochrangigen Ersatzoffiziere, die ein Kommando hätten übernehmen können. Durch Jellicos falsches Heldentum hat der personelle Engpass noch grössere Dimen-sionen angenommen. Hier draussen sind wir hoffnungslos unterbesetzt, was Führungsoffi-ziere angeht.“ Mit etwas ratloser Miene kratzte er sich am Kopf.
„Nun, was Ihre Karriere betrifft, Mr. Soares, da würde ich mir keine allzu grossen Sorgen machen. Sie sind in kurzer Zeit schon sehr weit gekommen, und das verdient, wie ich meine. Es ist noch gar nicht lange her, da war ich selbst noch nicht mehr als der Navigationsoffizier eines Schiffes.“
„Wollen wir’s hoffen, dass ich einen ähnlichen Karrieresprung wie den Ihren vollziehen kann, Commander,“ erwiderte Merven scherzhaft.
Vakuf wechselte beiläufig das Thema und sprach Dween an: „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie zur Hälfte Vulcanierin sind, Counselor.“
„Das stimmt,“ erwiderte sie lächelnd, was einen leicht befremdeten Ausdruck auf dem Ge-sicht ihres Gegenübers erzeugte.
„Ihre Haarfarbe ist sehr ungewöhnlich. Und ihre Frisur verbirgt ihre Ohren; versuchen Sie etwa, dieses Merkmal Ihrer Herkunft zu verbergen?“
„Keineswegs, aber mir gefallen meine Haare so, wie sie sind. Und die Farbe ist übrigens echt; meine alpha-centaurischen Gene überwiegen in meinem Fall, was zwar selten ist, aber doch vorkommt, wie Sie an mir sehen können.“ Dween wurde ein wenig vorsichtig, da ihr die Richtung, welche dieses Gespräch zu nehmen schien, nicht besonders gefiel.
„Ach, dann sind Sie gar nicht auf dem Vulcan aufgewachsen?“ bohrte Vakuf unnachgiebig weiter, was nun Mervens Aufmerksamkeit erregte. Er hatte bisher nur mit einem Ohr ihrem Dialog gelauscht und sah nun die beiden fragend an, was jedoch keine zur Kenntnis nahm. Was ging da vor sich?
„Doch, zum Teil schon. Meine Familie war auch auf diversen Raumschiffen stationiert, aber einen guten Teil meiner Kindheit verbrachte ich auf dem Vulcan,“ erklärte die Schiffsbe-raterin der Fairchild unbehaglich.
„Sie sind nie in der vulcanischen Lehre der Logik unterwiesen worden?“
„Aber selbstverständlich. Meine Mutter hat mir alles beigebracht, was ich darüber wissen muss,“ widersprach Dween ein wenig ärgerlich.
Vakuf schüttelte mit einem Anflug des Bedauerns ihren Kopf: „Und dennoch zeigen Sie in aller Öffentlichkeit ihre Gefühle; Freude, Unmut, Ärger. Das ist nicht angebracht für eine Tochter des Vulcan, die...“
Protestierend fuhr Dween dazwischen: „Einen Moment, bitte! Ich habe gesagt, meine Mutter hat mich unsere Traditionen gelehrt. Mit keinem Wort habe ich behauptet, dass ich diesen Weg als meinen eigenen angenommen habe und mein Leben der Logik und Askese verschrie-ben habe. Ich lebe gerne auf die Weise der Menschen.“
„Höchst bedauerlich.“ Da war sie, diese typisch vulcanische Affektiertheit.
„Für wen?“ entgegnete Dween kampfeslustig.
Noch bevor ein weiteres Wort fallen konnte, öffneten sich die Türen der Messe, worauf Lennard und Leardini eintraten. Sämtliche Unterhaltungen wurden eingestellt und wichen er-wartungsvollem Schweigen.
Lennard begann auf seine umständliche und höfliche Art: „Zuerst einmal möchte ich mich bei Ihnen allen bedanken, dass Sie trotz Ihrer umfangreichen Pflichten alle gekommen sind. Wir haben uns etwas verspätet, da wir mit der Admiralität noch ein paar kleine Details zu be-sprechen hatten. Glücklicherweise sind die Herren Vorgesetzten in diesen Zeiten erfreulich unbürokratisch und entscheidungsfreudig, wenn es um personelle Gesuche und andere Fragen geht.“
Als er sah, dass kaum noch jemand die Spannung aushielt, kam er zur Sache: „Wie Sie alle wahrscheinlich längst wissen, haben Commander Leardini und ich seit geraumer Zeit eine feste Beziehung. Wir beide hoffen, wir haben Sie im Bezug auf unsere dienstlichen Verpflich-tungen und unsere Objektivität sowohl uns gegenüber als auch gegenüber allen anderen unter unserem Kommando stets zu Ihrer Zufriedenheit geführt.“
Allgemeines Nicken und zustimmendes Gemurmel.
„Nun, unsere Liebe zueinander hat Früchte getragen, wie wir vor Kurzem erfahren haben, will sagen, wir erwarten Nachwuchs.“ Voller Zuneigung tauschten die beiden einen langen Blick, was von den meisten mit Grinsen und leisen Kommentaren sowie Kichern zur Kenntnis ge-nommen wurde. Offenbar war das schon bekannt.
„Um es kurz zu machen: ich habe um die Hand meiner geliebten Stefania Nina Leardini ange-halten.“
Im aufkommenden lauten Stimmengewirr der Versammlung rief Leardini: „Und ich habe den Antrag angenommen, falls es jemanden interessieren sollte.“
Darauf wurde es etwas ruhiger, worauf Lennard noch hinzufügte: „Unsere Hochzeit wird in fünf Wochen stattfinden... auf der Erde.“
Schlagartig war es totenstill im Raum, sodass man sogar das Aufkeuchen von Nirm verneh-men konnte, der wohl als letzter begriffen hatte, was das bedeutete.
„Ich weiss, was Sie jetzt fragen wollen, aber wir haben das alles bereits geklärt, sonst stünden wir jetzt nicht hier. Wir beide haben die Ausnahmegenehmigung vom Oberkommando erhal-ten, was wirklich nicht einfach war und eine Menge an Überredungskunst von uns erfordert hat, um alles in die richtigen Bahnen zu lenken. Morgen nehmen wir das nächste Kurierschiff Richtung Sektor 001. Inklusive Flitterwochen und Rückflug sollten wir in knapp acht Wo-chen wieder zurück sein, wenn alles gutgeht. Das kommt darauf an, wohin genau es die Fairchild in der Zwischenzeit verschlagen wird.
Zunächst jedoch einmal das: Commander Sam Kall, treten Sie vor, bitte.“ Leardini grinste, als die Betazoide verblüfft der Aufforderung nachkam und sich von Chefarzt Stern, ihrem Freund, löste.
Lennard nahm einen PADD hervor und verlas mit hochoffiziell klingender Stimme: „Auf-grund Ihrer hervorragenden Leistungen bei der Führung der Aldebaran unter schwierigen Be-dingungen im Krieg und im Gefecht erhalten Sie für die Zeit der Abwesenheit Ihrer Komman-deure erneut das Kommando über die gute, alte USS Aldebaran, Registrierungsnummer N.C.C.-1912-A, bis Sie von einem gleich- oder höherrangigen Offizier abgelöst werden, der noch bestimmt wird. Gezeichnet Oberkommando der Sternenflotte.“
Leardini schüttelte der völlig perplexen Kall lachend die Hand: „Herzlichen Glückwunsch, Sam. Das hätten Sie sich wohl nicht träumen lassen, was?“
„Wirklich nicht. Und erst... aber...“ Nun erst wurde ihr klar, dass jemand ihres Ranges mit einem höheren Dienstalter bei dieser Ernennung übergangen worden war.
Vakuf machte wie immer ein unerschütterliches Gesicht, zuckte jedoch trotzdem zusammen, als sie den Blick von Dween und ihren leicht spöttisch angehobenen Mundwinkel sah. Sie musste wissen, was sie jetzt dachte, was ihr gehörig missfiel.
Lennard hatte das Zögern der neuernannten Kommandeurin nicht wahrgenommen. „Als nächstes bitte Lieutenant Commander Darrn.“
Kaum war der Klingone nach vorne gekommen, verlas Lennard: „Sie werden für die Dauer unserer Abwesenheit als Erster Offizier auf die Aldebaran versetzt. Ich wünsche Ihnen viel Spass und Kurzweil auf diesem Posten.“
„Den werde ich haben, Sir, vielen Dank,“ erwiderte Darrn mit einem selbstzufriedenen Lächeln.
Leardini wandte sich um. „Mr. Kazuki, Sie bleiben vorerst kommissarisch der Zweite Offizier des Schiffes.“
„Das hört man gerne,“ war der kurze Kommentar des Japaners.
„So, nun zu Ihnen, Mrs. Vakuf,“ fuhr Lennard fort und machte es spannend. „Bitte treten Sie vor.“
Als diese der Aufforderung nachgekommen war, hob der Neuseeländer wieder die Notiz und las weiter: „Sie werden für die Dauer meiner Abwesenheit das Kommando auf der USS Fairchild, Registrierungsnummer N.C.C. - 71912, übernehmen und mir meine Kleine bei meiner Rückkehr in einem Stück und ohne jeden Kratzer zurückgeben.“
Grosse Überraschung auf der einen Seite, zustimmender Applaus wie bei allen bisherigen Er-nennungen auf der anderen. Dweens Magen zog sich zusammen, als sie den Blick ihrer neuen Kommandeurin auffing. Das konnte ja heiter werden! Sie würde wohl im wortwörtlichen Sinne ihre ‘Ohren spitzen’ und sich von ihrer besten logischen Seite zeigen müssen, wenn sie die nächsten knappen zwei Monate nicht unter allzu unangenehmmen Bedingungen unter dieser hochakkuraten Vulcanierin überstehen wollte.
Lennard machte weiter mit den Ernennungen, nun kam jedoch keine grosse Überraschung mehr. Wuran wurde in Vertretung zum Ersten Offizier der Fairchild, Merven für diese Zeit-spanne zum Zweiten Offizier. Ja, so schnell konnte es gehen, wenn auch nur für begrenzte Zeit. Hoffentlich...
Gerade eben noch hatten sie über diverse Karrieresprünge geredet und wie schnell sich diese ergeben konnten und jetzt waren sie von der Realität einmal mehr überholt worden. Die wohl einzige gute Seite im Krieg, wie Dween fand.
„Das wäre soweit alles,“ liess Lennard dann verlauten, „hiermit erkläre ich also den offi-ziellen Teil dieses Anlasses für beendet. Das Buffet ist eröffnet und wartet darauf, von Ihnen geplündert zu werden.“
„Auf ihr Wohl,“ rief Chefarzt Stern überschwenglich, worauf alle spontan Beifall spendeten. Nach so langer Abwesenheit von der Erde und dem Ignorieren formeller Umgangsformen, wie es im Krieg schon zu allen Zeiten üblich und von den Kommandeuren aller Schiffe wohl oder übel toleriert war, wunderte es Lennard nicht weiter, dass sich niemand damit aufhielt, erst ein Sektglas zu ergreifen und auf einen Trinkspruch oder eine weitere Rede zu warten.
Die Feier gestaltete sich dennoch sehr locker und beschwingt. In regelmässigen Abständen fanden sich einzelne Personen oder kleine Gruppen von Offizieren ein und gratulierten per-sönlich dem glücklichen Paar, worauf meistens noch ein kurzes Geplauder über dieses und jenes folgte.
Kall und Stern traten gerade an die beiden heran, als Stern sagte: „Das sieht dir wieder ähn-lich, Kyle! Deiner Freundin mitten im Krieg, quasi schnell mal so zwischen zwei Schlachten, ein Kind verpassen und sich dann auf die sichere Erde verdrücken. Das hätt ich mir ja denken können.“
Lachend erwiderte Lennard: „Du bist dir der Tatsache bewusst, dass ich jeden anderen dafür in eine Arrestzelle werfen lassen würde?“
„Bitte lass es mich machen, Kyle!“ bat Leardini ebenso erheitert. „Ich bin sicher, dass der Herr Doktor diesen Teil unseres Schiffchens bei seiner letzten Besichtigung nicht zu Gesicht bekommen hat. Wie hältst du es nur mit diesem Spinner aus, Sam?“
„Das bleibt mein kleines Geheimnis,“ erwiderte Kall schmunzelnd und sah dann auf: „Oh, sieh mal, David, da ist Counselor Dween.“
„Dieser Blick von ihr sah aber nicht sehr freundlich aus,“ stellte Lennard trocken fest. „Oh, jetzt dreht sie sich weg und versucht krampfhaft, dich zu ignorieren, David. Woran das wohl liegen mag?“
„Ach hör schon auf, woher hätte ich denn wissen können, dass solch ein bezauberndes Wesen in Wirklichkeit existiert? Sie hasst mich wohl immer noch dafür, dass ich diese Comic-Figur, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, als Galionsfigur auf unser Schiff gemalt habe. Eine sehr exotische Mischung übrigens, muss ich sagen. Es bedurfte wohl nichts anderem als einer Vulcanierin und eines hünenhaften Alpha-Centauren, um solch eine Amazone zu schaffen. Merven kann sich glücklich schätzen...“
Bei dem Blick, den der Schweizer von seiner Freundin auffing, fügte er hastig hinzu: „Natür-lich nur halb so glücklich wie meine bescheidene Person mit einer solchen Perle des Alls sein kann. Von ihren offensichtlichen Vorzügen abgesehen wäre sie auch gar nicht mein Typ.“
Als er sie versöhnlich in den Arm nahm und an sich drückte, heiterte sich Kalls Miene wieder auf. Verspielt zupfte sie an seinem hellbraunen, buschigen Schnurrbart, seinem Markenzeich-en, und fragte ergeben: „Was soll ich nur mit dir anstellen?“
„Nimm ihn, wie er ist,“ riet Leardini verschmitzt grinsend.
„Habt ihr übrigens gehört, dass Captain Sisko und seine Führungscrew gerettet worden sind?“ fiel Lennard in diesem Moment ein.
Interessiert entgegnete Stern: „Nein, das war mir neu. Erzähl’!“
„Sie haben mit ihrem Jem’hadar-Angriffsschiff weit hinter den Linien und ohne Warpantrieb festgesessen und stürzten dann auf einem kleinen Planeten in einem nicht kartographierten Nebel ab, wo sie eine Weile mit ebenfalls dort gestrandeten Jem’hadar-Truppen zu kämpfen hatten. Ich habe den Bericht noch nicht ausführlicher gelesen, weil er erst wenige Minuten vor Beginn unseres Anlasses eingetroffen ist, aber es muss für sie ziemlich haarig gewesen sein. General Martok persönlich hat sie mit der I.K.S. Rotaran herausgeholt. Und sie haben den Vorta des Jem’hadar-Kontingents dort gefangengenommen. Ich hoffe nur, der Geheim-dienst der Sternenflotte holt etwas Brauchbares aus ihm heraus.“
„Hört sich unangenehm für ihn an.“ Stern schauderte bei dem Gedanken an ein Verhör.
„Jedenfalls sind sie gut auf Sternenbasis 375 angekommen. Wahrscheinlich wird sich Sisko sofort in die Defiant schwingen und neue Einsätze fliegen wollen.“ Lennard zuckte mit den Schultern.
„Und wir werden derweil noch ein bisschen dieser Schnecke von Sternenbasis 72 hinterher-fliegen. In vier Tagen soll sie den nächsten ausgedehnten Nebel erreichen, wo sie dann in dessen unbekannten Tiefen verschwinden und dort geparkt werden soll, bis die Lage sich hier etwas beruhigt hat. Was mit uns geschieht, ist wohl noch ungewiss. Die Siebte Flotte als sol-che existiert ja nicht mehr, so dass wir wohl auf verschiedene Flotten aufgeteilt werden.“ Kall seufzte bei dem Gedanken.
„Hoffentlich ist die Sternenflotte schlau genug, unsere beiden Schiffe mit ihren Verbänden weiterhin zusammenzuhalten. Seite an Seite sind wir ein eingespieltes Team.“ Leardini hörte sich bei diesen Worten voll und ganz überzeugt an.
Sie sprachen noch über diverse persönliche Themen und beobachteten, wie sich die Reihen der Partybesucher langsam lichteten. Dann wurde es auch für die beiden Gastgeber Zeit auf-zubrechen.



Lennard und Leardini sahen durch die Fenster der Beobachtungslounge der USS Repulse, wie der lange, schlanke Rumpf der Fairchild schnell zusammenschrumpfte. Der massigere, be-häbigere der Aldebaran war noch etwas länger erkennbar, dann konnte man schliesslich nur noch die Sternenbasis, welche ungleich grösser war, noch vom Sternenmeer im Hintergrund unterscheiden. Doch bei 700 g Beschleunigung dauerte es nicht lange, bis auch dieser Körper in der Unendlichkeit des Alls verschwunden war.
„Ob wir unser Schiff je wiedersehen werden?“ fragte sich Leardini versonnen.
„So etwas darfst du nicht einmal denken. Bevor du es dich versiehst, sitzt du wieder in deinem Sessel neben mir auf der Brücke und es wird dir vorkommen, als seist du nie weg-gewesen.“ Er schmiegte sich an sie und legte von hinten die Arme um sie.
„Ja, nur werde ich nicht mehr allzulange in diesem Sessel sitzen. Oh Kyle, der Posten als Erster Offizier wird mir fehlen!“
„Es ist ja nicht füür immer und ewig. Wir können froh sein, dass wir in diesen Zeiten unser Kind an Bord behalten dürfen. Es ist zwar ein gewaltiges Risiko, aber andererseits möchte ich dann schon immer bei ihm sein, wenn es einmal so weit ist.“
„Du wirst ein guter Vater sein, das weiss ich genau.“ Sie drehte sich ihm zu und küsste ihn lange.
„Und ein guter Schwiegersohn, will ich hoffen.“ Sie lachte leise. „Ich bin auf die Reaktion meiner Eltern gespannt. Es wird bestimmt eine unvergessliche Feier.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein Fähnrich betrat den abgedunkelten Raum. Diskret blieb er kurz an der Schwelle stehen, bis Lennard rief: „Ja, bitte?“
„Die Befehle für die Reste der Siebten Flotte sind angekommen, Sir. Der Captain dachte, dass es zwei Passagiere gibt, die das interessieren würde.“ Der junge Telluraner hielt deutlich sichtbar ein PADD in die Höhe.
„Da hat er richtig gedacht.“ Lennard ging zur Tür und nahm die Order entgegen. „Danke, Fähnrich. Sie können wegtreten.“
„Aye, Sir,“ antwortete der diensteifrige Offiziersanwärter schneidig und kehrte, um zurück auf die Brücke zu marschieren. Die Tür schloss sich hinter ihm und liess einen nachdenk-lichen Lennard zurück.
„Hör dir das an, Schatz: Unsere beiden Verbände werden der Fünften Flotte überstellt. Wir werden Sie also früher wieder erreichen, als wir gehofft hatten.“
„Das ist doch der Frontabschnitt beim Vulcan-System? Na grossartig! Dween wird es doppelt schwer haben in der Nähe ihrer Heimat und mit Vakuf als Kommandantin.“ Leardini stöhnte.
Worauf Lennard ungewollt lachen musste. „Sie wird es überleben, schliesslich ist sie durch deine Schule gegangen.“
Sie blieben noch eine ganze Weile im Konferenzsaal des Schiffes, das sie zur Erde trug, ihrer Heimat und dem Herz der Föderation. Dort, wo sie sich das Jawort geben und die vielleicht schönsten Wochen ihres Lebens verbringen würden. Die Erde wurde nicht umsonst von ihren Bewohnern in dieser Ära ‘das Paradies’ genannt.
Ein Paradies, das es zu bewahren galt und zu beschützen vor dem übermächtig scheinenden Feind, der ihnen ihr wichtigstes Gut, die Freiheit nehmen wollte.
So weit durfte es nie kommen, das schwor sich Lennard insgeheim. Die Föderation würde bis zum letzten Atemzug für ihre Rechte und ihre Selbstbestimmung kämpfen.
Denn das war es, was sie definierte und das Leben für sie lebenswert machte.
Die Schlacht um Tyra war vielleicht verloren, aber der Krieg war noch lange nicht vorbei.


- ENDE -

... link (0 Kommentare)   ... comment