Dienstag, 13. Februar 2007
T.1.69
[... Fortsetzung des Buches]
- 14 -
Asheville, Buncombe County, North Carolina, USA - 3. September 1997

Wenn TSR 3012 jemals ein Gefühl für Erschöpfung hätte entwickeln können, dann auf diesem Trip. Sie hatte extremes Pech gehabt und keinen einzigen Flug an diesem Tag mehr bekommen, der auch nur in die Nähe des Yancey County gehen würde. Von einem Anschlussflug ganz zu schweigen.
Sie hatte entweder die Wahl gehabt, bis zum nächsten Mittag zu warten oder einen Flug in die weitere Umgebung zu nehmen und den Rest der Strecke mit einem Mietwagen zurückzulegen. Nach dem Einholen sämtlicher ihr zur Verfügung stehender Reiseoptionen entschloss sie sich für einen Flug nach Nashville, Tennessee. Sie war am Abend des Zweiten dort angekommen, hatte sich unverzüglich einen Chevrolet Blazer gemietet und war losgefahren.
Als sie in der Abenddämmerung die gewaltige Unwetterfront östlich von sich gesehen hatte, in die sie, der Interstate 40 folgend, direkt hineinfuhr, hatte sie allmählich verstanden, welche Probleme die regionale Luftfahrt heute Nacht in dieser Region hatte und weshalb kein Flug mehr ging. Hätte sich dieses Monster von einem Gewitter über den Great Plains statt über den Appalachen zusammengebraut, wäre sicher mit einem Tornado zu rechnen gewesen.
In Deutschland musste man mit solch extremen Wetterbedingungen nicht rechnen.
Allein bis in die nächste Stadt, Knoxville im Osten von Tennessee, waren es 180 Meilen, unter normalen Umständen eine Fahrt von knapp vier Stunden. Danach ging es erst richtig los, denn ab hier fuhr man hinauf in den Hauptkamm der Appalachen und kam nach weiteren einhundert Meilen nach Asheville, das am Fuße des Massivs lag, dessen höchster Punkt der Mount Mitchell war.
Sie fuhr nur bis Knoxville schon über sechs Stunden. Heftige Regenfälle, Hagel und Windböen machten ein zügigeres Vorankommen schlicht unmöglich. Mitten in der Nacht kam sie dann auch noch an einen Punkt, wo heftige Windböen beim Cherokee National Forest mehrere Bäume umgerissen und die Straße unpassierbar gemacht hatten. Sie musste eine schlecht ausgebaute Ausweichroute fahren und verlor weitere zwei Stunden, bis sie wieder auf dem Highway war.
Nachdem sie im Morgengrauen in Asheville angekommen war, hatte sie, zumindest was das Wetter betraf, das Gröbste hinter sich. Sie erstand in einem mall passende Kleidung und Schuhwerk und machte sich auf zu dem Punkt, an dem sie schon einmal tief in den Berg hineingestiegen war. Bis zum Mittag, nach einem ereignislosen Zwölfmeilen-Marsch, befand sie sich am Einstieg in den verborgenen Höhlenkomplex. Niemand war ihr auf ihrer Wanderung begegnet, aber nach so einem Unwetter wunderte sie das nicht sonderlich.
Behände kletterte sie tief hinein in das System aus Gängen und Stollen, an das sie sich noch immer erinnern konnte, obwohl sie selbst noch nie hier gewesen war. Dabei versuchte sie immer wieder, CSM 108-1 über Funk zu erreichen, doch die Felsen schirmten ihn noch immer völlig ab. Hier stieß selbst die modernste Technik an ihre Grenzen.
Beim Abstieg in die Höhle stellte sie Voraussagen auf: Wie würde er reagieren, wenn er so unvermutet aus seinem ‚Winterschlaf’ gerissen wurde? Er war der festen Überzeugung gewesen, über dreißig Jahre lang auf Stand-by zu bleiben, bis er in der postapokalyptischen Zukunft dann reaktiviert und geborgen werden würde. Auch TSR 3012 war nicht restlos klar, inwiefern sich die diversen möglichen Zeitlinien in dieser Hinsicht überschnitten. Wieso war er in das Versteck gegangen, wenn sich abgezeichnet hatte, dass der Atomschlag nicht stattfinden würde? Oder war sie erst auf den Plan getreten und hatte den Bezugsrahmen durch ihre Ankunft verändert?
Fakt war, dass er Karin nach Oregon geschickt hatte, um sie vor dem Tod im nuklearen Feuer zu bewahren, was implizierte, dass der Krieg eigentlich hätte stattfinden müssen. Ihr fielen auf Anhieb Dutzende von Aspekten ein, die mit keinerlei Logik erklärbar waren. Konnte es sein, dass diese ganzen Ungereimtheiten erst aufgetreten waren, als sie ihr Pendant hier aufgesucht hatte und mit ihrer Realität ‚verschmolzen’ war?
Durch den unbeabsichtigten Fehler mit dem EMP, der sie bei ihrem Transfer aus der Bahn geworfen hatte, war etwas eingetreten, was nicht einmal mit der Heisenberg-Theorie erklärt werden konnte. Sie wusste nicht einmal genau, ob sie CSM 108-1 tatsächlich hier vorfinden würde, obwohl sie eigentlich fest damit rechnete. Wenigstens würde das der ganzen Irrationalität, der sie sich ausgesetzt sah, ein wenig ihrer Stärke nehmen.
Vor ihr erschien ein Schemen in der Dunkelheit, der sie erleichtert aufatmen ließ. Er stand noch genau dort, wo sie in Erinnerung hatte, gestanden zu sein, als sie hier gewesen war. Sie bemerkte, dass er ihre Annäherung registriert hatte und die Augen öffnete, die in der vollkommenen Dunkelheit in ihrem typischen Rot leuchteten. Er würde noch einige Sekunden benötigen, um seine Systeme voll hochzufahren.
Sie fand es irre witzig, als sie ihn anfunkte: << Einheit TSR 3012 an Einheit CSM 108-1, bestätige Einsatzbereitschaft und Bereitschaft zum Abtransport in Anlage 7249A. >>
Er aktivierte seinen Funktransponder und antwortete: << Bestätige Einsatzbereitschaft und melde Erfüllung der Mission. >>
Wenn das kein astreines Déjà-vu war! Sie gab zurück: << Deine Mission kannst du dir in die Haare schmieren, Danny-Boy. Es ist etwas gewaltig schiefgelaufen. >>
Er hielt inne. << Bitte Antwort spezifizieren. Nicht konforme Formulierung verifizieren. >>
Sie sprach ihn nun an, was bei ihm fast einen Kurzschluss auslöste. „Hör’ auf, mir dieses Blech zuzufunken, Daniel. Wir werden ab jetzt nur noch miteinander sprechen und jeglichen Funkkontakt bis auf absolute Notfälle unterbinden. Ferner werden wir uns nur noch mit unseren menschlichen Namen bezeichnen. Ach ja, willkommen zurück im 20. Jahrhundert.“
Er ruckte hoch, als er sie nun erkannte: „Abbey? Nein, nicht du ... Abbey! Ich hätte es von jedem vermutet, aber nicht von dir! Oh Mann! Aber ...?“
„Ich weiß, du hast jetzt ungefähr 3570 Fragen. Machen wir uns an den Aufstieg, hier unten gibt es fast keinen Atemsauerstoff. Deshalb war auch meine organische Komponente zerfallen, als sie mich geborgen hatten.“ Sie gab ihm einen fast freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und strebte dann durch die vollständige Dunkelheit dem Ausgang zu. Taschenlampen hatten sie natürlich keine, wozu auch?
„Ich muss das erst noch verarbeiten, dass du es die ganze Zeit über warst. Ich meine ... wir haben sogar die Weihnachtstage zusammen verbracht. Ich hätte es an deiner Stimme merken sollen.“
Sie grinste vor sich hin. „Ich bin eben gut.“
„Du hast mich damals sogar gefragt, ob wir zum Schwimmen gehen wollen. Und das, obwohl du genau weißt, dass du nicht schwimmen kannst“, merkte er an.
„Genauso wenig wie du. Aber du wusstest das nicht. Und da ich genau wusste, dass du ablehnen würdest, um deine Tarnung nicht zu gefährden, hat meine Frage jeden Verdacht von mir abgelenkt.“
„Du bist ein verschlagenes Miststück!“
„Von wem ich das wohl habe?“, gab sie kokett zurück.
Er sagte plötzlich mit Verwirrung in der Stimme: „Einen Moment, nach meinem Chronometer müsste es Anfang September 1997 sein. Warum holst du mich wieder aus der Höhle, bevor die Verweilzeit um ist?“
Sie seufzte: „Aus mehreren Gründen. Der Wichtigste ist der, dass es einen Unfall gab. Und zwar in einer anderen Zukunft. Du weißt, dass meine CPU eine direkte Kopie der deinigen ist, das heißt gewissermaßen, ich war du.
Nun, ich blieb in meiner damaligen Zeitlinie hier, bis ich geborgen, in Anlage 7249A gebracht wurde und meine gesammelten Informationen ausgewertet wurden. Gemäß der allgemeinen Paranoia, die Skynet jedem seiner Großrechner einimpft, war offenbar die wichtigste taktische Information aus der Vergangenheit für ihn die, dass die Menschen ebenfalls ihre Leute zurückgeschickt hatten, und zwar offensichtlich von dieser Anlage aus. Der logische Schluss war der, dass Anlage 7249A erobert werden würde und die ZVA darin gegen Skynets Pläne von den Menschen missbraucht werden würde.
Um das zu verhindern, sprengte der Hauptcomputer direkt nach meinem Sprung in die Vergangenheit die gesamte Anlage inklusive der eindringenden Rebellentruppen mit einem Kernsprengkopf. Der EMP dabei muss meinen Transfer beeinflusst haben, was mich in diese beschissene Zeitlinie geschleudert hat.“
„Und ich bin nun auch in dieser Zeitlinie?“
„Sieht ganz so aus. Sonst hätte ich dich nicht hier herausgeholt. Dummerweise wurde die Erfindung des ZVA-Effektes durch mir unbekannte Umstände hier zu spät gemacht. Außerdem hat Cyberdyne hier nie existiert und der Tag des Jüngsten Gerichtes hat schlicht nicht stattgefunden. Skynet wurde in diesem Bezugsrahmen nicht gebaut und unsere Zukunft, wie wir sie gekannt haben, gibt es nicht.“
Er stöhnte auf. „Das heißt, unsere Mission ist gescheitert. Irgendein anderer CSM 108-1 und eine TSR 3012 in einer Parallelrealität mögen vielleicht Erfolg haben, aber wir haben nichts mehr zu melden.“
„So sieht’s aus. Aber ich habe wenigstens die Entdecker des ZVA-Effekts identifiziert.“
Ironisch meinte er: „Na toll! Was bringt uns das noch? Einen feuchten ... wart’ mal, wer ist es überhaupt? Kennen wir sie?“
„Das glaubst du mir sowieso nicht ...“

[Fortsetzung folgt ...]

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T1.68
[... Fortsetzung des Buches]

John F. Kennedy Int’l Airport, New York, USA - 2. September 1997

Sie waren unbehelligt durch die Zoll- und Gepäckkontrollen gekommen und hatten den Expresszug A nach Manhattan genommen. Durch die Zeitverschiebung war es in New York noch früher Morgen. Die Strecke führte bis fast nach Queens hoch und dann über Brooklyn nach South Manhattan. Sie sahen auch die Manhattan und die Brooklyn Bridge, bevor die Bahn in den Tunnel unter den East River einfuhr. Sie verließen die Metro an der Penn Station in der 34th West, nur sieben Blocks von ihrem Ziel entfernt. Von dort nahmen sie eines der berühmten gelben New Yorker Taxis, dessen schiere Ausmaße allein die beiden Europäer zum Staunen brachten.
Sie hielten schließlich nach einer zehnminütigen Stop-and-go-Fahrt in der 28th West zwischen der Ninth und der Tenth Avenue mitten in Chelsea an der West Side. Südlich der Straße lag der beschauliche, pittoreske Chelsea Park, von dem Daniel Karin schon oft erzählt hatte. TSR 3012 war heilfroh, dass CSM 108-1 Karin die Adresse damals mitgeteilt hatte, in dem sicheren Wissen, dass sie selbst ohnehin nie hierher gekommen wäre.
Sie standen vor einem hübschen, weiß gestrichenen Häuschen im viktorianischen Stil oder dem, was die Amerikaner an der Ostküste dafür hielten, denn es war wie auch die anderen ähnlich gebauten Häuser in dieser Straßenzeile den New Yorker Bedürfnissen gemäß fünf Stockwerke hoch, mit Ziersimsen über jedem Fenster und an der Dachkante. Aber davon abgesehen war es wirklich sehr ansehnlich und gemütlich, mit einem Erker in der Mitte des Gebäudes, einem gepflegten Vorgarten und einem ebenfalls weiß gestrichenen, hüfthohen Lattenzaun. Letzterer war natürlich für diverse Sprayer ein unwiderstehliches Ziel gewesen, aber in dieser Stadt war das wohl irgendwie unumgänglich, dachte Karin, als sie ihre Koffer herein brachten.
Dummerweise war Daniels Apartment nur mit einem großen Zimmer, einer engen Küche und einem kleinen Bad ohne Dusche, aber mit einer alten schmiedeeisernen Wanne, ausgerüstet. Noch während Karin überlegte, wie sie hier drinnen zu dritt klarkommen sollten, erklärte TSR 3012: „Ihr werdet euch dieses Zimmer für die paar Tage, die ich weg bin, teilen müssen. Wir könnten euch natürlich auch in einem der feinen Hotels unterbringen, aber ich möchte ehrlich gesagt vermeiden, dass eure Personalien irgendwo elektronisch registriert werden. Dafür habe ich mir zu viel Mühe beim Verwischen eurer Spuren gemacht.“
„Was meinst du denn damit?“, wollte Simon neugierig wissen.
„Naja, ich habe von hier aus Anschlussflüge für uns nach Los Angeles und weiter nach Hawaii gebucht, um eventuelle ‚Bluthunde’, die per Computer unsere Spur aufnehmen wollen, zu verwirren. Natürlich werden wir diese Flüge nicht antreten, aber das lässt sich nicht ganz so einfach herausfinden wie die Reservierung der Flüge an sich. Mit ein wenig Glück wähnen unsere Verfolger uns auf Honolulu, während ihr hier in New York seid und ich Daniel hole. Wir müssen aber zuerst noch kurz in die Stadt, um Passfotos anzufertigen, danach werde ich mich auf den Weg machen und einen Inlandsflug nach Süden buchen. Daniels Aufenthaltsort ist sehr abgelegen, deshalb kann es drei bis vier Tage dauern, bis wir beide zurück sind. Aber diese Zeit brauchen wir ohnehin. Alles klar?“
„Was sollen wir denn solange hier anfangen?“, fragte Karin unsicher.
TSR 3012 sah sie an und protestierte: „Also, hör mal, du bist in NY! Ihr beide seid ganz normale Touristen, klar? Vor allem du, Karin, als berüchtigte Shopping-Tussi, wirst hier wohl für ein paar Tage etwas zu tun finden, oder etwa nicht? Seht euch vielleicht erst mal das World Trade Center an, das ist nicht so weit von hier und die untersten fünf Stockwerke bestehen aus einem einzigen gigantischen Einkaufszentrum. Das ganze Gebäude ist wie eine kleine Stadt für sich. Ihr müsst unbedingt ins Restaurant in der Turmspitze zum Essen. Es ist zwar schweineteuer, aber den Ausblick aus dem 107. Stock werdet ihr nicht so schnell vergessen. Allein in und um die Twin Towers herum kann man locker einen ganzen Tag vertrödeln.
Seht euch Liberty Island mit der Freiheitsstatue an, das Empire State Building, die Brücken, den Central Park ... ich weiß gar nicht, warum ich euch das alles erzähle, ihr seid schließlich keine Hinterwäldler. Naja, streng genommen von eurem Heimatort her schon, aber ihr wisst schon, was ich meine ... aber bleibt auf jeden Fall immer zusammen und verliert euch nicht aus den Augen. Nicht durch irgendwelche Seitenstraßen laufen, auch wenn es nach einer Abkürzung aussieht. Bleibt nach Möglichkeit in Lower Manhattan und kommt bloß nicht auf die geniale Idee, eine Besichtigungstour durch Harlem, Queens oder die Bronx zu machen. Wir brauchen euch an einem Stück, nicht filettiert. Ist diese Warnung deutlich genug?“
„Wir bleiben einfach hier und lassen uns Pizza kommen, bis du wieder da bist“, entgegnete Simon und grinste.
„Schon gut, so sehr wollte ich euch die Stadt nicht vermiesen. Aber ihr habt mich schon verstanden, denke ich: einfach keine unnötigen Risiken eingehen, wenn es sich vermeiden lässt. Die Gegend hier zum Beispiel ist relativ ungefährlich, hier könnt ihr zumindest tagsüber in und rund um den Park gefahrlos spazieren gehen. Es gibt an der Ninth und Tenth Avenue, den beiden großen Querstraßen an den nächsten Ecken, viele nette Coffeeshops und Restaurants aller Couleur, wo ihr euch nahrungsmitteltechnisch über Wasser halten könnt, okay?“
„Warum kaufen wir nicht einfach in einem Supermarkt etwas ein und kochen uns selbst etwas?“, schlug Karin vor.
„Bis ihr als Europäer mit einem gewissen Anspruch an Ernährung herausgefunden habt, was in Amerika ess- und vor allem genießbar ist, sind wir längst wieder daheim. Ich wollte es euch nur leichter machen, aber wenn ihr unbedingt wollt, könnt ihr euch natürlich gerne auch selbst versorgen.“
„Schon gut, mir ist bereits die Lust vergangen“, winkte Simon ab.



Sie fuhren mit der U-Bahn zum nächsten großen Mall in der Innenstadt, wo TSR 3012 sie beide in einen Passbildautomaten verfrachtete und die Ergebnisse prüfenden Auges betrachtete, bevor sie von sich selbst noch Bilder machte, was eine Spur länger dauerte, da sie noch – unbemerkt von ihren Schützlingen – die vorbereitete rote Klebefolie zum Schutz ihrer Optik über den Blitz kleben musste. Dann ging es weiter zum nächsten Bankautomaten.
„Wozu brauchst du denn Passbilder von uns?“, wollte Karin wissen. „Damit du uns nicht so vermisst?“
„Für die gefälschten Ausweise, mit denen wir zurückreisen werden, was denn sonst?“, war TSR 3012’s Antwort, begleitet von einem Achselzucken.
„Du meinst das ernst, oder?“ Simon beobachtete seine Freundin, wie sie ihre seltsam schillernde Kreditkarte in das Eingabefach des Geldautomaten hineinschob.
„Klar. Wir sind hier in den Staaten, Süßer. Hier gehen schon die Sechzehnjährigen mit gefälschten Ausweisen in die Disco oder die Kneipe zum Saufen, was sie eigentlich erst mit einundzwanzig dürften. Einen wirklich gut gemachten Ausweis mit Angaben deiner Wahl erhältst du in New York innerhalb von ein paar Tagen, wenn du weißt, wo du hin musst. In der Zeit, in der die IDs gemacht werden, hole ich Daniel ab. Wir alle werden unter falschem Namen zurück nach Europa fliegen. Dabei fällt mir ein: Hat einer von euch ein Bild von Daniel dabei? Karin? Das würde die Wartezeit verkürzen, bis wir zurückfliegen können.“
„Leider kein Passfoto“, verneinte Karin.
Abbey tippte eine Zahlenfolge in den Nummernblock des Automaten. „Nun gut, was soll’s ... vielleicht ist es sogar besser, wenn ein paar Tage mehr verstreichen, bis wir wieder zurückkehren. Es könnte haarig werden, wenn wir erst mal wieder in Freiburg sind.“
Karin musste schlucken.
Dann wurden ihre Augen groß, als der Bankautomat sein Ausgabefach öffnete und einen dickeren Stapel Banknoten ausspuckte. Ohne große Umschweife gab TSR 3012 ihren beiden Begleitern einen Teil des Geldstapels, der zumeist aus Zwanzigern und Fünfzigern bestand. „Hier, aber überlegt euch gut, wo ihr die Fünfziger einwechselt. Das sollte euch für die Dauer eures Aufenthaltes reichen.“
„Ich dachte, du kennst Karins Einkaufsgewohnheiten allmählich“, gab Simon zu bedenken. Worauf sie ihn auf die Schulter boxte.
„Für diese Frechheit wirst du mir von deinem Geld was leihen, falls meines nicht ausreicht!“
„Träum’ ruhig weiter, Prinzessin.“
TSR 3012 lachte. „Hier sind noch zwei Fünfziger mehr, Karin, aber das ist nun wirklich genug. Ihr solltet auch nicht durch übertriebenes Geldausgeben oder extrem kostspielige Kleidung auffallen.“
Karin knirschte mit den Zähnen. „Schon gut, hab’ verstanden. Kein Kaufrausch.“
„Dann ist ja gut. Simon, du passt mir auf sie auf, damit sie angesichts der Möglichkeiten, die sich ihr hier in der Wiege des Kapitalismus eröffnen, nicht in Versuchung gerät.“
„Ich bin nicht kaufsüchtig, Abbey, okay? Wir sehen uns nur ein bisschen die Stadt an.“ Karin hob trotzig ihr Kinn und fixierte sie aus ihren hellbraunen Augen.
„Also gut. Meint ihr, ihr findet von hier aus zurück zur Wohnung? Ihr habt euch die U-Bahn-Station gemerkt, wo ihr aussteigen müsst? Reserveschlüssel?“
Simon hob seine linke Hand, in der der kleine Schlüssel aufblitzte. „Wir kommen schon zurecht, Abbey. Geh’ du nur und hol uns unseren Daniel zurück, dann sind wir vollauf zufrieden.“
„Bin schon unterwegs.“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand dann im Gewühl der Leute, die durch die helle, zweistöckige Passage strömten.
Karin sah Simon mit einem leicht flauen Gefühl im Magen an. „Und was wollen wir jetzt machen?“
„Ich habe Hunger. Lass uns zu dieser Food Corner gehen, an der wir vorhin vorbei gelaufen sind.“ Simon hakte sie demonstrativ unter und dirigierte sie in die entsprechende Richtung. Sie ließ ihn gewähren, denn für sie war diese kleine Geste von ihm ein Zeichen dafür, dass sie beide durch die höchst ungewöhnlichen Umstände und die Dinge, die ihnen zur Zeit widerfuhren, verbunden waren.

[Fortsetzung folgt ...]

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