Donnerstag, 26. Oktober 2006
4-> Sam Kam, Neer Darrn und der Abflug ->
[... Fortsetzung von Gestern]

„Ich weiss schon jetzt, wie die neuesten Gerüchte lauten werden, wenn wir zurückkehren werden. ‘He, kennst du die Aldebaran?’ - ‘Klar, das sind doch die, die ihr Schiff während einer Mission gewartet haben.’ - ‘Genau. Daran sieht man auch, wie unheimlich wichtig und gefährlich ihre Aufgaben sind, wenn sie ihren Kasten im Flug auseinandernehmen und generalüberholen.’ Eine tolle Vorstellung ist das, wenn man so über uns reden wird!“
„Seien Sie doch bitte nicht so zynisch, Captain, es ist doch nur eine begrenzte Modifikation der Computer-Hardware.“ Commander Leardini nahm auf ihrem Sessel links neben dem Captain auf der Hauptbrücke Platz und lächelte ihm ermunternd zu, als dieser sich mit säuerlicher Miene nach ihr umdrehte.
„Sie wissen doch genau, wie solche Tatsachen immer verfälscht werden, wenn sie von Mann zu Mann die Runde machen. Ich habe es eben nicht gerne, wenn unser Schiff wegen solcher Aktionen zum Gespött der ganzen Flotte wird. Nicht dass wir diese Stellung nicht schon geraume Zeit innehätten“, fügte er mit einem müden Grinsen hinzu, „aber diese paar Tage hätten wir ruhig noch warten können. Immerhin war diese Botschaft zweiundvierzig Jahre unterwegs, was macht es da für einen Unterschied, ob wir ihren Ursprung ein paar Tage früher oder später suchen?“
„Da haben Sie allerdings recht, Kyle“, stimmte die Erste Offizierin ihm zu.
„Es sei denn, dass ein triftiger Grund dafür vorläge. Doch da niemand von uns den Wortlaut der Botschaft erfahren hat, können wir das nicht wissen. Wir werden einfach losgeschickt, ohne erfahren zu dürfen, worum es eigentlich geht.“ Nachdenklich sah er seine Stellvertreterin an und senkte die Stimme. „Verstehen Sie, Stefania? Mich beschleicht das Gefühl, wir sollen bewußt nicht wissen, was uns erwartet. Dieser Gedanke gibt einem das Gefühl, entbehrlich zu sein.“
Entrüstet entgegnete Leardini: „Kyle, das ist paranoid! Sie wollen mir doch nicht ernsthaft weismachen, das Sternenflotten-Oberkommando würde dieses Schiff mit all seinen Besat-zungsmitgliedern und Angehörigen durch solche Spielchen gefährden.“
Er zuckte die Achseln. „Nein, natürlich nicht. Aber immerhin bin ich für fast eintausend Wesen verantwortlich und mag es nicht, über derlei Fakten im Unklaren gelassen zu werden. Ich habe kein gutes Gefühl diesmal. Und mein Gefühl hat sich bislang immer bewährt.“
„Wieso? Wir waren noch nie in einer Lage, vor der uns Ihr Gefühl hätte bewahren können.“
„Sehen Sie? Und ich hatte immer ein gutes Gefühl dabei“, gab er grinsend zurück.
Bevor Leardini zu einer Erwiderung ansetzen konnte, stand Lennard auf und ging ein paar Schritte nach vorne, wo der Einsatzleitende Offizier, kurz ‘Ops’ genannt, an seiner Konsole arbeitete. „Wie laufen die Vorbereitungen für das Abdocken, Mr. Darrn?“
Neer Darrn, ein Klingone mittleren Alters und, für seine Rasse ganz untypisch, die Ruhe in Person, antwortete, ohne den Blick von seinen Anzeigen zu nehmen: „Auf Hochtouren, Captain. Alle benötigten Vorräte sind vervollständigt worden, die Ausrüstung für die Planetologen-, Kartographen- und Solardynamikerteams verladen, Quartiere zugeteilt und Arbeitsstationen vorbereitet. Das Kartographenteam kommt gerade an Bord. Die Computerspezialisten sind angekündigt und sollten mitsamt ihrer Arbeitsausrüstung in wenigen Minuten am vorderen Andockkragen eintreffen; damit wären wir komplett.“
„Sehr gut. Wie sieht es bei Ihnen aus, Mrs. Vakuf?“
Die vulcanische Steueroffizierin, in der Kurzform ‘Conn’, saß direkt neben dem Ops. Vakuf antwortete: „Die Berechnungen für das Abdockmanöver und den Kurs ins Alnilam-System sind gleich abgeschlossen. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich bis auf c 0,25 gehen, bevor ich den Übergang auf Warpgeschwindigkeit initiiere.“
„In Ordnung.“ Lennard wandte sich wieder dem Kommandantensessel zu, in dessen rechtem Nachbarsitz sich inzwischen Counselor Sam Kall niedergelassen hatte. Sie war eine typische Betazoidin, besaß eine eher zierliche Statur und tiefschwarze, lange Haare, welche weiche Gesichtszüge einrahmten. Ihre grossen, intelligent in die Welt blickenden Augen waren total dunkel, man konnte keine Iris wahrnehmen. Dieses Merkmal war aber auch schon das Auffälligste, an dem man ihre nicht-terranische Herkunft erkennen konnte.
Sie nickte ihrem Vorgesetzten freundlich lächelnd zu und sagte überraschend: „Es war nicht meine Absicht, mich unbemerkt auf meinen Platz zu ‘schleichen’, Captain; ich nehme an, Sie waren einfach gerade auf das Conn konzentriert. Dennoch wünsche ich Ihnen einen guten Morgen.“
„Ist nach Stationszeit Morgen? Aha. Nun gut, einen schönen guten Morgen, Sam“, erwiderte Lennard und beugte sich zur Schiffsberaterin hinab, „und unterlassen Sie es bitte künftig, in meinem Großhirn spazierenzugehen.“
„Aye, Sir.“ Die Counselor stammte wie viele ihrer Kollegen von Betazed, wo die Einwohner meist umfangreiche telepathische Begabungen besassen und somit besonders geeignet waren für die Aufgabe des Schiffsberaters. Leider konnte - oder wollte - die junge und unbekümmerte Kall es sich nicht konsequent abgewöhnen, Gedankensondierungen ihres Umfeldes ohne besondere Rechtfertigung anzustellen, was natürlich keinem der Betroffenen sonderlich angenehm war. Infolgedessen erhielt sie von ihren Kameraden regelmässig mehr oder weniger unfreundlich formulierte Aufforderungen, solche Aktionen zu unterlassen.
Aus einem Impuls heraus erhob sich Lennard plötzlich: „Commander Leardini, Sie haben die Brücke. Ich werde mir die Computertechniker ansehen, die uns während unserer Mission begleiten.“
„Verstanden.“ Mit einem zustimmenden Nicken glitt die Erste Offizierin geschmeidig auf den Kapitänssessel, während sich Lennard zum nächsten Turbolift begab. Er sollte jedoch nicht mehr zum Einsteigen kommen.
„Commander, uns wird eine Verzögerung gemeldet. Es handelt sich um die Computertechniker“, berichtete Darrn unversehens. Sofort blieb Lennard, schon halbwegs in der Liftkabine, stehen und hörte interessiert zu. Als er bemerkte, daß Leardinis Blick gespannt auf ihm ruhte, zuckte er mit unschuldiger Miene die Schultern.
„Das muss wohl mein schlechtes Gefühl sein. Nun, Stefania, Sie haben das Kommando. Lassen Sie sich nicht von mir beirren.“
Seufzend wandte sich die Erste Offizierin wieder nach vorne. Diesmal schien Lennard tatsächlich genau zur rechten Zeit das Kommando abgegeben zu haben, womit der Ärger an ihr hängenblieb. Aber andererseits war er im Begriff gewesen, den Grund für ihre Verzögerung genauer in Augenschein nehmen zu wollen, noch bevor diese aufgetreten war, also konnte sie ihm keinen Vorwurf machen. „“Um was geht es, Mr. Darrn?“
Der klingonische Offizier sah auf seine Konsole und verlas: „Der Gastingenieur, Lieutenant Baor, war geraume Zeit unauffindbar, obwohl er wegen der Computermodifikationen in Bereitschaft gestellt war. Er fordert zehn Minuten mehr Zeit bis zum Betreten des Schiffes.“
Darauf meldete sich Vakuf zu Wort: „Dadurch würden wir das Startfenster für die ausgearbeitete Kurssequenz verpassen, was eine vollständige Neuberechnung des Abdock-, Beschleunigungs- und Warpreiseflugmanövers zur Folge hätte.“
Leardini war jetzt voll und ganz Kommandantin. „Was hiesse das für uns, Mrs. Vakuf?“
„Eine zeitliche Mehraufwendung von mindestens...“
„Das genügt mir bereits, danke“, unterbrach sie den Steueroffizier der Aldebaran ein wenig unhöflich, „allein die furchtbare Art, wie Sie ‘Verspätung’ ausdrücken, berechtigt...“
Der Computer fuhr dazwischen: „Achtung, Captain, das triviale Sprachprogramm meldet eine sechsunddreissigprozentige Wahrscheinlichkeit für eine Beleidigung des Brückenoffiziers Vakuf durch Commander Leardini.“
Nun sahen alle Besatzungsmitglieder verständnislos nach oben auf die Sprachrezeptoren des Computers und auf Leardini, die prompt rot anlief. Lennard lachte herzlich auf: „Negativ, Computer, letzte Aussage löschen.“ Und mit schelmischem Grinsen meinte er, an Leardini gewandt: „Vorsicht, Stefania, noch sind wir angedockt.“
Sie sandte ihm einen vernichtenden Blick zu und fuhr dann leicht verwirrt fort: „Was wollte ich gerade sagen? Ach ja, die entstehende Verspätung berechtigt meinen Entschluss, wie ge-plant abzulegen. Es kann nicht angehen, dass ein ganzes Raumschiff nach der Pfeife eines einzelnen Wartungstechnikers tanzt. Teilen Sie dem Computerteam mit, dass wir sie mitsamt ihrer Ausrüstung an Bord beamen, sobald sie soweit sind.“
„Wird gemacht, Commander“, bestätigte Darrn und übermittelte die Anweisung.
In den folgenden Minuten war die Brückencrew vollauf mit den Abdockprozeduren beschäftigt. Dann endlich gaben alle Stationen den vollen Bereitschaftsstatus, worauf Leardini ablegen ließ. Noch während sich das Raumschiff mittels kleinen Steuertriebwerken unter der Steuerung des Ops von den Andockkragen löste, drehte sich die Erste Offizierin erneut um, nur um Captain Lennard an derselben Stelle wie zuvor aufzufinden. Mit gedämpfter Stimme zischte sie ihm zu: „Was soll das, Kyle? Warum übernehmen sie das Kommando nicht zurück?“
Er schüttelte den Kopf und meinte mit vielsagender Miene: „Mein Gefühl täuscht sich selten. Ich werde es so sagen, werte Kollegin: der Captain sollte hin und wieder das Verhalten seiner Brückenoffiziere während deren Kommandoausübung beobachten. Ich halte diesen Zeitpunkt für sehr gelegen dafür.“
Zornig sah sie ihn an. „Na prima! Sie und Ihr obskures Gefühl! Warten Sie nur, das werde ich mir merken.“
Der Einsatzleitende Offizier wandte sich erneut an Leardini. „Commander, der Gastingenieur verbittet sich einen derart überstürzten Abflug; er befindet sich offenbar noch in seinem Privatquartier. Seinen Angaben zufolge benötigt er weitere fünf Minuten bis zum Eintreffen im nächsten Transporterraum der Werftanlage.“
„Ich höre wohl nicht richtig? Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein, wer er ist, dass er sich solche Freiheiten herausnehmen kann?“ Leardinis Augen verengten sich vor Wut.
„Wir werden bei planmäßiger Beschleunigung in genau neunzig Sekunden die Transporterreichweite zur Werft verlassen“, meldete Vakuf.
Leardini seufzte. „Also gut. Computer, Verbindung mit Hauptcomputer Antares-Werft herstellen.“
„Verbindung steht.“
„Sofortige Erfassung des zweiten Computertechnikers Rosalie Warren, Übermittlung der Daten an Transporterraum I und Einleitung des Transportes.“ Sie liess dem Rechner einen Augenblick Zeit und fuhr dann fort: „Brücke an Transporterraum I: Daten empfangen?“
„Ziel erfasst und verifiziert“, kam umgehend die Antwort.“
„Energie“, befahl sie knapp.
Nach mehreren Sekunden kam die Rückmeldung: „Transporterraum I an Brücke: Beamen eines Wartungstechnikers erfolgreich abgeschlossen.“
„Danke, Brücke Ende.“ Noch während sie die Worte aussprach, drang ein warnender Fiepton hinter ihr in ihr Bewusstsein. Sie drehte sich zur Wissenschaftsstation um, wo die Offizierin Wuran Cluy, die aus dem cardassianischen Grenzraum - von Bajor - stammte, ihre Instrumente ablas und ihre Stirn furchte.
„Die Sensoren melden einen Ausbruch auf Antares, Commander. Bei der Protuberanz auf der Sonnenoberfläche sind erhebliche Mengen an Gammastrahlung freigeworden, welche das Beamen von der Werft zu uns hin gefährden können. Ich registriere bereits einen leichten Anstieg der Strahlungswerte.“
„Auch das noch! Computer, steht die Verbindung zur Werft noch?“
„Positiv.“
„Sofortige Erfassung der Computerwartungs-Ausrüstung für die Aldebaran, Übermittlung an Frachttransporter III und Einleitung des Transportes. Erfassung von Gastingenieur Baor und Datenübermittlung an Transporterraum II.“
Darrn hob die Augenbrauen. „Commander... Baor läßt uns mitteilen, er weigert sich, bei dieser Strahlungsmenge einen Transport an sich durchführen zu lassen.“
Unbeirrt fragte Leardini: „Brücke an Frachttransporter: Transport erfolgt, Schäden?“
„Transport abgeschlossen, Brücke. Minimale Strahlenbelastung im Gamma-Bereich, alle Werte im grünen Bereich.“
Leardini zog spöttisch einen Mundwinkel hoch. „Brücke an Transporter II: Energie. Beamt ihn hierher auf die Brücke!“
Die Offiziere keuchten überrascht auf. Im nächsten Moment begann die Luft vor der Conn-Konsole zu flimmern, verdichtete sich mit einem leisen Sirren und Leuchten, wobei sie ihre Transparenz verlor und einen humanoiden Umriss bildete. Dann verschwand das Leuchten und hinterliess als Produkt einen zwei Meter grossen, massig gebauten Klingonen. Er war lediglich mit einem Badetuch bekleidet, hielt seine Uniform noch in der Hand und war wohl gerade im Begriff gewesen, diese anziehen zu wollen. Als er erkannte, dass er sich auf der Hauptbrücke eines Starfleet-Schiffes befand, war er vollkommen überrumpelt.
Leardini sprang auf, kaum dass Baor rematerialisiert hatte, marschierte auf ihn zu und brüllte ihn unbeherrscht an: „Was glauben Sie wohl, was hier vor sich geht, Mr. Baor? Sie sind Lieutenant der Sternenflotte und somit zum Gehorsam verpflichtet! Dies ist keine Vergnügungsfahrt; Sie haben hier eine Aufgabe zu erfüllen, und zwar dann, wenn wir es Ihnen sagen, nicht wenn es dem gnädigen Herrn beliebt. Wissen Sie eigentlich, dass Sie allein ein ganzes Sternenflottenschiff aufgehalten und mir noch obendrein den Morgen versaut haben? Wahrscheinlich sind Sie auch noch stolz auf diese Glanzleistung.
Und was soll dieser Aufzug hier? Soll das etwa schön sein? Das nenne ich Einsatzbereitschaft, wie sie im Lehrbuch steht! Sie tropfen mir auf mein schönes sauberes Deck, Lieutenant! Nein, Sie sind jetzt still, jetzt rede ich. Ich sehe doch, was Sie sagen wollen; Sie wollen sich beschweren, dass wir sie trotz der Protuberanz heraufgebeamt haben. Aber ich werde Ihnen einmal etwas sagen: wenn Sie an der frischen Luft auf der Erde spazierengehen, fangen Sie sich mehr Radioaktivität ein, als das bei diesem Transport der Fall war. Und nun treten Sie weg, ich will Sie nicht mehr sehen. Machen Sie sich lieber nützlich!“
Der riesenhafte Klingone, anfangs sichtlich empört, war unter Leardinis Tirade widerstandslos in sich zusammengesackt und schlich nun ohne ein Wort des Protestes zum nächsten Tur-bolift, eine tropfende Spur hinter sich herziehend.
Als sich die Türen hinter dem Neuankömmling geschlossen hatten, entfuhr es dem Captain: „Donnerwetter, Stefania! Reife Leistung!“
„Anderthalb Jahre Kadettenausbildung, Captain. Das verlernt man nie wieder.“ Sie grinste ihn gewinnend an.
Dann, als sei nichts vorgefallen, wandte sich Leardini wieder der Steueroffizierin zu: „Mrs, Vakuf, Statusbericht.“
„Angelegten Kurs erreicht, Geschwindigkeit c 0,246. Bereit zum Übergang in den Warp-flug.“
„Gehen Sie auf Warp.“

[Fortsetzung folgt Morgen...]

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