Freitag, 27. Oktober 2006
5 -> Das Alnilam-System
[...Fortsetzung von gestern]

Als ihr Befehl ausgeführt wurde und die Aldebaran in ein Subraumfeld gehüllt wurde, um das normale Universum und die absolute Höchstgeschwindigkeit, die des Lichtes, hinter sich zu lassen, verschwommen die Sterne auf dem riesigen Hauptmonitor der Brücke, wurden zu kurzen Streifen und schossen an ihnen vorbei in allen Richtungen nach Achtern, aus ihrem Blickfeld heraus. Der Überlichtflug bot wie immer ein erhabenes Schauspiel.
„Mit Ihrer Erlaubnis, Captain, würde ich Ihnen jetzt gerne das Kommando übergeben“, liess Leardini mit unverkennbarer Entrüstung in ihrer Stimme verlautbaren.
„Aber selbstverständlich, Commander“, erwiderte Lennard betont freundlich. Beinahe jeder auf der Brücke verkniff sich ein Grinsen, während die Erste Offizierin hoch erhobenen Hauptes an ihrem Komandeur vorbeirauschte, ohne ihn auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
„Wohin so eilig, numero uno?“
Die Counselor konnte ein Prusten nicht unterdrücken, als Leardini auf der Stelle erstarrte, wandelte dieses jedoch rasch in einen taktisch angebrachteren Hustenanfall um und beherrschte sich gleich darauf wieder.
„Wollen Sie bitte noch ein paar Minuten für uns erübrigen? Vielen Dank.“ Lennard wandte sich an den Conn, sobald sich Stefania wieder missmutigen Blickes auf ihren Platz begeben hatte.
„Geschätzte Ankunftszeit, Mrs. Vakuf?“
„Vier Tage, Sieben Stunden und elf Minuten bis zum Eintritt ins Alnilam-System, Sir.“
„Gut.“ Der Captain rieb sich nachdenklich das Kinn. „Cluy, können Sie bitte die Aufzeichnungen über das Alnilam-System abfragen und auf den Hauptschirm legen?“
„Einen Moment, bitte.“ Die bajoranische Wissenschaftsoffizierin begann an der zweiten ihr zugehörigen Station mit der Dateneingabe. Gleich darauf färbte sich der Hauptbildschirm dunkelblau, um das Weltall zu simulieren. Als nächstes erschien ein winziger, gleissendheller Punkt am linken Rand der Sichtfläche, überschrieben mit ‘Alnilam, Durchmesser ca. 43’000’000 km, durchschnittliche Oberflächentemperatur ca. 37’500 K, 29’605 Sonnenvolumen, ca. 2’220’000 Sonnenmassen’.

Während ehrfürchtiges Gemurmel über diese beeindruckenden Daten durch die Brücke klang, bildeten sich rechts der Sonne in unregelmäßigen Abständen fünf Punkte, gefolgt von einem sechsten in fast zehnfacher Entfernung der anderen. Sie wurden ebenso wie ihr Muttergestirn beschrieben:

∆= Klassifizierung
±= mittlere Sonnenentfernung [Mrd. km]
ø= Durchmesser [km]
°= mittlere Oberflächentemperatur [°C]
•= Monde [n]

Alnilam I, ∆= D, ±= 5,626 ø= 1’807 °= 860 •= 0
Alnilam II, ∆= D, ±= 7,971 ø= 10’502 °= 745 •= 0
Alnilam III, ∆= J, ±= 9,863 ø= 523’011 °= 690 •= 0
Alnilam IV, ∆= B, ±= 12,089 ø= 179’224 °= 560 •= 2
AlnilamV, ∆= A, ±= 15,188 ø= 243’384 °= 480 •= 6
Alnilam VI, ∆= J, ±= 96,198 ø= 12’753 °= 215 •= 9

„Der innerste Planet ist schon fast soweit entfernt von Alnilam wie Pluto von unserer Sonne“, bemerkte Leardini nachdenklich.
„Dennoch sind sämtliche Planeten aufgrund der enormen Wärme- und Strahlungsmenge viel zu nahe, um humanoides Leben zu beherbergen. Der Gürtel, in dem Leben in einer uns bekannten Form möglich ist, liegt etwa um das Tausendfache weiter entfernt von der Sonne als Alnilam I.“
„Sie machen mir ja nicht gerade Mut, Cluy“, meinte Lennard seufzend. „Was ist mit den Planeten?“
Die sechs kleinen Punkte auf der Karte rückten auseinander und zeigten nun nicht mehr die massstabsgetreue Entfernung von der Sonne, sondern Abbildungen im richtigen Grössenverhältnis zueinander. Ergänzend dazu erschien ein winziges Stück Alnilams selbst am äussersten linken Bildschirmrand, welches jedoch in dieser Grösse nur noch eine schwache Rundung vom oberen zum unteren Rand aufwies.
Der japanische Sicherheitsoffizier Onue Kazuki, der bisher im Hintergrund an seiner taktischen Konsole das Geschehen verfolgt hatte, murmelte nun: „Es ist kaum zu glauben, daß dieses Ungetüm von einem Stern überhaupt Planeten hervorgebracht hat.“
„Ich stimme Ihnen zu, Onue“, antwortete Wuran beim Studium der Daten auf ihrer Arbeitskonsole, „offenbar ist dies tatsächlich aufgrund einer natürlichen Anomalie des Gravitations- und Magnetfeldes des Gestirns möglich. Es hat eine ähnliche Form wie das Magnetfeld eines herkömmlichen Gesteinsplaneten mit Eisenkern, das heißt, es ist an den Polen stark ausgerichtet und breitet sich von dort aus in die Tiefen des Raumes aus.“
„Und deshalb ist es auf der Äquatorialebene schwach genug, daß dort die Bildung von Planeten möglich wurde“, folgerte Leardini.
Wuran nickte. „Es ist auffällig, daß die inneren fünf Planeten innerhalb dieses Feldes liegen, während der äusserste weit ausserhalb der Bereiche maximaler Feldstärke positioniert ist. Das ist wohl ein unwiderlegbarer Beweis für diese Theorie.“
„Und dieses Wissen ist fast achtzig Jahre alt? Dass so etwas nicht im Lehrstoff der Sternenflottenakademie vorkommt“, wunderte sich Lennard.
„Wahrscheinlich wegen des begrenzten praktischen Nutzen dieses Wissens“, vermutete Kazuki, „da kaum jemand dieses System jemals zu Gesicht bekommen wird.“
„Ich habe nur wenige Daten über die Planeten selbst“, verkündete Wuran nun. „Der innerste Planet ist natürlich der Sonne am stärksten ausgesetzt. Keine Atmosphäre, kein Magnetfeld, nichts. Der Sonnenwind hat seine Oberfläche vollständig verbrannt und reisst alle Teile wie Staub oder Gase ins All hinaus. Auf Alnilam II sieht es ganz ähnlich aus, mit weniger starken Auswirkungen freilich. Der dritte Planet ist sehr interessant beschaffen; er ist trotz seines enormen Durchmessers von über einer halben Millionen Kilometern wie einer der inneren Planeten Ihres Sonnensystems beschaffen. Diese Felskugel hat demnach eine grössere Masse als Sol und ist damit der grösste bekannte Stern der Klasse J. Als wahrscheinlichen Grund für seine Entstehung wird aufgeführt, daß bei der Bildung des Gravitationsgürtels Alnilams beinahe alle Materie, welche später in Gesteinsform auskühlte, sich zu diesem gewaltigen Körper ansammelte. Dafür spricht, daß sich praktisch nirgenwo sonst in diesem System kleinere Materiekörper wie Asteroiden oder Teilegürtel wie die Oortsche Wolke im Sonnensystem befinden. Auch die relativ große Trabantenarmut hier gilt als Indiz.“
„Da könnte wirklich etwas Wahres dran sein“, sagte Leardini, „was meinen Sie, Cluy, wenn man die gesamte Masse des Asteroidengürtels, der Kometen, der Oortschen Wolke und vielleicht noch die Hälfte aller Monde im Sonnensystem zusammenzählte, wie groß wäre der entstehende Körper?“
Wuran runzelte ihre Nase. „Eine sehr interessante Frage, Commander. Ich werde bei Gelegenheit einmal eine Hochrechnung darüber anstellen. Doch nun zu Alnilam IV und V; es sind zwei Gasriesen mit zwei beziehungsweise sechs Trabanten. IV hat daneben noch einen dünnen Ring, jedoch nur aus Fels- und Staubpartikeln, weil die Temperatur in dem gesamten System viel zu hoch für Eis irgendeiner Natur ist. Um ihre gasförmige Gestalt beizubehalten, besitzen beide intensive Magnetfelder, die sie und ihre Satelliten großenteils vor den destruktiven Auswirkungen des Muttergestirns schützen. Der äusserste Planet braucht diesen Schutz kaum noch, da er so weit von der Sonne entfernt ist, dass er nicht viel mehr an Hitze und Strahlung von ihr abbekommt als Merkur von der Sonne. Er besitzt neun kleine Monde und eine sehr dünne Atmosphäre, deren Bestandteile hauptsächlich Stickstoff und Edelgase sind.“
„Das hört sich noch am ehesten nach einer Chance an, etwas zu finden“, dachte Lennard laut nach. „Wie steht es mit der Konstellation des Systems, wenn wir ankommen? Können wir gleich zur sechsten Welt fliegen?“
„Die Vorraussetzungen dafür sind äusserst günstig, Captain“, antwortete Vakuf nach einer kurzen Speicherabfrage, „Alnilam VI liegt praktisch direkt auf dem Weg zur Sonne.“

Verblüfft erwiderte Lennard: „Moment mal, ich dachte, wir kommen von Antares aus praktisch am Südpol der Sonne an. Wie ist es da möglich, dass der entfernteste Planet direkt auf dem Weg liegen soll?“
Wuran schaltete sich wieder ein: „Einen Augenblick bitte, ich verändere die Darstellung des Alnilam-Systems, um es Ihnen zu demonstrieren.“
Kurz darauf zeigten sich die Bahnen der Planeten um Alnilam. Man erkannte gleich, daß sich die inneren Sterne beinahe in einer Ebene befanden, während die Bahn von Alnilam VI in einem steilen Winkel zu den übrigen stand.
Die Ekliptik des sechsten Planeten weicht um zweiundsiebzig Grad von der Mitte der anderen fünf ab“, informierte Wuran die Brückenbesatzung, „und da VI gerade über dem Nadir von Alnilam steht, passieren wir ihn in unmittelbarer Nähe beim Eintauchen ins System.“
„In Ordnung, dann steht unser erstes Ziel wohl fest. Mrs. Wuran, Mrs. Vakuf, arrangieren Sie sich bitte diesbezüglich miteinander.“
Nachdem er die Bestätigung von der Wissenschaftlichen und der Steueroffizierin erhalten hatte, fügte Lennard mit einem Seitenblick auf Leardini hinzu: „Das war’s dann fürs erste. Wir können die Brückenbesatzung jetzt auf Reiseflugmodus reduzieren.“
„Gut, dann bis später, Captain“, sagte Leardini reserviert, als sie sich erhob.
„Stefania.“ Mit einem angedeuteten antiquaren Salut und neckischem Grinsen verabschiedete er sie. Daraufhin konnte sie nicht anders, als ihm beim Gehen doch noch kurz zuzulächeln.
Ja, was wäre der Dienst ohne sie, dachte Lennard versonnen. Ihre ständigen kleinen Frozzeleien boten gerade eben so viel Abwechslung, wie man auf den meisten eintönigen Missionen benötigte, die sie flogen.
Er sah in Gedanken versunken auf den Hauptschirm, der nun wieder die vorbeirasenden Sterne bei Warpgeschwindigkeit zeigte. Noch gut vier Tage, bis sie im Alnilam-System ankommen würden...

[und morgen kommt Kapitel 2...]

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