Sonntag, 29. Oktober 2006
8 * Counselor Kall, Taktischer Offizier Kazuki, der Replikator & der Transporter
[... Fortsetzung von gestern]
Um zwei Uhr morgens Bordzeit betrat Lennard die Brücke, um Counselor Kall als kommandierenden Offizier abzulösen. Mit resigniertem Tonfall fragte er die müde aussehende Betazoidin: „Etwas Neues?“
„Abgesehen von achzig Milliarden Quadratkilometern luftleerer Felswüste, nein“, erwiderte Kall lustlos.
„Sie meinen also, dass dort unten nichts ist?“
Missmutig gab sie zur Antwort: „Jedenfalls nichts uns Unbekanntes. Ich hätte sicher die Präsenz einer intelligenten Rasse wahrgenommen, Captain. Wenn ich ehrlich bin, zweifle ich fast schon daran, dass wir in diesem System überhaupt etwas finden werden.“
„Aber die Funkbotschaft wurde eindeutig aus dieser Richtung abgestrahlt“, gab Lennard zu bedenken.
„Und wenn sie nicht aus diesem System, sondern aus einem weiter entfernten stammt, das von Antares aus gesehen in derselben Richtung liegt?“ warf sie ein.
Er entgegnete: „Diese Möglichkeit ist natürlich in Betracht gezogen worden. In dieser Richtung ist im gesamten uns bekannten Raum nur leeres All.“
„Wenn die Botschaft aber tatsächlich aus einem extrem weit entfernten System kommt, welches wir gar nicht kennen, würde das das unglaubliche Alter der in ihr verwendeten Sprachen erklären.“ Kall ließ nicht locker.
„Sie vergessen das Magnetfeld von Alnilam, Sam“, erinnerte er sie, „durch das kommt nichts an elektromagnetischer Strahlung hindurch. Es ist so gut wie absolut sicher, daß der Funkspruch von hier gekommen ist.“
„Also gut,“, lenkte sie ein, setzte aber gleich darauf nach, „wieso geht das dann aber so lange? Wir sind jetzt fast schon zwei Tage im Alnilam-System und haben vier der sechs Planeten fast vollständig abgesucht. Einer unserer Funksprüche müsste doch inzwischen aufgefangen wor-den sein, wenn der Absender existieren würde.“
Er schüttelte den Kopf. „Bei der hier herrschenden Hintergrundstrahlung ist das sehr fraglich. Und selbst falls das der Fall wäre, könnte seine Sendeleistung zu schwach sein, um eine Antwort bis zu uns zu senden. Ich glaube, ich sollte Ihnen einmal demonstrieren, was in diesem Sternensystem vor sich geht. Haben Sie noch ein wenig Zeit, bevor Sie Ihre Ruheperiode beginnen?“
Zögernd nickte sie. „Sicher, aber was...?“
„Oh, lassen Sie sich einfach überraschen.“ Lennard sah auf und wählte den Taktischen Offizier Kazuki für die Kommandoübernahme aus. Dann fuhren sie zu einem öffentlichen Replikator auf Deck 4.
„Was mögen Sie besonders gerne?“ wollte er wissen.
Verständnislos beugte sich Kall zum akustischen Eingabeteil des Replikators und sagte: „Computer, andorianische Entenkeule, gegrillt, mit Haut.“
Nach minimaler Wartezeit hatte die Datenbank das gewünschte Gericht gefunden und replizierte es aus den benötigten Rohstoffen in der gewünschten Form. Nach einem kurzen Transporterflimmern erschien die dampfende, scharf gewürzt riechende Geflügelkeule mitsamt Teller im Ausgabefach.
„So, nun gehen wir zum Frachtbereich hinüber, wo wir einen Frachttransporter benutzen werden“, wies Lennard sie an.
Neugierig balancierte die Counselor ihre Mahlzeit hinter ihrem Vorgesetzten her. Wie einfach wäre es gewesen, in seinen Gedanken die Lösung für sein geheimnisvolles Verhalten zu finden! In diesem Fall ließ sie eine Sondierung jedoch lieber bleiben, um sich selbst die Überraschung nicht zu verderben. Wieviele Überraschungen hielt das Leben schon noch für Telepathen bereit? Nein, sie wollte sehen, ob sie auch ohne ihre besondere Begabung herausfinden konnte, was ihr Leibgericht mit der hiesigen Stellardynamik zu tun haben konnte.
Sie betraten den Frachttransporterraum, der von einem jungen Techniker besetzt war. Lennard sagte: „Guten Abend, Fähnrich. Ich möchte der Counselor gerne die heimische Küche vorführen.“
Selbstverständlich, Captain.“ Der junge Mestize lächelte wissend.
Lennard nahm Kall den Teller ab und stellte ihn auf die Transporterplattform. „Ich würde sagen, zehn Meter außerhalb des Schiffes, mit maximaler Stärke des ringförmigen Eindämmungsfeldes.“
Nachdem der Fähnrich die entsprechenden Einstellungen an der Kontrollkonsole vorgenommen hatte, meldete er: „Bereit zum Transport und sofortigem Rücktransport.“
„Ich verstehe immer noch nicht“, gestand Kall ihre Ahnungslosigkeit ein.
Lennard meinte: „Dann lassen Sie sich am besten überraschen. Sie können den Befehl selbst geben, wenn Sie wollen.“
Kall zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie meinen. Fähnrich, Energie.“
Der Transporter trat in Aktion und beamte den Teller von Bord, nur um das Objekt gleich darauf wieder zurückzuholen. Sobald es sich rematerialisiert hatte, sagte Lennard: „Jetzt sehen Sie sich Ihr Leibgericht an, Counselor, dann werden Sie verstehen, was ich meine.“
„Das ist...ekelhaft!“ stiess Kall angewidert hervor. Die Hähnchenkeule hatte sich in einen übelriechenden, breiigen Schleim verwandelt, der auf gewisse Weise sogar mit dem völlig deformierten, wie geschmolzen aussehenden Teller verbunden schien.
„Sehen Sie, was geschehen ist? Der ringförmige Eindämmungsstrahl, der um das transportierte Objekt zu dessen Schutz herum aufgebaut wird, hat völlig versagt, so daß das zu beamende Objekt irreparable Schäden in der Strukturanordnung erleidet. Und das nur bei zehn Metern im freien Raum, innerhalb unserer Schilde! Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn sie einen Menschen aus der Umlaufbahn auf einen Planeten herunterbeamen würden.“ Lennard sah sie ernst an.
Mit erschrecktem Gesichtsausdruck flüsterte sie: „Mein Gott... das möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Wir müssen ein Benutzungsverbot für die Transporter aushängen, solange wir im Alnilam-System sind!“
„Das ist selbstverständlich bereits geschehen“, beruhigte er sie. „Chefingenieur Nidor hatte gleich den Verdacht, daß die Strahlungsmengen in diesem System unsere Transporter unbrauchbar machen könnten und hat einige Versuche durchgeführt... glücklicherweise nur an unbelebten Objekten.“
„So langsam verstehe ich, was Sie mir aufzeigen wollen“, meinte Kall trübsinnig, „Wenn wir mit unserer Suche Erfolg haben wollen, müssen wir ganz nahe drangehen, ansonsten werden wir nie irgendein Signal auffangen.“
„Damit verstehen Sie die Lage nun. Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht, Sam; ich bin auf der Brücke, wenn etwas anliegt.“ Lennard verliess den Transporterraum.
„Wir können demnach sicher sein, dass hier nichts ist?“
„Vollkommen sicher; Captain. Diese monströse Felskugel unter uns ist steriler als der OP in der Krankenstation“, antwortete der Leiter des planetologischen Forschungsteams bei der Nachbesprechung der Erforschung von Alnilam III.
„Lassen Sie das bloss nicht Bordarzt Stern hören“, ermahnte Lennard sein Gegenüber und entließ die Wissenschaftler dann unter allgemeinem Gelächter.
Darrn wollte wissen: „Diese ganzen eineinhalb Tage Umkreisungen haben nichts erbracht?“
„Für uns nicht. Den Wissenschaftlern hingegen schon; die werden nach ihrer Rückkehr Monate an den gewonnenen Daten zu arbeiten haben“, verbesserte Leardini missmutig.
„Ich könnte jetzt sagen: ich hab’s ja gleich gesagt, aber ich will mal nicht so sein. Wenigstens kommen die Wissenschaftler so auf ihre Kosten und wir können uns den Verdienst eines weiteren kartographierten Sternensystems auf unsere Fahnen schreiben“, ermunterte Lennard seine Offiziere.
„Und bald können wir uns mit der Tatsache rühmen, daß niemand mehr Vermessungsmissionen unternommen hat als wir“, bemängelte Kazuki, der Sicherheitschef der Aldebaran.
„Sie können doch unmöglich Lust auf Krisensituationen und Gefechte mit anderen Schiffen haben, Onue. Sie haben Ihre Frau und zwei Kinder hier an Bord“, warf Stern ein.
Der Japaner seufzte. „Sie haben ja recht. Also werden wir wie bisher weitermachen und als nächstes den vierten Planeten des Systems vermesen, nicht wahr?“
„Genau“, ergriff Wuran das Wort, „doch da es sich bei diesem um einen Gasriesen handelt, fällt zumindest die Kartographie weg. Das Planetologenteam hat den Einsatz einer Forschungssonde des Typs I zur Untersuchung der Struktur des Ringsystems um den Planeten und ein anschliessendes Eintauchen in dessen Atmosphäre vorgeschlagen. Ich denke, dass sie keine Bedenken bei diesem Vorhaben zu haben brauchen.“
Leardini nickte und Lennard bestätigte: „In Ordnung, sie können ihre Sonde konfigurieren und vom vorderen Torpedolauncher aus abschiessen. Mr. Darrn, arrangieren Sie sich mit den Teams.“
Der klingonische Einsatzleiter nickte bestätigend.
„Das wäre im Moment alles. Sie können wegtreten.“
Lennard verliess mit der Crew zusammen das Besprechungszimmer und betrat die Brücke gerade, als die Aldebaran die Umlaufbahn von Alnilam III verließ und mit Impulsantrieb auf eine Bahn zum vierten Planeten einschwenkte.
[und morgen... der Funkspruch ....]

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