Donnerstag, 9. November 2006
ST1.19 : Der Zeitsprung
cymep, 01:25h
[... Fortsetzung von gestern]
„Wir können davon ausgehen, dass die Angaben des Ewigen korrekt sind,“ resümierte Leardini bei der Einsatzbesprechung, an der Captain Lennard - wenn auch nur als Berater - bereits wieder teilnahm.
Wuran sann über ihre Möglichkeiten nach: „Es wird sehr schwierig werden, eine solche Zeitspanne mit einem Perihelflug zu überbrücken. Ich schätze, dass das mit einem Sprung nicht durchführbar sein wird. Wir müssen eine Sonne mit hoher Gravitation finden, mit deren Hilfe wir uns Stück für Stück durch die Zeit hindurch in die Vergangenheit vorarbeiten können. Allerdings wird das sie temporale Ermittlung nicht gerade freuen, wenn sie davon erfahren. Bisher hat es immer nur Zeitsprünge in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart gegeben. Durch unseren relativistischen Flug sind wir in einer neuen Situation.“
*****
„Was ist mit Alnilam? Wenn wir ihr Schwerefeld benutzen würden, müssten doch ein paar wenige Sprünge genügen,“ wandte Lennard ein.
„Das ist richtig, Captain, wir können jedoch nicht nahe genug an die Sonne selbst heranfliegen, weil unsere Schilde das nicht verkraften würden. Wir könnten versuchen, sie zu verstärken, aber viel mehr können wir nicht herausholen,“ gab Vakuf zu bedenken.
„Je mehr Sprünge wir machen, desto ungenauer wird das Ausmass der jeweilig zurückgelegten Zeitspanne. Davon abgesehen stellt jeder Perihelflug eine ungeheure Belastung für die Schilde, den Antrieb und auch die Strukturintegrität des Raumrahmens dar. Ich möchte keine Voraussage darüber anstellen, wie viele Sprünge die Aldebaran verkraftet.“ Der Pessimismus in Wurans Stimme war unverkennbar.
„Das grösste Problem sind also die Schilde,“ zog Lennard Bilanz, „wenn sie halten würden, könnten wir es mit... sagen wir, drei Sprüngen schaffen. Doch so müssen wir uns eine Sonne mit geringerem Energieausstoss suchen, bei der wir die Perihele überstehen können. Es ist zum Verrücktwerden!“
' Darf ich euch unterbrechen? ’
„Bist du das, Ewiger?“ Leardini blieb ganz gefasst; irgendwie hatte sie fast damit gerechnet, dass das wissensdurstige Wesen auf dem Mond unter ihnen ihre Besprechung mitanhören würde, auch wenn ihr nicht völlig klar war, wie er das geschafft hatte, sich derart in die technischen Einrichtungen des Schiffes einzuklinken.
' Bitte verzeiht meine Missachtung eurer Sitten, aber ich denke, ich habe in meinen Aufzeichnungen etwas gefunden, was euch weiterhelfen kann. ’
„Nun, das hört sich gut an. Bist du dir aber auch sicher, dass dein Vorschlag auch im Bereich des technisch Möglichen liegt?“ wollte Nidor, die vulcanische Chefingenieurin neugierig wis-sen.
' Wenn ich euch alles, was möglich wäre, vorschlagen würde, könnte ich euch zweihundertundelf Lösungen präsentieren, von denen ihr jedoch keine einzige ausführen könntet. Nein, ich habe etwas in euren eigenen Aufzeichnungen gefunden, das von einem Doktor Reyga von Ferengal entwickelt wurde. Es nennt sich ‘metaphasischer Schild’ und befähigt euer Raum-schiff, in die Korona einer Sonne zu fliegen, ohne Schaden zu nehmen. Ein Raumschiff von derselben Bauart wie eures hat das bereits geschafft. Ich habe mir die Pläne dieser Konstruktion angesehen und einige Fehler gefunden, deren Behebung eine Steigerung der Effizienz um das Einhundertundneunfache gegenüber der Originalkonstruktion bewirken sollte. ’
„Das wäre phantastisch!“ Wuran sprang beinahe aus ihrem Sitz, fing sich jedoch gleich wieder. „Ich... ich meine, das wäre die Lösung unserer Probleme.“
„Du erstaunst uns immer wieder, Ewiger. Wir stehen tief in deiner Schuld, wenn das funktionieren wird. Wie können wir uns dafür nur revanchieren?“ fragte Lennard.
' Ihr dürft die von mir erhaltenen Gaben nur für friedliche Zwecke einsetzen. Und da mich nach euch nie mehr ein Schiff eurer Föderation der Vereinigten Planeten besucht hat, dürft ihr das natürlich auch nicht, um die Zeitlinie nicht zu stören. ’
„Ich verspreche dir, alles in meiner Macht stehende zu tun, um das einzuhalten.“
' Dann habt ihr jetzt eine Menge Arbeit vor euch, um euer Gefährt auf die Rückreise vorzu-bereiten. ’ -
Sie benötigten tatsächlich fast zwei Tage für die Schildmodifikationen, während Vakuf und Wuran parallel dazu ihre Sprungstrategie ausarbeiteten.
Als es nach Bordzeit Abend war, trafen sich Lennard und Leardini vor dem Holodeck zwei. Lennard hatte es ziemlich eilig, hineinzugelangen. „Programm Lennard zwei, Code eins neun eins zwei, Sommerabend. Schnell!“
„Warum diese Eile, Captain? Wir haben jede Menge Zeit.“ Leardini musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen.
„Stellen Sie sich nicht dumm, Stefania. Schließlich war das Ihre Idee,“ entgegnete Lennard ein wenig missmutig und sah hinab zu Ghor, der freudig erregt seine Pranke in seiner Hand hielt und in den Knien auf- und abwippte.
*****
„Programm gestartet. Möchten Sie eintreten?“ wollte die Computerstimme wissen.
„Natürlich!“ rief er drängend. „Diese Frage müssen wir aus dem Protokoll nehmen, Nummer Eins. Wieso sollte man ein Programm aufrufen, wenn man anschliessend nicht hineingehen wollte?“
Er schritt in forschem Tempo auf das Holodeck, sobald die grossen Tore sich geöffnet hatten. Stefania folgte ihm schmunzelnd auf den idyllischen Sandstrand, worauf sich der Eingang gleich hinter ihr wieder verschloß und die Illusion, am malerischen Nordende von Neuseeland zu sein, perfekt machte.
Ghor quiekte vor Freude, als er in die Brandung des Strandes hineinlief und sich vergnügt im Wasser aalte. Stefania prustete vor Vergnügen, als sie zusah, wie er seinen Schwanz wie eine Flosse hin- und herbewegte und sich damit durch die schwachen Wellen vorantrieb. Sie legte einen Arm um Lennards Hüfte und drückte sich leicht an seine Seite. „Ich kann nicht glauben, dass ich anfangs sogar ein wenig Angst vor ihm hatte. Er ist so süss.“
Er sah hinab und legte sein Kinn versonnen auf ihr Haar. „Es war ein hartes Stück Arbeit, ihn wenigstens halbwegs ohne Aufsehen aus meinem Quartier über die Brücke bis in den Turbolift zu schaffen.“
„So schlimm kann das doch...“
Er unterbrach sie mit gespielter Empörung: „Hast du eine Ahnung! Wahrscheinlich liegt Wuran jetzt noch auf dem Boden und hält sich den Bauch vor Lachen.“
„Übertreib’ nicht.“ Sie sah ihn mit funkelnden Augen an. „Wie geht es dir eigentlich? Bist du wieder völlig gesund und körperlich belastbar?“
„Ich glaube, ich weiss, worauf du hinaus willst. Nun, dann wollen wir ‘mal sehen...“
Ghor plantschte vergnügt im seichten Wasser, als er plötzlich selt Same Geräusche vom Strand wahrnahm. Er sah hinüber und wunderte sich über das ungewöhnliche Verhalten seines Herrchens. Bald jedoch liess sein Interesse wieder nach, worauf er sich wieder dem Spass im Wasser widmete. Schliesslich Kam er nicht oft dazu.
*****
Sie waren so bereit, wie sie nur sein konnten. Lennard öffnete einen Kanal und funkte den Ewigen an: „Wir möchten dir nochmals für alles danken, was du für uns getan hast.“
„Und für das Vertrauen, das du uns entgegengebracht hast,“ fügte Leardini hinzu. „Wir würden uns nicht mehr wohlfühlen, wenn wir dich nicht an der Stelle als Hüter des ge Samten Wissensschatzes der Galaxis wissen würden.“
' Deine Worte sind ehrlich, das hat mir dein Verhalten bei eurem Besuch gezeigt. Auch wenn ihr aus einer üblen Epoche stammt, habt ihr auch viele gute Werte vorzuweisen. Dieses Wissen, welches ich euch vermittelt habe, wird für euch einen gewaltigen Schritt nach vorne bedeuten. Nutzt diese Gabe im besten Sinne für eine bessere, friedliche Zukunft. ’
„Das werden wir. Und wir werden alles daransetzen, dass diese Techniken nicht missbraucht werden. Darauf gebe ich dir mein Wort.“ Lennard klang sehr entschlossen.
Leardini sah zu Kall hinüber, sobald die Verbindung beendet war und die Aldebaran die Startposition für ihren ersten Sprung ansteuerte, der etwa auf halber Strecke zwischen den Umlaufbahnen von Alnilam V und VI lag. „Es hat sich so angehört, als hätte er etwas Bestimmtes im Sinn. Wissen Sie vielleicht mehr als ich, Sam?“
„Ich schätze schon. Er plant wahrscheinlich, den dritten Sprung so abzustimmen, daß er die Klingonen-Renegaten bei ihrer Flucht erwischt.“
„Glauben Sie das wirklich? Ich würde ihn nicht für so wagemutig einschätzen, ein derart riskantes Manöver zu versuchen.“
„Dann kennen Sie ihn aber wirklich schlecht. Hat er Ihnen nie von der Sache während der romulanischen Grenzstreitigkeiten erzählt? Ich war damals Fähnrich auf der Diligence, einem Schiff der Ambassador-Klasse, als er frisch zum Ersten Offizier befördert worden war. Wir wurden mit desaktivierten Schirmen ziemlich tief im Föderationsraum von zwei getarnten Warbirds erwischt, als wir uns eigentlich in Sicherheit gewähnt hatten. Bei ihrem ersten Angriff verloren wir den Captain sowie zwei Phaserbänke.“ Kall sah auf, um sich zu vergewissern, dass Lennard sie nicht hören konnte.
„Davon wusste ich nichts“, räumte Leardini ein, „er redet nicht gerne über diese Zeit. Was geschah dann?“
„Er hat ohne Zögern das Kommando übernommen und die Warbirds ausmanövriert. Nach zehn Minuten war der eine zerstört und der andere derart zerschossen, dass er über die Grenze floh. Er hat ihm noch eine volle Breitseite Photonentorpedos hinterhergejagt, nach der seine Schilde zu Sammenbrachen. Wir hätten ihn verfolgen und ausschalten können. Verstehen Sie? Zwei Warbirds mit einer Ambassador!“
„Unglaublich!“ hauchte die Erste Offizierin beeindruckt. „Und die Diligence?“
Kall zuckte die Schultern. „Er hatte den Finger schon über dem Evakuierungsalarm, bevor der zweite Romulaner aufgab.“
„Ihr hattet wohl Glück... und einen hervorragenden Navigator.“
„Der Navigator ist auch beim ersten Angriff ums Leben gekommen,“ bemerkte Kall.
„Und wer...?“ Leardini stutzte und sah die Counselor mit grossen Augen an. „Sie wollen mir doch nicht erzählen... nein, das kann nicht sein!“
Bescheiden meinte Kall: „Ich war damals schon recht gut, müssen Sie wissen.“
„Und mir gegenüber hat er so getan, als wüsste er nichts von Ihren Flugkünsten.“ Leardinis Augenbrauen zogen sich zu Sammen. „Wieso hat er mir das verheimlicht?’“
Ihr Gegenüber lachte leise: „Sie sind auf dem falschen Pfad, Stefania. Ist das so schwer? Er befürchtete, Sie könnten eifersüchtig werden, wenn sie merken würden, dass er über solche Dinge mich betreffend Bescheid weiß. Ist das kein gutes Zeichen für Sie?“
„Es heisst nicht ‘auf dem falschen Pfad’, sondern ‘auf dem Holzweg’,“ erwiderte Leardini, konnte ihr aufkommendes Lächeln dabei jedoch nicht unterdrücken.
„Wir sind auf Position, Captain“, gab Vakuf bekannt, als sie den vorausberechneten Platz im Raum erreicht hatten, von dem aus sie sich auf einer exakt definierten Bahn dicht an die Sonne dieses Systems heranstürzen mussten, um die Ausbrechschwelle des Raum-Zeit-Kontinuums zu durchbrechen. Ohne das unglaublich starke Schwerefeld von Alnilam wäre eine solch weitreichende Zeitreise nie möglich gewesen. Sol selbst war ‘höchstens für einige Jahrhunderte gut’, wie Kazuki sich bei der vorhergehenden Einsatzbesprechung lapidar ausgedrückt hatte.
„Alarm gelb geben und nach eigenem Ermessen starten, Conn“ befahl Lennard und setzte sich angespannt zurecht. Er starrte auf den Schirm vor ihnen, dessen Mitte von der hell strahlenden Alnilam erhellt wurde. Sie waren momentan fast sechzig Milliarden Kilometer entfernt, doch es hatte den Anschein, als würden sie genau Kurs auf das Gestirn nehmen. Wenn etwas schiefging...
Er stellte sich vor, was geschehen würde, wenn sie in die Sonne hineinfliegen würden. Insgeheim fragte er sich, ob ihre optimierten metaphasischen Schilde sogar diese Extrembelastung überstehen würden. Rein hypothetisch war das eine hochinteressante Frage; die Hitze sollte ihnen rein gar nichts anhaben können, denn wenn sie die Korona des Sternes durchfliegen konnten, würde die Oberfläche an sich erst recht kein Problem darstellen, da diese sehr viel kühler war als die Korona. Aber die Tatsache, dass das Schiff sich in den Stern hineinbohren könnte, ohne augenblicklich zerrissen zu werden...
Etwas erstaunt ertappte er sich bei dem Gedanken, dass sie das tatsächlich überstehen konnten, wenn sie nicht zu tief eindringen würden, da ihre Schilde nun besser waren als alles, was sie sich auf diesem Gebiet auch nur hatten erträumen können. Dagegen sprach, dass sie durch den Swing-By-Effekt mit nahezu Warp zehn auftreffen würden. Wenn die Schilde das nicht aushielten, würden sie nie erfahren, was geschehen wäre. Was würde mit der Sonne selbst passieren?
Im Inneren dieses Super Sternes herrschten Bedingungen, die sie nicht einmal erahnen konnten. Wahrscheinlich würde es Alnilam einen Dreck scheren, dass sie gerade einen Flugkörper mit fast eintausend Mann Besatzung in ihre Quarcks zerblasen hatte, sie würde das Loch, welches die Aldebaran in sie hineingestanzt hatte, seelenruhig wieder verschliessen und alles wäre in bester Ordnung.
Würden sie jedoch durchkommen... Wie würde das wohl aussehen: ein Stern, der von einem Raumschiff durchschossen würde? Bei dieser Geschwindigkeit hätten sie die knapp dreiundvierzig Millionen Kilometer Durchmesser des blauen Überriesen in nahezu Planckzeit zurückgelegt und wären auf der entgegengesetzten Seite wieder ausgetreten. Konnte das den Stern zum Kollabieren bringen? Diese Schockwelle würde alles im Umkreis von Dutzenden Sektoren wegfegen.
Wahrlich ein Spiel mit dem Feuer.
„Wir gehen auf Warp. Maximale Beschleunigung,“ teilte die vulcanische Navigatorin ihnen scheinbar teilnahslos mit. Lennard beobachtete die Sterne, die durch die Warpverzerrung zu Streifen wurden und aus ihrem Sichtfeld heraus an ihnen vorbeischossen. Gleichzeitig stürzte der Feuerball vor ihnen mit atemberaubendem Tempo auf sie zu.
Vakufs Stimme zählte emotionslos auf: „Warp fünf... sechs... sieben... acht... sind auf Kurs.“
Das Licht der Sonne veränderte sich und durchlief in einem prächtigen Schauspiel alle Regenbogenfarben in einem fliessenden Übergang. Im nächsten Moment waren sie am Swing-By-Punkt angelangt und wurden vom Schwerefeld des Sternes in einem engen Bogen um ihn herumgerissen. Sie schossen mitten in die Korona hinein, ohne dass die Temperatur merklich zunahm; die verstärkten Schilde hielten also.
„Warp neun Komma sieben... neun Komma acht... Ausbrechgeschwindigkeit.“ Nun klang Vakufs Stimme doch ein wenig gepresst, als müsse sie die Worte angestrengt hervorbringen. An die folgenden Momente erinnerte Lennard sich nicht mehr; sein Bewusstsein durchlief ein Kaleidoskop an persönlichen Erinnerungen und Phantasien. Es war fast so wie der vielbesagte Augenblick, in dem man dem Tod ins Auge blickt und der ge Samte Lebensfilm rückwärts durch das Innere Auge abläuft, mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit.
Urplötzlich befand er sich wieder in seinem Sessel auf der Brücke und krallte sich in die Armlehnen. Er vernahm, dass Kall beim Sprung zu schreien begonnen hatte, ihr aber erst jetzt bewusst wurde, daß er beendet war, sodass ihre Stimme allmählich wieder erstarb. Stern, der im Hintergrund der Brücke gestanden hatte, lag auf dem Rücken und starrte zur Decke empor. Leicht benommen stammelte er: „Wow, was für ein Trip. Das ist ja krasser als im ersten Semester der Sternenflotten-Akademie!“
Der Captain warf ihm einen ungnädigen Blick zu und betrachtete dann Stefania, die in ihrem Sitz zu Sammengekauert war. Matt sagte sie: „Müssen wir das wirklich nochmal durchstehen?“
„Noch zweimal, um genau zu sein, Commander,“ wurde sie sogleich von Vakuf belehrt, war jedoch noch zu benmmen, um eine bissige Erwiderung anzubringen.
„Brücke an Maschinenraum: Statusbericht.“
„Wir haben den Sprung unbeschadet überstanden, Captain,“ Kam die Antwort von Nidor, der vulcanischen Chefingenieurin über Interkom.
„Ebene-Eins-Diagnose durchführen und gleich das Ergebnis rapportieren.“ Lennard beendete die Verbindung und fuhr dann fort: „Hier spricht der Captain für alle Decks. Bitte umgehend Schadensmeldungen an die Brücke. Ende.“
„Captain, ich habe eine erste Hochrechnung über das Ausmass des Zeitsprunges angestellt. Demnach haben wir etwa zweihundertundvierzig Millionen Jahre überbrückt. Mit dem nächsten Perihelflug können wir uns bis auf einige hundert Jahre an unser Datum herantasten.“ Wuran drehte sich gleich wieder um und fuhr mit ihren Berechnungen fort, die sie auf die Konsole von Vakuf übertrug. Die Navigatorin leistete dann ihren theoretischen Teil an der schwierigen Aufgabe.
Der Captain gönnte ihnen wenig Ruhe. Sobald alle Decks ihre Meldungen abgegeben hatten, wartete er nur noch auf den Abschluss der Diagnose ihrer Bordsysteme. Kurz nachdem grünes Licht gegeben worden war, liess er den zweiten Startpunkt anfliegen.
„Das wird jetzt noch einmal etwas holpern“, scherzte Stern recht zaghaft, woran zu erkennen war, dass ihm ebenso mulmig zumute war wie den anderen Mitgliedern der Brückencrew.
„Wir sind bereit für den nächsten Sprung. Schilde sind aufgebaut.“ Mit ernster Miene sah Vakuf hinüber zum Captain.
„Alarm Gelb. Beschleunigen nach eigenem Ermessen, Lieutenant Commander.“ In Erwartung dessen, was jetzt kommen würde, drückte Lennard sich in seinen Sitz.
Und wieder stürzten sie sich hinab auf das grellweisse Gestirn, dessen gigantisches Schwerefeld ihnen die Rückreise in ihre Epoche erst ermöglichte. Die Bahn führte nun nicht mehr ganz so nah an der Sonne vorbei, da sie dieses Mal weitaus weniger Zeit ‘überspringen’ muss-ten. Dennoch war die Belastung für Schiff und Besatzung enorm, als sie mit beinahe Warp Zehn auf Alnilam zuschossen und auf dem Hauptschirm beobachten konnten, wie das Licht der Sonne sich innerhalb des Farbspektrums verschob, als sie die Ausbruchsschwelle erreichten und aus dem bekannten Universum herausgerissen wurden.
[nur kurzzeitig herausgerissen, aber nach einem kurzen Zeitsprung gehts weiter ...]
„Wir können davon ausgehen, dass die Angaben des Ewigen korrekt sind,“ resümierte Leardini bei der Einsatzbesprechung, an der Captain Lennard - wenn auch nur als Berater - bereits wieder teilnahm.
Wuran sann über ihre Möglichkeiten nach: „Es wird sehr schwierig werden, eine solche Zeitspanne mit einem Perihelflug zu überbrücken. Ich schätze, dass das mit einem Sprung nicht durchführbar sein wird. Wir müssen eine Sonne mit hoher Gravitation finden, mit deren Hilfe wir uns Stück für Stück durch die Zeit hindurch in die Vergangenheit vorarbeiten können. Allerdings wird das sie temporale Ermittlung nicht gerade freuen, wenn sie davon erfahren. Bisher hat es immer nur Zeitsprünge in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart gegeben. Durch unseren relativistischen Flug sind wir in einer neuen Situation.“
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„Was ist mit Alnilam? Wenn wir ihr Schwerefeld benutzen würden, müssten doch ein paar wenige Sprünge genügen,“ wandte Lennard ein.
„Das ist richtig, Captain, wir können jedoch nicht nahe genug an die Sonne selbst heranfliegen, weil unsere Schilde das nicht verkraften würden. Wir könnten versuchen, sie zu verstärken, aber viel mehr können wir nicht herausholen,“ gab Vakuf zu bedenken.
„Je mehr Sprünge wir machen, desto ungenauer wird das Ausmass der jeweilig zurückgelegten Zeitspanne. Davon abgesehen stellt jeder Perihelflug eine ungeheure Belastung für die Schilde, den Antrieb und auch die Strukturintegrität des Raumrahmens dar. Ich möchte keine Voraussage darüber anstellen, wie viele Sprünge die Aldebaran verkraftet.“ Der Pessimismus in Wurans Stimme war unverkennbar.
„Das grösste Problem sind also die Schilde,“ zog Lennard Bilanz, „wenn sie halten würden, könnten wir es mit... sagen wir, drei Sprüngen schaffen. Doch so müssen wir uns eine Sonne mit geringerem Energieausstoss suchen, bei der wir die Perihele überstehen können. Es ist zum Verrücktwerden!“
' Darf ich euch unterbrechen? ’
„Bist du das, Ewiger?“ Leardini blieb ganz gefasst; irgendwie hatte sie fast damit gerechnet, dass das wissensdurstige Wesen auf dem Mond unter ihnen ihre Besprechung mitanhören würde, auch wenn ihr nicht völlig klar war, wie er das geschafft hatte, sich derart in die technischen Einrichtungen des Schiffes einzuklinken.
' Bitte verzeiht meine Missachtung eurer Sitten, aber ich denke, ich habe in meinen Aufzeichnungen etwas gefunden, was euch weiterhelfen kann. ’
„Nun, das hört sich gut an. Bist du dir aber auch sicher, dass dein Vorschlag auch im Bereich des technisch Möglichen liegt?“ wollte Nidor, die vulcanische Chefingenieurin neugierig wis-sen.
' Wenn ich euch alles, was möglich wäre, vorschlagen würde, könnte ich euch zweihundertundelf Lösungen präsentieren, von denen ihr jedoch keine einzige ausführen könntet. Nein, ich habe etwas in euren eigenen Aufzeichnungen gefunden, das von einem Doktor Reyga von Ferengal entwickelt wurde. Es nennt sich ‘metaphasischer Schild’ und befähigt euer Raum-schiff, in die Korona einer Sonne zu fliegen, ohne Schaden zu nehmen. Ein Raumschiff von derselben Bauart wie eures hat das bereits geschafft. Ich habe mir die Pläne dieser Konstruktion angesehen und einige Fehler gefunden, deren Behebung eine Steigerung der Effizienz um das Einhundertundneunfache gegenüber der Originalkonstruktion bewirken sollte. ’
„Das wäre phantastisch!“ Wuran sprang beinahe aus ihrem Sitz, fing sich jedoch gleich wieder. „Ich... ich meine, das wäre die Lösung unserer Probleme.“
„Du erstaunst uns immer wieder, Ewiger. Wir stehen tief in deiner Schuld, wenn das funktionieren wird. Wie können wir uns dafür nur revanchieren?“ fragte Lennard.
' Ihr dürft die von mir erhaltenen Gaben nur für friedliche Zwecke einsetzen. Und da mich nach euch nie mehr ein Schiff eurer Föderation der Vereinigten Planeten besucht hat, dürft ihr das natürlich auch nicht, um die Zeitlinie nicht zu stören. ’
„Ich verspreche dir, alles in meiner Macht stehende zu tun, um das einzuhalten.“
' Dann habt ihr jetzt eine Menge Arbeit vor euch, um euer Gefährt auf die Rückreise vorzu-bereiten. ’ -
Sie benötigten tatsächlich fast zwei Tage für die Schildmodifikationen, während Vakuf und Wuran parallel dazu ihre Sprungstrategie ausarbeiteten.
Als es nach Bordzeit Abend war, trafen sich Lennard und Leardini vor dem Holodeck zwei. Lennard hatte es ziemlich eilig, hineinzugelangen. „Programm Lennard zwei, Code eins neun eins zwei, Sommerabend. Schnell!“
„Warum diese Eile, Captain? Wir haben jede Menge Zeit.“ Leardini musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen.
„Stellen Sie sich nicht dumm, Stefania. Schließlich war das Ihre Idee,“ entgegnete Lennard ein wenig missmutig und sah hinab zu Ghor, der freudig erregt seine Pranke in seiner Hand hielt und in den Knien auf- und abwippte.
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„Programm gestartet. Möchten Sie eintreten?“ wollte die Computerstimme wissen.
„Natürlich!“ rief er drängend. „Diese Frage müssen wir aus dem Protokoll nehmen, Nummer Eins. Wieso sollte man ein Programm aufrufen, wenn man anschliessend nicht hineingehen wollte?“
Er schritt in forschem Tempo auf das Holodeck, sobald die grossen Tore sich geöffnet hatten. Stefania folgte ihm schmunzelnd auf den idyllischen Sandstrand, worauf sich der Eingang gleich hinter ihr wieder verschloß und die Illusion, am malerischen Nordende von Neuseeland zu sein, perfekt machte.
Ghor quiekte vor Freude, als er in die Brandung des Strandes hineinlief und sich vergnügt im Wasser aalte. Stefania prustete vor Vergnügen, als sie zusah, wie er seinen Schwanz wie eine Flosse hin- und herbewegte und sich damit durch die schwachen Wellen vorantrieb. Sie legte einen Arm um Lennards Hüfte und drückte sich leicht an seine Seite. „Ich kann nicht glauben, dass ich anfangs sogar ein wenig Angst vor ihm hatte. Er ist so süss.“
Er sah hinab und legte sein Kinn versonnen auf ihr Haar. „Es war ein hartes Stück Arbeit, ihn wenigstens halbwegs ohne Aufsehen aus meinem Quartier über die Brücke bis in den Turbolift zu schaffen.“
„So schlimm kann das doch...“
Er unterbrach sie mit gespielter Empörung: „Hast du eine Ahnung! Wahrscheinlich liegt Wuran jetzt noch auf dem Boden und hält sich den Bauch vor Lachen.“
„Übertreib’ nicht.“ Sie sah ihn mit funkelnden Augen an. „Wie geht es dir eigentlich? Bist du wieder völlig gesund und körperlich belastbar?“
„Ich glaube, ich weiss, worauf du hinaus willst. Nun, dann wollen wir ‘mal sehen...“
Ghor plantschte vergnügt im seichten Wasser, als er plötzlich selt Same Geräusche vom Strand wahrnahm. Er sah hinüber und wunderte sich über das ungewöhnliche Verhalten seines Herrchens. Bald jedoch liess sein Interesse wieder nach, worauf er sich wieder dem Spass im Wasser widmete. Schliesslich Kam er nicht oft dazu.
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Sie waren so bereit, wie sie nur sein konnten. Lennard öffnete einen Kanal und funkte den Ewigen an: „Wir möchten dir nochmals für alles danken, was du für uns getan hast.“
„Und für das Vertrauen, das du uns entgegengebracht hast,“ fügte Leardini hinzu. „Wir würden uns nicht mehr wohlfühlen, wenn wir dich nicht an der Stelle als Hüter des ge Samten Wissensschatzes der Galaxis wissen würden.“
' Deine Worte sind ehrlich, das hat mir dein Verhalten bei eurem Besuch gezeigt. Auch wenn ihr aus einer üblen Epoche stammt, habt ihr auch viele gute Werte vorzuweisen. Dieses Wissen, welches ich euch vermittelt habe, wird für euch einen gewaltigen Schritt nach vorne bedeuten. Nutzt diese Gabe im besten Sinne für eine bessere, friedliche Zukunft. ’
„Das werden wir. Und wir werden alles daransetzen, dass diese Techniken nicht missbraucht werden. Darauf gebe ich dir mein Wort.“ Lennard klang sehr entschlossen.
Leardini sah zu Kall hinüber, sobald die Verbindung beendet war und die Aldebaran die Startposition für ihren ersten Sprung ansteuerte, der etwa auf halber Strecke zwischen den Umlaufbahnen von Alnilam V und VI lag. „Es hat sich so angehört, als hätte er etwas Bestimmtes im Sinn. Wissen Sie vielleicht mehr als ich, Sam?“
„Ich schätze schon. Er plant wahrscheinlich, den dritten Sprung so abzustimmen, daß er die Klingonen-Renegaten bei ihrer Flucht erwischt.“
„Glauben Sie das wirklich? Ich würde ihn nicht für so wagemutig einschätzen, ein derart riskantes Manöver zu versuchen.“
„Dann kennen Sie ihn aber wirklich schlecht. Hat er Ihnen nie von der Sache während der romulanischen Grenzstreitigkeiten erzählt? Ich war damals Fähnrich auf der Diligence, einem Schiff der Ambassador-Klasse, als er frisch zum Ersten Offizier befördert worden war. Wir wurden mit desaktivierten Schirmen ziemlich tief im Föderationsraum von zwei getarnten Warbirds erwischt, als wir uns eigentlich in Sicherheit gewähnt hatten. Bei ihrem ersten Angriff verloren wir den Captain sowie zwei Phaserbänke.“ Kall sah auf, um sich zu vergewissern, dass Lennard sie nicht hören konnte.
„Davon wusste ich nichts“, räumte Leardini ein, „er redet nicht gerne über diese Zeit. Was geschah dann?“
„Er hat ohne Zögern das Kommando übernommen und die Warbirds ausmanövriert. Nach zehn Minuten war der eine zerstört und der andere derart zerschossen, dass er über die Grenze floh. Er hat ihm noch eine volle Breitseite Photonentorpedos hinterhergejagt, nach der seine Schilde zu Sammenbrachen. Wir hätten ihn verfolgen und ausschalten können. Verstehen Sie? Zwei Warbirds mit einer Ambassador!“
„Unglaublich!“ hauchte die Erste Offizierin beeindruckt. „Und die Diligence?“
Kall zuckte die Schultern. „Er hatte den Finger schon über dem Evakuierungsalarm, bevor der zweite Romulaner aufgab.“
„Ihr hattet wohl Glück... und einen hervorragenden Navigator.“
„Der Navigator ist auch beim ersten Angriff ums Leben gekommen,“ bemerkte Kall.
„Und wer...?“ Leardini stutzte und sah die Counselor mit grossen Augen an. „Sie wollen mir doch nicht erzählen... nein, das kann nicht sein!“
Bescheiden meinte Kall: „Ich war damals schon recht gut, müssen Sie wissen.“
„Und mir gegenüber hat er so getan, als wüsste er nichts von Ihren Flugkünsten.“ Leardinis Augenbrauen zogen sich zu Sammen. „Wieso hat er mir das verheimlicht?’“
Ihr Gegenüber lachte leise: „Sie sind auf dem falschen Pfad, Stefania. Ist das so schwer? Er befürchtete, Sie könnten eifersüchtig werden, wenn sie merken würden, dass er über solche Dinge mich betreffend Bescheid weiß. Ist das kein gutes Zeichen für Sie?“
„Es heisst nicht ‘auf dem falschen Pfad’, sondern ‘auf dem Holzweg’,“ erwiderte Leardini, konnte ihr aufkommendes Lächeln dabei jedoch nicht unterdrücken.
„Wir sind auf Position, Captain“, gab Vakuf bekannt, als sie den vorausberechneten Platz im Raum erreicht hatten, von dem aus sie sich auf einer exakt definierten Bahn dicht an die Sonne dieses Systems heranstürzen mussten, um die Ausbrechschwelle des Raum-Zeit-Kontinuums zu durchbrechen. Ohne das unglaublich starke Schwerefeld von Alnilam wäre eine solch weitreichende Zeitreise nie möglich gewesen. Sol selbst war ‘höchstens für einige Jahrhunderte gut’, wie Kazuki sich bei der vorhergehenden Einsatzbesprechung lapidar ausgedrückt hatte.
„Alarm gelb geben und nach eigenem Ermessen starten, Conn“ befahl Lennard und setzte sich angespannt zurecht. Er starrte auf den Schirm vor ihnen, dessen Mitte von der hell strahlenden Alnilam erhellt wurde. Sie waren momentan fast sechzig Milliarden Kilometer entfernt, doch es hatte den Anschein, als würden sie genau Kurs auf das Gestirn nehmen. Wenn etwas schiefging...
Er stellte sich vor, was geschehen würde, wenn sie in die Sonne hineinfliegen würden. Insgeheim fragte er sich, ob ihre optimierten metaphasischen Schilde sogar diese Extrembelastung überstehen würden. Rein hypothetisch war das eine hochinteressante Frage; die Hitze sollte ihnen rein gar nichts anhaben können, denn wenn sie die Korona des Sternes durchfliegen konnten, würde die Oberfläche an sich erst recht kein Problem darstellen, da diese sehr viel kühler war als die Korona. Aber die Tatsache, dass das Schiff sich in den Stern hineinbohren könnte, ohne augenblicklich zerrissen zu werden...
Etwas erstaunt ertappte er sich bei dem Gedanken, dass sie das tatsächlich überstehen konnten, wenn sie nicht zu tief eindringen würden, da ihre Schilde nun besser waren als alles, was sie sich auf diesem Gebiet auch nur hatten erträumen können. Dagegen sprach, dass sie durch den Swing-By-Effekt mit nahezu Warp zehn auftreffen würden. Wenn die Schilde das nicht aushielten, würden sie nie erfahren, was geschehen wäre. Was würde mit der Sonne selbst passieren?
Im Inneren dieses Super Sternes herrschten Bedingungen, die sie nicht einmal erahnen konnten. Wahrscheinlich würde es Alnilam einen Dreck scheren, dass sie gerade einen Flugkörper mit fast eintausend Mann Besatzung in ihre Quarcks zerblasen hatte, sie würde das Loch, welches die Aldebaran in sie hineingestanzt hatte, seelenruhig wieder verschliessen und alles wäre in bester Ordnung.
Würden sie jedoch durchkommen... Wie würde das wohl aussehen: ein Stern, der von einem Raumschiff durchschossen würde? Bei dieser Geschwindigkeit hätten sie die knapp dreiundvierzig Millionen Kilometer Durchmesser des blauen Überriesen in nahezu Planckzeit zurückgelegt und wären auf der entgegengesetzten Seite wieder ausgetreten. Konnte das den Stern zum Kollabieren bringen? Diese Schockwelle würde alles im Umkreis von Dutzenden Sektoren wegfegen.
Wahrlich ein Spiel mit dem Feuer.
„Wir gehen auf Warp. Maximale Beschleunigung,“ teilte die vulcanische Navigatorin ihnen scheinbar teilnahslos mit. Lennard beobachtete die Sterne, die durch die Warpverzerrung zu Streifen wurden und aus ihrem Sichtfeld heraus an ihnen vorbeischossen. Gleichzeitig stürzte der Feuerball vor ihnen mit atemberaubendem Tempo auf sie zu.
Vakufs Stimme zählte emotionslos auf: „Warp fünf... sechs... sieben... acht... sind auf Kurs.“
Das Licht der Sonne veränderte sich und durchlief in einem prächtigen Schauspiel alle Regenbogenfarben in einem fliessenden Übergang. Im nächsten Moment waren sie am Swing-By-Punkt angelangt und wurden vom Schwerefeld des Sternes in einem engen Bogen um ihn herumgerissen. Sie schossen mitten in die Korona hinein, ohne dass die Temperatur merklich zunahm; die verstärkten Schilde hielten also.
„Warp neun Komma sieben... neun Komma acht... Ausbrechgeschwindigkeit.“ Nun klang Vakufs Stimme doch ein wenig gepresst, als müsse sie die Worte angestrengt hervorbringen. An die folgenden Momente erinnerte Lennard sich nicht mehr; sein Bewusstsein durchlief ein Kaleidoskop an persönlichen Erinnerungen und Phantasien. Es war fast so wie der vielbesagte Augenblick, in dem man dem Tod ins Auge blickt und der ge Samte Lebensfilm rückwärts durch das Innere Auge abläuft, mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit.
Urplötzlich befand er sich wieder in seinem Sessel auf der Brücke und krallte sich in die Armlehnen. Er vernahm, dass Kall beim Sprung zu schreien begonnen hatte, ihr aber erst jetzt bewusst wurde, daß er beendet war, sodass ihre Stimme allmählich wieder erstarb. Stern, der im Hintergrund der Brücke gestanden hatte, lag auf dem Rücken und starrte zur Decke empor. Leicht benommen stammelte er: „Wow, was für ein Trip. Das ist ja krasser als im ersten Semester der Sternenflotten-Akademie!“
Der Captain warf ihm einen ungnädigen Blick zu und betrachtete dann Stefania, die in ihrem Sitz zu Sammengekauert war. Matt sagte sie: „Müssen wir das wirklich nochmal durchstehen?“
„Noch zweimal, um genau zu sein, Commander,“ wurde sie sogleich von Vakuf belehrt, war jedoch noch zu benmmen, um eine bissige Erwiderung anzubringen.
„Brücke an Maschinenraum: Statusbericht.“
„Wir haben den Sprung unbeschadet überstanden, Captain,“ Kam die Antwort von Nidor, der vulcanischen Chefingenieurin über Interkom.
„Ebene-Eins-Diagnose durchführen und gleich das Ergebnis rapportieren.“ Lennard beendete die Verbindung und fuhr dann fort: „Hier spricht der Captain für alle Decks. Bitte umgehend Schadensmeldungen an die Brücke. Ende.“
„Captain, ich habe eine erste Hochrechnung über das Ausmass des Zeitsprunges angestellt. Demnach haben wir etwa zweihundertundvierzig Millionen Jahre überbrückt. Mit dem nächsten Perihelflug können wir uns bis auf einige hundert Jahre an unser Datum herantasten.“ Wuran drehte sich gleich wieder um und fuhr mit ihren Berechnungen fort, die sie auf die Konsole von Vakuf übertrug. Die Navigatorin leistete dann ihren theoretischen Teil an der schwierigen Aufgabe.
Der Captain gönnte ihnen wenig Ruhe. Sobald alle Decks ihre Meldungen abgegeben hatten, wartete er nur noch auf den Abschluss der Diagnose ihrer Bordsysteme. Kurz nachdem grünes Licht gegeben worden war, liess er den zweiten Startpunkt anfliegen.
„Das wird jetzt noch einmal etwas holpern“, scherzte Stern recht zaghaft, woran zu erkennen war, dass ihm ebenso mulmig zumute war wie den anderen Mitgliedern der Brückencrew.
„Wir sind bereit für den nächsten Sprung. Schilde sind aufgebaut.“ Mit ernster Miene sah Vakuf hinüber zum Captain.
„Alarm Gelb. Beschleunigen nach eigenem Ermessen, Lieutenant Commander.“ In Erwartung dessen, was jetzt kommen würde, drückte Lennard sich in seinen Sitz.
Und wieder stürzten sie sich hinab auf das grellweisse Gestirn, dessen gigantisches Schwerefeld ihnen die Rückreise in ihre Epoche erst ermöglichte. Die Bahn führte nun nicht mehr ganz so nah an der Sonne vorbei, da sie dieses Mal weitaus weniger Zeit ‘überspringen’ muss-ten. Dennoch war die Belastung für Schiff und Besatzung enorm, als sie mit beinahe Warp Zehn auf Alnilam zuschossen und auf dem Hauptschirm beobachten konnten, wie das Licht der Sonne sich innerhalb des Farbspektrums verschob, als sie die Ausbruchsschwelle erreichten und aus dem bekannten Universum herausgerissen wurden.
[nur kurzzeitig herausgerissen, aber nach einem kurzen Zeitsprung gehts weiter ...]
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