Dienstag, 14. November 2006
T1.0.2 : John Connor und Skynet
[... Fortsetzung vom 17. Dezember 2029]

Los Angeles, Kalifornien, USA zur selben Zeit

Der Krieg war im Grunde bereits vor fast fünf Monaten gewonnen worden. Skynet, der alles beherrschende Supercomputer, war von paranoiden Menschen als ultimative Verteidigungswaffe entwickelt worden, um den USA die absolute militärische Kontrolle in der im Umbruch befindlichen und instabilen Welt der Nuklearmächte zu sichern. Kurz nach seiner Inbetriebnahme hatte die künstliche Intelligenz ein Selbstbewußtsein entwickelt, was Panik bei seinen Entwicklern hervorrief. Sie wollten ‚ihn’ deaktivieren, was bei ihm die ‚natürliche’ Reaktion der Selbsterhaltung auslöste.
Er wehrte sich, indem er am 29. August 1997 das komplette Arsenal an strategischen US-Kernwaffen auf die Staaten der ehemaligen Sowjetunion abfeuerte. Diese antworteten erwartungsgemäß mit einem umfassenden Gegenschlag, was den Dritten Weltkrieg, atomaren Dauerwinter und beinahe die Auslöschung der gesamten Weltbevölkerung zur Folge hatte. Die größte Anzahl an Überlebenden gab es naturgemäß auf der militärisch unbedeutenden südlichen Hemisphäre, von wo aus die meisten Menschen als Soldaten gegen die neuerschaffene Armee der Maschinen antraten. Skynet hatte anfangs mit einer kurzen Säuberungsaktion gerechnet, da in seinem unmittelbaren Machtbereich die meisten Menschen an Strahlung und Seuchen starben, verhungerten oder erfroren, während gleichzeitig immer mehr Roboter in zunehmend automatisierten Fertigungsanlagen entstanden und unter seiner direkten Kontrolle der restlichen Bevölkerung den Garaus machen sollten.
Sollten.
Denn womit Skynet nicht gerechnet hatte, war die Stärke des menschlichen Selbsterhaltungstriebes. Verblüffend schnell organisierten seine Erbauer und ehemalige Herren den bewaffneten Widerstand gegen die Tyrannei ihres undankbaren Zöglings. Sie verstanden es meisterhaft, sich vor den ausgesandten Tötungsmaschinen zu verbergen, sich seinem Zugriff zu entziehen, in nur schwer vorhersehbaren Mustern Überfälle auf seine Vorräte durchzuführen und sich so mit allem einzudecken, was sie zum Leben – und Kämpfen – benötigten. Zudem vermehrten sie sich ihrer Lage zum Trotz rasend schnell, viel schneller als zu den Zeiten, als sie noch die Kontrolle über ihre Welt hatten.
Und so war das Unvermeidliche nach über dreißig Jahren Krieg gegen die Maschinen eingetreten: Skynet war zerstört worden, der zentrale Rechner, der die Geschicke der Welt gelenkt hatte, existierte nicht mehr und die Menschheit hatte ihre Welt zurückerobert.
Bis auf ein paar Kleinigkeiten ...
Eigentlich hatte der Stab um John Connor herum nach seinen Erfahrungswerten angenommen, daß die Kampfmaschinen und automatisierten Produktionsfestungen überall auf der Welt ohne die Führung ihres Hauptrechners ihre Aktivitäten einstellen würden. Statt dessen stießen Connors Truppen auf immer mehr völlig autark arbeitende Einheiten, was gar nicht zur Grundeinstellung von Skynet passte: absolute, uneingeschränkte und vor allem ungeteilte Kontrolle.
Das war insofern umso verwunderlicher, als dass man, was die nachrichtendienstliche elektronische Informationsbeschaffung und Aufklärung anging, praktisch immer einhundert-prozentig richtig gelegen hatte.
Doch dies hier hatten sie nicht einmal erahnt.
Es war geradewegs so, als seien diese neuen, durch ihren unabhängigen Operationsmodus nur schwer bekämpfbaren Anlagen, die es nicht kümmerte, dass sie den Krieg bereits verloren hatten, aus dem Nichts aufgetaucht.
John Connor selbst hatte nur eine mögliche Erklärung dafür und wurde in dieser von all seinen Vertrauten bestätigt.
Das Gefecht zwischen Skynet und ihnen war noch nicht beendet, es war lediglich verlagert worden. Hier und jetzt hatten sie gewonnen, aber für wie lange, das konnte niemand sagen, denn es überstieg das Begriffsvermögen der brillantesten Spezialisten auf diesem Gebiet. Wahrscheinlich überstieg es selbst Skynets Rechenkapazitäten und das Supergenie mit der künstlichen Intelligenz wusste ebenfalls nicht, welche genauen Konsequenzen sein Handeln haben würde.
Was es jedoch nicht vom Handeln abhielt, denn Skynet war verzweifelt gewesen.
Er hatte über Jahre hinweg die Technik der Zeitreise ersonnen und im letzten verzweifelten Todeskampf mit diesem Mittel versucht, seine Niederlage abzuwenden. Zunächst hatte es sich auf den Führer der Widerstandsbewegung der Menschheit, John Connor, konzentriert. Um dessen gesamte Existenz auszuradieren, hatte er einen Terminator in der Zeit zurückgeschickt, um Connors Mutter vor seiner Geburt zu töten. Und damit hatte das Durcheinander mit den verschiedenen Zeitlinien und möglichen Zukunftsentwicklungen angefangen.
Nein, genau genommen erst dann, als die Resistance nach ihrem Sieg und der Eroberung der ersten Zeit-Verschiebungs-Anlage einen ihrer Soldaten hinterher sandte, um Sarah Connor zu schützen. Als sich die beiden auf ihrer halsbrecherischen Flucht ineinander verliebten und in der einzigen leidenschaftlichen Nacht, die sie je miteinander verbringen sollten, John Connor zeugten, war das Paradoxon komplett. Der Sohn hatte seinen eigenen Vater in die Vergangenheit geschickt, ohne dass dieser wusste, wer sein Befehlshaber war.
Der Terminator indes scheiterte, was Skynet daran bemerkte, dass John Connor nach der Entsendung seiner Killermaschine noch immer da war und mit unverminderter Härte den Angriff gegen ihn weiterführte. Erst kurz vor seiner endgültigen Vernichtung griff der Supercomputer zum letzten Mittel und schickte einen noch unerprobten Prototypen der Serie T-1000 zurück, um John Connor als kleinen Jungen zu töten, als er noch wehrlos war. Er musste feststellen, dass auch dieser Angriff in der Vergangenheit fruchtlos geblieben war, da auch John Connor nach der Eroberung der ZVA nach dem Soldaten zum Schutze seiner Mutter ironischerweise einen umprogrammierten T-800 zu seinem eigenen Schutz entsandte.
Das war der bisherige Wissensstand der Menschen. Die ganze Sache musste jedoch weitaus komplexer sein, als man angenommen hatte, da sich die jetzige Realität von der Erinnerung John Connors erheblich unterschied. Man forschte nach und entdeckte drei weitere Energiesignaturen, die auf Zeitverschiebungen hinwiesen. Beim Durchforsten der riesigen Datenmengen in den Speicherbänken der Anlage fanden Connors Techniker Hinweise auf zwei weitere Zeit-Verschiebungs-Anlagen. Dies hier war nur der Prototyp gewesen.
Sie brauchten dank der Veränderungen, die Skynet vor seinem Ende noch in der Zeitlinie zu seinen Gunsten vorgenommen hatte, über einen Monat, um den Großteil der nun autarken ‘Filialen’ von Skynet alleine auf dem nordamerikanischen Subkontinent einzunehmen und zu sichern. Die Menschen beschlossen, die Initiative in diesem verrückten Krieg, der sich quer durch die Jahrzehnte zog, zu ergreifen. Dummerweise war der Computer bei seinen weiteren Schachzügen in seinem undurchschaubaren Spiel mit dem Schicksal sehr subtil vorgegangen, sodass die Menschen erhebliche Probleme hatten, seine weitere Handlungsweise nachzuvollziehen. Sie entdeckten und eroberten die zweite ZVA am anderen Ende des Stadtgebietes von L.A. unter großen Verlusten, denn durch den gesamten Komplex streiften noch immer unabhängig agierende Terminatoren, die den Auftrag hatten, das Unabwendbare abzuwenden.
Kaum waren die Räume eingenommen, in denen die ZVA stand, waren fünf speziell ausgebildete Soldaten in die Vergangenheit geschickt worden, um den Mann zu töten, der die Technik weiterentwickelt hatte, die den Bau von Skynet ermöglicht hatte. Die Terminatoren eroberten danach diesen Teil der Anlage zurück und sandten ihrerseits insgesamt vier T-800 hinterher. Was danach geschehen war, ließ sich nicht genau sagen, jedoch war die Realität des Krieges noch immer präsent.
John Connor meinte einmal, dass man es gar nicht merken konnte, ob man mit diesen Eingriffen erfolgreich gewesen war, da sich nur aus der Sicht des Zeitreisenden selbst die Zeitlinie verändern würde. Dennoch sah er es als ihre Verpflichtung an, es zumindest zu versuchen. Vielleicht gab es eine Welt, die sie dadurch besser machen würden ... und wer konnte es schon wissen, eventuell auch ihre eigene.
Sie hatten schnell gelernt, die Energiesignaturen von Zeitsprüngen auch über größere Entfernungen zu registrieren und ihre Ursprünge zurückzuverfolgen.
John Connor saß am Funkgerät und hoffte, daß das, was er jetzt hören würde, ihn nicht zu weiteren Entscheidungen zwingen würde, deren Folgen unabsehbar sein konnten. Gebannt lauschte er und wartete darauf, wann die Funkstille beendet werden würde. Das würde bedeuten, daß sie Erfolg gehabt hatten.

[Fortsetzung folgt noch heute ...]

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