Donnerstag, 23. November 2006
T1.1.5 : KAPITEL2 - Eine kurze Geschichte der Zeit
[... Fortsetzung des Buches]

- 2 -

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA, 17. Dezember 2029

Nachdem sie eine Ebene tiefer gestiegen waren, kamen sie als erstes zu dem weitläufigen Raum, in dessen Boden in regelmäßigen Abständen runde, gut metergroße Löcher eingelassen waren, angefüllt mit einer penetrant riechenden, dunkelgelben und viskosen Flüssigkeit. Das war das künstliche, von Maschinen erzeugte Fruchtwasser, in dem das synthetische Fleisch nach einem in langen Jahren ersonnenen komplizierten Prozess über die Roboterskelette wuchs. Es war feucht und warm im Raum, unzählige Schläuche führten von der Decke des Raumes herab in die Bottiche und versorgten die Brut des Bösen darin mit diversen Flüssigkeiten mechanischer und biologischer Herkunft.
„Das reicht mir fürs Erste“, meinte der Afrikaner und verließ die Inkubationskammer wieder. Kaum war er draußen, sah er sich um. Etwas Ablenkung wäre jetzt nicht schlecht.
Die nächste Tür war dick isoliert und hoch, stand jedoch weit geöffnet und offenbarte durch die austretende Kälte aus der großen Kammer dahinter ihren Zweck. Zögernd sah Mahtobu hinein und erblickte genau das, was er vorzufinden gefürchtet hatte. Mehrere Dutzend fertige Terminatoren, wie Schlachtvieh an großen Halterungen unter der Hallendecke reihenweise aufgehängt und bereit für ihren Auftrag, wie immer der auch lauten mochte.
Mahtobu hatte das schon mehrere Male in den letzten Monaten gesehen, doch etwas machte ihn dieses Mal stutzig. Als ihm aufging, was die Lagereinrichtung hier von den bisherigen dieser Art unterschied, schnappte er verblüfft nach Luft.
„Die sehen ja alle unterschiedlich aus!“
„Das stimmt leider, Sir. Bei den 800ern fanden wir stets größere Serien mit identischem Aussehen, doch hier hat jeder eine individuelle Tarnung. Wenn diese Burschen in Serie gegangen wären, hätten wir ziemlich alt ausgesehen, würde ich sagen.“ Der Ingenieur klopfte einer jungen Chinesin mit kräftiger, aber nicht auffallend fülliger Statur, die mit geschlossenen Augen vor ihm hing, auf den Oberschenkel, zog aber gleich darauf seine Hand wieder zurück.
Eiskalt.
Im Hinausgehen bemerkte der Guerillageneral mit steinerner Miene: „Lassen Sie unverzüglich eine Bestandsaufnahme davon machen, wie viele dieser Monster schon produziert wurden und ob bereits welche auf die Menschheit losgelassen wurden.“
Angesichts der Lage war dieses geflügelte Wort auf dramatische Weise wörtlich zu nehmen, schoss es ihm durch den Kopf, als er hinzufügte: „Und wenn ja, wie viele. Das hat oberste Priorität. Diese Scheiß-Maschine führt schließlich Buch über jede einzelne Schraube in dem Laden hier, da wird es ja wohl kein Kunststück sein, das herauszubekommen, oder?“
„Jawohl, Sir. Bin schon dabei.“ Eiligst trat der Soldat weg und kam dem Befehl nach.
Vor dem Nebenraum stand ein gemeiner Soldat Wache und salutierte, als er den sich nähernden General entdeckte. „Sir, ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich diese Station wirklich ansehen wollen. Ein Ärzteteam seziert gerade einen der neuen T-880er, um mehr über sein Innenleben zu erfahren. Eine ziemliche Sauerei da drinnen.“
„Na toll.“ Der Techniker an Mahtobus Seite wandte sich wieder ab, doch als er die Kühlhalle für die neuen Terminatoren erreicht hatte, kam einer der Ärzte aus dem Sezierzimmer hinaus. Er hatte die Ärmel noch hochgekrempelt und wohl gerade erst die Untersuchungshandschuhe aus Latex abgestreift. Während der Techniker sich eiligst verdrückte, um wieder seiner Arbeit nachzugehen, wandte sich der Befehlshaber an den Mediziner.
„Wie sieht’s aus, Captain?“, fragte Mahtobu widerwillig, aber doch interessiert.
„Es ist fast angsteinflössend, was an diesem Modell geleistet wurde. Die 800er Serie war bereits ziemlich lebensecht, aber diese neue Reihe wurde ganz offenbar mit dem Ziel entwickelt, Spione für eine lange Zeit auf Infiltrationsmissionen zu schicken.
Das Modell 880 besitzt sogar innere Organe in extrem verkleinertem Maßstab, da sein Organismus ja allein zum Stoffwechsel der Zellen dient; die Bewegungsarbeit übernimmt komplett der mechanische Mechanismus, sodass keine Kalorien dafür aufgewendet werden müssen. Er könnte jedenfalls Nahrung aufnehmen, um seine Zellregenerierung in Schwung zu halten. Der ersten Genanalyse nach ist die hier verwandte DNA zu über 80 % stark menschenähnlich. Ich habe keine Ahnung, wie lange sich solch ein Cyborg unerkannt unter Menschen aufhalten könnte.“
„Na prima, endlich mal eine gute Nachricht“, meinte Mahtobu sarkastisch. „Was kommt noch alles?“
Der Informatiker-Sergeant betrat die Lagerhalle und verzog angewidert das Gesicht, bevor er sich Mahtobu zuwandte. „Wir haben es herausgefunden, Sir. Der Terminator wurde im WRITE-Modus ins Jahr 1984 geschickt und dazu programmiert, einfach als normaler Mensch im näheren räumlichen Umfeld des Entdeckers des ZVA-Effektes zu leben und so eine perfekte Tarnung zu entwickeln. Dann sollte er rechtzeitig vor dem Nuklearkrieg einen sicheren Unterschlupf in einer Höhle hier im Gebirge aufsuchen. Die ganze nähere Umgebung war extra abgesucht worden, um einen Ort zu finden, wo seit dem Holocaust niemand mehr gewesen war und der Scout platziert werden konnte.
Im Versteck sollte der Scout auf Stand-By-Modus gehen und so den nuklearen Winter und die Zeit bis zu seiner Bergung überstehen. Er hatte Weisung, nach dem Datum des Atomkrieges, wann immer es seine Mission nicht gefährden würde, jeden Menschen zu töten, also jeden, der sich seinem Versteck nähern oder es entdecken könnte.
Und offenbar hat es geklappt. Dieser Terminator hat 13 Jahre unter Menschen gelebt und im WRITE-Modus ein so komplexes Verhalten entwickelt, dass man ihn ohne weiteres garantiert nicht enttarnen kann, schon gar nicht, wenn man nichts von der Existenz dieser Cyborgs ahnt wie die Menschen vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes. Der Zentralrechner der Anlage hat den Scout erwartungsgemäß in der Höhle vorgefunden und erfolgreich geborgen. So hat er das Problem gelöst, die benötigten Informationen aus der Vergangenheit unbeschadet in die Gegenwart zu retten.
Anschließend hat der paranoide Bastard den Speicherinhalt des Prozessors kopiert und diese Kopie in einen zweiten Cyborg mit völlig anderem Aussehen eingesetzt. Und da das entwickelte Tarnungsprogramm so effektiv ist, hat er sicherheitshalber diesen Prozessor im READ ONLY-Modus belassen, um keine unkalkulierbaren Risiken einzugehen. Wahrscheinlich hat er Angst vor der eigenen Courage bekommen, nachdem die Sache mit dem Scout-Terminator so reibungslos funktioniert hat. Einer der letzten Programmbefehle, die dieser Rechner ausgeführt hat, bevor wir hier eingedrungen sind, war die Löschung aller ‘persönlichen’ Daten über den zweiten eingesetzten Cyborg.
Tja, und dieser zweite uns unbekannte Terminator ist in die Vergangenheit gereist mit dem Auftrag, den Entdecker zu identifizieren und mit allen Mitteln vor einem möglichen Angriff von uns zu schützen, bis er seine Entdeckung gemacht und dokumentiert hat.“
„Schön und gut, aber wir haben nicht vor, den Entdecker zu eliminieren, wie ich Ihnen bereits erklärt habe. John Connors Existenz wäre dann ebenfalls ausgelöscht.“ Mahtobu wirkte unsicher beim Anblick des Gesichtes seines Untergebenen. „Was ist denn, Mann?“
„Es besteht die Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, wenn wir ihn doch eliminieren.“
„Wie bitte? Das müssen Sie mir erklären.“ Ungläubig fixierte er den Sergeant.
„In Skynets Datenbanken sind US-Militäraufzeichnungen über den Fund von Terminator-technologie auf einem Air Force-Stützpunkt aus dem Jahre 1991. Bevor Skynet seine Versuche mit Zeitreisen in dieser Anlage begonnen hat, gab es diese Aufzeichnungen nicht. Ich selbst war dabei, als wir die Anlagen in Los Angeles auseinander genommen hatten; dort war nichts darüber verzeichnet.
Aber jetzt ... naja, jedenfalls war es einer dieser Tests, Zeitsprünge auch an einen bestimmten Punkt hin durchzuführen. Auch der Scout-Terminator wurde übrigens räumlich versetzt in die Vergangenheit geschickt. Dadurch, dass er seinen Materialisierungsort exakt ermittelt und die Koordinaten in unsere Gegenwart mitgenommen hat, besitzt Skynet durch ihn einen weiteren Datensatz über die Raumverschiebung bei Zeitsprüngen. So kann er durch Triangulation der Daten sein Verfahren zur örtlichen Verschiebung eines Objektes beim Zeitsprung nahezu perfektionieren.
Einer der anderen Terminatoren landete bei diesen Tests auf einem Flugfeld der amerikanischen Luftwaffe im Boden verschüttet. Nachdem er sich befreit hatte, massakrierte er eine komplette Wachmannschaft der Marines, bevor die ihn zerstören konnten. Als sie merkten, was sie da vor sich hatten, wurde wie damals üblich alles streng unter Verschluss gehalten. Der Prozessor des alten T-800 diente dabei als technische Vorlage für Skynet. So einfach kann das sein, Sir.
Für uns heißt das, wenn wir die Erfindung des ZVA-Effektes verhindern, wird Skynet ungeachtet seiner bisherigen Versuche nie Technologie in die Vergangenheit schicken können und somit nie existieren. Ergo wird der Atomkrieg nicht stattfinden. Stimmen Sie mir zu?“
„Absolut. Ich werde persönlich General Connor Meldung darüber machen ...“ Mahtobu hielt inne. Ihm wurde plötzlich etwas klar, was ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Oh Gott, John Connor! Wir können das nicht tun!“
Der Sergeant dachte angestrengt nach. „Sie meinen, wir können nicht den Krieg verhindern, ohne gleichzeitig General Connor aus der Zeitlinie zu entfernen?“
Mahtobu schüttelte mit dem Kopf. „Da kennen Sie John aber schlecht! Er wird keine Sekunde zögern, seine eigene Existenz zu opfern, wenn das bedeuten könnte ... ich muss sofort Verbindung mit ihm aufnehmen.“
Nachdem der General sich entfernt hatte, sah der Feldarzt den Informatiker an. „Ich glaube nicht, dass ich jemals vollständig dahinterkommen werde, wie das mit diesen Zeitreisen funktionieren soll. Ist im Grunde doch nur theoretisches Geschwätz. Was glauben Sie, was wirklich geschehen würde, jetzt in diesem Augenblick, wenn wir jemanden zurückschicken, der tatsächlich den geistigen Vater der Zeitmaschine tötet? Dass wir mir nichts, dir nichts in einer Welt wären, in der das Jüngste Gericht nie stattgefunden hat? Dass sich jeder daran erinnern könnte, aber es faktisch nicht passiert ist? Das ist doch Irrsinn.“
„Ja, schon, vielleicht merken wir gar nichts davon, oder wir hören auf, hier zu existieren, und leben ein ganz normales Leben in einer völlig anderen Existenz in einer intakten Welt ... wer weiß das schon? Nicht mal unser supergescheiter Freund Skynet hatte den vollen Durchblick.“
Der Arzt nickte nachdenklich. „Da könnten Sie recht haben, Serge. Wieso sollte er jetzt noch jemanden zum Schutz des Erfinders dieser Zeitreisetheorie entsenden wollen, um seine Existenz zu retten, wenn wir ihn ohnehin schon zerstört haben? Wenn er sowieso dran glauben muss, sollte es ihm doch egal sein, wenn eine Realität geschaffen würde, in der er nie gebaut wurde. Spielt doch dann keine Rolle mehr.“
„Tja, Doc, Maschinen denken nicht so. Sie sind nicht dazu programmiert, sich zu ergeben, wenn der Feind einen strategischen Vorteil hat und in der Übermacht ist. Skynet reicht vielleicht schon die Möglichkeit, irgendeine andere Zeitlinie geschaffen zu haben, in der er weiter funktioniert, auch wenn das hier und jetzt nicht mehr drin ist, weil wir schon den Stecker gezogen haben.
Diese ganzen unabhängig gesteuerten Festungsanlagen und mit ihnen jeder einzelne Terminator, der autonom operiert, werden so lange weiterkämpfen, bis wir sie zur Strecke gebracht haben. Das ist so ähnlich wie in früheren Kriegen mit Landminen. Auch Jahrzehnte nach Ende eines Konfliktes konnten Sie bei einem Waldspaziergang auf eine Mine treten. Dem dämlichen Ding ist es egal, dass der Krieg längst vorüber ist und keiner seiner Erbauer mehr lebt, es reißt Ihnen trotzdem die Beine ab. Hässliche Sache das, aber nicht zu ändern.“ Der Informatiker zuckte mit den Schultern.
„Sie haben wirklich eine erfrischende Art an sich.“ Zähneknirschend wandte sich der Feldarzt von seinem Gesprächspartner ab.
„Immer stets zu Diensten“, gab der grinsende Sergeant zurück.

[Fortsetzung folgt...]

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