Dienstag, 28. November 2006
T1.1.8 : Zuflucht Bronx
cymep, 21:17h
[...Fortsetzung des Buches]
Highway 15, 37 Meilen südlich von Montréal, Kanada 2. Februar 1985
Langsam rollte der schwarze Chevrolet Celebrity Sedan frühmorgens in einer langen Warteschlange im Schritttempo auf die Zollabfertigung der Bundesgrenze zu. Jenseits des Grenzschutzpostens wurde der Highway zum Interstate 87, der CSM 108-1 auf direktem Weg entlang des Hudson Rivers gut 350 Meilen nach Süden zu dessen Mündung in den Atlantik führen würde. Dort wartete der seiner Meinung nach in diesem Stadium seiner Entwicklung für ihn perfekte Ort, der größte Ballungsraum der USA.
Die Stadt, die niemals schläft.
Genauso wie er, „dachte“ CSM 108-1.
Und zog probehalber einen Mundwinkel in Imitation eines ironischen Lächelns nach oben. Ironie war nach seiner Definition ein nützlicher Charakterzug, denn er hatte beobachtet, dass Individuen mit dieser Eigenschaft bei oberflächlichen Kontakten meistens von ihren Mitmenschen auf Distanz gehalten und reserviert behandelt wurden. Was für ihn nur von Nutzen war, denn so zog er keine übermäßige Aufmerksamkeit auf sich, niemand würde den small-talk mit ihm suchen und ihm Fragen stellen, deren Beantwortung ihm Probleme bereiten würde.
Als er an die Reihe kam, warf der Zollbeamte nur einen flüchtigen Blick auf seinen Identitätsausweis und seine Fahrzeugpapiere. Dann winkte er den jungen Mann mit den kurzen braunen Haaren, den dunklen Augen und dem markanten, leicht kantigen Gesicht durch.
Der Sedan gab Gas und beschleunigte langsam, um nicht aufzufallen. Als die Sonne am östlichen Horizont hinter dem Richelieu River aufging, setzte er augenblicklich eine dunkle Sonnenbrille auf, um die empfindlichen Photorezeptoren hinter den Pupillen zu schützen. Dies war wohl der schwerwiegendste Fehler sowohl der 800er als auch der 880er-Reihe, befand CSM 108-1: Skynet hatte bei ihrer Konstruktion nie berücksichtigt, dass die Modelle, die in der Zeit zurückreisten, das Sonnenlicht direkt ohne die permanent den Himmel verdunkelnde Wolkenschicht des postnuklearen Winters erblicken würden. Deshalb war keine ausreichende Abschwächung ihrer optischen Sensoren bei Tageslicht vorgesehen, mit dem Resultat, dass das Sonnenlicht im späten 20. Jahrhundert mit dem erhöhten Anteil an durch das Ozonloch eindringenden Strahlungsspitzen zu grell für sie war und den Signal-eingang überlastete.
Gegen das Ozonloch hatte Skynet immerhin etwas unternommen, das konnte man ihm zugute halten, dachte er und versuchte erneut dieses Grinsen. Ja, es funktionierte.
Momentan stellte dies aber noch kein Problem für ihn dar, weil das ständige Tragen einer Sonnenbrille bei Tag in den USA keine Besonderheit darstellte. Dies war jedoch nicht überall auf der Welt so. CSM 108-1 legte eine Datenschleife an, die einen winzigen Teil seines Bewusstseins in genau festgelegten Zeitabständen mit dieser Problematik beschäftigen und ausreichende Lösungsoptionen ausarbeiten würde, auf die er dann zu gegebener Zeit zurückgreifen und die geeignetste Möglichkeit ausführen würde, um das Problem zu lösen. Vor allem brauchte er jede Menge an Input, denn dies war ein hochgradig ungewöhnliches Problem, das seiner Logik nach auch eine ungewöhnliche Lösung erforderte.
Er fuhr ohne Unterbrechung innerhalb des gültigen Tempolimits und erreichte gegen drei Uhr nachmittags die Außenbezirke von New City, dem nördlichsten Rand der New Yorker Agglomeration.
Das würde eine faszinierende Erfahrung werden.
Als CSM 108-1 ein Stück hinter einer belebten Straßenkreuzung anhielt, zeigten ihm seine internen Kartenprogramme an, dass er sich Ecke Prospect Avenue und 161st Straße befand, in einem Stadtteil namens Bronx. Seinen Dateien nach ein Viertel, welches vornehmlich von Afroamerikanern dunkler Hautfarbe bewohnt wurde, die häufig ein hohes Aggressionspotential gegenüber eurasischen Mitbürgern aufzeigten. Ihm war das herzlich egal. Entsprechend der Lage erhöhte er die Leistung seiner Sensoren, um auf feindliche Aktionen vorbereitet zu sein.
Langsam stieg er aus und ging zum Heck des Wagens, wo er den Kofferraum öffnete. Sorgsam entnahm er die voluminöse Sporttasche mit seinen Kleidern und stellte sie neben sich auf den Gehweg. Im Augenwinkel sah er bereits, wie sich eine Bande von Halbstarken betont lässig auf dem Bordstein seiner Position näherte. Sie waren bekleidet mit modischer, wenn auch abgenutzter und nicht besonders sauberer Jugendkleidung wie übergroßen T-Shirts mit Markenemblemen von Sportartikelherstellern, den dazu passenden Basketballstiefeln und -kappen von adidas und nike sowie vielfach zerfetzten Jeanshosen. Bei den zur Zeit herrschenden Lebenshaltungskosten, Durchschnittslöhnen der Unterschicht der Bevölkerung und den Preisen dieser Kleidungsstücke berechnete er eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit dafür, dass auch nur eine dieser Personen durch legale Arbeit die nötigen Zahlungsmittel zum Erwerb dieser Markenbekleidung verdient haben konnte.
Sie wollten sich gerade daran machen, ihn anzusprechen und auszuprobieren, wie weit man ihn provozieren konnte, als er sich in einer fließenden, raschen Bewegung herabbeugte und scheinbar mühelos sein hinteres Nummernschild von der Stoßstange herunterriss. Beim Klang der reißenden Schrauben und dem doppelten ‘Pling’ der herabfallenden Schraubenköpfe auf das Straßenpflaster erstarrten die fünf jungen Schwarzen und glotzten ihn an wie einen Außerirdischen.
CSM 108-1 ignorierte sie geflissentlich, während er gemächlich auf der von ihnen abgewandten Seite des Chevrolet zu dessen Front schlenderte, sich abermals unheimlich schnell bückte und auch das vordere Schild abriss. Gleichzeitig rief er sämtliche Dateien über verbale Kommunikation in jugendlichem urbanen Slang auf, die er beim Fernsehen und ersten Beobachtungen in Montréal angelegt hatte.
Noch immer starrten die fünf Jungen abwechselnd ihn und sich gegenseitig an, unfähig zu verstehen, was da vor sich ging. In ihnen reifte langsam die Überzeugung, dass dieser unscheinbare Durchschnittspinkel hochgradig verrückt sein musste, als sie ihn dabei beobachteten, wie er zu dem Bauzaun ging, der den Bordstein vom angrenzenden Grundstück abgrenzte. Eine weitläufige Grube einer Großbaustelle fiel etwa zwei Stockwerke tief bis zu ihrem Boden ab, wo eine Vielzahl von Baggern, Kränen, Stapel von Stahlarmierungen und weiteres Baumaterial herumstand. Mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk heraus schleuderte er das erste Schild über den Zaun und hinab, wo es zielsicher laut scheppernd in einem leeren Schuttcontainer landete. Noch bevor sich die fünf Zuschauer dieses unerwarteten Geschehens von ihrer Verblüffung erholt hatten, warf er die zweite Blechtafel genauso lässig hinterher. Nach ihrem Flug von etwa einhundert Fuß landete auch sie exakt in dem Container. In kurzer Zeit würden sie von der nächsten Ladung Bauschutt verborgen werden und unauffindbar auf einer Aushubdeponie verschwinden.
Einer der Jungen murmelte beeindruckt: „Mann, den sollten wir in unserer Basketballmannschaft haben.“
Der Älteste der Gruppe zischte ihm zu: „Spinnst du? Ein Weißbrot doch nicht!“
Einer rief laut: „He, Mann, du hast gerade deine Nummernschilder weggeworfen!“
Alle anderen sahen ihn daraufhin an wie einen ausgemachten Idioten.
CSM 108-1 ging blitzschnell etliche alternative Antworten durch und erwiderte dann ungerührt: „Du merkst auch alles.“
„Warum hast du das getan?“ Die anderen Jungen bedeuteten ihm mit Gesten und Grimassen, seinen Mund zu halten, um sie nicht noch mehr zu blamieren.
„Ich brauche sie nicht mehr“, gab er daraufhin wahrheitsgemäß zu.
Nun baute sich der Älteste drohend vor ihm auf. Er war knapp einen Kopf größer als CSM 108-1 und sah mit drohender Haltung zu ihm hinunter. „Wohl geklaut, die Karre, was?“
„Nein, ich brauche den Wagen nicht mehr. Gestern habe ich ihn gekauft, um damit hierher zu fahren, und jetzt bin ich in New York. Ein Automobil ist in dieser Stadt ineffizient.“ Er hob die Schultern in einer gespielten Geste der Resignation; in Wahrheit hatte er aufgrund der Mimik, Gestik und Tonfrequenz seines Gegenübers die Tendenz zu hoher Gewaltbereitschaft ermittelt und befand sich in ständiger interner Alarmbereitschaft, um nötigenfalls in Verteidigungsstellung gehen zu können.
„Total durchgeknallt, der Typ. Bestimmt hasst er Rush-Hours“, meinte einer der Jüngeren leise und fragte dann: „Was machst du denn mit der Karre, wenn du sie nicht mehr brauchst?“
Er wägte einen Augenblick alle Optionen ab und sah einen nach dem anderen abschätzend an.
„Ich lasse sie hier stehen. Wollt ihr sie haben? Wenn ihr sie von hier wegbringen wollt, nehmt sie und macht damit, was ihr wollt. Wie entscheidet ihr euch?“ Er hielt die Zündschlüssel hoch, während er mit dem anderen Arm seine Sporttasche aufnahm und sich ohne große Hast über die Schulter hängte.
Nun sah ihn der Größte misstrauisch an. „Du willst uns wohl verscheißern, Mann? Keiner gibt einfach so seine Karre her. Und keiner verscheißert uns, klar?“
Mit einem scharfen Schnappen sprang ein Butterfly-Messer auf, das er plötzlich in der Hand hielt. CSM 108-1 berechnete daraufhin seinen nächsten Schachzug, beinahe neugierig, ob die Reaktion seines Gegenübers seiner Erwartung entsprechen würde.
„Ihr könnt euch die Schlüssel auch aus der Grube holen, wenn ihr Schwierigkeiten machen wollt.“ Er schwang den Bund mit den Autoschlüsseln hin und her und machte Anstalten, ihn hinter den Maschendrahtzaun zu werfen.
„Halt, halt, sachte, Kumpel, nur nichts übereilen. Wir nehmen deine Karre sehr gern, okay?“ Drei der Jüngeren drängten sich an dem vermeintlichen Anführer vorbei, wobei sie ihm wütende Blicke ob seines aufschneiderischen Benehmens zuwarfen.
Der Erste schnappte sich den Bund, lief dank- und grußlos zum Chevrolet und klemmte sich hinters Steuer. Die anderen beiden der Gruppe, die den Wagen angenommen hatte, waren auch schon bei den Türen und schwangen sich auf den Beifahrersitz und in den Fond. Nur der offenbar leicht Schwachsinnige und der Anführer standen noch bei ihm und musterten ihn. Dabei breitete sich langsam ein fieses Grinsen auf dem Gesicht des Letzteren aus, als ihm augenscheinlich gerade eine Idee kam, die er für ausgesprochen gut zu halten schien.
„So, wie wär’s, wenn du mir noch deine Brieftasche dazuschenkst? Für die Wagenwäsche und Spritgeld, weißt du?“ Er hielt ihm das Messer wieder unter die Nase. Hinter ihm versperrte ihm der Bauzaun jegliche Rückzugsmöglichkeit.
Ohne die geringste Gemütsregung packte CSM 108-1 die Waffe an der Klinge, riss sie dem großen Schwarzen aus der Hand und warf sie in hohem Bogen über seine Schulter nach hinten über den Zaun. „Wir wollen doch nicht übertreiben, oder?“
Seine Worte wurden unterstrichen vom metallischen Klappern des Messers, das offenbar ebenso wie die Schilder zuvor genau in den Container gefallen war. Der Unterkiefer des Anführers sackte hinab, dann überwand er sein ungläubiges Staunen und ließ den Selbsterhaltungstrieb die Oberhand gewinnen.
Indem er zum Auto lief, brüllte er: „Los, startet den verdammten Motor! Nichts wie weg hier! Der Typ ist total durchgedreht!“
Die beiden sprangen in die weit aufgerissenen Fondtüren, als der Wagen mit quietschenden Reifen anfuhr. CSM 108-1 sah ihnen hinterher, wie sie mit Vollgas über die nächste Kreuzung schossen, an deren Querstraße gerade ein Polizeiwagen vor einem Donutstand parkte. Die Beamten ließen sofort fluchend ihre Gebäckstücke und heißen Kaffeebecher fallen und sprangen in ihren Wagen, um mit heulenden Sirenen und Blaulicht die Verfolgung der rücksichtslosen Verkehrsrowdies ohne Kennzeichen aufzunehmen.
Er hoffte nur, die Burschen würden nicht so schnell aufgegriffen werden. Bestimmt würden sie die Geschichte erzählen, wie sie zu ihrem neuen Automobil gekommen waren, und eine Beschreibung von ihm liefern. Die Ordnungshüter würden sich vielleicht über die Geschichte wundern, sie aber nicht glauben. Sogar wenn sie dem Hinweis nachgehen und in der Grube die Nummernschilder sowie das Butterfly-Messer finden würden, führte das noch lange nicht zu ihm. Sie würden höchstens denken, dass die Jungen selbst die Zulassungszeichen entfernt und in dem Abfallcontainer hatten verschwinden lassen.
Sie würden höchstens verwundert sein, falls sie die kanadischen Kennzeichen überprüfen und feststellen würden, dass sie sich nicht zurückverfolgen lassen können würden und der Wagen wirklich erst seit einem Tag zugelassen war. Aber ihn ging das jetzt nichts mehr an, er befand sich in einem Ballungsraum mit etwa 12 Millionen Einwohnern. Hier gab es viele seltsame Individuen, nicht wenige mit Verhaltensstörungen in den vielfältigsten Formen und Schweregraden. Die meisten Leute auf der Straße kümmerten sich nicht um ihre Mitmenschen, er ging völlig in der Menge unter.
Hier würde er seine Verhaltensstudien mit wesentlich höherem Tempo fortführen können, ohne in irgendeiner Weise auffällig zu werden.
In seinem Sichtfeld wurde ein Plan des Viertels abgebildet, auf dem der Weg zum nächsten U-Bahnhof mit einer hellen Linie hervorgehoben war. Er schulterte seine Tasche und machte sich in gemütlichem Tempo auf.
Über die Baugrube hinweg hatte er einen relativ ungehinderten Blick nach Süden, wo er im etwas tiefergelegenen Manhattan das Empire State Building, das Chrysler Building und in der Ferne verschwommen das World Trade Center neben vielen anderen Hochhäusern herausragen sah. Die Lage des Central Parks konnte man gut anhand der gewaltigen Lücke zwischen all den Gebäuden ausmachen. Das würde für die nächsten Wochen oder auch Monate – den genauen Zeitraum seines Verweilens hier musste er noch extrapolieren, sobald er genügend Daten dafür angesammelt hatte –, sein Verweilraum sein, bis er den Schritt des Transfers nach Europa in Betracht ziehen konnte.
Eine dicke alte Dame von dunkler Hautfarbe mit einem grauen Haardutt, einer feingliedrigen Nickelbrille und einem sehr schlichten, rotweiß gepunkteten Kleid kam des Wegs, einen kleinen Pinscher an der Leine führend. Der Vierbeiner schnüffelte intensiv am Wegesrand entlang nach Spuren von Artgenossen, bis er in die Nähe von CSM 108-1 kam. Als dieser ihn passierte, bewusst ohne hinzusehen, hob der Hund seinen Kopf mit der flachen Schnauze und den kleinen Kulleraugen und knurrte ein wenig; sein primitiver Verstand war außerstande, das einzuordnen, was da gerade an ihm vorbeigegangen war.
Er knurrte nur kurz, leise und unauffällig, bevor er sich wieder den weitaus interessanteren Witterungen vor sich am Saum des Bauzauns widmete. Nicht einmal seine Besitzerin hatte etwas von dem Vorfall bemerkt.
Und wieder eine Hürde überwunden. Skynets Entwicklung war bisher in jeder Hinsicht ein voller Erfolg gewesen. Hochzufrieden schritt CSM 108-1 in Richtung U-Bahnhof Jackson Avenue aus, wo er die Linie 2 Richtung Innenstadt nahm. Als die Bahn neben der 145th Street Bridge den Harlem River überquerte, dort wo er westlich seiner Einmündung in den East River zu seiner vollen Breite anschwoll, beschäftigte er sich bereits mit der Frage der Quartiersbeschaffung. Er hatte es dem Zufall überlassen wollen, ob zuerst eine Bahn der Linie 2 oder 5 kommen würde. Es war die 2 gewesen, die westlich des Central Parks verlief, im Gegensatz zum östlichen Verlauf der 5, sodass er sich jetzt zuerst einmal in der Westside umsehen würde. Er hatte auch schon eine gewisse Vorstellung von dem, was er suchte.
Seine Parameter waren eng umrissen, hätte man sagen können.
[Fortsetzung folgt ...]
Highway 15, 37 Meilen südlich von Montréal, Kanada 2. Februar 1985
Langsam rollte der schwarze Chevrolet Celebrity Sedan frühmorgens in einer langen Warteschlange im Schritttempo auf die Zollabfertigung der Bundesgrenze zu. Jenseits des Grenzschutzpostens wurde der Highway zum Interstate 87, der CSM 108-1 auf direktem Weg entlang des Hudson Rivers gut 350 Meilen nach Süden zu dessen Mündung in den Atlantik führen würde. Dort wartete der seiner Meinung nach in diesem Stadium seiner Entwicklung für ihn perfekte Ort, der größte Ballungsraum der USA.
Die Stadt, die niemals schläft.
Genauso wie er, „dachte“ CSM 108-1.
Und zog probehalber einen Mundwinkel in Imitation eines ironischen Lächelns nach oben. Ironie war nach seiner Definition ein nützlicher Charakterzug, denn er hatte beobachtet, dass Individuen mit dieser Eigenschaft bei oberflächlichen Kontakten meistens von ihren Mitmenschen auf Distanz gehalten und reserviert behandelt wurden. Was für ihn nur von Nutzen war, denn so zog er keine übermäßige Aufmerksamkeit auf sich, niemand würde den small-talk mit ihm suchen und ihm Fragen stellen, deren Beantwortung ihm Probleme bereiten würde.
Als er an die Reihe kam, warf der Zollbeamte nur einen flüchtigen Blick auf seinen Identitätsausweis und seine Fahrzeugpapiere. Dann winkte er den jungen Mann mit den kurzen braunen Haaren, den dunklen Augen und dem markanten, leicht kantigen Gesicht durch.
Der Sedan gab Gas und beschleunigte langsam, um nicht aufzufallen. Als die Sonne am östlichen Horizont hinter dem Richelieu River aufging, setzte er augenblicklich eine dunkle Sonnenbrille auf, um die empfindlichen Photorezeptoren hinter den Pupillen zu schützen. Dies war wohl der schwerwiegendste Fehler sowohl der 800er als auch der 880er-Reihe, befand CSM 108-1: Skynet hatte bei ihrer Konstruktion nie berücksichtigt, dass die Modelle, die in der Zeit zurückreisten, das Sonnenlicht direkt ohne die permanent den Himmel verdunkelnde Wolkenschicht des postnuklearen Winters erblicken würden. Deshalb war keine ausreichende Abschwächung ihrer optischen Sensoren bei Tageslicht vorgesehen, mit dem Resultat, dass das Sonnenlicht im späten 20. Jahrhundert mit dem erhöhten Anteil an durch das Ozonloch eindringenden Strahlungsspitzen zu grell für sie war und den Signal-eingang überlastete.
Gegen das Ozonloch hatte Skynet immerhin etwas unternommen, das konnte man ihm zugute halten, dachte er und versuchte erneut dieses Grinsen. Ja, es funktionierte.
Momentan stellte dies aber noch kein Problem für ihn dar, weil das ständige Tragen einer Sonnenbrille bei Tag in den USA keine Besonderheit darstellte. Dies war jedoch nicht überall auf der Welt so. CSM 108-1 legte eine Datenschleife an, die einen winzigen Teil seines Bewusstseins in genau festgelegten Zeitabständen mit dieser Problematik beschäftigen und ausreichende Lösungsoptionen ausarbeiten würde, auf die er dann zu gegebener Zeit zurückgreifen und die geeignetste Möglichkeit ausführen würde, um das Problem zu lösen. Vor allem brauchte er jede Menge an Input, denn dies war ein hochgradig ungewöhnliches Problem, das seiner Logik nach auch eine ungewöhnliche Lösung erforderte.
Er fuhr ohne Unterbrechung innerhalb des gültigen Tempolimits und erreichte gegen drei Uhr nachmittags die Außenbezirke von New City, dem nördlichsten Rand der New Yorker Agglomeration.
Das würde eine faszinierende Erfahrung werden.
Als CSM 108-1 ein Stück hinter einer belebten Straßenkreuzung anhielt, zeigten ihm seine internen Kartenprogramme an, dass er sich Ecke Prospect Avenue und 161st Straße befand, in einem Stadtteil namens Bronx. Seinen Dateien nach ein Viertel, welches vornehmlich von Afroamerikanern dunkler Hautfarbe bewohnt wurde, die häufig ein hohes Aggressionspotential gegenüber eurasischen Mitbürgern aufzeigten. Ihm war das herzlich egal. Entsprechend der Lage erhöhte er die Leistung seiner Sensoren, um auf feindliche Aktionen vorbereitet zu sein.
Langsam stieg er aus und ging zum Heck des Wagens, wo er den Kofferraum öffnete. Sorgsam entnahm er die voluminöse Sporttasche mit seinen Kleidern und stellte sie neben sich auf den Gehweg. Im Augenwinkel sah er bereits, wie sich eine Bande von Halbstarken betont lässig auf dem Bordstein seiner Position näherte. Sie waren bekleidet mit modischer, wenn auch abgenutzter und nicht besonders sauberer Jugendkleidung wie übergroßen T-Shirts mit Markenemblemen von Sportartikelherstellern, den dazu passenden Basketballstiefeln und -kappen von adidas und nike sowie vielfach zerfetzten Jeanshosen. Bei den zur Zeit herrschenden Lebenshaltungskosten, Durchschnittslöhnen der Unterschicht der Bevölkerung und den Preisen dieser Kleidungsstücke berechnete er eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit dafür, dass auch nur eine dieser Personen durch legale Arbeit die nötigen Zahlungsmittel zum Erwerb dieser Markenbekleidung verdient haben konnte.
Sie wollten sich gerade daran machen, ihn anzusprechen und auszuprobieren, wie weit man ihn provozieren konnte, als er sich in einer fließenden, raschen Bewegung herabbeugte und scheinbar mühelos sein hinteres Nummernschild von der Stoßstange herunterriss. Beim Klang der reißenden Schrauben und dem doppelten ‘Pling’ der herabfallenden Schraubenköpfe auf das Straßenpflaster erstarrten die fünf jungen Schwarzen und glotzten ihn an wie einen Außerirdischen.
CSM 108-1 ignorierte sie geflissentlich, während er gemächlich auf der von ihnen abgewandten Seite des Chevrolet zu dessen Front schlenderte, sich abermals unheimlich schnell bückte und auch das vordere Schild abriss. Gleichzeitig rief er sämtliche Dateien über verbale Kommunikation in jugendlichem urbanen Slang auf, die er beim Fernsehen und ersten Beobachtungen in Montréal angelegt hatte.
Noch immer starrten die fünf Jungen abwechselnd ihn und sich gegenseitig an, unfähig zu verstehen, was da vor sich ging. In ihnen reifte langsam die Überzeugung, dass dieser unscheinbare Durchschnittspinkel hochgradig verrückt sein musste, als sie ihn dabei beobachteten, wie er zu dem Bauzaun ging, der den Bordstein vom angrenzenden Grundstück abgrenzte. Eine weitläufige Grube einer Großbaustelle fiel etwa zwei Stockwerke tief bis zu ihrem Boden ab, wo eine Vielzahl von Baggern, Kränen, Stapel von Stahlarmierungen und weiteres Baumaterial herumstand. Mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk heraus schleuderte er das erste Schild über den Zaun und hinab, wo es zielsicher laut scheppernd in einem leeren Schuttcontainer landete. Noch bevor sich die fünf Zuschauer dieses unerwarteten Geschehens von ihrer Verblüffung erholt hatten, warf er die zweite Blechtafel genauso lässig hinterher. Nach ihrem Flug von etwa einhundert Fuß landete auch sie exakt in dem Container. In kurzer Zeit würden sie von der nächsten Ladung Bauschutt verborgen werden und unauffindbar auf einer Aushubdeponie verschwinden.
Einer der Jungen murmelte beeindruckt: „Mann, den sollten wir in unserer Basketballmannschaft haben.“
Der Älteste der Gruppe zischte ihm zu: „Spinnst du? Ein Weißbrot doch nicht!“
Einer rief laut: „He, Mann, du hast gerade deine Nummernschilder weggeworfen!“
Alle anderen sahen ihn daraufhin an wie einen ausgemachten Idioten.
CSM 108-1 ging blitzschnell etliche alternative Antworten durch und erwiderte dann ungerührt: „Du merkst auch alles.“
„Warum hast du das getan?“ Die anderen Jungen bedeuteten ihm mit Gesten und Grimassen, seinen Mund zu halten, um sie nicht noch mehr zu blamieren.
„Ich brauche sie nicht mehr“, gab er daraufhin wahrheitsgemäß zu.
Nun baute sich der Älteste drohend vor ihm auf. Er war knapp einen Kopf größer als CSM 108-1 und sah mit drohender Haltung zu ihm hinunter. „Wohl geklaut, die Karre, was?“
„Nein, ich brauche den Wagen nicht mehr. Gestern habe ich ihn gekauft, um damit hierher zu fahren, und jetzt bin ich in New York. Ein Automobil ist in dieser Stadt ineffizient.“ Er hob die Schultern in einer gespielten Geste der Resignation; in Wahrheit hatte er aufgrund der Mimik, Gestik und Tonfrequenz seines Gegenübers die Tendenz zu hoher Gewaltbereitschaft ermittelt und befand sich in ständiger interner Alarmbereitschaft, um nötigenfalls in Verteidigungsstellung gehen zu können.
„Total durchgeknallt, der Typ. Bestimmt hasst er Rush-Hours“, meinte einer der Jüngeren leise und fragte dann: „Was machst du denn mit der Karre, wenn du sie nicht mehr brauchst?“
Er wägte einen Augenblick alle Optionen ab und sah einen nach dem anderen abschätzend an.
„Ich lasse sie hier stehen. Wollt ihr sie haben? Wenn ihr sie von hier wegbringen wollt, nehmt sie und macht damit, was ihr wollt. Wie entscheidet ihr euch?“ Er hielt die Zündschlüssel hoch, während er mit dem anderen Arm seine Sporttasche aufnahm und sich ohne große Hast über die Schulter hängte.
Nun sah ihn der Größte misstrauisch an. „Du willst uns wohl verscheißern, Mann? Keiner gibt einfach so seine Karre her. Und keiner verscheißert uns, klar?“
Mit einem scharfen Schnappen sprang ein Butterfly-Messer auf, das er plötzlich in der Hand hielt. CSM 108-1 berechnete daraufhin seinen nächsten Schachzug, beinahe neugierig, ob die Reaktion seines Gegenübers seiner Erwartung entsprechen würde.
„Ihr könnt euch die Schlüssel auch aus der Grube holen, wenn ihr Schwierigkeiten machen wollt.“ Er schwang den Bund mit den Autoschlüsseln hin und her und machte Anstalten, ihn hinter den Maschendrahtzaun zu werfen.
„Halt, halt, sachte, Kumpel, nur nichts übereilen. Wir nehmen deine Karre sehr gern, okay?“ Drei der Jüngeren drängten sich an dem vermeintlichen Anführer vorbei, wobei sie ihm wütende Blicke ob seines aufschneiderischen Benehmens zuwarfen.
Der Erste schnappte sich den Bund, lief dank- und grußlos zum Chevrolet und klemmte sich hinters Steuer. Die anderen beiden der Gruppe, die den Wagen angenommen hatte, waren auch schon bei den Türen und schwangen sich auf den Beifahrersitz und in den Fond. Nur der offenbar leicht Schwachsinnige und der Anführer standen noch bei ihm und musterten ihn. Dabei breitete sich langsam ein fieses Grinsen auf dem Gesicht des Letzteren aus, als ihm augenscheinlich gerade eine Idee kam, die er für ausgesprochen gut zu halten schien.
„So, wie wär’s, wenn du mir noch deine Brieftasche dazuschenkst? Für die Wagenwäsche und Spritgeld, weißt du?“ Er hielt ihm das Messer wieder unter die Nase. Hinter ihm versperrte ihm der Bauzaun jegliche Rückzugsmöglichkeit.
Ohne die geringste Gemütsregung packte CSM 108-1 die Waffe an der Klinge, riss sie dem großen Schwarzen aus der Hand und warf sie in hohem Bogen über seine Schulter nach hinten über den Zaun. „Wir wollen doch nicht übertreiben, oder?“
Seine Worte wurden unterstrichen vom metallischen Klappern des Messers, das offenbar ebenso wie die Schilder zuvor genau in den Container gefallen war. Der Unterkiefer des Anführers sackte hinab, dann überwand er sein ungläubiges Staunen und ließ den Selbsterhaltungstrieb die Oberhand gewinnen.
Indem er zum Auto lief, brüllte er: „Los, startet den verdammten Motor! Nichts wie weg hier! Der Typ ist total durchgedreht!“
Die beiden sprangen in die weit aufgerissenen Fondtüren, als der Wagen mit quietschenden Reifen anfuhr. CSM 108-1 sah ihnen hinterher, wie sie mit Vollgas über die nächste Kreuzung schossen, an deren Querstraße gerade ein Polizeiwagen vor einem Donutstand parkte. Die Beamten ließen sofort fluchend ihre Gebäckstücke und heißen Kaffeebecher fallen und sprangen in ihren Wagen, um mit heulenden Sirenen und Blaulicht die Verfolgung der rücksichtslosen Verkehrsrowdies ohne Kennzeichen aufzunehmen.
Er hoffte nur, die Burschen würden nicht so schnell aufgegriffen werden. Bestimmt würden sie die Geschichte erzählen, wie sie zu ihrem neuen Automobil gekommen waren, und eine Beschreibung von ihm liefern. Die Ordnungshüter würden sich vielleicht über die Geschichte wundern, sie aber nicht glauben. Sogar wenn sie dem Hinweis nachgehen und in der Grube die Nummernschilder sowie das Butterfly-Messer finden würden, führte das noch lange nicht zu ihm. Sie würden höchstens denken, dass die Jungen selbst die Zulassungszeichen entfernt und in dem Abfallcontainer hatten verschwinden lassen.
Sie würden höchstens verwundert sein, falls sie die kanadischen Kennzeichen überprüfen und feststellen würden, dass sie sich nicht zurückverfolgen lassen können würden und der Wagen wirklich erst seit einem Tag zugelassen war. Aber ihn ging das jetzt nichts mehr an, er befand sich in einem Ballungsraum mit etwa 12 Millionen Einwohnern. Hier gab es viele seltsame Individuen, nicht wenige mit Verhaltensstörungen in den vielfältigsten Formen und Schweregraden. Die meisten Leute auf der Straße kümmerten sich nicht um ihre Mitmenschen, er ging völlig in der Menge unter.
Hier würde er seine Verhaltensstudien mit wesentlich höherem Tempo fortführen können, ohne in irgendeiner Weise auffällig zu werden.
In seinem Sichtfeld wurde ein Plan des Viertels abgebildet, auf dem der Weg zum nächsten U-Bahnhof mit einer hellen Linie hervorgehoben war. Er schulterte seine Tasche und machte sich in gemütlichem Tempo auf.
Über die Baugrube hinweg hatte er einen relativ ungehinderten Blick nach Süden, wo er im etwas tiefergelegenen Manhattan das Empire State Building, das Chrysler Building und in der Ferne verschwommen das World Trade Center neben vielen anderen Hochhäusern herausragen sah. Die Lage des Central Parks konnte man gut anhand der gewaltigen Lücke zwischen all den Gebäuden ausmachen. Das würde für die nächsten Wochen oder auch Monate – den genauen Zeitraum seines Verweilens hier musste er noch extrapolieren, sobald er genügend Daten dafür angesammelt hatte –, sein Verweilraum sein, bis er den Schritt des Transfers nach Europa in Betracht ziehen konnte.
Eine dicke alte Dame von dunkler Hautfarbe mit einem grauen Haardutt, einer feingliedrigen Nickelbrille und einem sehr schlichten, rotweiß gepunkteten Kleid kam des Wegs, einen kleinen Pinscher an der Leine führend. Der Vierbeiner schnüffelte intensiv am Wegesrand entlang nach Spuren von Artgenossen, bis er in die Nähe von CSM 108-1 kam. Als dieser ihn passierte, bewusst ohne hinzusehen, hob der Hund seinen Kopf mit der flachen Schnauze und den kleinen Kulleraugen und knurrte ein wenig; sein primitiver Verstand war außerstande, das einzuordnen, was da gerade an ihm vorbeigegangen war.
Er knurrte nur kurz, leise und unauffällig, bevor er sich wieder den weitaus interessanteren Witterungen vor sich am Saum des Bauzauns widmete. Nicht einmal seine Besitzerin hatte etwas von dem Vorfall bemerkt.
Und wieder eine Hürde überwunden. Skynets Entwicklung war bisher in jeder Hinsicht ein voller Erfolg gewesen. Hochzufrieden schritt CSM 108-1 in Richtung U-Bahnhof Jackson Avenue aus, wo er die Linie 2 Richtung Innenstadt nahm. Als die Bahn neben der 145th Street Bridge den Harlem River überquerte, dort wo er westlich seiner Einmündung in den East River zu seiner vollen Breite anschwoll, beschäftigte er sich bereits mit der Frage der Quartiersbeschaffung. Er hatte es dem Zufall überlassen wollen, ob zuerst eine Bahn der Linie 2 oder 5 kommen würde. Es war die 2 gewesen, die westlich des Central Parks verlief, im Gegensatz zum östlichen Verlauf der 5, sodass er sich jetzt zuerst einmal in der Westside umsehen würde. Er hatte auch schon eine gewisse Vorstellung von dem, was er suchte.
Seine Parameter waren eng umrissen, hätte man sagen können.
[Fortsetzung folgt ...]
... comment