Dienstag, 12. Dezember 2006
T1.1.21
[... Fortsetzung des Buches]

Mount Mitchell, Yancey County, North Carolina, USA -31. Oktober 2030

Mahtobu sah sich gerade auf dem Gang um und stieg über ein freiliegendes, armdickes Kabelbündel, das quer über dem Boden des Korridors offenlag, als ihm Karin entgegenkam. Auch sie musterte die überall offenstehenden Zugangsklappen zur Elektrik und die freiliegenden Leitungen aller Art, die provisorisch freigelegt unter der Decke und am Boden entlang verliefen. Zudem war jeder freie Winkel mit irgendwelchem technischen und mechanischen Gerät vollgestellt.
„Hallo. Wie geht’s?“, begrüßte er sie floskelhaft, doch sie verzog das Gesicht.
„Nicht sehr gut, glaube ich. Mir geht so ein Wechsel oder eine große Veränderung immer noch aufs Gemüt.“
„Und das noch immer nach dreißig Jahren des Horrors? Das soll einer verstehen.“ Ratlos kratzte er sich an seinem grauen Kinnbart.
Sie sah zu Boden. „Wissen Sie, Henee, ich sollte vielleicht auch mal mit jemandem darüber reden; ich bin diese ganzen langen Jahre immer sehr verschlossen gewesen und habe nie jemanden an mich herangelassen, bis auf die Kinder natürlich, die ich gehütet habe. Aber im Laufe der letzten Monate habe ich irgendwie Vertrauen zu Ihnen geschöpft, auch wenn wir meist verschiedener Meinung waren.“
„Das ist leicht untertrieben, meinen Sie nicht?“, fragte er forschend.
„Ja, das mag schon sein ...“
„Ich wollte Sie einsperren lassen, haben Sie das schon vergessen?“
„Gut, Sie haben recht. Aber trotzdem sind Sie doch am ehesten das, was ich einen Freund nennen würde. Und Sie wissen vielleicht selbst, wie sehr es an einem zehrt, wenn man schlimme Erlebnisse verdrängt.
Mein Leben war immer sehr beständig und sicher, bis zu diesem Ereignis, kurz vor dem Tag des Jüngsten Gerichtes. Aber hier ist nicht der richtige Ort, um das zu besprechen.“
Er sah sich nochmals um. „Ja, die Demontage der Anlage läuft und kommt gut voran. Wir haben schon etliche Wagenladungen an technischen Ersatzteilen demontiert und in alle Himmelsrichtungen verschickt. In dieser Hinsicht ist die Festung hier eine wahre Goldgrube. Jetzt, da wir die ZVA nicht mehr brauchen, liefern ihre technischen Komponenten eine Fülle an Rohmaterial, um überall an der Ostküste unsere eigenen Anlagen mit zum Teil lebenswichtigen Funktionen zu reparieren und instand zu halten.“
„Das glaube ich Ihnen gerne. Heute Abend vielleicht, wenn Sie Zeit haben?“
„Ich melde mich bei Ihnen.“ Er tippte zum Abschied grüßend mit dem gestreckten Zeige- und Mittelfinger an die Schläfe.

[Fortsetzung folgt ...]

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