Freitag, 15. Dezember 2006
T1.1.24
[... Fortsetzung des Buches]

Generaloberst-von-Fritsch-Kaserne, Pfullendorf, Bundesrepublik Deutschland - 1. November 1985

CSM 108-1 konnte einfach nicht glauben, was er da tat. Diese verdammte Maschine hatte es wieder getan: Skynet hatte ihm einen weiteren ‚schlafenden Befehl’ eingegeben gehabt, der aktiviert worden war. Er hatte keine Ahnung, warum das gerade jetzt geschehen war, aber seiner Einschätzung nach mussten mehrere verschiedene Situations- und Missionsparameter erfüllt worden sein, damit die Anweisung ausgelöst worden war. Zusammen mit einer Auswahl an Standorten, genauen Lageplänen und strategisch relevanten Daten war sie urplötzlich in seinem Bewusstsein aufgetaucht.
Wenigstens hatte er genügend Ermessungsspielraum erhalten, um sich einen der Orte für die Ausführung auszusuchen, und sich ohne langes Zögern für diesen hier entschieden. Der Stützpunkt lag südlich der Ortschaft auf einer kleinen Anhöhe, auf der Ostseite von einem schmalen Waldstück begrenzt, im Süden von einem Truppenübungsplatz, im Westen von Ackerland. Das verschlafene kleine Dörfchen selbst hatte vielleicht fünftausend Einwohner und lag mitten im Nirgendwo zwischen dem Bodensee und der schwäbischen Alb. Von hier aus gingen gut ausgebaute und befahrbare Straßen in insgesamt sechs verschiedene Richtungen. Bis zur nächsten richtigen Stadt waren es jeweils mindestens fünfundzwanzig Kilometer, was ein riesiges Gebiet ergab, das die Feldjäger, das militärische Pendant zur Polizei, kontrollieren mussten, falls wider Erwarten etwas schiefgehen sollte.
Heute war Freitag und noch dazu ein gesetzlicher Feiertag in der Bundesrepublik, Allerheiligen. Selbst an einem normalen Freitag wären die meisten wehrpflichtigen Soldaten um zwölf Uhr mittags ins Wochenende gefahren, an diesem ‚langen Wochenende’ war nur die absolute Minimalwachmannschaft anwesend.
Wie immer im Spätherbst war es jetzt am frühen Abend gegen zwanzig Uhr neblig und sehr kühl, die Straßen im Ort menschenleer. Hier wurde seit Ewigkeiten mit größtem Erfolg das praktiziert, was man im Volksmund mit ‚abends die Gehwege hochklappen’ umschrieb. Ihm kam das natürlich sehr gelegen, dachte er, während er zwanzig Meter jenseits des drei Meter hohen Maschendrahtzaunes am Rand des Kasernengeländes im dunklen Wald kauerte. Dieses Waldstück war nichts anderes als ein schmaler, aber langgezogener und dichtbewaldeter Bergrücken, der auf der anderen Seite direkt an die Ausläufer des Ortes grenzte. Sein Wagen stand vierhundert Meter Luftlinie entfernt in einem Wohngebiet geparkt, mit soeben im Nachbarort entwendeten Kennzeichen des Landkreises Sigmaringen, SIG. Damit war die einzige Auffälligkeit, sein Kölner Kennzeichen nämlich, eliminiert, da die xenophob veranlagten Leute im ländlichen Raum öfters auf ortsfremde Fahrzeuge aufmerksam wurden, nicht aber auf solche mit einheimischen Nummern.
Auf der Rundstraße, die oval durch das Kasernengelände führte und an der praktisch alle Gebäude des Geländes mehr oder weniger direkt lagen, patrouillierten zwei Wachen auf Kontrollgang. An ihrer Körperhaltung und der Art ihres Ganges konnte er deutlich ihren Enthusiasmus, oder besser den Mangel desselben, ablesen, mit dem sie ihren Dienst verrichteten. Wer an einem solchen Abend am Wochenende und auch noch feiertags als einer der wenigen Soldaten Wache schieben musste, hatte sich entweder etwas zuschulden kommen lassen, sich bei einem Vorgesetzten unbeliebt gemacht, war Dienstzeitjüngster in seiner Einheit oder hatte schlicht und einfach nur großes Pech gehabt. Das war wahrscheinlich in jeder Armee auf der Welt gleich.
Einer der beiden machte an einem etwa kniehohen Kasten am Straßenrand Halt und kontrollierte ein schweres Vorhängeschloss an dessen Deckel. Das musste einer der Munitionsbehälter sein, die über das ganze Kasernengelände verteilt waren, damit man im Ernstfall möglichst schnellen und ungehinderten Zugang zur Standard-NATO-Munition erhielt.
Kaum waren die beiden Wachen im Nebel verschwunden, als er einen der metallenen Rundpfosten des Zaunes durch die Maschen hindurch in Kopfhöhe packte, dem Rohr kurz über dem Boden einen schnellen Tritt verpasste und kräftig zog. Mit einem leisen Knirschen gab der Stahl an der von ihm erzeugten Sollbruchstelle nach und knickte bei dieser extrem hohen Belastung ein. Die Maschen gaben ein leises hochfrequentes Rascheln von sich wie Hunderte von metallenen Rasseln, als er den Zaun bis zum Boden durchbog, seine große dunkle Sporttasche aufnahm und über ihn hinwegstieg.
Vor ihm im Nebel lagen zwei Kompaniegebäude, die zur Unterbringung eines US-amerikanischen Truppenkontingentes dienten. Die Army-Soldaten waren als ‚befreundete Streitkräfte’ hier stationiert, was eine sehr nette Formulierung für eine Besatzungsmacht darstellte, wenn auch der ursprüngliche Kontext in dieser Konstellation längst nicht mehr gegeben war. Immerhin machte ihm das seine heutige Mission um einiges leichter. Er trug dunkle Kleidung, eine ebenfalls dunkle Kappe, schwarze Lederhandschuhe und Bundeswehrstiefel aus einem Second-Hand-Shop in Freiburg. So konnten auch seine Fußabdrücke nicht identifiziert werden, falls es zu einer Untersuchung kommen sollte. Und er war natürlich darauf bedacht, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.
Lautlos näherte er sich dem ersten der dreistöckigen Gebäude, das zu diesem Zeitpunkt nahezu verlassen war. Nur hinter zwei Fenstern in den beiden oberen Etagen brannte Licht, bei beiden waren grasgrüne Vorhänge vorgezogen. Falls sonst noch jemand anwesend war, lag er bereits im Bett. Kurz vor dem rechten Ende des Hauses befand sich der Eingang, der natürlich verschlossen war. Dieser Eingang schied aber ohnehin für ihn aus, da unmittelbar neben diesem die Wachstube war, die ein Fenster direkt auf den Gang hinaus hatte, sodass niemand ungesehen in das Gebäude hinein- oder aus diesem hinausgelangte. Wer um diese Zeit noch herein wollte, musste läuten und wurde dann von einem der beiden Wachsoldaten vom Dienst eingelassen.
Er sah den schwachen Schein eines Fernsehgerätes zwischen den zugezogenen Vorhängen des Wachzimmers. Sie sahen ohne Fremdlichtquelle im dunklen Zimmer fern, was das menschliche Auge auf Dauer anstrengte und die Konzentration stark herabsetzte. Sein Unternehmen wurde durch diesen Umstand nur begünstigt.
Er schlich rechts um das Gebäude herum und an der Rückseite entlang. Hier befanden sich die Räume der Kompanie- und Zugführer, das Geschäftszimmer, also die militärische Version des Büros, sowie Waschraum, Duschen und WCs. Die Rückseite war komplett dunkel, hier war keiner mehr da.
Auf der dem Eingang abgewandten Seite befand sich am Kopfende des rechteckigen Gebäudes eine Glastür, der Notausgang. Von hier aus sah er über einen langen, schnurgeraden Gang bis zum anderen Ende des Kompaniegebäudes. Nur ein paar trübe Notlampen erhellten den Korridor dürftig, was ihn jedoch nicht weiter störte.
Er zog den rechten Handschuh aus, zog seine Kreditkarte heraus und nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Das polymimetische Metall empfing die schwachen elektrischen Ströme unter der künstlichen Haut und den darin von ihm gesandten Befehl. Die vordere Hälfte verflüssigte sich, nahm das glänzende Aussehen von Quecksilber an, lief zusammen und bildete einen dünnen Stift von etwa fünf Zentimetern Länge. Diesen schob er langsam ans Ende des Sicherheitsschlosses heran, bis die abgerundete Spitze den Zylinder des Schlosses berührte. Mit einem schmatzenden Geräusch drückte sich die quasiintelligente Legierung aufgrund ihrer Programmierung in den Schaft der Schließvorrichtung wie weiche Knetmasse, formte einen passenden Schlüsselbart und härtete durch eine einfache piezoelektrische Reaktion in Sekundenbruchteilen aus.
Langsam drehte CSM 108-1 die Karte wie einen Schlüssel herum und öffnete die Tür. Eine wunderbare Sache, die T-1000-Technologie, dachte er dabei und stellte gleichzeitig fest, dass es sich um eine Tür handelte, die auf der Innen eine Klinke hatte und nur ins Schloss zu fallen brauchte, um zu schließen, da sie außen lediglich einen Türknauf besaß und nicht abgeschlossen war. Jetzt, da sie auf war und er im Inneren, brauchte er den Notausgang beim Gehen einfach nur hinter sich zuzuziehen.
Mit vorsichtigen Schritten ging er die kalten Steinplatten des – selbstverständlich – sauberen Bodens und die nackten, schmucklosen Backsteinwände entlang bis zur zweitletzten Tür auf der rechten Seite. Von hier aus ging es noch etwa zehn Meter geradeaus weiter und dann links um die Ecke zum Ausgang und zur Wachstube. CSM 108-1 konnte in der Stille des verlassenen Gebäudes sogar den Ton des Fernsehers und die gelegentlichen abfälligen Bemerkungen der gelangweilten Wachen über die Qualität des deutschen Feiertagsprogrammes ausmachen. Zur nächsten vollen Stunde würde laut Wachplan wieder ein Rundgang durch die Gänge fällig sein, doch er bezweifelte, dass dieser heute so ernst genommen würde. Wahrscheinlicher war wohl, dass die – zumeist wehrpflichtigen und niederrangigen – Soldaten sich lieber ihrer Sendung widmen, ihre Wachliste für die stündlichen Rundgänge nach bestem Wissen und Gewissen abhaken und die für ihren Nachtdienst reservierte Stube höchstens zum Urinieren verlassen würden.
Er widmete sich wieder der Tür vor ihm und wiederholte die Prozedur des High-Tech-Sesam-Öffne-Dich. Gut geölt wie alle Türen des Hauses schwang sie lautlos auf und hinter ihm wieder zu. Er war genau dort, wohin er gewollt hatte.
Er schüttelte den Kopf über diese Vielfalt an Details, mit der Skynet ihn ausgestattet hatte. Aber schließlich war es der strategische Hauptrechner der USA gewesen und mit der alleinigen Verteidigung der freien westlichen Welt betraut gewesen. Also sollte ihn nichts in dieser Hinsicht wundern.
Die Waffenkammer.
Annähernd einhundert Feuerwaffen waren in Ständern entlang der Wände und in zwei Regalen ordentlich aufgereiht, vor den Fenstern sah man Gitter.
Sein Missionsziel für heute.
Ohne zu zögern ging er vor, da er auch über die verschiedenen Feuerwaffen mannigfaltige Dateien besaß. Er nahm sich einen Mix aus deutschen und amerikanischen Fabrikaten: ein US-Army-Colt-M-14 Sturmgewehr sowie ein Heckler & Koch G-3 Sturmgewehr, zwei Uzi MP-1 Maschinenpistolen und zwei Walther P-1 Pistolen, alle drei Modelle Waffen der Bundeswehr. Dazu packte er zwei Reinigungssets sowie eine Reihe verschiedener Magazine für 7.62 mm und 9 mm-Munition ein und wickelte mit raschen Bewegungen alles in Öllappen ein, damit nichts klapperte, wenn es in der Tasche zusammenstieß.
Ohne innezuhalten schulterte er die Tasche und verließ den lichtlosen Raum wieder. Wie selbstverständlich schloss er ab, durchschritt den Gang und verließ das Gebäude durch den Noteingang, den er beinahe lautlos hinter sich zuzog.
Zwischen zweien der nur trübe leuchtenden Laternen kniete er nieder und benutzte seinen Dietrich aus der Zukunft nochmals, um einen der Munitionskästen zu öffnen und in aller Seelenruhe zwanzig Päckchen an 7.62 mm-Gefechtsmunition sowie acht Päckchen an 9 mm-Patronen für die Pistolen zu entnehmen. Seine Tasche wog jetzt nahezu zwei Zentner, was ihn jedoch in keiner Weise in seiner Bewegungsfreiheit einschränkte, als er das Munitionsdepot wieder verschloss und die Waffen schulterte. Er hoffte nur, das Kunstgewebe der Tasche würde stark genug sein und nicht unter dem extremen Gewicht reißen.
Zu guter Letzt bog er nach Übersteigen des Zaunes selbigen wieder nach oben bis in die Senkrechte. Als er die Stelle des Pfostens umfasste, an der er ihn umgebogen hatte, und langsam zudrückte, bis kaum noch etwas vom Knick zu sehen war, konnte er zufrieden sein mit dem Ergebnis. Es würde bestimmt ein Weilchen dauern, bis man herausgefunden hatte, was hier überhaupt geschehen war.
Er bewegte sich indes behände durch den finsteren Wald und war schon kurz darauf an seinem Wagen, den er eiligst öffnete. Beinahe hektisch riss er die Heckklappe auf, beförderte die schwere Sporttasche in den Kofferraum und schlug das Heckfenster wieder zu. Noch immer lag dichter Nebel über dem ruhigen Neubaugebiet, das Licht der Straßenlaternen reichte kaum bis zum Boden hinab und erschien nur als milchiger Fleck, der einen ungefähren Anhaltspunkt ergab, wo die Laternenmasten standen.
Keine fünf Minuten darauf bog CSM 108-1 von der Kreisstraße 17 auf einen kleinen Waldweg, wo er die gestohlenen Nummernschilder durch seine eigenen ersetzte. Die entwendeten führte er mit sich, bis er bei Überlingen auf die Bundesstraße 31 gelangt und ihr westwärts bis kurz vor Ludwigshafen am Bodensee gefolgt war.
An einer Parkbucht hielt er an und überquerte die Bahntrasse, um dann ein Stückchen hangabwärts bis zum steil abfallenden, von Gestrüpp überwucherten Ufer des Bodensees zu klettern. Er holte aus und warf die Kennzeichen kraftvoll weit auf die pechschwarze, fast spiegelglatte und von Nebelschwaden verhüllte Wasserfläche hinaus. Mit dem dumpfen Platschen versanken die letzten möglichen Spuren dieses wahnwitzigen Unternehmens. Er glaubte nicht einmal, dass er je eine dieser Feuerwaffen würde benutzen müssen, aber nichtsdestotrotz hatte Skynet es für unumgänglich gehalten, ihn sich mit diesem Arsenal versorgen zu lassen.
Das Risiko, das er mit dieser Aktion eingegangen war, erschien ihm geradezu absurd und unvereinbar mit seinem Hauptparameter, unauffällig und im Hintergrund zu bleiben. Wenn sein maschineller Schöpfer und Programmierer das für unauffällig gehalten hatte, dann wusste er sich auch nicht mehr zu helfen.
Ganz zu schweigen davon, dass er jetzt genug Feuerwaffen für einen kleinen Krieg mit sich herumfuhr. Und wahrscheinlich würde er sie irgendwo in seiner Wohnung sicher verwahren müssen, da er es für zu riskant hielt, sie irgendwo im Freien zu verstecken. Die Menschen waren zu unberechenbar dafür. Sogar im Schwarzwald oder Kaiserstuhl verborgen, konnten sie von einem Wanderer, Bauern, Förster, Jäger oder gar einem Pilzsucher zufällig gefunden werden. Was dann los war, wenn eine solche Menge an entwendeten Militärwaffen in unmittelbarer Nähe einer größeren Stadt auftauchte, musste er nicht lange berechnen.

[Fortsetzung folgt ...]

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