Sonntag, 17. Dezember 2006
T1.1.26
cymep, 02:06h
[... Fortsetzung des Buches]
Südliches Breisgau, Bundesrepublik Deutschland - 8. Mai 1986
Seine Mission lief hervorragend.
Alles war so schnell gegangen, seit er in seiner neuen Heimatstadt Fuß gefasst hatte. CSM 108-1 hatte im letzten halben Jahr die Stadt bis in den allerletzten Winkel erkundet, sich unter die Leute gemischt und damit begonnen, das Leben eines normalen jungen Menschen in seinem scheinbaren Alter zu führen. Er hatte mit seinem Auto die nähere Umgebung erkundet, war alle erdenklichen Routen in einem Radius von mindestens fünfzig Kilometer um die Stadt herum – auf der deutschen Seite des Rheines – abgefahren und hatte den Kaiserstuhl sowie den verwinkelten Südschwarzwald als strategisch unschätzbar wertvolles Rückzugsgebiet entdeckt.
Da der Winter auf den nur wenige hundert Meter hohen Rücken der fast ausschließlich mit Wald und Rebland bedeckten Hügeln des Kaiserstuhles sehr mild war, hatte er in dieser Jahreszeit zunächst jene Region genauer ausgekundschaftet. Er hatte dabei feststellen können, dass das gesamte etwa rhomboid geformte Landstück von zehn mal fünfzehn Kilometern Ausmaß nur sehr dünn besiedelt, aber dennoch mit einer Vielzahl von Nebenstraßen und geteerten Landwirtschaftswegen hervorragend zugänglich war. Es war abgeschieden, aber dabei nur knapp zwanzig Kilometer von Freiburg entfernt und grenzte zudem direkt an den Rhein und damit an die französische Grenze. Das perfekte Fluchtgebiet, um etwaige Verfolger kurzfristig abhängen zu können, vorausgesetzt man kannte sich so gut aus wie er das jetzt tat. Auch Verstecke boten sich mehr als genug in dem winterlich verwaisten, aber fast schmerzhaft romantischen Hügelsaum vulkanischen Ursprungs.
Die dichten Tannenwälder des Schwarzwaldes hingegen stiegen bis auf fast fünfzehnhundert Meter hinauf. Nur wenige Straßen führten über die Höhen und Pässe und waren im Winter bei entsprechender Wetterlage manchmal beinahe unpassierbar; Nebenstraßen waren sehr kurvig und in meist erbärmlichem Zustand. Dennoch bot dieses verwinkelte Waldgebirge gute Möglichkeiten, sich ins schwäbische Hinterland abzusetzen, wenn es sein musste. Man durfte sich im Ernstfall nur nicht in eine Sackgasse verirren, was er mit diesen Erkundungsfahrten zu vermeiden suchte.
An diesem warmen Frühlingsmittag fuhr er von Freiburg aus direkt nach Süden über Land auf kleinen Nebenstraßen am Rande des Schwarzwaldes entlang bis zum nächsten Tal, das von einer kleinen Stadt aus östlich ins Gebirge vorstieß und indirekt bis zum Belchen und Schauinsland führte, zweien der höchsten Gipfel des Landes Baden-Württemberg. Im Radio lief gerade ‚The Final Countdown’ von der Rockgruppe Europe. Interessiert ließ er bei gemäßigtem Tempo seinen Blick über die verwinkelte Nebenstraße durch den Ort und die zum Teil Jahrhunderte alten Häuser mit Fachwerkfassaden und mannigfaltigen Verzierungen schweifen. Ein pittoresker, netter Ort, über dem auf einem dem Gebirge vorgelagerten Felsen eine uralte Burgruine aufragte.
Das kleine Mädchen war plötzlich mit ihrem Rad aus einer winzigen Nebengasse, die kaum meterbreit direkt zwischen zwei Häusern hindurchführte, von rechts her direkt auf die Straße vor ihm gefahren. In Sekundenbruchteilen erfasste er alle möglichen Details: Sie war zwischen zehn und zwölf Jahren alt, hatte lange, braune Haare und starrte ihn jetzt, da sie ihn bemerkt hatte, aus weit aufgerissenen Augen entsetzt an. Der relativ große und schwere Schulranzen auf ihrem Rücken beeinflusste ihren Schwerpunkt derart ungünstig, dass sie durch die Schlenkerbewegung ins Taumeln kam; sie würde innerhalb der nächsten anderthalb Sekunden direkt vor ihm auf die Straße fallen.
Er fuhr im dritten Gang und mit neunzehnhundert Kurbelwellenumdrehungen des Motors laut Tachometer fünfundvierzig Stundenkilometer. Den Abstand zum Subjekt konnte er in dieser kurzen Zeitspanne unmöglich bestimmen, aber dennoch hatte er einen entscheidenden Vorteil: Er bildete eine Quasi-Symbiose mit dem Automobil, kannte keine menschliche Schrecksekunde und machte nicht den – ebenfalls menschlichen unbewussten – Fehler, nach links in die Fahrtrichtung des Mädchens auszuweichen. Außerdem stieg er nicht zuerst zögerlich auf die Bremsen, wie es die meisten Leute taten, um dann entsetzt zu merken, dass die Verzögerung nicht reichte und es nun zu spät war, voll zu bremsen, da sie durch ihre Zaghaftigkeit bereits zuviel wertvollen Bremsweg vergeudet hatten.
Statt dessen trat er augenblicklich entsprechend der Pedalkraft voll auf die Bremsen und lenkte nach rechts auf die Hauswand zu, weg von dem kleinen Mädchen. Seine Reifen waren neu und hatten das volle Profil, entsprechend gut hafteten sie auf dem Asphalt. Die an allen vier Rädern innenbelüfteten Scheibenbremsen sprachen schnell an, dank dem bei diesem Modell schon serienmäßigen Antiblockiersystem konnte er beim Bremsen weglenken, ohne dass die Reifen blockierten oder auch nur leise quietschten.
Dummerweise war die Kleine sozusagen vom fallenden Rad abgesprungen, sodass sie trotz seines kalkulierten Lenkeinschlages nach rechts genau vor den Wagen geriet. Mit dieser Reaktion hatte er nicht rechnen können.
Niemand bemerkte etwas, es gab keine Zeugen.
Blitzschnell hatte er die Zündung ausgeschaltet und war aus dem Wagen gesprungen, sobald sein Auto zum Stehen gekommen war. Als er um den Kotflügel herumsprang, saß das Mädchen völlig fassungslos auf dem Boden und betrachtete den Kühlergrill direkt vor ihrer Nase, mit dem Kreis und dem Blitz in dessen Mitte. Auf eine erschreckende Weise musste ihr klar sein, dass sie eigentlich hätte tot sein müssen, doch sie reagierte überhaupt nicht so, wie man es erwartet hätte. Sie weinte nicht und machte auch ansonsten keine Anstalten, auf die Situation zu reagieren, die ihr eben widerfahren war. Seine erste Vermutung war, dass sie einen Schock erlitten hatte.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er und sah gleichzeitig, dass ihre Knie und Handballen vom Sturz aufgeschürft waren. „Bewege dich nicht.“
„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst.“ Nun kullerten doch ein paar Tränen über ihre Wangen, wenn er auch nicht eruieren konnte, ob Schmerz, Schuldgefühl oder Scham über ihren Fehler der Auslöser waren. Er besah sich die Verletzungen, die glücklicherweise nur oberflächlich waren. Dann tastete er ihre Arme und Beine ab und fühlte ihren Puls. Sie hatte keine Brüche und keinen Schock. Interessiert verfolgte sie seine kurze, aber umfassende Untersuchung.
„Was tun Sie mit mir?“ Ein Hauch von Unwillen stieg in ihrer Stimme mit hoch, so als missfalle es ihr, von ihm berührt zu werden.
„Ich sehe nach, ob du dich verletzt hast. Bist du auf den Kopf gefallen?“
„Nein, auf den Bauch. Meine Knie tun mir weh und meine Hände. Und mein schöner Rock ist auch ...“
Er stand auf und sah mit einem geringschätzigen Blick auf ihren hellen halblangen Rock. „Kleidung ist ersetzbar. Warte hier, ich hole das Verbandszeug aus dem Kofferraum.“
„Ich wollte das wirklich nicht, mein Herr. Ich habe gar nicht aufgepasst ...“, begann sie zu erklären, während wieder ein paar Tränen hervorquollen. Er hatte inzwischen den Verbandskasten aus seinem Staufach im Fahrzeugheck geholt und neben ihr geöffnet.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Kinder tun oft irrationale Dinge.“ Er beugte vorsichtig ihre Knie, eines nach dem anderen. „Tut das weh?“
„Nur ein bisschen. Was haben Sie damit gemeint ... irrational?“ Staunend über seine Untersuchung und seine Wortwahl starrte sie ihn aus ihren großen hellbraunen Augen an.
„Entschuldige. Ich meinte damit, dass Kinder nicht immer alles überlegt tun, sondern auch nach Gefühl oder aus einem Impuls heraus.“ Er säuberte ihre Verletzungen provisorisch und klebte Pflaster auf die Knie und machte schnell kleine, einfache Verbände um die Handballen.
Als er sich ihr Rad besah, stand sie auf und wollte neugierig wissen: „Sind Sie ein Doktor?“
„Ich? Nein. Dein Fahrrad sieht intakt aus. Soll ich dich trotzdem heimfahren oder geht es wieder?“ Er klopfte ihr vorsichtig den Schmutz aus dem hellen Rock und dem dünnen hellbraunen Strickjäckchen, was sie nun ergeben über sich ergehen ließ, da die Geste einfach nur sachlich und fürsorglich auf sie wirkte und jeder unangebrachten Zutraulichkeit entbehrte.
„Ich glaube, das wäre ganz gut. Ich sage Ihnen, wo lang, gell? Aber mein Rad ...“
„Das nehmen wir mit.“ CSM 108-1 legte die Rückbank um und entfernte die Heckablage, worauf sich das Kinderfahrrad bequem im Heck des Autos unterbringen ließ. Dann sah er sie kurz an. „Bist du schon zwölf Jahre alt?“
„Nein, aber ich werde ...“ Sie brach ab, als sie sein Gesicht sah. „Ist das schlimm?“
Er schüttelte den Kopf und lächelte beschwichtigend beim Einsteigen. „Nein, der Gesetzgeber erlaubt die Mitnahme von Kindern auf dem Beifahrersitz erst ab zwölf Jahren, aber dies hier ist schließlich ein Notfall. Also, schnall’ dich an, dann geht’s los.“
„Danke.“ Sie schlüpfte auf den Sitz und zog die Tür zu, musste sie aber nochmals öffnen, um sie mit mehr Kraft ein zweites Mal zuzuschlagen, damit das Türschloss einrastete. „Sie müssen da runter und dann links ...“
„Nicht so schnell, ich muss erst noch den Motor anlassen. Wie heißt du?“
Als er mit ihr wegfuhr, um sie daheim bei ihrer Mutter abzuliefern, war die Straße noch immer menschenleer. Er konnte froh sein, dass das hier in diesem verschlafenen Nest passiert war und nicht in Freiburg direkt, wo er garantiert eine Menge Ärger bekommen hätte. Und er nahm sich vor, in Zukunft noch vorsichtiger zu sein. Schließlich hing einiges von ihm ab.
[Fortsetzung folgt ...]
Südliches Breisgau, Bundesrepublik Deutschland - 8. Mai 1986
Seine Mission lief hervorragend.
Alles war so schnell gegangen, seit er in seiner neuen Heimatstadt Fuß gefasst hatte. CSM 108-1 hatte im letzten halben Jahr die Stadt bis in den allerletzten Winkel erkundet, sich unter die Leute gemischt und damit begonnen, das Leben eines normalen jungen Menschen in seinem scheinbaren Alter zu führen. Er hatte mit seinem Auto die nähere Umgebung erkundet, war alle erdenklichen Routen in einem Radius von mindestens fünfzig Kilometer um die Stadt herum – auf der deutschen Seite des Rheines – abgefahren und hatte den Kaiserstuhl sowie den verwinkelten Südschwarzwald als strategisch unschätzbar wertvolles Rückzugsgebiet entdeckt.
Da der Winter auf den nur wenige hundert Meter hohen Rücken der fast ausschließlich mit Wald und Rebland bedeckten Hügeln des Kaiserstuhles sehr mild war, hatte er in dieser Jahreszeit zunächst jene Region genauer ausgekundschaftet. Er hatte dabei feststellen können, dass das gesamte etwa rhomboid geformte Landstück von zehn mal fünfzehn Kilometern Ausmaß nur sehr dünn besiedelt, aber dennoch mit einer Vielzahl von Nebenstraßen und geteerten Landwirtschaftswegen hervorragend zugänglich war. Es war abgeschieden, aber dabei nur knapp zwanzig Kilometer von Freiburg entfernt und grenzte zudem direkt an den Rhein und damit an die französische Grenze. Das perfekte Fluchtgebiet, um etwaige Verfolger kurzfristig abhängen zu können, vorausgesetzt man kannte sich so gut aus wie er das jetzt tat. Auch Verstecke boten sich mehr als genug in dem winterlich verwaisten, aber fast schmerzhaft romantischen Hügelsaum vulkanischen Ursprungs.
Die dichten Tannenwälder des Schwarzwaldes hingegen stiegen bis auf fast fünfzehnhundert Meter hinauf. Nur wenige Straßen führten über die Höhen und Pässe und waren im Winter bei entsprechender Wetterlage manchmal beinahe unpassierbar; Nebenstraßen waren sehr kurvig und in meist erbärmlichem Zustand. Dennoch bot dieses verwinkelte Waldgebirge gute Möglichkeiten, sich ins schwäbische Hinterland abzusetzen, wenn es sein musste. Man durfte sich im Ernstfall nur nicht in eine Sackgasse verirren, was er mit diesen Erkundungsfahrten zu vermeiden suchte.
An diesem warmen Frühlingsmittag fuhr er von Freiburg aus direkt nach Süden über Land auf kleinen Nebenstraßen am Rande des Schwarzwaldes entlang bis zum nächsten Tal, das von einer kleinen Stadt aus östlich ins Gebirge vorstieß und indirekt bis zum Belchen und Schauinsland führte, zweien der höchsten Gipfel des Landes Baden-Württemberg. Im Radio lief gerade ‚The Final Countdown’ von der Rockgruppe Europe. Interessiert ließ er bei gemäßigtem Tempo seinen Blick über die verwinkelte Nebenstraße durch den Ort und die zum Teil Jahrhunderte alten Häuser mit Fachwerkfassaden und mannigfaltigen Verzierungen schweifen. Ein pittoresker, netter Ort, über dem auf einem dem Gebirge vorgelagerten Felsen eine uralte Burgruine aufragte.
Das kleine Mädchen war plötzlich mit ihrem Rad aus einer winzigen Nebengasse, die kaum meterbreit direkt zwischen zwei Häusern hindurchführte, von rechts her direkt auf die Straße vor ihm gefahren. In Sekundenbruchteilen erfasste er alle möglichen Details: Sie war zwischen zehn und zwölf Jahren alt, hatte lange, braune Haare und starrte ihn jetzt, da sie ihn bemerkt hatte, aus weit aufgerissenen Augen entsetzt an. Der relativ große und schwere Schulranzen auf ihrem Rücken beeinflusste ihren Schwerpunkt derart ungünstig, dass sie durch die Schlenkerbewegung ins Taumeln kam; sie würde innerhalb der nächsten anderthalb Sekunden direkt vor ihm auf die Straße fallen.
Er fuhr im dritten Gang und mit neunzehnhundert Kurbelwellenumdrehungen des Motors laut Tachometer fünfundvierzig Stundenkilometer. Den Abstand zum Subjekt konnte er in dieser kurzen Zeitspanne unmöglich bestimmen, aber dennoch hatte er einen entscheidenden Vorteil: Er bildete eine Quasi-Symbiose mit dem Automobil, kannte keine menschliche Schrecksekunde und machte nicht den – ebenfalls menschlichen unbewussten – Fehler, nach links in die Fahrtrichtung des Mädchens auszuweichen. Außerdem stieg er nicht zuerst zögerlich auf die Bremsen, wie es die meisten Leute taten, um dann entsetzt zu merken, dass die Verzögerung nicht reichte und es nun zu spät war, voll zu bremsen, da sie durch ihre Zaghaftigkeit bereits zuviel wertvollen Bremsweg vergeudet hatten.
Statt dessen trat er augenblicklich entsprechend der Pedalkraft voll auf die Bremsen und lenkte nach rechts auf die Hauswand zu, weg von dem kleinen Mädchen. Seine Reifen waren neu und hatten das volle Profil, entsprechend gut hafteten sie auf dem Asphalt. Die an allen vier Rädern innenbelüfteten Scheibenbremsen sprachen schnell an, dank dem bei diesem Modell schon serienmäßigen Antiblockiersystem konnte er beim Bremsen weglenken, ohne dass die Reifen blockierten oder auch nur leise quietschten.
Dummerweise war die Kleine sozusagen vom fallenden Rad abgesprungen, sodass sie trotz seines kalkulierten Lenkeinschlages nach rechts genau vor den Wagen geriet. Mit dieser Reaktion hatte er nicht rechnen können.
Niemand bemerkte etwas, es gab keine Zeugen.
Blitzschnell hatte er die Zündung ausgeschaltet und war aus dem Wagen gesprungen, sobald sein Auto zum Stehen gekommen war. Als er um den Kotflügel herumsprang, saß das Mädchen völlig fassungslos auf dem Boden und betrachtete den Kühlergrill direkt vor ihrer Nase, mit dem Kreis und dem Blitz in dessen Mitte. Auf eine erschreckende Weise musste ihr klar sein, dass sie eigentlich hätte tot sein müssen, doch sie reagierte überhaupt nicht so, wie man es erwartet hätte. Sie weinte nicht und machte auch ansonsten keine Anstalten, auf die Situation zu reagieren, die ihr eben widerfahren war. Seine erste Vermutung war, dass sie einen Schock erlitten hatte.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er und sah gleichzeitig, dass ihre Knie und Handballen vom Sturz aufgeschürft waren. „Bewege dich nicht.“
„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst.“ Nun kullerten doch ein paar Tränen über ihre Wangen, wenn er auch nicht eruieren konnte, ob Schmerz, Schuldgefühl oder Scham über ihren Fehler der Auslöser waren. Er besah sich die Verletzungen, die glücklicherweise nur oberflächlich waren. Dann tastete er ihre Arme und Beine ab und fühlte ihren Puls. Sie hatte keine Brüche und keinen Schock. Interessiert verfolgte sie seine kurze, aber umfassende Untersuchung.
„Was tun Sie mit mir?“ Ein Hauch von Unwillen stieg in ihrer Stimme mit hoch, so als missfalle es ihr, von ihm berührt zu werden.
„Ich sehe nach, ob du dich verletzt hast. Bist du auf den Kopf gefallen?“
„Nein, auf den Bauch. Meine Knie tun mir weh und meine Hände. Und mein schöner Rock ist auch ...“
Er stand auf und sah mit einem geringschätzigen Blick auf ihren hellen halblangen Rock. „Kleidung ist ersetzbar. Warte hier, ich hole das Verbandszeug aus dem Kofferraum.“
„Ich wollte das wirklich nicht, mein Herr. Ich habe gar nicht aufgepasst ...“, begann sie zu erklären, während wieder ein paar Tränen hervorquollen. Er hatte inzwischen den Verbandskasten aus seinem Staufach im Fahrzeugheck geholt und neben ihr geöffnet.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Kinder tun oft irrationale Dinge.“ Er beugte vorsichtig ihre Knie, eines nach dem anderen. „Tut das weh?“
„Nur ein bisschen. Was haben Sie damit gemeint ... irrational?“ Staunend über seine Untersuchung und seine Wortwahl starrte sie ihn aus ihren großen hellbraunen Augen an.
„Entschuldige. Ich meinte damit, dass Kinder nicht immer alles überlegt tun, sondern auch nach Gefühl oder aus einem Impuls heraus.“ Er säuberte ihre Verletzungen provisorisch und klebte Pflaster auf die Knie und machte schnell kleine, einfache Verbände um die Handballen.
Als er sich ihr Rad besah, stand sie auf und wollte neugierig wissen: „Sind Sie ein Doktor?“
„Ich? Nein. Dein Fahrrad sieht intakt aus. Soll ich dich trotzdem heimfahren oder geht es wieder?“ Er klopfte ihr vorsichtig den Schmutz aus dem hellen Rock und dem dünnen hellbraunen Strickjäckchen, was sie nun ergeben über sich ergehen ließ, da die Geste einfach nur sachlich und fürsorglich auf sie wirkte und jeder unangebrachten Zutraulichkeit entbehrte.
„Ich glaube, das wäre ganz gut. Ich sage Ihnen, wo lang, gell? Aber mein Rad ...“
„Das nehmen wir mit.“ CSM 108-1 legte die Rückbank um und entfernte die Heckablage, worauf sich das Kinderfahrrad bequem im Heck des Autos unterbringen ließ. Dann sah er sie kurz an. „Bist du schon zwölf Jahre alt?“
„Nein, aber ich werde ...“ Sie brach ab, als sie sein Gesicht sah. „Ist das schlimm?“
Er schüttelte den Kopf und lächelte beschwichtigend beim Einsteigen. „Nein, der Gesetzgeber erlaubt die Mitnahme von Kindern auf dem Beifahrersitz erst ab zwölf Jahren, aber dies hier ist schließlich ein Notfall. Also, schnall’ dich an, dann geht’s los.“
„Danke.“ Sie schlüpfte auf den Sitz und zog die Tür zu, musste sie aber nochmals öffnen, um sie mit mehr Kraft ein zweites Mal zuzuschlagen, damit das Türschloss einrastete. „Sie müssen da runter und dann links ...“
„Nicht so schnell, ich muss erst noch den Motor anlassen. Wie heißt du?“
Als er mit ihr wegfuhr, um sie daheim bei ihrer Mutter abzuliefern, war die Straße noch immer menschenleer. Er konnte froh sein, dass das hier in diesem verschlafenen Nest passiert war und nicht in Freiburg direkt, wo er garantiert eine Menge Ärger bekommen hätte. Und er nahm sich vor, in Zukunft noch vorsichtiger zu sein. Schließlich hing einiges von ihm ab.
[Fortsetzung folgt ...]
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